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Warum man Kinder nicht dazu anhalten muss, sich zu entschuldigen



"Entschuldige Dich gefälligst!"


Auf Spielplätzen, in Spielgruppen und in der Kita erlebt man häufig, wie kleine Kinder, die anderen weh getan haben, von Erwachsenen nachdrücklich aufgefordert werden, sich zu entschuldigen. Dieser Aufforderung kommen die Kinder in aller Regel recht schnell nach, weil sie gelernt haben, dass es keinen Sinn hat, sich zu sträuben, da sie erst dann wieder weiter spielen dürfen, wenn sie ich endlich entschuldigt haben. Sie lernen früh: Fordert ein Erwachsener eine Entschuldigung, wird er nicht eher Ruhe geben - ja vielleicht sogar Strafen verhängen - bis das Kind endlich tut, was verlangt wird. Diesbezüglich besteht offenbar absolut kein Verhandlungsspielraum.


Man kann in solchen Situationen oft beobachten, wie das Opfer der Handgreiflichkeit schüchtern da steht, weil es versteht, dass es jetzt so lange warten muss, bis der Entschuldigungsakt vollzogen ist. Dabei scheint es sich selten wirklich wohl zu fühlen und eigentlich viel lieber wieder spielen zu wollen. Der Täter ist - je nachdem, wie klar ihm sein Vergehen ist ebenfalls unangenehm berührt, manchmal scheint er sich auch gar keiner Schuld bewusst zu sein. Vor allem kleineren Kinder wirken zudem meist so, als täte es ihnen nicht mal wirklich leid. Dennoch tut der Übeltäter, was von ihm erwartet wird: er lächelt gequält und murmelt leise "Entschuldigung" während er dem anderen Kind die Hand reicht oder es kurz drückt. Nach dieser Zeremonie ziehen Täter und Opfer dann von dannen - um sich zehn Minuten später erneut in den Haaren zu liegen.

Warum Erwachsene so vehement Entschuldigungen einfordern


Sich zu entschuldigen ist für viele Erwachsene ein elementarer Bestandteil von "Höflichkeit". Höflich ist (nach allgemeiner Definition), wer seine Mitmenschen durch unangenehme Verhaltenweisen nicht stört. Da Babys als sabbernde, rülpsende, furzende und überaus laute und egozentrische Wesen zur Welt kommen, haben viele Eltern das Gefühl, dass sie ihren Kindern unbedingt schnellstmöglich gesellschaftsadäquates Verhalten beibringen müssten, weil dieser Zustand für ältere Kinder schnell inakzeptabel wird. Sie haben zudem grundsätzlich eine tiefe Sehnsucht danach, dass ihre Kinder zu glücklichen Menschen heranwachsen, die ein erfülltes Leben haben. Naturgemäß bewegen sich Menschen, die höflich, nett und zuvorkommend sind und auch sonst mit den gesellschaftlichen Regeln und Konventionen vertraut sind, sicherer durchs Leben und knüpfen und pflegen leichter soziale Kontakte, als diejenigen, die unhöflich, muffelig und an anderen desinteressiert sind.

Das Erfordernis, sich zu entschuldigen, ist ebenso tief in der gesellschaftlichen Erwartungshaltung verankert, wie "bitte" oder "danke" zu sagen, freundlich zu grüßen und andere aussprechen lassen. Wer diese eigentlich einfachen Konventionen nicht einhält, ist recht schnell als unfreundlich verschrien. Daher ist das elterliche Bedürfnis, dass ihre Kinder nicht zu den rempelnden, meckernden und unhöflichen Zeitgenossen werden, auf die sie im Alltag immer wieder treffen, gut nachvollziehbar. Schließlich fällt ein kindliches Versagen in den Höflichkeitsdisziplinen auch immer unmittelbar auf ihr eigenes erzieherisches Ansehen zurück. Gerade in Beug auf die Höflichkeit fühlt sich auch das Umfeld berufen, kräftig mitzuerziehen - "Na? Wie heißt das Zauberwort?" lässt Eltern erst erblassen, dann erröten. Niemand will das Gefühl haben, von anderen als Versager bei der Erziehung abgestempelt zu werden.

Wenn Eltern also ihre Kinder auffordern, sich zu entschuldigen, dann tun sie das aus gutem Motiv und weil sie denken, dass sie ihren Kindern "gutes Benehmen" beibringen müssen. Nach der zwanzigsten oder fünzigsten Aufforderung wird ein Kind auch durchaus begreifen, was genau von ihm erwartet wird. Die Entschuldigung, die das Kind dann hervorbringt, wird den gesellschaftlichen Ansprüchen genügen - sie hat jedoch einen gravierenden emotionalen Mangel: sie ist oft rein extrinsisch motiviert. Das Kind entschuldigt sich bis zu einem gewissen Alter nur deshalb, weil es weiß, dass ein anderer das so erwartet. Extrinsisch motivierte Entschuldigungen sind halbherzig und wirken lieblos, das Kind empfindet dabei  keinerlei ehrliche Reue und sprudelt ein erwartetes Höflichkeitsprogramm ab.

Kinder dazu anzuhalten, sich zu entschuldigen, führt dazu, dass der eigentliche Sinn der Entschuldigung - das aufrichtige Zeigen von Bedauern mit dem Wunsch, dass der andere einem verzeihe - zu einer rein automatisierten Maßnahme verkommt, die nichts als eine leere Floskel ist. Wenn es dem Kind nämlich wirklich leid täte, hätte es sich ja ganz von sich aus, also intrinsisch motiviert, entschuldigt.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist außerdem der vorverurteilende Charakter einer abverlangten Entschuldigung. Oft beurteilen wir eine Situation vorschnell, obwohl wir nur einen Teil beobachtet haben. Unser Bedürfnis, die Missetat des Kindes schnellstmöglich mit einer Entschuldigung wieder gut machen zu wollen, führt dazu, dass das Kind kaum eine Chance hat, sich zu erklären. Vielleicht hat Kathi Ben an den Haaren gezogen, bevor er sie geschubst hat? Nicht, dass das Bens Verhalten legitimieren würde - natürlich ist es falsch, andere zu schubsen. Wenn wir aber sofort nach einer Entschuldigung verlangen, fühlt Ben sich verurteilt und hat keine Chance, seine Sicht der Dinge darzulegen - denn aus seiner Sicht hätte er mindestens ebenso eine Entschuldigung verdient, wie Kathi. Außerdem nehmen wir durch unser (manchmal sehr) übereifriges Eingreifen den Kindern die Chance, ihre Angelegenheit vielleicht selbst zu regeln.  

Warum kleine Kinder sich noch nicht aufrichtig entschuldigen können


Um sich aufrichtig entschuldigen zu können, muss ein Kind erst bestimmte kognitive und emotionale Fähigkeiten emtwickeln. Um wirklich Empathie zu empfinden, ist es unabdingbar, den emotionalen Zustand eines anderen Menschen zuverlässig bestimmen zu können. Ein Kind muss also in der Lage sein, Körper- und Gesichtsausdrücke bei anderen zu erkennen, diese zu entschlüsseln und einem Gefühl zuzuordnen. Emotionale Zeichen wie Tränen für Traurigkeit oder zusammengezogene Augenbrauen für Wut helfen bei der Entschlüsselung. Unsere Kinder werden mit diesem Wissen nicht geboren – sie erlernen es erst nach und nach durch Beobachtung und Erklärungen. 

Eine weitere Voraussetzung für eine ehrliche Entschuldigung ist außerdem, dass das Kind den Blickwinkel eines anderen Menschen einnehmen, also einen Perspektivenwechsel vornehmen kann. Das bedeutet, dass es kognitiv fähig sein muss, zu erkennen, dass alle Menschen über verschiedene Wissensstände verfügen. Das, was uns vollkommen selbstverständlich erscheint, ist es für Kinder jedoch noch lange nicht! Kinder betrachten sich ab der Geburt zunächst einmal als das Zentrum der Welt. Nach ihrer Vorstellung denken und fühlen alle anderen Menschen exakt wie sie selbst – ihnen kommt überhaupt nicht in den Sinn, dass dem nicht so sein könnte. So schließen sie etwa bis zum Anfang des dritten Lebensjahres aus der Tatsache, dass sie sich nach einer Auseinandersetzung selbst gut fühlen und ihnen nichts weh tut, dass das beim anderen auch so sein müsse. Ihnen kommt überhaupt nicht in den Sinn, dass es dem anderen nicht gut geht oder ihm etwas weh tun könnte

Die verwirrte Ungläubigkeit, die bspw. Einjährige zeigen, wenn man eine Entschuldigung von ihnen einfordert, ist also keineswegs gespielt. Sie verstehen wirklich nicht, warum sie sich entschuldigen sollten. Erst im Alter von etwa 2 Jahren bekommen Kinder ein Grundgefühl dafür, dass andere Menschen eigene, von ihnen unabhängige Gedanken, Wünsche und Empfindungen haben. Und erst im Alter zwischen drei und fünf Jahren gelingt es Kindern zunehmend, die Sichtweise anderer Kinder einnehmen zu können. 

Um zu realisieren, dass es etwas Falsches gemacht hat, muss das Kind außerdem in der Lage sein, sich in den anderen hineinzuversetzen und dessen Empfindungen nachzuvollziehen. Dafür muss es diese Gefühle jedoch schon einmal selbst erlebt haben. Ein Baby findet nur deshalb Gefallen daran, Mama an den Haaren zu ziehen oder Papa in den Arm zu beißen, weil es nicht weiß, dass dieses Verhalten unangenehme Schmerzen auslöst. Es sieht lediglich, dass auf seine Aktionen sehr impulsive und damit für das Kind damit sehr interessante und unterhaltsame Reaktionen folgen. Erst nach und nach lernen Kinder, die Reaktion "Au! Das tut weh!" damit zu verknüpfen, dass man dabei Schmerzen empfindet. Das gelingt ihnen deshalb, weil Mama und Papa oft ganz instinktiv "Au!" rufen und  "Hast Du Dir weh getan?" fragen, wenn sich das Kind verletzt. Wer also nie ein Auto weg genommen bekam, wer noch nie aus einer Gruppe ausgeschlossen wurde oder von einer Rutsche geschubst wurde, weiß gar nicht, wie sich das anfühlt. Kinder müssen erst recht mühevoll lernen, welche Reaktionen durch welches Verhalten ausgelöst werden können. 

Erst mit etwa 4 Jahren ist ein Kind in der Lage, sich ausreichend in andere einzufühlen. An dieser Stelle wird vielleicht klar, warum es nicht zielführend ist, von einem Kind, das jünger ist, zu verlangen, dass es sich entschuldigt. Solange es die Perspektive des anderen noch nicht einnehmen kann und daher nicht versteht, dass es ihm Schaden zugefügt hat, bleibt eine erzwungene Entschuldigung immer nur eine hohle Phrase ohne echte Reue und damit ohne jeden Wert für den Geschädigten. Denn erst, wenn Kinder vestehen, dass das, was sie (möglicherweise auch unabsichtlich) getan haben, einem anderen unangenehme Gefühle bereitet, sind sie in der Lage, echtes Bedauern zu empfinden. 

Doch selbst wenn sie dazu schon fähig sind, tun sie sich manchmal noch schwer damit. Wer ältere Kinder hat, der hat sicher schon erlebt, wie ein Kind erst längere Zeit nach einem Vorfall zerknirscht - aber dann offenkundig ernst gemeint - um Entschuldigung bat. Da Kinder noch sehr impulsiv sind und über wenig Selbstbeherrschung verfügen, benötigt es einige Zeit, bis sie die Situation verarbeitet haben. Der Vorgang ist ja auch außerordentlich komplex! Kinder müssen zunächst die Gefühle des anderen erkennen, sie einordnen, verstehen, dass sie dafür verantwortlich sind, möglicherweise herausfinden, welches Verhalten genau den Kummer des anderen verursachte, sich überlegen, wie sie zukünftig anders handeln könnten, die eigenen Emotionen bändigen, sich fragen, ob eine Entschuldigung angebracht wäre, wenn ja in welcher Form... 

Wenn wir als Erwachsene jedoch immer prompt eine umgehende Entschuldigung einfordern, behindern wir diesen Erkenntnis. Wird das Ergebnis der Überlegungen schon von uns vorweggenommen, sieht das Kind möglicherweise irgendwann keine Notwendigkeit mehr, sich all diese Gedanken zu machen und die Gefühle des anderen wahrzunehmen und zu bewerten. Es speichert für sich ab, dass Konfliktsituationen einfach nach Schema F wieder gutgemacht werden können, indem man einfach mechanisch "Entschuldigung sagt" - frei nach dem Motto "Schwamm drüber" ist der Vorfall dann vergessen.Das wirkt sich natürlich negativ auf ihre Einfühlsamkeit aus, da so der Eindruck entstehen kann, dass es sogar vollkommen in Ordnung ist, anderen weh zu tun oder sie zu ärgern - so lange man am Ende das erwartete Ritual abspult, sei das schon in Ordnung und am Ende alles wieder gut. 

Das heißt natürlich nicht, dass man vollkommen unbeteiligt daneben stehen soll, wenn das eigene Kind einem anderen weh tut! Es ist wichtig einzugreifen, wenn die körperliche Unversehrtheit anderer gefährdet ist oder sie sich offenkundig unwohl fühlen. Ebenso wichtig ist es, das Geschehene zu thematisieren und deutlich zu machen, dass das Verhalten unangemessen ist. Durch das verbalisieren der Gefühle anderer lernen Kinder, diese zu sortieren und einzuordnen. Sie brauchen jemanden, der ihnen sagt: "Schau, das Kind ist wütend! Es tritt mit dem Fuß auf und schreit, weil es sich von Deinem Verhalten geärgert fühlt". Das ist wesentlich sinnvoller, als eine Entschuldigung zu verlangen. Wenn man dem Kind erklärt: "Schau, Leni weint! Sie scheint ganz unglücklich darüber zu sein, dass Du ihr die Puppe weggenommen hast. Es macht sie ganz traurig, dass sie nicht mehr damit spielen kann. Sie wünscht sich sicher sehr, sie wiederzubekommen. Leni, Du möchtest gerne, deine Puppe wieder, nicht wahr? Es tut mir leid, dass du so traurig bist" und dem Kind dann geduldig Zeit lässt, das zu verarbeiten, werden sie sich in aller Regel darauf besinnen, zumindest die Puppe zurück zu geben. Dabei verliert das eigene Kind auch nicht sein Gesicht und fühlt sich durch die aufgebrachte Forderung, sich sofort zu entschuldigen - möglicherweise sogar mit einem Entreißen der Puppe verbunden - nicht erniedrigt. Wir können getrost davon ausgehen, dass es ja keine bösen Absichten hegte, sondern es ihm entwicklungstechnisch bedingt an Einfühlungsvermögen mangelte.  

Entschuldigen "lernen" durch Vorleben


Kinder haben von Natur aus den Wunsch, die Menschen in ihrer Umgebung  zu imitieren. Da diese bisher überlebt haben, scheint es evolutionsbiologisch sinnvoll, ebenso zu handeln. Dabei unterstützen die Spiegelneurone - das sind kleine Nervenzellen, die auch als Resonanzsystem des Gehirns bezeichnet werden. Die Neuronen erzeugen beim Betrachten von Vorgängen das selbe Aktivitätenmuster, wie bei der Durchführung der selben. Durch können wir uns in andere einfühlen und ihre Gefühle tatsächlich nachfühlen. Doch sie sind auch maßgeblich daran beteiligt, dass Kinder die Verhaltensweisen ihrer Bezugspersonen nachahmen. Durch die Spiegelneuronen sind schon kleine Babys in der Lage, ein elterliches Lächeln zu erwidern oder ein Gähnen nachzuahmen.



Wenn wir Eltern das Entschuldigen vorleben, dann übernehmen es unsere Kinder ganz automatisch, weil ihre Spiegelneuronen aktiv werden, wenn sie uns beobachten. Sie speichern dann die Handlungen der Erwachsenen im Gehirn als gesellschaftlich gewollte und demnach korrekte Handlungssequenz ab. Ganz unbewusst übernehmen Kinder also die Handlungen ihrer Bindungspersonen und werden später von ihren Spiegelneuronen quasi dazu „gebracht“, ebenso sozial zu handeln. Sie sammeln so also unbewusst durch Beobachtung aufgenommenes Wissen.

Daher ist es wichtig, wenn wir uns regelmäßig bei unseren Kindern (aufrichtig) entschuldigen - Gelegenheiten dafür gibt es im Alltag immer wieder. Wir können uns auch in Konfliktsituationen stellvertretend für unser Kind entschuldigen - natürlich, ohne unser Kind dabei bloßzustellen ("Oh, das tut mir leid! Ich sehe dass du ganz traurig bist!").

In Bezug auf das Entschuldigen kann man es also frei nach Karl Valentin halten: 

"Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach".

© Danielle

Hilfe, mein Kind will nicht essen! Tipps und Tricks für schlechte Esser

Jedes Kind is(s)t anders 


Es gibt drei Themenfelder, um die sich  unsere Sorgen vornehmlich in den ersten Lebensjahren unserer Kinder drehen: die kindliche Entwicklung, das Schlafen und das Essen. Meine Kinder sind beides absolute Schlechtschläfer - bezüglich des Essverhaltens hätten sie unterschiedlicher nicht sein können.

Meine Tochter ist vollkommen unkompliziert - das Stillen war nach ein paar kleineren Startschwierigkeiten unproblematisch, die Beikost wurde nach Plan eingeführt, sie aß dabei gern und gut und ziemlich genau die "vorgegebenen" Mengen. Ab dem Familientisch aß sie einfach alles mit. Sie mag und isst im Grunde fast alles und gerne auch gesund. Süßigkeiten bleiben auch mal wochenlang in irgendeiner Ecke liegen, ohne dass sie sie interessieren, dafür bestellt sie sich gerne Sushi. Vor ein paar Jahren habe ich mich ehrlich gesagt etwas gewundert, warum so viele Eltern so viel Gewese ums Essen machen - schließlich ist noch kein Kind vor dem gedeckten Tisch verhungert. Der Meinung bin ich zwar immer noch - aber das Unverständnis in Bezug auf die vermeintlich übertriebene elterliche Sorge ist mittlerweile verschwunden - denn mein Sohn kam. 

Wenn Stillbabys schlecht zunehmen 


Mit 4.370 g war er ein sehr, sehr properes Baby, das nach dem Erreichen seines Geburtsgewichtes innerhalb einer Woche 570 g zunahm - normal sind eigentlich 170 bis maximal 330 g. Da sorgte ich mich das erste Mal, zunächst darüber ob man ein Stillbaby wirklich nicht überfüttern könne. Als wir 10 Wochen später wegen einer Bronchitis beim Arzt waren, wurde er gewogen und hatte in dieser Zeit gerade mal insgesamt 950 g zugenommen - das waren plötzlich nur noch durchschnittlich 87 g pro Woche - das unbedenkliche Minimum bei Stillkindern wären mindestens 140 g. Die schlechte Gewichtszunahme machte mich etwas ratlos. Da er aber eigentlich recht zufrieden wirkte, nahm ich die langen Stillpausen nicht weiter ernst.

Als er dann 4 Monate alt war, trank er plötzlich so gut wie gar nichts mehr - die Windeln blieben teils über Nacht trocken und wir landeten im Krankenhaus, nachdem er pro Tag nur 400 ml Muttermilch trank und Trinkpausen von 14 Stunden hatte - dabei aber weiter zufrieden war. Da  erfuhr ich zum ersten Mal, wie schrecklich zermürbend es sein kann, wenn Kinder nichts zu sich nehmen wollen.

Diagnostiziert wurde damals rein gar nichts - zurückblickend vermute ich, dass mein Sohn unter einem  gastroösophagealen Reflux gelitten hat, bei dem die Milch immer wieder in die Speiseröhre zurück floss und diese dadurch dauerhaft schmerzhaft entzündet war. Die Babys strecken sich dann durch, trinken schlecht und schreien wütend die Brust an, weil sie Hunger haben, aber wissen, dass die Milch ihre Schmerzen auslöst. Normalerweise spucken Kinder, die darunter leiden, sehr viel - das fehlte bei uns.

Wenn Kinder Beikost verschmähen 


Nachdem mich in einem Internetforum eine Userin mit medizinischem Hintergrund auf die Idee brachte, dass es sich um einen stillen Reflux handeln könnte, habe ich, früher als geplant, Beikost eingeführt. Diese ist nicht so flüssig wie Muttermilch und bleibt besser im Magen, wodurch sich der Reflux bessert. Nur mochte mein Kind keinen Brei - er aß in den nächsten Monaten sehr zurückhaltend und wenn, dann aller-, allerhöchstens 80 g pro Mahlzeit. Stillen blieb die bevorzugte Form der Nahrungsaufnahme. Er nahm weiter sehr zögerlich zu, aber ich entspannte mich zunehmend, weil er zumindest irgendwann auf einer Perzentile blieb (allerdings war er von der 97er in den ersten Wochen auf die 25-er gerutscht). Mittlerweile ist er ein sehr hagerer 4-Jähriger, der immer noch katastrophal isst - was ich aber mittlerweile einfach akzeptiert habe.

Es ist mir wirklich, wirklich rätselhaft, wie ein Mensch überhaupt überleben kann, wenn er nur diese geringen Nahrungsmengen isst. Und nicht nur das - er überlebt nicht nur, er wächst ja auch noch. Es gibt Tage, da isst er morgens 3 Löffel Müsli, mittags zwei kleine Kartoffeln ohne alles und abends eine halbes Brot ohne Kruste mit Butter. Zwischendurch etwas Obst (zum Glück!) und sonst: nichts. Wenn man ihn ließe, würde er sich ausschließlich von Süßem ernähren - davon würde er tatsächlich nennenswerte Mengen verdrücken. Es ist ganz offensichtlich, dass er einfach nicht mehr braucht. Auch wenn er für mich subjektiv - und vor allem im Vergleich zur Schwester - viel zu wenig is(s)t - objektiv ist es eine offenbar für ihn völlig ausreichende Menge. Inzwischen habe ich gelesen, dass die Menge der aufgenommenen Nahrung je Kind tatsächlich sehr stark variieren kann - so essen manche 2-Jährigen etwa 550 g Nahrung am Tag, andere bis zu 1500 g - also die dreifache Menge!

Häufig sorgen sich Eltern, wenn ihre Kinder lange die Brust bevorzugen - mit etwa einem halben Jahr beginnen sie, sich zu fragen, ob das Kind denn genug Nährstoffe bekommt, wenn es so wenig Beikost isst. Diese Sorge ist vollkommen unbegründet - es gibt kein Lebensmittel, das ein Kind optimaler mit Vitaminen und Spurenelementen versorgt, als Muttermilch.

Kinder holen sich tatsächlich, was sie brauchen


Bei den Recherchen zum Artikel Beikost - Ab wann kann und ab wann soll man etwas anderes als (Mutter)Milch anbieten? habe ich ein interessantes Experiment gefunden, das ich hier noch mal beschreiben will.

Vor 80 Jahren hat Dr. Clara Davis fünfzehn gestillten Waisenkindern im Alter von sechs bis elf Monaten täglich ein Sortiment aus 34 verschiedenen, mundgerecht zubereiteten Speisen  serviert. Sie ließ die Kinder ihre Mahlzeiten komplett selbst zusammenstellen. Alle angebotenen Lebensmittel waren ungezuckert und ungesalzen, Gemüse wurde gedämpft und es gab keine verarbeiteten Produkte (wie Butter, Wurst oder Brot). Zu jeder Mahlzeit wurde eine Auswahl von 10 Komponenten bereitgestellt - u. a. Äpfel, Ananas, gekochter Weizen, Hafer, Roggen, Mais, Tomaten, Kartoffeln, Hirn, Knochenmark, Nierchen, gehäckselter Fisch, Eier, Wasser, Orangensaft, Milch usw. Die Kinder zeigten auf die gewünschten Lebensmittel und bekamen diese dann gereicht.

Das Experiment wurde bis zu 6 Jahre lang pro Kind durchgeführt und ergab unter anderem folgende Ergebnisse:
  • Die Vorlieben der Kinder waren sehr unterschiedlich - es wurde jedoch durchschnittlich von allen die ungefähr ein gleicher Anteil an Kohlenhydraten, Fett und Eiweiß verzehrt.
  • Die ausgesuchte Nahrung wurde teilweise sehr ungewöhnlich kombiniert (ein Kind frühstückte in der Regel 500 ml Orangensaft und ein Stück Leber)
  • Es gab zyklische Vorlieben - oft wurde tagelang nur ein bestimmtes Lebensmittel (bspw. erst ein paar Tage lang Bananen, dann nur Hackfleisch) gegessen.
  • Die verzehrten Mengen während der Mahlzeiten waren sehr unterschiedlich.
  • Grundsätzlich bevorzugt wurde Obst - Getreide und Gemüse waren weniger beliebt. Kaum ein Kind aß Kopfsalat, Spinat oder Kohl.
  • Fast alle Kinder probierten im Laufe der Zeit alle Lebensmittel. Es gab nur zwei Kinder die nie Salat probierten und eines, das niemals Spinat kostete.
  • Kein Kind litt jemals wegen des Essens unter Durchfall, Erbrechen oder Verstopfung.
  • Alle Kinder nahmen in etwa die für die Altersstufe empfohlene Kalorienmenge auf.
  • Bei Infektionen änderten die Kinder ihr Essverhalten - es wurden überdurchschnittlich viel Karotten, Rind und Rüben gegessen.
  • Ein Kind litt unter Rachitis. Ihm wurde zusätzlich Lebertran angeboten, welchen es auch zu sich nahm - bis die Rachitis ausgeheilt war. Danach hat es ihn nie wieder angerührt.

Das Erstaunliche dabei war: Ausnahmslos alle Kinder gediehen gut, waren gesund (alle Blutwerte lagen im Normbereich) und es traten keine Mangelerscheinungen auf. Kein Kind war dick, keines dünn. Ärzte bescheinigten den Kindern einen überdurchschnittlich guten Gesundheitszustand. Dieses Experiment hat gezeigt, dass Kinder offenbar ganz instinktiv und intuitiv wissen, was ihnen gut tut und wie viel sie wann wovon benötigen. Kinder sind also eigentlich von Natur aus "programmiert", genau so viel zu essen, wie sie gerade brauchen. Wenn wir eine sinnvolle Essensauswahl anbieten, werden Kinder ihrer Natur folgen und sich ganz automatisch mit dem versorgen, was sie benötigen. Das, was wir mit dem Stillen nach Bedarf angefangen haben, sollten wir also bei der Beikost fortführen.

Das funktioniert natürlich nur dann wirklich perfekt, wenn naturbelassene, zusatzstofffreie Mahlzeiten angeboten werden. Hätten die Kinder im Experiment industrielle Süßigkeiten bekommen, hätten sie vermutlich bevorzugt darauf zurück gegriffen, da der kindliche Organismus eigentlich darauf geprägt ist, Süßes zu bevorzugen. Die Natur hat jedoch nicht vorausgesehen, dass es irgendwann nährstoffarme, stark verarbeitete Nahrungsmittel geben würde, die besser nicht in größeren Mengen verzehrt werden sollten.

Auch wenn sich Kinder sehr einseitig ernähren, führt das normalerweise nicht zu Mangelerscheinungen. Wochenlang nur Nudeln? Oder Marmeladentoast? Kein Problem - Kinder holen sich über kurz oder lang, was sie brauchen. Das ergab auch eine Langzeitstudie der Universität Stanford, die mäklige Kinder über Jahre hinweg begleitetete - es wurde kein signifikanter gesundheitlicher Unterschied zwischen Gutessern und Mäklern festgestellt. Das Essverhalten scheint zu einem großen Teil Charaktersache zu sein.

Warum mag mein Kind plötzlich kein Gemüse mehr? 


Ich hatte schon erwähnt, dass Kinder evolutionsbiologisch bedingt Lust auf Süßes haben. Die Prägung erfolgt durch die süße Muttermilch. Süß waren früher ausschließlich reife Früchte - diese waren eine besonders wertvolle Nahrung mit einem hohen Vitamingehalt und hoher Energiedichte. Da die Früchte nur begrenzte Zeit zur Verfügung standen und sehr gesund waren, war es sinnvoll, möglichst viel davon zu essen, also grundsätzlich Süßes zu bevorzugen. Außerdem gibt es nichts in der Natur, das süß schmeckt und giftig ist - süß und auch fettig sind also quasi "Sicherheitsgeschmäcker", denen unsere Kinder in der Regel den Vorzug geben. Bitteres und Saures hingegen signalisiert: "Diese Nahrung ist potentiell giftig". Das geht übrigens allen Pflanzenfressern so - auch Affen, Schnecken und Ratten essen am liebsten süß.

Bei der Beikosteinführung sind Kinder noch sehr experimentierfreudig und essen erst einmal recht unmäkelig, was ihnen angeboten wird. Das liegt vermutlich daran, dass festes Essen in der Regel eingeführt wird, während sich die Kinder noch dauerhaft im Sicherheitsbereich der Eltern befinden. Die meisten sind noch relativ immobil und die Eltern stellen sicher, dass nur ungiftige Nahrung in die Reichweite der Kinder kommt. Nach dem ersten Geburtstag ändert sich das zunehmend - die Kinder entdecken ihre Umwelt, entfernen sich zunehmend von den Eltern und stecken so ziemlich alles in den Mund. Sie werden dabei nicht mehr zu nahezu 100% überwacht. Es muss also nun sichergestellt werden, dass sie keine gefährlichen Dinge verzehren.

Um die Kinder zu schützen muss also ein Mechanismus wirken, der sie davor bewahrt, Giftiges zu sich zu nehmen. Das geschieht dann häufig dadurch, dass der Speiseplan stark eingeschränkt wird. Vor allem die Lust auf neue, bisher unbekannte Nahrungsmittel nimmt stark ab - alles, was bis zu diesem Punkt bekannt ist, wird meist noch gern gegessen, alles andere frei nach dem Motto "Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht" abgelehnt. Daher ist es sinnvoll, im ersten Lebensjahr möglichst viele verschiedene Nahrungsmittel anzubieten und sich nicht an die "strengen" Vorgaben für die Beikost zu halten und wochenlang das selbe Gemüse anzubieten. Dass Kinder bitteres Gemüse nicht mögen ist also vollkommen normal. Das dauert ungefähr bis zum Alter von etwa 4,5 Jahren - danach werden sie wieder aufgeschlossener anderen Geschmäckern gegenüber. 

Kinder brauchen oft weniger Nahrung, als wir annehmen


Schon bei winzigen Säuglingen, die mit der Flasche gefüttert werden, kann man beobachten, dass Mütter die Kinder immer wieder animieren, mehr zu trinken. Da wird der Sauger gerüttelt, gut zugeredet, noch mal angesetzt. Das ist vor allem dadurch bedingt, dass die Mütter eine recht genaue Vorstellung davon haben, welche Mengen ihr Kind trinken sollte. Sei es durch die Packungsbeschriftung, den Vergleich mit anderen Kindern, die Ratschläge Dritter oder einfach nur auf Basis der bisherigen Trinkmengen. Und sie sehen durch die Flaschenfütterung sehr genau, wie viel Milch noch übrig ist. Daher neigen Flaschenmütter dazu, die Kinder dazu zu bewegen, die Flasche auszutrinken. Flaschenkinder haben allein deshalb vermutlich ein erhöhtes Risiko, später übergewichtig zu werden.

Bei Stillkindern weiß man nie, wie viel sie überhaupt trinken - ob nun 50 oder 200 ml getrunken wurden, erfährt man nur, wenn man die Kinder vor und nach dem Trinken wiegt. Als wir im Krankenhaus waren, musste ich solche Stillproben machen und war entsetzt, dass mein Kind immer nur 70 bis 90 ml Milch trank - in einem Alter, in dem Flaschenkinder eigentlich bis zu 240 ml pro Flasche locker wegtrinken. Ein paar Monate später erst ging mir auf: er braucht einfach nicht mehr. Selbst den Brei aß er ja nur in 80-g-Portionen, das schien für ihn genau die richtige Menge pro Mahlzeit zu sein.

Ich hatte den Fehler gemacht und ihn verglichen. Vor allem mit meiner großen Tochter, die mittags locker 190 g GKF-Brei und 100 g Obstbrei vertilgte. Oder mit den Kindern aus der Krabbelgruppe, die ebenso viel genussvoll verschlangen. So dachte ich immer wieder, dass er zu wenig bekommt - obwohl er eigentlich immer gut gelaunt und selten nörgelig war. Allein das hätte mir zeigen müssen, dass meine Sorgen unbegründet waren. Es gibt offenbar einfach gute und schlechte Kostverwerter. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Eltern überschätzen häufig die Mengen, die ein Kind wirklich benötigt. Manchmal hilft es, ein Ernährungsprotokoll zu schreiben - so mancher hat sich schon gewundert, was sein vermeintlich schlecht essendes Kind so zwischendurch verdrückt!

Ein Kind im Alter zwischen einem und vier Jahren benötigt pro Tag etwa 90 bis 100 kcal pro kg Körpergewicht - das sind 1.000 bis 1.400 kcal. Ein Gummibärchen hat etwa 8 kcal - mit einer Handvoll hat man schon bis zu 10 % des Tagesbedarfes gedeckt. Ein Glas (200 ml) Milch mit 3,5 % Fett hat allein 128 kcal, auch Apfelsaft hat 100 kcal pro Glas. Eine Milchschnitte schlägt mit 116 kcal zu Buche, ein Apfel mit etwa 85 kcal.

Ein gutes Mittel für die Einschätzung, ob das Kind wirklich "zu wenig" isst, sind die Wachstumskurven. So lange ein Kind sich entlang seiner Perzentile entwickelt, besteht kein Grund zur Besorgnis. Selbst wenn ein Kind durch die Kurven wandert, kann auch das unbedenklich sein. Es empfiehlt sich in diesem Falle jedoch ein Besuch beim Kinderarzt. 

Essen als "Machtkampf"


Die meisten Kinder sind täglich einer Vielzahl an Forderungen, Bitten und Drohungen ausgesetzt. Damit sie tun, was man ihnen sagt, greift man häufig zu Erpressung oder droht mit Konsequenzen. Wir haben an anderer Stelle sehr ausführlich darüber geschrieben, warum diese Erziehungsmittel häufig zu Konflikten führen. Die Erziehung mit Drohungen und Konsequenzen funktioniert zwar vorübergehend - die Frustration der Kinder über ihre Macht- und Hilflosigkeit staut sich jedoch mehr und mehr auf.

Um diese negativen Gefühle zu verarbeiten, nutzen Kinder verschiedene Möglichkeiten. Zum einen zeigen sie irgendwann unangemessenes Verhalten oder Aggressivität. Da häufig ein längerer Zeitraum zwischen den negativen Emotionen und ihrer Entladung besteht, scheinen die Ausbrüche recht willkürlich zu sein, so dass es den Eltern oft schwer fällt, den konkreten Grund für das Benehmen zu erkennen.

Die ständige Bevormundung kann jedoch auch zu einem stillen Machtkampf führen - dazu ist nichts besser geeignet, als das Schlafen oder das Essen - denn zu beidem kann sie niemand zwingen.  Vor allem Kinder, die ihre Autonomiebestrebungen nicht ausreichend ausleben können, tun dies dann verstärkt in Situationen, in denen keine Bestrafungen zu erwarten sind. Das Essen ist die beste Gelegenheit, um die zu unrecht empfundene Einschränkung der Selbstbestimmung zu durchbrechen - hier können sie endlich selber über ihren Körper entscheiden.

Kindern, die schlecht essen, wird recht schnell klar, dass Mutter und Vater sich unbehaglich fühlen, wenn sie die Nahrung verweigern. Der Wunsch, dass sich Kinder gesund und ausreichend ernähren sollen, ist so tief verwurzelt, dass wir unsere Sorge kaum verbergen können. Das ist auch vollkommen normal - das Versorgen mit Nahrung ist eine der elementarsten Aufgaben, wenn man Kinder großzieht. Jahrtausende lang war das auch ein durchaus schwierige Aufgabe - Nahrung war eigentlich immer knapp. Kühlschränke, Supermärkte und Flugmangos gibt es erst seit kurzer Zeit - während Neandertaler im Grunde den größten Teil ihrer täglichen Zeit Beeren suchten und Rehe erlegten, kostet es uns heute gerade mal ein paar Minuten und wenige Euro, die Bestandteile einer nahrhaften Mahlzeit zu besorgen.

Wie die Körperbehaarung auch, ist die Angst vor dem Verhungern noch als Relikt aus der Urzeit geblieben. Wir wissen rein rational, dass hierzulande niemand verhungern muss - aber unsere unterbewusste Angst können wir nicht abstellen. Daher werden Phasen, in denen kaum etwas gegessen wird oder wochenlang dasselbe, Eltern immer Sorgen bereiten - und unsere Kinder spüren das.

Viele von uns sind außerdem groß geworden mit "Iss auf, sonst gibt es schlechtes Wetter!" oder "Noch ein Löffelchen für Oma..." - unsere Eltern entstammen der Nachkriegsgeneration - ihre Eltern haben im Krieg gehungert und sind davon tief geprägt. Da ließ man kein Essen verkommen - da musste man essen, um zu überleben. Das haben sie unterbewusst an ihre Kinder weiter gegeben - unsere Eltern mussten in der Regel mehr essen, als sie benötigten. Unsere Elterngeneration ist stark übergewichtig -  im Rentenalter sind heute 7 von 10 Deutschen zu dick. Diese erlernten Verhaltensweisen haben sie auch an uns weiter gegeben - auch wir fühlen uns schnell unwohl, wenn das Kind (vermeintlich) zu wenig isst und animieren Kinder daher viel zu schnell, doch "noch einen Haps" zu essen.

Da Übergewicht mittlerweile ein viel größeres Problem in den Industrieländern geworden ist, als Mangelernährung, achten viele Eltern sehr genau darauf, dass das natürliche Sättigungsgefühl erhalten bleibt und fordern nicht mehr, dass der Tellerinhalt aufgegessen werden muss. Das führt zu einer inneren Zerrissenheit - wir wollen (evolutionsbiologisch bedingt), dass unsere Kinder genug Essen, aber eben auch nicht zu viel (weil sie sonst dick werden). Daher machen wir uns immer sehr viele Gedanken über das Essverhalten unserer Kinder.

Kinder merken, wie sensibel und emotional das Thema im Vergleich zu anderen ist. Die Verweigerung, Zähne zu putzen, wird bei 99,9 %  der Eltern keinen Erfolg haben - sie werden mit gut Zureden, Drohen, Erpressen und letztendlich sogar "Gewalt" durchsetzen, dass geputzt wird. Gleiches trifft auf das Windeln wechseln zu oder das Zerstören von Gegenständen - hier greifen Eltern absolut berechenbar ein. Beim Essen passiert das Gegenteil: Eltern bemühen sich in der Regel zunächst um Gelassenheit und reagieren deutlich weniger streng, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Das irritiert Kinder - denn wir sagen (wahrscheinlich): "Ach komm, iss doch noch ein kleines Stück!" oder (bei uns gerne vom Papa praktiziert) fragen mehr als einmal: "Bist du auch wirklich fertig?". Das machen wir vor allem dann, wenn die von uns prognostizierte und als angemessen eingeschätzte Essmenge unterschritten wird. Wir signalisieren damit deutlich unseren Wunsch, dass sie mehr essen sollen - setzen das aber letztendlich - anders als beim Zähneputzen - nicht durch.

Solche Situationen sind für Kinder interessant: Diejenigen, wo es absolut keinen Kompromiss gibt und solche, in denen unerwartet hohe Nachgiebigkeit zu erkennen ist. Denn das sind die Situationen, die sie "nutzen" können - immer dann, wenn sie gerne mehr Aufmerksamkeit hätten. Aufmerksamkeit ist eines der elementaren Bedürfnisse unserer Kinder, daher kämpfen sie auch häufig mit allen Mitteln darum. Schaffen sie es nicht, ein für sie befriedigendes Maß zu erhalten, greifen sie zu subtileren Mitteln. Das kann unangemessenes Benehmen sein, um negative Aufmerksamkeit zu erhalten (was in ihren Augen besser ist, als gar keine zu bekommen) oder aber Verweigerung. Wer schlecht isst, dem ist Aufmerksamkeit normalerweise gewiss ("Ja, warum isst du denn nicht? Schmeckt es dir nicht? Wirst du krank?") Je weniger das Kind isst, umso mehr Gedanken machen sich die Eltern und so wird es immer wieder thematisiert. Selbst wenn sie gar nichts sagen - ihre Anspannung und ihre unbewusste Überwachung der Essmengen werden dennoch registriert.

Wenig oder einseitig zu essen kann also eine Art stiller Protest sein, bei dem die Kinder es genießen, dass sie die vollständige Macht über sich und auch ein bisschen Macht über die Eltern haben. Häufig liest man den Ratschlag, das Verhalten komplett zu ignorieren, dann würde es sich schon von selbst geben, da das Kind erkennt, dass es nichts bewirkt. Das sehe ich etwas anders, da ein solcher Protest (wenn es denn einer ist) wahrgenommen werden sollte. Es ist richtig, dass es nicht sinnvoll ist, das Verhalten übermäßig zu thematisieren.  Dennoch sollten wir uns Gedanken machen, warum das Kind sich so verhält, also welche Ursachen es geben könnte. Das Kind hat ein Bedürfnis, das ihm nicht erfüllt wurde und bringt das mit seinem Verhalten zum Ausdruck. Sein Bedürfnis verschwindet nicht dadurch, dass ich es noch hartnäckiger und zielgerichteter ignoriere. 

Essensverweigerung wegen Nahrungsmittelunverträglichkeiten


Eine sehr einseitige Ernährung kann mit einer Nahrungsmittelintoleranz zusammenhängen. Etwa vier bis sechs Prozent der Kinder in Deutschland leiden unter einer solchen.  Sie sind nicht immer eindeutig erkennbar, so dass man u. U. jahrelang darunter leiden kann, ohne es zu wissen. Ich selbst habe auch jetzt erst festgestellt, dass ich ganz offenbar histaminintolerant bin. Kinder spüren oft instinktiv, was ihnen bekommt und was nicht, so dass sie unter Umständen ihren Speiseplan auf die Dinge begrenzen, die ihnen keine Beschwerden bereiten.

Anzeichen für eine Unverträglichkeiten ist, dass folgende Beschwerden immer wieder auftreten:
  • Bauchschmerzen,
  • Übelkeit,
  • Durchfall,
  • Blähungen,
  • Abgeschlagenheit
  • Ausschlag oder
  • Schwindel. 

Welche Unverträglichkeit vorliegen könnte, kann man am besten mit einer Ausschlussdiät oder einem Ernährungstagebuch eingrenzen. Die infrage kommende Produktgruppe wird mindestens eine Woche komplett gemieden. In diesem Zeitraum sollten keine Beschwerden auftreten. Wenn man es dann ganz genau wissen will, isst man danach zielgerichtet die vermiedene Nahrung - besteht eine Intoleranz, sollte es zu einer deutlichen Reaktion kommen.
Man kann auf folgende Inhaltsstoffe reagieren:

Laktose
in allen Kuhmilchprodukten, wie Joghurt, Butter, Käse, Quark, usw. enthalten

Fruktose
in allen Obstsorten - der Gehalt schwankt - hier ist eine Übersicht - reagiert wird auch auf Honig, Sauerkraut oder Früchtetee

Histamin
vor allem in konservierten Lebensmitteln, sehr reifem Käse, geräuchertem Fleisch, Fischprodukten und Meeresfrüchten, Bohnen und Hülsenfrüchte, in Sojaprodukten, Sauerkraut, Alkohol, Schokolade, Kakao, Hefe, schwarzem Tee, Tomaten, Ananas, Bananen, Erdbeeren, Orangen, Limetten usw. - eine umfassende Liste findest Du hier

Gluten
vor allem in Getreide wie Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Dinkel, usw. und Mehl aus diesem, aber auch in Käse, Fisch- und Fertigprodukten

Sorbit
Lebensmittel, die die Zusatzstoffe E420 (reines Sorbit) und E432, E433, E434, E435 und E436 enthalten, aber auch in Trockenfrüchten, Birnen, Kirschen, Pflaumen usw. - hier eine Übersicht

Saccharose
alles, in dem Haushaltszucker enthalten ist

Die Intoleranzen können zum Teil durch einen Atemtest, zum Teil durch Blutuntersuchungen festgestellt werden. Ein dauerhaft sehr einseitig essendes Kind sollte man einem Arzt vorstellen und darum bitten, etwaige Unverträglichkeiten zu untersuchen. IgG-Tests auf Antikörper (gerne von Heilpraktikern angeboten) sind bei Nahrungsallergien nicht sinnvoll. 

Wie erkenne ich einen Nährstoffmangel?


Es gibt ein paar Anzeichen, bei denen man mit Schlechtessern einen Arzt aufsuchen sollte, um einen Nährstoffstatus zu erheben, da sie Anzeichen für Mangelerscheinungen sein können:
  • anhaltende Blässe,
  • eingeschränkte Aktivität, wenig Energie, häufig Müdigkeit,
  • viel Schlaf,
  • hohe Infektanfälligkeit,
  • verzögerte Wundheilung,
  • häufige Zahnfleischentzündungen oder eingerissene Mundwinkel,
  • häufiges Kribbeln der Gliedmaßen,
  • Reizbarkeit,
  • brüchige Nägel und
  • brüchige Haare/Haarausfall.

Bei Verdacht auf einen Mangel, wird der Arzt Blut abnehmen und einen Vitamin- und Mineralstoffstatus erheben und ggf. erforderliche Präparate verschreiben
 

Tipps und Tricks im Umgang mit kleinen Mäklern 


Kein Zwang


Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, aber der Vollständigkeit halber erwähne ich es dennoch: Essen sollte immer freiwillig sein. Wir entscheiden, was wir unseren Kindern anbieten - unsere Kinder entscheiden, wie viel sie davon sie Essen. Nahrung sollte nie als Drohmittel oder Belohnung fungieren, da dies langfristig Essstörungen oder Übergewicht auslösen kann. 

Kleine Portionen


Gerade schlecht essende Kinder sind von großen Portionsgrößen schnell überfordert. Sie gehen davon aus, dass die Portion genau die Menge ist, die sie nach Meinung ihrer Eltern essen sollen. Viele Kinder werden schon vom Ansehen satt - daher sollten die Portionen lieber zu klein bemessen sein. Wenn das Kind noch nicht satt ist und es gut geschmeckt hat, wird es ganz sicher Nachschlag verlangen. 

Zwischenmahlzeiten


Zwischenmahlzeiten verderben den Appetit auf die Hauptmahlzeit. Wenn der Hunger zwischendurch zu groß wird, sollte Obst angeboten werden. Süßes sollte es grundsätzlich nach den Hauptmahlzeiten geben - ohne dass Bedingungen daran geknüpft werden ("Süßes gibt es nur, wenn du noch drei Löffel isst"). Hunger hat einen weiteren positiven Effekt: Er macht mutig - das Kind greift eher zu unbekanntem Essen. 

Das Auge isst mit 


Das gilt bei Kindern ganz besonders - manche haben da sehr spezielle Abneigungen. Wenn etwas schon nur irgendwie komisch aussieht, vergeht einigen der Appetit komplett. Andersherum animiert Kinder ein kreatives Anrichten oder Gestalten der Speisen durchaus, etwas zu probieren, was sie einfach auf dem Teller rumliegend möglicherweise verschmäht hätten. 

Obst und Brot- immer eine Alternative anbieten


Um das Essen nicht zum Machtkampf werden zu lassen, sollte immer eine gesunde Alternative angeboten werden, an der Kinder sich satt essen können, wenn sie partout nicht das möchten, was auf dem Tisch steht. Das kann ein (Vollkorn)-Brot mit Butter sein oder auch Obst. 

Trennung der Zutaten 


Einige Kinder mögen es überhaupt nicht, wenn Nahrungsmittel (ihrer Ansicht nach) "zusammengemantscht" sind. Das können sie so meist nicht konkret artikulieren, so dass es bei mäkligen Essern definitiv einen Versuch wert ist, die Bestandteile des Essens fein säuberlich zu trennen. Das schafft man am besten mit einem Menütablett - so kann sich das Kind selbst aussuchen, was womit gemischt wird oder was komplett liegen bleibt. Für manche Kinder ist tatsächlich eine komplette Mahlzeit konterminiert, nur weil eine Erbse mitten auf dem Teller lag. 

Gemüse in Suppen oder der Sauce verstecken


"Trockene Nudeln" sind bei komplizierten Essern sehr beliebt. Wenn man Glück hat, wird sogar Tomatensauce akzeptiert. Hier kann man ggf. unauffällig ein paar pürierte Stücken Gemüse unterbringen. Aber viele Kinder essen auch gerne Suppen - hier hat man ebenfalls die Chance, das ungeliebte Gemüse feingeraspelt oder püriert unterzubringen. 

Saft - ein guter Vitamin-Lieferant


Wenig oder schlecht essenden Kindern sollte (ruhig unverdünnter) Obst- und Gemüsesaft angeboten werden, da er viele Vitamine enthält. Die Qualität und die Verarbeitung schwankt stark. Man unterscheidet Direktsaft und Fruchtsaft aus Fruchtsaftkonzentraten. Ersterer stammt zu 100% von der Frucht, letzterer wird erst im Herkunftsland konzentriert und dann im Verkaufsland mit Wasser aufgefüllt. Fruchtnektare und Fruchtsaftgetränke enthalten weitere Zusätze - sind also nicht so hochwertig, aber günstiger. Am frischesten sind die Säfte direkt aus der Kühltruhe. Testsieger bei den Multivitaminsäften bei Stiftung Warentest war übrigens der „11 plus 11“-Saft von Rabenhorst. 

Den Essensplan mitgestalten lassen


Wenn Kinder die Möglichkeit haben, Essenspläne mitzugestalten, ist die Wahrscheinlichkeit (wenn leider auch nur geringfügig) höher, dass sie mehr Freude am Essen empfinden. Schon beim Einkaufen zu helfen, kann Kinder neugierig machen, Dinge auszuprobieren. Wenn Kinder an der Zubereitung beteiligt waren, steigt die Motivation, das fabrizierte Werk auch zu kosten. Wenn das nicht funktionieren sollte, sind Vorwürfe wenig zielführend ("Du durftest das Mittagessen extra aussuchen und jetzt isst du kaum was!").

Neues immer wieder anbieten


Neues nicht zu mögen, ist programmiert - nur sehr wenige Kinder sind in Bezug auf neue Lebensmittel experimentierfreudig. Untersuchungen haben ergeben, dass man neue Lebensmittel bis zu 18 (!) Mal anbieten muss, bis das Kind etwas davon kostet. Daher sollte man nicht aufgeben und einfach immer wieder neue Lebensmittel unkommentiert anbieten.

Kosten vereinbaren


Das klappt nicht bei jedem Kind, aber die meisten lassen sich zumindest darauf ein, dass alles wenigstens gekostet wird. Meinem Sohn z. B. habe ich erlaubt, dass er das gekostetete Lebensmittel sofort in einen speziellen Spuckbecher (ein Miniplastikdöschen) spucken darf, wenn es nicht schmeckt. Ein Getränk zum Nachspülen steht jederzeit bereit. Es macht ihm so viel Spaß "erlaubt" Essen auszuspucken, dass seine Motivation zu kosten sehr hoch ist. Wenn das Nahrungsmittel dann doch mal schmecken sollte, greift er dann beherzt zu.

Buchtipps


Wer zu diesem Thema noch näher nachlesen möchte, dem seien folgende Bücher ans Herz gelegt:


© Danielle 

Quellen