Warum Kinder nicht alleine einschlafen wollen


Warum Babys nicht alleine Einschlafen wollen hatte ich in einem älteren Artikel erklärt: sie sind kleine "Sicherheitsfanatiker". Neugeborene sind mit einem Schutzmechanismus ausgestattet, der nach der simplen Regel funktioniert: "Ist jemand bei mir, wird er mich beschützen". Diese Regel gilt ganz besonders für das Einschlafen. Babys empfinden den Prozess als potentiell gefährlich, weil sie die Kontrolle über ihren Sicherheitszustand verlieren und tun sich daher oft enorm schwer damit.

Die meisten Neugeborenen schlafen zunächst ausschließlich in Mamas oder Papas Arm oder anderen sich bewegenden Objekten (Kinderwagen, Auto, Federwiege) ein - die regelmäßige Bewegung, die sie schon aus dem Mutterleib kennen, suggeriert ihnen Sicherheit. Man stelle sich ein Baby in der Urzeit vor - welches hätte überlebt: Das, das sich unbesorgt ablegen lässt und ohne die Mutter einfach überall einschlummert oder das, das partout bei Mama bleiben will und sofort aufwacht, wenn sein Gleichgewichtssinn keinerlei Bewegung mehr wahrnimmt?

Wenn Eltern erst einmal heraus gefunden haben, wie ihre Kinder schnell und behaglich einschlafen, wird der Prozess oft ein recht angenehmer - innerhalb weniger Minuten findet das Kind mit elterlicher Hilfe in den Schlaf, es wird abgelegt und schläft im besten Falle mit wenigen Unterbrechungen aus. Mit der Situation sind vorübergehend alle zufrieden - die Erwachsenen haben zwar oft die diffuse Angst, etwas "anzugewöhnen" oder das Kind damit gar "zu verwöhnen", aber weil es so gut funktioniert, wird die Einschlafbegleitung zunächst erst einmal nicht in Frage gestellt.

Früher oder später kommt der Punkt, an dem ein Elternteil beschließt: "So kann das doch nicht weiter gehen!" Ein Neugeborenes wiegt man ja gerne mal 10 Minuten im Arm. Aber aus einem Neugeborenen ist mittlerweile ein Kind mit 10 kg geworden. Und aus den 10 auch mal 30 oder 60 Minuten. Unterstützt von den Unkenrufen und den Warnungen: "Ihr verwöhnt doch das Kind" der Bekannt- und Verwandtschaft wird beschlossen, dass jetzt etwas passieren muss. Das Kind ist schließlich alt genug, alleine einzuschlafen. Oder? 

Wann ist ein Kind alt genug, alleine einzuschlafen? 


Diese Frage lässt sich pauschal leider nicht beantworten, denn Kinder sind genetisch so programmiert, dass sie am liebsten NIE alleine einschlafen wollen. Wir erinnern uns: Allein sein = GEFAHR! Irgendwann begreifen Kinder durchaus, dass nicht tatsächlich eine Gefahr besteht, dennoch fühlen sie sich in der Gesellschaft der Eltern immer am wohlsten - und mittlerweile haben sie sich tatsächlich auch an die Einschlafbegleitung "gewöhnt" - weil sie sie lieben und sich damit gut fühlen! Das ist das, was sie wollen und brauchen - daher ist quasi jedes Kind (manche mehr, manche weniger) weiterhin bestrebt, in den Schlaf begleitet zu werden. Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt, bei dem ein Kind unter 3 Jahren gesagt hätte: "Mama, geh mal ruhig, ich schlafe lieber alleine ein".

In der Regel beschließen die Erwachsenen irgendwann das Ende der Einschlafbegleitung. Das geschieht meist aus zwei Motivationen:

1.) "Mein Kind müsste das doch jetzt endlich können - es ist schließlich alt genug. Alle reden auf mich ein, dass es doch nicht normal sein kann, dass das Kind noch immer nicht alleine einschläft. Ich möchte, dass mein Kind normal ist."
und/oder

2.) "Ich empfinde die Zeit als vergeudet. Ich könnte so viele andere Sachen machen, während ich hier sinnlos sitze und meinem Kind beim Einschlafen zusehe. Mittlerweile zieht sich das auch ewig hin - ich habe keine Lust mehr!".

Zu Punkt 1.) muss man ganz klar sagen: Ein Kind, das nicht alleine einschlafen will, ist absolut normal. Höre auf Dein Herz, auf Deinen Bauch: Sagt der, dass Dein Kind das "können muss"? Geht es darum, Babys zum funktionieren zu bringen? Ist es im Grunde nicht vollkommen egal, was ANDERE sagen? Hier gibt es eine einfach, kindgerechte Lösung: Mach weiter wie bisher und erzähle es keinem. Zumindest keinem, von dem Du weißt, dass er es kritisch sieht (eigene Mütter sind dafür prädestiniert - warum das so ist erklärt auch der Artikel Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern).

Was wäre denn, wenn das Einschlafen jeden Tag nur 5 bis 10 Minuten dauern würde? Würde dann Motivation 2.) wegfallen? Würde es das Leben verbessern? 

Mein Kind braucht EWIG zum Einschlafen! 


Bei den meisten Babys ist das Schlafen im ersten Lebensjahr - zumindest im ersten Lebenshalbjahr oft chaotisch - sie schlafen schlecht ein, sie wachen ständig auf, sie sind immer müde... Irgendwann kristallisiert sich dann doch so etwas wie ein Schlafzyklus heraus und Eltern atmen erleichtert auf. Das Baby wird jeden Abend zur gleichen Uhrzeit hingelegt und schläft mehr oder weniger verlässlich bis zum nächsten Morgen (idealerweise bis zu einer bestimmten Uhrzeit) durch. Doch nach und nach gestaltet sich das Einschlafen immer schwieriger. Eltern sind verwirrt - gerade noch endlich eine vermeintliche Kontinuität - schon ist wieder alles durcheinander. Desillusioniert stellt man fest, dass die Phrase "Es ist nur eine PHASE, es geht vorbei" leider auch auf die guten Dinge zutrifft.

Nach meinen Beobachtungen beginnen Einschlafprobleme sehr, sehr oft um den ersten Geburtstag herum, häufig auch (wieder) rund um den zweiten Geburtstag. Was viele vergessen: Der Schlafbedarf von Kindern sinkt kontinuierlich - ein 8-monatiges Baby braucht einfach mehr Schlaf, als ein 18-monatiges Baby. Es ist daher leider illusorisch zu glauben, dass auch das 1,5-jährige oder 2-jährige Kind weiter so lange schläft, wie ein Baby. Als Faustregel gilt (Abweichungen nach oben und unten gibt es immer): 6 bis 12 Monate alte Kinder schlafen pro Tag etwa 12 bis 14 Stunden - zwischen 1 und 3 Jahren liegt der Schlafbedarf nur noch bei 10 bis 12 Stunden - das sind im Schnitt zwei Stunden (!) weniger. Und diese zwei Stunden sitzt man unter Umständen abends am Kinderbett. Das Kind ist also einfach in den meisten Fällen schlicht abends nicht müde genug.

Die Lösungsmöglichkeiten sind leider begrenzt, aber glücklicherweise sehr effektiv:

a) Das Kind früher wecken.
b) Den Mittagsschlaf streichen oder kürzen.
c) Das Kind später hinlegen.

Die Verringerung des Schlafbedürfnisses kann kontinuierlich vonstatten gehen, oft bemerkt man auch regelrechte Sprünge. Meine große Tochter schlief als Baby herrliche 14 Stunden - nachdem sie ein Jahr alt war, waren es nur noch 13 Stunden. Eine Stunde... die ich jeden Abend entnervt an ihrem Bett saß. Mit ziemlich genau 2 Jahren verringerte sich der Schlafbedarf erneut - diesmal um schreckliche weitere 2 Stunden. Nachdem sie abends quasi gar nicht mehr einschlief, musste ich radikal zu Lösung b) greifen. Danach war alles gut. Bitte bedenke immer: Ein Kind kann nur so viel schlafen, wie sein natürlicher Schlafbedarf zulässt - keinesfalls mehr. Schläft es tagsüber zu viel, wird es früh aufwachen oder abends nicht einschlafen.

In Bezug auf Änderungen muss man konsequent sein - natürlich wird ein Kind die Streichung des gewohnten Mittagsschlafes mit abendlicher Quengelei quittieren. Und vielleicht schläft es auch ein paar Tage trotzdem schlecht ein. ABER: Der Prozess wird sich regulieren - nach allem, was ich bisher an Erfahrungen gelesen habe, bin ich mir dessen vollkommen sicher. Das Schlafverhalten reguliert sich spätestens nach 14 Tagen - tritt bis dahin keine Änderung ein, muss die Situation neu überdacht werden. In der Regel jedoch dauert es nur 3 bis 7 Tage, bis sich das Kind umgewöhnt hat.

Man muss auch ganz klar sagen: Wenn das Kind abends schlecht einschläft, wird auch kein "Schlafprogramm zum allein Einschlafen" der Welt etwas daran ändern, dass es nicht müde genug ist! Will man seinem Kind zumuten, dass es sich allein stundenlang im Bett wälzen muss? Womöglich weinend?

Was spricht dagegen, das Kind nach Kürzung des Gesamtschlafdauer weiter liebevoll zu begleiten - doch jetzt nur noch maximal 10 Minuten lang? 

Mein Kind soll alleine einschlafen 


Je älter das Kind ist, desto so mehr kann ich das Bedürfnis nachvollziehen, dass man die Einschlafbegleitung abschaffen will. Was bei einem hilflosen 1-jährigen noch gerne gemacht wird, kann bei einem fordernden 3-jährigen allmählich in Unmut umschlagen. Wenn man selbst nur ungern am Bett sitzt und ausschließlich genervt ist, dann ist das eine für alle Beteiligten unbefriedigende Situation.

Bei uns war das mit etwa 2 1/4 Jahren der Fall. Wir saßen Abend für Abend am Bett unserer großen Tochter und begleiteten sie in den Schlaf. Dank des gestrichenen Mittagsschlafes war das ein Prozess, der selten länger als 20 Minuten dauerte - eher durchschnittlich 10 Minuten. Da wir jedoch Nachwuchs erwarteten, sahen wir die Notwendigkeit, dass sie schon vorher "lernt", alleine einzuschlafen. Da sie auch in der Lage war, im "Notfall" ihr Bett zu verlassen und zu uns zu kommen, litt sie unter keinerlei Hilflosigkeit mehr.

Da sich Kleinkinder normalerweise nicht zum Schlafen von ihren Bindungspersonen trennen würden, müssen diese ihm helfen, diese "Trennung auf Zeit" auszuhalten. Trennungen werden von Kindern zunächst einmal per se nicht wertgeschätzt. Sie brauchen eine gute Vorbereitung, um diese aushalten zu können. Eine Möglichkeit ist ein Abendritual, welches das Kind verlässlich darauf hinweist, das es nun Schritt für Schritt auf die Schlafenszeit zu geht. Es ist außerdem unabdingbar, dass die Bindungspersonen zu jeder Zeit erreichbar sind, wenn das Kind in akuten Stress gerät. Die Eltern müssen dem Kind Trauer und Wut über die Trennung beim Schlafengehen zugestehen, sie sind Teil des Trennungsschmerzes und weisen auf eine feste Bindung hin.

Um die Zeit des Einschlafens bindungspositiv zu gestalten, müssen die Eltern hier feinfühlig reagieren. Das bedeutet, dass sie lernen müssen, zu unterscheiden, ob das Kleinkind gerade in akuten Stress gerät, oder einfach nur unzufrieden mit der neuen Schlafsituation ist. Nörgelt oder weint das Kind mit zunehmend panikartiger Stimme, müssen die Eltern sofort wieder zu ihm gehen und es durch Körperkontakt, Streicheln oder Massage beruhigen. Bleibt es bei einem unzufriedenen Ningeln, können die Eltern zunächst vor der Tür stehen bleiben, sollten aber weiterhin darauf horchen, ob die Stimmung des Kindes umschlägt. Wichtig ist, dass die Bindungspersonen verlässlich und prompt auf stressbedingte Äußerungen reagiert. Nur so verinnerlicht das Kind, dass seine Ängste ernst genommen werden und es jederzeit zu seinem sicheren emotionalen Hafen zurückkehren kann, wenn es das braucht. Mit diesem Wissen im Hinterkopf gelingt - nach einer normalen Phase des vermehrten Ausprobierens, ob die Eltern auch wirklich kommen, wenn es ruft - das Einschlafen im eigenen Bett irgendwann problemlos.

Bezüglich des allein Einschlafens habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen mit meinen Kindern gemacht. Bei meiner Tochter war es relativ unproblematisch. Zunächst blieben wir bei geöffneter Tür in der Nähe ihres Zimmers - sie konnte uns hören. Einer von uns saß mit einem Buch so lange in Türnähe, bis sie eingeschlafen war. Zwar wurde erst einmal protestiert, aber man hat erkannt, dass sie nicht darunter litt. Nach zwei Abenden wurde die Situation vollkommen akzeptiert. Weinte sie, gingen wir hinein und trösteten sie - wir gingen jedoch jedes Mal wieder raus und blieben in Hörweite. Noch sanfter kann man die Trennung vollziehen, in dem man die Distanz zum Bett verringert. Bei der sogenannten "Stuhlmethode" sitzt man anfangs neben dem Bett, begleitet das Kind wie gewohnt (bzw. wenn es daran gewöhnt ist, erst einmal ohne Körperkontakt) in den Schlaf. Jeden Tag rückt der Stuhl ein Stück in Richtung Tür, bis er dann außerhalb des Zimmers ist.

Der erste große Meilenstein ist geschafft, wenn das Kind es schafft einzuschlafen, ohne dass es uns in unmittelbarer Nähe spürt oder uns sieht. Dennoch kann es sich jederzeit rückversichern, dass man da ist. Nachdem sich die Situation eine Weile gefestigt hatte, begannen wir zu erklären, dass wir nunmehr nicht mehr "nebenan" sind, sondern im Wohnzimmer (in einer anderen Etage). Außerdem - und das ist wirklich unbedingt einen Versuch wert - denn bei uns war es der absolute Durchbruch - haben wir es ganz einfach als Tatsache hingestellt, dass unsere Tochter nunmehr definitiv das Alter erreicht habe, in dem Kinder alleine einschlafen können ("Du bist jetzt ein großes Mädchen - die können das einfach"). So wie Kinder das Alter erreichen, weil sie keine Windel mehr brauchen oder wo sie sich alleine anziehen können. Hätte mir das vorher jemand gesagt, ich hätte es nicht geglaubt: Das führte tatsächlich dazu, dass sie das ohne Diskussion hinnahm und einschlief.


Bei meinem Sohn (jetzt 3,75 Jahre alt) sind alle Versuche fehlgeschlagen, ihn zu bewegen, alleine einzuschlafen. Es gibt einfach Kinder, bei denen funktionieren bestimmte Dinge und andere, bei denen es keinen Weg gibt. Wir haben uns mittlerweile mit der Situation arrangiert und teilen uns die Einschlafbegleitung. Wir haben den Fehler gemacht, ihn zu früh hinzulegen, weil wir der Meinung waren, er sei müde. Das führte dazu, dass wir bis zu einer Stunde neben ihm lagen. Seitdem wir uns (etwas seufzend) eingestanden haben, dass wir da eher unsere Bedürfnisse als seine gesehen haben, warten wir einfach, bis er selbständig sagt: "Ich bin müde!" - dann dauert es meist auch wirklich nur noch 10 Minuten. Das ist eine Zeitspanne, die Eltern ganz sicher zuzumuten ist. Wir verbringen (aufs gesamte Leben bezogen) so wenig Zeit mit unseren Kindern - irgendwann werden wir uns glücklich daran zurück erinnern, wie unsere Kinder zufrieden und mit dem Gefühl von Sicherheit in unserer Nähe eingeschlafen sind. 

Warum kommen Kleinkinder nachts so oft noch ins Elternbett? 


Wenn Kinder nachts aufwachen, kann es sein, dass sie sich vor der Dunkelheit fürchten, oder, wenn sie sich vom Alter her gerade in der magischen Phase befinden, sogar vor Monstern unterm Bett. Diese Angst löst Stress aus, dieser Stress aktiviert das Bindungsbedürfnis. Das Kind wird, wenn es allein aus dem Bett aufstehen kann, also nicht von einem Gitterbettchen umgeben ist, aufstehen und sich auf den Weg zu seinem "sicheren Hafen" machen. Taps, taps, taps, nackte Füßchen auf dem Parkett, Tür auf, Tür zu und ...da ist ja das Bett der Eltern! Das Kind legt sich zu Mama und Papa, kuschelt mit ihnen und schläft sehr schnell wieder ein, denn das Bindungsbedürfnis wurde so auf einfachste Art und Weise befriedigt.

Sind die Kinder noch kleiner und liegen in einem Gitterbett, fangen sie in einer solchen Situation laut an zu weinen, um ihre Bindungsperson zu aktivieren. Sie stehen im Bettchen mit ausgestreckten Armen und wollen nur eins- hochgenommen werden. Erst dann sinkt der Stresspegel im Blut, das "Kuschel"-Hormon Oxytozin wird ausgeschüttet und bewirkt eine Entspannung und Beruhigung. 

Ab wann kann  das Kind alleine entscheiden, wann es schlafen geht? 


Warum es nicht einfach mal auf einen Versuch ankommen lassen? Wir haben es getan und unserer Tochtert mit etwa 3 Jahren erklärt, dass es in seinem Zimmer noch spielen könne, so lange es wolle - einzige Voraussetzung: Es wird im Zimmer geblieben. Das hat so gut funktioniert, dass wir das Konzept dauerhaft beibehalten haben.

Natürlich wurde das in den ersten Tagen ausgenutzt und gespielt, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Aber so wurde ein großes Stück Eigenverantwortung gelernt. Wer lange spielt, ist morgens müde - warum soll ein Kind diese Erfahrung nicht machen? Wenn ich es hundert mal gebetsmühlenartig aufsage, interessiert es das Kind gar nicht - wenn es die Erfahrung selbst macht, wird es verstehen, was ich meine.

Nach einer Woche hatte sich das Ganze so eingepegelt, dass mein Kind meist nur noch kurz spielte (und jeden Abend ganz stolz fragte "Darf ich heute wieder selbst entscheiden, wann ich ins Bett gehe?"). Mit 4 Jahren machte sie an 50% der Abende das Licht sofort aus, weil sie müde war, an 30% der Abende spielte sie noch etwa 10 Minuten, an 10% noch etwa 30 Minuten und an nur 10% aller Abende war sie länger auf. Offenbar hat sich da ein selbstregulierender Prozess eingependelt, der erstaunlich gut funktioniert. Das könnte für diejenigen Eltern eine Idee sein, die Wenigschläferkinder haben, aber gerne auch abends mal die eine oder andere Stunde für sich selbst.

© Danielle

Wie Bindung entsteht und warum sie wichtig ist



Bindung ist ein emotionales Band, welches zwei Menschen auf spezielle Art und Weise miteinander verbindet. Laut John Bowlby, dem Begründer der Bindungstheorie, werden alle Babys dieser Welt mit einer genetisch in uns verankerten Bereitschaft, sich eine Bindungsperson zu suchen, geboren. Denn nur, wenn es dem Kind gelingt, einen (erwachsenen) Menschen davon zu überzeugen, sich um sein Wohlergehen zu kümmern, kann es überleben. Schon die Kinder unserer urzeitlichen Vorfahren haben Bindungsverhalten wie Weinen, Anklammern und Nachlaufen gezeigt, um beim Weiterziehen der Horde nicht zurückgelassen zu werden. Das Aussenden von Bindungssignalen war und ist eine bedeutende Überlebensstrategie für unsere Kinder, die aufgrund ihrer extremen physiologischen Unreife bei der Geburt nicht in der Lage sind, ihren Müttern hinterherzulaufen, wie es beispielsweise Jungpferde tun (vgl. Brisch, 2010: 12, 21f).

Die Bindungsperson, die das Baby wählt, muss nicht mit ihm verwandt sein - es sucht sich schlicht und ergreifend diejenige Person heraus, die sich am verlässlichsten und am feinfühligsten um seine grundlegenden Bedürfnisse kümmert. Feinfühlig bedeutet in diesem Fall, die Signale des Babys richtig zu decodieren und zeitnah darauf einzugehen. Nicht nur Hunger, Müdigkeit, Schmerz und eine volle Windel werden von dem kleinen Menschlein zur Sprache gebracht, vielmehr geht es auch um Körperkontakt, Wärme und Schutz. Eltern von Neugeborenen (oder andere dem Kind nahestehenden Menschen) müssen zunächst durch Versuch und Irrtum herausfinden, was das Schreien zu bedeuten hat. Das Team ist noch nicht eingespielt, das macht aber nichts. In einem Wechselspiel zwischen Eltern und Kind lernen beide Seiten, die Signale sicherer zu entschlüsseln. Schon nach ein paar Wochen gelingt es den meisten Eltern/Bindungspersonen, anhand der Stimmlage des Weinens zu erkennen, ob das Baby müde oder hungrig ist, ob es sich langweilt oder es frustriert ist, weil es gerne sitzen möchte, das aber noch nicht schafft. Je besser diese Decodierung klappt, desto stärker wird das Band der Bindung zwischen Eltern und Kind (vgl. ebd., 2010: 23f).

Gelingt es den Eltern nicht, das Baby zu verstehen und feinfühlig auf seine Bedürfnisse einzugehen, wird es mit vermehrtem Weinen reagieren. Dieses endet letztendlich in einem fast panischen Zustand und überfordert das Regulationssystems des Säuglings. Es kommt zu einer durch Stress ausgelösten Erregung des sympathischen Nervensystems, welches für Kampf und Flucht verantwortlich ist. Leider hat ein Baby aufgrund seiner körperlichen Unreife noch keine Möglichkeit, aus der Situation zu flüchten, so dass das Gehirn in eine akute Krise gerät und ein Notfallprogramm einschaltet: Die Erregung im Nervensystem führt - wenn sie nicht durch die Hilfe der Bindungsperson durchbrochen wird (auf den Arm nehmen, beruhigen, an die Brust nehmen, schaukeln....) - zu einem Umschalten auf das parasympathische Nervensystem. Dieses verursacht (meist) eine schlaffe Erschöpfung des Kindes - es schläft ein (vgl. ebd., 2010: 36f).

Das ist übrigens auch der Grund, warum "Schlaflernprogramme" a la Jedes Kind kann schlafen lernen so "gut" funktionieren! Eine solche Lösung für eine stressvolle Situation ist zwar überlebenstechnisch wichtig, für eine gesunde emotionale Entwicklung jedoch problematisch, denn innerhalb dieses Notfallprogrammes wird das Gefühl der Angst vom Gehirn abgeschaltet. Noch viele Jahre später kann dies in Stresssituationen zu aufkeimender Panik oder Wut führen, welche nicht durch die äußeren Umstände zu erklären sind. Das Gehirn wird sozusagen durch kleinste Auslöser "erinnert" und reagiert unter Umständen über - Eltern werden wütend. Oft geschieht das zum Beispiel innerhalb der eigenen Mutter- oder Vaterrolle (vgl. ebd., 2010: 37).

Die Bindungspyramide 


Bindung geschieht vorwiegend im ersten Lebensjahr, hört dann aber nicht abrupt auf, sondern wird auch in den nächsten Entwicklungsjahren zu anderen Menschen entwickelt. Zunächst aber bindet sich das Kind an eine Hauptperson - in den meisten Fällen ganz klischeehaft die Mutter. Sie kann das Baby am besten beruhigen und wird bei angstvollen oder schmerzhaften Erfahrungen vom Kind bevorzugt.
Dieser Hauptbindungsperson untergeordnet sind andere Bindungsbeziehungen, beispielsweise zum Vater oder der Tagesmutter. Von ihnen lässt sich das Baby zwar durchaus auch beruhigen, wenn die Hauptbindungsperson nicht zur Verfügung steht, es dauert jedoch etwas länger (vgl. ebd., 2010: 24).

Wie entwickelt sich eine sichere Bindung? 


Es gibt verschiedende Faktoren, die eine sichere Bindung begünstigen:

  • Die Bindungsperson ist feinfühlig. Sie versteht die Signale des Babys richtig und reagiert schnell darauf.

  • Die Bindungsperson nimmt Blickkontakt auf. Durch das Anschauen des Gesichtes kann sie die Mimik und Stimmung des Babys ablesen; eine vorsprachliche Verständigung wird eingeleitet. Nehmen Bindungspersonen aufgrund einer Depression beispielsweise keinen Blickkontakt zum Baby auf, wird die Entwicklung der Bindung (zunächst) gestört.

  • Die Bindungsperson versteht die körperlichen Signale des Kindes. Sie nimmt Körperkontakt auf, wenn dieser vom Kind gewünscht wird, z. B. streicheln, stillen, massieren, im Arm halten und hört damit auf, wenn das Kind signalisiert, dass es nun genug hat, z. B. durch Wegdrehen des Kopfes oder Körpers bzw. Wegschieben der Hände der Mutter. Beim Kuscheln wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, welches dem Nervensystem hilft, auf Beruhigung und Entspannung umzuschalten.

  • Die Bindungsperson spricht mit dem Kind, indem sie dessen Gefühle und Stimmungen verbalisiert. Sie gibt dem Kind die Sicherheit, von ihr verstanden zu werden. Sie spricht nicht, wenn das Baby lautiert, sondern hört zu, und antwortet darauf mit leisen, zugewandten Äußerungen. Ein an das Baby gerichteter Schwall von Worten, die den Alltag beschreiben ("Jetzt schmiert sich Mama eine Stulle, denn es ist Frühstückszeit.") bringt für die Bindung rein gar nichts, da das Kind davon nicht emotional berührt wird. Nur ein Zusammenspiel von Sprache, Blick- und Körperkontakt kommt im emotionalen Zentrum des Gehirns wirklich an! (vgl. ebd., 2010: 29 ff)

Nun klingen diese Punkte ein wenig abstrakt und man fragt sich als Mutter unweigerlich - was heißt denn das nun für mich? Natürlich gucke ich mein Kind an, natürlich reagiere ich auf sein Weinen. Und trotzdem sind nicht alle Kinder sicher gebunden! Was kann ich also genau tun, damit mein Kind sicher an mich gebunden wird?

Bindung nach der Geburt 


Wenn man davon ausgeht, dass Bindung vorwiegend im ersten Lebensjahr geschieht (sie geht danach noch weiter, das Kind bindet sich nach und nach an verschiedene Personen), ist es gar nicht so schwer, diese zu erreichen: Das Kind wird geboren und der Mutter auf den Bauch gelegt. Waschen, Wiegen und Messen können warten, jetzt sind erstmal Mutter, Vater und Neugeborenes ganz für sich und können sich in Ruhe betrachten. Etwa 20 Minuten nach der Geburt ist der angeborene Saugreflex unserer Kinder am stärksten, wird es gleich angelegt, fördert das die Milchbildung und unterstützt die natürliche Fähigkeit des Kindes.

Nach ca. 50-60 Minuten nach der Geburt befinden sich Neugeborene in einem Zustand der ruhigen Aufmerksamkeit. Sie sind hellwach und nehmen neugierig ihre Umgebung auf. Damit sind sie in der idealen Stimmung für einen ersten Kontakt mit ihren Eltern. Alle betrachten und liebkosen sich ausgiebig, die Eltern flüstern dem Kind zu, wie lang erwartet es schon ist, das Kind guckt ernst und aufmerksam in ihre Gesichter. Danach schlafen die Neugeborenen ein. Diese erste halbe Stunde bis Stunde nach der Geburt bezeichnen Forscher deshalb auch als sensible Phase (vgl. Klaus, Kennell, 1987: 101). Hier werden erste wichtige Grundlagen für eine gute Bindung gelegt, zunächst einmal eher auf Seiten der Eltern, die, wenn sie ebendiese Zeit kurz nach der Geburt bekommen, sich vollständig auf ihr Baby einlassen und annehmen können.


Der weitere Aufbau der Bindung 


Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Eltern und Kind, die diese sensible Phase aufgrund äußerer Umstände verpasst haben (Adoption, Kaiserschnitt, Krankheit...) keine Chance auf eine sichere Bindung haben. Das wäre wirklich schlimm, ist aber nicht so. Der Mensch ist ein flexibles Wesen, er wäre längst ausgestorben, wenn das der Fall wäre. Aber es kann bedeuten, dass Eltern, die die sensible Phase verpasst haben, erst einmal tendentiell ungeschickter und hilfloser im Ungang mit ihrem Baby sein könnten, stärker Angst haben, es zu zerbrechen und mehr Schwierigkeiten beim Stillen erfahren könnten. Diese leichten "Kontakschwiergkeiten" können überwunden werden und werden es fast immer auch.

Sind die Eltern dann mit dem Kind zuhause, geht der Bindungsaufbau weiter. Ist das Baby wach und ausgeglichen, nimmt die Mutter es automatisch in eine En-Face-Position (Gesicht des Babys auf der selben Höhe, wie das der Mutter, der Abstand beträgt ca. 25cm), beide betrachten sich aufmerksam, ein nonverbaler Dialog entsteht (vgl. ebd. 1987: 80ff). Fängt das Kind an zu weinen, nimmt die Mutter (oder der Vater) es automatisch auf den Arm und bietet das allerwichtigste: Körperkontakt. Das Kind wird gestreichelt, liebkost, gewiegt und umarmt. Das Berühren der Körpervorderseiten von Mutter und Baby ist die Art von Körperkontakt, die ein Baby am besten beruhigt, deshalb nimmt eine Mutter, die selbst sicher gebunden ist, ihr Kind ganz natürlich in eine aufrechte Umarmungsposition. ( Stern, 1991: 45) Brust liegt an Brust (am allerbesten nackt), der Kopf des Babys liegt an der Schulter der Mutter, ihre Wangen berühren sich (ebd., 1991: 106). Das zentrale Nervensystem des Babys reagiert prompt - das Kind wird ruhig, da der Körperkontakt es tröstet und ihm Sicherheit verspricht.

Wenn möglich, wird das Kind in den ersten Wochen und Monaten getragen. Auf dem Arm oder im Tragetuch - überall, wo die Mutter ist, möchte das Kind auch sein. Es ist nicht verkehrt, sein Baby  abzulegen, vor allem dann, wenn die Mutter das Gefühl hat, sie braucht eine Pause. Ein Kind sollte aber nicht über mehrere Stunden allein im Bettchen, im Ställchen, in der Wippe oder unterm Spielebogen liegen gelassen werden, vor allem nicht in den ersten drei Monaten. Fängt das Kind an, sich mit den eigenen Füßen zu beschäftigen oder gezielt nach Sachen zu greifen, sind  Alleinspielphasen sogar wichtig. Man kann dann das Baby sehr wohl auf eine Decke neben sich in die Küche legen. Solange es zufrieden vor sich hin spielt, kann man sich unbesorgt dem Haushalt widmen oder duschen. Fängt das Kind aber an zu weinen, sollte die Mama auf das Bindungssignal ihres Kindes eingehen. Sie nimmt das Kind hoch, spricht leise und liebevoll mit ihm, schaukelt es ein wenig und kuschelt.

Schreien und weinen 


Ist das Baby in der abendlichen Schreiphase gefangen, gehen die Eltern auf das Schreien ein. Es ist normal, wenn sich die Eltern bei stundenlangem Schreien verzweifelt fühlen und es kommt häufig vor, dass dadurch Aggressionen hervorgerufen werden - die bindungsstarke Mutter schafft es aber, diese Impulse zu überwinden und für ihr Kind erreichbar zu bleiben. Es ist wichtig, hier noch einmal eindringlich zu betonen, dass Eltern, die von dem Weinen ihres Kindes emotional so gestresst werden, dass sie das Gefühl haben, sie tun ihrem Baby gleich etwas an, wenn es nicht aufhört, zu weinen, dieses am besten an einem sicheren Ort ABLEGEN und aus dem Zimmer gehen, um sich selbst beruhigen zu können. In einer solchen Situation geht das Leben des Kindes eindeutig vor, Bindung hin oder her.  Ich bitte aber alle, die diesen Text hier lesen und sich so fühlen, sich Hilfe zu holen.

Das gleiche gilt für nächtliches Weinen. Auch hier gehen Eltern, die eine sichere Bindung aufbauen wollen, immer prompt auf panisches Weinen ein. Am besten schläft das Kind in der Nähe seiner Eltern. Dort wacht es weniger oft auf und alle kommen zumindest in unterbrochenen Phasen zu einer Mütze Schlaf. Schreien lassen, auch in der Nacht, ist übrigens eins der effektivsten Mittel, um eine sichere Bindung zu verhindern (Brisch, 2010: 98f).

Stillen, Füttern und Spielen 


Beim Stillen geht die Mutter auf die Signale des Kindes ein. Wenn das Baby Hunger signalisiert (unruhig werden, Fäustchen in den Mund, Kopf suchend hin und her drehen) wird es angelegt bzw. ihm sein Fläschchen gegeben, egal, wie lange die letzte Mahlzeit her war. Ein Stillen/Fläschchen füttern nach Uhr ist einer sicheren Bindung eher abträglich. Eine sicher gebundenen Mutter erkennt schon die ersten Hungersignale - wenn das Baby vor Hunger anfängt zu weinen, hat es mindestens eine halbe Stunde lang schon subtil angedeutet, dass es an die Brust möchte.

Auch beim Füttern der Beikost erkennt die Mutter die Signale des Kindes. Dreht das Kind den Kopf weg oder lässt den Mund geschlossen, sagt es, dass es satt ist oder diesen Brei nicht möchte. Dann wird das Füttern beendet, egal, ob nur ein Löffel gegessen wurde oder ein ganzes Glas. Das Baby entscheidet selbst, wie viel es möchte!

Beim Spielen  oder anderer Interaktion erkennt die Mutter Unbehagen oder Überforderung. Dreht das Baby seinen Kopf zu Seite oder starrt Löcher in die Luft, ist es momentan überfordert und möchte seine Ruhe. Diese wird ihm gegeben. Ein Zurückdrehen des Kopfes oder anderes aufmerksamkeitserheischendes Verhalten (z. B. Schnipsen oder Rufen, um das Baby aus seinem Starren herauszulösen) sollte unterlassen werden. Nach bis zu 30 Sekunden kehrt das Baby sowieso aus seiner Ruhepause zurück und kann dann wieder liebevoll angesprochen werden.

Eine sicher gebundene Mutter spricht automatisch verändert mit ihrem Baby. Die Stimme wird angehoben, der Sprechrhythmus wird verlangsamt, der Klang der Worte gleicht einer Art Singsang. Harte Konsonanten werden abgeschwächt und so ganz natürlich den Hörbedürfnissen unserer Säuglinge angepasst. Nicht nur das, Stimmmodulation und -klang der sicher gebundenen Mutter  nimmt auch die Stimmung des Babys auf und formuliert diese für es neu ( Stern, 1991: 75). So fühlt sich das Baby akzeptiert und verstanden. Mutter und Kind werfen sich gegenseitig Gurrlaute zu, die Mutter wartet, bis das Kind zuende "gesprochen" hat und antwortet ihrerseits auf die Lautäußerungen. Dieser Dialog gleicht einem Tanz, bei dem Mutter und Kind ganz beieinander sind und den Rest der Welt für einen Augenblick vergessen (vgl. ebd.., 1991: 124). Ein solches Zwiegespräch fördert die sichere Bindung ungemein. 


Ich denke, es ist jedem klar, dass ich hier gerade das Bild einer idealen Mutter gezeichnet habe. Kein Mensch schafft es, immer und überall gelassen und feinfühlig auf sein Kind einzugehen. Es ist auch nicht so, dass eine einzige "schlechte" Reaktion der Eltern zu einer Bindungsstörung führen. Es ist von der Natur eingerichtet, dass ein Baby, das nach Bindung sucht, auch mit Rückschlägen fertig wird. Sonst wären automatisch alle Zweit- und Drittgeborenen unsicher gebunden, da es bei mehreren Kindern natürlich vorkommt, dass eins davon abwarten muss, wenn das andere gerade gewickelt oder zu Bett gebracht wird. Dem ist nicht so! Es schadet der Bindung nicht, wenn ein Kind kurze Zeit allein weinen muss, weil die Mutter gerade nicht kommen kann. Wichtig ist einfach der Versuch, auf das Kind angemessen zu reagieren und die Bedürfnisse korrekt zu entschlüsseln  (vgl. ebd, 2010: 93). Dass das nicht immer möglich ist, dürfte jedem verständlich sein. Es ist wichtig, dass das Kind nicht absichtlich weinen gelassen wird, um die elterlichen Wünsche durchzusetzen ("Lass es schreien, es muss lernen, dass es dich nicht tyrannisieren darf!") Insgesamt kommt es darauf an, die Menge der feinfühligen Reaktionen größer zu halten, als die der unangemessenen Reaktionen. Wer sein Kind nicht absichtlich schreien lässt, ist da schonmal auf einem guten Weg....

Wozu braucht ein Kind eine sichere Bindung? 


Dass das Bedürfnis nach Bindung für ein Kind ebenso bedeutsam ist, wie die Nahrungsaufnahme und das beständige Erforschen seiner Umwelt, wurde im einführenden Absatz dieses Artikels schon angedeutet. Neuste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass eine sichere Bindung ein entscheidender Faktor für die Entwicklung von Beziehungsfähigkeit ist. Grundlegende Muster für das Verhalten innerhalb von Beziehungen werden somit in den ersten entscheidenden Lebensjahren gelegt.

Das bedeutet zwar nicht, dass ein Kind, welches einen frühkindlichen Beziehungsabbruch seitens der Eltern erleiden musste, nie in der Lage sein wird, eine stabile Beziehung im Erwachsenenalter aufzubauen, aber man kann davon ausgehen, dass dies diesem Kind weitaus schwerer fallen wird, als einem Kind, das beim Heranwachsen auf einen verlässlichen emotionalen Hafen zurückgreifen konnte. Bindung ist keine Prägung - sie kann, mit viel Mühe auf allen beteiligten Seiten auch später noch aufgebaut werden, um eine gesunde emotionale Entwicklung zu durchlaufen.

Auch beim Lernen spielt eine sichere Bindung eine große Rolle. Ein Kind, das in einer neuen Situation Angst hat und ohne Bindungsperson auskommen muss (zum Beispiel bei der Eingewöhnung im Kindergarten), kann keine neuen Informationen aufnehmen. Durch den entstandenen Stress sind die Funktionsfähigkeit des Gedächtnisses und der Konzentration eingeschränkt. Das Kind ist in einer solchen Situation eigentlich die ganze Zeit damit beschäftigt, seine Bindungsperson zu suchen, um das angstvolle Gefühl loszuwerden. Platz für Bildungsangebote ist zu diesem Zeitpunkt nicht im Gehirn. Erst wenn die Mutter als Hauptbindungsperson wieder da ist, kann das Kind beruhigt den Raum erkunden. Es ist demnach absolut notwendig, dass das Kind auch eine Bindung zu der Erzieherin aufbaut, um trotz der Abwesenheit der Hauptbindungsperson in der Lage zu sein, Neues zu erlernen. Da so ein Bindungsaufbau einige Zeit dauert, sollte die Eingewöhnung zeitlich großzügig geplant werden (vgl. Brisch, 2010: 27ff).

Als weiterer Vorteil einer guten Bindung sei angeführt, dass Kinder, die als Babys eine sichere Bindung aufgebaut haben, im späteren Leben auf Belastungen psychisch weitaus stabiler reagieren, als unsicher gebundene. Sie haben schon in jungem Alter gelernt, Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Da Babys noch nicht in der Lage sind, sich in Stresssituationen selbst ausreichend zu beruhigen, sind sie zunächst einmal auf Fremdregulierung angewiesen. Zusammen mit der Hauptbindungsperson werden angstvolle Begebenheiten überwunden. Durch zärtliche Berührungen, gewiegt werden, Blickkontakt und beruhigende Worte lernt das Kind ganz automatisch Techniken zur Stressbewältigung und seine Fähigkeit zur Selbstregulation wächst (vgl. ebd, 2010: 38).

Welche Arten von Bindung gibt es? 


Der Begriff "sichere Bindung" geistert bereits durch den allgemeinen Sprachgebrauch der Mamas und Papas in Foren und Spielgruppen. Meist ist sich jedoch keiner so richtig sicher, was sichere Bindung eigentlich genau bedeutet. Und gibt es noch andere Bindungsarten?

Ja, die gibt es. Man kann sie am Ende des ersten Lebensjahres sehr gut erkennen und unterscheiden, wenn ein Kind in diesem Alter kurz bei einer fremden Person gelassen wird und die Mutter geht weg. Ich möchte jedoch, bevor ich sie aufzeige, nochmal betonen, dass die meisten unserer Babys sicher gebunden sind. Heutzutage gibt es nur noch wenige Eltern, die ihre Kinder in den Schlaf schreien lassen oder an seinen Bedürfnissen vorbei handeln, indem sie beispielsweise Trennungen ohne sanfte Vorbereitung durchführen.

Wer also meint, sein Kind in den Beschreibungen der anderen Bindungsarten wiederzufinden, sollte noch einmal ganz genau den Absatz lesen, in dem beschrieben wird, wie eine sichere Bindung aufgebaut wird - wer das so macht, kann eigentlich nur ein sicher gebundenes Kind haben. Vermutlich verhält es sich eher so, wie beim googeln von Krankheitssymptomen: man findet immer irgendeine schwerwiegende, tödliche Krankheit, die mit den eigenen Symptomen konform geht, dabei hat man meist nur einen simplen Infekt.

Sichere Bindung 


Ein sicher gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von der Hauptbindungsperson mit akutem Stress, welcher sich durch Weinen oder Wüten bemerkbar macht. Das Kind versucht aktiv, wieder zur Bindungsperson zu kommen. Es läuft oder krabbelt hinterher, klammert sich fest oder ruft laut nach Mutter oder Vater. Wird es mit der Bindungsperson wieder vereint, möchte es gern tröstend auf den Arm genommen werden, es kuschelt sich ein und beruhigt sich relativ schnell. Nach der Beruhigung ist es emotional so stabil, dass es im Beisein der Bindungsperson zurückkehrt zum Spiel, ein Körperkontakt ist dann nicht mehr nötig (vgl. ebd, 2010: 40f).

Wie eine sichere Bindung entsteht, habe ich schon im oberen Teil des Artikels beschrieben. Mir ist wichtig, zu betonen, dass es normal ist, wenn Eltern die Signale des Kindes nicht immer richtig entschlüsseln können. Allein schon das Bemühen um ein Verstehen und die einhergehende gefühlsmäßige Zuwendung wird vom Kind positiv wahrgenommen. Es merkt, dass seine Bindungspersonen emotional verfügbar sind und es nicht in angstvollen Situationen allein lassen.

Unsicher-vermeidende Bindung 


Ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von seiner Hauptbindungsperson mit nur wenig oder gar keinem Weinen und Anklammern. Es scheint, als ob es die Trennung nicht registriert, ja, es wirkt nach außen sogar zufrieden und autonom agierend. Es kann problemlos bei verschiedenen Betreuungspersonen abgegeben werden und braucht keine langen Eingewöhnungszeiten.

Kommt die Hauptbindungsperson zurück, wird sie von einem unsicher-vermeidend gebundenen Kind nicht begrüßt. Trotzdem es sie gesehen hat, spielt es weiter, dreht sich vielleicht sogar von ihr weg. Es zeigt keine Freude, keine Erregung, möchte nicht auf den Arm genommen werden (vgl. ebd, 2010: 43) .

Das Kind hat innerhalb des ersten Lebensjahres gelernt, dass es, wenn es Angst verspürt und weint, von seiner Bindungsperson dafür eher zurückgewiesen wird. Seine Eltern möchten es nicht verwöhnen, es soll mit Stress allein zurechtkommen - schließlich muss es das im späteren Leben auch. Sie vermeiden es daher, Weinen mit Körperkontakt zu beantworten. Wenn überhaupt, wird das Weinen sprachlich begleitet (vgl. ebd, 2010: 44).

Die Kinder lernen, ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung in angstvollen Situationen zu unterdrücken, weil es nur, wenn es den Wünschen der Eltern nach funktioniert, einen positiven Kontakt mit der Bindungsperson aufrecht erhalten kann. Die Mutter wendet sich dem Kind dann zu, wenn es brav ist und leise, also versucht das Kind, sich so gut es geht selbst zu regulieren. Solche Kinder zeigen weitaus häufiger als sicher gebundene Kinder Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen und Schlafstörungen, da der erlebte und unterdrückte Stress nicht einfach verschwindet. Er sucht sich einen anderen Weg raus aus dem Körper (vgl. ebd, 2010: 44f).

Eltern mit unsicher-vermeidend gebundenen Kindern haben oftmals selbst in ihrer Kindheit erlebt, dass sie in stressvollen Situationen nicht getröstet wurden. Ihre Eltern (also die jetztigen Großeltern) gaben ihnen stattdessen Antworten wie: "Das ist doch nicht so schlimm! Reiß dich mal zusammen! Ein Junge weint nicht! Selber schuld, wenn du da lang läufst! Wer nicht hören will, muss fühlen!". Oder sie mussten es lange aushalten, in der Nacht alleine zu sein und zu weinen, vielleicht wurde sogar mit ihnen geschimpft, weil sie in dieser Situation immer wieder nach ihren Eltern riefen. So haben diese Eltern sehr früh gelernt, Bindungssignale nicht mit Trost und Schutz, sondern mit Ignorieren, Bagatellisieren, Abweisung und Schuldvorwürfen zu beantworten und geben dies nun (unbewusst) an ihr eigenes Kind weiter. Warum unsere Eltern und Großeltern so reagieren erkläre ich übrigens in der Artikelreihe "Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern" (vgl. ebd, 2010: 46).

Hinweis: Wenn du dein Kind aus dem Kindergarten abholst und es kommt nicht freudig auf dich zugerannt, sondern dreht sich um und will weiterspielen oder weint bei deinem Anblick sogar los, bedeutet das nicht, dass dein Kind unsicher-vermeidend gebunden ist! Es bedeutet nur, dass es den Kindergarten mag und weiterspielen will. Denn ob ein Kind unsicher-vermeidend gebunden ist, erkennt man nur in dem oben schon erwähnten Fremden-Setting, also, wenn das einjährige Kind zum Spielen bei einem Fremden gelassen wird. Ein Setting im Kindergarten ist etwas völlig anderes, da das Kind sich dort geborgen fühlt, da es ja zu seinen Erzieherinnen bereits Bindungen aufgebaut hat.

Unsicher-ambivalente Bindung 


Ein unsicher-ambivalent gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von seiner Hauptbindungsperson mit sehr deutlichen Stresssignalen. Es ruft und weint sehr laut und läuft seiner Mutter hinterher. Es ist in dieser Phase nicht zu unterscheiden von einem sicher gebundenen Kind. Kommt die Bindungsperson zurück, zeigt sich jedoch der Unterschied: Nimmt die Mutter das Kind tröstend auf dem Arm, dauert es sehr lange, bis es sich beruhigt. Es zeigt einerseits den Wunsch nach Nähe und klammert, andererseits signalisiert es, dass es von der Mutter wegmöchte. Es sendet widersprüchliche Signale, was für die Mutter sehr anstrengend ist, denn das endet meist in einer Art Tanz aus auf den Arm wollen und wieder runtergelassen werden wollen.

Dieses Verhalten legen unsicher-ambivalent gebundene Kinder deshalb an den Tag, weil sie von ihrer Bindungsperson häufig widerspüchliche  Botschaften erhalten. Die Mutter nimmt das Kind zwar liebevoll auf den Arm, wenn es nach einer Stresssituation zu ihr kommt, sagt aber dabei immer wieder: "Nun ist aber gut. So schlimm war es nicht." Dann tröstet sie ihr Kind weiter mit den Worten: "Alles ist gut, ich bin ja da." und sendet so widersprüchliche Doppelbotschaften.  Das Problem dabei ist, dass das Kind nie genau weiß, wann und in welcher Weise die Mutter reagieren wird. Manchmal reagiert sie mit Zuwendung, manchmal mit Zurückweisung, manchmal mit beidem gleichzeitig. Beruhigt die Mutter es auf dem Arm, wird das Bindungsbedürfnis befriedigt, spricht sie aber gleichzeitig Vorwürfe aus ("Ich hab doch gesagt, du sollst aufpassen!"), wird das Bindungsbedürfnis wieder aktiviert und das Kind weint erneut los. Dieses Hin und Her erklärt, warum unsicher-ambivalent gebundene Kinder so lange zur Beruhigung brauchen (vgl. ebd, 2010: 48f).

In der Regel zeigen unsicher-ambivalent gebundene Kinder weniger Explorationsverhalten als andere, weil sie von ihren Bindungspersonen nicht so dazu ermutigt werden. Die Mutter betont die Gefahren eines Erkundungsverhaltens stärker, als den Nutzen, weil sie selbst Angst hat, dass dem Kind etwas passiert. Da ist es nicht verwunderlich, wenn die Strecken, die diese Kinder sich von der Mutter entfernen viel kürzer sind, als bei bindungssicheren Kindern. Sie haben schon bis zum Ende des ersten Lebensjahres gelernt, dass, wenn etwas schief geht und sie sich weh tun, zwar von ihren Bindungspersonen getröstet, gleichzeitig aber für sein forsches Erkunden ausgeschimpft werden. Sie können nicht damit rechnen, eindeutig und unmissverständlich getröstet zu werden. Das Kind stellt sich demnach auf die Ängste seiner Mutter ein und erkundet weniger. Es bleibt in ihrer Nähe sitzen und gibt vor, nicht daran interessiert zu sein, seine Umwelt zu erkunden (vgl. ebd, 2010: 51f). 

Desorganisierte Bindung 


Ein desorganisiert gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von seiner Hauptbindungsperson mit Weinen und Protest, bei der Rückkehr ebendieser zeigt es jedoch auffällige, sehr widersprüchliche Verhaltensweisen. Es läuft freudig auf die Mutter zu, bleibt dann aber vielleicht plötzlich stehen und erstarrt, oder dreht sich sogar um und läuft weg. Oft werden auch bestimmte Bewegungsmuster, zum Beispiel Handkreisen wiederholt, manchmal wirken die Kinder für kurze Momente wie weggetreten.

Desorganisiert gebundene Kinder haben zumeist Eltern, die mit einem unverarbeiteten Trauma belastet sind. Zumeist sind sie zwar emotional zugewandt, sie beschützen und versorgen ihr Kind liebevoll. In Momenten jedoch, in denen die negativen Gefühle des unverarbeiteten Traumas getriggert werden, können die Eltern nicht feinfühlig auf das Kind reagieren. Sie wirken  in diesen Situationen eher bedrohlich und beängstigend, das Kind schwankt also immer zwischen Sicherheit und Angst hin und her. Desorganisierte Bindungsmuster sind mit einem großen Risiko einer psychischen Erkrankung verbunden, es ist daher unabdingbar, dass die Eltern für sich und für ihr Kind psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen (vgl. ebd, 2010: 57ff).

Bindungsstörungen 


Bindungsstörungen entstehen, wenn Babys schon im ersten Lebensjahr verschiedene Formen von Gewalt wie emotionale Vernachlässigung, Schläge, verbale Kränkungen, häufige abrupte Trennungen, sexuelle Übergriffe oder auch Gewalt zwischen den Eltern erfahren (vgl ebd., 2010: 61).

Undifferenzierte Bindungsstörung 


Wächst ein Kind emotional vernachlässigt auf, d. h. hat es keine Bindungsperson, die sich auf es einlässt, seine Signale entschlüsselt und darauf reagiert, werden die Wachstumshormone sowie die Hormone, die im Gehirn Verbindungen zwischen den Nervenzellen herstellen nicht ausreichend gebildet.  Die Säuglinge und Kleinkinder sind meist kleiner und haben einen geringeren Kopfumfang

Sie nehmen mit jedem Fremden distanzlos Körperkontakt auf, gehen mit ihm mit und nennen ihn bisweilen sogar sofort "Mama" oder "Papa". Sie suchen bei allen verfügbaren Personen Schutz und Nähe, es kann in diesem Fall aber nicht von einer Bindungsbeziehung gesprochen werden, da die Wahl beliebig ist.

Intensive Spieltherapie ist nötig, damit ein Kind das Muster einer undifferenzierter Bindungsstörung zugunsten eines spezifischeren Bindungsmusters aufgibt. Man erkennt diesen Wandel daran, dass Trennungssituationen für die (Adoptiv-/Pflege-)Mutter anstrengender werden. Das Kind läuft nicht mehr einfach so sorglos in den Kindergartenraum hinein, sondern fängt an, gegen die Trennung zu protestieren. Das sollte als großes Lob an die Mutter angesehen werden, denn es zeigt auf, dass das Kind emotional heilt (vgl. ebd., 2010: 61f).

Bindungsstörung mit Hemmung des Bindungsverhaltens 


Kinder, die durch ihre Bindungsperson körperliche oder seelische Gewalt erfahren haben, können in angstvollen Situationen nicht auf diese zurückgreifen, um sich durch Körperkontakt mit ihr wieder zu beruhigen. In angstvollen Situationen stehen sie laut weinend vor ihrer Mutter oder ihrem Vater und werden von diesen entweder ignoriert oder für diese "Ruhestörung" gezüchtigt. Sie haben ein großes Problem - einerseits haben sie massive Angst vor ihrer Bindungsperson, andererseits gibt es keine andere Person in ihrer Nähe, als die, die sie bedroht. Sie binden sich daher in ihrer Not in pathologischer Art und Weise an den Täter. Auch hier ist intensive psychologische Beratung und Therapie dringend angezeigt - für Kind und Eltern (vgl. ebd., 2010: 63ff).

Bindung in der Autonomiephase 


Das Trotzalter - besser Autonomiephase genannt - ist die Zeit, in der sich das Kind von seiner Hauptbindungsperson lösen möchte und muss, um zu einem selbstbewussten, eigenständigen kleinen Menschlein heranzuwachsen. Dieses Loslösen ist verbunden mit sehr viel Stress und Geschrei auf allen Seiten. Schön ist das sicher nicht. Aber notwendig. Viele Eltern fragen sich, warum die Kinder vorwiegend bei ihnen trotzen und nicht zum Beispiel bei den Erzieherinnen im Kindergarten oder bei Oma und Opa. Die Erklärung ist simpel: Weil die Kinder im Sinne der Bindungspyramide zuallerrst an ihre Eltern gebunden sind - und sich eben von diesen auch lösen müssen!

Ein sicher gebundenes Kind traut sich, zu trotzen, weil es weiß, dass es von seinen Eltern mit all seinen Facetten angenommen wird. Unsicher gebundene Kinder wiederum lassen die Trotzphase sogar oftmals aus... 

Wenn ein Kind "bockt", "fordert" oder "außer Kontrolle" ist, sollten Eltern verstehen lernen, dass dieses Verhalten nicht darauf abzielt, sie absichtlich zu ärgern. Es bedeutet nur, dass das Kind damit überfordert ist, seine Gefühle in diesem Moment selbst zu regulieren. Es sagt: "Bitte hilf mir, diese überwältigenden Gefühle auszuhalten. Bleibe mit mir in Kontakt und zeige mir einen Weg heraus aus der Wutspirale. Ich schaffe das alleine nicht, bitte komm und hilf mir durch Begleitung und Körperkontakt, meiner Gefühle wieder Herr zu werden!" (Brisch, 2010: 148). Das ist wichtig zu wissen, da uns die Stimmen unserer Eltern und Großeltern gerne einflüstern, dass uns unsere Kinder mit solchem Verhalten manipulieren oder mit Absicht terrorisieren wollen. Aber wenn ein Kind eine Grenze aufgezeigt bekommt und "Nein!" hört, ist es doch nur zu verständlich, dass darauf zunächst ein deutlicher Ausdruck der Frustration kommt? Es ist einfach enttäuschend, seinen Forschungsdrang und momentanen Wunsch nicht ausleben zu können und es ist nicht leicht, gesetzte Grenzen zu akzeptieren (vgl. ebd. 2010: 148).

Viele Eltern reagieren bei einem Trotz- oder Wutanfall gleich: Das Kind wird mit seiner Wut allein gelassen. Es soll sich "ausbocken", am besten in seinem eigenen Zimmer, man kommt ja sowieso mit Worten nicht durch den dichten Nebel, den das Kind in einer solchen Situation umgibt. In den Arm genommen wollen werden die Kinder auch nicht, sie stoßen ihre Eltern immer weg.

Ich kann verstehen, wenn Eltern sagen, dass sie bei Wutanfällen so reagieren. Es ist bei vielen Eltern so, dass sie ihr wütendes Kind selbst aufregt und sie die Emotionen selbst schlecht aushalten können. Ich habe ja schon in meinem Artikel Wenn Eltern wüten beschrieben, dass es mir oft genauso geht. Dass ich gerne weggehen möchte, wenn eins meiner Kinder trotzt, dass ich meine Ruhe will und es schlecht ertragen kann, dann selbst von Gefühlen wie Angst, Wut und Trauer übermannt zu werden. Es ist aber wichtig, die Geister der Vergangenheit zu überwinden und dem eigenen Kind solche Beziehungsabbrüche zu ersparen!

Es ist schon seltsam: Wenn unsere Kinder hinfallen, dann nehmen wir sie ganz selbstverständlich in den Arm, um den Schmerz wegzutrösten. Wenn unsere Kinder sich laut schreiend hinter unseren Beinen verstecken, weil ein großer Hund vorbeiläuft, nehmen wir ihre Ängste ernst, beugen uns zu ihnen herunter und zeigen ihnen vieleicht sogar, wie man diese Angst überwinden kann. Wenn unsere Kinder nachts aufwachen und weinen, nehmen wir sie natürlich mit in unser Bett, um die Panik durch den Albtraum durch Körperkontakt zu verringern. Aber in einem Wutanfall, in dem unsere Kinder all diese Gefühle auf einmal erleben müssen - Wut, Trauer, Enttäuschung, Angst, Selbstzweifel - da lassen wir sie allein? Warum?

Weil wir nicht wissen, wie wir reagieren sollen. Niemand hat es uns je gezeigt. Viele von uns wurden selbst ins Zimmer geschickt und musste da mit ihrer Wut selbst klar kommen. Es ist natürlich richtig, dass es schwierig ist, ein in Krise befindliches Gehirn mit Worten zu erreichen und ja, häufig wollen Kinder während eines Wutanfalls nicht in den Arm genommen werden. Es ist aber durchaus möglich, dem Kind auch während eines Wutanfalls zugewandt zu bleiben und es durch Worte zu beruhigen. Ich finde, man sollte es zumindest versuchen. So fördern wir weiterhin eine gute Bindung und stärken unsere Kinder.

Weitergabe von Bindungserfahrungen 


Selbst erfahrene Bindungsmuster werden in der Regel von Generation zu Generation weitergetragen. Das ist schön und richtig im Falle einer sicheren Bindung, problematisch aber bei anderen Arten von Bindung oder sogar Bindungsstörungen. Man kann seine eigenen Bindungsmuster "überschreiben" und ein feinfühliges Eingehen auf die eigenen Kinder erlernen. Das bedeutet aber, dass man sich mit seiner eigenen Bindungsgeschichte intensiv auseinandersetzt. Bringt man traumatische Kindheitserfahrungen mit in die Mutter- und Vaterrolle, sollten diese frühzeitig, möglichst schon in der Schwangerschaft, durch professionelle Hilfe bewusst gemacht und verarbeitet werden (Brisch, 2010: 65f).

Buchcover SAFE von BrischDas Programm "SAFE - Sichere Ausbildung für Eltern" hat sich zum Ziel gesetzt, Eltern schon mit Beginn der Schwangerschaft und durch das erste anstrengende Jahr der Elternschaft hindurch zu unterstützen. Kurse findet man im Internet, z. B. hier: SAFE.

Wer sich zuhause intensiver mit dem Thema Bindung auseinandersetzen möchte, dem sei dieses Buch von Karl-Heinz Brisch empfohlen. Dieser Blog-Artikel beruht fast ausschließlich auf dem Buch von Karl Heinz Brisch, alle von mir referierten Inhalte sind darin wiederzufinden. Weiterhin referiert wurde aus den Büchern Klaus, M.-H., Kennell, J.-H. (1987): Mutter-Kind-Bindung. Über die Folgen einer frühen Trennung - München (dtv) und Stern, D.-N. (1991): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. München (Piper), 3. Auflage. Referierte Stellen wurden im Text gekennzeichnet.

© Snowqueen

Durchfall und Erbrechen - Magen-Darm-Infekte bei Babys und Kleinkindern


Magen-Darm-Erkrankungen kommen in den ersten Lebensjahren leider verhältnismäßig oft vor. Sie werden meist von Viren und gelegentlich (ca. in 20% der Fälle) von Bakterien verursacht. In der Regel verläuft die Infektion harmlos, es gibt jedoch auch schwere Verläufe, die einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machen können.

Einen Magen-Darm-Infekt erkennt man meist recht schnell - das Kind erbricht mehrfach, schwallartig und in großen Mengen. Dazu kommt in vielen Fällen mehrmals täglich übel riechender, breiiger bis wässriger Stuhl. Die Kinder sind schlapp, blass und müde, klagen über Bauchschmerzen. Oft ist der Wärmehaushalt durcheinander - Kinder sollten daher gut gewärmt, aber nicht überhitzt werden. Auch Fieber kann auftreten; langes hohes Fieber ist ein Zeichen für eine Salmonelleninfektion. Üblicherweise dauert die Erkrankung 3 bis 7 Tage, sie kann sich in Ausnahmefällen aber auch länger hinziehen. Insbesondere Durchfall kann hartnäckig sein. Je jünger das Kind ist, desto größer ist die Gefahr der Austrocknung durch den anhaltenden Flüssigkeitsverlust (Dehydrierung). 

Wann sollte man bei Durchfall und Erbrechen umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen?


Erbrechen und Durchfall sind so lange unproblematisch, wie das Kind genügend Flüssigkeit aufnimmt. Erbricht es über Stunden auch Wasser wieder, droht eine Austrocknung. Diese erkannt man an folgenden Symptomen:
  • trockener Mund, 
  • eingefallene Fontanelle, 
  • tiefliegende Augen, 
  • ausbleibende Tränen, 
  • nach Aceton riechender Atem (wie Nagellackentferner), 
  • weniger als 6 nasse Windeln am Tag, 
  • Teilnahmslosigkeit, 
  • tiefe Atmung durch den Mund, 
  • blasse Haut.

Zieht man die Haut am Bauch mit Daumen und Zeigefinger zu einer Falte und bildet diese sich durch den reduzierten Spannungszustand nicht umgehend zurück und bleibt kurz bestehen, dann besteht dringender Handlungsbedarf - es sollte umgehend ein Krankenhaus aufgesucht werden! Hier gilt im Zweifel: Lieber zu früh fahren, als zu spät - wenn die Symptome so eindeutig sind, ist die Austrocknung schon weit fortgeschritten. 

Maßgeblich ist vor allem die Flüssigkeitsaufnahme - zeigt das Kind kaum Austrocknungs-Symptome, trinkt aber nicht, sollte man es unbedingt trotzdem ärztlich vorstellen. Als Grundregel gilt: Kinder bis 4 Monate benötigen etwa 700 ml Milch, zwischen 4 und 12 Monaten sollten 500-700 ml Milch und 100 bis 600 ml andere Getränke getrunken werden.

Kleiner Tipp: Trinkt das Kind schlecht, kann man versuchen, es aus dem Schlaf aufzuwecken - noch schlaftrunken trinken viele Kinder mehr, als im wachen Zustand! Auch süßen ist jetzt erlaubt - Traubenzucker sollte man immer vorrätig haben.

Ebenso sollte man das Kind sofort einem Arzt vorstellen, wenn es sich länger als 6 Stunden hintereinander übergibt oder an Durchfall leidet, teilnahmslos wirkt, Nackensteifigkeit auftritt, krampfartige Bauchschmerzen auftreten, der Bauch geschwollen ist sowie wenn Blut, Eiter  oder Galle erbrochen wird. Erbrochene Galle (gras- bis dunkelgrüne Farbe) kann auf einen Darmverschluss hinweisen (Lebensgefahr!). In diesen Fällen sollten Proben des Erbrochenen für etwaige Untersuchungen aufbewahrt werden. Auch bei azetonämischen Erbrechen muss sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Dabei übergibt sich das Kind pausenlos 40 bis 50 Mal, der Atem riecht nach Essig oder Apfel.

In allen anderen Fällen ist es ausreichend, das Kind in der Sprechstunde am nächsten Tag beim Kinderarzt vorzustellen. 

Was kann das Kind bei Erbrechen und Übelkeit essen? 


Geeignete Nahrung für Säuglinge 


Für Stillkinder ist immer Muttermilch ideal - diese kann immer angeboten werden - vorzugsweise häufig und in kleinen Portionen. Flaschenbabys sollte zunächst löffelweise alle 2-3 Minuten Wasser gegeben werden. Bleibt das Wasser im Magen, kann alle 30 Minuten Wasser oder eine Elektrolytlösung (z. B. Oralpädon, Santalyt) angeboten werden. Wird auch diese nicht wieder erbrochen, kann man abwechselnd Wasser und Elektrolytlösung anbieten - ungefähr 30-50 ml alle 15-30 Minuten.

Die Getränke sollten gekühlt gegeben werden, das vermindert den Brechreiz. Sie können auch mit stark verdünntem Apfelsaft vermischt werden - die Elektrolytlösungen schmecken sehr salzig. Hat man keine Eletrolytlösung zur Hand, sollte unbedingt zusätzlich Traubenzucker im Wasser aufgelöst werden, da eine Übersäuerung des Blutes zu azetonämischen Erbrechen führt.

Zur Verbesserung des Mineralstoffhaushaltes, kann auch folgendes Getränk zusammengemischt werden: 1 Liter dünner Tee mit 7 EL Traubenzucker und ein halber Teelöffel Salz. Hat das Baby die Flüssigkeit ebenfalls bei sich behalten, kann dann 50 ml zu 50% verdünnte Milchnahrung in regelmäßigen Abständen angeboten werden.

Wenn sich das Kind 12 Stunden nicht übergeben hat, kann die Fütterung wie gewohnt erfolgen; Flaschenmilch wird normalerweise gut vertragen, sollte aber zunächst verdünnt werden (ca. anfangs etwa die Hälfte des Pulvers  je Flasche, täglich um einen Löffel bis zur gewohnten Dosis steigern). Verträgt das Baby die Milch nicht, kann man auch Heilnahrung anbieten. Zwar ist die Wirkung umstritten (bzw. der Nutzen - schaden kann sie in jedem Falle nicht) - gelegentlich vertragen Kinder die Heilnahrung aber besser, als die übliche Flaschenmilch.

Zur Unterstützung der Genesung eignet sich für Babys Fencheltee, ab 8 Monaten Heidelbeertee und verdünnter Kamillen-, Malven- oder Schwarztee (wirkt gegen Durchfall), für Kinder ab einem Jahr auch Melissen-, Kümmel-, (unverdünnter) Kamillen-  oder Gänsefingerkrauttee. Pfefferminztee ist wegen des Gehalts an Menthol erst ab 3 Jahren geeignet! Cola ist - entgegen landläufiger Meinung - grundsätzlich ungeeignet. 

Geeignete Nahrung für ältere Kinder (ab 8 Monaten)


In den ersten 6 bis 12 Stunden nach dem Erbrechen sollte keine feste Nahrung angeboten werden - es sei denn, das Kind verlangt danach. In der Regel wird über eine geraume Zeit erst einmal die Nahrung komplett verweigert - es besteht kein Grund zur Besorgnis. Wichtig ist allein die Flüssigkeitsaufnahme. 
      
Als erste Mahlzeiten eignen sich gegarte Karotte, geriebener angebräunter Apfel (das oxidierte Pektin stopft), Heidelbeeren (pektinreich) und Banane. Ebenso gut geeignet sind komplexe Kohlenhydrate wie Kartoffelbrei (ohne Milch und Butter), Nudeln, Reis (bindet viel Flüssigkeit), Toast, Brezeln, Knäckebrot, Zwieback, Hafer- oder Reisschleim, Salzstangen, Kartoffelsuppe und Hühnerbrühe. 

Mittlerweile ist man der Ansicht, dass eine besondere Schonkost nicht erforderlich ist, Kinder scheinen instinktiv zu erfassen, welche Nahrung für sie gerade am besten geeignet ist. Dennoch ist es unschädlich, mit einer gewissen Behutsamkeit den Magen-Darm-Trakt wieder an Nahrung zu gewöhnen. Meiden sollte man in den ersten Tagen nach der Erkrankung dennoch zunächst Milchprodukte sowie fette, ballaststoffreiche und stark zuckerhaltige Speisen sowie reine Säfte bzw. säurehaltiges Obst. Breie werden vorübergehend ohne Öl gegeben, da dieses auch stuhlauflockernd wirkt.  

Medikamente gegen das Erbrechen


Erbricht sich das Kind mehr als 3 mal am Tag oder leidet es ganz offensichtlich unter der starken Übelkeit, kann man gegen das Erbrechen Zäpfchen mit Dimenhydrat verabreichen. Als Obergrenze gilt eine Dosierung von 5 mg Dimenhydrat je kg Körpergewicht pro Tag. Im Handel sind Vomacur- und Vomex A-Zäpfchen (mit je 40 mg Dimenhydrat) erhältlich. Die Packungsbeilagen unterscheiden sich bezüglich der frühesten Anwendung - bei Vomacur sind es 8 kg, bei Vomex A 6 kg Gewicht.
 
Kinder mit einem Gewicht zwischen 6/8 und 15 kg erhalten maximal ein Zäpfchen mit 40 mg Dimenhydrat am Tag, Kinder zwischen 15 und 25 kg können 2 Zäpfchen bekommen. (vorzugsweise im 12-h-Abstand). Es ist grundsätzlich möglich, das Zäpfchen zu teilen.

Ebenfalls erhältlich sind etwas geringer dosierte Emesan-Zäpfchen mit Diphenhydraminhydrochlorid - hier können bei Kindern zwischen ein und fünf Jahren zwischen ein und zwei Zäpfchen pro Tag verabreicht bekommen.

Gegen den Durchfall sollte man auf natürliche Hausmittel (siehe unten) zurück greifen. Die weit verbreitete Annahme, dass Durchfall nicht gestoppt werden sollte, da die Krankheiterreger möglichst umgehend aus dem Körper ausgeschieden werden sollen, konnte bisher nicht durch Studien untermauert werden.

Darüber hinaus kann ab 2 Jahren Perenterol Junior (Basis Trockenhefe) gegeben werden - eine frühere Anwendung (auch bei Säuglingen) ist möglich, sollte aber mit einem Arzt besprochen werden. Ebenfalls ab 2 Jahren kann nach Rücksprache mit dem Arzt mit Loperamid behandelt werden. Grundsätzlich sollte Kindern keine Aktivkohle verabreicht werden. 

Moro-Suppe - das beste Rezept gegen Durchfall


Ein wahres Geheimrezept gegen Durchfall ist ab Beikoststart die "Möhrensuppe nach Moro". Dafür werden 500 g geschälte Möhren über eine Stunde, besser 90 Minuten in einem Liter Wasser gekocht. Danach pürieren, drei Gramm Salz hinzu geben und mit Wasser wieder auf einen Liter auffüllen.

Wichtig dabei ist die lange Kochzeit - denn erst nach einer Stunde kochen bilden sich in den Möhren Oligosaccharide. Diese haben eine ähnliche Oberflächenstruktur wie die Darmwand - die den Durchfall verursachenden Bakterien docken daher statt an die Darmrezeptoren an die Zuckermoleküle der Möhren an und werden zügig ausgeschieden. Diese Suppe hat bei uns noch jeden Durchfall nachhaltig gestoppt - ohne die Darmbewegungen zu beeinträchtigen. Hilft übrigens auch super bei Hunden! 

Ansteckungsgefahr bei Magen-Darm-Infektionen


Die Gefahr der Ansteckung varriert je nach Krankheitserreger. Der Noro-Virus (Inkubationszeit 10 bis 50 Stunden) beispielsweise ist extrem ansteckend - selbst mehrere Tage nach dem Abklingen der Symptome werden noch Viren mit dem Stuhl ausgeschieden und bleiben noch lange ansteckend (bis zu 12 Tage).

Die Infektion erfolgt aussschließlich über den Kontakt mit Erbrochenem oder Stuhl entweder fäkal-oral, in dem winzige Partikel des Stuhls oder des Erbrochenen auf Gegenstände gelangen (beispielsweise durch mangelnde Handreinigung nach dem Toilettengang) und von anderen Personen durch Berührung aufgenommen werden und in deren Verdauungssystem gelangen oder oral aerogen durch das Einatmen von Aerosolen (Schwebeteilchen in der Luft aus fein versprühtem Erbrochenem), wenn man ein Kind beim Übergeben begleitet.

Die Ansteckungsgefahr kann durch regelmäßige Desinfektion der Toilette und der Hände während der Erkrankung minimiert werden. Normale Seife ist grundsätzlich ausreichend, für Noro-Viren sind jedoch spezielle Desinfektions-Produkte (z. B. Sterillium Virugard) erforderlich.

Wer diesen Artikel aus akutem Anlass liest: Von Herzen GUTE BESSERUNG!

© Danielle