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#RegrettingMotherhood - Wenn Frauen das Muttersein bereuen


Vor kurzem bekam ein eine E-Mail eines Mitarbeiters von Radio Regenbogen. Er fragte mich, ob ich für die Morgenshow am Mittwoch kurz etwas zum Thema zum Thema #Regretting Motherhood sagen könnte.

Ich habe die sehr emotionale Debatte intensiv verfolgt und möchte meine Gedanken zu dem Thema gerne für Euch zusammenfassen.
 
 

Der Ausgangspunkt: Die Studie

 
Auslöser für die Diskussion war ein Artikel vom 5. April 2015 in der Süddeutschen Zeitung mit der etwas reißerischen Überschrift "Unglückliche Eltern - Sie wollen ihr Leben zurück". Im Artikel erfuhr man, dass die israelische Wissenschaftlerin Orna Donath für eine Studie 23 Frauen fand, die das Muttersein fast ausschließlich als Bürde empfinden. Und zwar so sehr, dass sie mit ihrem jetzigen Wissenstand nochmal vor die Wahl gestellt, definitiv entscheiden würden, kein(e) Kind(er) zu bekommen. Zwar würden diese Mütter ihre Kinder lieben und auch nicht bereuen, dass sie da sind - dennoch möchten sie einfach keine Mutter sein. Als Gründe für die Reue wurden vor allem Sorgen, die hohe Verantwortung und Konflikte zwischen Familienleben, Beruf und den persönlichen Bedürfnissen genannt.
 

Wie kommt es zu diesem seltenen Phänomen?


Die Natur sichert das Überleben der Menschen durch den Mutterinstinkt. Die Kombination aus dem Kindchenschema - große Augen, großer Kopf, runde Wangen - und einem Feuerwerk aus Hormonen und Pheromonen nach der Geburt stellen üblicherweise sicher, dass Mütter sich sofort in ihr Neugeborenes verlieben und sich zuverlässig um dessen Wohlbefinden kümmern.
 
Wie bei allen anderen Dingen in der Natur kann es auch hier zu Unregelmäßigkeiten im System kommen. Gar nicht wenige Mütter erleben diese überwältigenden Gefühle der Liebe nach der Geburt nicht - ihnen wird das Kind auf die Brust gelegt, sie schauen es an und denke: "Oh je - und nun?" In den meisten Fällen stellt sich bei ihnen die Mutterliebe etwas später, aber dann doch umfassend ein. Die wenigsten sprechen darüber, wenn es bei ihnen anders läuft - schließlich kennen sie nur euphorische Berichte und fragen sich, was bei ihnen schief gegangen ist. Es fällt schon schwer, vor sich selbst zuzugeben, dass die bedingungslose Liebe nicht sofort da war, sondern erst wachsen musste. Diese Eltern haben oft Angst, dass sie ihr Kind nicht genügend lieben können. Was müssen erst die Eltern empfinden, die warten und warten und bei denen sich diese innige Liebe und Verbundenheit einfach nicht einstellen will? Ihnen fällt es in der Regel dann sehr schwer, eine intensive Bindung zum Kind aufzubauen. Das passiert zwar sehr, sehr selten - aber es passiert. Diese Frauen bereuen oft ihre Mutterschafft, weil sie denken, dass sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Sie haben das Gefühl zu versagen und kämpfen ständig mit Sorgen und Ängsten.

Woran es liegt, dass sich einfach keine Muttergefühle einstellen wollen, darüber wird spekuliert, Forschungen dazu gibt es bisher nicht. Häufig steckt eine nicht erkannte und damit unbehandelte Depression dahinter - der Hormonumschwung im Wochenbett führt bei 60 bis 80 % aller Frauen zu einer kleinen Verstimmung, dem sogenannten Babyblues - auch Heultage genannt. Etwa 10 bis 20 % entwickeln eine ausgeprägtere Depression, die sich oft prägend auf die Mutter-Kind-Beziehung auswirkt.
 
Die ersten Wochen und Monate im Leben eines Babys sind enorm wichtig für die Entwicklung einer sicheren und stabilen Bindung. Das geschieht vor allem dadurch, dass auf die Signale des Kindes zuverlässig reagiert wird. Das fällt Frauen mit einer Wochenbettdepression extrem schwer, weil sie sich schnell überfordert fühlen und sehr mit sich selbst beschäftigt sind. So entsteht ein Kreislauf aus unzufriedenem Kind und einer immer angestrengteren Mutter. Wird diese Erkrankung nicht behandelt, kann das dazu führen, dass sich keine innige Mutter-Kind-Beziehung entwickelt und die Mutter im Ergebnis wirklich bereut, ein Kind bekommen zu haben. Das ist zumindest ein Erklärungsansatz.
 
Unabhängig davon, ob man es erklären kann oder nicht - dieses Gefühl ist einfach da und verschwindet in den meisten Fällen nicht mehr. Mütter, die so empfinden, schämen sich dieses Gefühls zutiefst und sprechen darüber nie, da bezüglich solcher Empfindungen völliges Unverständnis (vor allem bei Müttern) herrscht.
 

Die Reaktion auf #RegrettingMotherhood im Internet


Der Artikel über die Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, verbreitete sich in Windeseile im Internet, er wurde getwittert, geteilt und geliked. Innerhalb weniger Tage erschienen auf Elternblogs zahlreiche - zum Teil sehr kontroverse Artikel - die intensiv kommentiert und diskutiert wurden. Der Hashtag #RegrettingMotherhood spaltete Deutschlands Elternschaft und wird auch offline intensiv diskutiert.

Dabei ist man mittlerweile größtenteils vom ursprünglichen Thema abgekommen. Die schonungslose Offenheit der Mütter, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben, hat dazu geführt, dass einige Mütter sich ein Herz fassten und einfach ein Tabu brachen, indem sie sagten: "Ich bin nicht glücklich mit meinem Mutterdasein". Dabei sagte jedoch keine der Diskutierenden tatsächlich: "Ich hätte lieber keine Kinder bekommen sollen". Nach den ersten zaghaften Andeutungen, dass man auch mal an die Zeit vor den Kindern zurück denken würde und sich etwas von der Unbeschwertheit zurückwünschen würde, brachen die Dämme und viele Eltern schrieben darüber, wie sie die Elternschaft überschätzt hätten, wie sie sie häufig überfordere und wie das Umfeld dazu beiträgt, dass man sich ständig unzulänglich fühlt.

Das führte dann zu Reaktionen wie "Das weiß man doch wohl vorher!", "Warum kann man seine Bedürfnisse nicht einfach mal für eine gewisse Zeit zurückstellen?" und "Wie kann man so etwas öffentlich schreiben, wo es später die Kinder lesen können?" Es ist parallel also eine Diskussion über das Bild der Mutter in der Gesellschaft entbrannt und es wird  nunmehr im Grunde vielmehr darüber diskutiert, ob man als Eltern überhaupt unzufrieden sein darf.
 

Warum Eltern manchmal unzufrieden sind

 

Falsche Erwartungen in Bezug auf die Elternschaft


Werdende Mütter kann man im Grunde in zwei Kategorien einteilen - solche, die über Erfahrungen mit Kindern verfügen und solche, die in ihrem bisherigen Leben kaum Kontakt zu Kindern hatten. Durch den Trend von der Großfamilie zur Kleinfamilie gibt es zunehmend mehr Frauen, die in Laufe ihres Lebens kaum Berührungspunkte mit Kindern haben. Das Konstrukt der Familie erleben sie nur oberflächlich im Umfeld oder in den Medien.

So gibt es tatsächlich nicht wenige Mütter, die wirklich nicht wissen, worauf genau sie sich da einlassen, wenn sie beschließen: "Ich bekomme ein Kind". Denn durch das in der Gesellschaft hoch gehaltene Bild der überglücklichen Mutter ahnen sie nicht ansatzweise, was sie erwartet. Durch das Tabu über die Anstrengungen der Elternschaft zu sprechen, können sie es ja auch gar nicht.

Man braucht sich nur in jede x-beliebige Krabbelgruppe oder irgendeinen PEKIP-Kurs setzen - dort trifft man nur auf gutschlafende, gutessende, immerzufriedene Babys. Man hat den Eindruck, bei allen anderen Eltern sei das Kinderhaben weder aufwändig noch problematisch. Das führt dazu, dass eine harmonisch funktionierende Familie als "Normalzustand" klassifiziert wird und man sich bei Abweichungen von der Norm automatisch unzulänglich fühlt. Und natürlich unglücklich und überfordert.

Die Erkenntnis, dass die unkomplizierten Kinder durchaus seltener als angenommen sind und es einen gewisser Totschweigfaktor bezüglich des Schlaf- oder Trotzverhaltens besteht, kommt häufig recht spät. Wer bis dahin versucht, im Bilderbuchmutti-Kampf mitzuhalten, wird recht schnell und frustriert an seine Grenzen kommen.

Frauen, die im näheren Umfeld bereits Erfahrungen mit Babys und Kindern sammeln konnten, wissen in der Regel, dass Babys anstrengend und fordernd sein können. Die Anstrengung überrascht sie daher in der Regel nicht, weil sie schon darauf eingestellt sind. Sie haben durchschaut, dass im Grunde alle Eltern die selben Probleme haben - der eine möglicherweise ausgeprägter, als der andere. Sie verfügen generell über über viel mehr Gelassenheit.

"Das weiß man doch vorher" trifft also nicht auf jede Mutter zu. Bei der Diskussion sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass Menschen vollkommen unterschiedliche Erfahrungshorizonte haben. Viele konnten es überhaupt nicht wissen - und die sollten auch vorwurfsfrei überrascht oder überfordert sein dürfen.

 

Der Mythos der ewigen Glücksseligkeit durch die Mutterschaft


Es herrscht die allgemeine Auffassung, dass Mütter grundsätzlich glücklich sein müssten. Schließlich erfüllen sie mit ihrer Elternschaft die von der Natur für sie vorhergesehene Aufgabe. Das setzt Eltern extrem unter Druck. Auch wenn es ihnen nicht bewusst ist - sobald ihr Kind gezeugt wird, treten sie in einen Wettstreit. Das beginnt mit den Vermessungen im Mutterleib, wo durch die heute mögliche technische Dauerüberwachung jede kleine Abweichung nach oben und unten kritisch beäugt werden kann.

Bei der Geburt und in den folgenden Wochen wird wieder vermessen und gewogen und verglichen. Was kann das Kind, was sollte es können, erfüllt es die Anforderungen? Das Kinderhaben ist zu einem riesigen überwachten Projekt geworden, bei dem Eltern eine große Verantwortung haben, es "richtig" zu machen. Und zum Richtigmachen gehört dazu, dass man entspannt und fröhlich dabei ist.

Das Glücklichsein hat oft auch eine Schutzfunktion. Durch den Projektstatus sind Eltern zunehmend umfassender informiert - leider oft auch sehr unterschiedlich. "Er schläft nicht allein? Versuche mal 'Jedes Kind kann schlafen lernen", "Lass das Kind bloß nicht schreien, damit zerstört man das Urvertrauen, nimm es mit in dein Bett", "Auf keinen Fall! Das kriegst du da doch nie wieder raus!"... eine unendliche Vielfalt an Wegen, Handlungsmöglichkeiten und Alternativen erschlägt uns nahezu - jeder meint, es genau oder besser zu wissen. 

Sobald man auch nur andeutet, dass man ein Problem mit seinem Kind hat, wird man mit einer Flut an Ratschlägen überschüttet, die man kaum sortieren kann. Natürlich will man das Beste für das Kind - nur was ist das Beste? Um das zu umgehen, vermeiden viele Eltern einfach, über Probleme zu sprechen. Wodurch sie dann bei den anderen wieder den Eindruck erwecken, bei ihnen liefe alles prima...

Es ist also wenig verwunderlich, dass Eltern daran verzweifeln, das Bild der glücklichen, unkomplizierten Familie nur mit sehr viel Anstrengung aufrecht erhalten zu können. Die wenigsten schaffen es, das Umfeld und den Wettkampf zu ignorieren. Wären wir alle ein bisschen offener und würden wir etwas toleranter in Bezug auf andere Lebens- und Erziehungsansätze sein, würde das die Lage deutlich entspannen und das Bild der Elternschaft in der Gesellschaft etwas realistischer gestalten.
 

Das unterschiedliche Maß der Bereitschaft zurück zu stecken


Einer der am heißesten diskutierten Aspekte ist der Wunsch nach mehr Freiheit. Es sei egoistisch, die langen Partynächte oder weiten Urlaubsreisen zu vermissen, heißt es da. Kinder bringen Verantwortung mit sich - da müssen man eben mal zurückstecken. Dabei wird recht schnell aus den Augen verloren, dass Menschen sehr unterschiedlich intensive Bedürfnisse haben. Natürlich fällt es jemandem, der schon als Jugendlicher keine Diskotheken mochte, ganz leicht zu sagen: "Da gehen meine Kinder vor!" Für jemanden, der leidenschaftlich gerne tanzt und für den Ausgehen am besten zur Entspannung beiträgt, für den bedeutet die allabendliche Babyphoneüberwachung eine viel größere Entbehrung.

Das Elternsein bringt für alle Eltern kleinere und größere Verluste an Lebensqualität mit sich - wie stark diese für jemanden ins Gewicht fallen, kann niemand anderes beurteilen. Der eine kann die Problematik des Schlafmangels nicht nachvollziehen, weil er sonst auch wenig schläft und häufig aufwacht, ein Baby schränkt ihn diesbezüglich nicht ein. Ein anderer braucht unbedingt eine bestimmte Zahl an Stunden ununterbrochenen Schlafs, damit er den Tag einigermaßen übersteht - für ihn können Schlechtschläferkinder tatsächlich die Hölle sein und es ist nachvollziehbar, wenn derjenige beim fünften Aufwachen in der Nacht kurz denkt "Das nervt!".

Für das seelische Wohlbefinden braucht jeder Mensch andere Dinge - dass er diese vermisst, das ist vollkommen nachvollziehbar. Warum sollte derjenige das nicht bedauern und darüber sprechen? Warum sollten wir darüber urteilen? Vielmehr ist es doch ein Glück, wenn wir es ohne weiteres schaffen, unsere Bedürfnisse zurückzustecken. Aber das kann nicht von jedem erwartet werden.

 

Der Einfluss der familiären Unterstützung


Man darf auch nicht vergessen, dass unsere Lebensumstände sehr unterschiedlich sind. Während bei dem einen die eigenen Eltern im selben Haus oder Ort leben, haben andere Familien keinerlei Unterstützung. Nun ist es für denjenigen, dessen Kinder auch mal liebevoll von Eltern oder Tanten betreut werden, damit die eine oder andere Stunde Freizeit abfällt, ein Einfaches zu sagen: "Ist doch alles ganz entspannt, warum sollte man Muttersein bereuen?" Leider fehlt vielen Unterstützung und sie müssen sich rund um die Uhr um Haushalt und Kinder kümmern. Dass man da die fehlende freie Zeit für sich schneller mal bedauert, ist nachvollziehbar.
 
Vor allem Alleinerziehende sind besonders belastet. Sie tragen in besonderem Maße Verantwortung und haben häufig besonders wenig Rückhalt in Netzwerken. Da sie für alles allein zuständig sind, fehlt ihnen die Zeit, Kontakte zu pflegen, wodurch eine höhere Gefahr besteht, dass sie sozial vereinsamen. Zudem können sie häufig - wenn überhaupt - nur auf die Hilfe der halben Familie zurück greifen.

Die Freude am Muttersein


Es gibt tatsächlich Frauen, die sind einfach geborene Mütter. Nichts füllt sie so sehr aus, wie Kinder zu haben und wirklich alles fällt ihnen leicht. Sie tragen hingebungsvoll ihre Kinder, schlafen jahrelang mit ihnen im Familienbett und lieben es stundenlang mit ihnen zu spielen. Ehrlich gesagt - ich kenne genau eine Mutter, die so ist und bestaune und bewundere sie sehr. Ihr käme es nie in den Sinn zu sagen, dass sie etwas bereut oder vermisst - stattdessen wünscht sie sich fünf Kinder und geht vollkommen in ihrer Mutterschaft auf.

Viele Frauen stellen jedoch überrascht fest, dass sie das Mutterdasein doch nicht so ausfüllt, wie sie es erwartet haben - zumindest nicht über längere Zeit. Auch hier ist es wieder problematisch, dass sie sich als sonderlichen Exoten empfinden, bei dem irgendein natürlicher Mechanismus nicht funktioniert. Befeuert wird das schlechte Gefühl von Debatten über Fremdbetreuung, bei denen zumindest ein Teil der Mütter die Ansicht vertritt, ein Kind unter drei Jahren solle keinesfalls von jemand anderem als ihrer Mutter betreut werden. So bleiben nicht wenige Mütter länger der Arbeit fern, als sie es gerne würden. Paart sich das mit einer gewissen Isolation, weil man kaum Kontakte zu anderen Müttern knüpfen kann, hat das natürlich Einfluss auf das Wohlbefinden der Mutter und es ist nicht weiter erstaunlich, wenn diese sich gelegentlich sagt: "Ohne Kind ginge es mir im Moment besser".

 

Die Angst vor der Verantwortung

 
Wer kennt das nicht? Da verlässt man das Krankenhaus, in dem man gerade noch lauter Ansprechpartner bei allen Fragen hatte... und sitzt plötzlich allein und ziemlich ahnungslos daheim. Plötzlich ist da dieser Stein im Magen und man fragt sich ganz zweifelnd, wie man diese Verantwortung tragen soll. Hat man dann noch ein Schreibaby, ist die Verzweiflung groß - man fühlt sich hilflos und einsam.
 
Zwar hört man immer wieder von anderen "Da wächst man rein" und das tut man auch bis zu einem gewissen Grad - aber viele begleitet dieses ängstliche und hilflose Gefühl lange Zeit. Sich permanent zu fragen, ob alles, was man tut gut und richtig ist, sich vor Entscheidungen zu fürchten, weil Sachverhalte so unglaublich komplex sein können - all das zermürbt einige Mütter.
 


 

Was die Diskussion uns zeigt

 
Die #RegrettingMotherhood-Debatte ist im Grunde eine sich in den Schwanz beißende Katze und macht deutlich, was genau unser Problem ist: Die Erwartungshaltung. Dadurch, dass kaum einer sich traut, darüber zu reden, entsteht in der Gesellschaft ein Bild der umfassend glücksseligen Mutter. Sobald Frauen bemerken, dass sie dieses Bild nicht erfüllen können, weil sie eben nicht restlos glücklich und zufrieden sind und der Erfüllung ihrer Bedürfnisse nachtrauern, ziehen sie sich zurück.
 
Da vermeintlich nur bei ihnen die Freude am Mutterdasein eingeschränkt ist, halten sie das für ihr eigenes Versagen und schämen sich. Sie versuchen jedoch, sich ihre Verunsicherung und ihre Unzufriedenheit nicht anmerken zu lassen, damit sie das Klischee "glückliche Mutter" erfüllen.
 
Umso befreiender ist es nun für Müttern, im Rahmen der Diskussion zu lesen, dass es vielen anderen Müttern genauso geht, wie ihnen. Dass sie erschöpft sind, manchmal keine Lust mehr auf den ganzen Kinderkram haben und einfach nur gerne ein Buch lesend am Strand sitzen möchten. Am besten auf einer ganz einsamen Insel. Tatsächlich würden sie nach ein paar Stunden ganz sicher wieder gerne zurück zu ihren Kindern - denn keiner bereut die Mutterschaft wirklich, nur weil er sich ein paar Dinge wünscht oder welche vermisst.
 
Die Diskussion, die hier in den Social-Media-Kanälen und Blogs geführt wird, hätte eigentlich treffender #DisillusionedByMotherhood heißen müssen - sie hat mit dem sehr seltenen Umstand, dass Mütter tatsächlich keine Mütter sein wollen oder können wenig zu tun - ist aber wegen der breiten Masse an Betroffenen ebenso wichtig. Mütter, die tatsächlich bereuen, dass sie Kinder bekommen haben, können sich von der aktuellen Debatte nur missverstanden fühlen. Daher trägt die Diskussion leider nur dazu bei, dass sich das Tabu festigt.

Ich hoffe von Herzen, dass die Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen Unterstützung und Hilfe haben, um diesen schwierigen Weg zu beschreiten. Sie haben es sich nicht ausgesucht und sie können ihre Situation nicht ändern - obwohl sie sich das sicher von Herzen wünschen. Daher wünsche ich mir als Ergebnis von #RegrettingMotherhood vor allem generell mehr Toleranz und ein offeneres Ohr für Themen, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt nachvollziehen kann. Und wir alle können daran arbeiten, ein realeres Bild vom Elternsein zu schaffen. Lasst uns darüber reden, wenn etwas nicht gut läuft oder wir mal am Ende unserer Kräfte sind und nicht so tun, als wäre alles eitel Sonnenschein.
 
© Danielle
 

Warum man Kinder immer trösten sollte

weinendes KindKinder brauchen bei Kummer Trost und Zuwendung


Dass Schreien lassen die Lungen gar nicht stärkt oder Stillen und Füttern nach Zeitplan nicht kindgerecht ist und dass man durch Tragen Babys nicht verwöhnt, hat sich erfreulicherweise mittlerweile herumgesprochen. Leider gibt es jedoch noch ein kleines, sehr hartnäckiges Überbleibsel aus der Erziehung unserer Eltern und Großeltern, das immer noch weit verbreitet ist: Der Unwille, Kindern Trost zu spenden.
Immer wieder hört man, wie bitterlich weinenden Kindern (oft leicht genervt) entgegnet wird:
  • "Nun stell dich nicht so an!"
  • "Hab dich nicht so!"
  • "Hör doch endlich mal auf zu weinen!"
  • "Immer dieses Gejammere!"
  • "Was soll das ständige Geschrei!"
  • "Was du immer für einen Aufstand machst!" 

Im Alltag sind auch immer wieder unbewegte Erwachsene zu beobachten, die neben vollkommen aufgelösten Kindern stehen und minutenlang nicht darauf reagieren oder sie sogar einfach stehen lassen. Offenbar fällt es einigen Eltern unheimlich schwer, ihre Kinder zu trösten.
Auch für mich ist es manchmal sehr schwierig, in Situationen, in denen ganz eindeutig übertrieben wird, mitfühlend Trost zu spenden - vor allem, wenn ein Konflikt vorherging und ich gerade in ärgerlicher Grundstimmung bin. Auch wenn ich es mittlerweile schaffe, solche Sätze wie die obigen bewusst nicht zu sagen, möchte ich dann doch am liebsten weit weg rennen und mein Kind mit seiner für meine Begriffe unangemessenen Trauer allein stehen lassen. 

Warum Eltern manchmal so schlecht trösten können


Meine eingeschränkte Fähigkeit, in emotional geladenen Situationen Trost zu spenden, ist ein Relikt meiner eigenen Erziehung. Ganz offenbar ist mein Bauchgefühl leider maßgeblich davon geprägt, wie ich selbst erzogen wurde. Immer wieder entdecke ich Verhaltensweisen, die ich unbewusst von meinen Eltern übernommen habe, weil sie mir jahrelang vorgelebt wurden. Vor wenigen Jahren noch war meine erste gedankliche Reaktion auf ein trotziges Kleinkind: "Das soll sich ruhig ausbocken - wenn man dem Verhalten zu viel Beachtung schenkt, wird es sich immer wieder so benehmen, um seinen Willen durchzusetzen. Bald schon tanzt einem das Kind dann auf der Nase rum". So habe ich tatsächlich gedacht - und so denken heutzutage noch sehr viele.

Wir haben auf unserer Seite bereits ausführlich darüber geschrieben, wovon die Erziehung unserer Eltern und Großeltern maßgeblich beeinflusst war und was sie davon wie an uns weitergegeben haben. Bis zum Ende der 80er-Jahre war das Buch "Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind" mit über 1,2 Mio. verkauften Exemplaren das Standardwerk für die Erziehung von Kindern - geschrieben wurde es von Johanna Haarer in der Zeit des Nationalsozialismus. Aber auch lange Zeit danach stand es in nur leicht abgewandelter Form in vielen elterlichen Bücherregalen und prägte die Erziehung von Kindern nachhaltig.
Das Erziehungsziel der Zeit, in der es geschrieben wurde, war ganz eindeutig: Kinder sollen nicht verweichlicht werden - sie sollen stattdessen schnell selbständig und unabhängig sein, um dem Führer selbstlos zu dienen. Sie sollten nicht jammern, nicht weinen, keine Gefühle zeigen, sondern einfach nur tun, was man ihnen sagt und keinerlei Schwäche zeigen. Haarer schreibt in ihrem Buch ganz klar:
"Eine deutsche Mutter kennt keinen  Fehler außer dem einen, ihre Kinder zu verzärteln."
So gibt sie klar vor, wie mit Kindern umzugehen ist, denen es offenkundig an nichts fehlt:
"[....] Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszuheben, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, daß es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden" (Haarer, 1939: 170). 
Auf keinen Fall also soll ein Kind getröstet werden, weil es sonst so lernen würde, dass es seine Wünsche durch unangemessenes Verhalten durchsetzen kann. Diese Annahme basiert auf den Theorien des Behaviorismus, in denen davon ausgegangen wird, dass Belohnungen (hier Trost und Zuwendung) verstärkend auf ein Verhalten wirken. Diese Annahme ist bis heute weit verbreitet - und das, obwohl Studien mittlerweile eindeutig ergeben haben, dass Kinder weniger schreien, wenn man sich ihnen zuverlässig zuwendet. 

Haarer sah das jedoch anders. Auf "eigensinniges Geschrei" solle man laut ihrem Buch wie folgt reagieren:
"Mit ruhiger Bestimmtheit setzt [die Mutter] ihren Willen weiter durch [...]. Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen "kaltgestellt", in einem Raum verbracht, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und wie rasch ein Kind solches Vorgehen begreift" (Haarer, 1939: 265). 
Diese Auszeiten - gerne in Form des "stillen Stuhls" oder der "stillen Treppe" werden ebenfalls heute noch gerne empfohlen. Trost für weinende Kinder ist bei Haarer jedenfalls nicht vorgesehen - selbst bei Schmerzen soll nicht getröstet werden: 
"Nicht einmal aus etwaigen Äußerungen des Schmerzes mache man unnötig viel Wesens, selbstverständlich fällt das Kind, das stehen und gehen lernt, viel, stößt sich des Öfteren und schreit und weint dann" (Haarer, 1939: 266).  
weinendes Kind
Es wurde also im Standard-Erziehungsratgeber viele Jahrzehnte generell davon abgeraten, einem Kind Trost zu spenden, weil es das Kind verwöhne und verziehe. Übrig geblieben ist dieses Gedankengut bis heute in Form von "Nun hab dich nicht so!", "Indianer kennen keinen Schmerz" und "Reiß dich mal zusammen!"

Solche und ähnliche Sätze haben die meisten von uns immer und immer wieder in ihrer Kindheit gehört und verinnerlicht. Manchmal möglicher- und glücklicherweise nicht von den eigenen Eltern, aber im alltäglichen Umfeld sind solche Sätze seit Jahrzehnten gang und gäbe, so dass das Bauchgefühl vieler Eltern dagegen nicht rebelliert. 

Festzulegen, wie sehr ein Kind leidet, macht uns trostunfähig


Erfolglose Tröstversuche führen oft dazu, dass wir uns hilflos fühlen. Da uns das nicht selten wütend macht, versuchen wir Situationen, in denen Trost erforderlich ist, kleinzureden, um sie schnellstmöglich zu beenden. Ein nicht unerheblichen Einfluss auf unser Handeln hat dabei unser Umfeld. Uns ist (oft nur ganz) unterbewusst klar, dass es noch immer allgemeine Meinung ist, dass Kinder nicht "verweichlicht" werden sollten. Jeder kennt Kinder, besonders sensibel sind und ihren Gefühlen freien Lauf lassen - leider sind diese oft als "Heulsusen" oder "Weicheier" verschrien. Das möchten wir unseren Kindern ersparen und wirken daher darauf hin, dass sie vor allem in der Öffentlichkeit möglichst nicht ihre Gefühle wie Wut und Trauer ausleben.

Wir haben zudem auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sehr ein Kind in einer bestimmten Situation leiden "darf". Fällt es hin und schrammt sich leicht das Knie auf, sind wir durchaus gewillt, es ein bis zwei Minuten zu trösten. Weint es weiter, finden wir immer mehr, dass es jetzt eigentlich langsam gut sein müsste. Wenn unser Kind schmerzhaft auf den Kopf fällt, dann beurteilen wir die Situation als schlimmer - unsere Tröstbereitschaft steigt und damit auch der Zeitraum, den wir unserem Kind zum Traurigsein zu gestehen. Bricht sich das Kind ein Bein, würden wir es wohl den ganzen Tag trösten, ohne dessen überdrüssig zu sein.

Bei Situationen, in denen Kinder Wut oder Trauer empfinden, haben wir also eine festgelegte Skala, nach der wir dann bereit sind, Trost zu spenden. Das Problem dabei ist, dass wir den Kummer unseres Kindes klassifizieren. Nur, wenn wir Dauer und Intensität der Traurigkeit angemessen finden, können wir relativ problemlos trösten. Allerdings liegen zwischen unserer (vermeintlich) sachlichen Einschätzung und dem Empfinden des Kindes manchmal ganze Welten. Für unsere Kinder entlädt sich der komplette Weltschmerz bei für uns vollkommen trivialen Dingen - sei es eine zerbrochene Banane oder der falsche Löffel. Manchmal sind das jedoch einfach nur Auslöser für Kummer und den wahren Grund kennen wir überhaupt nicht. Wie wollen wir denn dann einschätzen, wie schlimm es wirklich ist? Oder gar, dass es gar nicht schlimm ist? Wir ziehen dabei unseren (erwachsenen) Maßstab zur Beurteilung heran - ohne ansatzweise zu wissen, was unser Kind genau empfindet. Und das ist für Kinder verwirrend und enttäuschend.

Besonders gut beobachten lässt sich das automatische Klassifizieren bei Stürzen. Fällt ein Kind irgendwo hin, wird in den meisten Fällen sofort ein Erwachsener rufen: "Nichts passiert! Steh auf!" Auch hierbei handelt es sich um erlerntes Verhalten, das seit Jahrzehnten von Generation zu Generation weiter gegeben und kaum hinterfragt wird. Dabei steht es uns nicht zu, darüber zu urteilen, dass "nichts passiert ist" - denn es ist etwas passiert. Wie schlimm es letztendlich ist, kann nur unser Kind einschätzen. Wir sollten uns dieses Automatismus unbedingt bewusst werden. Es hilft unserem Kind überhaupt nicht, wenn wir ihm sagen, es sei doch alles nicht so schlimm oder es solle sich nicht so haben - in dem Moment ist es für das Kind aber schlimm - ganz schlimm - genau deswegen weint es ja. 

Trösten als Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu bekommen 


Manche Eltern sagen: Mein Kind übertreibt aber wirklich ständig. Es jammert rum und ich habe irgendwann einfach keine Lust mehr, darauf einzugehen, weil es immer Lappalien sind. Offenbar scheint das Nichtreagieren jedoch das Problem auch nicht zu beseitigen - man muss Kinder schon sehr dauerhaft vorsätzlich frustrieren, um sie zum Resignieren zu bringen. Warum also sind manche Kinder so offenkundig übertrieben wehleidig? Ich habe die Motivation dahinter durch meine Tochter erkannt. Auch sie ist eine kleine Übertreiberin, was körperliche Verletzungen angeht. Bei der kleinsten Schramme macht sie einiges Brimborium und ergeht sich gerne in Selbstmitleid. Nun könnte man diese Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten:

Knie mit PflasterDie verbreitetste Reaktion auf so ein "kindisches" Verhalten ist: "Nun stell dich doch nicht so an, da ist doch gar nichts. Das kann doch überhaupt nicht weh tun!" - das war ehrlicherweise auch mein erster Impuls, als ich erkannte, dass sie ziemlich übertrieb. Ich hatte ja schon erklärt, warum wir auf Gejammere so reagieren (insbesondere bei größeren Kindern) - es ist gesellschaftlich einfach nicht akzeptiert, dass Kinder traurig sind. Noch immer wird Weinen und Leiden als ein Ausdruck von Schwäche gesehen. Dazu kommt, dass viele Erwachsene oft nicht in der Lage sind, Trost zu spenden und empathisch Zuzuhören - wie denn auch, sie haben es ja auch gar nicht gelernt, weil sie in aller Regel selbst nicht getröstet wurden. Das was unsere Generation gelernt hat ist kurz gesagt: "Hab dich doch nicht so" und "Heul doch!" Also ignorieren wir den Schmerz, weil wir nicht wissen, wie viel Trost richtig ist und hoffen einfach diffus, dass das Kind "härter im Nehmen" wird und aufhört zu übertreiben.

Ein anderer Blickwinkel auf diese Situation wäre, das Jammern als Signal zu sehen, dass sich der Aufmerksamkeitsspeicher des Kindes offenbar dem Ende neigt und ihm eine Extraportion davon sehr gut täte. Auf diesen Gedanken kam ich, als ich bemerkte, wie unterschiedlich mein Kind auf Verletzungen reagierte. Manchmal zog sie sich im Spiel eine größere Verletzung zu und war so abgelenkt, dass sie diese nicht mal erwähnte und manchmal kam sie zu mir, um mir eine mikroskopisch kleine aufgekratzte Stelle zu zeigen. Sie weiß genau, dass ich ihren Schmerz ernst nehme und genießt meine Zuwendung, die tröstenden Worte und das liebevoll auf den Minikratzer geklebte Pflaster in vollen Zügen. Auch die winzigste Blessur ernst zu nehmen hat dazu geführt, dass sie ein zuverlässigen Weg hat, ihren Wunsch nach Aufmerksamkeit auszudrücken. Dieser Weg ist für mich deutlich angenehmer, als lautes, wütendes und unangemessenes Verhalten, mit dem unter Umständen sonst das Aufmerksamkeitsbedürfnis geäußert wird. Und ist ihr Speicher voll, werden auch größere Blessuren ignoriert - von "Verweichlichung" durch zuverlässiges Trösten ist also keine Spur erkennbar. 

Natürlich wollen Kinder mit übermäßigem Gejammere unserer Aufmerksamkeit erregen! Nur spricht rein gar nichts dagegen, ihnen diese einfach zu geben - auch wenn ihnen offenkundig rein gar nichts fehlt. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit verschwindet ja nicht dadurch, dass wir es ignorieren, sondern nur, wenn wir es erfüllen. Und das können wir in solchen Situationen mit einem Kuss, einem Streicheln oder einem liebevollen Trösten ganz einfach tun. 

Warum Kinder unseren Trost benötigen


Zuverlässige Zuwendung durch Trösten ist zudem dringend erforderlich, damit unsere Kinder zu psychisch gesunden Erwachsenen heranzureifen. Babys kommen mit einem extrem unreifen Nervensystem auf die Welt. Ihre Fähigkeit, Gefühle zu regulieren, ist zunächst nur sehr schwach ausgebildet und entwickelt sich erst im Laufe der ersten Lebensjahre. Angst, Wut, Stress - all das kann unser Kind zunächst nur mit unserer Hilfe überwinden - erst nach und nach erlernt es Strategien, um unangenehme Zustände selbst zu regulieren.

Was passiert eigentlich in solchen Stresssituationen im Körper? Ist ein Kind aufgeregt, wird zunächst  Adrenalin ausgeschüttet, wodurch sich Blutdruck und die Herzfrequenz erhöhen. Die Atmung ist beschleunigt und die Muskeln angespannt - der Körper befindet sich in Alarmbereitschaft. Hilft einem Kind niemand dabei, sich zu beruhigen, produziert der Hypothalamus im Gehirn größere Mengen des Hormons Corticoliberin. Dieses setzt in der Hypophyse vermehrt Adrenocorticotropin frei, das in der Nebennierenrinde die Produktion von Cortisol anregt. Befinden sich davon über längere Zeit größere Mengen im Körper, wirkt dieses toxisch auf den Körper. 

Werden Kinder nicht ausreichend getröstet, kann das dazu führen, dass Kinder ihr ganzes Leben daran zu knabbern haben, sagt der Psychologe Ulrich Tiber Egle: „Es kommt zu ungünstigen Veränderungen im Gehirn, die das Stressempfinden lebenslang beeinflussen“. Fehlender Trost wirkt sich auch nachhaltig auf die Eltern-Kind-Bindung aus. Ist diese geschwächt, wird weniger Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon dient u. A. als Andockstelle für das stressbedingt ausgeschüttete Cortisol und "bindet" es sozusagen. Ist im Körper weniger Oxytocin vorhanden, ist der Cortisolspiegel dadurch dauerhaft höher. Die Folge davon kann ein sehr überempfindliches Stressreaktionssystem sein, was häufig zu Alkoholmissbrauch, Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Erkrankungen führt.

Oxytocin aktiviert darüber hinaus den Vagusnerv - unser körpereigenes Stressbewältigungssystem. Dieser reguliert die durch Stress ausgelöste Unordnung im Körper. Der Vagusnerv wird durch Trost stimuliert - er "lernt" quasi, wie man arbeitet, indem er immer wieder - zunächst von außen unterstützt - stimuliert wird. Im Laufe der Zeit kann er seine Arbeit dann immer besser auch ohne fremde Hilfe erledigen. Das Kind ist also zunehmend besser in der Lage, sich selbst zu beruhigen. Ein gut trainierter Vagusnerv führt zu mehr Ausgeglichenheit, besserem Denkvermögen  mit erhöhter Aufmerksamkeit, besserer Kommunikationsfähigkeit und sogar zu einem fitteren Immunsystem.
trauriges Kind mit TeddyGehirnscans von Kindern, bei denen über längere Zeit Kummer und Sorgen nicht weggetröstet wurden, zeigten, dass ihr Hippocampus schrumpft - dieser ist u. A. für das Langzeitgedächtnis zuständig. Das geschieht übrigens auch bei bestimmten Formen von Depressionen und schweren Traumata. 

Trösten und Mitfühlen sind wesentliche Faktoren des menschlichen Zusammenlebens. Trost signalisiert: Ich sehe, dass es dir schlecht geht - ich möchte dir dabei helfen, deine Trauer zu bewältigen. Kinder, die in ihrem Kummer liebevoll angenommen und getröstet werden, wachsen mit dem Gefühl emotionaler Sicherheit auf und sind viel offener für die Bedürfnisse anderer.

Wenn jedoch nicht auf ihre Trauer eingegangen wird und diese immer wieder ignoriert oder kleingeredet wird, werden Kinder lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken, weil sie sie als nicht gewollt klassifizieren. Entsprechend werden sie auf die Gefühlsregungen anderer dieses Denken übernehmen und ihnen ebenso gegenübertreten - z. B. mit "Du bist ja vielleicht eine Heulsuse!" Leben Eltern Mitgefühl und Einfühlungsvermögen nicht vor, dann fällt es Kindern extrem schwer, diese Eigenschaften auszubilden.

Bestrafungen hingegen wirken sich zusätzlich negativ auf die Entwicklung der Empathiefähigkeit aus. Daher ist es sinnvoll, wenn man Kinder darauf aufmerksam macht, was ihr Verhalten bei anderen auslöst. "Schau, Ben weint, weil es ihm weh getan hat, als du ihn gehauen hast". Ältere Kinder kann man fragen: "Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand dir so weh tut?" Mit dieser Technik der Induktion vermittelt man Kindern Mitgefühl und das Gefühl für Verantwortlichkeit. Strafen hingegen rufen beim Übeltäter nur Ärger und Wut hervor - es entwickelt kein Verständnis vom Leid des anderen. Außerdem handelt das Kind künftig nicht aus Einsicht (Ich haue lieber nicht, weil Max das weh tun könnte), sondern zur Vermeidung von Bestrafung (Ich haue nicht, weil ich sonst Ärger bekomme) - das jedoch nur dann, wenn die Gefahr besteht, ertappt zu werden. Zuverlässig getröstete Kinder sind besser in der Lage, anderen ebenfalls Trost zu spenden

In den Kommentaren zum Artikel hat eine junge Frau berichtet, wie sich das Nichttrösten auf ihr ganzes Leben ausgewirkt hat:
"Ich bin auch weitestgehend ohne Trost erzogen worden. [...] Ich schiebe nicht all meine Probleme dem zu, merke aber nach vielen Jahren der Therapie nun mit meine Therapeutin, wie unfähig ich bin, mein inneres Kind zu trösten - zum Glück habe ich noch keine Kinder, ich würde sie im Moment eiskalt behandeln. Dieser Mangel an Trost führt im Alltag oft zu Regression, sodass ich mich weiter ein verletztes, trotziges Kind verhalte. Und das macht keinen Spaß - weder für mich noch für mein Umfeld. Schmerz zu überwinden habe ich lange mit Essen oder Alkohol versucht. Fürsorge und Mitleid, Trösten, habe ich mir von medizinischem Personal erzwungen, indem ich meinen Körper aufgeschnitten, mit anderen Mitteln körperliche Zusammenbrüche bis hin zur Intensivstation verursacht habe. Weil ich mir anderes nicht zu helfen wusste und verzweifelt nach dem Mangel an Trost gesucht habe. Auch Trotz kann Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung sein. Bitte, nehmt euch den sehr guten Artikel hier zu Herzen, liebe Eltern. Auch wenn es sicher oft schwer ist und Überwindung kostet, tut es für eure Kinder. Sie brauchen euch".

Wir sollten uns daher zu eigen machen, jeden Kummer ernst zu nehmen und uns vornehmen, in solchen Situationen zu versuchen, immer so empathisch wie möglich zu sein und so viel Trost zu spenden, wie erforderlich ist - ohne Wertungen vorzunehmen. Dazu gehört auch, bei Stürzen und Verletzungen zu fragen, wie es dem Kind geht, statt ihm unsere Einschätzung vorab mitzuteilen. 

"Richtig" Trost spenden 


"Ist doch nicht schlimm!?"


Trost ist nicht gleich Trost - hört man mal aufmerksam hin, wird man bemerken, dass viele unbewusst dazu neigen, Kummer wegzureden. Sie wenden sich zwar ihrem Kind liebevoll zu, sagen dann jedoch Sätze wie:
  • "Ist doch überhaupt nicht schlimm!"
  • "Es gibt doch keinen Grund zu weinen!"
  • "Ist doch nichts passiert!"

Doch! Das Kind weint und ist unglücklich - es braucht gerade niemanden, der ihm sagt, dass die Situation nicht schlimm ist. Meist meinen wir eigentlich, dass es für uns nicht so schlimm ist - der herunter gefallene, in tausend Teile zersprungene Teller macht uns nichts aus - unser Kind ist jedoch offensichtlich untröstlich und erschrocken.
Daher ist es sinnvoller, beim Trösten die Situation zu Beschreiben. Für das Kind ist es sehr tröstlich, wenn es merkt, dass wir seinen Kummer erkennen und ernst nehmen. Statt "Ist doch nicht schlimm!" ist es besser zu sagen: "Oh, der Teller ist herunter gefallen! Du hast dich erschreckt und bist jetzt ganz traurig deswegen". Das bewertet die Situation nicht und dass es für uns nicht schlimm ist, erkennt das Kind an unserer ruhigen und besonnenen Reaktion. 

Trösten begleitet Weinen


Trost sollte nicht dazu dienen, das Weinen zu beenden, er sollte vielmehr das Weinen begleiten. Um Traurigkeit zu überwinden, braucht es die liebevolle, zugewandte Nähe eines nahestehenden Menschen. Das Gefühl muss verarbeitet und ausgelebt werden und dazu sind Zeit und Zuwendung notwendig. Nur jemand, der sich wirklich angenommen fühlt, kann Trauer durchleben und gestärkt aus ihr hervorgehen. Wir müssen dabei nicht reden, wir müssen nicht beschwichtigen, keine Lösungen finden, wir müssen im Grunde gar nichts tun, außer zu signalisieren: "Ich bin hier und für dich da!" Ganz besonders tröstend ist Körperkontakt - ein Kind in die Arme zu nehmen und Haut an Haut kuscheln wirkt stark beruhigend. Auch monotones Streicheln oder Massieren beruhigt Kinder zusätzlich.

Auch wenn es verlockend ist und meistens gut funktioniert: Ablenken hilft unseren Kindern langfristig gesehen nicht. Denn es nimmt ihnen die Chance, ihre eigene Stressregulation aufzubauen. Außerdem signalisiert es ganz unterbewusst, dass wir den Kummer in dieser Situation nicht für angemessen halten - wie soll das Kind sich und seine Traurigkeit ernst genommen fühlen, wenn plötzlich ein vollkommen anderes Thema angesprochen wird? 

Trost bei Schmerzen


Cover Pusten, Trösten, Pflaster draufEtwas anders sieht es aus, wenn Kinder sich weh getan haben - manchen Kindern tut nach tröstenden Worten Ablenkung sehr gut, weil sie sich sonst sehr stark auf den Schmerz konzentrieren. Studien haben gezeigt, dass Schmerzen durch Ablenkung schneller vergehen. Wichtig ist dabei ist jedoch auch wieder, den Schmerz nicht zu bagatellisieren. "Beiß die Zähne zusammen!" ist also auch hier völlig fehl am Platz. Ein "Wollen wir ein Buch vorlesen, wenn es besser geworden ist?" gibt den Kindern ihr eigenes Tempo und ermöglicht ihnen, selbst zu entscheiden, ob es "es wieder gut" ist. Es gibt aber auch Kinder, die ihre Schmerzen gerne verarbeiten wollen, also genau rekapitulieren wollen, was genau geschehen ist und bei denen die Aufmerksamkeit eher dazu führt, dass der Schmerz abklingt.

Kleine Trostrituale helfen oft, dass Kinder sich schneller beruhigen. Trostverse oder auf die Wunde pusten mögen viele Kinder. Wenn es sich um Abschürfungen handelt, sollte man jedoch auf das Pusten verzichten - das fördert die Verbreitung von Bakterien. Viele Kinder tröstet es, wenn ihre Eltern ihnen etwas vorsingen. Im Kühlschrank sollte immer ein Kühlpad liegen - allein das Ritual, diesen auf eine Wunde zu legen, beruhigt viele Kinder. Sie haben damit das Gefühl, aktiv etwas gegen den Schmerz tun zu können.

Was ich immer wieder beobachte ist die Gabe von Trostsüßigkeiten. In der Hoffnung, das Kind abzulenken, werden Gummibärchen oder anderes Naschwerk angeboten. Auch dieses Ablenken führt dazu, dass das Kind nicht lernt, seine Trauer zu bewältigen, sondern sie zu unterdrücken, um die "Belohnung" zu erhalten. Außerdem ist die Verknüpfung "Mir geht es nicht gut" mit "Ich esse dann etwas Süßes" fatal, weil die Gefahr besteht, dass dieses Verhalten beibehalten wird und damit über kurz oder lang Kummerspeck droht. Außerdem kann Tröstnaschwerk natürlich die Tendenz zur Überdramatisierung erhöhen.

Ebenso kritisch sehe ich die Gabe von Globuli, da sie im Grunde genauso funktionieren, wie Trostgummibären. Für unsere Kinder ist es wichtig, zu lernen, mit der Trauer umzugehen - und nicht, dass für jedes Problem ein Mittelchen im Medizinschrank steht. Kinder wachsen an ihrer Traurigkeit und Entwickeln ganz von allein Bewältigungsstrategien aus sich heraus. Sind diese stabil ausgebildet, ist die Gefahr, später zu Alkohol oder Drogen zu greifen um Kummer und Sorgen zu ertränken, deutlich geringer. 

© Danielle 

Quellen







Schwangerschaftsmythen - was ist wirklich dran?


Mythen rund um die Zeugung, Schwangerschaft und Geburt

 
Seit Jahrhunderten ranken zahlreiche Mythen rund ums Thema Kinder kriegen. Schon bevor neues Leben überhaupt entstanden ist, gibt es ganze Kataloge mit Handlungsanweisungen, um Erfolg bei der Zeugung zu haben. Auch für die Beeinflussung des Geschlechts gibt es unzählige Vorschläge - von der Stellung hin zu heißen Bädern. Ich habe für diesen Artikel Mythen rund um die Schwangerschaft gesammelt und in aktuelle Forschungsergebnisse geschaut, was wirklich an ihnen dran ist.
 
 

Mythen rund um die Zeugung


Familie mit Neugeborenem Je länger man die Pille genommen hat, desto langwieriger wird es, schwanger zu werden


Dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Eine Studie belegte: 80 % der Frauen, die nicht mehr verhüteten, waren nach einem Jahr schwanger. Und zwar völlig unabhängig davon, womit sie verhütet haben. Einige Untersuchungen zeigen sogar, dass das Absetzen der Pille in den ersten Monaten fruchtbarer macht.

Man sollte nur alle drei Tage Sex haben, damit die Spermaqualität steigt


Das ist mittlerweile vollkommen überholt - ideal wäre täglicher Sex, da die Spermaqualität bereits nach einem Tag abnimmt. Außerdem führt regelmäßiger und häufiger Sex dazu, dass sich das Immunsystem der Frau an den Fremdkörper Spermium gewöhnt.
 

Heiße Bäder und enge Unterhosen steigern die Chance auf ein Mädchen

 
Es ist richtig, dass männliche Samenzellen wärmeempfindlicher sind - wirklich schaden kann Wärme jedoch nur den gerade heranreifenden Zellen. Diese brauchen jedoch etwa 3 Monate zum reifen - wird also im März heiß gebadet, hat das Auswirkungen auf die im Juni reifen Samenzellen.

Bestimmte Stellungen sind besser für die Befruchtung geeignet, als andere


Die Spermien suchen sich ihren Weg - der ist bei der einen Stellung möglicherweise etwas kürzer, als bei anderen. Studien gibt es zu diesem Thema bisher nicht, ebenso wenig zu der Frage, ob es sinnvoll ist, das Becken nach dem Sex hoch zu lagern.

Stress verhindert Schwangerschaften


Auch dafür gibt es keinerlei Belege - Stress als alleiniges Merkmal beeinflusst die Befruchtung nicht. Geht er allerdings mit ungesunden Begleiterscheinungen wie erhöhter Alkohol- oder Nikotinkonsum einher, kann sich das durchaus auswirken.

Das Geschlecht beeinflussen

 
Zahlreiche Mythen ranken sich darum, ob man das Geschlecht des Kindes beeinflussen kann - von Socken über Mondphasen hin zur Stellung während der Zeugung.  Das Geheimnis warum sich Mythen rund um das Geschlecht so hartnäckig halten liegt darin begründet, dass die Trefferwahrscheinlichkeit exorbitant hoch ist - sie liegt immer bei 50/50. Die Hälfte aller Frauen kann also bei jedem einzelnen Mythos sagen: "Ja! Bei mir hat es gestimmt!" - das sind gefühlt ganz schön viele.

Was wirklich stimmt


Studien haben nachgewiesen, dass in Zeiten von Krisen, Hunger und Krieg mehr Mädchen geboren werden. Herrschen ökonomisch gute Bedingungen, kommen etwas mehr Jungen zur Welt. Auch der Einfluss der Ernährung wurde nachgewiesen - ernähren sich Frauen zum Zeitpunkt der Empfängnis vor allem energiereich und mit viel Zucker, bekommen sie überdurchschnittlich häufig Jungen. Beides hängt auch unmittelbar miteinander zusammen - lebt man in Wohlstand, ist die Ernährung gehaltvoller, als in Zeiten des Mangels.

Das Ganze hat auch evulotionsbiologischen Sinn - in schlechten Zeiten haben Frauen eine größere Chance, sich fortzupflanzen, als schlecht ernährte Männer im Konkurrenzkampf - um die familiären Gene zu erhalten, sind Töchter also erfolgsversprechender. Außerdem ist es für den Körper anstrengender, einen Jungen auszutragen - die Energiereserven sind in wirtschaftlich erfolgreichen Zeiten deutlich höher. Wie genau der Körper aktiv beeinflussen könnte, ob eine Junge oder ein Mädchen geboren wird, darüber wird noch spekuliert. Möglicherweise haben das nahrungsbedingt beeinflusste Scheidenmilieu oder die Zusammensetzung des Blutes einen Einfluss darauf, welche Spermien überleben.
 
Kinderfüße und Erwachsenenfüße unter einer DeckeMöglicherweise hängt die Geschlechterverteilung auch vom Stress ab. Krisenzeiten verursachen solchen - während der chinesischen Hungersnot und nach der Wende in Ostdeutschland wurden signifikant weniger Jungen geboren. Normalerweise beträgt das Geschlechterverhältnis 106 Jungen zu 100 Mädchen.
 
Ein Mythos rankt sich auch um den Zeitpunkt der Zeugung. Männliche Spermien sind angeblich schneller, weibliche Spermien ausdauernder, so dass Sex nahe am Eisprung die Zeugung eines Jungen begünstigt. Findet der Geschlechtsverkehr einige Tage vor dem Eisprung statt, sind die widerstandsfähigeren weiblichen Samen im Vorteil. Erfahrungen bei der Besamung von Hirschen oder Schafen haben gezeigt, dass der Befruchtungszeitpunkt die Geschlechtshäufigkeit tatsächlich beeinflusst - bei Rindern hingegen zeigte sich ein solcher Effekt nicht. Neuere Untersuchungen mit Menschen belegten jedoch genau das Gegenteil - sie zeigte, dass die Häufigkeit der Jungen stieg, je weiter der Sex vor dem Eisprung stattfand. Dieses Ergebnis war statistisch signifikant, aber nicht gravierend - statt etwa 50/50 verschob sich das Verhältnis auf 45/55.

Frauen spüren sofort nach der Zeugung, dass es geklappt hat

 
Solche Berichte liest man immer wieder - nach dem Sex liegt das Paar sich glücklich in den Armen und sie ist vollkommen sicher, dass es geklappt hat. Da ist der Wunsch nach einer selbsterfüllenden Prophezeiung wohl der Auslöser. Biologisch ist es vollkommen unmöglich, dass der Körper "spürt", dass es geklappt hat. Es dauert einige Stunden, bis die Samenzelle den Weg zur Eizelle findet und beide miteinander verschmelzen. Und selbst, wenn das erfolgreich abgeschlossen wurde, wandert der Embryo nach der Befruchtung noch tagelang durch die Gebärmutter und nistet sich erst fünf bis sechs Tage nach der Empfängnis ein. Erst dann beginnt die Produktion des Schwangerschaftshormons HCG, das dem Körper signalisiert: "Ich bin schwanger!" Es ist also vollkommen unmöglich, zum Zeitpunkt der Zeugung zu wissen, dass es geklappt hat.
 

Mythen rund um die Schwangerschaft


Es gibt allerlei Regeln, an die sich Schwangere vermeintlich halten sollten, um nicht das Leben des Ungeborenen zu gefährden. So sollen sie nichts über den Kopf heben, da sich sonst die Nabelschnur um den Hals des Kindes wickelt. Auch unter Wäscheleinen hindurch habe angeblich den selben Effekt.

Das Geschlecht vorhersagen


Jahrtausende lang wussten Schwangere bis zur Geburt nicht, welches Geschlecht ihr Kind hat. Was lag näher, als sich die Zeit der Ungewissheit mit Spekulationen zu vertreiben? So entstanden unzählige Mythen darum, wie sich aufgrund des Zustandes der werdenden Mutter auf das kindliche Geschlecht Rückschlüsse ziehen lassen. Lust auf Süßes? Dann wird es sicher ein Mädchen! Heißhunger auf Herzhaftes, dann muss es wohl ein Junge sein.... Was ist tatsächlich dran?
 
Schwangere Frau

An der Form des Bauches das Geschlecht erkennen

 
Der Volksmund sagt, dass ein spitzer, nach vorne wachsender Bauch typisch für männliche Babys ist. Töchter hingegen würden dafür sorgen, dass sich die zusätzlichen Kilos eher rundherum verteilen. Auch das ist vollkommener Unsinn - die Form des Bauches ist meist abhängig vom Bau der Frau und dem Zustand des Bindegewebes und der Muskeln, der Fruchtwassermenge und der Größe des Kindes. Bei der ersten Schwangerschaft ist meist noch alles frisch und straff, so dass der Bauch nach vorne wächst - bekommt die Frau einen Sohn und später eine Tochter, kann sie den Mythos bestätigen, weil das Bauchwachstum bei der zweiten Schwangerschaft ganz anders aussehen kann.
 

Die Übelkeit als Indikator für das Geschlecht des Babys

 
Das lustige an diesem Mythos ist, dass er in zwei verschiedenen Varianten existiert. Sind Schwangere stark übelkeitsgeplagt, wird ihnen am häufigsten ein Mädchen prognostiziert - es gibt aber auch viele, die sagen, dass bei starker Übelkeit ein Junge zu erwarten ist.
 
 Zwar wissen die Wissenschaftler noch immer nicht, was genau die Übelkeit verursacht - aber so viel ist sicher: von der Übelkeit lässt sich kein Rückschluss auf das Geschlecht ziehen. Es wird vermutet, dass es mit der Höhe des HCG-Spiegels zusammenhängt und tatsächlich haben Frauen, die Mädchen erwarten, in der Regel auch einen höheren Spiegel dieses Hormons haben. Allerdings ist auch unzähligen Jungs-Müttern furchtbar schlecht und Frauen, die ein Mädchen erwarten verspüren oft nicht das geringste Unwohlsein.

Allerdings beobachten Forscher des schwedischen Karolinska-Institutes bei einer Untersuchung mit einer Million Frauen, dass tatsächlich diejenigen, die über Übelkeit klagten im Vergleich häufiger Jungen zur Welt brachten. Eine Studie der Universität Baltimore ergab: von 66 Frauen, die unter Hyperemesis litten, bekamen 44 ein Mädchen.

Mädchen nehmen Schönheit, Jungs geben Schönheit

Ob nun durch das vermehrte Erbrechen oder aus anderen Gründen - Schwangere, die Mädchen erwarten sollen vermeintlich deutlich schlechter aussehen, als Jungenmütter. Diesen wird strahlende Schönheit nachgesagt. Auch das ist ein Mythos - es gibt blühende Mädchenmütter ebenso häufig, wie stark strapazierte Jungs-Schwangere. Auch hier gilt wieder: die enorm hohe Trefferwahrscheinlichkeit von 50 % machen diesen Mythos unsterblich.
 

Schwangere müssen für zwei Essen

 
Das ist im Grunde richtig - so lange man beachtet, dass der/die "Zweite" einen deutlich geringeren Kalorienbedarf hat. In den ersten drei Monaten wird keine zusätzliche Energie vom Fötus benötigt, erst ab dem vierten Schwangerschaftsmonat sollte eine Frau 255 kcal mehr zu sich nehmen, als zuvor. Eine dauerhaft zu hohe Kalorienzufuhr erhöht das Risiko für eine Schwangerschaftsdiabetes.
 
Was tatsächlich stimmt: Der Nährstoffbedarf einer Schwangeren verdoppelt sich teilweise - Eisen wird nun mindestens doppelt so viel wie sonst benötigt, auch an Zink und den Vitaminen B6 und B12 ist der Bedarf deutlich erhöht. Daher ist es besonders wichtig, auf eine ausgewogene und gesunder Ernährung zu achten. Ist das wegen der Übelkeit oder einseitiger Gelüste nicht möglich, sollte ein Vitaminpräparat eingenommen werden. Zwar holt sich ein Baby, was es braucht, aber das geht dann stark zu Lasten der Mutter (bspw. beim Calcium).

Schwangere leiden unter seltsamen Gelüsten


Herzhafte WürsteTypisch für die Schwangerschaft sind spezielle Gelüste nach Süßem, Herzhaftem oder ungewöhnlichen Kombinationen. Häufig wird behauptet, die Lust auf Herzhaftes spreche dafür, dass die Frau ein Jungen erwartet - Wissenschaftler gehen vielmehr davon aus, dass der Speichel der Frauen durch das Hormon Östrogen süßer als gewöhnlich schmeckt und daher die Lust auf Süßes durch ihn gestillt wird und die Frau eher salzige Nahrung bevorzugt.

 

Haare färben ist während der Schwangerschaft nicht erlaubt


Wer wirklich sicher gehen will, lässt das Haare färben in der Schwangerschaft. Es ist unbestritten, dass Haarfarbe jede Menge Chemikalien enthält, die über die Kopfhaut auch in den mütterlichen Körper gelangen kann. Allerdings haben Studien zu diesem Thema keine Gefährdung für das Baby ergeben.

 

Intensiv cremen schützt vor Schwangerschaftsstreifen

 
Viele werdende Mütter fürchten die unschönen Dehnungsstreifen an Bauch, Beinen und Busen. Es gibt unzählige Produkte, die versprechen, dass das regelmäßige Eincremen mit ihnen solche verhindert. Leider konnte das noch nicht eine einzige Studie wirklich belegen.
 

Jede Schwangerschaft kostet einen Zahn

 
Das war früher tatsächlich so - allerdings war da der Zustand der Mundhygiene sehr viel bedenklicher, als heutzutage. Die Schwangerschaftshormone lockern das Zahnfleisch, weswegen viele Schwangere stark mit Zahnfleischbluten kämpfen. Häufiges Erbrechen bei Hyperemesis greift auch den Zahnschmelz an. Aber sonst auch gut gepflegte Zähne werden in der Schwangerschaft keinen Schaden nehmen. Sie sollten jedoch besonders intensiv gepflegt werden, weil Bakterien im Mund auch vorzeitige Wehen auslösen können und die Hormone die Zusammensetzung des Speichels beeinflussen, so dass Karies begünstigt werden kann. Wichtig ist es, genug Calcium zu sich zu nehmen, da dieses sonst für das Baby aus den Zähnen gelöst wird.

Schwanger macht vergesslich


Das ist einer der wenigen Mythen, für den sich in verschiedenen Studien Belege finden ließen. Ein Erklärungsansatz ist, dass der veränderte Hormonspiegel dafür verantwortlich ist, ein anderer, dass Frauen sich einfach mehr sorgen und schwangerschaftsbedingt nicht so gut schlafen, so dass sich das auf die Gedächtnisleistung auswirkt. Eine Untersuchung ließ vermuten, dass Frauen, die Mädchen erwarten, häufiger betroffen sind. Allerdings gibt es auch Untersuchungen, wonach eine Schwangerschaft keinen Einfluss auf die kognitiven Leistungen hat.

Leidet die Mutter unter Sodbrennen, hat das Baby lange Haare


Leidet die Schwangere unter starkem Sodbrennen, hat das Kind lange Haare. Das ist natürlich kompletter Unsinn - selbst wenn die Haare lang genug wären um so etwas zu verursachen, müssten sie ja erst mal aus der Fruchtblase heraus und in die Speiseröhre hinein kommen. In der Schwangerschaft werden vermehrt muskelentspannende Hormone augeschüttet - diese lockern leider auch den Magenschließmuskel, weswegen die Magensäure aufsteigen und das lästige Sodbrennen verursachen kann.

Schwangerschaften machen große Füße


Fuß im SandEs ist tatsächlich belegt, dass zum Ende der Schwangerschaft die Füße wachsen - durchschnittlich waren sie dann 1,8 mm länger und 2 mm breiter - das entspricht etwa einer Viertelschuhgröße. Das liegt daran, dass Schwangere sehr viel Wasser einlagern - die Schwerkraft tut ihr übriges. Normalerweise schrumpft der Fuß bis etwa sechs Wochen nach der Geburt wieder auf seine ursprüngliche Größe - manchmal bleibt er jedoch auch größer. Das kann aber ebenso gut am Alter liegen - unser Fußgewölbe flacht sich im Laufe der Jahre durch den Druck des Körpers und die nachlassende Spannkraft des Gewebes ab.
 

Mythen rund um die Geburt

 

Wenn die Fruchtblase platzt, muss man sich sofort hinlegen

 
Diese Empfehlung wird aus Angst vor einem Nabelschnurvorfall gegeben. Dabei rutscht eine Schlinge der Nabelschnur zwischen den Geburtskanal und dem Kopf des Babys. Platzt die Fruchtblase (schwallartig), kann das dazu führen, dass diese Schlinge abgeklemmt wird und die Versorgung des Kindes beeinträchtig - bis hin zu dessen Tod. Nabelschnurvorfälle sind extrem selten - und leider nicht dadurch zu verhindern, dass man sich sofort hinlegt. Die paar Sekunden, die man benötigt, um den Blasensprung überhaupt zu realisieren, reichen schon aus, dass es zu diesem Vorfall kommt. Sich nach einem schwallartigen Blasensprung hinzulegen nützt leider gar nichts. Anders sieht es aus, wenn des Fruchtwasser nicht plötzlich, sondern immer wieder in kleinen Mengen abgeht - wenn der Kopf nicht fest im Becken ist, sollte man sich hinlegen und einen Krankentransport rufen.
 

Das erste Kind lässt meist auf sich warten

 
Eine Schwangerschaft dauert ab dem Zeitpunkt der Zeugung etwa 38 Wochen - dass das nur ein rein rechnerischer Termin ist, belegt die Tatsache, dass nur etwa 4 % aller Kinder tatsächlich am errechneten Geburtstermin zur Welt kommen. Da - außer bei künstlichen Befruchtungen - das Zeugungsdatum ohnehin nicht genau bekannt ist, stimmt der errechnete Termin ohnehin in fast allen Fällen nicht genau. Frauen mit langen Zyklen sind viel schneller mit der Geburt überfällig, als Frauen, bei denen der 28-Tage-Standard-Zyklus zugrunde gelegt wird.

Mädchen lassen eher auf sich warten (weil sie sich noch hübsch machen wollen)


Meine erstes ICSI-Kind kam überpünktlich bei 40+0 - nach der Naegele-Regel, mit der Frauenärzte rechnen wäre sie zu diesem Zeitpunkt jedoch schon 10 Tage überfällig gewesen. Ganz sicher hätte ich mir dann anhören dürfen "sie will sich noch putzen". Dafür gibt es jedoch keine Belege - die Dauer von Schwangerschaften ist nicht vom Geschlecht abhängig.
 

Vollmond

Bei Vollmond werden mehr Kinder geboren

 
Mein Sohn wurde bei Vollmond geboren und die Hebammen im Kreißsaal meinten stöhnend, sie seien drauf vorbereitet, dass die Nacht außergewöhnlich betriebsam würde. Allerdings belegen umfangreiche statistische Auswertungen, dass dem nicht so ist. Möglicherweise fällt es gebärenden Frauen eher auf, wenn der Mond nachts so hell scheint, so dass diese öfter von ihren Geburten berichten, als die bei Neumond gebärenden. Eine statistische Häufung ist an Montagen und Dienstagen zu verzeichnen - das liegt daran, dass geplante Kaiserschnitte selten am Wochenende durchgeführt werden.

Sex löst Wehen aus


Lange machte man das im Sperma enthaltene Prostaglandin dafür verantwortlich - tatsächlich sind die enthaltenen Mengen so gering, dass der Mann literweise ejakulieren müsste, um Wehen auszulösen. Allerdings kann die Kontraktion der Gebärmutter beim Orgasmus der Frau durchaus wehenauslösend wirken. Außerdem führt das intensive Beschäftigen mit den Brustwarzen zu einer Ausschüttung des wehenanregenden Hormons Oxytocin.
 

Mythen rund ums Stillen


Frauen mit kleinen Brüsten haben weniger Milch


Frauen mit kleinen Brüsten haben weniger Fettgewebe darin - die Brustdrüsen sind jedoch genauso groß, wie die großbrüstiger Frauen. Mittlerweile weiß man, dass die Milch nicht in den Brüsten "gelagert" wird, sondern der größte Teil während des Stillens produziert wird. Und die Brust reguliert die produzierte Milchmenge nach der Nachfrage. Häufiges Stillen - auch an kleinen Brüsten - steigert die Milchproduktion.

 Vom Stillen bekommt man Hängebrüste


Das ist etwas, wovon viele Frauen überzeugt sind - aber es trifft nicht zu. Nicht das Stillen hat maßgeblich Einfluss auf die Brustform nach der Schwangerschaft, sondern vielmehr das Alter, der BMI, die Zahl der Schwangerschaften und das Rauchen, wie eine Studie ergab. Die Veränderungen, die wir beobachten, sind meist davon verursacht, dass die Milchdrüsen während des Stillens vergrößern. Nach dem Abstillen verkleinern sie sich und es dauert eine ganze Zeit, bis sich das Fettgewebe wieder seinen Platz zurück erobert.

Durch das Stillen nimmt man wie von selbst ab


Auch wenn viele Frauen begeistert sind, wie die Pfunde durch das Stillen schmelzen - das halte ich persönlich nach jahrelangem Stillen für einen absoluten Mythos. Und tatsächlich ergaben Untersuchungen entweder keinen Unterschied oder nur einen in Bezug auf die Schnelligkeit. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem (schnell) verlorenen Gewicht vielmehr um die ausgeschwemmten Wassereinlagerungen. Was aber durch eine Studie belegt ist - Frauen, die länger als 6 Monate gestillt haben, hatten nach den Wechseljahren weniger Gewicht, als diejenigen, die ihre Kinder kürzer/nicht gestillt haben. 

© Danielle

 
 

 

Quellen

 
 
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/mythen-ueber-die-schwangerschaft-ammenmaerchen-1.75697-3

https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2013/08_13/EU08_2013_M466_M474.qxd.pdf

http://www.3sat.de/page/?source=/nano/news/41074/index.html

http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/schwangerschaft-und-stillen-beeinflussen-koerpergewicht-nach-menopause-a-843597.html
 
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/denken-in-der-schwangerschaft-blick-fuers-wesentliche-1.66345

http://www.familienplanung-natuerlich.de/von-a-bis-z/geschlechtsbeeinflussung.php

R. W. Rorie: Effect of timing of artificial insemination on sex ratio. In: Theriogenology. Band 52, Nummer 8, Dezember 1999, S. 1273–1280

P. W. Zarutskie, C. H. Muller, M. Magone, M. R. Soules: The clinical relevance of sex selection techniques. In: Fertility and sterility. Band 52, Nummer 6, Dezember 1989, S. 891–905