Das Baby ist 2 Monate alt - der Entwicklungsschub in der 8. Woche


Der zweite Entwicklungssprung - das Baby ist 7 Wochen alt - der 8-Wochen-Schub ist da 

 

Herr Ningel und Herr Nörgel auf einem StuhlUm die 8. Lebenswoche herum werden unsere Babys wieder unleidlicher und schreien viel. Gerade erst hatten wir den 5. Woche-Schub überlebt überstanden, da geht es schon wieder von vorn los. Unsere Kinder sind unruhig, quengeln den ganzen Tag, möchten ununterbrochen getragen werden, schlafen nur bei engstem Körperkontakt und/oder schaukeln im Tragetuch, wollen vermehrt gestillt oder gefüttert werden und sind durch und durch schlecht zu beruhigen. Tatsächlich beginnen jetzt sogar einige Babys schon mit dem Fremdeln und fangen an zu schreien, wenn sich ihnen jemand anderes als Mama nähert. Wer schon vorher ein Schreikind hat, wird jetzt förmlich wahnsinnig: das Kind brüllt nur noch. Mütter von pflegeleichteren Kindern wiederum sind ebenfalls verzweifelt, weil sie es nicht gewohnt sind, wenn das Baby untröstlich scheint. Manche unglücklichen Mütter schleichen sogar vom 5. Woche Schub direkt in den 8. Woche Schub hinein ohne spürbare Erholung zwischendurch....
 
Es ist wieder so weit: Herr Ningel und Herr Nörgel sind zu Besuch, der nächste Entwicklungsschub steht an!

Wie lange dauert der Sprung? 


Der Schub der 8. Woche dauert in der Regel zwei Wochen. Dabei ist es egal, ob er bereits in der 7. Woche beginnt und in der 9. Woche aufhört oder in der 9. Woche beginnt und in der 11. Woche endet. Alles dazwischen ist völlig normal (van de Rijt, 2005: 24).

Bei uns dauerte dieser Sprung eine Woche und es war eben dieser, der mich dazu veranlasste, meiner besten Freundin zu simsen "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn!" Das Genörgel meines heißgeliebten Babys brachte mich schier zum Verzweifeln, ich konnte es einfach nicht mehr hören. Schon kurz nach dem Aufwachen begann das Gemotze und hörte über den Tag verteilt nur für ein paar Minuten auf. Am Ende der Sprungwoche fragte ich mich ernsthaft, ob es eine so gute Idee gewesen war, Mama zu werden. Ich dachte wirklich, mehr Geningel halte ich nicht  aus ... und wurde natürlich in den nächsten Sprüngen eines Besseren belehrt.

Welchen Reifeprozess macht das Baby durch? 


Da das Baby seit dem vergangenen Schub besser sehen kann, erlebt es seine Welt laut van de Rijt jetzt nicht mehr als eine ineinander fließende Einheit, sondern lernt nun, einzelne Dinge und Muster daraus herauszuerkennen (van de Rijt, 2005: 71). Immer wieder wedelt nun etwas in sein Blickfeld, das seine Aufmerksamkeit erregt: die eigene Hand! 

Baby spielt mit seinen FäustenNoch zum Fäustchen geballt kann man unsere Babys nun dabei beobachten, wie sie minutenlang fasziniert auf ihre eigene, in die Luft gehobene Faust starren. Nach und nach (wir reden hier über einen Zeitraum von mehreren Wochen), löst sich das Fäustchen und die Hand wird geöffnet und gedreht. Von den neuronalen Anlagen her wäre das Baby nach diesem Schub nun sogar schon in der Lage, etwas ganz bewusst festzuhalten! In der Praxis sieht das natürlich anders aus. Bewusst greifen die meisten Kinder erst ab dem 3. Monat. Eine unserer Töchter war mit 10 Wochen besonders früh dran, während sich die andere Zeit bis zum 4. Monat nahm, um ihre Rassel mit der Hand zu umschließen. Nichtsdestotrotz: nach diesem Schub ist das Gehirn eurer Kinder nun so "verkabelt", dass bewusstes Greifen kognitiv möglich ist.

Die erste Vorstufe zum bewussten Greifen sieht man recht schnell: das Stoßen mit der (geschlossenen) Hand gegen Gegenstände. Die Bewegungen des Babys sind übrigens noch nicht fließend - das kommt erst im 12-Wochen-Schub - sondern wirken hölzern (vgl. ebd, 2005: 72).

Auch im Hinblick auf das Sehen, Hören und Fühlen schafft das Baby nun, bestimmte Muster herauszufiltern. Es erkennt einzelne Wörter, die immer wieder kehren aus einem Satz heraus, es kann erkennen, wenn zwei Objekte eine unterschiedliche Textur haben, es erkennt jetzt überall einzelne Gegenstände und keinen Einheitsbrei an Farben und Formen mehr.

Dadurch, dass unsere Babys nun lernen können, ihre Körperteile besser zu steuern und nicht mehr nur ihren Reflexen zu folgen, beginnt sich auch das Stillen zu vereinfachen. Für mich war das das Highlight dieses Sprunges: Die Babys brauchen nun nicht mehr so viele kleine schaukelnde Kopfbewegungen vor der Brustwarze, um diese zu finden, sondern sind jetzt in der Lage, sie mit einer Bewegung zu umfassen. Für mich war das eine große Erleichterung.

Beliebte Spiele mit 7 bis 8 Wochen 


Es ist nicht so, dass wir unsere Babys fördern müssten. Im Prinzip lernt jedes Kind das, was es selbst lernen möchte auch allein. In manchen Fällen ist es sogar schädlich, als Erwachsener das Kind fördern zu wollen. Viele Eltern fragen sich jedoch, was sie mit ihrem Kind den ganzen Tag machen sollen, man möchte sich ja neben dem Stillen und Windelwechseln auch noch mit dem eigenen Nachwuchs beschäftigen. Gibt es also Spiele, die jetzt schon für das Kind geeignet sind? Ein paar wenige.

Da die eigene Hand und zunehmend auch die eigenes Füßchen (meine Kinder haben ihre Füße lange ignoriert und erst mit 5 Monaten angefangen, diese wirklich festzuhalten und zu untersuchen) für das Baby jetzt das schönste Spielzeug ist, kann man es damit zunächst einmal allein spielen lassen. Möchte man den Bezug des Babys zu seinen Füßen stärken, kann man "Füßefinder" basteln. Ich habe dafür ein paar ungeliebten Babysocken den oberen Gummirand abgeschnitten und an diesen dann ein Glöckchen und fünf 6cm lange bunte Seidenbänder genäht. Ich bin nicht sehr nähbegabt, aber das klappte recht gut. Diesen Füßefinder, der optisch und akustisch anziehend auf die Kinder wirkt, habe ich dann meinen Kindern um das Fußgelenk gezogen, so dass sie auf ihre Füße aufmerksam wurden. Es gibt so etwas natürlich auch im Handel erhältlich als Handgelenksrasseln - allerdings muss gesagt werden, dass diese oftmals nicht um die Fußgelenke passen. Von Lamaze gibt es dieses schöne Set, das Arm und Fußrasseln enthält. Alternativ kann man auch Rasselsöckchen (bspw. von Playshoes) verwenden.
Des weiteren habe ich meinen Kindern sehr gern das Lied "Wie ein Fähnlein auf dem Turme" (nach der Melodie von Ringlein, Ringlein, du musst wandern) vorgesungen und dabei meine eigene Hand vor ihren Augen  langsam gedreht.

Wie ein Fähnlein auf dem Turme

sich kann dreh'n bei Wind und Sturme

so soll sich mein Händchen dreh'n

dass es eine Lust ist mitanzuseh'n.

Um das Sehen und Verstehen zu "fördern" kann man Kindern in diesem Alter viele echte Dinge vor die Augen halten und es auch dazu animieren, sie anzufassen und so zu begreifen. Wie ich bei meinem Artikel zum Schub in der 5. Woche schon beschrieb, besteht der Sehprozess ja aus zwei Komponenten. Zum Einen ist da der optische Prozess des Sehens, bei dem das Bild des Gegenstandes von der Linse gebrochen und auf unsere Netzhaut geworfen wird. Als nächstes schließt sich der kognitive Prozess des Sehens an. Das auf der Netzhaut abgebildete Bild wird mit den im Gehirn abgespeicherten Bildern verglichen. Erst, wenn es bereits ein Abbild im Gehirn gibt, mit dem verglichen werden kann, kommt es zu einem verstehenden Sehen.

Eine meiner Töchter, die sehr früh mit uns gebärdete, zeigte uns in dieser Hinsicht mit zehn Monaten niedliche Einblicke in ihre Denkweise: Als wir an einem Plakat für eine Designschule vorbeikamen, auf dem nichts weiter zu sehen war als eine sehr spitze Bleistiftspitze, gebärdete sie ganz aufgeregt "Vogel!". Und sie hatte irgendwie Recht- die Bleistiftspitze sah einem Vogelschnabel in der Form sehr ähnlich. Sie hatte das Bild also gesehen, in ihrem Gehirn nach einem Abbild gesucht und war dann zu dem Schluss gekommen, dass das Bild einen Vogel darstellen solle. 


Bleistiftspitze

Um also ein verstehendes Sehen zu üben, können wir den Kindern nun so viele reale Dinge wie möglich zeigen und benennen. Das sollte nicht in Form von Vokabelpauken geschehen, sondern ganz natürlich im Alltag. Man trägt das Baby auf dem Arm durch die Wohnung und hält hier und dort an und sagt: "Guck mal, ein Buch. Mama mag Bücher sehr gern!" oder "Hier, eine Pflanze. Die müssen wir wohl mal gießen." Ganz automatisch betonen wir die Hauptwörter, wenn wir mit unseren Kindern reden und da diese ja gerade die neuronalen Anlagen dafür geschaffen haben, Muster aus einem Schwall von Eindrücken herauszufiltern, schaffen sie es auch hier: Sie hören tatsächlich die Bezeichnung für das Objekt aus unserem Wortschwall heraus. (Vorausgesetzt, man redet langsam, deutlich und nicht übermäßig viel.) Ist das nicht Wahnsinn?

Wichtig ist auch hier übrigens, immer feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes zu reagieren und das Anschauen und Beschreiben abzubrechen, wenn das Kind Anzeichen von Müdigkeit oder Überforderung zeigt, also zu quengeln beginnt oder sein Köpfchen zur Seite dreht und vor sich hin starrt.

© Snowqueen

Das Buch 


Wer mehr über diesen und weitere Entwicklungssprünge wissen möchte, dem sei das Buch "Oje ich wachse" von Hetty von de Rijt, Frans X. Plooij und Regine Brams aus dem Goldmann-Verlag ans Herz gelegt:
Cover Oh je ich wachse
Hinweis: Dieser Blog-Artikel beruht ausschließlich auf dem obigen Buch von Hetty von de Rijt, Frans X. Plooij und Regine Brams, alle von mir referierten Inhalte sind darin wiederzufinden.

Weitere Entwicklungssprünge 


Die anderen Entwicklungssprünge findest Du hier:
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Blähungen, Koliken und Bauchschmerzen bei Babys




Kaum ein Baby leidet nicht unter den berühmt-berüchtigten Blähungen. Oft ist es verhältnismäßig schwierig, herauszufinden, ob das Kind tatsächlich unter Flatulenzen leidet oder nicht viel mehr unter den berüchtigten Dreimonatskoliken leidet, welche eigentlich eine Regulationsstörung sind. Blähungen und Schreien hängen in beiden Fällen unmittelbar miteinander zusammen, man sollte daher zunächst herausfinden, ob das Baby wirklich wegen Bauchweh schreit oder ob es Bauchweh hat, weil es beim so genannten unspezifischen Schreien so viel Luft verschluckt.

Wie unterscheidet man Dreimonatskoliken von Blähungen? 


Für unspezifisches Schreien - also Dreimonatskoliken - spricht:

  • Das Baby schreit vornehmlich in den Abendstunden, am Tag nur vereinzelt.
  • Es findet schlecht in den Schlaf, man hat das Gefühl, dass das Kind ständig übermüdet oder überreizt ist.
  • Es schläft fast nur mit Körperkontakt/Wiegen/Getragen werden ein.
  • Es beruhigt sich am besten durch rhythmische Bewegungen (Pezziball), im Kinderwagen oder beim Autofahren.

Treffen diese Fakten weitestgehend zu, dann hat Dein Kind vermutlich eher die Dreimonatskoliken. In diesem Fall helfen bestimmte Techniken zur Beruhigung des Babys weiter - dein Kind ist wahrscheinlich überreizt und müde, es benötigt nicht wirklich eine Bauchwehbehandlung.

"Richtige" Blähungen erkennt man vor allem daran:

  • Das Baby schreit gleichmäßig über den Tag verteilt und verstärkt nach den Mahlzeiten.
  • Es zieht die Beine an, streckt sie dann ruckartig weg oder krümmt sich stark.
  • Das Baby ist beim Füttern unruhig; obwohl es noch nicht satt ist, lässt es den Sauger oder die Brust los um wenige Sekunden später wieder hektisch danach zu suchen.
  • Das Kind drückt stark (roter Kopf, schmerzverzerrte Mimik) und versucht die Winde loszuwerden.
  • Nach dem Pupsen ist das Kind vorübergehend ruhig (beim unspezifischen Schreien hingegen wird trotz aller Bemühungen dauerhaft weiter geschrieen). 

Wie kann ich bei der Fütterung schon das Entstehen von Blähungen verringern? 


Es ist grundsätzlich sinnvoll, die Luftmenge, die in den kleinen Magen gerät, zu minimieren. In den meisten Fällen trinken blähungsgeplagte Säuglinge zu hastig und verschlucken dabei zu viel Luft. Schon die Haltung beim Trinken wirkt sich auf die Menge der verschluckten Luft aus - je aufrechter ein Kind bei der Nahrungsaufnahme gehalten wird, desto weniger Luft schluckt es und desto schneller wird es die aufgenommene Luft bereits beim Trinken wieder los. Wichtig ist auch, dass man die Fütterung nicht zu weit hinaus schiebt - ein wirklich hungriges Kind trinkt deutlich hastiger - daher ist das Anbieten von Nahrung bei den ersten Anzeichen von Hunger bei unter Blähungen leidenden Babys oft vorteilhaft. Allein durch das Schreien wegen des Hungers gerät unnötig Luft in den Bauch. 

Bei Stillbabys hilft es, so oft wie möglich in einem reizarmen (abgedunkelten) Raum zu stillen, damit das Kind nicht abgelenkt ist und ruhiger trinkt. Ist der Milchspendereflex zu stark, sollte die Brust vor dem Stillen etwas ausgestrichen werden, damit das Kind nicht so schnell größere Mengen Milch schlucken muss. Auch ein kritischer Blick auf das Anlegen ist sinnvoll - umschließen die Lippen des Kindes Brustwarze und Vorhof vollständig (ein kleines offenes Dreieck am Mundwinkel - siehe Bild - ist normal)?

Es ist umstritten, ob sich die Ernährung der Mutter auf Blähungen bei Babys auswirkt - bei mir persönlich war das nie der Fall. Einige Mütter berichten aber, dass ihre Kinder tatsächlich auf Bestandteile ihrer Ernährung reagieren - vor allem auf Zwiebeln, Knoblauch, Hülsenfrüchte und blähendes Gemüse (Kohl, Sellerie, Sauerkraut, Brokkoli). Einige Stillbabys bekommen starke Blähungen, wenn die Mutter Milchprodukte zu sich nimmt. Es ist daher sinnvoll, diese Nahrungsmittel mal ein paar Tage konsequent weg zu lassen und zu schauen, ob sich die Beschwerden bessern.  

Flaschenbabys hilft es oft, wenn ihre Milch auf Basis eines Kümmel- oder Fencheltees angerührt (und nicht geschüttelt!) wird. Das Pulver verteilt sich schneller und leichter, wenn mit einer Gabel gerührt wird. Idealerweise steht die Flasche vor der Verfütterung ein paar Minuten - so platzen die meisten Luftblasen bereits. In die Flasche kann außerdem ein physikalischer Entschäumer (Sab Simplex, Lefax®, Espumisan) getropft werden - er wirkt rein physikalisch auf die Schaumblasen und wird unverändert wieder ausgeschieden - eine Überdosierung ist kaum möglich. Auch unter Blähungen leidenden Stillbabys hilft ein entblähender Tee oft gut. Manchmal reicht es sogar aus, wenn Mama Fenchel-Kümmel-Anis-Tee (der ja auch die Milchbildung anregt) trinkt, um die Beschwerden zu lindern. 

Man sollte die Durchflussgeschwindigkeit des Saugers prüfen - idealerweise ist er immer auf Alter und Nahrung angepasst. Hält man die Flasche schräg, sollten in den ersten 3 Monaten pro Sekunde nicht mehr als ein bis zwei Tropfen heraus kommen. Beim Füttern muss der Sauger immer vollständig mit Milch gefüllt sein, damit nicht unnötig Luft eingesaugt wird. Bewährt hat sich für die besonders hastigen Trinker der Habermann-Sauger von Medela.

Wenn die Kinder zwischendurch bei der Fütterung eine Pause machen oder die Brust gewechselt wird, kann man sie zwischendurch Aufstoßen lassen - das Trinken sollte jedoch dafür nicht absichtlich unterbrochen werden. Am Ende der Mahlzeit sollte dem Kind in jedem Falle versucht werden, ein Bäuerchen zu entlocken - hier ein paar Tipps und Tricks für ein schnelles Aufstoßen:

Es hat sich gut bewährt, sanft wieder von unten nach oben den Rücken zu klopfen oder ihn kreisförmig zu streicheln. Auch ein sanftes Streicheln der Fontanelle hilft bei vielen Kindern gut. Wenn die Arme des Babys leicht angehoben werden, erweitert sich der Brustraum und die Luft kann leichter entweichen. Tut sich dein Kind schwer, dann versuche mal, die Position zu wechseln, klassischerweise werden Kinder in der Armbeuge mit dem Gesicht über die Schulter gehalten - alternativ kann das Kind auf den Schoß gesetzt und leicht nach vorne gebeugt werden oder es liegt mit dem Bauch über Deinen Schoß - manchen Kinder fällt das Aufstoßen so leichter. Bleibt das Bäuerchen dennoch aus, aber das Kind ist zufrieden, besteht kein weiterer Handlungsbedarf. 

Wenn Vitamin D (am besten übrigens ohne Fluorid) verabreicht wird, kann man versuchen, die Tablette mal für 3-4 Tage weg zu lassen und zu schauen, ob sich das auswirkt - bei vielen wurden die Blähungen tatsächlich sehr viel besser. Einige Kinder reagieren auf das Milcheiweiß als Trägerstoff in den Tabletten - ihnen kann man dann Vigantol Öl (verschreibungspflichtig)verabreichen. Bitte lass das Vitamin D nicht weg - es ist enorm wichtig für die Einlagerung von Kalzium in den Knochen!

Was kann man gegen Blähungen bei Babys und Kleinkindern tun? 


Baby im FliegergriffUm die Luft aus dem Bauch zu bekommen hat sich der Fliegergriff bewährt. Dabei liegt das Kind bäuchlings auf einer Hand das Erwachsenen und wird herumgetragen. Durch den gleichmäßigen Druck auf den Bauch und die Bewegung entweicht die Luft leichter.

Auch eine Bauchmassage tut gut - geeignet sind Windsalbe® oder Kümmelöl (z. B. von Weleda) aus der Apotheke. Mit dem Zeigefinger und dem Mittelfinger wird der Bauch mit idealerweise quadratischen Bewegungen im Uhrzeigersinn sanft massiert (quadratisch deshalb, weil der Darm so verläuft). Kreisförmige Bewegungen sind natürlich auch möglich (aber nicht ganz so effektiv) - dann sollte am Nabel begonnen werden und immer größere Kreise gezogen werden. Auch hier ist der Uhrzeigersinn wichtig, da sonst Winde und Darminhalte quasi rückwärts transportiert würden.

Nach der Massage und immer mal zwischendurch kann man das Entblähen auch durch "Pupsgymnastik" unterstützen - das Kind ohne Windel strampeln lassen und dabei gelegentlich die kleinen Beine greifen und mit ihnen "Rad fahren". 

Wärme ist ein altbewährtes Hausmittel - gut geeignet sind Kirschkernkissen oder noch besser (weil anschmiegsamer) Traubenkernkissen. Von Wärmeflaschen rate ich ab - zu groß ist die Gefahr des Auslaufens oder einer Verbrühung. Die Temperatur sollte gründlich geprüft werden - manchmal werden die Kissen nicht gleichmäßig (Ober- und Unterseite) erhitzt bzw. neigen dazu, die Wärme erst verzögert zu entfalten (Kirschkerne). Wärme wirkt auch in einem schönen warmen Bad - idealerweise sollte das Baby dabei frei strampeln können.

Grundsätzlich ist es bei Blähungen von Vorteil, die Kinder viel zu tragen - am besten im Tragetuch in der Wickelkreuztrage. Durch die Anspreiz-Hock-Stellung entweicht die Luft sehr gut, Mamas Körperwärme tut ihr übriges.

Eine weitere Möglichkeit, das Bauchweh zu behandeln sind Kümmelzäpfchen - sie entkrampfen und haben eine abführende Wirkung. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass auch folgende Globuli verabreicht werden können: Chamomilla D6, Calcium Carbonicum Hahnemanni D6 und Calcium phosphoricum D6 - Dosierung bei allen: 5 Globuli alle 2-3 h.

Es wird vermutet, dass die Unreife des Darms schuld an den Blähungen sein könnte - daher ist es sicher auch einen Versuch wert, die Darmflora mit Mutaflor® (enthält das Darmbakterium Escherichia coli Stamm Nissle 1917) oder BiGaia-Tropfen (enthält ein Milchsäurebakterium Lactobacillus reuteri Protectis, das aus der Muttermilch isoliert wurde) aufzubauen - die Erfolge dabei sind recht unterschiedlich - daher bleibt einem nichts weiter übrig, als es auszuprobieren. In der Regel reift der Darm nach etwa 3 Monaten aus und die Blähungen werden deutlich weniger.

Wenn die genannten Maßnahmen keinen Erfolg haben oder die Blähungen sehr quälend sind, dann sollte man das Baby auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit testen lassen. Diese ist in der Regel begleitet von weiteren Symptomen wie Unruhe schon beim Trinken, juckende Quaddeln, Schwellungen und Rötungen der Haut, Ausschläge, häufiges Spucken, Durchfall oder Verstopfung sowie unterdurchschnittliche Zunahme. Der Kinderarzt kann mit Hilfe eines Bluttestes das Vorliegen von Unverträglichkeiten testen.

Hat Euch noch etwas anderes bei Blähungen geholfen? Schreibt uns einen Kommentar, dann können wir das ergänzen und anderen leidgeplagten Müttern hilft vielleicht genau Dein Tipp!

© Danielle
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Fremdelphase/Achtmonatsangst - warum Kinder fremdeln



In den ersten Lebensmonaten sind Babys (oft im Gegensatz zu ihren Müttern) relativ flexibel, wenn es darum geht, in wessen Armen sie liegen. Sie lassen sich in der Regel von fast allen Personen füttern, wickeln und trösten. Erst im Alter ab etwa 4 bis 5 Monaten beginnen die Kinder unruhig zu werden, wenn fremde Menschen sie in den Arm nehmen. Das Baby hat gelernt, zwischen "vertraut" und "fremd" zu unterscheiden - ein wichtiger Entwicklungsschritt! Ab etwa 6 Monaten reicht oft schon ein intensiverer Blick fremder Menschen aus, dass Babys ängstlich Schutz bei den vertrauten Eltern suchen. Der Höhepunkt des Fremdelns ist im 8. Monat (weswegen es auch als "Achtmonatsangst" bezeichnet wird) - ganz sensible Babys lassen sich nunmehr ausschließlich von Mama oder Papa betreuen und brechen zum Teil regelrecht in Panik aus, wenn andere Personen mit ihnen in Kontakt treten.

Für Eltern ist diese Reaktion oft unverständlich und auch gelegentlich unangenehm Fremden und vor allem Bekannten und Verwandten gegenüber. Es besteht jedoch kein Grund zur Sorge: es handelt sich dabei um eine vollkommen normale Reaktion sicher gebundener Kinder. Die Zurückhaltung wird mit etwa 15 bis 18 Monaten deutlich weniger und verschwindet meist vollständig im Alter von etwa 2,5 bis 3 Jahren. Die Ausprägung kann sich von Kind zu Kind stark unterscheiden - bei manchen ist das Fremdeln kaum erkennbar, andere hadern sehr lange mit Fremden. Auch das Temperament des Babys hat einen maßgeblichen Einfluss - zurückhaltende, schüchterne Babys fremdeln stärker, als die kontaktfreudigen und aufgeschlossenen Altersgenossen. Man sollte sich jedoch dessen bewusst sein, dass man auf das Fremdelverhalten so gut wie keinen Einfluss hat, daher kann es auf keinen Fall als erzieherisches Versagen betrachtet werden. Manche Eltern sorgen sich sogar über das Ausbleiben des Fremdelns - doch kaum ein Baby wächst auf, ohne jemals zu fremdeln. Allerdings ist das Verhalten bei manchen Babys so gering ausgeprägt, dass die Eltern es kaum bemerken. 

Warum fremdeln Kinder?


Evolutionär lässt sich dass Fremdeln auf zweierlei Weise erklären - zum einen ist es eine natürliche Schutzreaktion des Körpers, die zeitlich mit dem durchschnittlichen Zeitpunkt der ersten motorischen Fortbewegungsversuche zusammenfällt. Bisher kam das Baby keinen Millimeter vorwärts und sorgte stets dafür, dass es in Mamas greifbarer Nähe blieb. Mit etwa 8 Monaten setzt der Explorationsdrang ein, das Kind will erforschen, den Raum erkunden und muss sich dafür naturgemäß weiter von der Mutter weg bewegen, als je zuvor. Dadurch begibt es sich in Gefahr, es muss also über Schutzmechanismen verfügen, die es davor bewahren, zu weit weg zu krabbeln oder gar außerhalb der Sichtweise der Mutter einfach von Fremden weg genommen zu werden. Daher ist es am sichersten, beim Anblick fremder Menschen sofort Alarm zu geben, auf dass Mama sofort herbeieile und das Kind beschütze.

Kind schaut fremdelnd
Experimente haben gezeigt, dass Männer am heftigsten angefremdelt werden (bärtige Männer stärker, als rasierte), Frauen lösen weniger heftige Reaktionen aus - gegenüber Kindern bleiben die meisten Babys gelassen. Es wird daher vermutet, dass Fremdeln auch eine evolutionäre Schutzreaktion vor dem Infantizid (also der Tötung von Kindern) ist. Dieser ist bei den meisten Primaten weit verbreitet - kommen neue männliche Tiere ins Rudel, ist es nicht selten so, dass bis zu 40% der noch gesäugten Kinder getötet werden, um in Hinblick auf knappe Ressourcen die Überlebenschancen des eigenen Nachwuchses zu erhöhen. 

Kann, soll oder muss man etwas gegen das Fremdeln tun? 


Nein - es wird sich früher oder später von selbst verlieren - je mehr man dabei auf das Kind eingeht, desto zügiger kann das gehen. Zwar ist man geneigt, dem Kind immer wieder zu versichern dass "Onkel Heinz doch ganz lieb" sei - beschwichtigen kann man mit der Versicherung jedoch allenfalls Onkel Heinz. Man sollte unbedingt als "sicherer Hafen" für das Kind fungieren - wann immer es Schutz sucht, sollte dieser angeboten werden - auch wenn man vom Verhalten des Kindes genervt ist oder nicht versteht, warum es sich "so anstellt". Je verlässlicher man reagiert, um so sicherer wird sich das Kind fühlen und umso schneller wird die Angst vergehen. Und es ist tatsächlich Angst - kein Schauspiel. Beschwichtigungen führen unter Umständen dazu, dass sich das Kind nicht ernst genommen fühlt oder das Gefühl entsteht "etwas Falsches" zu tun oder zu empfinden, wodurch die Entwicklung eines "falschen Selbst" begünstigt werden kann (mehr dazu in "Wenn Eltern wütend werden").

Keinesfalls sollte man als Konfrontationstherapie aus der Motivation heraus "dem Kind zu zeigen, dass nichts Schlimmes passiert" das Baby einfach anderen in den Arm drücken - auch wenn Oma Sabine das noch so sehr einfordert - das würde das Baby heillos überfordern und ängstigen. Wenn möglich, sollte auch darauf verzichtet werden, dass der Angefremdelte immer wieder Kontakt suchend auf das Baby zugeht. Das ist nämlich die häufigste Reaktion angefremdelter Erwachsener - die halten das Benehmen des Kindes unbewusst für einen ärgerlichen Fehler und wollen ihm die Chance geben, den schnell "wieder gut" zu machen. Stattdessen wird sich das Kind schnell bedrängt fühlen und immer heftiger reagieren - was die Oma unter Umständen noch eifriger macht beim Versuch, das Kind endlich zum Lächeln zu bewegen. Die Aufgabe der Mutter sollte es sein, diesen Kreislauf zu unterbrechen und klar zu machen, dass das Kind Zeit bekommen sollte, vom sicheren Schoß der Mutter aus von sich aus den Kontakt zu suchen - oft reicht eine kurze Zeit des Beschnupperns aus, damit das Baby Vertrauen fasst und im Laufe des Tages doch noch glücklich glucksend auf dem Schoß der Oma oder des Onkels sitzt. Auch ein interessanter Gegenstand ist zur Kontaktaufnahme geeignet - er kann das Interesse des Baby wecken, sollte jedoch nicht aufgedrängt werden.

In jedem Falle sollte dem angefremdelten Erwachsenen erklärt werden, dass das Baby gerade eine normale, altersgerechte zurückhaltende Phase hat und darum gebeten werden, darauf Rücksicht zu nehmen. Man kann deutlich sagen, dass das Fremdeln keine Ablehnung ist, sondern eine nicht auf die Person sondern die Situation bezogene Angstreaktion.

Schon in dieser frühen Lebensphase ist das grundsätzliche Respektieren der körperlichen Grenzen sinnvoll - schließlich möchte man den Grundstein für ein gesundes Selbstbewusstsein legen und die Fähigkeit fördern, dass Kinder in der Lage sind, andere stets zur Einhaltung der körperlichen Grenzen aufzufordern. Kinder, deren Persönlichkeitssphäre schon als Baby akzeptiert wird, fällt es später leichter, diese auch später bei Unbekannten einzufordern.

Fremdeln lässt sich lediglich etwas abschwächen - wenn das Baby es gewohnt ist, von kleinauf bei verschiedenen Menschen auf dem Arm zu sein und damit schon positive Erfahrungen gesammelt hat, wird es wahrscheinlich weniger ausgeprägt fremdeln, als ein Baby, das wenige soziale Kontakte (zu anderen Erwachsenen) hat. Wenn Mama offen und kontaktfreudig auf andere Menschen zugeht, wird sich das mit großer Wahrscheinlichkeit zum Teil auch auf die Fremdelintensität auswirken.

Vater küsst Baby
Fremdeln ist vor allem auch eine Angst vor der Trennung von Bezugspersonen - man kann kleinere Trennungen mit dem "Guckguck"-Spiel üben - dabei versteckt sich Mama hinter einem Tuch und fragt erstaunt "Wo ist die Mama?". Nach wenigen Sekunden kommt sie laut "daaaa!" rufend hinter dem Tuch vor. So lernt das Kind: Selbst wenn ich Mama mal nicht sehen kann, ist sie dennoch da und ist bald schon wieder zu sehen. Die meisten Kinder werden bei diesem Spiel schnell selbst aktiv indem sie das Tuch wegziehen und sich freuen, Mami selbst gefunden zu haben. Wenn das Kind krabbelt, kann man beginnen, in der Wohnung Verstecken zu spielen - die meisten Babys haben einen Heidenspaß, Mamas unter dem Tisch oder hinter dem Sofa zu finden. Nach und nach können so die Zeiten, in denen Mama nicht zu sehen ist, auch ausgedehnt werden - so gewöhnt sich das Kind allmählich an kleinere Trennungen - und verknüpft diese positiv mit dem wohligen Gefühl kribbliger Erwartung des Wiedersehens.

Wegen der sich im Fremdelalter entwickelnden Trennungsangst sollte man sich stets verlässlich von seinem Kind verabschieden. Es reizt - gerade in dieser Phase - schnell mal zu verschwinden, um Tränen zu vermeiden, weil das Kind die Trennung nicht (sofort) zu realisieren scheint, während beim Tschüss-Sagen bittere Tränen fließen. Das führt jedoch dazu, dass sich die Kinder nicht mehr sicher sind, ob Mama wirklich dauerhaft verlässlich da ist und sie beginnen, sich ständig rückzuversichern und stark zu klammern, damit Mama nicht mehr unbemerkt verschwindet. Wenn man sich jedes Mal ausdrücklich verabschiedet, wenn man geht, gibt es sicher gelegentlich Tränen, aber für Kinder ist es wichtig, dass sie sich auf ihr Bezugspersonen verlassen können - sobald sie realisieren, dass Mama auch verlässlich wieder kommt, werden die Trennungen leichter.

Der Einfluss des Fremdelns auf den Schlaf 


Oft schlafen Kinder in der Fremdelphase deutlich schlechter, als zuvor. Das Baby begreift allmählich: Der Schlaf trennt mich von meinen Eltern! Trennungen werden von Kindern immer als potentiell gefährlich eingestuft - sie fühlen sich damit extrem unwohl. Die abendliche Trennung etwas vereinfachen kann man mit einem festen Abendritual. Dabei sollte ein ruhiger, täglich gleicher Ablauf entwickelt werden, bei dem sich das Kind mental darauf einstellen kann, dass nun Schlafenszeit ist.

Viele Baby beginnen nun intensiv zu träumen und wachen öfter erschrocken auf, da sie zwischen der Real- und der Traumwelt noch nicht unterscheiden können. Außerdem müssen die für die Babys neuen Ängste des Tages verarbeitet werden - bei vielen Kindern führt auch das zu extrem häufigem Aufwachen in der Nacht. Wenn Dein Baby im Stundentakt aufwacht und sich nur noch durch die Brust/Flasche/Wiegen beruhigen lässt, kann Dir vielleicht die Methode des sanften Ablösens weiter helfen.

Die Veränderung des Schlafverhaltens ist normal und wird sich auch wieder geben - das Sinnvollste ist es, dem Baby zu geben, was es braucht - Nähe und Zuwendung. Schläft es in seinem eigenen Zimmer, bietet es sich an, vorübergehend dort eine Matratze für die Eltern hinzulegen. Am einfachsten übersteht man die Phase jedoch, wenn man das Kind ins Elternbett oder wenigstens ins elterliche Schlafzimmer holt, dort kann es sich jederzeit der Anwesenheit der beschützenden Erwachsenen versichern und der Schlaf wird für alle Beteiligten geruhsamer.

Babys sind einfach dafür konzipiert, nicht alleine zu schlafen - ständiges Aufwachen und schauen, ob Mama und/oder Papa da sind, ist ein vollkommen natürliches Verhalten, das sich durch Reife früher oder später ändern wird. Es ist nur eine Phase, es ist nur eine Phase, es ist nur eine Phase! Und verkürzen lässt sie sich, wenn das Urvertrauen des Kindes gestärkt wird, indem man umgehend auf alle seine Bedürfnisse reagiert. Auch wenn das Umfeld in dieser Phase oft meint, man solle das Baby mal schreien lassen, da es nun alt genug sei, ist dies auf keinen Fall zu empfehlen - stell Dir vor, Du stehst im Dschungel, umgeben von Tigern und Hyänen und schreist aufgelöst nach Hilfe - was würdest Du empfinden, wenn Dein Mann kurz vorbei kommt, Dir den Kopf tätschelt, sagt "Beruhige Dich" und dann wieder geht - damit Du Dich selbst regulierst und lernst, allein mit der Situation klar zu kommen? Und wenn er das zwanzig mal gemacht hat, dabei die Abstände immer größer werden und er letztendlich doch immer wieder geht, dann wirst Du auch aufhören, nach ihm zu schreien. Weil Du denkst, dass er Dir ohnehin nicht hilft - aber hast Du denn auch weniger Angst? Schreien lassen funktioniert - aber um welchen Preis?

© Danielle
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Das Baby ist ein Monat alt - der Entwicklungsschub in der 5. Woche


Der erste Entwicklungssprung - das Baby ist 4 Wochen alt -  der 5-Wochen-Schub ist da

Herr Ningel und Herr Nörgel ziehen ein
Etwa um die 5. Woche herum merken Mütter, dass sich ihre Babys irgendwie verändern. Die Babys sind unruhiger, schreien mehr, schlafen schlechter, wollen öfter an der Brust trinken und eigentlich den ganzen Tag auf Mamas Arm verbringen. Wehe, man legt sie ab! Dann fangen sie bitterlich an zu weinen und hören erst wieder auf, wenn Mama sie lange und intensiv bekuschelt hat.

Tadaa: Der 5-Wochen-Schub ist da und Herr Ningel und Herr Nörgel sind bei euch eingezogen! 

Die Mütter


Für die Mütter sind diese Schreitage nicht nur unangenehm, sondern können sogar beängstigend sein. Was hat der kleine Sonnenschein denn bloß? Bisher lief es doch so gut? Warum helfen jetzt plötzlich nicht mehr die Strategien, die uns vier Wochen lang über Wasser gehalten haben?

Mütter befürchten oft, dass ihr Baby krank ist, wenn es - vor allem abends - so viel schreit. Am verbreitesten ist die Annahme, das Baby leide plötzlich unter starken Blähungen und benähme sich deshalb so unleidlich. Viele suchen den Arzt auf, um abzuklären, ob das Baby eine Infekt hat (mein Rat: lieber einmal zu oft zum Arzt, als einmal zu wenig!), doch in den allermeisten Fällen hat das Kind gesundheitlich rein gar nichts. 

Die Babys 


Das Baby ist gesund. Es macht jetzt jedoch einen Reifungsprozess im Gehirn durch, welcher das innere Gleichgewicht des Kindes etwas ins Wanken bringt. Das Baby merkt, dass etwas vor sich geht; etwas Neues, Fremdes geschieht in seinem Inneren und macht ihm - vermutlich, wir können es ja nicht fragen - Angst. Deshalb klammert es sich mit aller Macht an die Person, die ihm Schutz, Wärme und Sicherheit gibt:  seine Mama.

Leider kann das Baby in diesem Alter noch nicht sagen, was es möchte, es kann auch nicht die Arme fordernd nach Mama ausstrecken. Die einzige Art und Weise, uns deutlich zu machen, dass es "aus der Fassung geraten" ist, ist Weinen in allen Variationen. Gequengel, Geningel, Genörgel, Gebrüll und Gekreisch begleiten uns nun die nächsten Tage und können sehr, sehr stark an den Nerven der Eltern zerren. Nur jedoch durch das auf sich Aufmerksam machen kann das Baby erreichen, dass es von der Mutter aufgenommen und eng getragen wird, um so ein wenig von dem seltsamen Gefühl im Körperinneren gelindert zu bekommen. 

Die Mutter geht auf das Baby einBild eines Sorgenfressers 


Dein Kind braucht dich und fordert dich ein. Gib ihm, was es möchte - es versucht dich nicht zu manipulieren, dazu ist es noch gar nicht in der Lage.
 
Dein Baby hat einfach Angst. Diese Angst wird durch Nähe verringert. Am besten, du nimmst es ins Tragetuch, durch den beständigen Körperkontakt mit der Mutter, die Nähe und den Geruch werden viele Kinder sehr viel ruhiger. Füttere oder stille dein Kind nach Bedarf. Das Stillbedürfnis deines Babys kann jetzt durchaus außerhalb eures üblichen Stillrhythmus liegen.

Meine Töchter zum Beispiel tranken meist alle 2h an meiner Brust, in Sprungzeiten jedoch oft schon nach einer Stunde. Ich kenne auch Mütter, die etwa alle 15 Minuten für ein paar Schlückchen die "Milchbar" öffnen mussten, auch das liegt im normalen Rahmen. Und keine Angst: deine Milch reicht definitiv. Dein Baby will nicht primär öfter an die Brust, weil es hungert, sondern, weil das Saugen und deine Milch ("Mamas Geschmack") ihm Sicherheit verschafft. Deine Brust wird sich in kurzer Zeit auf den vermehrten Bedarf einstellen und mehr produzieren, wenn du dein Kind immer dann anlegst, wenn es danach verlangt.

In der Nacht sind die Babys besonders unruhig. Wenn dein Baby noch nicht bei dir schläft, kannst du versuchen, ihm auch die Nähe, die es braucht, in der Nacht zu geben. Im Beistellbettchen (oder direkt auf deiner Brust oder deinem Bauch) schläft es am ruhigsten. Allerdings ist "ruhig schlafen" in Sprungzeiten ein sehr relativer Begriff. Sagen wir es so: Dein Kind wacht weniger häufig auf, wenn es neben dir liegt, als wenn es in seinem eigenen Bettchen in seinem eigenen Zimmer schläft. Es kann aber trotzdem sein, dass es jede Stunde an die Brust möchte, so dass eurer Schlaf sehr gestückelt sein wird. Ich empfehle Stillen im Liegen. Nach ein paar Wochen sind Mutter und Kind ein eingespieltes Team und das Stillen passiert im Halbschlaf, so dass man sich doch ein wenig im Schlaf erholen kann. 

Wie lange dauert der Sprung?


Ungefähr eine Woche kann dieser erste Sprung dauern. Bei uns war er genau einen Tag lang - und ich war danach völlig fix und fertig. So etwas soll man mehrere Wochen durchstehen? Na, das kann ja heiter werden.... 

Welchen Reifeprozess macht das Baby durch?


Bild eines SorgenfressersDie Ärzte vermuten, dass der Entwicklungssprung der 5. Woche vor allem den Stoffwechsel, die inneren Organe und die Sinnesorgane betrifft. Babys überwinden oft ihre Verdauungsschwierigkeiten nach diesem Sprung. Das Baby beginnt, mit Tränen zu weinen (Stoffwechsel) und kann nun über eine weitere Distanz scharf gucken. Es ist deutlich mehr an seiner Umwelt interessiert und offen für neue Erfahrungen. Trotzdem kann es noch nicht so sehen, wie Erwachsene, was vor allem daran liegt, dass der Prozess des Sehens nicht allein von der Funktion der Augen abhängt, sondern auch durch das Abgleichen des Gesehenen mit vorhandenen Bildern im Gehirn erreicht wird. Da ein Baby bisher nur eine begrenzte Anzahl von Bildern im Gehirn gespeichert hat (z. B. das Gesicht der Mutter und des Vaters), kann es nicht alle Dinge erkennen, die man vor es hält. Klar, auch ein Blinder, der plötzlich sehen kann, weiß nicht, was das Ding vor seinen Augen ist, welches man ihm zeigt. Erst, wenn ihm erklärt wird, dass er einen Ball sieht, wird er beim nächsten Mal bei einem gleich oder ähnlich aussehenden Gegenstand einen Ball erkennen. Kein Wunder, dass unsere Babys nach diesem Sprung beginnen, uns anzulächeln, wenn sie uns sehen. Sie erkennen uns!

Dadurch, dass die Sinnesorgane unserer Babys nun empfänglicher sind, wird es unseren Kindern jetzt schnell zu viel des Guten. Wenn wir mit unseren Kindern spielen, schmusen oder ihm Dinge zeigen, sollten wir feinfühlig auf seine Signale achten. Wird es unruhig oder grantig, dreht es seinen Kopf weg, starrt es Löcher in die Luft oder ähnliches bedeutet das, dass das Kind eine Auszeit möchte. Es braucht eine kurze Stimuli-Pause, um sein Gehirn auszuruhen. Dann ist es gut, wenn man es ins Tragetuch nimmt, oder so in den Arm nimmt, dass es eng bei der Mutter ist, aber keine weiteren Reize erhält. Schon nach kurzer Zeit ist das Baby wieder entspannt und kann sich auf neue Abenteuer einlassen. 

Ist der Sprung geschafft?


Dass der Sprung geschafft ist, habe ich eigentlich immer sofort gemerkt. So urplötzlich meine Töchter ningelig, nörgelig und unleidlich wurden, so schnell verflüchtigte sich das dann auch wieder von einem auf den anderen Tag. Sie waren wieder fröhlicher, offener, wacher und interessierter. Sie zeigten außerdem meist (nicht immer sofort!) neue Fähigkeiten.

Nun ist die Zeit des Aufatmens und der Entspannung gekommen - genießt eure Babys! Der nächste Sprung steht schon vor der Tür...

© Snowqueen 

Das Buch


Wer mehr über diesen und weitere Entwicklungssprünge wissen möchte, dem sei das Buch "Oje ich wachse" von Hetty von de Rijt, Frans X. Plooij und Regine Brams aus dem Goldmann-Verlag ans Herz gelegt:


Weitere Entwicklungssprünge


Die anderen Entwicklungssprünge findest Du hier:

 
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Wie Kinder lernen, ihre Impulse zu kontrollieren


Zwei Kinder streiten sich um einen BallMara ist fast drei Jahre alt und schon eine große Schwester. Ihr kleiner Bruder Emil robbt seit kurzem durch die Wohnung und hat entdeckt, dass Mara viele tolle Spielsachen besitzt. Seitdem hat Maras und Emils Mama keine ruhige Minute mehr. Ständig muss sie Emil vor der großen Schwester schützen, die ungehemmt und schnell zuhaut, wenn Emil an ihre Sachen geht. So auch heute. "Mara, wie oft soll ich es dir noch sagen? Du sollst mich rufen, wenn Emil zu deinen Sachen robbt. Ich komme dann und helfe dir, sie ihm wegzunehmen. Du sollst ihn nicht hauen! Hauen ist verboten!" Mara nickt verständig. Doch keine Minute später - die Mutter ist wieder in der Küche - heult Emil erneut auf. Mara hat ihm in die Hand gebissen, weil er ihr Kuscheltier nicht loslassen wollte.... Die Mutter ist verzweifelt. Was kann sie denn tun, damit Mara sich besser beherrschen lernt? Wie stärkt man die Impulskontrolle unserer Kinder? 

Was ist Impulskontrolle? 


Impulskontrolle bedeutet, eine affektiv gelenkte, spontane Aktion (den Impuls) kurz vor der Ausführung zu stoppen (Kontrolle) und erst einmal über deren Sinnhaftigkeit nachzudenken. Sie ist ein großer Meilenstein in der Entwicklung eines Kindes und wird erst spät mit ca. 5-7 Jahren vollständig entwickelt, da sie eng mit der Sprachentwicklung und dem Empathievermögen zusammenhängt. Frühstens im Alter von 2-3 Jahren können erste kleinere Erfolge verbucht werden, wenn die Eltern vorher schon gute Grundlagen gelegt haben. Erst nach und nach wird es unseren also Kindern möglich, sich selbst zu bremsen und große Emotionen nicht über motorische Prozesse abzuleiten. 

Wozu brauchen Kinder Impulskontrolle? 


Bei unseren Kleinkindern passieren Denken und Handeln oft fast gleichzeitig. Da wird eben aus Wut der Freund angespuckt, aus Frust der Bausteinturm umgeworfen oder sich an einer viel befahrenen Straße von der Hand der Eltern losgerissen, weil auf der anderen Seite die Oma wartet. Es wird der Mutter spontan die Arme um den Hals geworfen und "Ich liebe dich, meine Mama!" gerufen. Impulsives Verhalten ist auch, wenn meine Tochter wie der Blitz aufspringt und "Pipi kommt!" rufend zum Badezimmer rennt, nur um dann ganz kurz vorher umzuschwenken und sich in aller Ruhe zu mir zu gesellen, um mir zu erzählen, dass es Himbeeren im Kindergarten gab. "Pipi kommt!" ist völlig vergessen...

Dass unsere Kinder eine innere Kontrollinstanz brauchen, versteht sich von selbst. Wer sich stoppen kann, bevor er jemanden anderes haut oder zuerst darüber nachdenkt, ob es günstig ist, an dieser Stelle die Straße zu überqueren, überlebt nicht nur länger, er eckt in unserer Gesellschaft auch weniger oft an. Nicht nur das. In den 60er Jahren wurde in den USA ein Experiment zur Selbstkontrolle von Vierjährigen durchgeführt. Versuchsleiter war der US-Psychologe Walter Mischel. Es wurde vor den Kindern ein Marshmallow auf den Tisch gelegt und ihnen gesagt, dass sie einen zweiten erhielten, wenn sie den ersten solange nicht aufessen würden, bis die Versuchsleiterin zurückkäme. Sie hatten aber die Wahl. Sie durften auch den ersten Marshmallow sofort essen, dann bekamen sie eben keinen zweiten. In den 80er Jahren suchte der Forscher die Kinder erneut auf und stellte fest: je länger die Kinder im ursprünglichen Experiment gewartet hatten, desto kompetenter wurden sie als Heranwachsende in schulischen und sozialen Bereichen beschrieben. Sie waren besser in der Lage mit Frustration und Stress umzugehen und Versuchungen zu widerstehen. Tendenziell zeigten sie sogar höhere schulische Leistungsfähigkeit - völlig unabhängig von ihrer Intelligenz. Die Sofortesser hingegen wurden von ihren Lehrern und Eltern als emotional instabiler, wechselhaft und weniger entschlossen beschrieben. Scheinbar ist die Fähigkeit zum Warten auf den Belohnungsaufschub nicht nur ein Indiz für Willensstärke, sondern auch eine Erfolgseigenschaft. Doch ist sie nur angeboren oder kann sie auch erworben werden?

 

Ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle angeboren oder kann sie auch erworben werden?


Dieser Frage ging die Kognitionsforscherin Celeste Kidd  nach. Sie erweiterte 2012 das ursprüngliche Experiment um eine weitere Komponente. Den Kindern im Alter von 3 - 5 Jahren wurden zunächst Buntstifte gegeben, um ein Bild malen zu können. Sie konnten diese gleich benutzen oder zwei Minuten warten, bis ein Erwachsener mit einer großen Auswahl neuer Stifte käme. Als nächstes wurden ihnen Aufkleber hingelegt. Auch hier konnten sie selbst entscheiden: Sofort benutzen oder auf den Erwachsenen mit einer größeren Auswahl schönerer Aufkleber warten. 

Das neue Element im Test war dieses: die Kinder waren in zwei Gruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe kam der Erwachsene zuverlässig zurück und brachte das Versprochene. In der zweiten Gruppe kam er zwar auch zu der vereinbarten Zeit zurück, musste die Kinder jedoch enttäuschen mit der Aussage, die Stifte oder Aufkleber seien doch alle. Die Kinder mussten sich dann mit den Utensilien zufrieden geben, die sie zuvor bekommen hatten.  

Im letzten Schritt wurde wiederum allen Kindern ein Marshmallow hingelegt. Sie hatten die Wahl, zu warten, bis der Erwachsene mit einem zweiten zurückkäme oder den ersten sofort zu essen. Das Ergebnis wird nicht überraschen. In der „Unzuverlässig“-Gruppe war die Süßigkeit bereits nach durchschnittlich drei Minuten verzehrt, nur eines der vierzehn Kinder hielt die vollen 15 Minuten durch. In der „Zuverlässig“-Gruppe dagegen lag die Wartezeit im Schnitt bei 12 Minuten. Insgesamt neun der vierzehn Kinder warteten die gesamte Viertelstunde. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Wartezeit im Marshmallow-Test der 60er Jahre 6 Minuten war, sieht man, dass eine zuverlässige Umgebung die Bedürfnisaufschubfähigkeit der Kinder verdoppelte, eine unzuverlässige Umgebung jedoch halbierte!
„Auf Belohnung warten zu können spiegelt nicht nur die Fähigkeit eines Kindes zur Selbstkontrolle, es zeigt auch seinen Glauben an den praktischen Sinn des Wartens“, berichtet Celeste Kidd, Hauptautorin der Studie. „Das Aufschieben einer Belohnung ist nur dann eine vernünftige Entscheidung“, so die Kognitionsforscherin an der University of Rochester, „wenn das Kind glaubt, dass es nach akzeptabler Wartezeit tatsächlich ein zweites Marshmallow bekommt.“ (Celeste Kidd, Holly Palmeri, Richard N. Aslin. Rational snacking: Young children’s decision-making on the marshmallow task is moderated by beliefs about environmental reliability. Cognition, 2012)
 

Wie kann ich mein Kind dabei unterstützen, Selbstkontrolle zu erreichen? 


Impulskontrolle entwickelt sich eigentlich im Laufe der Zeit von selbst. Bis zum dritten Lebensjahr entwickelt sich im Kind eine Art Kontrollinstanz. Der innere Gegenspieler (Antagonist) dämpft den Wunschantreiber (Agonist) und steuert so das Bedürfnis auf natürliche Weise. Voraussetzung für die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub ist jedoch das Zeitverständnis als kognitive Leistung und die Fähigkeit, die eigenen Intention und die des Gegenübers gleichzeitig zu betrachten (Empathie). Dann gelingt Impulskontrolle durch die willkürliche Aufmerksamkeitslenkung (das Kind denkt ganz gezielt an etwas anderes als den Marshmallow) und durch willkürliche Beeinflussung von Emotionssymptomen (z. B. durch verbale Selbstanweisungen "Ich lasse ihn liegen!").  Man kann seine Kinder aber darin unterstützen, ihr ganzes Potential an Selbstkontrolle und Bedürfnisaufschub zu entfalten. 



Die Anfänge: Geduldsübungen 


Alter: 1-2 Jahre  


Möchte man seinen Kleinkindern beibringen, eine kurze Zeit abzuwarten, bietet es sich an, mit ihnen kurze Geduldübungen durchzuführen. Möchte das Kind beispielsweise gern ein Brötchen haben, nimmt man das Brötchen und setzt dazu an, es ihm zu geben. Kurz vorher hält man inne, so als ob einem etwas Wichtiges eingefallen sei. Man sagt: "Warte kurz!", dreht sich eine Sekunde um, tut etwas (irgendwas), dreht sich dann wieder zu dem Kind und gibt ihm das Brötchen mit den lobenden Worten: "Du hast gewartet!" Durch die schnelle Belohnung seiner Geduld merkt das Kind, dass Warten nicht so schlimm ist und dass es danach trotzdem bekommt, was es möchte (Karp, 2010, 168ff). 

Man dehnt dann die Wartezeit immer weiter aus. Zuerst eine Sekunde, dann fünf, zehn, dreißig, sechzig Sekunden. So stärkt man die Selbstkontrolle des Kindes in winzigen, gut aushaltbaren Schritten. Anwenden kann man diese Geduldübungen in jeder Situation über den Tag verteilt. Es ist nur wichtig, dass das Kind etwas bestimmtes möchte, auf das es dann warten soll. Hat es zum Beispiel keine Lust zum Windelwechsel, wäre es absurd, hier eine Geduldübung durchzuführen (vgl ebd., 2010, 168ff).   

Es ist auch wichtig, dass dem Elternteil "wirklich" (also gespielt wirklich) etwas dazwischen kommt, bevor es den heißersehnten Keks herausrückt. Es ist also kontrakproduktiv, "Warte!" zu sagen und dann nichts zu tun, sondern mit erhobenen Zeigefinger vor dem Kind zu stehen, bevor man nach fünf Sekunden den Wunsch erfüllt. Eine solche Vorgehensweise ist eher frustrierend, da das Kind schnell sieht, dass das Objekt der Begierde absichtlich vorenthalten wird. Es wird dann wütend, weil hier das Machtverhältnis zwischen Erwachsenem und Kind ausgenutzt wird. Das wäre so, als würde der Arzt, bei dem man wegen akuten Rückenschmerzen sitzt, mit dem Schmerzmittel vor unserer Nase wedeln und sagen: "Ich möchte, dass sie die Schmerzen noch kurz aushalten. Warum? Weil ich es kann." Sagt der Arzt aber: "Ich möchte, dass sie die Schmerzen noch kurz aushalten. Ich muss kurz im Computer nachgucken, ob diese Dosis wirklich für sie geeignet ist." wartet man gern noch ein paar Sekunden.  Es ist realistisch, bei diesen Übungen maximal eine Minute Wartezeit von einem Kleinkind zu fordern (vgl ebd., 2010, 168ff).

Alter: 2-3 Jahre  


Auch mit älteren Kleinkindern können diese Übungen weiterhin durchgeführt werden. Auch hier wird die Wartezeit Schritt für Schritt ausgedehnt. Man kann nun eine zeitliche Begrenzung durch eine Eieruhr einführen: "Wenn die Eieruhr klingelt, kommt Mama schnell zurück. Dann lese ich mit dir das Buch. Jetzt muss ich schnell noch Papa was sagen, bevor er zur Arbeit losgeht" (vgl. Karp., 2010, 171f). Ich persönlich schwöre übrigens auf den Time Timer (siehe Bild), da dieser am Ende der Zeit nicht nur klingelt, sondern den Ablauf der Zeit durch das kontinuierliche Dünnerwerden der roten Zeitscheibe für das Kind visuell verständlich macht. Man kann auf ihm aber keine Sekunden einstellen, nur Minuten.  Es reicht für den Anfang wirklich ein einfacher Küchenwecker oder eine Sanduhr. Ich nutze den Time Timer aber auch in  vielen anderen Situationen (z.B. um meinen Kindern die morgendliche Spielzeit eindeutig zu begrenzen - als Signal, wann wir uns für den Kindergarten anziehen müssen), daher hat sich für mich seine Anschaffung eindeutig gelohnt. Zunächst stellt man den Wecker nur auf 20 Sekunden ein. Es ist wichtig, wirklich sofort zurückzukommen, wenn er klingelt, nur dann kann das Kind lernen, sich auf das Versprechen der Erwachsenen zu verlassen. Nach dem Wiederkommen gibt man dem Kind, was es möchte und spiegelt in lobendem Ton: "Du hast abgewartet!" Man kann die Wartezeit dann allmählich auf zwei bis drei Minuten erhöhen. Es ist schön, wenn man das Kind ab und zu überrascht, indem man den Wecker nur auf 20 Sekunden einstellt - es wird dann denken, die Minute ist schnell vergangen - oder auch nach einer besonders langen Wartezeit ihm zwei Objekte der Begierde zu geben (zwei Bücher lesen z. B.). Das motiviert das Kind und verknüpft das Durchstehen der Wartezeit mit einem positiven Gefühl (vgl. ebd., 2010, 171f).

Der nächste Schritt: Umlenken des Affektes 


Alter: 2- 4 Jahre  


Um auch die Selbstkontrolle in Bezug auf affektive Handlungen wie Hauen oder Spucken zu üben, kann man mit dem Kind ab dem Alter von 2 - 2 1/2 Jahren Methoden zur motorischen Entlastung des Affektes einüben. Das Kind lernt dabei, den Impuls umzulenken auf eine gesellschaftlich akzeptable Alternative. Anstatt ihren Bruder Emil zu hauen, könnte Mara beispielsweise die "Stopp-Hand" ausführen und gleichzeitg laut "Stopp! Lass das sein!" rufen. Maras Mama müsste dann sehr schnell kommen, um Mara für ihr angemessenes Verhalten zu loben und zu verhindern, dass sie eben doch noch haut. Denn die Umlenkung eines Impulses wirkt erstmal nur kurzfristig für wenige Sekunden. Die positive Verstärkung der gewaltfreien Lösung wirkt nachhaltiger und wird Mara helfen, sich öfter "unter Kontrolle" zu halten.  

Es ist übrigens zuviel von Mara verlangt, die Situation ohne motorische Entlastung durchzustehen, also die Mutter nur zu rufen. Es dauert lange, bis Emotion nicht mehr in Motorik umgesetzt werden muss. Bei manchem Erwachsenen ist das sogar noch bis ins hohe Alter zu erkennen - wenn jemand zum Beispiel mit der Faust auf den Tisch haut.

Ich habe die Stopp-Hand mit meinen Töchtern eingeübt mit dem Buch "Jakob ruft Stopp! Lass mich in Ruhe!" Es klappt bei uns nicht immer. Manchmal sind sie einfach noch zu aufgeregt und hauen oder spucken dann im Affekt doch. Aber da die Erziehrinnen im Kindergarten eingeweiht sind und an einem Strang mit uns ziehen, gibt es immer mal Situationen, in denen es eben doch klappt. Dann werden meine Töchter für ihr angemessenes Verhalten gelobt. Ich schimpfe nicht, wenn sie im Affekt hauen, weiß ich doch, dass sie in dem Moment nicht anders handeln können.

Beim Losreißen von der Hand im Straßenverkehr ist übrigens keine bessere Lösung in Sicht, als als Erwachsener schnell zu sein. Reißt sich das Kind los, muss man hinterher und das Kind aufhalten, bevor es auf der Straße ist. Es gibt einfach keine ungefährliche motorische Alternative, auf die sich das Kleinkind umlenken kann. Natürlich kann man auf Leinen-Rucksäcke oder In-den-Buggy-setzen zurückgreifen und sollte es auch, wenn man weiß, dass man nicht schnell genug hinterherkommt. Hier geht die Sicherheit vor. 

Die hohe Kunst: Impulskontrolle durch verbale Problemlösestrategien 


Kinder entwickeln Impulskontrolle unter anderem in einem Prozess, der verbale Mediation beinhaltet (Vygotsky, 1962) .Verbale Mediation meint die Fähigkeit, laut zu denken, um das eigene Verhalten zu steuern. 
  

Alter: 2-3 Jahre  


Kinder beginnen zu sprechen und beschreiben ihre Tätigkeiten zunehmend in Selbstgesprächen. Meine Töchter sagen zum Beispiel beim Spielen mit ihren Puppen zu niemandem im Besonderen: "Ich lege die Puppe hier hin. Braucht eine neue Windel. Warte, ich hole eine neue Windel. Die alte Windel muss ab. Schwer. Schaff nicht!" Problemlösen verläuft in diesem Alter gewöhnlich noch nonverbal auf der motorischen Ebene. Die Kinder nehmen sich einfach, was sie brauchen, ohne danach zu fragen oder Rücksicht auf andere zu nehmen (vgl. Luria, 1961).  

Alter: 3-4 Jahre  


Unsere Kinder beginnen, ihr eigenes Verhalten durch Selbstanweisungen zu regulieren. Sagen die Eltern eines Vierjährigen zum Beispiel, dass er zum Abendbrot kommen soll, sagt er zunächst vielleicht zu sich selbst: "Wasch die Hände! Mach das Wasser aus! Hände abtrocknen!" und antwortet dann möglicherweise seinen Eltern: "Ich habe die Hände gewaschen, wir können jetzt essen." Beim Problemlösen beginnen die Kinder nun, Bitten oder Forderungen zu formulieren: "Lass mich mal probieren." "Kann ich damit spielen?". Sie erkennen immer besser, was angemessenes Verhalten in unterschiedlichen Situationen ist und bemühen sich, es einzuhalten  (vgl. ebd., 1961). Das klappt nicht immer.  

Alter: 5-7 Jahre  


Ab diesem Alter beginnen Kinder, Informationen kognitiv zu verarbeiten, anstatt assoziativ auf Ereignisse zu reagieren. Erst nach dieser Umstrukturierung im Gehirn können sie impulsive Reaktionen durch gedankliche innere Prozesse zurückhalten! Das Problemlösen ändert sich vom lauten zum inneren Sprechen. Ein Sechsjähriger schafft es demnach bereits, sich vorher zu überlegen, was passiert, wenn er dem anderen Kind etwas wegnimmt. Seine Gedanken könnten so klingen: "Wenn ich es einfach wegnehme, wird er bestimmt sauer auch mich. Ich frage ihn besser vorher, ob er es mir borgt." Unter Stressbedigungen kann das laute, problemlösende Sprechen in diesem Alter jedoch wieder hervortreten, um eigenes Verhalten zu steuern (vgl. ebd., 1961).  

Alter: 8-11 Jahre  


Ab diesem Alter läuft die sprachliche Mediation nahezu vollständig innerlich ab. Das Problemlösen wird wechselseitig und zielt auf die Zufriedenheit beider Beteiligten. Es ist aber noch so, dass einer von beiden dominiert. Häufigste angewandte problemlösende Strategien sind das Überreden ("Los komm, lass uns das machen. Das wird bestimmt aufregend"), Verhandeln ("Wenn ich mit deinem Skateboard fahren darf, kannst du auf meinem Fahrrad fahren") und das Abwechseln ("Erst du, dann ich!") (vgl. ebd., 1961).
Alter: 12 Jahre und älter In der Pubertät wird das Problemlösen kooperativer und orientiert sich an gemeinsamen Bedürfnissen und dem Interesse an stabilen persönlichen Beziehungen (vgl. ebd., 1961). 

Folgt man nun diesem Entwicklungsmodell, wird schnell klar, dass unsere Kinder erst ab der 1. Klasse der Schule wirklich in der Lage sind, ihr impulsives Verhalten nahezu vollständig zu kontrollieren. Dieser Entwicklungsschritt passiert im Allgemeinen von selbst. Um Probleme mit anderen jedoch in gesellschaftlich akzeptabler Weise zu lösen, können Eltern ihren Kindern bei dem Erlernen von Problemlösestrategien ein wenig unter die Arrme greifen. Möchte das Kind zum Beispiel etwas haben, das ihm nicht gehört, könnte man es nach folgenden Schritten anleiten, zu überlegen, welche Lösung für sein Problem am besten funktionieren könnte (Spivack, Shure, 1982; Petermann, Petermann, 1994).

  • Frage dich: Was genau ist das Problem?
  • Überlege: Welche Lösungen gibt es?
  • Frage dich bei jeder Lösung: Ist sie ungefährlich? Wie fühlen sich die anderen? Ist sie fair? Wird sie funktionieren?
  • Entscheide dich für eine Lösung und probiere sie aus.
  • Funktioniert die Lösung? Wenn nicht, was kannst du jetzt tun?
 
Ein Beispiel: 
 
  • "Ich habe meinen Kleber vergssen, brauche ihn aber für eine Aufgabe im Unterricht."
  • "1. Ich könnte meine Banknachbarin fragen, die hat Kleber dabei. 2. Ich könnte mir den Kleber von meiner Banknachbarin nehmen ohne zu fragen. 3. Ich könnte mich umdrehen und zu meinem Freund rufen, ob er mir seinen Kleber borgt."
  • Lösung 1: "Sie ist nicht gefährlich. Die Nachbarin fühlt sich gut. Ja, sie ist für alle fair, weil ich höflich gefragt habe. Sie wird vielleicht funktionieren, sie könnte ja oder auch nein sagen." Lösung 2: "Sie ist nicht gefährlich. Die Nachbarin fühlt sich vermutlich schlecht, weil ich ihr etwas weggenommen habe. Nein, das ist nicht fair ihr gegenüber. Ich hätte zwar den Kleber, aber auch einen Streit am Hals." Lösung 3: "Sie ist nicht gefährlich. Wenn ich in die Klasse rufe, fühlen sich die anderen gestört und die Lehrerin schimpft mit mir. Sie ist nicht fair den anderen gegenüber. Ja, sie könnte funktionieren. Mein Freund gibt mir sicher den Kleber, aber ich habe Ärger mit der Lehrerin."
  • "Ich denke, ich frage erstmal meine Nachbarin, vielleicht sagt sie ja."
  • "Sie hat funktioniert. Wenn sie "Nein" gesagt hätte, hätte ich die Lösung mit meinen Freund probiert."

 

Zusammenfassung


Impulsives Verhalten ist im Kleinkindalter und darüber hinaus völlig normal und reguliert sich im Allgemeinen mit den Jahren selbst. Es ist möglich, unseren Kindern durch Geduldübungen und durch Umlenkung der Motorik zu helfen, ihre Impulse für ein paar wenige Sekunden zu kontrollieren. Dieses "Training" wirkt sich insgesamt positiv auf die Entwicklung der Kinder aus. Es ist sinnlos, ein Kind für sein impulsives Verhalten zu schimpfen oder es gar zu bestrafen - es kann in diesem Moment nicht anders reagieren. Durch Schimpfen oder Strafen wird es nicht dazu angeregt, dieses Verhalten langfristig zu ändern.  

© Snowqueen 

Quellen 


Karp, H. (2010) Das glücklichste Kleinkind der Welt. München: Goldmann 

Cleste Kidd, Holly Palmeri, Richard N. Aslin. (2012) Rational snacking: Young children’s decision-making on the marshmallow task is moderated by beliefs about environmental reliability. in: Cognition Luria, A. (1961). The role of speech in the regulation of normal and abnormal behaviors. New York

Liberight Petermann, F., Petermann, U. (1994). Training mit sozial unsicheren Kindern. Weinheim: Beltz Spivack, 

G, Shure, M.B. (1974). Social adjustment of young children, a cognitive approach to solving real-life problems. San Francisco: 

Jossey-Bass Vygotsky, L. S. (1962). Thought and Language. New York: Wiley
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