Wenn Kinder popeln - wie (un)gesund ist das?

Kind popeltWie den Trockennasenprimaten ist uns Menschen das Popeln quasi in die Wiege gelegt. Bei einer Umfrage gaben 91 % der Befragten zu, dass sie regelmäßig popeln würden. Dass nur 254 von 1.000 Teilnehmern die Frage überhaupt beantworteten, zeigt, dass dieses Thema ein großes gesellschaftliches Tabu ist. Als Eltern müssen wir uns jedoch früher oder später mit dem Thema auseinandersetzen, denn so gut wie jedes Kleinkind hat regelmäßig den Finger in der Nase.

Eine Theorie besagt, dass das Popeln ursächlich für unser überdurchschnittliches Gehirnwachstum sein könnte. Das Gehirn macht nur 2 % unseren Körpergewichtes aus, verbraucht aber 40 % des eingeatmeten Sauerstoffs. Durch ständiges Nasebohren sollen sich die Nasenlöcher geweitet haben, wodurch sich nach und nach die Sauerstoffversorgung verbesserte.

Während bei den Feuchtnasenaffen (wie auch bei den Schweinen und Katzen) eine von außen und innen stets feuchte Nase für Popelfreiheit sorgt, müssen sich die Angehörigen der Gattungen mit trockenen Außennasen  immer wieder eingetrocknete Sekretklumpen entfernen. Popeln gehört zu einer normalen Körperhygiene - während sich nahezu alle Erwachsenen vor den Ergebnissen dieser Aktivität ekeln, haben kleine Kinder selten scheu davor, die Ergebnisse ihres Nasebohrens ausgiebig zu untersuchen oder gar zu verspeisen. Selbiges hat sogar einen Namen: Mukophagie (muko = Schleim, phagein = essen).

Ist Popeln ungesund?


Beim Popeln kann es zu kleineren Verletzungen kommen, wenn die Fingernägel unsanft auf die Naseninnenwände treffen. Im schlimmsten Fall kommt es dadurch zu einer kleinen Blutung. Das erleichtert natürlich den Bakterien an den Händen der Kinder den Eintritt in den Blutkreislauf.

In der Nasenschleimhaut leben zahlreiche Keime - wer ständig seine Finger in der Nase hat, sorgt damit für eine sehr effektive Verbreitung von Krankheitserregern. Denn in den seltensten Fällen wäscht man sich nach dem Popeln die Hände. Beim nächsten Händedruck wechseln Viren und Bakterien munter den Besitzer - wenn dieser auch gerne mal popelt, bringt er sie umgehend in ein Klima, in dem sie sich sehr wohl fühlen und sich gerne vermehren.

Bei Popeln handelt es sich um getrocknetes Nasensekret. Dieses ist im feuchten Zustand dazu da, die Flimmerhärchen dabei zu unterstützen, die Atemluft von Staubpartikeln zu befreien. Dass Popelessen zumindest nicht gesundheitsschädlich ist, erklärt sich schon dadurch, dass das meiste Sekret über den Nasenrachenraum über die Speiseröhre direkt in den Magen fließt. Der kleine Teil, der - vor allem bei sehr trockener Luft - zu Popeln eintrocknet, kann zumindest nichts anderes ausrichten, als das Sekret, dass die Rachenrückwand seinen Weg dorthin fand.

Viele Eltern sorgen sich, dass das Kind beim Popeln (im Gehen) hinfallen und sich dabei den Finger in die Nase rammen könnte. Normalerweise verfügen wir jedoch über Schutzreflexe, die beim Fallen dafür sorgen, dass unsere Arme nach vorne schnellen und wir uns mit den Händen abfangen.

Häufiges Popeln kann dazu führen, dass die Schleimhaut mehr Sekret produziert und die Häufigkeit von Popeln damit erhöht. Es hat auch schon einen Fall gegeben, bei dem exessives Popeln zu einem Loch in der Nasenscheidewand geführt hat. Normalerweise ist Popeln jedoch gesundheitlich unbedenklich - vor allem, wenn das Immunsystem auf Trab ist.

Ist Popeln sogar gesund?


Dass quasi fast alle Kinder popeln und die meisten auch gerne mal einen verspeisen, brachte den Biochemiker Scott Napper von der kanasische Universität Saskatchewan auf die Idee, dass das Popelessen eine Art natürliche Schluckimpfung sein könnte. Popel würden süß schmecken - eine Geschmacksrichtung, die Kinder grundsätzlich bevorzugen, da es in der Natur keine Dinge gibt, die süß schmecken und giftig sind. Ein bitterer Geschmack hingegen ist ein Indikator dafür, dass etwas giftig sein könnte. Daher könnte das Popelessen von der Natur durchaus gewollt sein.

Die Nasenschleimhaut enthält eine Vielzahl von Keimen - wenn Kinder diese regelmäßig in kleineren Mengen vespeisen, würde das das Immunsystem anregen, Antikörper zu bilden. Der Forscher kündigte an, eine entsprechende Studie durchführen zu wollen. Allerdings ist seit 2013 diesbezüglich offenbar nicht viel passiert und es stellt sich zudem die Frage, warum Popel wertvoller sein sollten, als das Sekret, dass man ohnehin schluckt.

Dass der Gedanke jedoch nicht ganz abwegig ist, zeigten Tübinger Forscher. Sie entdeckten in der Nasenschleimhaut - und damit auch in Popeln - den Stoff Lugdunin. Dieser tötet Bakterien, die gegen andere Antibiotika resistent sind. Produziert wird er vom Bakterium Staphylococcus lugdunensis - allerdings kommt dieses nur in wenigen menschlichen Nasen vor. Diese Entdeckung ist deswegen so interessant, weil Lugdunin auch gegen das antibiotikaresistente MRSA-Bakteriun wirkt - ein Keim, der Schätzungen zufolge in den nächsten Jahren mehr Menschen töten wird, als Krebs.

Popeln ist eins in jedem Fall: Für die meisten extrem unappetitlich


Während mir beim Artikel über Läuse ständig die Kopfhaut juckte, war mir bei diesem Artikel hier dauerübel. Die Vorstellung gegessener Popel hat mich wirklich angewidert. Dieses Gefühl dürften die meisten anderen Erwachsenen teilen.

Bei manchen Kindern nimmt das Popeln phasenweise überhand - sie haben ständig den Finger in der Nase und scheinen das kaum noch zu registrieren. Bei einigen dient das Popeln zum Abbau von Stress. Möglicherweise sorgt das Angebot einer alternativen Beschäftigungsmöglichkeit für die Hände (z. B. ein Anti-Stress-Knetball).

Weil die Freiheit des einen dort endet, wo die Freiheit eines anderen beginnt, sollten wir bei unseren Kindern zumindest ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Popeln ebenso wenig in die Öffentlichkeit gehört, wie den eigenen Körper zu erkunden. Ich habe meinen Kindern vorgeschlagen, längere Toilettengänge zum ausgiebigen Popeln zu nutzen, das hat den Vorteil, dass die Ergebnisse direkt entsorgt werden können.

Popel erzeugen ein Fremdkörpergefühl in der Nase und behindern die Atmung - das Bedürfnis, sie entfernen zu wollen, ist also vollkommen normal. Einige Popel erreicht man auch mit dem stärksten Naseschnauben nicht - außerdem ist allzu heftiges Schnauben ohnehin nicht empfehlenswert, da dadurch das Sekret in die Nebenhöhlen gepresst wird. Popeln abzuerziehen ist also nicht nötig und vermutlich auch vollkommen aussichtslos.

Wenn ihr ein schönes Buch zum Thema für Eure Kinder haben wollt - "Nasebohren ist schön" nimmt sich dieses Themas auf äußerst erfrischende und unverkrampfte Art und Weise an.

Quellen 


http://www.baby-und-familie.de/Erziehung/Lasst-Kinder-popeln-503423.html

http://www.n-tv.de/wissen/frageantwort/Warum-popeln-wir-article6078086.html 

http://www.ajnr.org/content/18/10/1949.full.pdf+html

http://www.nwzonline.de/panorama/machen-forscher-neue-super-medizin-aus-popel_a_31,0,3038708164.html  

http://dradiowissen.de/beitrag/popeln-schlecht-f%25C3%25BCr-die-schleimh%25C3%25A4ute-und-den-guten-ruf

http://bilder.buecher.de/zusatz/35/35095/35095427_lese_1.pdf 

Kommentare:

  1. Sehr interessanter Artikel.
    Als Alternative zu allzu ausgiebigem Nasebohren könnte man den Kindern auch Vorschlagen, zum Popeln einfach ein Taschentuch zu nutzen. Die Popel können hygienisch entsorgt werden und da man erst das Tuch zur Hand nehmen muss, reduziert sich auch das gedankenverlorene Dauerpopeln durch diese Technik.
    Es ganz zu verbieten könnte ich auch nicht nachzuvollziehen. Ich habe selbst viel zu oft so scharfkantige Krusten in der Nase, dass ich ohne "Eingriff" nicht dagegen ankomme. Gegen diese Krusten anzuschnauben ist nicht nur ineffektiv, sondern auch schmerzhaft. Vielleicht daher auch mein geringes Ekelgefühl bei diesem Thema.

    Achja: Wenn von 1000 Leuten nur 254 antworten, können niemals 91 % eine bestimmte Antwort gegeben haben. ;-)

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    1. Öhm ja - da hast Du völlig recht. Das werde ich wohl nochmal umschreiben müssen :-).

      Danke für den Kommentar und das aufmerksame Lesen!

      Liebe Grüße
      Danielle

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    2. Musst du nicht - die Prozentangaben beziehen sich normalerweise auf die Anzahl der gegebenen Antworten ��
      Aber auch ich danke für den interessanten Artikel - ich lese eure Seite immer wieder gerne!

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  2. http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/bettina_und_bommes/Moderator-Ralph-Caspers,bub422.html
    Ab min 5:30 spricht Ralph Caspers locker und amüsant über das Popeln.

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  3. Es gibt auch ein Lied von Gerhard Schöne darüber. Das kenne ich noch aus meiner Kindheit und es ist bei uns zur Zeit der Hit beim Zähneputzen.
    Liebe Grüße Susan

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  4. Interessanter Artikel - ich wünsche mir insgesamt einen entspannteren Umgang mit dem Thema. Popeln gehört zur Körperhygiene, ich kann mir nicht vorstellen dass jemand NICHT gelegentlich seine Nase von störendem Dreck befreit. In meiner Kindheit gab es dazu eine nette Geschichte im Buch "Achtunzwanzig Lachgeschichten": Ein Junge will immer brav sein und bohrt nie in der Nase. Dann wachsen ihm eines Tages Blumen daraus und er wird ausgelacht, weil er sich die Nase nie sauber gemacht hat. Die Blumen kitzeln ihn und er niest alles raus."

    Einen Hinweis habe ich noch zu dem Satz: "Durch ständiges Nasebohren sollen sich die Nasenlöcher geweitet haben, wodurch sich nach und nach die Sauerstoffversorgung verbesserte." Große Nasenlöcher kommen nicht daher, dass Uroma ständig drin gebohrt hat und ihre Kinder das fleißig weiter übten. Giraffen haben auch keine langen Hälse weil sie sich ständig nach oben gestreckt haben. Diese Merkmale haben sich durchgesetzt, weil sie zufällig entstanden und sich im Selektionsprozess als vorteilhaft erwiesen :)

    LG!

    Kerstin

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  5. Wenn ich mich recht erinnere, es ist schon ein paar Jahrzehnte her, dann schmecken Popel nicht süß, sondern salzig. Da stand ich mal sehr drauf, ich erspare Euch die Details. ��

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  6. Himmel! Mir wurde auch etwas grün um die Nase beim Lesen des Artikels und zwar nicht weil ich gepopelt habe, sondern wegen dem Thema an sich. Es kostete mich tatsächlich auch etwas Überwindung den Artikel überhaupt anzuklicken... Nichtsdestotrotz, sehr interessante Popel-Informationen, die so gar nicht popelig sind... Vor allem das MRSA-Bakterium beschäftigt mich jetzt. Sicher aber würde ich eher dazu neigen, mir einen aus Popeln extrahierten Impfstoff spritzen zu lassen, als jemals selbst in meinem Leben einen Popel zu verspeisen. Da könnte man auch gleich noch mal das Thema Eigen-Urin-Behandlung aufgreifen... Aber sicher denke ich auch, dass das Entfernen von trocken oder feuchten Sachen aus der Nase zur Körperhygiene gehört und Kinder auch erst mal lernen müssen, wie man das mit einem Taschentuch und weniger prominent erledigt. Was mich nur interessieren würde ist das Thema Nasenhochziehen oder -putzen überhaupt. Es gibt Mütter, die sagen, dass das Hochziehen mittlerweile erwiesenermaßen gesünder sei... Stecken dann die Popel in der Stirn?? Ohwei... Worüber habe ich mir nur Gedanken gemacht BEVOR ich Kinder hatte!!?

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