Der Morgen im Hause Snowqueen - Ein Lehrstück in vier Akten


Teil 3: Wie viel wir kooperieren


Dass Kinder tatsächlich von Natur aus kooperieren wollen, aber wir es ihnen unwissentlich schon früh abgewöhnen, habe ich im ersten Teil dieser Artikelserie ausführlich dargestellt. Im zweiten Teil ging ich darauf ein, wie wir es schaffen können, dass unsere Kinder wieder mehr kooperieren. Einer der Punkte, die ich dort bespreche, ist, als Erwachsener den Kindern Kooperation vorzuleben. Denn oft genug verlangen wir von unseren Kindern, dass sie ohne zu murren das tun, um das wir sie bitten, machen aber im Gegenzug oft leider nicht das Gleiche. So entsteht ein Ungleichgewicht innerhalb der Kooperation - eine Seite gibt viel, die andere Seite nimmt viel. Richtig zufrieden werden Menschen aber nur, wenn ihre Bemühungen, einem anderen entgegenzukommen, wertgeschätzt werden und sie nicht das Gefühl haben, ausgenutzt zu werden.

Im heutigen, dritten, Teil der Artikelserie gehe ich einmal für diesen Blog ungewohnte Wege. Ich werde mitschreiben, wie meine drei Kinder und ich den Morgen verbringen (meine bessere Hälfte ist dann schon lange auf der Arbeit). Dabei geht es explizit nicht darum, ob ich es "gut" oder "schlecht" mache. So, wie wir den Morgen verbringen, ist es perfekt für unsere Familie. Andere Familien würden an unserem Rhythmus und unseren Ritualen vielleicht eher verzweifeln. Es geht einzig und allein darum, zu zeigen, wie viel ich kooperiere und wie viel meine Kinder kooperieren. Als Kooperation gelten dabei alle Tätigkeiten (oder Unterlassungen), die dazu beitragen, dass einem anderen Familienmitglied geholfen ist. In der Gesamtsumme führen die Kooperationen dazu, dass das elterliche Ziel, pünktlich aus dem Haus zu kommen, eingehalten werden kann.

Um das etwas übersichtlicher zu gestalten, werden alle Kooperationen einer Person in je einer Farbe dargestellt: Snowqueen, Fräulein Chaos, Fräulein Ordnung, Herr Friedlich.

Die Voraussetzungen für einen harmonischen Morgen 


Die Kita beginnt um 9 Uhr - kommen wir zu spät, müssen wir eine Stunde warten, um eingelassen zu werden, da sonst die Montessori-Freiarbeit durch Zuspätkommer gestört wird. Das heißt, um nicht hetzen zu müssen, sollten wir etwa 8.30 Uhr das Haus verlassen. Damit haben wir aber noch einen Zeitpuffer. Richtig eng wird es nur, wenn wir erst 8.45 Uhr loskommen.

Meine Kinder und ich haben morgens unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche, auf die ich achte, damit alles reibungslos verläuft.

Snowqueens Bedürfnisse:
  • pünktlich in der Kita ankommen,
  • einen harmonischen Morgen mit meinen Kindern verbringen (also nicht schimpfen zu müssen)
Fräulein Chaos Bedürfnisse (5 Jahre alt):
  • exklusive Zeit mit Mama zum Kuscheln (das ist ihre Art, ihr Liebes- und Aufmerksamkeitsdefizit aufzufüllen), 
  • autonome Entscheidungen treffen (Anziehen, Essen etc.)
Fräulein Ordnungs Bedürfnisse (5 Jahre alt):
  • niemals gehetzt zu werden (Zeitdruck absolut vermeiden),
  • Hilfe beim Anziehen (das ist ihre Art, ihr Liebes- und Aufmerksamkeitsdefizit aufzufüllen),
  • momentan: nicht geküsst zu werden (nur Luftküsse).
  • vor ein paar Monaten noch: nicht allein in einem Raum gelassen zu werden, selbst, wenn sie uns in den anderen Zimmern hören konnte (dieses Bedürfnis ist nun verschwunden)
Herrn Friedlichs Bedürfnisse (1,5 Jahre alt):
  • dass sein Nein akzeptiert wird,
  • selbst bestimmen, wann er angezogen wird.

Die Bedürfnisse der Kinder ändern sich immer mal. Mit den Jahren sind neue dazu gekommen oder alte weggefallen. Je ähnlicher sich die Bedürfnisse der Kinder sind und waren, desto schwieriger ist oder war es für mich, allen morgens gerecht zu werden. Deshalb gab es sicherlich auch Phasen, die nicht ganz so harmonisch verlaufen sind, wie es derzeit der Fall ist.

Eine Zeitlang wollten die Mädchen zum Beispiel gern immer "Erste" sein beim Anziehen, Zähneputzen etc. Das war kurz nach der Geburt von Herrn Friedlich und sehr nervenaufreibend. Ich habe eine Weile gebraucht, um da einen guten Weg für uns zu finden. Zunächst habe ich, auf Anraten einer Zwillings-Mama, die Tage der Woche eingeteilt, an denen die Eine und die Andere jeweils fest die Erste bei allen morgendlichen Verrichtungen war. Das war für uns aber ein einengendes Korsett, das uns als die Familie die Luft zu atmen nahm. Denn wenn Fräulein Chaos' Tag des "Erste-Seins" war, konnte es zum Beispiel vorkommen, dass sie gerade mitten im Spiel war, aber zum Zähneputzen kommen sollte. Dann wollte sie ihre Position als Nummer 1 gern an ihre Schwester abgeben, die das manchmal dankend annahm und manchmal aber eben auch im Spiel war und dann vehement darauf pochte, dass sie heute immer Zweite sei. So ärgerten wir uns alle noch viel mehr.

Deshalb habe ich dieses Experiment schnell wieder abgebrochen und ab da, wenn es Streit darum gab, wer von mir zuerst Hilfe bekommen sollte, gesagt: "Redet miteinander. Ich bin sicher, ihr findet einen Kompromiss". Sie waren dreieinhalb Jahre alt und - sie fanden Kompromisse. Tolle Kompromisse. Manchmal endete so eine Diskussion natürlich auch in Hauen und Geschrei, aber das gehört ja dazu. Wichtig war, dass sie Eigenverantwortung übernommen haben und lernten, die Bedürfnisse eines anderen abzuwägen und ab und zu zurückzustecken.

Ich denke, dass das auch einen Grundstein dazu gelegt hat, dass wir alle normalerweise (es gibt natürlich Ausnahmen) zufrieden und entspannt zur Arbeit/in den Kindergarten gehen, da wir einen ruhigen Morgen miteinander hatten. Zumindest, was wir persönlich als "ruhigen Morgen" mit drei Kindern im Haus definieren. Aber lest selbst.

Tag 1


Da Herr Friedlich gestern einen zweiten Mittagschlaf machte, wachen wir alle erst um 7 Uhr mit dem Weckerklingeln auf. Ich bin müde, so müde. Dummerweise habe ich gestern noch bis 24 Uhr getwittert, das rächt sich jetzt. Ich schalte den Wecker aus und bleibe noch liegen. Herr Friedlich sucht im Halbschlaf nach meiner Brust, er will auch noch nicht aufstehen. Fräulein Chaos, die in dieser Nacht im Familienbett geschlafen hat, kuschelt sich von der anderen Seite an mich. So bleiben wir noch ein paar Minuten liegen und genießen den Körperkontakt.

Mühsam schäle ich mich aus dem Bett. "Komm, Herr Friedlich, wir gehen ins Bad", sage ich zu meinem Sohn. Er sitzt auf dem Familienbett und schleudert mir ein entschlossenes "Nein!" entgegen. "Ist gut", antworte ich und gehe allein los. Ich höre Fräulein Chaos und Herrn Friedlich auf dem Bett toben und giggeln. Ich lausche aus dem Flur in Richtung Mädchenzimmer. Dort hat Fräulein Ordnung genächtigt. Sie ist abends immer sehr beschäftigt mit Malen und Basteln und schläft deshalb lieber in ihrem eigenen Bett, da sie dann selbst entscheiden kann, wann das Licht ausgeht. Da sie eine ausgesprochene Nachteule ist, kann das durchaus erst 22.30 Uhr sein. Dementsprechend müde ist sie morgens - sie würde gern länger ausschlafen, kann das aber leider nicht, da wir einen Zeitplan einzuhalten haben. Nun schläft sie aber noch tief und fest.

Ich gehe ins Bad, putze mir die Zähne und ziehe mich schnell an. Meine Sachen lege ich immer abends schon ins Bad. Währenddessen kommt Fräulein Chaos aus dem Schlafzimmer und läuft ins Mädchenzimmer, um sich ihre Sachen aus dem Schrank zu nehmen und sich anzuziehen. Da nun Herr Friedlich allein auf dem Familienbett ist, gehe ich zu ihm und hole ihn ab. Diesmal kommt er bereitwillig in meine Arme gekrabbelt. Ich bringe ihn zu Fräulein Ordnung ans Bett. Er klettert rauf und gurrt seine noch schlafende Schwester an. Sie dreht den Kopf weg, weil sie weiterschlafen will. Er gurrt noch ein bisschen, doch als sie sich nicht rührt, greift er zu drastischeren Maßnahmen. Er klettert auf sie rauf und rollt sich giggelnd von ihr runter. Diesem Spiel kann Fräulein Ordnung nicht widerstehen, sie schlägt sie Bettdecke zur Seite und wirft sich spielerisch auf ihren Bruder. Herr Friedlich quietscht begeistert - das ist ihr Morgenritual.

Da sie nun wach ist, beschließt er, dass sein Werk getan ist. Er klettert vom Bett herab und zieht Bücher aus dem Büchersessel. Als er ein Tiptoi Buch gefunden hat, setzt er sich zufrieden davor und knipst den dazugehörigen Stift an. Leider intoniert dieser immer wieder: "Bitte tippe auf das Anschaltzeichen dieses Produkts" statt ihm Tierlaute vorzuspielen. Herr Friedlich tippt missmutig auf das Schwein, das Huhn und die Kuh. Fräulein Ordnung hat Erbarmen, springt aus dem Bett und tippt mit dem Stift in Herrn Friedlichs Hand kurz auf das Einschaltzeichen. Der Stift macht einen beifälligen Ton und kurz darauf auch die gewünschten Tierlaute.

Fräulein Ordnung läuft zum Schrank und sucht ihre Sachen zusammen. Ich laufe derweil im Zimmer umher und mache ein bisschen Ordnung, denn die Mal- und Bastelorgie von gestern Nacht hat Spuren hinterlassen. Boah, was hat sie nur gemacht? Es liegen etliche Klebestifte auf dem Boden. Einer ist leer, den werfe ich gleich weg. Wo ist seine Kappe? Ich suche und finde sie, werfe sie aber nicht weg, sondern lege sie in eine bestimmte Schublade. Man kann nie genügend Extrakappen von Klebern und Flitzstiften haben!

Fräulein Ordnung sitzt nun mit ihren Klamotten auf dem Bett und starrt ein wenig vor sich hin, als wüsste sie nicht, was sie mit den Sachen machen soll. Ich geselle mich zu ihr und nehme sie auf den Schoß. Ich helfe ihr, ihr Nachthemd aus- und die Sachen anzuziehen. Die Kinder baden abends immer, so dass wir morgens nur eine Katzenwäsche machen müssen. Da es herbstlich draußen ist, gehört zum Outfit auch eine Strumpfhose. Ich hasse, hasse Strumpfhosen. Wenn es nach mir ginge, würden meine Kinder nur Leggins oder normale Hosen tragen. Aber sie bestehen auf Strumpfhosen. Sie wissen jedoch, dass ich nicht helfe, diese anzuziehen. Das Gefummel dabei übersteigt eindeutig meine Grenze. Ich habe schlicht keine Nerven für Strumpfhosen-Anziehen. Es macht mich wahnsinnig. Heute sehe ich aber, dass sie eine ausgewählt hat, die ganz leicht anzuziehen ist, deshalb helfe ich ihr ausnahmsweise auch dabei. Fräulein Ordnung registriert das und küsst spontan meine Hand.

Da Herr Friedlich immer noch mit den Büchern beschäftigt ist, laufe ich ins Bad. Auf dem Weg dorthin nehme ich die Wasserschüssel der Meerschweinchen aus dem Gehege und nehme sie mit, um sie neu aufzufüllen. Im Bad wartet Fräulein Chaos auf mich. Sie ist fertig angezogen und gewaschen. Ich nehme sie auf den Schoss und putze ihre Zähne. Danach kämme ich ihre Haare und rede mit ihr ein bisschen über den kommenden Kindergartentag. Sie genießt den Moment unserer Zweisamkeit und kuschelt sich an mich. 

Dann trollt sie sich in Richtung Mädchenzimmer, macht ein Hörspiel an und wirft sich wie ein Teenager aufs Bett. Ich komme mit dem frischen Wasser für die Meerschweinchen hinterher und fülle gleich noch das Heu neu auf. Die kleinen Nager fiepen mich dankend an. Ich suche Herrn Friedlich und schaffe es, ohne Protest seinen Schlafanzug und seine Windel auszuziehen. Bei den Armen und Beinen hilft er aktiv mit. Nackt läuft er in sein Zimmer und beginnt, dort an seiner Küche zu spielen. Ich binde ihm seine Windel um, aber als ich ihm den Body anziehen will, ruft er energisch: "Neiiiiiin!" Dann jetzt nicht. Ich stopfe den Body in meine hintere Hosentasche. Mein Moment wird schon noch kommen.

Fräulein Ordnung kommt herein und fragt: "Habe ich schon Zähne geputzt?" Da das nicht der Fall ist, gehen wir beide ins Bad und sie wäscht sich das Gesicht. Herr Friedlich kommt ebenfalls ins Bad getappert und quietscht missmutig, weil seine Schwester auf dem Tritt steht. Er will da rauf! Fräulein Ordnung klettert herunter und lässt sich von mir auf der anderen Seite des Waschbeckens auf den Wäschewürfel heben. Nun läuft Herr Friedlich dorthin und quietscht wieder missmutig. Fräulein Ordnung und ich schauen uns einen Moment lang an, zucken mit den Schultern, dann hebe ich sie wieder rüber auf den Tritt und Herrn Friedlich auf den Wäschewürfel. Ich freue mich darüber, dass Fräulein Ordnung so problemlos nachgegeben hat und schenke ihr ein dankbares Lächeln. Dann putze ich die Zähne meiner Tochter. Ich drücke Herrn Friedlich schon mal seine Zahnbürste in die Hand. Er beobachtet uns sehr genau und kaut dabei auf seiner Bürste rum. Das Ausspucken findet er besonders lustig und probiert es auch. Als ich bei Fräulein Ordnung fertig bin und sie geht, versuche ich, ob mein Sohn mich nachputzen lässt. Ja, es kommt kein Protest. Puh. Das gab es auch schon öfter anders. Aber heute lässt er das Putzen zu.

Danach beginnt er, mit seiner Zahnbürste und dem Wasserhahn zu spielen. Auf, zu, auf, zu. Gut, dass er noch nicht angezogen ist. Ich lasse ihn am Waschbecken stehen, er wird mich rufen, wenn er fertig ist. Ich gehe in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. "Was wollt ihr essen?" frage ich ins Mädchenzimmer hinein. "Joghurt", "Müsli" schallt es zurück. Wie immer also. Okay, das geht schnell.

Ich gehe zurück ins Mädchenzimmer, um ihnen Bescheid zu sagen, dass das Essen bereit steht. Fräulein Chaos liegt noch auf dem Bett und lauscht dem Hörspiel. Fräulein Ordnung steht an der Puppenstube und spielt mit ihren Polly Pockets. Auch sie lauscht mit halben Ohr der Geschichte. Ich sehe, dass es der perfekte Zeitpunkt ist, um ihr die Haare zu kämmen und laufe ins Bad, um die Bürste zu holen. Herr Friedlich ist fertig mit seinen Wasserspielen und grinst mich freudig an. Ich hebe ihn vom Wäschewürfel und frage, ob ich ihm jetzt seinen Body anziehen kann. Er sagt nicht nein, immerhin, also nutze ich meine Chance und stülpe die Klamotte über. Er hilft bei den Ärmeln mit, aber als ich die drei Knöpfe im Schritt schließen will, wird er schon ungeduldig und will loslaufen. Ich halte ihn aber noch kurz zurück, bis ich alle Knöpfe geschlossen habe. Er wartet ab.

Zusammen gehen wir ins Mädchenzimmer. Ich öffne Fräulein Ordnungs Schlafzopf und beginne zu kämmen. Sie spielt mit ihren Püppchen und hält still. Herr Friedlich mag noch keine Hörspiele. Er geht zur Brio-Kiste und zerrt daran. Sie ist viel zu schwer für ihn und rührt sich nicht. Fräulein Chaos, die auf dem Bett liegt, bemerkt sein Dilemma, springt leise auf, holt die Kiste aus dem niedrigen Regal und baut ihm kurzerhand eine Minirunde Schienen für seine Züge. Er ist zufrieden und kramt nach seiner Lieblingslok in der Kiste. Seine Schwester wirft sich wieder aufs Bett. Ich bin fertig mit dem Flechten und sage: "Mädels, das Frühstück ist fertig." Dann gehe ich in die Küche. 

Die Mädchen scheinen hungrig zu sein, denn sie unterbrechen sofort ihr Spiel und kommen mit. Das ist nicht immer so. Zu dritt gehen wir frühstücken, Herr Friedlich bleibt bei seiner Brio-Bahn. Wir essen und unterhalten uns. Nach ein paar Minuten kommt Herr Friedlich auch in die Küche. Er möchte den Rand meiner Stulle und quietscht mich an. Dann dreht er sich um, geht zu seinem Schrank und holt einen Teller und einen Becher heraus. Er reicht mir beides und klettert dann auf seinen Stuhl. Das hat er so bei seinen Schwestern beobachtet und imitiert das sehr zuverlässig. Während ich ihm den Rand abbreche, schnappt sich Fräulein Chaos seinen Becher und gießt etwas Wasser aus ihrem Becher hinein. Gut, das hätte ich vermutlich anders gemacht, aber was zählt ist, dass beide nun Wasser haben. Ich zwinkere ihr also freundlich zu.

Das Frühstück dauert kaum 5 Minuten, dann sind die Kinder fertig. Da ich später noch beim Bloggen in Ruhe frühstücke und die Mädchen gleich in der Kita noch einmal essen können, soll es mir recht sein. Die Mädchen gehen in Ihr Zimmer, Herr Friedlich kaut noch ein wenig auf seinem Brotrand, während ich den Tisch säubere. Ich höre, dass das Hörspiel wieder angemacht wird. Herr Friedlich signalisiert, dass er Mamamilch möchte. Das kommt mir sehr gelegen, denn dann kann ich ihm währenddessen Hose und Strümpfe anziehen, ohne mit einem Nein rechnen zu müssen. Wir gehen dafür ins Mädchenzimmer und legen uns auf das Mädchenbett. Ich stille und wurschtele Sachen an seinen Körper. Fräulein Chaos nutzt die Gelegenheit, sich auf dem Bett von der andere Seite an mich zu schmiegen. Fräulein Ordnung steht an der Puppenstube und dialogisiert leise für ihre Polly Pocket Puppen. Sie ist ganz vertieft. Ich bin müde und würde wirklich gern liegen bleiben. Doofes Erwachsenensein.

Nach ein paar Minuten rappele ich mich auf. Ich vermute, dass es langsam Zeit wird, loszugehen, aber ich muss erst auf die Uhr in der Küche schauen, um das zu verifizieren. Herr Friedlich stapft in sein Zimmer, Fräulein Chaos bleibt liegen. Ich sage zu meinem Sohn, dass ich ihm Schuhe und Jacke anziehen möchte. "Nein!", beschließt er. Er nimmt O-Bälle aus seiner Kiste und lässt sie die Rutsche runterkullern. Mmh, dann Schuhe und Jacke wohl später. Ich packe meinen Rucksack zuende. Eigentlich bereite ich den am Abend schon vor, aber manchmal müssen noch ein paar Kleinigkeiten, wie eine Regenhose für Herrn Friedlich oder mein Handyladekabel mit hinein. Ich rufe vom Flur ins Mädchenzimmer: "Mädels, es geht gleich los!" "Ja!" tönt es mir zweifach entgegen, aber sie rühren sich natürlich nicht vom Fleck. Ich gucke auf die Uhr. Nee, wir haben noch 5 Minuten Zeit. Cool.

Ich beschließe daher, dass die Meerschweinchen heute morgen noch ein paar Leckerlis bekommen und öffne den Kühlschrank, um Gurke und Möhre herauszuholen. Herr Friedlich hat das Kühlschrankklappern gehört und kommt in die Küche. Er sieht die Gurke in meiner Hand und gurrt liebevoll: "Anna!" Er kann zwar die Namen seiner Schwestern noch nicht aussprechen, aber den Namen der Meerschweindame hatte er schnell drauf. Er liebt sie abgöttisch. Ich gebe ihm ein Stück Gurke in die Hand und er klettert auf den Stuhl vor das Gehege und hält es geduldig fest, bis eins der Tiere es ihm abnimmt. Dann nimmt er ein neues und hält es wieder hinein. Ich hole seine Schuhe. So abgelenkt kann ich sie ihm ohne Probleme anziehen - er lässt mich gewähren. Ich lasse ihn stehen und ziehe meine eigenen Schuhe an. Ich rufe den Mädchen zu: "Herr Friedlich und ich ziehen uns jetzt an. Es geht los!" "Ja!" rufen sie zurück, aber rühren sich nicht. Das Hörspiel läuft noch immer.

Die Mutter in mir möchte jetzt gern nervös werden, weil die beiden nicht kommen, aber ich kenne sie gut genug, um zu wissen, dass gleich alles ganz schnell geht und klappt. Also bleibe ich ruhig und mache mein Ding. Ich nehme die Jacken, Mützen und Schuhe der Mädchen und lege sie schon mal vor die Tür. Unser Flur ist relativ eng und es ist angenehmer, wenn wir uns im Treppenhaus anziehen. Herr Friedlich sieht, dass es los geht, klettert vom Stuhl und gebärdet: "Mütze! Mütze!" Er kramt in seiner Kiste und sucht sich die blaue Mütze aus. Ich nicke, dann suche ich die passende Jacke dazu. Er lässt sie mich ihm anziehen, stülpt sich dann selbst die Mütze (schief) über. Dann stapft er ins Treppenhaus. Ich schnalle mir die Manduca um und nehme meine eigene Fleecejacke.

"Mädels, jetzt!" rufe ich. Sie springen auf, Fräulein Chaos macht das Hörspiel aus. Fräulein Ordnung nimmt ein Täschchen und wirft drei ihrer Polly Pockets hinein. Sie will im Kindergarten damit weiterspielen. Sie huschen aus der Wohnung und ziehen sich im Treppenhaus an, während ich die Tür abschließe. Herr Friedlich geht schon mal die Treppe hinunter. Es ist 8.30 Uhr, wir werden pünktlich in der Kita ankommen.


Tag 2


Da Herr Friedlich gestern kein Nachmittagsschläfchen machte und schon um 18 Uhr einschlief, ist er heute logischerweise schon um 6.30 Uhr wach. Seufzend stehe ich mit ihm auf. Fräulein Chaos hat wieder im Familienbett genächtigt und schläft weiter, während wir ins Bad gehen. Ich bin so müde, dass ich noch halb die Augen zu habe. Herr Friedlich signalisiert, dass er Mamamilch will. Er ist wohl auch noch nicht so wach. Ich setze mich mit ihm auf die Wäschewürfel und lege ihn an. Er will nach der ersten Brust auch die zweite, dann noch einmal die erste. Doch, er ist noch müde, eindeutig. Beim Stillen schäle ich ihn aus Schlafanzug und Nachtwindel und er lässt das ohne Protest zu

Ich stelle ihn auf den Boden, um selbst auf die Toilette zu können. Er läuft juchzend im Bad herum, er liebt es, nackt zu sein. Plötzlich stutzt er, guckt auf seinen Penis, dreht sich um und rennt in Richtung Töpfchen. Zu spät, neben dem Töpfchen kommt das Pipi schon. Ich bin aber trotzdem erstaunt, dass er das Bedürfnis erkannt zu haben scheint. Ich bin auch überrascht, dass er zum Töpfchen wollte, denn das steht seit Wochen ungenutzt hier im Bad herum. Irgendwann wollte er nicht mehr abgehalten werden, seitdem verstaubte es. Ich wische das Pipi vom Boden und binde ihm eine Windel um. Dann putze ich ihm seine Zähne - heute total ohne Murren. Ein guter Tag! Ich darf ihm sogar den Body und die Hose anziehen. Nach dem gestrigen "Nein!"-Tag eine echte Erholung. Die Socken werde ich ihm später anziehen.

Ich ziehe mich an und putze meine Zähne, aber mein Shirt habe ich im Schrank vergessen. Ich bringe den Sohn in sein Zimmer, von dort aus tappert er durch die Verbindungstür in Richtung Mädchenbett. Er will Fräulein Ordnung wecken. Gut so, das hatte ich gehofft.

Ich gehe ins Schlafzimmer, um mein Shirt zu holen. Dabei bemerke ich, dass es schon fast Aufstehzeit ist. Ich nehme das Shirt aus dem Schrank, lege mich leise neben Fräulein Chaos und kuschle mich für ein paar Minuten an sie. Dann beginne ich, sie abzuküssen. Keine Reaktion. Meine Küsse werden wilder und kitzliger. Da! Ein Kichern. Na also. Nach der dritten Kuß-Orgie ist sie endgültig wach und springt sofort auf. Sie läuft durch die Wohnung zu ihrer Schwester, hüpft aufs Mädchenbett und ruft: "Ich bin Laura und finde dich auf der Straße, okay?" Ihr derzeitiges Lieblings-Rollenspiel. Fräulein Ordnung, die schon von ihrem Bruder geweckt wurde, ist sofort dabei. "Ja, ich bin ein armes Waisenkind und heiße...äh..Sophia. Meine Eltern sind tot und ich weiß gar nicht, wo ich übernachten soll." "Komm!", ruft "Laura", "ich zeige dir unser Bad!"

Ich wollte eigentlich noch mit Fräulein Ordnung aufwachkuscheln, aber sie sind voll im Spiel und ich bin total abgeschrieben. Eilig rauschen sie an mir vorbei ins Bad, derweil die Geschichte weiterspinnend. "Mamaaaaaa, nicht reinkommen, okay?" rufen sie. "Okay," rufe ich zurück. Herr Friedlich kommt mit einem Buch zu mir. Ich nehme ihn auf den Schoß und lese ein wenig vor. Dabei schaffe ich es, ihm auch seine Socken anzuziehen. Merke: Socken immer in der Hosentasche mitführen! Das eine Buch reicht ihm heute, er springt von meinem Schoß und zerrt an mir: "Ooch!" kommandiert er mich in die aufrechte Position, dann zieht er mich in die Küche. Aha, er hat Hunger.

Ich bereite das Frühstück vor. Da die Mädchen im Bad nicht gestört werden wollen, entscheide ich mich für den Klassiker Joghurt und Müsli. Vorsichtshalber schneide ich noch einen Apfel auf. Herr Friedlich möchte Gurke. Ich gebe ihm ein großes Stück. Er beißt einmal ordentlich ab, dann steckt er sich das restliche Stück vollständig in den Mund. Es ist so groß, dass er die Lippen nicht schließen kann und Sabber herausfließt. "Herr Friedlich, das ist zu groß. Spuck das mal nochmal aus." sage ich. Er schüttelt den Kopf. "Doch, Herr Friedlich, mach mal: Bäh! Bäh!" Er quietscht mich missmutig an und steigt mit dem Gurkenstück im Mund vom Stuhl. Beleidigt rauscht er aus der Küche in Richtung Kinderzimmer. Ich seufze und lasse ihn von dannen ziehen. Ja, Sohn, Vertrauen. Ich weiß schon, ich soll dir vertrauen.

Die Mädchen sind im Flur. "Mama? Jetzt mal nicht ins Mädchenzimmer gucken, okay? Und auch nicht in den Flur kommen. Erst, wenn wir sagen." - "Ist gut!", rufe ich zurück. Ich weiß, dass sie mich heute überraschen wollen. Die Zähne haben sie sich schon geputzt, nun werden sie sich anziehen - alles verbunden mit ihrem Rollenspiel. Dem armen Waisenkind wird von ihrer neuen Adoptivschwester sicherlich alles gezeigt werden. Ich höre, wie sie ihr die Meerschweinchen vorstellt und ihr zeigt, wie man Wasser und Heu erneuert. Das heißt, ich habe ein wenig Zeit für mich. Schnell - wo ist das Nutella? Ich schmiere mir zwei große Nutellabrote und setze mich mit Kaffee und Zeitung gemütlich in die Küche. Ah, wunderbar!

Ich höre den Babybub in seinem Zimmer rumoren. Klingt danach, als würde er kleine Autos die Rutsche runterrutschen lassen. Ich genieße ganze 15 Minuten Ruhe, packe meinen Rucksack, lege die Sachen der Mädchen vor die Tür und schiele immer wieder ins kleine Kinderzimmer, ob es Herrn Friedlich gut geht. Er ist total vertieft dabei, Perlen aufzufädeln. Ich bereite Gurken und Möhren für die Meerschweinchen vor, bringe sie aber noch nicht ins Mädchenzimmer, denn ich habe ja noch keine "Erlaubnis". Ich setze mich nochmal hin, und öffne nur mal kurz Twitter.....


Mist! Jetzt sind es nur noch 5 Minuten bis zur regulären Losgehzeit und die Mädchen haben noch nicht gegessen! Sie spielen noch im Mädchenzimmer. Ich habe mich vertwittert. Jetzt muss alles schneller gehen, als geplant. Ruhe bewahren - Zeitdruck ist für Fräulein Ordnung ein großer Stock im Getriebe. Sobald sie ihn spürt, hält sie innerlich unbewusst dagegen und verlaaaaaangsaaaaamt ihr gesamtes Tun. Ein störrischer Esel ist nichts dagegen.

"Laura? Sophia?", wenn ihr noch frühstücken wollt, müsstet ihr jetzt kommen, in 5 Minuten gehen wir los!" rufe ich in möglichst neutralem Ton. Meine Töchter springen vollständig angezogen aus dem Zimmer. "Tadaaaa!" strahlen sie und freuen sich, als ich ein übertrieben verdutztes Gesicht mache. Ich registriere, dass sie beide ihre Haare noch nicht gekämmt haben, erwähne das aber nicht, um ihnen die Überraschungslaune nicht zu verderben. Sie haben sich solche Mühe gegeben - wir können nachher in der Kita noch kämmen, kein Problem. Also wundere ich mich stattdessen ausgiebig, wie es sein kann, dass sie schon angezogen sind. Und warum ich plötzlich eine zweite Tochter habe? Wer ist das fremde Kind? Die Mädchen kichern. "Das ist Sophia, sie ist ein Waisenkind und wir haben sie aufgenommen" werde ich aufgeklärt. "Na, mein Waisenkind, dann komm mal frühstücken. Was willst du denn essen?" -"Nur Wasser und Brot, mehr bin ich nicht gewohnt" - "Oh, aber bei uns kannst du so viel leckerer Sachen essen. Willst du Müsli? Oder Joghurt? Oder Cornflakes?" - "Nein, nur Wasser und Brot."

Von meiner Nutella-Brot-Orgie liegt noch der von mir verschmähte Brotkanten herum. Genau das Richtige! Ich reiche ihn ihr und mit wehleidigem Blick beginnt sie, ihn zu verspeisen. "Laura" isst derweil den Apfel. Ich räume Joghurt und Müsli weg. Die Mädchen unterhalten sich angeregt - sie sind noch voll in ihrem Rollenspiel drin und es ist ultra-niedlich, was sie sich so ausdenken. Leider habe ich keine Zeit, zuzuhören, ich muss Herrn Friedlich finden und ihm Schuhe und Jacke anziehen. Ich finde ihn bei seinem Bagger und sehe, dass er immer noch das verdammte Gurkenstück im Mund hat. Grummel.

Achja, die Gurke! Ich eile in die Küche, um das vorbereitete Grünzeug für die Meerschweinchen zu holen und lege es ins Gehege. Dann schnappe ich mir Schuhe und Jacke und wappne mich dafür, das nein-sagende Gurkenmonster anzuziehen. Zu meiner Überraschung ist das gar kein Problem. Er ist so sehr mit der großen Gurke in seinem Mund beschäftigt, dass ich ihn ohne Widerstand ankleiden kann.
 
Nun ist es Zeit, zu gehen. "Laura! Sophia! Wir müssen los. Sophia, du lernst heute deine neue Kita kennen. Laura kann dir dort alles zeigen." sage ich. Die Mädchen springen auf und freuen sich, dass auch ich im Rollenspiel bin. Sie gehen miteinander dialogisierend aus der Wohnung und ziehen sich dort schnell Schuhe, Jacke und Mützen an. Ich räume schnell die Reste vom Küchentisch und schlüpfe in Windeseile auch in meine Sachen. Herr Friedlich geht aus der Wohnung und findet zwei volle Mülltüten, die ich dort abgelegt hatte. Er schnappt sich die kleinere von beiden, die mit dem Biomüll. Er zerrt sie in Richtung Treppe. "Möll! Möll!" brummt er zufrieden.

Kurz, bevor ich die Wohnungstür zuziehen kann, fällt Fräulein Ordnung ein, dass sie heute Barbies mitnehmen will. Ich fluche innerlich, lasse sie aber noch einmal hinein. Da ich weiß, dass die Puppen zu groß für ihre übliche Handtasche sind, gehe ich auch nochmal in die Wohnung und suche  hilfsbereit eine Tüte für die Puppen, damit sie sie darin tragen kann. Ich schließe die Wohnungstür ab, nachdem wir wieder draußen sind und will schnell Herrn Friedlich mit der Mülltüte nach. Ich habe Angst, dass sie auf der Treppe durch das Gezerre aufreißt. Ich gebe Fräulein Ordnung die Tüte und sage: "Hier, für deine Puppen." Sie stockt merklich und nölt: "Die will ich aber nicht!" Oha, das könnte eine "Situation" werden, diesen Ton kenne ich - es ist der, den sie annimmt, wenn sie (selbst subtilen) Zeitdruck spürt und dann ein Ventil zum Ärgern sucht. Diesmal ist es die Tüte. Sie hatte die Handtasche erwartet. Nonchalant sage ich: "Okay, dann nicht. Dann häng sie an die Türklinke", während ich Herrn Friedlich und der Mülltüte hinterhereile. Die andere Mülltüte nehme ich auch mit. Ich erreiche ihn und bitte ihn, mir seine Tüte zu geben. "Nein!" protestiert er. Er will es allein schaffen.

Mmh, was nun? Ich nehme ihn samt der Mülltüte in seiner Hand auf den Arm - das lässt er zu. Na bitte. Sehr gut. So schleift die Tüte auch nicht mehr auf der Treppe und kann nicht mehr reißen. Ich laufe weiter hinunter und lausche nach oben. Gibt es einen Anfall? Nein, die Mädchen sind schon wieder im Rollenspiel. Puh! Ich bringe mit dem Bub auf dem Arm den Müll weg. Er freut sich, "seinen" Müll allein in die Tonne wuchten zu dürfen. Zu meiner Freude lässt er sich danach problemlos in den Buggy setzen. Was ist hier faul? Normalerweise will er laufen, der Wagen trägt immer nur meinen Rucksack. Ah! Das Gurkenstück ist noch in seinem Mund, deshalb. Es ist allerdings mittlerweile zerschreddert. Er hat den Mund voller Gurkenmus. Dann schluckt er alles nach und nach runter und grinst mich an. Ich hab dir ja vertraut, Kleiner, wirklich, denke ich und grinse zurück. "Sophia" und "Laura" erscheinen im Hof. Die Puppen liegen bei "Sophia" im Arm wie kleine Babys. Wir gehen los. Mit fünf Minuten Verspätung, aber noch locker im Rahmen.

Tag 3 


Der Morgen beginnt wieder um 6.30 Uhr, da Herr Friedlich gestern den zweiten Mittagschlaf ausfallen ließ. Diesmal haben die Mädchen zusammen in ihrem Zimmer geschlafen und werden deshalb nicht gestört, als er lauthals verkündet, ich möge ihn bitte vom Bett heben. "Ooch!", ruft er.

Ich nehme ihn auf den Arm und gehe mit ihm ins Bad. Er schnappt sich dort ein paar Pixi-Bücher und blättert darin. Derweil wasche ich mich, putze mir die Zähne und ziehe mich schnell an. Zu meiner Überraschung darf ich das Gleiche auch bei Herrn Friedlich tun. Heute ist wohl keiner seiner Nein-Tage. Juchei! Ich putze ihm ausführlich die Zähne, wie immer, wenn ich die Chance habe. Als ich fertig bin, hält er mir ein Buch hin, das ich ihm vorlese. Dann noch eins.

Ich bringe ihn in sein Kinderzimmer und denke noch, dass ich nun schnell zu den Mädchen muss, damit ich mit ihnen kuscheln kann, bevor sie aufwachen. Da steht Fräulein Chaos schon zerzauselt in der Tür. "Mama?" fragt sie. Mist, Aufwachkuscheln verpasst! Sie hatte mich auch nicht in der Nacht zum Kuscheln, da sie, wie gesagt, in ihrem Geschwisterbett geschlafen hatte. Ich muss mir also was einfallen lassen, um ihr Bedürfnis nach Nähe heute Morgen doch noch zu berücksichtigen.

Ich hebe sie hoch und trage sie wie ein Baby ins Bad. Kein leichtes Unterfangen bei einem 110cm großen Kind. Auf dem kurzen Weg gebe ich ihr Guten-Morgen-Küsschen. Ich lasse sie auf meinem Schoß sitzen, während ich ihr die Zähne putze. Dabei erzähle ich ihr Geschichten von der Zeit, als sie ein Baby war. Sie liebt diese Geschichten, hält ganz still und träumt vor sich hin. Ich bändige gleich noch ihre Haare, während ich weitererzähle.

Als ich fertig bin, gehen wir gemeinsam durch das kleine Kinderzimmer in Richtung Mädchenzimmer. Auf dem Weg liegen eine Menge Kapla Steine auf dem Boden. Nein, das waren nicht die Mädchen. Ich hatte gestern einen Turm für Herrn Friedlich daraus gebaut und diesen über Nacht stehen lassen. Offenbar hat er ihn nun einstürzen lassen. Ich bücke mich, um die Steine in eine Kiste zu werfen, da ich Angst habe, dass jemand darauf tritt und ausrutscht. Ganz selbstverständlich bückt sich auch Fräulein Chaos und hilft mit. Für mich ist das neues, ungewohntes Verhalten an ihr - früher wäre sie in einer solchen Situation weitergelaufen. Fünf ist schon ein cooles Alter. Sie sind um so vieles verständiger plötzlich. Es dauert nur eine Minute, dann sind wir fertig.

Fräulein Chaos geht zu ihrem Schrank und sucht Klamotten aus. Ich setze mich zur schlafenden Fräulein Ordnung aufs Bett und streichle ihr übers Haar. Sie brummt mich an und zieht ihre Decke über den Kopf. Noch müde, kann ich verstehen. Da ich hier erst einmal nichts tun kann, schnappe ich mir Fräulein Chaos und ihre Anziehsachen, nehme sie wieder auf den Schoß und helfe ihr beim Anziehen. Selbst bei der Strumpfhose helfe ich. Ich Heldin! Bei der Prozedur haben wir zwei noch exklusive Kuscheleinheiten.  

Herr Friedlich, der bisher mit dem Büchersessel beschäftigt war, sieht uns schmusen und kommt quietschend zu uns. Eifersüchtig drängt er auf meinen Schoß. Fräulein Chaos ist sowieso fertig und trollt sich. Sie geht zu den Meerschweinchen und schüttet neues Heu hinein. Die Hälfte fällt auf den Boden, aber ich kommentiere es nicht, denn das nehme ich für ihre Hilfe gern in Kauf. Ich werde es mittags, wenn ich mit Herrn Friedlich allein zuhause bin, auffegen. Nun nimmt sie die Wasserschale und läuft zum Wasserhahn.

Ich pupse dem Babybub mit dem Mund am Hals, er kichert und windet sich. Dann gebärdet er "Nochmal!" und grinst. Ich pupse noch mehr. Unter der Decke regt sich Fräulein Ordnung. Zwei blaue Augen lugen hervor. Sie ist wach, prima. Ich ziehe blitzschnell die Decke weg und pupse auf ihren Bauch. "Ey!" ruft sie kichernd und springt aus dem Bett. Sie läuft sofort zu ihren Barbiepuppen und sucht sich diejenigen zusammen, die sie heute in die Kita mitnehmen will. Herr Friedlich hat seinen Bagger entdeckt und geht spielen. Er fängt an, zu brummen und zu quietschen, als er den Baggerarm hoch und runter hebt.

Ich laufe in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Dort steht Fräulein Chaos. Der Wassernapf der Meerschweinchen steht vergessen im Waschbecken. Stattdessen hat sie eine mit einer Substanz gefüllte Muffinform in der Hand. What the...?, denke ich und schaue sie fragend an. "Ich habe experimentiert!", sagt sie stolz. "Hier drin sind Mehl, Wasser und Zucker und nun muss ich es nur noch...." Ich bin innerlich genervt, dass ihre Experimentierlust immer zu solch unmöglichen Zeiten erwacht. Gerade will ich sie anranzen und sagen: "Aber backen kannst du jetzt nicht!", da beendet sie ihren Satz mit: "...ins Gefrierfach stellen. Ich will sehen, was damit passiert." Achso, ja, das geht natürlich. Gut, dass ich nicht voreilig etwas gesagt habe.

Sie stellt das Gemisch in das Gefrierfach. Dann holt sie einen Becher aus ihrem Experimentierschrank, füllt ihn halb voll mit Wasser und sagt: "Der muss auch noch rein. Ich will wissen, wie Eis entsteht." "Okay", erwidere ich, "aber achte darauf, dass der Becher ganz gerade steht." Das klappt.

Ich gebe ihr den Wassernapf der Meeris und beginne, das Frühstück zu machen. Heute gibt es Toast, Butter und vegetarische Pasten. Letztere werden die Töchter nicht essen, aber Herr Friedlich und ich mögen sie. Fräulein Ordnung wird Bergkäse essen, Fräulein Chaos nur Butter. Als ich fertig bin, gehe ich zurück zu Fräulein Ordnung. Sie steht im Schlafanzug mit ihren Puppen an der Puppenstube und dialogisiert schon wieder. Sie kann so toll darin versinken!

Fräulein Chaos streichelt die Meerschweinchen und zieht in die Küche, um Gurke und Salat zu holen. Ich suche Anziehsachen aus dem Schrank und halte sie Fräulein Ordnung vor die Nase. "Das oder das?", frage ich. Sie hält kurz inne, zupft an dem Gewählten und redet dann weiter mit ihren Puppen. Ich bringe das Ungewünschte zurück und suche zwei Strumpfhosen aus. Wieder frage ich, wieder wählt sie aus. Während sie spielt, ziehe ich sie an. Sie unterbricht kurz, wenn ich ihren Kopf oder ihre Arme brauche und hilft mit, danach spielt sie sofort weiter.

Für die Strumpfhose habe ich keine Nerven, ich könnte sie ihr in dieser Position sowieso nicht anziehen. Ich bitte sie, diese selbst anzuziehen und dann zum Frühstück zu kommen. Meine Bitte findet Gehör. Sie setzt sich sofort hin und fängt an. Heute klappt echt alles wie am Schnürchen.


Ich sammle den Buben und das händewaschende Fräulein Chaos ein und gehe mit ihnen zum Frühstückstisch. Fräulein Chaos will beim Essen auf meinem Schoß sitzen. Ich seufze. Hallo, verlorene Kuschelrunde, da bist du ja wieder!,  denke ich. Eigentlich finde ich es unbequem, ein großes Kind beim Frühstück auf dem Schoß zu haben, aber ich merke, dass sie das heute braucht. Herr Friedlich will nicht, dass seine Schwester bei mir sitzt, klettert vom Stuhl und versucht, sie nörgelnd von meinem Schoß zu schieben. Sie rutscht zur Seite auf mein eines Bein (aua!), er darf auf dem anderen Bein sitzen. So klappt es. Uff.

Wir mümmeln Toast und ich balanciere harte Poknochen auf meinen Oberschenkelmuskeln. Ich rufe: "Fräulein Ordnung, komm frühstücken!". "Jahaaaa, ich muss nur noch die Puppenkiste wieder einräumen!" ruft sie zurück. Hä? Das macht sie sonst nie! Nie! Das macht sie doch nur, weil ich unseren Morgen innerlich mitschreibe. Halt warte, das weiß sie ja gar nicht. Mmh. Komisch. Aber gut.

Es vergeht eine Minute und sie kommt. Ich schiebe die beiden anderen Kinder von meinem Schoß in Richtung ihrer eigenen Stühle und sie lassen es ohne Murren geschehen. Nun sitzen wir alle am Tisch und essen friedlich. "Habe ich schon Zähne geputzt?" fragt Fräulein Ordnung. "Nein. Machen wir nach dem Frühstück, okay?" 
Gesagt, getan. Nach dem Frühstück putze ich, sie singt lauthals das Lied aus dem Film "Eiskönigin". Das macht das Putzen etwas schwieriger, aber geht. Ich kämme auch noch schnell ihre Haare. Während sie weitersingt, will sie mir auch einen Zopf machen. Ich habe nur lange Haare am Pony, alles andere ist kurz. Das ist ihr egal. Ich stelle mich darauf ein, so albern auf die Straße zu gehen. In Berlin fällt man ja so gar nicht groß auf, also geht es.

 Derweil ziehen sich Fräulein Chaos und Herr Friedlich schon im Flur die Jacken an, obwohl ich noch gar keinen Startschuss gegeben habe. Fräulein Chaos versucht, Herrn Friedlich die Schuhe anzuziehen, aber das klappt nicht. Mütze und Jacke dagegen schon. Ich komme dazu und helfe. Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass Fräulein Chaos zum Mülleimer geht, um den Sandkastensand aus ihren Schuhen dort hineinzuschütten. Ich jubiliere innerlich, dass sie daran denkt. Dieser Punkt begleitet uns schon lange und ich war sehr geduldig, weil sie lange Zeit ohne böse Absicht zwar, aber eben immer wieder, die Schuhe einfach im Flur auf den Dielenboden ausschütteten. Offenbar ist nun der Knoten geplatzt.

Fräulein Ordnung läuft an uns vorbei und verschwindet schnell im Mädchenzimmer, um ihre Barbies zu holen. Diesmal bin ich besser vorbereitet und reiche ihr das (zu kleine) Handtäschchen. Die Puppen passen überraschender Weise ganz okay hinein, nur der Oberkörper und Kopf gucken heraus. Fräulein Chaos, die ja schon angezogen ist, entscheidet sich nun auch spontan, ihre singende Elsa-Barbie mitzunehmen und geht los, sie zu suchen. Sie findet sie schnell. Die Puppe hat ein weißes Kleid und einen Meerjungfrauenschwanz an. Es ist erst  8.15 Uhr und wir sind schon alle bereit zum gehen. Tschakka!

Als wir unten im Hof ankommen, bemerkt Fräulein Chaos, dass etwas an dem weißen Kleid der Elsa gerissen ist. Eine winzige, winzige Stelle. Ich versuche, zu relativieren und verspreche, es heute Nachmittag zu nähen. Sie schluchzt ein klitzekleines bisschen. Ich gehe weiter, in der Hoffnung, dass sie dieses Problemchen überwindet.

Die Tür zum Hinterhof geht auf und ein Müllmann kommt herein. Cool, denke ich, da wird sich Herr Friedlich freuen, wenn wir dem Müllauto hinterherlaufen können. Zeit haben wir ja noch. Wir stellen uns an die Seite, um dem Müllmann im Hof zuzuschauen. Er sortiert erst einmal die Mülltonnen, die er leeren will.

Fräulein Chaos sagt: "Mama, ich möchte ein neues Puppenkleid. Das hier ist doof!" Ich höre Tränen in ihrer Stimme, aber nach außen hin ist sie tapfer. Ich wäge innerlich blitzschnell ab. Wir haben noch Zeit, nach oben zu gehen und das Kleid zu holen, aber allein schafft sie es nicht. Ich muss die Tür aufschließen. Ich kann aber Herrn Friedlich jetzt nicht einfach hier wegtragen, dann würde er brüllen vor berechtigter Indignation. Ich könnte ihre Bitte abschlagen, aber dann wäre sie unglcklich und es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, nein zu sagen. Ich schaue zu Fräulein Ordnung: "Schaffst du es, auf deinen Bruder aufzupassen, während wir hochgehen? Er darf nicht vom Hof runterlaufen." Sie atmet tief ein und nickt. "Notfalls nimmst du ihn auf den Arm", schiebe ich hinterher. "Ich schaffe das", sagt sie mit fester Stimme. Okay, so sei es.

Fräulein Chaos und ich rennen die Treppen hoch. Ich keuche: "Du musst in Windeseile ein neues Kleid suchen. So schnell, wie du noch nie ein Kleid gesucht hast." -  "Ist gut," schnauft sie zurück. Ich schließe auf, sie stürzt zur Puppenkiste und wühlt darin. "Wo ist der Rock und das Oberteil von der Elsa?" fragt sie verzweifelt. Ich komme dazu und krame ebenfalls. Ich werfe alle unbrauchbaren Kleider auf den Boden. Schön, dass die Kiste vorhin von Fräulein Ordnung extra aufgeräumt worden war. Egal jetzt. Der Rock und das Oberteil sind nicht da. Ich schnappe mir wahllos ein Kleid und halte es hoch: "Was ist mit dem? Das ist doch hübsch?" "Das ist super!" Sie reißt mir das Kleid aus der Hand und ist schon wieder auf der Treppe nach unten. Ich schließe die Wohnung ab und hüpfe die Stufen hinab.

Als wir unten ankommen, bringt der Müllmann gerade die letzte Tonne zurück. Herr Friedlich und Fräulein Ordnung stehen noch an der selben Stelle. Meine Tochter guckt erleichtert, als sie uns sieht. Und stolz, es geschafft zu haben. Ich schaue sie verliebt wie eine Ober-Glucke an: "Mein großes Mädchen!", platze ich heraus. Dann hebe Herrn Friedlich hoch und renne mit Buggy nach draußen. "Wenn wir rennen, sehen wir das Müllauto noch!" rufe ich. Meine Töchter stürzen mir nach. Da! Tatsächlich, es steht noch am nächsten Eingang. Ich stelle den Babybub auf dem Gehweg ab und atme erst einmal durch.

Wir gucken der Müllabfuhr zu. Herr Friedlich ist im 7. Himmel. Er beobachtet mit Hingabe, was passiert, steht mucksmäuschenstill. Die Mädchen haben dem Müllauto schon oft zugeschaut und werden nach einer Weile unruhig. "Ihr könnt schon zur Kita vorlaufen. Wir kommen gleich nach," schlage ich vor. "Nee, ich will bei dir bleiben," sagt Fräulein Chaos, "Kann ich in die Manduca?" Ich denke an ihre Nacht ohne Mama-Kuscheln und seufze. Dann schnalle ich sie mir vor den Bauch. Ja, mein fünfjähriges Kind. Das geht schon - sie wünscht sich das öfter mal, seit ihr Bruder geboren wurde. Fräulein Ordnung wittert ihre Chance und fragt grinsend: "Kann ich in den Buggy?" Ich grinse zurück und nicke. Sie setzt sich, holt ihre Puppen raus und fängt sofort an, sich wieder in Dialogen zu verlieren. 

Wir laufen dem Müllauto zum nächsten Eingang hinterher und beobachten auch dort das Geschehen. Ich weiß, dass das ihre letzte Station ist, danach werden die Müllmänner in eine andere Straße fahren. Ich gucke auf die Uhr. 8.30 Uhr, unsere normale Losgehzeit. Wir warten geduldig ab, damit Herr Friedlich gucken kann. Als sie fertig sind, winken uns die Müllmänner zu und wir laufen los zur Kita. Ich habe immer noch den Zopf vorn im Haar, vor meiner Brust hängt ein Riesenkind und tut so, als würde es schlafen. Im Buggy sitzt ein weiteres Riesenkind und philosophiert lautstark mit ihren Puppen. Neben mir läuft ein eineinhalbjähriger Knopf wild gestikulierend und quietschend und brummend. Er erzählt auf seine Weise, was er gerade gesehen hat. Eventuell sehen wir für Außenstehende ein wenig schräg aus. Wenn ihr uns begegnet, winkt uns doch ruhig!

Tag 4 


Der Wecker klingelt um 7 Uhr, als wir alle noch tief und fest schlafen. Da ich gestern in weiser Voraussicht schon 22 Uhr schlafen ging, bin ich erstaunlich fit. Der Bub wacht neben mir auf. Er sieht mich - und sein erstes Wort ist: "Neeein!" Oha, das wird wohl ein Nein-Tag.

Ich kuschle mich zu Fräulein Chaos, sie ist schön warm. Wir kuscheln, bis der Bub auf uns raufklettert und "Nein! Nein!" intoniert. Er klettert zwischen uns. Seine Schwester umarmt ihn, will mit ihm kuscheln. Er kreischt: "Neiiiiin", windet sich aus ihrer Umarmung und wirft sich in meine Arme. Ich nehme ihn hoch. Wir gehen zu dritt ins Bad. Ich stelle Herrn Friedlich auf den Wäschewürfel und ziehe ihn blitzschnell aus, bevor er Nein sagen kann. Ha! Dann putze ich Fräulein Chaos die Zähne. Mein Sohn fordert seine Zahnbürste, ich gebe sie ihm. Er kaut darauf rum, während ich bei ihr weiterputze. Dann will ich bei ihm putzen. "Nein!" schallt es mir entgegen. Okay, dann erst meine eigenen Zähne. 

Während ich meine eigenen Zähne putze, nimmt Fräulein Chaos die Zahnbürste ihres Bruders und bedeutet ihm, sie wolle putzen. Sie darf das. Na, besser als nichts, denke ich und zwinkere der Großen zu. Während er so von ihr abgelenkt ist, binde ich ihm schnell eine neue Windel um. Ich hebe ihn vom Würfel und beginne, Fräulein Chaos die Haare zu kämmen. Er läuft in Richtung Kinderzimmer. Dort steht sein Bagger - er beginnt zu spielen.
Nach ein paar Minuten, in denen ich ihre Haare gekämmt und einen Pferdeschwanz ins Haar geknotet habe, suche ich die Sachen meines Sohnes zusammen und laufe zu ihm. "Ich will dich anziehen, Herr Friedlich." sage ich. "Nein", beschließt er. Na gut, dann erst einmal etwas anderes. Ich gehe zu Fräulein Ordnung ans Bett und setze mich zu ihr. Sie ist wach, aber müde und grumpelig. "Ist heute Wochenende?" fragt sie hoffnungsvoll. "Noch nicht", antworte ich, "Morgen erst. Morgen fahren wir zu Omi. Dafür müssen wir dann heute Nachmittag unsere Sachen packen. Nach der Kita."

"Zu Omi?", fragt Fräulein Chaos, die ins Zimmer gekommen ist und zugehört hat, "Wo ist mein neuer Koffer?" Ich hatte am Wochenende einen etwas größeren Rollkoffer auf dem Flohmarkt gekauft, seitdem steht er im Schlafzimmer. "Äh, heute Nachmittag packen wir!" sage ich lahm. Mir schwant, was gleich passieren wird. Ich stöhne innerlich. Ganz blöder Anfängerfehler meinerseits. Die Mädchen hören mir nicht zu. Fräulein Ordnung ist aufgesprungen und öffnet den Kleiderschrank. Fräulein Chaos holt den Koffer ins Zimmer. Sie reißen Klamotten von den Bügeln und überlegen, was sie brauchen. Wir fahren nur Samstag und Sonntag! Herrje.

Ich resigniere. Das war mein Fehler, ich hätte das mit der Reise jetzt nicht erwähnen sollen. Aber ich wollte Fräulein Ordnung mit etwas Schönem aus dem Bett locken. Ich füttere die Meerschweinchen und gehe ins Bad, um mich anzuziehen. Auf dem Weg begegne ich Herrn Friedlich. Er läuft mit Schiebe-Ente durch die Wohnung und ruft: "Naaak! Naaak!" Ich sage: "Kann ich dir jetzt den Body anziehen?" "Nein!". Aha, dann also erst ich.

Ich ziehe mich an und gehe in die Küche, um Frühstück zu machen. Mir ist heute sehr nach Gemüseteller. Das werden die Mädchen nicht essen, aber egal. Im Kühlschrank liegen Würstchen, die weg müssen. Mmmh, lecker. Also auch Würstchen. Und Ei. Ich koche die Eier und mache die Würstchen warm. Herr Friedlich kommt in die Küche. "Hey, willst du mit mir frühstücken?" - "Nein!" - "Aha. Aber Gurke willst du?" Die Gurke ist ihm genehm, er klettert auf seinen Stuhl. Ich nehme mir ein warmes Würstchen. Er legt die Gurke weg und will auch eins. Ich habe noch ein kaltes und gebe es ihm. Er klettert damit vom Stuhl.

"Hey, wo willst du hin?" Er läuft mit dem Würstchen in der Hand in den Flur und kramt in der Kiste mit den Buddelsachen. Mit einem Eimer kommt er zurück. Er stellt den Eimer kopfüber auf den Fußboden und versucht, sich darauf zu setzen. Das ist nicht so leicht. Er benötigt mehrere Versuche. Dann schafft er es aber und grinst. Nun isst er sein Würstchen auf dem Eimer sitzend. Ich denke "Okay, warum nicht?" und schmunzle ihn an.

Dann schmule ich von der Küche aus in Richtung Mädchenzimmer. Sie sind immer noch damit beschäftigt, den Koffer zu füllen. Gerade legen sie Bücher und Puppen hinein. Immerhin hat eine von ihnen jetzt auch schon ein Langarmshirt an, die andere Schlüpfer und Leggins. Sie ziehen sich also nebenbei an. Gut, dann muss ich nicht intervenieren. Ich wende mich wieder meinem Frühstück zu. Herrn Friedlich ist es zu langweilig geworden, er läuft in sein Zimmer. Hat er das Würstchen schon aufgegessen? Egal, ich frühstücke jetzt. 

Als ich fertig bin, gucke ich erneut nach den Mädchen. Sie sind angezogen, der Koffer ist mit allerlei Dingen prall gefüllt. Heute Nachmittag werden wir da ein bisschen aussortieren müssen. Das sage ich jetzt aber nicht, denn ich möchte den Eifer und die Freude nicht unterbrechen. Heute Nachmittag werden sie offener sein für meine Vorschläge - es ist dann schon ein halber Tag vergangen und Vorfreude konnte sacken. Dann kann ich mit logischen und logistischen Argumenten -  das Kofferpacken betreffend - kommen. Ich frage: "Frühstück?" Heute ist Freitag, da gibt es in der Kita ein großes Frühstücksbuffet zusätzlich zu dem sonst üblichen Obstfrühstück. Mir ist also egal, ob sie zuhause frühstücken wollen, oder dort. "Zähneputzen!" ruft Fräulein Ordnung. Also dann das zuerst. 

Ein wenig später trinken beide Mädchen einen Kakao in der Küche und mümmeln Würstchen und Ei. Fräulein Chaos springt urplötzlich auf und rennt zum Kühlschrank. Sie guckt im Froster nach ihrem Experiment. "Warum ist jetzt so viel Eis im Becher? Ich hatte weniger Wasser reingemacht, glaube ich." fragt sie. Ich erkläre, dass Wasser sich ausdehnt, wenn es zu Eis wird. Nun will sie das Experiment noch einmal machen, diesmal streicht sie mit Marker auf dem Becher an, wo der Wasserspiegel ist. Ich helfe ihr, damit nichts verschüttet.

Fräulein Ordnung guckt fasziniert vom Tisch aus zu. Gedankenverloren wedelt sie wild mit ihrem Kakaobecher, er schwappt bedrohlich. Ich sehe vor meinem inneren Auge den Kakao schon auf ihrem Shirt landen.    "Pass auf!" motze ich sie spontan an, "sonst kleckerst du!" Sie trinkt etwas weniger wild. Ich habe mich schon wieder abgeregt und bedanke mich für ihre Kooperation: "Weißt du, ich hatte gerade Angst, dass du auf dein Shirt kleckerst und ich dich dann umziehen muss. Aber jetzt bist du vorsichtig." Sie hat mir das Motzen nicht übel genommen - ihr Liebesspeicher ist gut gefüllt und sie kann darüber entspannt hinwegsehen. Ich überlege trotzdem, warum ich so losgefeuert habe, denn die Situation war eigentlich nicht so dramatisch. Ich realisiere, dass nicht der Punkt, dass ich sie neu umziehen müsste, mein Problem ist. Ich bin innerlich angespannt, weil ich Herrn Friedlich noch nicht dazu überreden konnte, sich anziehen zu lassen und nun die Zeit schon etwas drängt. Ein Stellvertreter-Motzen also.

Ich gehe zu meinem Sohn ins Kinderzimmer und sage klar: "Ich möchte dich jetzt anziehen."  Er versucht gerade, einen Rührbesen in einen Oball zu pfrimeln. "Nein!", findet er und spielt weiter. Neben ihm liegt das restliche Würstchen. Ich nehme es und bringe es in die Küche. 

Es ist fast Losgehzeit, heute werde ich mich wohl über sein Nein hinwegsetzen müssen. Das mag ich nicht so gern. Herr Friedlich ist nun aber Gott sei Dank fertig mit seinem Spiel und kommt mir hinterhergelaufen. Er gebärdet: "Milch!". Super, dann kann ich ihn beim Stillen anziehen. Puh! Er läuft zum Bett und klettert rauf, weil er weiß, dass er tagsüber nur dort gestillt wird. Er meckert ein wenig, als ich ihm den Body über den Kopf streife, ist dann aber glücklich mit der Brust und hält still. Ich denke drüber nach, was ich noch probiert hätte, bevor ich ihn zum Anziehen gezwungen hätte. Denn er ist noch zu klein, um das selbst zu entscheiden, seine Klamotten liegen noch in meiner Verantwortung. Heute ist es herbstlich kühl. Zunächst hätte ich ihm angeboten, ein Buch vorzulesen und ihn dabei angezogen. Wenn das nicht geklappt hätte, hätte ich seine Schwestern gebeten, es zu versuchen. Erst danach hätte ich meine körperliche Überlegenheit ausgenutzt. An Tagen, an denen ich keinen Terminstress habe, hätte ich ihn so nackt gelassen und wäre einfach nicht losgegangen. Aber das ist heute nicht möglich.

Ich gebe ihm die zweite Brust und wünschte, ich hätte daran gedacht, auch Schuhe und Jacke mit hierher zu nehmen. Die Mädchen sind mittlerweile wieder bei uns im Zimmer, Fräulein Chaos hat angefangen, etwas zu malen. Da sie als erste in meinem Gesichtsfeld ist, spreche ich sie an: "Kannst du mir bitte die Jacke und Schuhe deines Bruders holen?" Keine Reaktion, sie hat mich wohl nicht gehört. Ich drehe den Kopf und sehe ihre Schwester, die ein bisschen vor sich hin träumt. "Fräulein Ordnung, kannst du mir die Schuhe und Jacke von Herrn Friedlich holen? Ich will ihn beim Stillen anziehen." Sie läuft prompt los und holt das Gewünschte. Ich werfe ihr ein Luftküsschen zu. Dann ziehe ich ihn an, es kommt zur Abwechslung mal kein Protest vom stillenden Bub. Sehr gut. Jetzt sind wir allerdings wirklich spät dran.

"Mädels, anziehen!" rufe ich aus dem Flur. Sie rühren sich nicht vom Fleck. Ich öffne die Wohnungstür, um Herrn Friedlich rauszulassen. Leider erblickt er beim Weg nach draußen seinen Bagger und will ihn mitnehmen. Wir haben einen genau gleichen unten im Hinterhof, der gerne mitgenommen werden kann. Dieser hier soll oben bleiben. Ich versuche, das meinen Eineinhalbjährigen zu erklären, doch er krallt sich an seinem Bagger fest und ruft empört. "Nein! Nein!". Ich stöhne innerlich und ziehe mich schnell an. Wo ist eigentlich mein Portemonaie? Ich habe es gestern ausgepackt. Hastig suche ich danach und werfe es in den Rucksack. Noch immer versuche ich, Herrn Friedlich zu überzeugen, den Bagger hierzulassen, weil der andere unten auf ihn wartet. Er ist erbost ob meiner Sturheit. Heute habe ich aber wirklich keine Lust, an diesem Punkt nachzugeben. Dieser doofe Bagger soll hier bleiben. Ich will an dem Wohnungsbagger keinen Sand haben. An besseren Tagen hätte ich vermutlich kein Problem damit und ihn einfach mitgenommen, aber heute bin ich durch den Zeitdruck angespannt und will nicht nachgeben. Tja.

"Mädchen, anziehen, es geht los!" rufe ich etwas lauter. Die Mädchen kommen, ich lege ihre Sachen vor die Tür. Sie ziehen sich an. Ich nehme Herrn Friedlich den Bagger aus der Hand und schließe die Tür. Er brüllt das Treppenhaus zusammen. "Soll ich ihm vorsingen?" fragt Fräulein Ordnung. Sie hat tatsächlich ein Händchen dafür, ihn mit Singen zu beruhigen, auch, wenn es noch nicht sehr melodisch klingt.

Fräulein Chaos mag den Gesang ihrer Schwester überhaupt nicht und verkrümelt sich schon mal die Treppe runter. Fräulein Ordnung beginnt laut und schief zu singen, Herr Friedlich brüllt noch immer. Er will seinen Bagger! Mir ist heiß. 
Ich schließe die Tür ab und beuge mich zu ihm runter. "Du willst deinen Bagger! Bagger! Du sagst: Bagger, Mama! Bagger!" spiegle ich. Er brüllt weiter. Ich spiegle nochmal: "Bagger! Bagger! Du willst den Bagger!" Fräulein Ordnung singt immer noch, die gute Seele. Das hilft aber kein bisschen und mich macht es gerade total aggressiv. Wir sind verdammt laut, das Treppenhaus schallt, mir ist heiß und ich kann diese Kakophonie wirklich schlecht aushalten. Ich bin kurz davor, Fräulein Ordnung (schon wieder stellvertretend) anzuschnauzen, mit dem Singen aufzuhören, da kommt Fräulein Chaos die Treppe wieder hoch, mit dem Hof-Bagger in der Hand. Ich kann mein Glück kaum fassen. 5 ist wirklich sooo ein tolles Alter!

Mit tränennassen Augen guckt Herr Friedlich zu seiner Schwester und dem Bagger und verstummt prompt. Fräulein Ordnung denkt, ihr Singen habe nun endlich geholfen und stoppt zufrieden ebenfalls mit dem Lärm. Es wird einen kurzen Moment leise, ich atme erleichtert aus. Dann setzt Herr Friedlich neu an: "Nein! Nein! Nein!" protestiert er laut und wedelt die Hand mit einer "Verboten!"-Gebärde in Richtung Bagger. Man könnte meinen, er sagt uns, dass er diesen Bagger nicht will, sondern den anderen aus der Wohnung (wie gesagt, sie sind exakt gleich), aber ich verstehe sein Anliegen. Er will nicht, dass seine Schwester den Bagger in der Hand hat - das geht ja wohl mal gar nicht, ey! Das ist seiner! Sie soll ihn loslassen!

Ihm ist weder klar, dass das nicht der Bagger aus der Wohnung ist, noch, dass sie gerade so nett war, ihm den Bagger von unten hochzuholen. Dankbarkeit kann man von ihm also nicht erwarten und das ist auch okay. Dafür bin ich dankbar. Fräulein Chaos stellt den Bagger vor ihrem Bruder ab und er schnappt ihn sich sichtlich erleichtert. Liebevoll umklammert er ihn. Ich küsse beide Töchter auf den Kopf und bedanke mich leise für ihre Hilfe. Ich gucke auf die Uhr und sehe, dass wir wirklich zügig gehen müssen, um gerade noch pünktlich zu sein, bevor die Tore der Kita erst einmal geschlossen sind (wegen der ungestörten Freiarbeit).

Leider beschließt Fräulein Ordnung, dass es lustig wäre, den ganzen Weg rückwärts zu gehen und das tut sie auch kichernd. Ich übe mich in Zen-Gelassenheit und sage nichts dazu, um meinen Zeitdruck nicht auf sie zu übertragen. Einen störrischen Anfall von ihr kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. Ihr Bruder läuft torkelnd mit dem Bagger in der Hand hinter ihr her und himmelt sie für ihr Können groß an. Fräulein Chaos läuft gedankenverloren neben mir und schiebt ihre kleine Hand in meine große. Ich genieße die Ruhe, die sie dabei ausströmt.  Mit Gongschlag erreichen wir die Kita. Wir haben es tatsächlich geschafft. Uff.

Nachtrag 


Vielleicht fragt ihr euch, was passiert, wenn ich morgens mehr Termindruck habe, als das diese vier Tage lang der Fall war. Da ich noch in Elternzeit bin, kommt das selten vor und wenn, dann kooperieren alle Kinder normalerweise sehr gut. Das liegt eben daran, dass sie sehen, dass ich mich an anderen Tagen redlich bemühe, kooperativ auf ihre Bedürfnisse und Wünsche einzugehen.

Selbst Fräulein Ordnung, die ja bei Zeitdruck, wie ich schon schrieb, ins innere Stocken gerät, kann sich an solchen Tagen zum Funktionieren bringen. Sie bricht dann allerdings oft hinterher zusammen, d.h. wenn wir pünktlich angekommen sind. Dann sucht sie dort nach einer Möglichkeit, den inneren Stress loszuwerden und pöbelt so lange, bis sie jemanden findet, der ihr Reibefläche gibt. Sie braucht den Streit und das Weinen dann als Ventil. Da wir das wissen, können wir damit gut umgehen. Es ist ihre Art der Psychohygiene.

An "Tag 5", als wir ja mit dem Zug zur Omi fuhren, hatten wir es tatsächlich sehr eilig und unsere Kinder haben vorbildlich mitgespielt, so dass wir trotz knapper Zeitkalkulation pünktlich auf dem Bahnhof ankamen.

Der Tag wurde dann aber trotzdem zum absoluten Fiasko. Wir hatten kein Kleinkindabteil mehr buchen können und mussten die drei Kinder fünf Stunden lang leise beschäftigen. Meine Angespanntheit führte dann dazu, dass ich am Ende des Tages wirklich klassisch ungezogene Kinder hatte! Solche, die mit Absicht provozierten und absolut nicht auf das hörten, um das ich sie bat. Das war eine ganze neue Erfahrung für mich. Mir war allerdings schon währenddessen klar, dass der Auslöser für ihr Verhalten immer wieder ich selbst war. Das war so interessant zu beobachten, dass ich mich mit diesen Tag in einem gesonderten Artikel befassen werde. Seid gespannt auf: "Snowqueen - Wie sie als Mutter versagte".

© Snowqueen

Spielen - kindliches Spielverhalten in den ersten Jahren


Warum spielen Kinder?


Kinder spielen um des Spielens willen - sie verfolgen mit ihrem Tun dabei keinen bewussten Zweck oder ein bestimmtes Ziel. Dennoch eignen sie sich dabei nach und nach bestimmte Fähigkeiten an und vertiefen sie. Das Spielverhalten von Kindern spiegelt in der Regel ihren Entwicklungsstand wider. Die Abfolge der Entwicklung ist dabei interessanterweise bei fast allen Kindern rund um den Globus gleich. Das Spielen wirkt sich positiv auf das seelische Gleichgewicht aus, weil es dabei hilft, Erfahrungen zu verarbeiten und Emotionen auszuleben. Das stärkt das Immunsystem und fördert die Entwicklung der synaptischen Verbindungen im Gehirn.

Arten des Spielens

 

Erkunden von Eigenschaften


Vor allem im ersten Lebensjahr sind Kinder vor allem damit beschäftigt, die physikalischen Eigenschaften der Gegenstände in ihrer Umwelt zu erkunden. Dabei werden vor allem die Hände und die Zunge genutzt - das Sehen spielt zunächst eine untergeordnete Rolle. Erst im zweiten Lebensjahr wird das Auge primäres Sinnesorgan zum Erkunden.

 

Fähigkeitenerwerb durch Nachahmung


Ein Kind benötigt etwa 10 bis 20 Jahre, um sich die wesentlichen Verhaltensweisen anzueignen, mit denen es sich in der komplexen menschlichen Beziehungsstruktur und Gesellschaft zurecht findet. Erlernt werden diese vor allem durch Nachahmung.

Schon in den ersten Lebensmonaten ahmen Babys die Mimik ihrer Eltern nach. Später werden Laute, im zweiten Jahr dann vor allem die Sprechweise der Bindungspersonen nachgeahmt. Auch Handlungen wie Winken oder Klatschen werden dann imitiert, ebenso das mit Besteck essen oder andere einfache Bewegungsabläufe.

Erkunden räumlicher Beziehungen


Türme bauen, Wasser von einem Behälter in den anderen füllen, Becher stapeln - diese Tätigkeiten dienen der Erkundung des Raumes. Das Kind lernt spielerisch die ersten physikalischen Grundlagen.

Erkunden von Gesetzmäßigkeiten


Schon nach dem 26-Wochen-Sprung begreift ein Baby, dass es an der Schnur ziehen muss, um die Spieluhr zum klingen zu bringen, also den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Nach dem ersten Geburtstag beginnt es Dinge nach Eigenschaften zu kategorisieren. Das bildet die Grundlage für das logische Denken.

Wie Eltern "richtig"mitspielen


Kinder spielen mehr oder weniger ausdauernd allein, am liebsten spielen sie jedoch mit ihren Bindungspersonen. Während wir mit Babys noch recht unbefangen und intuitiv spielen, geht uns diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter leider teilweise verloren. Eltern neigen dazu, ihren Kindern beim Spiel aktiv etwas beibringen zu wollen oder zu helfen, wenn es eigentlich unangebracht wird. Das kindliche Spiel dient zwar dem Erwerb von Fähigkeiten, das heißt aber nicht, dass wir unser Kind anleiten müssen. Es probiert von ganz alleine immer und immer wieder geduldig aus, wie etwas funktionieren könnte. Helfen wir (ungefragt) dabei, entmutigen und behindern wir es sogar - mehr dazu könnt ihr im Artikel Gesunde Kinder müssen nicht gezielt gefördert werden nachlesen.

Nicht unnötig beim Spielen eingreifen


Jedes Kind beginnt vollkommen selbstmotiviert irgendwann, Türme zu bauen. Es ist wichtig, das Spiel des Kindes nicht ständig zu bewerten. Eltern neigen dazu, den Erwerb neuer Fähigkeiten ausgiebig zu kommentieren und überschwänglich zu loben.  Ohne unseren Einfluss probiert das Kind in der Regel ausdauernd immer und immer wieder verschiedene Bauweisen und entdeckt nach und nach, welche Umstände die Stabilität des Turms beeinflussen. Hat es nach vielen Fehlversuchen endlich einen beachtlich großen Turm aufgebaut, freut es sich riesig über die eigene Leistung. Wenn wir ihm hingegen ausführlich erklären, wie das am besten geht, immer wieder korrigieren, eingreifen und Ratschläge geben, dann erreicht es das Ergebnis zwar schneller, aber der Weg ist für das Kind zutiefst unbefriedigend. Es braucht die Fehlversuche, um zu lernen, nicht unsere Anweisungen! Zudem betrachtet es am Ende das Ergebnis nicht als eigene Leistung und wird sich sehr viel weniger darüber freuen, als wenn es das Bauwerk aus eigener Kraft erschaffen hat.
Ständiges Eingreifen wirkt sich nachteilig auf die Entwicklung des Selbstbewusstseins und des Selbstbildes aus und kann Resignation und Angst vor dem Versagen fördern. Auch wenn wir es gut meinen und eigentlich ja nur helfen wollen - wir signalisieren unserem Kind damit unterschwellig, dass wir ihm nicht zutrauen, das Vorhaben alleine zu bewerkstelligen. Da unsere Kenntnisse in Bezug auf den Turmbau recht umfassend sind, gelingt es mit unserer Hilfe recht schnell, in kurzer Zeit tolle Bauwerke zu erschaffen. Probiert es das Kind dann alleine, ist ein Scheitern im Grunde programmiert. Das, was mit uns zusammen scheinbar ganz mühelos erschaffen wurde, will dem Kind allein überhaupt nicht gelingen. Bleibt dann auch noch das Lob aus, mit dem wir es motivieren wollten, kann das unter Umständen dazu führen, dass das Kind seine Bemühungen frustriert einstellt.

 

Das Kind beim Spiel nicht über- oder unterfordern

Um Kinder beim Spiel weder zu über- noch zu überfordern, sollten wir wissen, welchen Entwicklungsstand es in Bezug auf sein Spielverhalten gerade hat. Wenn wir es zu einem Spiel animieren wollen, das noch nicht seinem Entwicklungsstand entspricht, wird es wütend und schmeißt ggf. (je nach Temperament) die Spielsachen durch die Gegend. Wenn wir etwas spielen wollen, das das Kind unterfordert, wird es möglicherweise ebenfalls mit Missfallen reagieren. Am interessantesten sind immer die Spiele, die dem aktuellen Entwicklungsstand entsprechen. Da dieser sehr dynamisch ist, kann es sein, dass Kinder Spiele, die sie gestern noch mit Hingabe spielten, plötzlich vollkommen uninteressant finden.  Wenn wir Spielangebote machen möchten, erkennen wir an der Reaktion des Kindes meist ganz gut, wie gut das Spiel gerade passt. Ist das Kind interessiert und freudig, haben wir eine gute Wahl getroffen. Am sinnvollsten ist es, die Kinder einfach selbst wählen zu lassen, was wir mit ihnen spielen sollen.

Die Entwicklung des kindlichen Spiels

Die ersten Monate

In den ersten Lebensmonaten können Kinder ihre Lage aus eigener Kraft nicht verändern. Sie sind außerdem noch nicht in der Lage, Gegenstände zu halten, so dass sie fast ausschließlich durch ihre Mimik und Gestik mit anderen spielen können. Mütter spielen ganz instinktiv mit ihren Babys. Sie positionieren ihr Gesicht so, dass das Kind sie gut erkennen kann und arbeiten stark mit ihrer Mimik. In der Regel schauen sie das Kind mit dem Ausdruck eines freudigen Erstaunens an. Sie sprechen langsam in relativ hoher Tonlage, machen große Augen und wiederholen sich oft. Kinder reagieren auf diese Ansprache, indem sie zappeln und glucksen. Die Eltern nehmen diese Reaktionen auf und spiegeln sie, woran das Baby große Freude hat. Auch andere Personen können auf diese Weise schon Kontakt mit dem Baby aufnehmen. Allerdings fehlt ihnen das instinktive Kommunikationsverhalten der Mutter, so dass das Spiel meist von kürzerer Dauer ist.

Das Spiel ermüdet Kinder schnell, weil die Reize sie überfordern. Dass ein Kind genug vom Spiel hat und seine Ruhe braucht, erkennt man daran, dass es den Kopf abwendet und den Augenkontakt unterbricht. Meist schaut es dann auf einen unbestimmten Punkt im Raum und wirkt irgendwie abwesend. Dann sollten wir die Ansprache unterbrechen und warten, bis sich das Baby wieder uns zuwendet - meist ist es dann für eine weitere Spielrunde bereit. Diese ist aber oft deutlich kürzer, als die erste.

Relativ häufig überschätzen Eltern die Aufnahmefähigkeit ihrer Babys und überfordern sie unbeabsichtigt. Die meisten Babys sind nach ein paar Minuten intensiven Spiels schon erschöpft und wenden sich müde ab. Ist ein Kind unruhig, dann wird ein Spiel es in der Regel noch weiter überreizen - meist ist es am sinnvollsten, dann eher für Ruhe zu sorgen (am wohlsten fühlen sich Kinder dann eng am Körper getragen). Schreit das Baby abends sehr viel, sollte besonders darauf geachtet werden, dass es während des Tages viele Ruhephasen hat, ohne dass ständiger Kontakt gesucht wird.

Lieblingsspielzeug Hände - die Entwicklung des Greifens


Das liebste Spielobjekt (neben den Eltern) sind die Hände des Babys. Sie werden ausgiebig begutachtet und mit dem Mund erkundet. Die übliche Reihenfolge beim Spiel mit den Händen ist:
  • Hände in den Mund (etwa mit einem Monat)
  • Hände betrachten (mit zwei bis drei Monaten)
  • Hände betasten (mit drei bis vier Monaten)
  • beidhändiges Greifen (mit etwa sechs bis sieben Monaten)
Die Zeitangaben sind nur ungefähre Angaben - jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Die Reihenfolge ist jedoch bei fast allen Kindern gleich.
Etwa im vierten bis fünften Lebensmonat beginnen Babys dann, Gegenstände gezielt zu greifen. Anfangs greifen sie Gegenstände mit beiden Händen und beugen dabei alle Finger. Erst im zweiten Lebenshalbjahr können Kinder Dinge mit nur einer Hand greifen. Mit etwa acht bis neun Monaten werden mit dem Scherengriff nur die Basis von Zeigefinger und Daumen verwendet, um etwas in die Hand zu nehmen, um den zehnten Lebensmonat herum wird dieser Griff nach und nach zum Pinzettengriff verfeinert, bei dem nur noch die Daumen- und Fingerkuppen verwendet werden.
Das ist die Zeit der Rasseln und Greiflinge. Babys haben in der Regel viel Freude an Greiflingen - vor allem sehr farbenfrohe und solche mit abwechslungsreichen Oberflächen sind sehr beliebt. Obälle sind das Spielzeug, das Babys in der Regel als erstes relativ sicher greifen können. Es fällt ihnen jedoch sehr schwer, einmal ergriffene Gegenstände wieder loszulassen - diese Fähigkeit entwickelt sich üblicherweise erst am Anfang des zweiten Lebensjahres. Die Hände öffnen sich vorher nur dann, wenn das Kind einen anderen/weiteren Gegenstand greifen möchte. Einige Kinder versuchen, Gegenstände durch schütteln loszuwerden, wenn sie ihrer überdrüssig werden - daher sieht es manchmal so aus, als würden Kinder ihre Spielzeuge unkontrolliert durch die Gegend werfen, dabei versuchen sie einfach nur, sie irgendwie abzulegen.

Das kindliche Erkundungsverhalten


Das Greifen ermöglicht endlich das ausgiebige Erkunden von Gegenständen. In den ersten Monaten  besteht das Spielen hauptsächlich aus dem sogenannten "Funktionsspiel". Alle Gegenstände des Alltags werden ausgiebig untersucht - Temperatur, Festigkeit, Oberflächenbeschaffenheit, Material, Größe, Gewicht, usw. Auch hier ist die Reihenfolge bei allen Kindern gleich - zunächst benutzen sie dafür fast ausschließlich den Mund, später wird mit dem Gegenstand herumhantiert, erst im zweiten Lebensjahr wird vorrangig mit den Augen betrachtet. Aber auch dann wandern unbekannte Gegenstände oft noch gerne in den Mund. Mit etwa 18 Monaten "mundelt" dann kaum noch ein Kind.

Das manuelle Erkunden setzt mit ungefähr einem halben Jahr ein. Das Baby beginnt, Gegenstände gegeneinander oder auf Unterlagen zu schlagen, sie zu betasten, zu befühlen, sie hin und her zu schütteln und zu werfen. Was für Erwachsene wie reine Zerstörungswut aussieht, ist völlig normales kindliches Spiel - dabei sammelt das Kind Informationen über die Beschaffenheit der Gegenstände. Diese Phase endet ebenfalls mit etwa 18 Monaten und wird fast vollständig vom visuellen Erkunden abgelöst, das etwa im Alter von acht bis neun Monaten begonnen wird.

Zum Thema Spielzeug gibt es ein sehr interessantes Interview von Snowqueen zur Frage: Wieviel Spielzeug braucht ein Kind? Viele Eltern machen die Erfahrung, dass spezielles Babyspielzeug für ihre Kinder eher unattraktiv ist oder schnell uninteressant wird. Babys interessieren sich tatsächlich vorrangig für Alltagsgegenstände. Wann immer es möglich ist, sollte man ihnen solche zum Erkunden überlassen, wenn sie keine scharfen Ecken oder Kanten haben, unkaputtbar und groß genug sind, damit sie nicht vollständig in den Mund genommen werden können.

Das Erkennen von Zusammenhängen


Nach dem ersten Geburtstag erkennen Kinder zunehmend Zusammenhänge. Das Spielzeug bewegt sich, wenn ich an der Schnur ziehe. Wenn ich einen Knopf drücke, gibt es ein Geräusch. Kaum ein Kleinkind wird in dieser Phase nicht magisch von Wasserhähnen angezogen. Auch hier geht es nicht ums Grenzen testen, wenn Kinder immer und immer wieder an Lichtschaltern spielen oder ständig zum Waschbecken wollen. Sie folgen dabei einfach nur ihren natürlichen Interessen. Am schnellsten und vor allem konfliktärmsten geht diese Phase vorbei, wenn man sein Kind einfach gewähren lässt. Um den Wasserverbrauch im Rahmen zu halten, kann man die Intensität des Wasserstrahls vorgeben - die meisten Kinder sind diesbezüglich sehr kompromissbereit - vor allem, wenn sie es auch gelegentlich mal richtig doll sprudeln lassen dürfen. Am wenigsten Sauerei gibt es, wenn man Kinder in der Wanne am Hahn spielen lässt.

Stapeln, Reihen, Füllen, Leeren, Kategorisieren - die Erkundung des Raumes


Zu Beginn des zweiten Lebensjahres lieben es Kinder, Gefäße zu füllen und zu leeren, Gegenstände zu stapeln oder Dinge aneinander zu reihen. Sie erobern so nach und nach spielerisch den Raum.  In der ersten Hälfte des zweiten Lebensjahres spielen Kinder häufig Inhalt-Behälter-Spiele - sind also damit beschäftigt, Dinge in andere Dinge zu legen. Sie lernen dabei Größenverhältnisse oder Mengen einzuschätzen. Behältnisse werden unermüdlich mit Dingen befüllt und wieder ausgeleert. In dieser Phase lieben Kinder alle Gegenstände, in die man irgendetwas hinein tun kann - Büchsen, Kisten, Plastikflaschen. Sand und Wasser werden besonders gerne verwendet. Kinder beschränken sich dabei oft nicht auf ihr Spielzeug - sehr gerne werden auch CDs, DVDs, Bücher oder Schubladen ausgeräumt.


Das führt häufig zu Konflikten, weil Eltern dieses Verhalten gerne Unterbinden wollen. Sie haben das Gefühl, Kindern jetzt Grenzen aufzeigen zu müssen und daher bei unerwünschten Verhaltensweisen deutlich "Nein!" zu sagen und es durchzusetzen. Wichtig ist zu wissen, dass das Ausräumen quasi genetisch beim Kind programmiert ist - es KANN gar nicht anders, als ständig Dinge ein- und auszuräumen. Sinnvoll ist es daher, genügend Möglichkeiten anzubieten, damit das Kind seinem Ein- und Ausräuminteresse nachkommen kann. Ein ausrangierter Nachttisch, an dem allerlei Öffnungsmechanismen (Schubladen/Türen)ausprobiert werden können mit verschiedenen Öffnungen zum Hereinstecken und Herausholen ist das ideale Spielzeug in dem Alter. Außerdem eignen sich in dieser Phase Spielzeuge wie einfache Sortierformen, Schälchensätze oder Klopfkästen.

Mit etwa 1,5 Jahren entwickelt sich die Merkfähigkeit bei Kindern. Bis dahin gelten Gegenstände, die das Kind nicht sieht, als nicht vorhanden. Mit Entwicklung der sogenannten Objektpermanenz ergeben sich vielfältige Spielmöglichkeiten. Das Wissen, dass Dinge, die nicht sichtbar sind, dennoch weiter existieren, wird vertieft, in dem das Kind Dinge gezielt fallen lässt - z. B. vom Hochstuhl oder  vom Esstisch. Leider gehen viele Eltern davon aus, dass es den Kindern darum geht, Grenzen auszutesten, dabei erkunden sie nur, ob die so "verschwundenen" Gegenstände auch wieder verlässlich auftauchen. Sie beginnen außerdem, Sachen zu verstecken - in Schachteln, unter Decken, usw. Die meisten lieben es, wenn sich die Eltern hinter einem Tuch verstecken und dann unvermittelt wieder auftauchen.

Zur gleichen Zeit, also mit etwa 18 Monaten entwickeln Kinder dann das Gestaltungs- und Funktionsspiel. Kinder entwickeln zunächst eine Vorliebe fürs Stapeln - , aber auch alles andere wird gerne immer wieder gestapelt. Für diese Entwicklungsphase eignen sich zum Spielen am besten Bauklötze, Ringpyramiden, Scheibentürme und Stapelbecher, aber auch alles andere im Haushalt wird eifrig gestapelt.

Ab dem zweiten Geburtstag beginnen Kinder  es allmählich, Gegenstände aneinander zu bauen. Alles Greifbare wird aufgereiht, viele entwickeln nun eine große Vorliebe für Eisenbahnen. Sowohl das Aneinanderreihen der Waggons als auch der Gleise bereitet Kindern große Freude. Wirklich sehr robust und flexibel erweiterbar sind Holzeisenbahnen (z. B. von Brio, günstiger mit weniger Gestaltungsmöglichkeiten und Zubehör die Lillabo von Ikea), aber auch die elektrischen Eisenbahnen von Duplo sind für diese Altersklasse schon gut geeignet (irre teuer, aber quasi unkaputtbar und mit hohem Wiederverkaufswert).

Wenige Monate später (etwa mit 2,5 Jahren) bauen Kinder dann sowohl horizontal, als auch vertikal. Bspw. mit Duplosteinen oder Mega Bloks werden dann Tunnel oder Treppen gebaut - vorerst zweidimensional, das dreidimensionale Bauen beginnt dann etwa im Alter von drei bis vier Jahren.
Mit 1,5 bis zwei Jahren entdecken viele Kinder ihre Leidenschaft fürs Kategorisieren. Sie erkennen, dass es Eigenschaften gibt, die verschiedene Gegenstände gemeinsam haben. Das Spielzeug wird gerne entsprechend sortiert. Mit zwei Jahren können Kinder Farben und Formen zuordnen. Steckspiele oder Zuordnungsspiele werden oft ausdauernd bespielt.
Am Anfang des dritten Lebensjahres entwickeln sich die Fähigkeiten weiter, so dass Kinder auch mit komplexeren Sortierformen gerne spielen. Auch einfache Formenpuzzle sind sehr beliebt.
Mit zwei bis drei Jahren beginnen Kinder auch kreativ gestalterisch mit Knete oder Playmais tätig zu werden. Wenn sie keine Gelegenheit bekommen, zu modellieren, kann es jedoch sein, dass die kreative Gestaltungskraft recht schnell verkümmert.

Spielen durch Nachahmung


Ab dem zweiten Lebensjahr beginnen Kinder zunehmend zu beobachten und nachzuahmen. Sie haben großes Interesse an den Tätigkeiten der Erwachsenen und wollen am liebsten immer mit dabei sein. Sie freuen sich riesig, wenn sie mithelfen können - in der Regel gibt es immer einige Arbeitsschritte, bei denen sie uns helfen können. Sehr beliebt sind in dieser Zeit Miniaturversionen richtiger Haushaltsgeräte. Kinder beschäftigen sich teilweise stundenlang mit Nachbildungen von Küchen, Bügeleisen, Waschmaschinen, Wäschetrocknern, Staubsaugern, und Küchengeräten, wie Toastern, Mixern und Kaffeemaschinen. In unserem Artikel über Geschenkideen für zwei bis drei Jahre alte Kinder findet ihr Empfehlungen für Produkte, mit denen wir besonders gute Erfahrungen gemacht haben.


Das Nachahmen nimmt im Laufe des zweiten Lebensjahres zunehmend größeren Raum ein - das Kind imitiert Verhaltensweisen  und sogar den Tonfall der Eltern. Es werden zunehmend erlebte Situationen nachgespielt. Kinder beobachten auch das Spiel anderer Kinder und ahmen dieses später im eigenen Spiel nach. Miteinander in Kontakt treten Kinder erst sehr viel später - es kann gut sein, dass drei Zweijährige seelenruhig im Buddelkasten auf dem Spielplatz sitzen und völlig vertieft spielen, ohne voneinander groß Notiz zu nehmen.
Bei der Nachahmung gibt es einen bestimmten Entwicklungsablauf, den alle Kinder gleich durchlaufen. Zunächst gebraucht das Kind Gegenstände im funktionellen Spiel. Es nimmt z. B. eine Bürste und kämmt sich allein die Haare. Sehr beliebt sind Nachbildungen von Haushaltsgegenständen (z. B. Bügelbretter, Staubsauger, Kaffeemaschinen) aber auch einfache Haushaltsgegenstände, wie Löffel, Becher oder Geschirr.

Zwischen 12 und 18 Monaten entwickelt sich zunächst eine innere Vorstellung von Tätigkeiten - d. h., dass es versteht, dass es die Handlung nicht nur an sich selbst, sondern auch an anderen vorgenommen werden kann. Im sogenannten repräsentativen Spiel werden dann auch Puppen oder Kuscheltiere gekämmt. Das repräsentative Spiel entwickelt sich weiter, indem das Kind sich vorstellt, dass jemand anderes Handlungen an sich selbst vornimmt - es legt der Puppe einen Kamm in die Hand und spielt, dass diese sich selbst kämmt.

Mit 21 bis 24 Monaten beginnen Kinder mit dem sequentiellen Spiel. Sie spielen komplette Handlungsabläufe nach. So wird bspw. erst die Puppe gewaschen, dann gekämmt und anschließend die Zähne der Puppe geputzt. Wenn Kinder in der Entwicklungsphase des sequentiellen Spiels sind, dann sind als Spielzeug bspw. Puppenstuben, Ställe oder Küchen.

Eine weitere Form des Spiels zu diese Zeit ist das symbolische Spiel. Dabei nimmt das Kind Gegenstände und verleiht ihnen eine andere Bedeutung. Es nimmt z. B. einen Schuhkarton und verwendet es als Boot für seine Puppe. Sehr gerne werden Gegenstände aus der freien Natur zu Haushaltsgegenständen umfunktioniert - viele Kinder werden zu Sammlern und können sich ausdauernd mit Steinen, Stöcken, Schneckenhäusern usw. beschäftigen. Diese Spielform entwickelt sich zwischen dem dritten und dem fünften Lebensjahr dann zum Rollenspiel.
Auch das soziale Spiel ist weiter wichtiger Bestandteil des kindlichen Spielverhaltens. Besonders interessant für die Kinder sind Spiele mit "geben" und "nehmen" - Bälle hin und her rollen, etwas irgendwo einfüllen und die Eltern holen es wieder heraus. Das Kind erforscht damit, ob der Spielpartner seine Erwartungen erfüllt.

Eine ebenfalls sehr wichtige Rolle im zweiten Jahr spielen Wasser, Sand und Erde. Kinder lieben es, die Elemente hautnah zu erleben, sie tollen stundenlang im Wasser umher, lieben es meist, ausgiebig zu baden. Das Spiel in der freien Natur, in Wäldern, auf Feldern oder an Bächen und Flüssen sorgt am besten für den wichtigen Flow beim Spielen.


Während Kinder neue motorische Fähigkeiten erwerben, spielen sie übrigens auffällig weniger. Sie sind so konzentriert dabei, Krabbeln oder Laufen zu lernen, dass das fast ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

© Danielle

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