Das Baby ist 1,5 Jahre alt - der Entwicklungsschub in der 75. Woche

Der Entwicklungssprung in der 75. Lebenswoche - das Baby ist 17 Monate, also knapp 1,5 Jahre alt - der 75-Wochen-Schub ist da!


Fräulein von Motz und TrotzUm die 75. Woche verlangen unsere Kinder wieder nach unserer elterlichen ungeteilten Aufmerksamkeit und Nähe. Fräulein von Motz und Trotz übernimmt dabei den größten Part - mit 17 Monaten liegen unsere süßen Kleinen die meiste Zeit auf dem Boden und kreischen vor Frust, weil etwas nicht gelingt, sie etwas nicht dürfen oder bekommen. Dabei erinnern die Wutanfälle schon stark an die Autonomtriephase - Fräulein von Motz und Trotz wird jetzt regelrecht erwachsen. Gebärden sich unsere Kleinkinder also irgendwie "komisch", schlafen und essen schlechter, hängen uns vehement am Rockzipfel und wollen wieder stärker von uns beschäftigt werden, nicken nun die meisten Eltern wissend mit dem Kopf: Der nächste Entwicklungssprung ist da!

Wie lange dauert der Sprung? 


Nach van de Rijt kann der Sprung bis zu 5 Wochen dauern, nämlich zwischen Lebenswoche 70,5 und 75,5. Den Höhepunkt sollte die Motzerei ungefähr zwischen der 72. und 73. Woche haben. Die allermeisten Kinder zeigen dann in Woche 79 absolutes Sonnenschein-Verhalten - also, haltet durch (vgl. van de Rijt, 2005: 24)!

Bei uns war der Sprung genau 5 Wochen lang und ich erinnere mich, dass ich ihn zunächst als einen der anstrengendsten empfunden habe, weil ich mich erst einmal auf das ausgewachsene Fräulein von Motz und Trotz einstellen musste. Als ich die Technik, wie man ein kleines wütendes Kind liebevoll begleiten kann, verstanden hatte, wurde es schlagartig besser und der Sprung verlor an Nervfaktor.

Welchen Reifeprozess macht das Kind durch? 


Im letzten Sprung hatte das Kind die Welt der Prinzipien kennengelernt, nun springt es noch einen Schritt weiter und lernt, was "Systeme" sind. Als "System" bezeichnet man ein organisiertes Ganzes, das als solches in unserer Vorstellung existiert und wegen seiner wechselseitig voneinander abhängigen Bestandteile funktioniert (vgl. ebd, 2005: 361).

Im Prinzip kann man sich ein System vorstellen wie eine alte Uhr, deren Zahnräder ineinandergreifen und so bewirken, dass sich die beiden Zeiger pünktlich drehen. Eure Familie ist ein System: Jeder darin hat eine bestimmte Aufgabe, die zum harmonischen Zusammenleben beiträgt. Vielleicht geht Mama einkaufen, während Papa die Kinder vom Kindergarten abholt und mit ihnen auf dem Spielplatz spielt. Dann trifft sich die Familie zuhause und die älteren Kinder helfen dabei, den Abendbrottisch zu decken, während die Mama die Nudeln kocht.... Andere Systeme wären z. B. die Gesellschaft, die Kirche, eine Hausgemeinschaft, ein Handballteam, ein Musikstück, ein Puzzle, das Ampelsystem einer großen Stadt, die Mathematik, das demokratische System eines Staates...

Richtig fasziniert sind die meisten Kinder diesen Alters nun von dem System "Baustelle" (ebd., 2005: 371). Dort können sie Stunden damit verbringen, einfach nur zu stehen und zuzusehen, wie die Bauarbeiter Hand in Hand arbeiten, um ein Haus zu erbauen. Wie der Kranführer auf die Handzeichen seines Kollegen achtet, um seine Fracht sicher irgendwo abzusetzen. Wie ein Bagger eine Grube gräbt, den überschüssigen Sand auf einen Laster schaufelt und dieser dann losfährt, um ihn an anderer Stelle abzuladen.

Baustelle

Systeme unterscheiden sich, auch das lernen unsere Kinder nun - nicht in allen Familie ist die Arbeitsaufteilung so, wie ich oben beschrieben habe. Einige Systeme "Familie" leben in einem Haus, die anderen in einer Wohnung. Zu manchen Systemen gehört ein Hund dazu, zu anderen eine Katze, ein Vogel oder gar kein Haustier.

Da ein Kind nun auch versteht, dass Systeme verschieden sein können, kann es recht schnell begreifen, dass z. B bei Oma unterschiedliche Regeln gelten, als bei Mama oder dass man im Kindergarten mit dem Essen nicht matschen darf, zuhause aber schon. Diese neue Fähigkeit können wir Eltern ruhig ausnutzen! Denn auch das Beibringen von moralischen Werten innerhalb einer Familie ist Teil eines "Systems". Oftmals ist uns das Erwachsenen gar nicht so richtig bewusst, aber wir leben unseren Kindern tagtäglich unsere Werte und Normen vor und vermitteln ihnen Verhaltensweisen, ohne groß darüber nachzudenken. Und unsere Kinder nehmen sie auf - wir sind ja ihre Helden, also ahmen sie uns nach. Eine Mama, die selbst ein wenig Schwierigkeiten mit dem Ordnunghalten hat (wie ich!), lebt ihren Kindern dabei etwas völlig anderes vor, als eine Mama, die gern sauber macht oder gar einen Putzfimmel hat. Und so sehr ich mich auch anstrenge, meinen Kindern das Aufräumen nach dem Spielen schmackhaft zu machen - sie räumen einfach trotzdem nur sehr, sehr ungern auf.

Unsere Kinder begreifen sich nun erstmals selbst als System - sie erkennen, dass sie ein "ich" sind, während ein anderer Mensch ein "du" darstellt. Ihre Familie ist das "wir" und damit auch ein System.  Ist ein Kind zu diesem Zeitpunkt schon im Kindergarten, wird es auch dort "Systeme" erkennen. Nicht nur der Ablauf des Tages als System wird interessant, auch die körperlichen Unterschiede zwischen den Systemen "Jungen" und "Mädchen" werden ausgiebig bestaunt (vgl. ebd., 2005: 367). Einige wenige Kinder sind nach dem Sprung in der Lage, das System "ich" so weit zu beherrschen, dass sie bewusst auf ihre Ausscheidungen achten und diese vielleicht sogar so weit unter Kontrolle bekommen, dass sie aufs Töpfchen gehen können. Wie gesagt, für die meisten Kinder ist dieser Zeitpunkt noch zu früh, aber es ist nicht verwerflich, dem Kind in diesem Alter einfach spielerisch ein Töpfchen hinzustellen und abzuwarten, ob es daran Interesse zeigt. Druck wäre in diesem Fall komplett unangebracht! Aber zeigen kann man so ein Töpfchen durchaus schon...

Zum allerersten Mal und auch nur ganz ansatzweise kann das Kind nun begreifen, dass ein anderer Mensch vielleicht andere Gefühle und Gedanken hat. Diese Fähigkeit ist noch lange nicht ausgereift - richtig funktionieren wird das erst in ein paar Jahren, wenn es den Perspektivenwechsel gemeistert hat - und doch kann ein Kind nun z. B. ein anderes Kind trösten, wenn dieses weint (vgl. ebd., 2005: 368).

Auf jeden Fall bedeutet der Sprung in die Welt des "ich" und "du" großes Potential für Frust - Fräulein von Motz und Trotz hat ihren Spaß daran. Denn wenn das Kind entdeckt, dass Mama nicht so begeistert von der Idee ist, bei minus 10 Grad und Schneegestöber dem Kind ein Eis in der Eisdiele zu kaufen, wird es nicht freudestrahlend nicken und sagen: "Du hast Recht, Mama!". Nein, es wird sich vor Wut auf den Boden werfen und so laut schreien, wie es kann, um seiner Frustration über die konträren Meinungen Ausdruck zu geben. Und auch wenn das für die betreffende Mama sehr, sehr peinlich ist (gern schmeißt sich Fräulein von Motz und Trotz auch im Supermarkt vor der Quengelware auf den Boden) - denkt daran: Euer Kind will euch in dem Moment nicht das Leben schwer machen, es hat es gerade selber schwer, mit der Ungerechtigkeit des Lebens klar zu kommen! Statt also genervt und wütend auf den kindlichen Wutausbruch zu reagieren, versucht es mit Verständnis. Es ist doch auch einfach gemein, dass es nicht jederzeit ein Eis geben darf!

Den meisten Eltern fällt nun auf, dass sich ihre Kinder besser in der Umgebung zurechtfinden - denn auch Straßenanordnungen und innere Landkarten sind Systeme. Meine Töchter wussten immer schon beim Abbiegen an einer bestimmten Ecke, dass wir uns auf dem Weg zu ihrem geliebten Sportkurs im Tipi Tapa befanden. Auch den Weg zum Lieblingsspielplatz, zum Eisladen, Bäcker oder wie das eigene Haus aussieht merken sich unsere Kinder nun mühelos. Sind sie schon im Kindergarten, können sie sich dort im Haus plötzlich besser orientieren und wissen, wohin sie laufen müssen, um zum Gruppenraum, zur Toilette oder in den Garten zu kommen. Die Eltern, die Jacken, das Spielzeug und die Taschen der anderen Kinder werden erkannt und den richtigen Spielkameraden zugeordnet - etwas, womit ich immer noch große Probleme habe ("Von wem war das nochmal die Mama?" "War das deine Hose oder die von deiner Schwester?") ;-) . Eine meiner Töchter war mit ca. 18 Monaten einmal mit mir beim Kinderarzt. Der Zufall hatte es bis dato immer so bestimmt, dass sie in der Gemeinschaftspraxis immer von der einen Ärztin untersucht worden war, ihre Schwester jedoch von der anderen. An diesem Tag aber hatte nur die eine Ärztin Dienst - die, die bisher immer ihre Schwester behandelt hatte. Meine kleine, ach so wortgewandte Tochter war völlig außer sich. Statt wie gewohnt fröhlich vor sich hinzuplappern, sagte sie die ganze Untersuchung immer nur konsterniert den Namen ihrer Schwester. Sie konnte gar nicht fassen, dass sie von der "falschen" Ärztin untersucht wurde! Die gehörte nicht zu ihrem System!

Beliebte Spiele mit 17 Monaten bzw. 1,5 Jahren 


Mit der Welt der Systeme erweitern sich auch die Spielvorlieben hin zu "Systemen". Bei meinen Kindern waren Puzzle plötzlich irre beliebt, so dass wir in dieser Zeit eine wirklich entspannte Leise-spiel-Phase hatten, in der sie gebannt am Kindertisch saßen und Bilder zusammensetzen. Denn Puzzle sind ganz eindeutig "Systeme": jedes Puzzleteil hat seinen designierten Platz, alle greifen ineinander und bilden zusammen ein großes Ganzes. Zunächst waren ganz einfache Steckpuzzle bei uns beliebt, doch mit 22-24 Monaten waren sie schon bei 15-teiligen Rahmenpuzzles angelangt! Das verblüffte mich dann doch ein bisschen. Aber: so schnell diese Puzzle-Leidenschaft gekommen war, so schnell ging sie auch wieder. Nach der Meisterung der 15-teilgen Puzzle erlosch die Liebe bald und ist seitdem eigentlich nicht wieder aufgeflammt. Guckt einfach, was euren Kindern gefällt, es gibt ja hunderte schöner Puzzle, die geeignet sind.

Bei meinen Mädchen nicht beliebt, aber ganz klassisch bei den gleichaltrigen Jungs im Freundeskreis waren Eisenbahnen. Die kleinen Entdecker lernen nach diesem Sprung, die Schienen der Bahnen selbst zusammenzusetzen und somit ein System aufzubauen (selbst, wenn das mechanische Zusammenstecken vorher schon geklappt hat, ist jetzt der neue Schritt, eine echte Strecke damit zusammenzusetzen). Am einfachsten klappt das zusammensetzen der Schienen bei den Holzeisenbahnen, aber auch die elektrische Eisenbahn von Duplo fällt in diese Kategorie.

Habt ihr einen Baustellenfan zuhause, wäre vielleicht die Vtech Baustelle mit den  passende Autos Vtech Tut Tut Babyflitzer etwas für ihn oder sie, um die Vorgänge auf dem Bau zuhause nachstellen zu können. Auch klassisches Buddelzeug kombiniert mit Baustellenfahrzeugen sind sinnvoll für kleine Systemiker. Meine Mädchen wollten das irgendwie selten (obwohl wir echt schöne Buddelfahrzeuge haben!), stattdessen haben sie im Sandkasten "Einkaufsladen" gespielt. Auch ein Laden ist ja eine Art System, denn auch dort laufen die Vorgänge geregelt ab. Kein Wunder also, dass dies für die nächsten Monate bei uns zum absoluten Lieblingsspiel wurde! Wir haben daher unsere Buddelsachen aufgestockt mit den Haba Sand Bistro Förmchen. Nötig wäre es vielleicht nicht gewesen, denn meinen Töchtern war es im Prinzip egal, ob sie eine Sternform als Kuchen verkauft haben, oder eben eine "echte" Sandtorte. Aber mir als Mama hat das Mitspielen so viiiiieeeeel mehr Spaß gemacht! ;-)

Wimmelbücher sind in diesem Alter besonders spannend, da sie ebenfalls Systeme darstellen. Oft wird ja z.B. eine Baustelle dargestellt, oder eine Szene im Park. Für Kinder ist es sehr faszinierend, die Zusammenhänge zwischen den Figuren auf dem Bild herzustellen: Warum weint der Mann? Wo läuft der Hund hin? Findest du den entflogenen Papageien? Gleichzeitig schulen sie damit auch ihr Sprachverständnis und lernen neue Wörter - auch Sprache ist ein System. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn unsere Kinder nach diesem Sprung (das kann Monate dauern!) anfangen, erste Wörter miteinander zu kombinieren zu Zwei- und Dreiwortsätzen!

© Snowqueen

Das Buch


Wer mehr über diesen und weitere Entwicklungssprünge wissen möchte, dem sei das Buch "Oje ich wachse" von Hetty von de Rijt, Frans X. Plooij und Regine Brams aus dem Goldmann-Verlag ans Herz gelegt:


Cover Oje ich wachse

Weitere Entwicklungssprünge


Die anderen Entwicklungssprünge findest Du hier:


Was gehört in die Hausapotheke für Babys und Kinder?

Was gehört in eine Hauapotheke für Babys und Kleinkinder? Nachfolgend findest Du eine Übersicht derjenigen Medikamente und Utensilien, die auf keinen Fall fehlen sollten. 

Brandsalbe 


Für die Versorgung kleinerer Verbrennungen und Verbrühungen ersten Grades, die nicht ärztlich behandelt werden müssen - z. B. Fenistil-Gel® oder Combudoron-Gel® von Weleda. 

Coolpack/Kühlakku 


CoolpackBei Prellungen und Beulen ist ein gelgefülltes Coolpack ideal, da es sich den Konturen gut anpasst. Es sollte nicht in den direkten Kontakt mit der Haut kommen sondern mit (Zell)Stoff (Stofftaschentuch oder Küchentuch),  umwickelt werden, um Erfrierungen zu vermeiden. Bei Verbrennungen und Verbrühungen sollte kein Kühlpack verwendet werden, da er zu kalt ist - hier bitte nur mit lauwarmem Wasser kühlen!

Elektrolyt-Lösung 


Bei starkem Durchfall und Erbrechen leidet der Mineralstoffhaushalt, es sollten daher Elektrolyte zugeführt werden. Hat man keine Elektrolytlösung zur Hand, kann zur Verbesserung des Mineralstoffhaushaltes, auch folgendes Getränk zusammengemischt werden: 1 Liter dünner Tee mit 7 EL Traubenzucker und ein halber Teelöffel Salz. Die Gemische sollte eiskalt angeboten werden, da sie dann nicht so salzig schmecken und weniger Übelkeit verursachen. Ebenfalls möglich: 80% natriumreiches Mineralwasser und 20% Orangensaft. Geeignete Präparate sind z. B. Oralpädon®, Infectodiarstopoder® oder Santalyt®.

Entschäumer 


Entschäumer werden in der Regel bei Blähungen angewendet. Sie wirken rein physikalisch, gehen nicht in den Blutkreislauf über und werden unverändert ausgeschieden (weswegen eine Überdosierung nicht möglich ist). Erhältlich sind zum Beispiel Sab Simplex®, Lefax® und Espumisan®. Auch wenn das Kind keine Blähungen hat, sind Entschäumer wichtig für Vergiftungsunfälle mit schäumenden Substanzen - kommt es zur Schaumbildung (um das zu vermeiden zunächst kein Wasser zum trinken geben!), können die Kinder ersticken, wenn sie den Schaum erbrechen und einatmen. In diesen Fällen muss großzügig Entschäumer verabreicht werden (ruhig die halbe bis ganze Flasche).

Medikamente gegen Erbrechen und Übelkeit 


Da kleine Kinder sehr schnell austrocknen, sollte man immer ein Zäpfchen gegen Erbrechen im Hause haben. Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass es gut ist, wenn "alles raus kommt" - das ist nur bei Lebensmittelvergiftungen so. Bei Magen-Darm-Infektionen ist es wichtig, das Erbrechen zu stoppen um den Flüssigkeitsverlust zu minimieren. Dazu eigenen sich Präparate wie Vomex A®, Vomacur® (jeweils 40-mg-Zäpfchen) und Emesan®. Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle sein, dass der Wirkstoff dieser Medikamente jüngst kritisch diskutiert wird - siehe dazu dieser Artikel aus dem Spiegel. Es sollte also eine genaue Risiko-Nutzen-Abwägung vor dem Einsatz erfolgen. Eine drohende Austrocknung wird jedoch jeder Arzt mit Vomex/Vomacur behandeln.

Fieberthermometer  


FieberthermometerBei Fieber ist ein Thermometer von Vorteil. Die Aussage, dass nur analoge Thermometer verlässliche Ergebnisse liefern, ist mittlerweile überholt - es gibt Ohrthermometer, deren Messgenauigkeit laut Stiftung Warentest "sehr gut" ist. Wir haben das Braun Thermoscan IRT, was ich guten Gewissens empfehlen kann. Die Messung erfolgt innerhalb weniger Sekunden, das Kind muss nicht entkleidet werden und es sind sogar Messungen im Schlaf möglich, ohne dass das Kind aufgeweckt werden muss.

Fiebersaft/-zäpfchen 


Fieber ist ein wichtiger Abwehrmechanismus des Körpers, daher sollte es nur gesenkt werden, wenn es unbedingt erforderlich ist (mehr dazu in diesem Artikel). Zur Fiebersenkung sind zwei verschiedene Wirkstoffe im freien Handel erhältlich: Paracetamol (ab Geburt) und Ibuprofen (ab 6 Monaten). ASS (Aspirin) und Novalgin dürfen keinesfalls verabreicht werden! Die Wirkstoffe sind in Zäpfchen oder Saftform für Kinder erhältlich. Je nach Altersstufe sind die Präparate verschieden hoch dosiert - gelegentlich sollte geprüft werden, ob die vorhandenen Medikamente noch dem aktuellen Alter des Kindes entsprechen.
Die Dosierung erfolgt gewichtsabhängig. Oft liest man, dass die Wirkstoffe auch kombiniert genommen werden können. Das ist grundsätzlich in der Tat möglich, ist aber wirklich nur in extremen Fällen zu empfehlen. Die Präparate sind darauf ausgelegt, dass sie für den angegebenen Zeitraum Schmerzen bekämpfen, daher sollte ihre Wirkung so lange anhalten. In Bezug auf das Fieber ist ein Anstieg zwar vor der nächsten Medikamentengabe möglich, aber wie bereits ausgeführt, sollte Fieber nicht so schnell gesenkt werden. Gerade, wenn das Fieber schnell wieder steigt, sollte man sich fragen, warum es das trotz ausreichender Medikation tut. Offenbar ist der Körper gerade extrem damit beschäftigt, Keime zu bekämpfen - man sollte ihm die Chance dazu lassen!

Hustensaft


Hustensaft ist nicht sinnvoll - warum, darüber habe ich einen gesonderten Artikel geschrieben.

Nasentropfen 


Babys sind Nasenatmer, weswegen ihnen bei Erkältungen verstopfte Nasen besonders zu schaffen machen. Ist die Nase stark verstopft helfen meist nur noch abschwellende Nasentropfen. Es gibt Präparate für Babys (0-1 Jahr) und Kinder (2-6 Jahre). Erhältliche Produkte sind bspw. Otriven®, Olynth® oder Nasivin®.

NasentropfenBei der Behandlung von Schnupfen ist auch eine isotonische Kochsalzlösung hilfreich. Diese befeuchtet die Schleimhäute, löst den Schleim und unterstützt die Funktion der Flimmerhärchen. Man kann die Kochsalzlösung fertig kaufen, es ist aber relativ unkompliziert, selbst eine solche Lösung herzustellen: auf einen Liter abgekochtes Wasser kommen 9 g Salz. In der Apotheke gibt es Pipettenflaschen - man kann aber auch ältere, ausgespülte Nasentropfenflaschen verwenden. Die Lösung hält sich ca. 48 Stunden im Kühlschrank und sollte dann neu hergestellt werden.

Nasensauger 


War ich früher der Meinung, dass man solchen "Quatsch" nicht brauche, bin ich heute der festen Überzeugung, dass ein Nasensauger in jede Hausapotheke gehört. Allerdings nicht diese kleinen Ballons, sondern ein Sauger, der mit dem Mund oder dem Staubsauger betrieben wird. Man kann sich kaum vorstellen, welche Mengen Schnodder in einem kleinen Baby stecken können - und wie erleichternd das Absaugen für die Kleinen sein kann. Außerdem wirken Nasentropfen deutlich besser, wenn sie in eine vom Schleim befreite Nase getropft werden.

Es sind verschiedene gute Sauger erhältlich, wir haben den AngelVac-Nasensauger®, der wirklich gut funktioniert. Auch über den Nosefrida® (man saugt mit dem Mund über einen Schlauch) habe ich nur Gutes gehört.

Juckreizstiller 


Bei Insektenstichen und leichten Verbrennungen helfen Salben mit  Antihistaminika wie Fenistil® oder Präparate mit Gerbstofflotion. Sie sollten jedoch nicht auf offene Wunden und bei kleinen Kindern nur sehr kleinflächig (Mückenstich) aufgetragen werden.

Kohletabletten 


Für Vergiftungsunfälle ist es sinnvoll, Kohletabletten vorzuhalten. Kohle hat eine sehr große Oberfläche und bindet Giftstoffe sehr schnell. Ebenso wie die Entschäumer wirkt sie rein physikalisch und ist daher auch für Kinder geeignet. Für kleinere Kinder ist Kohlepulver am besten geeignet.

Kümmelzäpfchen 


Babys, die Schwierigkeiten mit der Verdauung haben, reagieren in der Regel gut auf Kümmelzäpfchen (z. B. Carum Carvi von Wala®). Mit dem Kauf kann man jedoch bis nach der Geburt warten - nicht alle Kinder leihen unter den so genannten Dreimonatskoliken.

PflasterPflaster 


Bei der Auswahl sollte man darauf achten, dass die Pflaster leicht ablösbar sind und möglichst wenig die Haut reizen (das beste Kinderpflaster bei Stiftung Warentest war das DermaPlast kids - siehe Bild) .
Außerdem ist eine Pflasterroller für das Fixieren von Kompressen notwendig.

Pinzette 


Eine Pinzette sollte für die Entfernung von Insektenstacheln, Kaktusstacheln oder Splittern vorhanden sein.

Verbandmaterial 


Zum Abdecken von Wunden sollte geeignetes steriles Verbandmaterial in verschiedenen Größen vorhanden sein. Man sollte gelegentlich das Haltbarkeitsdatum überprüfen und abgelaufene Produkte ersetzen.

Wunddesinfektionsmittel 


Glücklicherweise gibt es mittlerweile kinderfreundliche Produkte für die Desinfektion kleinerer Schnitt- und Schürfwunden, die nicht mehr brennen, wie z. B. octenisept®. Wunden müssen großzügig eingesprüht werden - bevor ein Pflaster oder Verband angelegt wird, muss ein bis zwei Minuten gewartet werden, damit die antiseptische Wirkung sich ausreichend entfalten kann.

Wundcreme 


Leider ist Babys Po durch das Windel tragen gelegentlich rot - bei uns hat am besten Multilind-Salbe® und Mirfulan® geholfen. Ebenfalls hilfreich ist Heilwolle.

Zeckenzange/-karte/-haken/-pinzette 


Auch eine Utensil zur Zeckenentfernung sollte nicht fehlen.

© Danielle

Ein weiteres gewünschtestes Wunschkind...



...hat gestern Abend das Licht der Welt erblickt - herzlichen Glückwunsch, liebe Snowqueen zu Deinem süßen, kleinen Sohn!

Snowqueen kuschelt mit ihrem Baby und den zwei stolzen Schwestern ab sofort im Wochenbett und konzentriert sich in den nächsten Tagen und Wochen auf das Kennenlernen.

Wenn es in nächster Zeit vorübergehend auch mal etwas ruhiger auf unserem Blog wird, dann liegt das also am temporären Ein-Frau-Betrieb . Wir freuen uns, wenn Ihr uns treu bleibt!

Ganz liebe Grüße!
Danielle


Zaubersand - Der Praxistest


In den Artikeln mit den Geschenkideen für verschiedene Alterstufen hatte Snowqueen schon kurz über sogenannten "Zaubersand" geschrieben. Es handelt sich dabei um ein relativ neues Produkt, das Buddelvergnügen auch im heimischen Wohnzimmer ermöglichen soll.
 
Ich fand die Idee grundsätzlich sehr interessant, da meine Kinder beide sehr gerne im Sandkasten spielen. Der Hersteller verspricht, dass das Produkt absolut ungiftig, bakterienfrei und umweltfreundlich ist. Der Sand besteht aus Sand und Muscheln, ist wasserlöslich und verklebt nicht - durch Formen wird er fest. Sobald er wieder aus der Form gelöst wird, wird er wieder luftig und leicht. Ich konnte mir ganz ehrlich nicht vorstellen, wie das aussehen oder funktionieren soll, also beschloss ich, den Zaubersand einfach mal auszuprobieren.
 
 

Erhältliche Zaubersand-Produkte


In Deutschland sind zwei Startersets erhältlich. Das Set Groß für 39,90 EUR enthält ein Kilogramm Zaubersand, eine aufblasbare Plastikwanne und 11 gemischte Sandförmchen von Spielstabil (tolle Qualität!). Das Set Klein für 19,90 EUR enthält 500 g Sand, eine Eiswaffel und einen Eisportionierer. Außerdem gibt es ein Nachfüllset mit einem Kilogramm Sand für 24,90 EUR. Ich habe zusammen mit meinen Kindern das Starter Groß ausprobiert.

Hier die Bestandteile des Sets Groß:

Set Zaubersand

Wir haben den Sand in das dafür mitgelieferte aufblasbare Becken gefüllt:

Zaubersand in einem Bassin


Der Praxistest

Und dann ging es los. Die Begegnung mit dem Sand war wirklich sehr faszinierend. Wenn man ihn das erste mal anfasst, fühlt er sich wie ein sehr lockerer Kuchenteig an - er zieht auch wie Teig Fäden. Wenn man ihn dann knetet/drückt/rollt, dann bekommt er die Konsistenz von Knete und ist auch ähnlich bearbeitbar.

Wenn man ihn in Formen drückt und stürzt, sieht es aus, wie ein geknetetes Objekt:

Zaubersand in einem Bassin geformt


Man kann das dann auch im Stück hochheben und bearbeiten, da es eine stabile, kompakte Masse ist.

Zaubersand zu Kuchen geformt
 
Sobald man das Objekt jedoch an einer Stelle auseinander bricht, geht die Masse komplett auseinander und man hält etwas in der Hand, das sich wie der fluffigste, luftigste Teig auf der Welt anfühlt und einem zwischen den Händen quasi zerfließt.
 

Zaubersand wird zerbröselt



Zaubersand zerfällt

 
Fluffiger Zaubersand

 
Hier noch ein kurzes Video von der Anwendung:

 

Mein großes Kind (knapp 5 Jahre alt) war hellauf begeistert und total fasziniert - sie hat gleich mehrere Stunden am Stück geformt, geknetet und gebröselt. Am meisten war ich ja auf die (Un-)Krümeligkeit des Sandes gespannt - schließlich soll als reines Indoorprodukt für Spielspaß sorgen. Da der Zaubersand nicht wirklich die Konsistenz von Sand hat, kann er ja nicht wirklich "sandig" krümeln - die Partikel haften immer in größeren Stücken zusammen. Allerdings sind die dann so klein, dass sie beim Spielen doch gerne mal aus dem Becken fallen oder beim Herumtragen von geformten Objekten abbröseln und sich in der Wohnung verteilen. Alles, was so um das Becken herum liegt, kann man relativ schnell wieder einsammeln - wie sich dabei mit eingesammelte Partikel (die sich zumindest bei uns hin und wieder auf dem Fußboden befinden *hüstel*) langfristig auswirken, wird sich zeigen - ich werde auf jeden Fall hier berichten.

Am nächsten Tag entdeckte auch der kleine Bruder den Sand... und trieb mich damit schier in den Wahnsinn. "Nur über dem Becken kneten!", "Pass auf, es krümelt doch alles raus", "Halt, hier geblieben, der Sand bleibt im Becken!" Überall bröselte und krümelte es. Mich persönlich hat immer wieder das Bedürfnis überfallen, ständig die Krümel rund um das Becken einzusammeln - man hat gerade am Anfang irgendwie das Gefühl "Hilfe - bald ist der Sand ja alle, wenn das so weiter geht!" Und so richtig Lust, einen nicht gerade günstigen Nachfüllpack erwerben zu müssen, hat man auch nicht.

Während ein 5-Jähriges Kind es also schafft, den Sand relativ verlustfrei zu bespielen, schwelgt ein Zweijähriger noch in der Annahme, Buddelsand sei grundsätzlich grenzenlos verfügbar, weswegen eine beherzte Schippe in die Umgebung die Menge im Kasten keinesfalls mindere. Aufforderungen zur sparsamen Verwendung prallten ungehört ab. Wenn der Sand an Kleidung gerät, dann bleibt er haften und verschmiert schon mal. Da er sich aber recht gut abklopfen lässt, sind auch breitgetretene Krümelhaufen auf dem Teppich nicht wirklich problematisch - die kann man rückstandslos wegsaugen.

Nachdem mein kleines Kind durchaus eine halbe Stunde begeistert und kreativ spielte, war ich nur noch angestrengt. Nur um das klarzustellen - ich bin kein Putzteufel und habe keine übertriebenen Ansprüche an die Sauberkeit des Fußbodens. Liegt mal ein Krümel länger als eine Stunde, verursacht das keine Schweißausbrüche. Aber der Umgang meines Sohnes mit dem Sand trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Allmählich machte sich da der Gedanke breit, dass es sooo schlecht ja auch nicht wäre, wenn der Sand irgendwann einfach alle wäre.... Krümelfreies Buddeln bleibt tatsächlich eine Illusion.

Ansonsten ist das Handling wirklich faszinierend und unterhaltsam. Der Sand fühlt sich angenehm an und regt zum Experimentieren und Spielen an. Er hinterlässt einen leichten Film auf der Haut, der sich irgendwie leicht schmierig anfühlt, aber ganz unproblematisch beim Händewaschen ab geht.


Kind spielt mit Zaubersand


Die Aufbewahrung erfolgt übrigens luftig - der Sand darf nicht in einem geschlossenen Gefäß aufbewahrt werden. Direkte Sonneneinstrahlung sollte vermieden werden, was in der Wohnung ja meist unproblematisch ist. Bei Verunreinigungen - bspw. durch Essen oder Getränke - müssen die betroffenen Stellen entfernt werden. Er darf nicht mit anderem Sand gemischt werden, weil seine Eigenschaften sonst verloren gehen.

Ich werde den Artikel immer mal wieder aktualisieren - noch sind die Eindrücke recht frisch - ob der Spielspaß langfristig erhalten bleibt, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Die Kinder sind auf jeden Fall erst mal begeistert.

Nach einem halben Jahr kann ich ergänzend sagen: Der Zaubersand war immer mal wieder interessant - vor allem, wenn wir Spielbesuch hatten. Allerdings wurde er dann im halben Haus verstreut (unabsichtlich). Irgendwann stellte ich ihn in den Garten, weil mich das Gekrümel nervte... dort war seine restliche Lebenszeit sehr kurz:

Wader Wasserstraße mit Zaubersand verschmutzt


© Danielle
 

Fördern, dass Kinder stark, klug und glücklich werden

Wie gemeinsames Spielen, Märchen, Lieder, viel Zeit und Natur Kinder stark, klug und glücklich macht


Im vorherigen Artikel über das Lernen hatte ich darüber geschrieben, wie Kinder lernen und dass all die gut gemeinten Förderversuche, auf die wir bisher zurückgegriffen haben, nichts wert sind und im Zweifelsfalle sogar schaden. Dass man sein Kind einfach "machen lassen" soll, weil es dann von selbst in den "Flow" findet und das besser und tiefer, als wir das je künstlich nachstellen könnten. Es gibt aber durchaus Dinge, die man tun kann, um echtes, freudvolles Lernen zu unterstützen:  
 
 

Gemeinschaftliches Tun/Spielen


Turm aus BausteinenDie Erfahrung, mit jemandem in engster Verbundenheit zu wachsen, haben unsere Kinder bereits im Mutterleib gemacht. Sie ist tief in ihrem Gehirn verankert und bedeutet, dass sie auf die Welt kommen mit der Erwartungshaltung, dass dies jetzt immer so weiter geht: Sie gehen davon aus, in Verbundenheit mit anderen, und doch selbständig, die Welt erkunden zu können (vgl. Hüther, G., Hauser, U.: 2012, 106). Dabei ist es unabdingbar, dass der Mensch, mit dem sie sich gemeinsam auf dieses Abenteuer einlassen wollen, feinfühlig genug ist, um sie in ihrem eigenen Tempo gehen zu lassen und nicht vorschnell einzugreifen: Oft setzen sich die Väter am Abend gern zusammen mit ihren Kindern auf den Teppich und bauen z. B. Lego-Duplo-Landschaften. Wichtig hierbei ist es eben, als Erwachsener nicht die Führung zu übernehmen, sondern nur den Impulsen des Kindes zu folgen. Baut das Kind des Duplo-Turm etwas schief - dann greift nicht ein. Lasst es machen, lasst es ausprobieren und lernen, was passiert. Der nächste Turm wird gerader, versprochen. Es lernt das aber weniger gut, wenn ihr es in dieser Situation belehrt und sagt: "Guck mal, so wird ein Turm gebaut!". Erst, wenn das Kind konkret um eure Hilfe bittet, könnt ihr Tipps geben. Ihr könnt auch daneben selbstversunken euren eigenen Turm bauen - dort kann das Kind sich dann ganz ohne Druck abgucken, wie es besser geht.

Im letzten Sommer sah ich auf unserem Wasser-Sand-Spielplatz eine wirklich schöne Situation zwischen einem Papa, seinen zwei Söhnen und seiner Tochter. Sie hatten sich wohl gemeinsam vorgenommen, einen Damm zu bauen, um dahinter eine riesige Sandburg mit Tunneln für Matchboxautos zu errichten. Als ich kam, stand der Damm schon und auch die Sandburg war schon ordentlich groß. Jedes der Kinder war völlig vertieft in eine Aufgabe - und der Vater war der eifrigste Buddler von allen. Brach irgendwo der Damm unter den fließenden Wassermassen zusammen, sprangen alle auf, riefen sich gegenseitig Anweisungen und Ratschläge zu und behoben zusammen den Konstruktionsfehler. Ich habe sie dabei bestimmt eine Stunde beobachtet - sie waren alle ununterbrochen hoch konzentriert, halfen sich gegenseitig und waren völlig bei der Sache - obwohl es doch nur ein Spiel war. Dieser Papa, man merkte es schnell, hatte ebenso viel Spaß daran, wie sein Nachwuchs und seine Begeisterung steckte die Kinder an, die sich von ihm bereitwillig auch Konstruktionstipps geben ließen, da er sie nicht "von oben herab" referierte, sondern als "einer von ihnen" - besser kann man das als Elternteil eigentlich nicht machen.
 
Schafft man es, die Balance zu halten zwischen Mitspielen und "Lehren", wenn man es also ganz den Impulsen des Kindes folgt und sich selbst zurücknimmt, dann macht man seinem Nachwuchs das beste Geschenk aller Zeiten: Mit jemandem aufs Engste verbunden zu sein und sich gleichzeitig frei und autonom mit all seinen Fähigkeiten und Interessen in das gemeinsame Tun einzubringen. In diesem Zustand der geteilten Aufmerksamkeit ("Shared Attention") werden die wichtigsten Grundbedürfnisse unserer Kinder gestillt. Wenn sie das oft erleben dürfen, sind sie viel eher bereit, ihre eigenen Wünsche kurzzeitig zurückzustellen und auf die anderen zu achten, sie anzuspornen, damit das gemeinsame Wer gelingt (vgl. Hüther, G., Hauser, U.: 2012, 107). Dies wiederum sind wichtige Grundsteine für die Ausbildung vom Empathie und Impulskontrolle - Dinge, die in unserer Gesellschaft mehr und mehr verloren gehen, jedoch eigentlich die Voraussetzung für eine funktionsfähige Gruppe sind, in der die Menschen glücklich und zufrieden leben.
 

Märchen vorlesen


Märchenbuch
Märchen beflügeln die Phantasie, erweitern den Sprachschatz, befähigen, sich in andere hineinzuversetzen und Gefühle nachzuerleben und lassen das Kind still sitzen und aufmerksam zuhören (vgl. ebd: 2012, 102). Das Erzählen von Geschichten ist die höchste Form des Unterrichtens, denn Lernen gelingt nur dann richtig, wenn die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert sind und das Gehörte "unter die Haut" geht (vgl. ebd: 2012, 103). Dabei ist es wichtig, dass die Eltern selbst Spaß an der Geschichte haben, denn unsere Kinder merken schnell, wenn Interesse nur vorgeheuchelt oder gespielt ist. Sind die Eltern richtig dabei, entsteht von ganz allein eine Atmosphäre, die gleichzeitig entspannt und doch spannend ist. Die Geschichte sollte dem Alter angepasst sein. Sie muss ein wenig aufregend sein, doch darf sie nicht zu starke Angst machen. Am besten sind Geschichten, in denen kleine Helden Gefahren bestehen, ihre eigene Angst überwinden und über sich selbst hinauswachsen, um am Ende das Böse zu bezwingen, denn unsere Kinder identifizieren sich mit ihren Bücherfreunden und ziehen aus deren Abenteuern Motivation und Ermutigung (vgl. ebd: 2012, 103).
"Der Held startet nicht etwa mit breiten Schultern ins Leben, sondern als Däumling, als letztgeborener, belächelter, schwächster oder gar behinderter Sohn. Oder als ein von der Stiefmutter unterdrücktes Mädchen. Zu Helden (oder Heldinnen) werden die Figuren nicht durch angeborene Superkräfte, sondern durch innere Entwicklung. Durch Prüfungen, die sie allein nicht bestehen können, sondern für die sie Beistand brauchen - von guten Geistern, von Tieren mit magischen Kräften, von geknechteten Wesen aus der Unterwelt, von weisen Frauen. Die Helden bekommen Flügel verliehen, indem sich bei ihnen innerlich etwas tut - indem sie sich als Menschen entfalten. Dann erst erscheint der Held als Sieger (und bekommt am Ende natürlich die die Prinzessin bzw. den Prinzen). Da schimmert noch ein anderes Thema durch: Entwicklung gegen Widerstände Resillienz" (Renz-Polster, H., Hüther, G.: 2013, 144f).

Dass Märchen unsere Kinder ängstigen könnten, spricht nicht gegen sie. Es spricht eher dafür, dass es wichtig ist, dass sie von vertrauten Menschen erzählt werden. Wichtig ist auch die Art des Vorlesens - die Eltern sollten die Geschichte stimmlich formen, sie müssen ängstlich klingen, oder mutig, traurig und begeistert. Ein enger Kontakt zum Kind ist unabdingbar - guckt eure Kinder immer wieder an, haltet inne, achtet darauf, ob sie gedanklich noch bei euch sind. Gerald Hüther findet:
"Dieser enge Kontakt und die Erfahrung, dass Vater und Mutter mitfiebern, machen Märchen aus hirnbiologischer Sicht zum Besten, was wir unseren Kindern bieten können. Die Welt braucht Geschichten, und Kinder erst recht" (vgl. Hüther, G., Hauser, U.: 2012, 103f).

Lieder singen


Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich erinnere mich bei meiner Grundschulzeit besonders gern an das gemeinsame Singen mit meinen Mitschülern. Meine erste Klassenlehrerin hatte es zum Ritual gemacht, dass wir jeden Morgen zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde als Klasse ein Lied singen und ich verbinde diese Erinnerungen mit einem besonders glücklichen, emotional befreiten Gemütszustand. Es war schön, Teil der Gemeinschaft zu sein und zu hören, wie wir miteinander harmonierten. Der schlechteste Schüler der Klasse hatte dabei die schönste und klarste Stimme - für ihn bedeutete dieser Tagesbeginn mehr als für uns anderen zusammen - er kam nur zur Schule, um diesen Moment zu erleben, denn der Rest des Tages nagte heftig an seinem Selbstbewusstsein.

Singen aktiviert emotionale Zentren im Gehirn - es werden "Glückshormone" ausgeschüttet, die uns entspannen lassen und dafür verantwortlich sind, neuronale Bahnen im Gehirn zu festigen. Gemeinsames Singen macht also schlau und glücklich. Es
"[...] führt darüber hinaus zu sozialen Resonanzphänomenen. Die Erfahrung von "sozialer Resonanz" ist eine der wichtigsten Ressourcen für die spätere Bereitschaft, gemeinsam mit anderen Menschen nach Lösungen für schwierige Probleme zu suchen. Gemeinsames Singen fördert die Fähigkeit, sich auf andere einzustimmen, und schafft so die Grundlage für den Erwerb sozialer Kompetenzen wie Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen, Selbstdisziplin und Verantwortungsgefühl. Beim Singen kommt es  zu sehr komplexen Rückkopplungen zwischen erinnerten Mustern wie Melodie, Tempo und Takt und dem zum Singen erforderlichen Aufbau sensomotorischer Muster zwischen der Wahrnehmung und der Tonbildung. Singen ist ein ideales Training für Selbstreferenz, Selbstkontrolle, Selbststeuerung und Selbstkorrektur" (vgl. Hüther, G., Hauser, U.: 2012, 105).

Zeit lassen


Kind betrachtet etwas am Boden
Achtsamkeit ist eine Tugend, die wir Erwachsenen längst abgelegt und vergessen haben. Kinder dagegen sind noch achtsam. Sie sehen vieles, über das wir Großen bereits achtlos hinweggucken und sind dabei weder voreingenommen noch abgelenkt. Sie sehen noch den Marienkäfer auf dem Blatt, wenn wir sie einfach nur schnell von A nach B bugsieren wollen, sie bleiben stehen und wollen ihn genau beobachten. Sie leben im Moment - es ist ihnen völlig egal, dass wir zu spät zu unserem Termin kommen, denn der Marienkäfer ist für diesen kurzen achtsamen Augenblick das Wichtigste auf der ganzen Welt. Für den, der mit Kinderaugen durch die Stadt zu spaziert, wird das Leben reicher und in seinem Gehirn bilden sich komplexe Vernetzungen heraus, die nur in einem solchen "Flow" in dieser Art entstehen können. Lasst euren Kindern Zeit! Oft drängen wir sie nur aus eigener Bequemlichkeit. Uns ist kalt, uns tun die Füße weh, wir würden gern zuhause einen Tee trinken oder auf Toilette gehen. Doch wenn man sich einmal vor Augen hält, wegen welcher Trivialitäten wir unseren Kindern ihre Achtsamkeit aberziehen und sie vom genussvollen Lernen abhalten, merkt man, wie egoistisch und zerstörerisch man handelt. Ist es wert, eine Stunde früher zuhause zu sein, wenn der eigene Nachwuchs diese Stunde hätte nutzen können, um Nervenbahnen zu vernetzen und vertiefen? Nichts, was wir ihnen zuhause an Bildung und Förderung bieten können, reicht auch nur ansatzweise an das heran, was sie sich auf dem Nachhauseweg  zum Lernen gesucht hätten. Das Kind sucht sich seine Aufgaben selbst - wenn wir es lassen.

Eine meiner Töchter hatte sich letztens am Morgen kurz vor Losgehen zum Kindergarten in den Kopf gesetzt, den Reißverschluss ihrer Jacke selbst zumachen zu wollen. Meine andere Tochter war bereits vollständig angezogen und hüpfte draußen auf der Treppe herum. Auch ich war schon fertig und fing an zu schwitzen. Ich gab ihr zunächst kurz die Möglichkeit, es zu probieren, doch nach ein paar gescheiterten Versuchen hatte ich den dringenden Impuls, ihr die Arbeit abzunehmen, denn dann wäre es so viel schneller gegangen. Ganz bewusst atmete ich jedoch tief ein- und aus, und ließ sie machen. Es war nicht dringend, dass wir nun in dieser Minute los kamen und meine andere Tochter war auf der Treppe ganz glücklich - es sprach also eigentlich gar nichts dagegen, der Reißverschluss-Eroberin die Zeit zu lassen, die sie brauchte. Trotzdem kostete es mich einige Kraft, nicht einzugreifen, einfach, weil ich das so viel besser konnte als sie!
 
Belohnt wurde ich nicht einmal fünf Minuten später. Sie hatte es geschafft! Und sie grinste mich glücklich und selbstbewusst zugleich an und rannte zu ihrer Schwester, um dieser zu erzählen, dass sie ihre Jacke ganz allein zugemacht hätte.

Herbert Renz Polster schreibt zum Thema "Zeit lassen":
"Wer sich jemals mit wirklich komplizierten Dingen beschäftigt hat, wird sich noch gut daran erinnern können, dass ihm das nur gelingen kann, wenn er sich dafür Zeit, möglichst viel Zeit, genommen hat. Nichts, was schwierig ist, lässt sich unter Termindruck, in Hektik und mit einer Deadline vor Augen zuwege bringen. Der Aufbau einer Freundschaft nicht, der Bau eines Musikinstruments nicht, die Gründung eines Unternehmens nicht, erst recht nicht ein für alle bereicherndes Zusammenleben in der Familie. [...] Unter Zeitdruck entsteht nichts, was außergewöhnlich, was auch noch später, nach vielen Jahren, wertvoll ist. Unter Zeitdruck bringt man nur schnell verwertbare, kurzlebige Ergebnisse und Produkte zustande [...]. In der Warenproduktion nennt man das Massenproduktion oder gar Ausschuss. Für das, was in Elternhäusern, Kindergärten und Schulen aus Kindern und Jugendlichen wird, weil wir uns nicht genügend Zeit nehmen, haben wir noch keine passende Bezeichnung. Aber wir ahnen, dass es nicht gut sein kann, wenn Kinder sich bei der Vorbereitung aufs spätere Leben beeilen sollen" (Renz-Polster, H., Hüther, G.: 2013, 90).
Es ist durchaus möglich, ein Kind so gezielt zu fördern, dass es schneller laufen oder sprechen lernt, als andere Kinder. Das bedeutet aber nicht, dass es dadurch ein "besseres" Gehirn bekommt. Komplexe Vernetzungen finden im Gehirn nur dann statt, wenn wir den Kindern einfach möglichst komplexe Erfahrungsräume zur Verfügung zu stellen, in denen es nicht auf ganz spezielles Wissen und Fertigkeiten ankommt, sondern die viele Sinne und Fähigkeiten ansprechen (vgl. ebd.:2013, 92). Wenn wir sie diese Erfahrungsräume in ihrem eigenen Tempo erobern lassen und ihnen nicht vorgeben, was sie lernen sollen. Wie sagt man so schön? Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.... Das gilt nicht nur für dreijährige Welteneroberer, sondern insbesondere auch für noch jüngere Kinder. Wir Eltern - nicht alle, aber doch viele von uns - haben irgendwie eine innere Hast, die uns hoffen lässt, unsere Babys mögen möglichst schnell selbständig werden. Sie sollen ohne Hilfe einschlafen können, deshalb "trainieren" wir sie mit Schlaflernprogrammen. Sie möglichst früh sitzen, möglichst früh Beikost essen, möglichst früh krabbeln und laufen, damit sie .... tja, warum wollen wir das eigentlich? Warum ist uns das so wichtig, dass wir unsere Kinder ständig miteinander vergleichen und uns und sie damit noch stärker unter Druck setzen? Ich kann diese Frage nicht beantworten - aber ich erinnere mich, dass ich ebenso in diesem "schneller - höher - weiter"-Wahn gefangen war, als meine Töchter noch Babys waren....
 

In der ungezähmten Natur spielen lassen


Ich habe nun schon mehrmals erwähnt, dass unsere Kinder draußen in der Natur besonders leicht lernen und Glücksgefühle erleben, die in keinem künstlich angelegten Erfahrungsraum auch nur annähernd so empfunden werden. Das liegt natürlich in unserer Evolutionsgeschichte begründet - den größten Teil der menschlichen Entwicklung haben wir draußen in der Natur verbracht und  nicht in den Höhlen und Zelten, die unsere Vorfahren sich als Behausung suchten.

Kinder sitzen auf einem Berg

So ist es ganz und gar nicht verwunderlich, dass es unsere Kinder nach draußen zieht, dorthin, wo sie sich überwinden und beweisen können. Wenn sie sich den dort vorgefundenen Gefahren in ihrem eigenen Tempo stellen, lernen unsere Kinder, ihren Körper und seine Leistung ganz genau einzuschätzen und die Gefahr, der sie sich im Spiel stellen, daran anzupassen.
 
Entwicklungspsychologin Ellen Sander hat herausgefunden, dass sich alle Kinder dieser Erde dabei immer wieder von sechs großen "Feldern" in den Bann ziehen lassen: 1. große Höhen, 2. große Geschwindigkeiten, 3. verstecken und unbekanntes Terrain erkunden, 4. Toben und Raufen, 5. Gefahrenstellen (Nähe zu Abhängen, Wasser, Feuer), 6. gefährliche Gegenstände (Stöcker, Steine, selbstgemachte Messer, Speere etc.).
"Das Spiel in diesem "Risikobereich" folgt dabei einem ganz bestimmten Drehbuch: Die Kinder haben den meisten Spaß bei jenen Aktivitäten, die gerade unterhalb ihrer Angstschwelle liegen! Dieser Belohnungsmotor drängt, nein: zwingt die Kinder förmlich immer wieder hin zu dieser Kribbelzone - und weil sie dort immer neue Kompetenzen aufbauen, wird die Angstdecke nach und nach angehoben. Die Kinder begehen bei ihren Abenteuern also immer wieder eine Gratwanderung: das Hochgefühl auf der einen Seite (Ich hab's geschafft!), die Furcht auf der anderen (Schaffe ich das?). Nur so gewinnen sie Sicherheit, nur so wachsen sie langsam über sich hinaus. Und dieses eskalierende Spielverhalten ist gleichzeitig ihr größter Schutz - sie nehmen die nächste Höhe ja nur in Angriff, wenn sie das etwas niedrigere Mäuerchen geschafft haben" (vgl. Renz- Polster, H., Hüther, G., 2013: 180ff).
Heutzutage - und ich nehme mich dabei gar nicht aus - haben Eltern aber so viel Angst um ihren Nachwuchs, dass Kinder keine Risiken mehr eingehen dürfen. Hier in meinem Kiez, mitten in Berlin, spielen selbst Fünfjährige noch auf einem eingezäunten Spielplatz, während 30 Eltern auf den Bänken ringsherum sitzen und ein wachsames Auge werfen (und nebenbei am Handy spielen). Ich selbst kann mir auch nicht wirklich vorstellen, meine fast vierjährigen Mädchen völlig "frei" zu lassen. Ich habe einfach höllisch Angst, dass ihnen etwas passiert. Dabei war ich selbst mit 5 Jahren schon allein draußen, bin in Gummistiefeln auf verdammt hohe Bäume geklettert (Der einzige Hinweis meines Vaters dazu war: "Immer drei deiner Extremitäten am Baum lassen, während eine Hand oder ein Bein weitersteigt."), habe mit Freunden im Gebüsch mithilfe von Glasscheiben und der Sonne kleine Feuer entzündet und am Tümpel nach Fischen und versunkenen Schätzen geangelt. Bis auf ewig zerschrammte Knie und blaue Flecken ist mir nie etwas passiert. Trotzdem bekomme ich jetzt als Mutter schon die Krise, wenn meine Töchter mit Stöckern in der Hand Fange spielen wollen. "Was da alles passieren kann!", schreit mein Gehirn, "einmal hingefallen, schon ist ein Auge ausgestochen!".... Seufz. Doch genau das oben beschriebene "Ausprobier-Programm" schützt unsere Kinder eigentlich vor Schäden - wenn sie die Möglichkeit bekommen, zu handeln und zu üben. Nur so haben sie Erfolgserlebnisse und erleben sich selbst als kompetente Gestalter ihrer Zukunft, nur so lernen sie ihren Körper und seine Grenzen perfekt kennen.

Allerdings gibt es eine kleine, jedoch wichtige Ausnahme: Kinder können mit natürlichen Gefahren sehr gut umgehen, doch bei manchen modernen, künstlichen Gefahren greift das evolutionsbiologische Schutzprogramm nicht: Steckdosen, Chemikalien, offene Fenster, Autos - vor dieser Art Gefahr müssen wir Eltern sehr wohl schützen!
 
Kind spielt an einem Bach
Doch die Natur kann noch mehr. Nicht nur Motorik und Geschicklichkeit kann mit ihrer Hilfe "gefördert" werden, nein, auch Geduld und Beharrlichkeit werden immer wieder auf die Probe gestellt. Beim Angeln z. B. muss das Kind leise abwarten, bis ein Fisch den Köder entdeckt - es darf die Angel auch nicht zu schnell aus dem Wasser reißen, wenn die Pose wackelt, sondern sich noch ein paar Sekunden zurückhalten, um dem Fisch Gelegenheit zu geben, wirklich anzubeißen. Und trotzdem wird es nicht jedes Mal gewinnen - manchmal entwischt der Fisch trotz aller Geschicklichkeit und Hingabe.
 
In der Natur wächst nichts auf Knopfdruck. Ein Samenkorn, das gestern in die Erde gelegt wurde, ist heute noch lange nicht aufgekeimt, wie meine Töchter gerade feststellen mussten. Wir haben am Wochenende in unserem kleinen Garten ein paar Blumensamen gesät - doch bisher ist auf unserem Beet noch nichts passiert. Vielleicht haben die Vögel alles weggepickt? Vielleicht ist es nachts noch zu kalt draußen? Vielleicht dauert es aber einfach noch ein bisschen, bis die ersten Keimblätter zu sehen sind. Und auch auf die leckeren Äpfel und Kirschen werden sie noch warten müssen. Und selbst wenn die Äpfel dann hängen - sie müssen noch ein wenig hängen bleiben, denn die Süße darin braucht ihre Zeit, um sich zu entwickeln....
 
 

In einer altersheterogenen Kindergruppe spielen lassen

 
Es ist eine allgemein anerkannte Weisheit, dass Kinder andere Kinder brauchen, um glücklich zu sein. Vor allem das Alter "3 Jahre" gilt dabei irgendwie als Meilenstein. Selbst Eltern, die ihr Kind nicht in eine Kinderkrippe geben wollen, sagen, dass mit 3 Jahren aber sehr wohl der Zeitpunkt gekommen ist, an dem der Nachwuchs nun in den Kindergarten soll. Meist wird dies begründet mit den Worten "um die Sozialkompetenz zu schulen". Interessant finde ich, dass es schon in den Anfängen der Menschheitsgeschichte tatsächlich das etwa dreijährige Kind war, welches ziemlich abrupt die Sicherheit des mütterlichen Schoßes verlor und sich einer altersgemischten Kindergruppe anschließen musste, da zu diesem Zeitpunkt meist ein neues Geschwisterchen geboren wurde, welches nun die Muttermilch und (fast) ungeteilte Aufmerksamkeit der Mama bekam.
 
Tatsächlich ist so eine altersgemischte Gruppe für Kinder das Beste, was ihnen passieren kann. Da treffen lauter Individuen aufeinander, deren verschiedene Perspektiven auf die (Spiel-)Situation unter einen Hut gebracht werden müssen. Eine bessere Schulung von Empathie und Perspektivenwechsel gibt es gar nicht. Doch der Weg dahin läuft leider nicht über schönes, harmonisches Miteinander-Spielen! Das mögen nur wir harmoniebedürftigen Erwachsenen. Vielmehr müssen Kinder dazu streiten, sich vertragen, sich lieben, sich hassen - oft in fünfminütigem Wechsel. Wenn man da als Großer nicht eingreift, können Kinder lernen, ihre Impulse unter Kontrolle zu halten, Emotionen zu sortieren, Konflikte zu regeln, zu verzeihen, den anderen zu verstehen, Regeln einzuhalten oder eigene Grenzen zu setzen.

Kinder in einem afrikanischen Dorf

Zudem erleben sich Kinder in altersgemischten Gruppen über eine Zeit hinweg in unterschiedlichen Rollen. Die Kleinsten, die am Anfang oft betüdelt werden, bleiben nicht immer die Kleinsten, wenn neue Dreijährige hinzustoßen. Der große Bruder, der zuhause möglicherweise der Bestimmer ist, muss sich in der Kindergruppe vielleicht einem anderen beugen, der mehr zu sagen hat. Auch wenn größere Kinder aus der Gruppe ausscheiden, weil sie vielleicht schulpflichtig geworden sind, werden Rollen frei. Vielleicht gab es ein besonders mütterliches Mädchen, welches nun weg ist, und deren Position nun von einem neuen Kind aufgenommen werden kann.
" Je mehr Blickwinkel, Perspektiven und Modelle das Kind in dieser Phase kennenlernt, desto reicher wird seine Innenwelt" (vgl. Renz- Polster, H., Hüther, G., 2013: 144).
Doch die altersgemischte Gruppe hat noch weitere Vorteile: Die großen Kinder bieten den kleineren eine Art Schutzprogramm. Sie liefern im gemeinsamen Spiel nicht nur die Ideen und den sprachlichen Input, sondern auch sicherheitsrelevante Verbote.  
"So ist aus Beobachtungen bekannt, dass in gemischtaltrigen Gruppen oft Sicherheitsregeln gelten, die die Kleinen in gewisser Weise vor ihrem eigenen Ehrgeiz schützen. Ein bestimmter als gefährlich bekannter Baum oder ein schwer zu erkletternder Ast etwa gilt für die Kleinen als tabu. Umgekehrt weiß man, dass in den heute in der westlichen Sozialisation bevorzugten gleichaltrigen Spielgruppen leicht eine Art Dampfdrucktopf-Dynamik entsteht. So zeigen etwa gerade die 4- und 5- jährigen Kinder (Jungs mehr als Mädchen), wenn sie unter sich spielen, ein starkes Konkurrenzverhalten - jeder will der Größte, Beste und der Schnellste sein... Dabei spornen sich die Kinder nicht unbedingt zu einem adäquaten Risikoverhalten an, im Gegenteil: Sie treiben sich eher höher auf die Bäume..."  (vgl. Renz- Polster, H., Hüther, G., 2013: 183 ).
Das alles funktioniert natürlich eigentlich nur, wenn die Kindergruppe unter sich spielt, und nicht unbedingt unter der Aufsicht von Erwachsenen. Sobald wir da sind und aufpassen, werden Konflikte nicht mehr selbständig geregelt - mindestens ein weinendes Kind steht doch immer bei uns und ruft: "Der ... hat mich geschubst!". So gehen die letzten beiden "Förder"-Punkte, die ich hier thematisiert habe, eigentlich nur Hand in Hand: Altersheterogene Kindergruppen spielen draußen, erleben Abenteuer und bezwingen gemeinsam (angepasste) Gefahren. Ich wurde 1976 geboren, in meiner Kindheit war das noch so - wann hat sich das nur so sehr gewandelt? Und wie kommen wir dahin zurück?
 
© Snowqueen
 
 

Quellen

Vorleserin: Olga Meier-Sander  / pixelio.de
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