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Meine Kinder streiten ständig - Tipps und Strategien für Geschwisterstreit

Geschwister streiten sich ständig. Das hört man von jeder Familie - und trotzdem hofft jede, dass sie eine Ausnahme ist. Durch die Diskussionen mit ihren Geschwistern lernen Kinder sehr viel. Sie lernen sich durchzusetzen oder wann es besser ist nachzugeben. Sie lernen zu verhandeln. Sie lernen nach und nach, ihre spontanen Impulse zu unterdrücken und mehr oder weniger zivilisiert miteinander zu reden. Geschwister wachsen aneinander und miteinander. Es ist wundervoll, Geschwister zu haben, und wir Eltern können einen großen Einfluss auf die positive Entwicklung der Geschwisterbeziehung haben.

Geschwister umarmen sich

Das Problem am Geschwisterstreit ist, wie nah es uns geht. Es rührt uns direkt an, weil es uns an die Streits mit unseren eigenen Geschwistern und die Reaktionen unserer eigenen Eltern erinnert, und weil es uns an unseren Qualitäten als Eltern zweifeln lässt. In Stresssituationen reagieren wir automatisch mit tief verwurzelten Techniken, die aus unserer eigenen Erfahrung stammen. Das ist an sich gut, weil wir so schnell handeln können, ohne nachzudenken. Leider sind aber unsere Techniken aber meistens eher kontraproduktiv. Wir haben aber die Möglichkeit, unsere spontanen Reaktionen sozusagen zu überschreiben. Das erfordert einiges an Arbeit und vor allem benötigen wir dazu neue Ressourcen. Ich hoffe, mit diesem Artikel einige Inspirationen geben zu können.

Meine Kinder sind mit dem sehr geringem Altersabstand von unter zwei Jahren geboren worden. Die Anfangszeit war sehr schwierig und wir sind so manches Mal verzweifelt. Auch jetzt gibt es immer noch viele Konflikte, aber für einige haben wir mittlerweile gute Strategien entwickelt. Unsere Kinder spielen viel und häufig miteinander und lernen es immer besser, Streit (mehr oder weniger) friedlich untereinander zu lösen. Dass wir je an diesen Punkt kommen würden, hätten wir nie gedacht. Tatsächlich bin ich fest davon überzeugt, dass unsere “Techniken” unter anderem dazu geführt haben, dass es jetzt relativ entspannt ist. Jedes Mal, wenn wir es schaffen, einen Streit zwischen den beiden konstruktiv zu begleiten, gibt es für den Rest des Tages weniger oder weniger heftigen Streit.

Das soll nicht bedeuten, dass Eltern dafür verantwortlich sind, wie viel ihre Kinder streiten. Aber wir dürfen unseren Einfluss nicht unterschätzen.

Hilfe, meine Kinder streiten


Ich beziehe mich im Artikel häufig auf ein Buch, das ich selbst als sehr hilfreich empfunden habe: Siblings without rivalry von Adele Faber und Elaine Mazlish. Der Bestseller ist mittlerweile auch schon in der deutschen Übersetzung unter dem Titel “Hilfe, meine Kinder streiten: Wie Sie Geschwistern helfen, einander zu respektieren” erschienen. Das Buch beschreibt viele Gespräche und Beispiele aus den Elternkursen der Autorinnen. Es ist sehr praxisorientiert und verständlich geschrieben. Alle Strategien werden in Comicform dargestellt und am Ende jedes Kapitels gibt es eine Zusammenfassung, die ich mir teilweise ausgedruckt und an den Kühlschrank gehängt habe.

Das Buch behandelt viele Themen im Bezug auf Geschwisterstreit, von der achtsamen Kommunikation über den Umgang mit Wut und Aggression, über Strategien, um Geschwister mehr zusammen zu schweißen und Kooperation zwischen ihnen zu fördern, und konkrete Fahrpläne, was Eltern tun können, wenn ihre Kinder streiten.

Ich kann dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen, dem das ständige Streiten wie uns an den Nerven zehrt. Für uns ist es immer noch anstrengend und an manchen Tagen würden wir uns wirklich wünschen, dass die Kinder sich endlich einfach mal vertragen, aber an vielen Tagen sind wir beeindruckt, wie kompetent unsere Kinder schon ihre Konflikte lösen können. Und dieses Buch hat uns ein großes Stück weitergebracht.

Das Entthronungsdrama


Unabhängig davon, wie lange die Geburt eures zweiten (oder dritten) Kindes her ist, empfehle ich euch, diesen Artikel über die Entthronung des Erstgeborenen zu lesen. Letztendlich geht es bei einem Geschwisterstreit um Ressourcen. Die Ankunft eines neuen Babys weckt in unseren Kindern die Urangst, nicht genug zu bekommen. Wer die meiste Aufmerksamkeit der Eltern bekommt, hatte früher eben die besten Überlebenschancen. Und auch wenn heute die Teller mehr als voll sind, steckt dieser Trieb noch in uns und in unseren Kindern. Adele Faber und Elaine Mazlish schreiben in ihrem Buch:
“No wonder children struggle so fiercly to be first or best. No wonder they mobilize all their energy to have more or most. Or better still, ALL. Security lies in having all of Mommy, all of Daddy, all the toys, all the food, all the space.” (Vorwort S. XVIII)

Glücklicherweise gibt es nicht nur eine einzige Evolutionsstrategie, die das Überleben sichert, sondern zwei. Es gibt die Konkurrenz, aber es gibt auch die Kooperation. Und unsere Aufgabe als Eltern ist es, unseren Kindern zu zeigen, wie schön das Miteinander sein kann. So werden die Geschwister irgendwann das Gefühl haben, dass sie sich aufeinander verlassen können.

Sämtliche Autor*innen, die sich mit Geschwisterstreit beschäftigen, führen den selben Vergleich auf: Wie würdest du dich fühlen, wenn dein*e Partner*in plötzlich eine Zweitfrau/einen Zweitmann in die Familie bringen würde? Und was würde dir in diesem Fall helfen? So können wir ansatzweise verstehen, wie es unserem Kind geht. Es ist ein Bruch mit dem alten Leben. Nichts fühlt sich so an wie vorher. Und das Kind hat sehr starke Gefühle, die es nicht einordnen kann und mit denen es unsere Hilfe braucht.

Akzeptiere die negativen Gefühle


Positive Gefühle den Geschwistern gegenüber kann man nicht einfordern oder erzwingen. Als die Teilnehmer*innen der Kurse von Adele Faber und Elaine Mazlish über ihre eigenen Geschwister und den Umgang ihrer Eltern mit Konflikten nachdachten, kristallisierten sich schließlich zwei Schlussfolgerungen heraus, die ich hier frei übersetze (da ich nur die englische und nicht die deutsche Version des Buches besitze):
Darauf zu beharren, dass sich die Geschwister vertragen, verstärkt nur die negativen Gefühle. Negative Gefühle anzunehmen führt dazu, dass die Kinder positivere Gefühle entwickeln können. (S. 49)
Liebe und Freundschaft entwickeln sich. Es ist für unsere Kinder unheimlich wichtig, dass wir ihre negativen Gefühle annehmen, anstatt sie zu leugnen. Es ist manchmal wirklich anstrengend, ein kleines (oder großes) Geschwisterchen zu haben. Sie machen Dinge kaputt, wollen ständig mitmachen, belegen den Schoß der Eltern. Und es ist in Ordnung, deswegen frustriert zu sein. Aber wenn unsere Kinder hören, dass uns ihre Gefühle wichtig sind, können sie sich uns öffnen und wieder die Nähe zu uns herstellen, die sie zu verlieren fürchteten.

Große genervte Schwester

Snowqueen hat in einem wundervollen Artikel über das aktive Zuhören nach Gordon einen Dialog mit ihrer Tochter beschrieben, in dem sie die überschäumenden Gefühle ihrer Tochter annimmt und sich erst dadurch die Möglichkeit bietet, die wahren Ursachen für diese Gefühle herauszufinden. Es kann uns sehr verletzen, wenn ein Kind schlecht über sein Geschwisterchen redet oder ihm sogar den Tod wünscht. Und trotzdem müssen wir genau dann besonders gut hinhören und auch die negativen Gefühle erlauben.

Wenn wir auf die Gefühle, statt auf die Worte hören, dann können wir nämlich auch feststellen, dass die Worte nicht wortwörtlich gemeint sind. Ja, es fühlt sich für das Kind tatsächlich erst mal so an, als würde es wirklich wollen, dass das Geschwisterchen stirbt. Und wir müssen die Worte auch ernst nehmen, genau das ist der Punkt am aktiven Zuhören. Es für Kinder ist schwer, Zugang zu ihren tiefer liegenden Gefühlen zu haben (übrigens genau wie für uns Erwachsene), und sie brauchen einen empathischen Erwachsenen, der sie nicht dafür verurteilt, sondern ihnen hilft. Denn die Geschwister sind zerrissen zwischen einer unendlichen Liebe für ihr Geschwisterchen und großen Verlustängsten und einer Ablehnung des Konkurrenten. Erst wenn die negativen Gefühle einen Raum bekommen, sind sie wieder in der Lage, die positiven zu fühlen.

Aggressionen


Manchmal sind Kinder einfach noch nicht dazu in der Lage, auszudrücken, was sie sich wünschen. Vielen Erwachsenen geht es immer noch so! Wir schlagen (hoffentlich) nicht mehr gleich zu, aber das Gefühl einer ohnmächtigen Wut kennen wahrscheinlich viele Erwachsene sehr gut.

Wir Eltern können aber versuchen, das Tieferliegende zu erkennen und unseren Kindern helfen, ihre Wünsche auszudrücken. Wenn die große Schwester schreit “Sie malt immer auf mein Bild!”, dann ist unsere beste Reaktion: “Das ist ärgerlich! Du wünschst dir, sie würde dich in Ruhe malen lassen!”. Das zeigt dem großen Kind, dass seine Gefühle verständlich sind, lässt ihm aber die Möglichkeit, selbst eine Lösung zu finden.

Im Buch wird vorgeschlagen, Kinder ihre negativen Gefühle symbolisch oder kreativ ausleben zu lassen. Ich denke, dass es bei Kleinkindern selten klappen wird, sie dazu auffordern, ihre Wut in ein Bild zu malen. Aber trotzdem können wir ihnen sichere Wege aufzeigen, wie sie Wut ausdrücken können. Sie können auf ein Kissen schlagen, mit den Füßen aufstampfen, auf den Tisch hauen, laut “Stopp” schreien. Zum Thema Wut gibt es auch viele schöne Kinderbücher für jede Altersgruppe, die Kinder mit Strategien ausstatten.


Was niemals hilft, ist ein Kind dafür zu bestrafen, dass es seine Wut am Geschwisterchen ausgelassen hat. Strafen machen Kinder wütend und letztendlich werden sie einfach einen Weg finden, beim nächsten Mal nicht erwischt zu werden.

Ich habe selbst einmal in einem Kurs über Streit zwischen Geschwistern gesprochen. Eine Mutter erzählte, dass ihr älteres Kind das jüngere schlagen wollte und sie es in sein Zimmer geschickt hat, damit es stattdessen auf ein Kissen schlägt. Das Kind hatte sich geweigert und geschrien, es wolle aber dem Bruder weh tun. Das zu hören, tut uns selbst weh. Diese Situation zeigt aber gut, dass es einen Unterschied macht, ein Kind wegzuschicken, damit es seine Gefühle anders ausdrückt oder dabei zu sein. Dem Kind geht es auch darum, dass die Gefühle gesehen werden. Auch die Adele Faber und Elaine Mazlish weisen darauf hin, dass ein einfaches “zeig mir” dem Kind genau die Aufmerksamkeit gibt, die es gerade braucht. Behaltet im Hinterkopf, dass es beim Streit letztendlich um Ressourcen geht, um das Gefühl, zu kurz zu kommen. Aufmerksamkeit für einen Aggressor bedeutet nicht, das Verhalten zu verstärken, sondern wir begleiten unser Kind empathisch dabei, einen besseren Weg zu finden, seine Wut auszudrücken.

Kleinkinder sind kognitiv noch nicht dazu in der Lage, Schuldgefühle zu empfinden. Wenn wir ihnen also beibringen, dass sie sich entschuldigen müssen, dann bringen wir ihnen gleichzeitig eine leere Worthülle bei, mit der sie sich aus der Affäre ziehen können. Wozu ein Kind aber in der Lage ist, ist sich nach dem Befinden des verletzten Kindes zu erkundigen und zum Beispiel ein Kühlpack oder ein Pflaster zu holen. Wir zeigen, wie man es wieder gut machen kann ohne ein “Entschuldigung”. Dabei geben wir gleichzeitig dem verletzten Kind die Fürsorge, die es braucht, und dem “Täterkind” Zeit, um sich zu beruhigen. Dies ermöglicht, später gemeinsam darüber zu sprechen, was passiert ist.

Streitende Geschwister vertragen sich


Streit schlichten zwischen Geschwistern


Wie können wir nun tatsächlich den Streit klären? Meine Strategie ist aus mehreren Büchern zum Thema und in Gesprächen mit Katia Saalfrank, die bei uns eine (extensive) Familienberatung gemacht hat, entstanden.

1. Ich begebe mich auf Augenhöhe der Kinder und versuche, sie räumlich so weit zu trennen, dass sie sich nicht gegenseitig weh tun können. Meistens reicht es, wenn ich mich zwischen sie setze. Manchmal ist ein Kind so aufgebracht, dass es immer wieder versucht, das andere zu kratzen. In diesem Fall nehme ich es auf den Arm, bis es sich beruhigt hat. Will es das nicht, nehme ich das andere Kind auf den Arm, um es zu schützen.
2. Ich bitte beide Kinder nacheinander, mir zu erzählen, was geschehen ist. Wenn sie das nicht können, versuche ich, es selbst in kurze Worte zu fassen.
3. Ich erkenne an, wie schwierig das Problem ist.
4. Wir versuchen zusammen, Lösungen zu finden.

Im Buch “Hilfe, meine Kinder streiten”, empfehlen die Autorinnen, das Vertrauen ausdrücken, dass beide eine für alle faire Lösung finden und dann den Raum zu verlassen. Bei ganz kleinen Kindern funktioniert das noch nicht, weil sie auch erst einmal ein Repertoire an Lösungen brauchen. Sehr lange war ich also immer dabei, habe Lösungsvorschläge gemacht. Es ist aber immer wichtig, die Kinder auch zu fragen und nicht nur die Lösungen vorzusetzen. Sehr häufig kommen Kinder auf Ideen, die uns nicht eingefallen wären.

Jetzt kommt es manchmal tatsächlich vor, dass ich den Raum verlassen kann und dann (sehr verzückt) den Verhandlungen lausche.

Bei uns ist es häufig die Kleine, die schneller nachgibt. Sie ist aber dennoch immer zufrieden mit einer gemeinsam gefundenen Lösung, weswegen ich darauf vertraue, dass sie es mit der Zeit lernen wird, für sich einzustehen. Sie hat immerhin die beste Lehrmeisterin...

Wenn die Kinder sich alle fünf Minuten streiten und einfach in kein gemeinsames Spiel kommen, denke ich darüber nach, welche äußeren Einflüsse eventuell nicht stimmen könnten. Sind die Kinder hungrig? Waren sie schon lange genug draußen und haben sich bewegt (rausgehen ist überhaupt sehr häufig eine gute Idee)? Wie Nicola Schmidt (zu Recht) häufig erwähnt, ist es wichtig, den Kindern immer einen Schritt voraus zu sein. Das gilt besonders bei Kindern, die schnell aggressiv werden. Wir müssen lernen, die Warnzeichen zu hören und dann früh genug körperlich anwesend sein, um uns wortwörtlich zwischen die Kinder zu stellen. Denn auch wenn Kinder lernen müssen, Konflikte selbst zu lösen, ist es doch unsere Pflicht als Eltern, auf die körperliche Unversehrtheit unserer Kinder zu achten.

Manchmal ist es vielleicht schwierig einzuschätzen, ob die Kinder sich nur “balgen” oder es zu einem handfesten Kampf ausartet. Diese Situation kenne ich persönlich nicht, weil es bei meinen Kindern immer sofort ernst wird, aber ich fand die Strategie aus “Hilfe, meine Kinder streiten” sehr gut: Wir Eltern können einfach nachfragen, ob es sich um einen Spielkampf oder einen richtigen Kampf handelt. Und beide Kinder müssen es als Spiel empfinden. Auch wenn jemand stark gekitzelt wird und lacht, kann das sehr unangenehm sein.

Kinder individuell beachten


Versucht euch einmal vorzustellen, euer Chef würde euch loben, indem er sagt “Du kannst das so viel besser als Kollegin X. Die stellt sich immer so an”. Wie gut fühlt sich so etwas an? Und wie muss es sich erst für die Kollegin anfühlen? Und was wäre, wenn der Chef stattdessen genau beschreiben würde, wie gut ihr die Aufgabe ausgefüllt habt und wie froh er ist, euch in der Firma zu haben?

Manchmal ist es ziemlich schwierig, ein Kind nur mit sich selbst zu vergleichen, anstatt mit anderen, besonders wenn Kinder von außen bewertet werden, so wie in der Schule. Eine Mutter im Kurs bei Adele Faber und Elaine Mazlish beschrieb, wie sehr sich ihr Sohn freute, ihr sein Zeugnis zu zeigen, wo er es in Mathe von einem C auf ein B geschafft hatte. Er war glücklich, bis seine Schwester ihm zeigte, dass sie selbst ein A hatte.
“You can tell both children firmly, ‘There’s no report card contest going on here. These are records of your work and behavior in school over the last six weeks. I want to sit down with each of you individually, so I can see what your teacher has to say and hear how you feel about your progress.’”

“But how do I stop the kids from comparing report cards when I’m not around?”

“You can’t. And there’s no need to. If they want to show each other their report cards, that’s their business. What’s important is that they know Mom and Dad see them as separate individuals and are not interested in comparing their grades.” (S.59)
Wer kennt nicht die Sitution, dass sich Geschwister immer benachteiligt fühlen, weil das andere Kind viel mehr von etwas bekommen hat? Die Lösung, die Adele Faber und Elaine Mazlish vorschlagen, ist einfach nicht direkt auf das einzugehen, was das Kind sagt, sondern auf die individuellen Bedürfnisse. Es hilft nicht, das Kind darauf hinzuweisen, dass beide Pfannkuchen gleich groß sind. Wenn wir aber stattdessen fragen: “Oh, bist du noch hungrig? Schaffst du noch einen ganzen Pfannkuchen oder willst du lieber erst mal einen halben?”, dann nehmen wir den Konkurrenzdenken die Luft aus den Segeln und das Kind fokussiert sich stattdessen auf die eigenen Bedürfnisse.

Es wird nie klappen, beide Kinder exakt gleich zu behandeln und das ist auch gar nicht nötig. Ich habe einmal einen satirischen Artikel gelesen, bei dem die Eltern jedes Streitobjekt einfach ein zweites Mal besorgt haben. Am Ende hatten sie zwei exakt gleiche Häuser und stritten trotzdem noch.

Auch wenn ich festgestellt habe, dass weniger Spielzeug häufig bei uns auch zu weniger Streit führt und es einige Situationen leichter macht, einfach zwei exakt gleiche Exemplare eines Gegenstands zu haben, elimiert völliges Gleichbehandeln den Geschwisterstreit nicht. Als ich mit meinen Kindern auf Reisen war, haben sie sich tatsächlich auch um Stöckchen, Steine und Federn gestritten, von denen es wirklich Unmengen am Strand gab. Es geht beim Streit selten tatsächlich um das Streitobjekt.

Kinder streiten sich um Butterblume

Kinder fragen manchmal, welches Geschwisterkind wir am liebsten haben. Genau diese Frage beschreibt eigentlich, worum es geht. Bekomme ich genug Liebe? Wenn wir antworten, dass wir alle Kinder gleich viel lieben, dann kommt das unserem Kind häufig wie eine leere Worthülle vor, die es abspeisen und kurzfristig zufriedenstellen soll. Die Autorinnen empfehlen stattdessen, dem Kind genau und detailliert zu erzählen, was wir an ihm lieben.

Wie sieht das aber nun mit Zeit aus? Sollten wir mit jedem Kind die selbe Zeit verbringen? Überall liest man, wie wichtig es ist, Einzelzeit, “Quality Time”, mit nur einem Kind zu verbringen. Während ich durchaus glaube, dass das ein schönes Ritual ist, kommt es im Alltag doch mehr darauf an, dann mit dem Kind Zeit zu verbringen, wenn es gerade wichtig ist. Braucht das große Kind gerade Kuscheleinheiten, das kleine muss uns aber unbedingt ein Bild zeigen, dann ist es ein wichtiges Zeichen für unser großes Kind, wenn wir nicht gleich mit einem Blick auf die Uhr aufstehen, weil wir ja schon so viel Zeit mit ihm verbracht haben und es doch fair sein soll. Wir müssen das kleine Kind dann nicht abweisen, aber wir können ihm empathisch erklären, wann wir mehr Zeit haben. Oder wir versuchen, eine verbindende Lösung zu finden, zum Beispiel beiden vorzulesen.

Wir hatten damals eine Familienberatung mit Katia Saalfrank. Sie stieß uns darauf, dass unser großes Kind das Baby und mich immer nur als Einheit wahrnehmen konnte. Die Kleine hatte starke Bedürfnisse, ich war eigentlich den ganzen Tag nur am Stillen oder Tragen und dachte, gerade durch das Tragetuch doch auch die Möglichkeit zu haben, der Großen gleichzeitig vorzulesen oder mit ihr zu spielen.

Aber sie muss trotzdem das Gefühl gehabt haben, dass ich nie ganz für sie da war. Erst als es tatsächlich klappte, die Kleine in meiner Nähe für kurze Zeit abzulegen, ihr demonstrativ den Rücken zuzudrehen (solange sie zufrieden für sich selbst spielte) und das Spielzeug der Großen auch vor ihr abzuschirmen, entspannte sich die Situation bei uns langsam.

Sehr häufig begegnen uns leider auch Situationen, in denen alle Kinder gleichzeitig ein Bedürfnis haben und wir nicht wissen, welches nun Priorität haben soll. Nicola Schmidt, selbst Mutter von zwei Kindern, hat uns dazu auf dem artgerecht-Camp gesagt, dass sie in solchen Situationen nicht abwägt, welches Bedürfnis wichtiges ist, sondern welches Kind gerade mehr leidet. Und das war in ihrem und auch unserem Fall tatsächlich häufiger das große Kind. Ich glaube, dass wir das Leid des großen Kindes immer unterschätzen, auch wenn wir noch so viel über potenzielle Zweitpartner*innen unserer Partner*innen nachgedacht haben.

Kooperation fördern


Ich habe einmal die Geschichte einer Mutter in einem afrikanischen Stamm gelesen, deren Sohn zu ihr gerannt kamen, weil er und sein Bruder beide das selbe Stück Brot haben wollten. Die Mutter brach das Brot in der Mitte durch, aber statt jedem Kind ein Stück zu geben, gab sie beides einem. Dieser gab dann ohne zu zögern seinem Bruder ein Stück ab. In diesem Stamm wurde auch abends das Brot immer im Kreis herumgereicht, sodass die Kinder von Anfang an gewohnt waren, dass Ressourcen geteilt wurden.

Diese Prozedur versuche ich ab und zu in unserer Familie anzuwenden. Wenn wir zum Beispiel Smarties kaufen, gebe ich sie der Großen, damit sie sie gerecht verteilt. Sie sortiert dann sehr ernsthaft nach Farbe und schließlich teilt sie alle Häufchen in zwei Haufen. Währenddessen isst sie ab und zu ein Smartie oder ihre Schwester schnappt sich eines. Letztendlich bekommt die Große dann auch meistens mehr, weil sie sich selbst begünstigt bei ungeraden Zahlen. Aber sie ist noch jung und die Kleine merkt es nicht und ich habe Vertrauen darin, dass sie es mit der Zeit lernen wird. Über das Teilen, warum es so schwer ist und wie Kinder es lernen, gibt es hier im Blog einen gesonderten Artikel.

Eine weitere Strategie, die ich häufig anwende, ist ein Kind beim anderen um Hilfe bitten zu lassen. Wenn die Kleine beispielsweise eine Dose nicht aufbekommt und zu mir kommt, bitte ich sie darum, ihre Schwester zu fragen. Oder wenn sich die Kinder morgens anziehen, bitte ich die Große, ihrer Schwester zu helfen (wenn diese das gern möchte). Manchmal, wenn ich am Nachmittag bitte ich auch meine große Tochter darum, der kleinen vorzulesen (sie kann noch nicht lesen, kennt aber alle unsere Bücher auswendig). Sie fühlt sich dann kompetent, ohne dass ich dafür die Kleine niedergemacht hätte.

Diese Technik kann sehr erfolgreich sein, solange wir dem größeren Kind nicht zu viel Verantwortung für das Wohlergeben des kleinen abgeben. Das ist nicht die Aufgabe eines Kindes. Ich glaube aber, dass es dem älteren Kind durchaus hilft, seinen neuen Platz in der Familie zu finden.

Die Qualität einer Beziehung wird nicht nur danach bewertet, wie wenig oder wie viele Konflikte es gibt, sondern vor allem vom Verhältnis von positiven zu negativen Erfahrungen miteinander. Wenn wir es schaffen, dass die Kinder viele positive Erlebnisse miteinander haben, ist schon viel gewonnen.

Letztendlich glaube ich, dass die meisten Geschwister eine relativ gute Beziehung zueinander entwickeln werden, wenn die Eltern keine groben Fehler begehen. Wer die Kinder gegeneinander ausspielt, ständig miteinander vergleicht, sie in starre Rollenbilder hineinpresst, Partei ergreift oder einen Sündenbock in der Familie bestimmt, wird höchstwahrscheinlich die Geschwisterbeziehung vollständig zerstören. Aber da ich davon ausgehe, dass solche Eltern eher nicht Blogs wie diese lesen, wage ich zu behaupten, dass wir uns alle etwas weniger Sorgen machen dürfen. Streiten ist nicht so schlimm, wie es sich anhört. Kinder brauchen es, um gutes Streiten zu lernen. Das ist eine einzigartige Chance.

Und auch wenn ich manchmal ein unheimlich schlechtes Gewissen habe, meinem großen Kind diesem Trauma ausgesetzt zu haben, so habe ich doch niemals bereut, ein zweites Kind bekommen zu haben. Denn ich sehe auch die große Liebe zwischen den beiden und ich weiß, dass sie davon profitieren, niemals allein sein zu müssen.

© Anna

Unsere Gastautorin Anna ist Mutter von zwei Töchtern und hat Neurowissenschaften und kognitive Psychologie studiert. Ihr könnt ihr bei Instagram folgen: langsam.achtsam.echt.
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Kommentare:

  1. Wieder einmal ein sehr schöner Artikel! Auch bei uns wird gerne gestritten, aber auch wunderbar gepielt. Gerade das mit dem Vorlesen (obwohl die Große nicht lesen kann) kommt bei uns oft vor und ist ein so schöner Anblick, wenn die beiden auf der Couch aneinander gekuschelt sitzen! �� und dank der Tipps im Artikel bin ich für die nächsten Konfliktsituationen noch besser gerüstet ��

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  2. Danke für den Artikel! Die Tipps werde ich bei Gelegenheit auch mal anwenden.
    Ich möchte noch einen weiteren Tipp weitergeben, den ich bei Carmen (http://schweizergarten.blogspot.de/2016/05/doch-erziehen-kann-leicht-sein.html - Tipp 15) gelesen hatte. Wenn etwas geteilt werden muss, darf das eine Kind die Menge einteilen und das andere Kind darf aussuchen. Fand ich auch eine schöne Idee!

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  3. Danke für den Artikel! Ich habe eineiige Zwillingsjungs, die sechs Jahre alt sind und immerzu streiten und dennoch nie alleine etwas machen wollen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich normale Tipps für Geschwister unterschiedlichen Alters bei Ihnen nicht anwenden kann. Es geht immer nur um Wettbewerb und das Gefühl von Benachteiligung.

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    1. Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Jungs sind ab einem bestimmten Alter in einer gleichaltrigen Gruppe sehr, sehr wettbewerbsorientiert. Sie schaukeln sich in ihrem bemühen, Schnellster, Erster, Stärkster zu sein, gegenseitig so hoch, dass es sogar zu Unfällen kommt. U.A. deshalb ist es ja auch günstiger, wenn Kitagruppen altersgemischt sind. Da tritt das nicht so sehr auf. Bei euch ist dieser Wettbewerb ja naturgemäß jeden Tag vorhanden, da sie einfach immer gleichalt sein werden. Mein Vorschlag ist, sie ihre Streits tatsächlich selbst ausfechten zu lassen (sie sind vermutlich auch gleich stark) - das mache ich bei meinen Töchtern auch. Zusätzlich gilt bei uns zuhause das Motto: Gleichbehandlung ist nicht wirklich "gerecht" oder "fair". Wichtig ist, dass jeder das bekommt, was er braucht (also Bedürfnisbefriedigung), damit er glücklich ist. Du kannst dir dazu noch unseren Artikel zum Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen durchlesen.
      LG, Snowqueen

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  4. Ein sehr schöner Artikel! Und das Buch finde ich auch seeeehr hilfreich! Danke!

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  5. Es sieht so schön aus. Ich will es versuchen. Danke.

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  6. Sehr schöner Artikel, vielen Dank!

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