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Vitamin D - im Winter reicht Sonne häufig nicht aus!


Neulich las ich in einer Elterngruppe auf Facebook eine Diskussion, ob man Babys denn wirklich Fluorid und Vitamin D geben sollte. Über das Für und Wider der Fluoridgabe hatte ich in einem früheren Artikel schon ausführlich geschrieben. Aber über Vitamin D hatte ich mir bisher nicht so viele Gedanken gemacht, weil ich eigentlich davon ausging, dass der Nutzen für Babys vollkommen unstreitig ist.

Bild aus VitamintablettenIm Rahmen der Diskussion schrieben die meisten Mütter, dass sie das Vitamin D im ersten Lebensjahr gegeben hätten und mit ihren größeren Kindern viel an die frische Luft gingen, das sei ja ausreichend. Eine Mutter warf jedoch ein, dass sie auch sehr viel mit ihrem Kind draußen sei und dennoch ein Vitamin-D-Mangel diagnostiziert wurde.

Das machte mich etwas nachdenklich und ich beschloss zu recherchieren, ob man den Vitamin-D-Bedarf bei Kleinkindern ausreichend durch Draußen sein decken kann. Über das Ergebnis  war ich ziemlich überrascht. In diesem Artikel möchte ich alles Wissenswerte zum Vitamin D zusammenfassen und die Frage beantworten: "Ist es für die Vitamin-D-Versorgung ausreichend, wenn ich mit meinem Kind regelmäßig raus gehe?"
 
 

Was ist Vitamin D? Wofür ist es wichtig?

 
Vitamin D ist kein wirkliches Vitamin, sondern ein Hormon, das auf den Phosphat- und Kalzium-Stoffwechsel einwirkt. Es wirkt unterstützend bei der Einlagerung von Kalzium in die Knochen, da es dessen Aufnahme aus der Nahrung verbessert.

Das Vitamin D spielt auch eine wichtige Rolle für das Immunsystem. Es wird davon ausgegangen, dass es Einfluss auf die T-Lymphozyten hat, die auf Krankheitserreger reagieren. Darüber hinaus hat Vitamin D eine präventive Wirkung in Bezug auf Osteoporose und die allgemeine Knochendichte in späteren Jahren.

Außerdem haben Studien Anhaltspunkte dafür geliefert, dass sich die Höhe des Vitamin-D-Spiegels auf die Entstehung eines Typ-1-Diabetes mellitus oder das Risiko für Multiple Sklerose auswirken kann.

Es gibt außerdem Vermutungen, wonach ein Vitamin-D-Mangel grundlegend an der Entstehung von Krebs beteiligt sein könnte. Die Tatsache, dass die Gabe hoher Vitamin-D-Dosen die Sterblichkeit bei Krebs signifikant reduzieren, scheint das zu bestätigen.

 

Auswirkungen eines Vitamin-D-Mangels

 
XrayRicketsLegssmall.jpgEin Mangel an Vitamin D kann zu Rachitis führen. Dabei kommt es zu Störungen bei der Mineralisation der Knochen. Diese erkennt man daran, dass bspw. die Schädeldecke eines Babys so weich ist, dass sie mit den Fingern eingedrückt werden kann. Auch der Hinterkopf verformt sich bei einer Rachitis sehr schnell durch vieles Liegen. Dies kommt zwar auch bei ausreichender Vitamin D-Versorgung vor, wird durch einen Mangel jedoch befördert. Außerdem kann es es zu Verformungen der Knochen kommen, die ggf. irreparabel bleiben (wie z. B. X- und O-Beine oder eine Trichterbrust).
 
Weitere Symptome eines Vitamin-D-Mangels bei Kindern sind Unruhe, erhöhtes Schwitzen (vor allem am Kopf), Schlaffheit und eine hohe Infektanfälligkeit. Auch ein später Zahndurchbruch, Zahnschmelzdefekte und Karies können von einem Mangel beeinflusst sein. Es kann außerdem zu Wachstumsverzögerungen, einer verzögerten motorischen Entwicklung und einem erhöhten Risiko für Knochenfrakturen kommen.

 

Wie kann man einem Vitamin-D-Mangel bei Kindern und Babys vorbeugen?

 
In Deutschland ist es üblich, Säuglingen ab der zweiten Lebenswoche täglich ein Vitamin-D-Präparat zu verabreichen (teilweise in Kombination mit Fluorid). Die Einnahme erfolgt im ersten Lebensjahr durchgehend. Hat das Kind im Winter Geburtstag, soll es das Vitamin D bis zum Frühjahr nach seinem Geburtstag bekommen.

MedikamentenlöffelDie Tabletten lassen sich recht einfach auflösen - z. B. in Milch oder Wasser. Wir haben das Vitamin D mit einem Medikamentenlöffel eingeflößt - das hat bei Stillkindern gut geklappt. Viele geben das Vitamin D auch in die Flaschenmilch - das ist jedoch nur empfehlenswert, wenn man weiß, dass das Kind die Flasche komplett austrinkt.

Das Vitamin D gibt es auch als Vigantol® Öl, hiervon bekommt das Baby täglich einen Tropfen. Das Öl enthält - anders als die Tabletten - kaum Zusatzstoffe, weswegen es eine Alternative ist, wenn das Kind Blähungen von der Tablette bekommt (das ist gar nicht selten der Fall!) Es ist jedoch verschreibungspflichtig - die Tabletten erhält man auch rezeptfrei in der Apotheke. Die Kosten der Präparate trägt etwa bis zum Alter von 1,5 Jahren die gesetzliche Krankenkasse.
 

Wie viel Vitamin D brauchen Babys im ersten Lebensjahr?


Grundsätzlich wird ein Vitamin-D-Spiegel (sogenannte Serum-25-OHD-Konzentration) im Blut von über 50 nmol/l angestrebt. Studien haben ergeben, dass dies bei vollgestillten Kindern durch eine tägliche Dosis von 400 i. E. Vitamin D zuverlässig sichergestellt wird.

Daher lautet die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aktuell, dass Babys im ersten Lebensjahr täglich zusätzlich zur Nahrung 10 µg (das entspricht 400 i. E.) Vitamin D bekommen sollen. Frühgeborene erhalten in den ersten Lebensmonaten eine tägliche Dosis von 800 - 1000 i. E. (20 bis 25 µg).
 

Wie viel Vitamin D brauchen Kinder ab dem zweiten Lebensjahr

 
Bis etwa 2011 wurde für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr nur noch eine tägliche Zufuhr von 200 i. E. (5 µg) Vitamin D empfohlen. Früher ging man aus, dass ein Vitamin-D-Mangel erst vorliegt, wenn die Konzentration im Blut unter 27,5 nmol/l liegt - heute weiß man, dass die Konzentration mindestens 50 nmol/l betragen sollte und 75 nmol/l ideal wären. (Die Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels als IGEL-Leistung kostet übrigens 32,18 EUR (plus die Kosten für die Blutabnahme)). 
 
Studien haben ergeben, dass gerade größere Kinder mit Vitamin D unterversorgt sind. Während Mädchen im Alter von 0 bis 2 Jahren mit 59,8  nmol meist noch knapp über dem erstrebten Grenzwert liegen, sieht das bei älteren Kindern schon anders aus - im Alter von 11 bis 13 Jahren beispielsweise sinkt der durchschnittliche Spiegel von Mädchen auf 35,7 nmol - dabei beträgt der Wert im Februar durchschnittlich sogar nur 26,4 nmol - das gilt heute als deutlicher Mangel (hier nachzulesen).

Also wurden die Empfehlungen angepasst - laut DGE heute sollen Kinder ab einem Jahr sogar das Vierfache der ursprünglich empfohlenen Menge, nämlich 20 µg (das entspricht 800 i. E.) Vitamin D pro Tag zu sich nehmen. Als ich mein erstes Kind bekam, waren noch die damaligen Empfehlungen von 5 µg aktuell, weswegen ich bisher immer im Hinterkopf hatte, dass nach dem ersten Lebensjahr ein ausreichender Spiegel ganz einfach mit Sonnenlicht oder über die Nahrungszufuhr erreicht werden kann. Dabei ist das Gegenteil der Fall - tatsächlich sollen Kinder doppelt so viel Vitamin D bekommen, wie Babys!

 

Wie wird der Vitamin-D-Bedarf gedeckt?


Vitamin D kann vom Körper durch die Synthetisierung von Sonnenlicht selbst gebildet werden. So können in lichtreichen Monaten etwa 90 % des täglichen Bedarfs gedeckt werden. Nur etwa 10 % des Tagesbedarfs werden über die Nahrung zugeführt.

Vitamin D kommt in Lebensmitteln nur in Spuren vor, lediglich Fischleberöl (Lebertran) enthält nennenswerte Mengen an Vitamin D - schmeckt aber scheußlich. Fetter Fisch (Hering, Sardine, Lachs, Makrele) enthalten relativ viel Vitamin D.
 

Vitamin D-Gehalt von Lebensmitteln
Vitamin D-Gehalt von Lebensmitteln
 
Die Bioverfügbarkeit des Vitamin D beträgt etwa 60-70 %, das heißt, dass nur etwa 6 - 7 µg vom Körper verwendet werden können, wenn ihm 10 µg Vitamin D über die Nahrung zugeführt werden.

Muttermilch enthält - abhängig vom Vitamin-D-Spiegel der Mutter - zwischen ca. 12 und 60 i. E. (0,3 bis 1,5 µg)  pro 100 ml. Das Problem ist, dass man zum einen nicht weiß, wie viel die eigene Milch enthält und zum anderen, wie viel das Kind davon am Tag trinkt. Aber wie schon oben erwähnt, ist ohnehin eine tägliche Zufuhr von 400 i. E. notwendig, um den gewünschten Vitamin-D-Spiegel zu erreichen.

Flaschenmilch enthält etwa 40 bis 48 i. E. (1,0 bis 1,2 µg) Vitamin D pro 100 ml - genaue Angaben zum Vitamin D-Gehalt der einzelnen Pre-Sorten findest Du in der Übersicht im Artikel Pre und 1er - Welche Anfangsnahrung ist die beste? Während im ersten Lebensjahr zusätzlich zur Pre ein Vitaminpräparat gegeben werden soll, deckt die Milch im zweiten Lebensjahr einen Teil des Tagesbedarfes. Trinkt ein einjähriges Kind also noch eine Flasche mit 200 ml Pulvermilch, entspricht das etwa einem Achtes der erforderlichen Zufuhr. Bei Kuhmilch ist zu beachten, dass der Vitamin-D-Spiegel jahreszeitabhängig schwankt - im Winter, wo der Bedarf am größten ist, ist der Vitamin-D-Gehalt der Milch unter Umständen deutlich niedriger.

 

Wie viel Vitamin D wird durch Sonneneinstrahlung gebildet?


Zwei Kinder sitzen in der SonneDie Menge an Vitamin D gebildet wird (endogene Synthese), ist stark abhängig von der Intensität der Sonneneinstrahlung, der geografischen Breite und der Hautbeschaffenheit. Bei sehr dunklen Hautpigmenten ist nur eine sehr begrenzte Vitamin-D-Synthese möglich.

Bei einer direkten Sonnenbestrahlung werden im Sommer in unseren Breiten pro Quadratzentimeter Haut in drei Stunden durchschnittlich 18 i. E. (0,25 µg) Vitamin D gebildet. Ein Babygesicht hat etwa 20 Quadratzentimeter - innerhalb von 3 Stunden kann es also theoretisch etwa 360 i. E. bilden. Allerdings nur dann, wenn es ungeschützt der Sonne ausgesetzt wird - das wird im ersten Lebensjahr jedoch grundsätzlich nicht empfohlen.

Bei älteren Kinder ist das Problem, dass diese heutzutage penibel eingecremt werden und kaum noch ungeschützt in der Sonne sind. Schon der Lichtschutzfaktor 15 hemmt die Vitamin D-Produktion des Körpers um 99,5 %! Sind die Kinder also nur eingecremt draußen, kann der Körper auch im Sommer nicht ausreichend Vitamin D bilden. Ich hatte schon im Artikel über Sonnenschutz für Kinder empfohlen, Kinder nicht immer sofort einzucremen, sondern der Haut Gelegenheit zu geben, einen natürlichen Schutz aufzubauen. Da Cremes heutzutage schon sofort nach dem Auftragen wirken und nicht mehr schon 20 Minuten vorher eingecremt werden muss, sollten Kinder immer erst mal ein paar Minuten ungeschützt in die Sonne gehen - dies füllt dann auch den Vitamin-D-Speicher effektiv.
 
Man kann davon ausgehen, dass das Kind ausreichend Vitamin D durch Sonne versorgt wird, wenn es  sich in den Monaten März bis Oktober  mindestens drei mal pro Wochen etwa 20 Minuten ungeschützt im Freien bei Sonnenschein aufhält und dabei Gesicht und Arme (also etwa 20 - 25 % der Körperoberfläche) unbedeckt sind. Als Faustregel kann man sich also merken: Täglich etwa 10 Minuten Sonne und dann erst cremen.
 
Im Winter ist es durch den Sonnenstand jedoch nahezu unmöglich, sich ausreichend mit Vitamin D zu versorgen. Als Faustregel gilt: Nur so lange der Schatten des Körpers kürzer ist, als der Körper selbst, wird von der Haut Vitamin D gebildet - das trifft in der kalten Jahreszeit (November bis Februar)  im Grunde fast nie zu. Ich habe letzte Woche mal nachgemessen - selbst um 12 Uhr war mein Schatten doppelt so lang, wie mein Körper.
 
Zwar speichert der Körper das Vitamin D im Körperfett, so dass nach einem lichtreichen Sommer auch einige Monate davon gezehrt werden kann, aber im Januar/Februar sind diese Reserven meist vollständig aufgebraucht. Es besteht übrigens die Vermutung, dass auch deswegen diese Monate sehr infektreich sind.
 

Kann man Vitamin D überdosieren?

 
Für Nährstoffe gibt es einen so genannten Tolerable Upper Intake Level - dieser gibt an, welche maximale langfristige Gesamtzufuhr eines Nährstoffes auch bei empfindlichen Personen kein Risiko für die Gesundheit darstellt und daher mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit aus biologischer Sicht toleriert werden kann. Die European Food Safety Authority hat diesen Wert für Vitamin D im Jahr 2012 verdoppelt für Kinder unter einem Jahr mit 25 µg (1.000 i. E.) angegeben. Für Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren beträgt er 50 µ (2.000 i. E.) Dabei handelt es sich ausdrücklich um die maximal tolerierbare Höchstmenge - nicht die empfohlene Dosierung!

Um Vitamin D überzudosieren müsste man Kindern, die älter als ein Jahr sind, dauerhaft mehr als 2.000 i. E. geben. Es gibt nur sehr wenige dokumentierte Fälle von Überdosierungen - die meisten davon waren dadurch verursacht, dass kleinen Kinder Erwachsenen-Dosierungen verabreicht wurden. Ein Überdosierung durch Sonnenlicht ist nicht möglich. 
 

Fazit

 
In Deutschland sind laut Robert-Koch-Institut 42,9 % (!) aller Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren suboptimal mit Vitamin D versorgt. Dabei haben 15,5 % einen moderaten Mangel und 3,6 - 4,0 % sogar einen schweren Vitamin-D-Mangel.
 
Eine Studie hat ergeben, dass Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren über die Nahrung täglich nur etwa 1,3 bis 1,4 µg Vitamin D aufnehmen - 20 (!) µg brauchen sie. Daher ist ein häufiger Aufenthalt im Freien und in lichtarmen Monaten die Gabe eines Vitaminpräparates auch bei größeren Kindern überdenkenswert - unser Arzt empfahl auf meine Nachfrage eine dauerhafte Gabe von Vigantoletten (400 i. E.) - im Winter auch für größere Kinder. Bei Zweifeln sollte man im Januar/Februar mal den Spiegel bestimmen lassen, um zu schauen, ob ein Mangel besteht. Zwar zehrt der Körper im Winter von im Sommer angelegten Depots - wenn unsere Kinder jedoch ausschließlich mit Sonnencreme geschützt im Sommer unterwegs sind, ist die Vitamin-D-Bildung beeinträchtigt. Daher empfiehlt es sich, Kinder regelmäßig für kurze Zeit ungeschützt in die Sonne zu lassen - so baut sich auch ein natürlicher Hautschutz auf.
 
Übrigens: Auch Erwachsene in Deutschland sind chronisch mit Vitamin D unterversorgt 42,2 % erreichen nicht den angestrebten Vitamin D-Spiegel von 50 nmol - 17% nicht einmal 25 nmol!

© Danielle

 

 

Quellen





http://www.gesundheit.de/ernaehrung/naehrstoffe/vitamine/vitamin-d

http://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/scientific_output/files/main_documents/2813.pdf

Bildnachweis

Röntgenbild: „XrayRicketsLegssmall“ von Das Original wurde von Mrich in der Wikipedia auf Englisch hochgeladen - Image created by Michael L. Richardson, M.D. Sept 28th, 2004 de:Bild:Rachitis.jpg Originally from en.wikipedia; description page is/was here.. Lizenziert unter CC BY-SA 1.0 über Wikimedia Commons.

Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit verlangen

Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit einfordern und wie wir ihnen die für sie beste Form davon geben können 


Mutter küsst Kind
Unsere Kinder haben viele kleine und große Bedürfnisse - neben Nahrung ist Liebe, also Zuwendung und Aufmerksamkeit dabei eines der wichtigsten. Warum Aufmerksamkeit für unsere Kinder so wichtig ist, zeigt ein Blick zurück: in den letzten 500 bis 10.000 Jahren lag die Kindersterblichkeit bei etwa 30 bis 50 %. Es überlebten in der Regel die Kinder, die es am besten verstanden, sich den größten Teil der knappen Ressourcen zu sichern. Das Kind, das am lautesten und vehementesten auf sich aufmerksam machte, erhielt in der Regel die meiste Zuwendung in Form von Aufmerksamkeit und Nahrung.

Ein hohes Maß an Aufmerksamkeit beeinflusst zudem maßgeblich die Bindung - ein Kind, in das eine Mutter schon sehr viel "investiert" hat, möchte sie nicht verlieren. Daher hat jedes Kind noch immer das Ziel, sein Wohlergehen durch ein größtmögliches Maß an Aufmerksamkeit und Ressourcenzuteilung zu sichern. Dieses Verhalten ist biologisch sinnvoll und wird unsere Kinder eine ganze Weile begleiten. 

Ein Zuwenig an Aufmerksamkeit kann zu schlechtem Benehmen führen 


Schlechtes Benehmen ist in den allermeisten Fällen von Frustration oder einem Mangel an Aufmerksamkeit verursacht. Möchte ein Kind wahrgenommen werden und bekommt dieses Bedürfnis nicht erfüllt, benimmt es sich oft unangemessenen. Denn wenn es keine positive Zuwendung erhält, gibt es sich auch mit negativer Aufmerksamkeit zufrieden. Daher kann man bei schlechten Verhalten, das nicht aus akuter Frustration resultiert, eigentlich fast immer davon ausgehen, dass damit ein bestimmter Zweck damit verfolgt wird - in der Regel der, des Aufmerksamkeitgewinnens.

Auch wenn man selbst das Gefühl hat, genug Aufmerksamkeit zu geben - das kann das Kind ganz anders sehen 


Es kann vorkommen, dass Eltern sagen, dass sie ihrem Kind eigentlich sehr viel Aufmerksamkeit schenken, es aber trotzdem nicht genug davon zu bekommen scheint. Manchmal wirkt es nahezu unersättlich und trotz eigentlich objektiv genug erhaltener Aufmerksamkeit provoziert es dennoch ständig. 

Das führt sehr schnell in einen Teufelskreis, denn Eltern denken womöglich, dass das Aufmerksamkeitgeben offenbar gar nicht das Problem ist, sondern irgendetwas anderes. Sie beginnen zu suchen, zu forschen und zu probieren - und geben dabei weniger Aufmerksamkeit, weil die ja ganz offenbar nicht das Problem war. Das versetzt das Kind jedoch in Alarmbereitschaft - die Aufmerksamkeit, um die es so hart kämpft, schwindet trotz seiner starken Bemühungen - es wird seine Anstrengungen und sein schlechtes Benehmen dann möglicherweise verdoppeln. Schnell kann so eine Situation allgemeiner Unzufriedenheit entstehen.

Cover Die fünf Arten der LiebeWir haben vor einer Weile das Buch "Die fünf Sprachen der Liebe für Kinder: Wie Kinder Liebe ausdrücken und empfangen" von Gary Chapman und Ross Campbell gelesen, in dem in Bezug auf die Aufmerksamkeit eine interessante These aufgestellt wird, die das Phänomen der scheinbaren Unersättlichkeit und der daraus resultierenden Frustration erklären könnte. Vorweg - das Buch ist sehr typisch amerikanisch (will heißen, dass man im Grunde auch einen Flyer mit dem Inhalt hätte drucken können ;-), aber inhaltlich durchaus ein paar Gedanken wert, so dass wir Euch das Konzept der "fünf Sprachen der Liebe" heute kurz vorstellen wollen. 

Die fünf Arten von Liebe bzw. Aufmerksamkeit


Wenn ihr das Gefühl habt, ihr gebt euren Kindern  unendlich viel Aufmerksamkeit, doch diese sind immer noch unzufrieden und scheinen nie wirklich glücklich zu sein, dann könnte es sein, dass eure Art der Aufmerksamkeit nicht mit der Art übereinstimmt die Euer Kind am glücklichsten macht.

Jedes Kind - so der Gedanke - hat eine bevorzugte Form, in der es Eure Zuneigung und Aufmerksamkeit gerne erhalten möchte. Und ihr habt auch eine bevorzugte Form, diese auszudrücken. Stimmen die beiden Arten überein, gibt es in der Regel kein Problem - Sender und Empfänger sind auf der gleichen Wellenlänge, das Bedürfnis des Kindes wird ausreichend erfüllt - es ist zufrieden und ausgeglichen.

Unterscheiden sich die bevorzugten Arten, Aufmerksamkeit zu geben und zu erhalten jedoch, kann das dazu führen, dass ihr gebt, gebt und gebt, aber das Kind das Gefühl hat, dennoch zu wenig zu bekommen. Zwar führen alle Arten der Zuwendung dazu, dass sich mental beim Kind eine Art Speicher füllt - eine bestimmte Art ist jedoch bei jedem Kind besonders effektiv. Bekommt das Kind nicht seine bevorzugte Art Aufmerksamkeit, füllt sich sein "Liebestank" nur sehr langsam und läuft häufig auf Reserve.

Nachfolgend wollen wir die Arten der Aufmerksamkeit kurz beschreiben - bestimmt erkennt ihr Eure Kinder bei den einzelnen Arten mehr oder weniger wieder. 

Körperkontakt


Für viele Kinder ist Körperkontakt die wichtigste Art, Zuwendung zu bekommen. Ihr Aufmerksamkeitsdefizit wird nie vollständig gefüllt werden, wenn ihr es nicht häufig in den Arm nehmt und mit ihm kuschelt. Danielles kleiner Sohn ist ein absoluter Kuschler - ihm sind andere Aufmerksamkeitsarten vollkommen egal - wichtig ist nur ständiger Körperkontakt. Er will immer und überall auf dem Schoß sitzen, beim Autofahren soll eine Hand auf seinem Knie liegen, beim Einschlafen will er in der Armbeuge oder mit dem Gesicht auf dem nackten Bauch der Mama liegen, an den Armen knibbeln. "Hochheben" ist sein derzeit häufigstes Wort.

Solche Kinder bekommen oft die Bezeichnung Klette verliehen, einfach, weil sie ständig an den Eltern kleben. Sie sind gar nicht unbedingt schüchtern oder zurückhaltend - sie wollen nur einfach sooo gerne nackte Haut spüren. Das macht sie nachhaltig glücklich.

Ohne das Wissen, dass das die bevorzugte Form der Zuwendung ihres Sohnes ist, hätte sich Danielle sicher einige Gedanken gemacht, wie viel körperliche Anhänglichkeit noch "normal" ist. Mit dem Wissen aber kann sie das einfach annehmen und freut sich, seinen Liebesspeicher super füllen zu können - denn das Kuscheln ist auch ihre bevorzugte Form, ihre Liebe zu zeigen. Deswegen ist der Liebesspeicher ihres Sohnes eigentlich immer gut gefüllt - er hat so gut wie keinen Grund, sich durch auffälliges Benehmen Aufmerksamkeit zu sichern. Wenn sein Speicher zur Neige geht, kommt er einfach und verlangt "Hochnehmen!" - nach zwei Minuten kuscheln ist er glücklich. Das Umfeld bezeichnet ihn als absolut pflegeleicht - schließlich ist sein Bedürfnis relativ leicht zu erfüllen. Der Nachteil ist: es macht einige Kinder zu unruhigen Schlafenden, weil sie dieses Bedürfnis auch nachts dauerhaft erfüllt bekommen wollen.
Eine Mutter eines älteren Kindes berichtet im Buch:
"Jahrelang ist mir Ingos ewiges Gezerre an mir auf die Nerven gegangen. Wenn ich abwasche, schleicht er sich von hinten an und hält mir die Augen zu. Wenn ich an ihm vorbeigehe, kneift er mir in den Arm. Gehe ich in seinem Zimmer an ihm vorbei, während er auf dem Boden liegt, hält er meinen Fuß fest. Manchmal versucht er, mir den Arm auf den Rücken zu drehen. Und wenn ich auf der Couch saß, hat er mir früher regelmäßig die Haare zerzaust. Das habe ich ihm dann allerdings verboten. Beim Vater tut er das nicht. Dafür machen die beiden oft Ringkämpfe am Boden. Heute ist mir bewusst geworden, dass Ingos persönliche Liebessprache der Körperkontakt ist. All die Jahre hat er sich nach Berührung gesehnt, und deshalb hat er mich ständig angefasst. Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht so ein körperbetonter Mensch bin. Meine Eltern haben mich selten in den Arm genommen. Jetzt wird mir klar, dass mein Mann Ingo mit seinen Ringkämpfen seine Liebe gezeigt hat, während ich mich vor seinen Annäherungsversuchen zurückgezogen habe" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:36].

Positive Rückmeldung


Manche Kinder fühlen sich dann besonders geliebt, wenn sie durch anerkennende Worte oder Gesten erfahren, dass sie gesehen werden - dann füllt sich ihr Liebesspeicher besonders schnell. Das sollten keine überschwänglichen Lobe sein - kleine Rückmeldungen, wie ein Augenzwinkern, ein Lächeln, ein "Daumen-hoch" etc. reichen absolut aus, wenn sie die echten Gefühle der Mutter wie Stolz, Liebe oder Dankbarkeit widerspiegeln. Ein Kind, dem diese Art der Aufmerksamkeit wichtig ist, möchte nicht dauergelobt werden, es möchte einfach nur merken, dass die Mama es immer im Blick hat; dass es ihr immer wichtig ist.

Solche Kinder sind in Bezug auf Kritik und Streit sehr sensibel:
"Für Kinder, deren primäre Liebessprache Anerkennung ist, ist das freundliche Wort unerlässlich für die Gewissheit, geliebt zu werden. Beschimpfungen verletzen sie deshalb umso mehr. Harsche Kritik tut keinem Kind gut, aber für Kinder mit dieser Liebessprache ist sie besonders unerträglich. So manches harte Wort bleibt bei ihnen lange im Gedächtnis. Eltern sollten sich deshalb unbedingt für jeden rüden Ton entschuldigen. Das, was gesagt wurde, lässt sich zwar nicht ungeschehen machen, aber man kann durch geeignete Maßnahmen den Schaden begrenzen" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:49].

Ungeteilte Zuwendung


Snowqueens Fräulein Chaos fühlt sich von ihr nur dann absolut geliebt und gesehen, wenn sie sich ihr oft im Alltag zuwendet. Das ist ihr so wichtig, dass sie gefühlte einhundert Mal am Tag zu ihr kommt und fragt, ob sie ihr ein Buch vorlesen, mit ihr spielen oder ihr beim Fahrrad fahren zugucken kann [vgl. Chapman, G., Campbell, R., 2012:51]. Wenn sie sagt: "Das geht jetzt nicht, ich koche gerade", versetzt das ihrer Tochter einen Stich, weil sie das Gefühl hat, dass sie nicht genug geliebt wird.

Kind blättert in antikem BuchAntwortet sie jedoch: "Ich koche gerade, setz dich doch zu mir und hilf mit" fühlt sie sich angenommen und ihr Aufmerksamkeitsdefizit wird aufgefüllt. Eine andere Möglichkeit ist, das Kochen kurz zu unterbrechen, mit ihr eine Runde Lotti Karotti zu spielen und dann weiterzukochen. Wenn Snowqueen nämlich ihre Tätigkeit für sie unterbricht, um sich ihr ungeteilt zuzuwenden, füllt sich ihr Liebesspeicher auf. Danach schafft sie es meist, sich selbst zu beschäftigen, ohne alle fünf Minuten vor Mama zu stehen. Dafür muss man aber den Impuls des Genervtseins überwinden und daran denken: Je mehr man schnell und unkompliziert gibt, desto weniger wird gefordert. Ständiges Aufschieben verstärkt das Bestreben des Kindes nur.

Für Kinder, die ungeteilte Zuwendung brauchen, um ihr Aufmerksamkeitsdefizit aufzufüllen, ist beispielsweise die Ankunft eines Geschwisterchens besonders hart, denn mit einem Neugeborenen im Haus fällt es Eltern natürlich schwer, ganz für das große Kind da zu sein. Liest man dem älteren Kind gerade etwas vor und das Baby beginnt zu weinen und man nimmt es in den Arm, geht für den Erstgeborenen eine Welt unter. Für diese Kinder ist es also besonders wichtig, dass Mama so oft wie möglich mit ihnen allein ist, ungestört. 

Kleine Geschenke


Fast alle Kinder freuen sich über Geschenke, doch nur für sehr wenige bedeutet ein kleines Mitbringsel der Mutter echte Aufmerksamkeit und Liebe. Für diese Kinder geht es nicht um den materiellen Wert, sie freuen sich genauso über einen kleinen Stein, eine hübsche Postkarte oder einen selbst geflochtenen Kranz aus Löwenzahn. Man erkennt sie daran, dass sie diese Geschenke "in Ehren" halten - sie bekommen einen Ehrenplatz im Zimmer, werden Gästen vorgezeigt und das Kind merkt sich, in welcher Situation es Dieses oder Jenes bekam. Wichtig ist dem Kind, dass die Eltern offensichtlich an es gedacht haben - das Geschenk ist für es Ausdruck dessen und füllt den Liebesspeicher auf.
Seinen Kindern Aufmerksamkeit zu geben, indem man ihnen ein Geschenk macht, ist eine  Gratwanderung. Denn oft werden Geschenke in unserer Gesellschaft missbraucht - es geht nicht darum, dem Gegenüber eine Freude zu bereiten, sondern oft darum, für eine erbrachte oder noch zu erbringende Leistung erkenntlich zu zeigen.
"Wenn eine Mutter ihrem Kind eine Überraschung mitbringt, weil es sein Zimmer aufgeräumt hat, dann ist das im Grunde kein Geschenk, sondern der Lohn für eine Leistung. Wird eine Eistüte spendiert, damit das Kind schön ruhig ist, dann ist das Bestechung, um das Kind zu manipulieren, aber kein Geschenk. Möglicherweise kennt das Kind die Wörter Lohn und Bestechung noch gar nicht, aber es durchschaut durchaus, was wir tun" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:65].
Macht also bitte nicht den Fehler, eure eingeschränkte Aufmerksamkeit durch tolle Geschenke wettmachen zu wollen - das ist in den allermeisten Fällen der falsche Weg und kann zu Wohlstandsverwahrlosung führen. 

Geht mit offenen Augen durch die Welt und schaut, welche Kleinigkeit Euer Kind glücklich machen kann - ein paar Kastanien oder bunte Blätter im Herbst - ein paar Büroklammern aus dem Büro, mit denen man eine Kette basteln kann, eine kleine Vorratskiste mit Murmeln und Stickern - so kann man dem Kind, das seinen Aufmerksamkeitsspeicher mit kleinen Geschenken besonders effektiv füllt, immer wieder eine Kleinigkeit zukommen lassen kann. 

Hilfe


Mutter hilft Kind beim Anziehen
Schon bevor ihr klitzekleiner Bruder geboren wurde, mochte es Snowqueens Tochter Fräulein Ordnung, wenn man ihr half. Gern ließ sie sich von ihren Eltern anziehen, obwohl sie es schon längst selbst konnte. Manchmal "schaffte" sie es einfach nicht, die Treppe hochzulaufen und war glücklich, wenn sie getragen wurde. Noch heute liebt sie es, wenn Snowqueen ihr beim Treppe hinunter gehen die Hand gibt oder sie ein bisschen auf ihrem Fahrrad schiebt.  Ist ein Kind von diesem Aufmerksamkeits-Typus, dann vermittelt ihm jede freundliche elterliche Hilfestellung die innere Gewissheit, geliebt zu werden. Hilfe bedeutet für diese Kinder Aufmerksamkeit - und das Aufmerksamkeitsdefizit  wird weniger.
"Wenn Eltern dieses Motiv kennen und freundlich auf solch eine Bitte eingehen, dann bekommt das Kind wieder einen gefüllten Liebestank. Reagieren die Eltern aber ungehalten und reparieren den Gegenstand nur widerwillig, dann ist das Fahrrad vielleicht wieder heil, aber die Seele des Kindes nicht. [...] Es ist nicht nötig, dass sie augenblicklich jeden Wunsch erfüllen. Sie müssen nur besonders sensibel sein, wenn das Kind kommt, und sich des Motivs für sein Anliegen bewusst sein" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:84].
Leider haben es Kinder in der Regel schwer, wenn sie vom Hilfe-Aufmerksamkeitstyp sind, weil in unserer Gesellschaft schnelle Unabhängigkeit ein sehr befördertes Erziehungsziel ist. Kinder sollen schnell allein einschlafen, schnell selber essen, sich schnell selber anziehen... Eltern und Erzieher fördern und fordern das stark. Daher hören Kinder immer wieder: "Mach das bitte selbst". Wenn Du also ein Kind hast, das gerne Hilfe bekommt, dann sieh Deine Hilfe einfach als Kraftstoff für den Liebestank. Ja - Dein Kind könnte, wenn es wollte, es will sich aber viel lieber Deiner Liebe versichern.

Achte auf den Füllstand des Aufmerksamkeitstanks! 


Unsere Kinder mögen meist all diese Arten von Aufmerksamkeit - jede einzelne hat für das Kind einen bestimmten Stellenwert. Eine ist in der Regel am wichtigsten - nur wenn wir ihm regelmäßig auf genau diese Art Aufmerksamkeit geben, kann man ganz sicher sein, dass sich das Kind richtig geliebt fühlt und sich sein Aufmerksamkeitsspeicher vollständig füllt. Zwar führen auch die anderen Arten - mehr oder weniger - dazu, dass der Speicher gefüllt wird, aber es ist deutlich mühsamer. Wenn Dir also auffällt, dass ein Aufmerksamkeitsdefizit besteht, dann nimm Dir am besten Zeit, die von Deinem Kind bevorzugte Art an Zuwendung zu geben.
Danielles Tochter zum Beispiel bevorzugt eindeutig die ungeteilte Zuwendung. Aber auch mit positiver Rückmeldung füllt sich ihr Zuwendungsspeicher recht gut. Bekuscheln hingegen könnte man sie den ganzen Tag - am Abend würde sie fragen, wann Mama ihr endlich auch mal Aufmerksamkeit schenken kann - Körperkontakt bedeutet ihr nichts. Das war schon als Baby so und hat sich konsequent fortgesetzt. Das ist für Danielle recht praktisch - denn wenn Geschwister die gleiche Form von Zuwendung lieben, dann wird es schwierig, weil man sich u. U. zerteilen muss. Sie kann ihren Sohn auf dem Arm bekuscheln, während sie ihrer Tochter ihre volle Aufmerksamkeit schenken kann - beide sind damit glücklich.

Achte darauf, dass der Aufmerksamkeitstank gut gefüllt ist. Kinder reagieren erst, wenn ein kritisches Maß unterschritten ist. Wenn wir ihnen dann nur ganz kurz Aufmerksamkeit schenken, dann ist das zwar für eine gewisse Zeit ausreichend, aber das kritische Maß relativ schnell wieder erreicht. Die Kinder wirken schnell wieder unzufrieden und die Eltern denken sich "Herrje - mein Kind hat doch genug Zuwendung bekommen - warum braucht es schon wieder welche?" Das führt dann zur oben beschriebenen Spirale. Ist der Tank hingegen bis oben hin gefüllt, kann man auch längere Durststrecken überwinden.

Dieser Artikel basiert auf dem Buch "Die fünf Sprachen der Liebe für Kinder: Wie Kinder Liebe ausdrücken und empfangen", das es auch als "Die fünf Sprachen der Liebe für Teenager" und "Die fünf Sprachen der Liebe. Wie Kommunikation in der Ehe gelingt" (schaut Euch mal die Bewertungen an!).

© Snowqueen und Danielle

"Die Kindheit ist unantastbar - Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen" - Herbert Renz-Polster


Lesern unsere Blogs ist meine Vorliebe für die Bücher von Herbert Renz-Polster sicher schon aufgefallen - mein absolutes Lieblingsbuch von ihm ist "Kinder verstehen". Umso gespannter war ich auf sein neues Buch "Die Kindheit ist unantastbar - Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen". Der Beltz-Verlag hat es uns freundlicherweise sofort nach seinem Erscheinen am 29. September 2014 zur Verfügung gestellt und wir haben es sofort verschlungen.
 
 

Das Buch

 
Das Buch hat sechs Teile, die jeweils in zwei bis fünf Kapitel untergliedert sind. Ich werde die Teile im Folgenden kurz zusammenfassen.
 
 

Teil 1 Wer erzieht unsere Kinder?

 
Was ist das Ziel unserer Erziehung? Die Antwort darauf wird rund um den Globus und in vergangenen und zukünftigen Zeiten immer grundlegend die gleiche sein: Wir wollen, dass unsere Kinder fähig sind, in der Welt, in der sie leben werden, zu bestehen. Dieses Ziel wird schon immer versucht, auf sehr unterschiedliche Art und Weise zu erreichen - uns ist dabei kaum bewusst, wie stark der Einfluss des Umfeldes ist. Das zeigt sich sehr gut bei einer Betrachtung der Vergangenheit - die Erziehung im Nationalsozialismus gilt heute als menschenunwürdig und wir fragen uns: Wie konnten Eltern mit ihren Kindern so umgehen? Dabei haben sie nichts anderes getan, als wir - sie erzogen nach ihren eigenen Überzeugungen und Gewissheiten und förderten genau die Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihre Kinder vermeintlich brauchen.
 
Im ersten Teil des Buches zeigt Herbert Renz-Polster, dass wir uns nicht bewusst sind, dass Erziehung maßgeblich von der Gesellschaft geprägt ist. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer und immer wieder gewandelt - im Grunde parallel zur geschichtlichen Entwicklung. In der Höhle musste gemeinsam gejagt und gesammelt werden - Zusammenhalt war von hoher Bedeutung. Im Dritten Reich war das Ziel, tapfere und unerschrockene Soldaten und aufopferungsvolle Mütter heranzuziehen. Heute - in der globalisierten Marktwirtschaft - sind Individualität, Durchsetzungsvermögen und umfangreiches Wissen gefragt. Entsprechend ist die Bildung geprägt von raschem und vor allem frühem Wissenstransfer, damit Kinder später möglichst gewinnbringend dem Staat zur Verfügung stehen. Also beeinflusst dieser die Bildungsinhalte nachhaltig. War vor 20 Jahren noch das freie Spiel in der Kita erstrebenswertestes Gut, ist der Kitaalltag heute von ständiger Förderung geprägt. Zweijährige, die lernen bis zehn zu zählen (oder vielmehr lernen eine Wortreihenfolge auswendig zu lernen) und Frühenglisch für Dreijährige.
 
Wer jetzt denkt: Na ich mach so was ja sowieso nicht, für mich ist das also nicht relevant, der staunt in diesem Kapitel, wie auch die übrigen von uns vermittelten Werte im Grunde gesellschaftlich beeinflusst sind.
 
 

Teil 2 Die pädagogische Mobilmachung


Der zweite Teil des Buches beschreibt, in welcher Form die Wirtschaft Einfluss auf die Bildung nimmt. Exemplarisch genannt ist das Projekt "Haus der kleinen Forscher", das von der Unternehmensberatung McKinsey ins Leben gerufen wurde und zeigt, wie unternehmerische Interessen in die Kitas eingebracht werden. Dabei sind die Interessen von Kind und Eltern jedoch nicht berücksichtigt worden. Im Grunde diktiert die Wirtschaft die Bildungsinhalte in den Kitas, um für den eigenen Nachwuchs zu sorgen.

Es wird kritisiert, dass die Kindheit heute eine Beschleunigung erfährt und das freie Spiel mittlerweile als unnütz deklariert wird, weil die Produktivität und Effizient im Vordergrund stehen. Es wird außerdem die Praxis der Reihentests (Pisa, Sprachstandsuntersuchungen) infrage gestellt und gefragt, ob Effektivität und Nützlichkeit für ein Kind so wichtig sind. Auch der Einfluss der Stiftungen wird hinterfragt - warum wohl fließt so viel Geld der Wirtschaft in Bildungsprojekte? Reine Nächstenliebe? Wohl kaum.
 

Teil 3 Unterschiedliche Akteure - unterschiedliche Interessen?


In diesem Teil geht es zum einen um die Heterogenität der deutschen Eltern in Bezug auf ihre Erwartungen und Ziele, zum anderen um die Rolle der "Wissenschaft". Renz-Polster sensibilisiert dafür, dass wissenschaftliche Studien in der Regel Geldgeber haben, die eine bestimmte Erwartungshaltung haben und damit maßgeblich das Studiendesign und somit auch die Ergebnisse beeinflussen. Zudem gibt es häufig widersprüchliche Ergebnisse.

Es wird darüber hinaus ausführlich auf die Entwicklung der Bildung in Deutschland und dabei besonders auf die Rolle des Staates in den jeweiligen Entwicklungsepochen eingegangen. Es wird einmal mehr deutlich, dass die Inhalte der Bildung maßgeblich davon beeinflusst sind, welche Leistungen und Funktionen im Staat benötigt werden. Der große Einfluss führt zudem dafür, dass am Bedarf vorbei ausgebildet wird - die Hörsäle in Deutschland sind mit ambitionierten Studenten überfüllt. Alle wollen hochbezahlte Spezialisten sein - dem gegenüber steht jedoch nur eine stark begrenzte Anzahl solcher Arbeitsplätze. Der breite Mittelstand bietet jede Menge Arbeitsplätze, hat jedoch Nachwuchssorgen. Dennoch wird von der Wirtschaft die frühe Spezialisierung weiter vorangetrieben - sogar schon in Kitas.
 
 

Teil 4 Der pädagogische Belagerungsring rund um das Kleinkind


Dieser Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit den Entwicklungen im Kita-Konzept der letzten Jahrzehnte - vor allem in Bezug auf die Bildung. Bemängelt wird unter anderem der Dokumentationswahn und die immer geringere Bedeutung des freien Spiels. Es entwickeln sich sogar Einrichtungen ganz ohne Garten, dafür aber mit speziellen Angebote von "Experten" aus der Wirtschaft.

Die Entwicklung der Bildungsziele vollzieht sich quasi ohne Einfluss derjenigen, die direkt am Kind arbeiten - stattdessen beschließen Menschen, die noch nie eine Kita betreten haben, was das beste für unsere Kinder ist. Es wird ganz klar festgestellt: Nicht an Bildung mangelt es in den Kitas, sondern an einem vernünftigen Personalschlüssel. Denn nur wo Kinder sich geborgen und gebunden fühlen, haben sie überhaupt erst die Fähigkeit, etwas zu lernen.
 
 

Teil 5 In der Klemme


Das Dilemma bei der frühkindlichen Bildung besteht vor allem in einer Spezialisierung am Bedarf vorbei. Von klein auf wird Kindern suggeriert, dass nur Leistung späteren Erfolg verspricht. Dabei ist das Wachstum begrenzt - wäre es nicht sinnvoller, die Kinder auf eine Welt vorzubereiten, in der es nicht nur um Konsum geht? Die heutige Bildung verliert etwaige zukünftige - bereits absehbare - Entwicklungen aus dem Blick und führt dazu, dass fast alle Teilnehmer wie in einem Hamsterrad im Kreislauf aus Förderung und Druck gefangen sind.

Es wird außerdem die Frage gestellt, wem die Bildungshoheit gehören sollte - während die Schulen fast hauptsächlich der staatlichen Kontrolle unterliegen, ist die Trägerschaft bei den Kitas recht vielfältig. Renz-Polster beschreibt eindrucksvoll, warum es ein Problem ist, dass sich die Schüler in Bezug auf Herkunft und Leistungsniveau in den Schulen kaum noch durchmischen. Problematisch ist dabei vor allem, dass "schwierigere" Schulen kein zusätzliches Personal bekommen und somit gezielte Bildung für diejenigen schwierig wird, die diese am dringendsten benötigen.
 
 

Teil 6 Der magische Kern der Kindheit

 
Im letzten Abschnitt wird noch mal kurz zusammengefasst, warum der Autor der Meinung ist, dass wir unserer Kinder - mehr oder weniger bewusst - nicht so erziehen, wie es für die am besten wäre, sondern wir vielmehr davon geleitet sind, sie darauf vorzubereiten wofür sie mal gebraucht werden.
 
Es entsteht ein "widersprüchliches Dreieck der Erziehung", bei der die Interessen des Kindes, der Wirtschaft und der Gesellschaft in einer spannungsbeladenen Beziehung zueinander stehen. Darüber hinaus ist für ein erfolgreiches Bestehen im Leben nicht frühstmögliche Bildung ein Erfolgsfaktor (man kann auch mit 30 noch Lesen lernen), zudem sich das Kind im Grunde alle Grundlagen durch freies Spiel in der Natur ganz allein aneignen kann. Vielmehr kommen es in der Kindheit auf den Erwerb der Fundamentalkompetenzen (Impulskontrolle, soziale Kompetenz, Resilienz und Kreativität) an - nur können diese nicht pädagogisch vermittelt werden, da sie allein im Zusammenwirken mit anderen Menschen erwerbbar sind. Und dieses Zusammenwirken kommt durch den Fokus auf die Bildung in der Kita heutzutage zu kurz.
 
Die klare Empfehlung lautet daher, dem Ansturm der frühkindlichen Bildung stand zu halten und viel mehr Wert auf ein stabiles Beziehungsgeflecht zu legen. Kann das Kind viel Zeit in altersheterogenen Spielgruppen verbringen, erwirbt es die meisten Kompetenzen ganz spielerisch von selbst. Die Erziehung sollte unter der Maxime stehen: Nicht das Maximum an Optimierung rausholen, sondern lieber drohenden Schaden abwenden. Außerdem sollte man sich von dem Gedanken lösen, dass Erfolg im Leben der einzig entscheidende Faktor ist. Auch wenn man wenige Möglichkeiten hat, das bestehende System zu ändern, so hat man an vielen Stellen dennoch die Wahl. Sei es in der Wahl der Betreuungseinrichtung oder bei den eigenen Ansprüchen. Stellen wir uns doch einfach mal die Frage: "Was genau suchen wir eigentlich im Leben?"
 
 

Meine Meinung zum Buch


Anfangs war ich relativ gespalten. Mir war der Einfluss der Wirtschaft auf das heutige Erziehungsideal nicht wirklich klar - aber nach allem, was ich mittlerweile gelesen habe, kann ich der Behauptung, dass wir uns im Grunde nur darauf konzentrieren, unsere Kinder "fit fürs Leben" zu machen, zustimmen. Meist liegt der Fokus dabei auf der beruflichen Entwicklung. Je nach Elternhaus besteht schon die Erwartung, dass das Kind eine erfolgreiche schulische Laufbahn hinter sich bringen soll, um dann eine möglichst sichere und gut bezahlte Stelle zu finden und  dadurch finanziell abgesichert zu sein. Also liegt der Fokus der heutigen Erziehung darauf, den Kindern so früh wie möglich alle Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, die sie dazu vermeintlich benötigen. Das war mir so nicht bewusst - obwohl ich mich für eigentlich sehr reflektiert halte.

Gespalten war ich deshalb, weil ich zwar die Analyse gut nachvollziehen konnte, mir aber klar war, dass es für dieses Problem keine wirkliche Lösung gibt. Zumindest keine effektive. Aber je mehr ich las, desto klarer wurde mir, dass zwar die übermächtige Wirtschaft ihren Einfluss noch lange Zeit - möglicherweise noch sehr lange Zeit - weiter ausüben wird, aber ich als einzelner tatsächlich die Möglichkeit habe, etwas dagegen zu tun. Wenn auch in sehr beschränktem Rahmen.

Das Buch hat mir dabei geholfen, mein Weltbild in Bezug auf die Vorstellungen für meine Kinder zu festigen. Schon vor einigen Wochen habe ich mich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, meine Kinder auf einer Montessori-Schule anzumelden. Das hatte ich bis dahin aus reiner Bequemlichkeit nicht wirklich erwogen. Die staatliche Grundschule ist fußläufig erreichbar, mein großes Kind ist selbstbewusst und ganz clever, die würde das da schon irgendwie hinkriegen. Je mehr ich mich jedoch mit dem Montessori-Ansatz auseinander setzte, desto klarer wurde mir, dass die Montessori-Schule im Grunde die absolut konsequente Fortführung meines Erziehungsansatzes wäre. Und aus reiner Bequemlichkeit (ich müsste ins Auto steigen und sie jeden Tag bringen und abholen) auf die nach meiner Meinung beste Form der Schule zu verzichten? Mittlerweile hoffe ich ernsthaft, dort einen Platz zu erwischen - die Nachfrage ist riesig.

Sollte es nicht klappen, werde ich mich mit der Grundschule arrangieren müssen. Das Buch hat mich in meinen Plänen bestärkt, dann möglichst wenig Druck während der Schulzeit aufzubauen - ich möchte mich von dem Gedanken lösen, dass gute Noten wichtig sind. Ich möchte meinem Kind möglichst lange die Freude am lernen bewahren und ihm zugestehen, in Fächern, zu denen es einfach keinen Zugang findet (und auch nicht finden möchte), auch mal eine 5 auf dem Zeugnis mit nach Hause zu bringen - ohne dass es ein Donnerwetter gibt. Ich bin gespannt, wie entspannt ich das dann wirklich sehen werde. Auf jeden Fall will ich mich immer und immer wieder darauf besinnen, meinen Kindern so viel Kindheit wie möglich zu schenken.

Einen ersten Schritt habe ich heute morgen gemacht, gleich nachdem ich das Buch zugeschlagen hatte. Ich habe die Kitaleiterin darüber informiert, dass ich auf die Dokumentation der Entwicklung meiner Kinder durch die Erzieherinnen ausdrücklich verzichte. Gerade jetzt im Vorschuljahr wird jedes Kind ausführlich analysiert und bewertet - das kostet die Erzieherin pro Kind etwa vier Stunden. Statt mir mein Kind, das ich sehr gut kenne, bis ins Kleinste durch Ankreuzlisten zu beschreiben, soll sie in dieser Zeit lieber was vorlesen oder die Kinder beim freien Basteln unterstützen. Gerade kam die Antwort der Leiterin - sie verstünde die Motivation meines Wunsches nicht, würde mir aber versichern, dass die Ergebnisse nicht an die Schule weiter gegeben würden. Sie zieht offenbar gar nicht in Betracht, dass jemanden diese Bewertungsbögen gar nicht interessieren?

Alles in allem bin ich froh, das Buch gelesen zu haben - auch wenn es sich nicht ganz so flüssig liest, wie die bisherigen Erscheinungen. Ist einfach ein bisschen schwerere Kost, aber definitiv lesenswert!
 
Unseren Blog kann man übrigens unterstützen, wenn man das Buch (oder auch etwas anderes ;-) über diesen Link bestellt :-).
 
 

© Danielle
 
 
 

Weitere Rezensionen von Büchern von Herbert Renz-Polster


"Menschenkinder - Plädoyer für eine artgerechte Erziehung"

"Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum"

"Gesundheit für Kinder - Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln: Moderne Medizin - Naturheilverfahren - Selbsthilfe" 

Wenn das Kind Eltern aggressiv schlägt, tritt und beißt


wütendes KindUm den dritten Geburtstag herum bemerken einige Eltern eine Änderung des Wutverhaltens ihres Kindes - es wird aggressiver und überschreitet massiv die Grenzen derer, an die sich der Ärger richtet. Zunächst sind das meist die Eltern. Dieser Artikel richtet sich deshalb vornehmlich an Eltern, die immer mal wieder in Situationen geraten, in denen ihr 3-6- jähriges Kind versucht, sie zu hauen, treten oder beißen.

Wenn unsere Kinder jünger sind, können wir Eltern die Wutausbrüche unserer Kinder meist noch gut nachvollziehen. Sie waren frustriert darüber, etwas noch nicht richtig zu können, nicht gut verstanden zu werden oder etwas nicht zu dürfen, das sie unbedingt wollen. Das daraus resultierende Hauen, Kneifen, Beißen und Spucken war ein hilfloser Versuch, dies mit Nachdruck auszudrücken. Auch, wenn wir Eltern diese Ausbrüche anstrengend fanden, konnten wir relativ gut empathisch darauf reagieren, denn unsere Kinder waren schließlich noch klein. Wir verstanden, dass ihre Impulskontrolle noch nicht soweit ausgereift war, als dass sie sich in solch überwältigenden Momenten adäquat unter Kontrolle hätten halten können. Über die frühe Autonomiephase bei Kleinkindern haben wir einen gesonderten Artikel geschrieben.

Ab 3 Jahren aber steigert sich die Wut unserer Kinder plötzlich noch einmal, die Ausbrüche erreichen ein neues Level. Eins, das uns Eltern erschreckt und ratlos macht. Das Hauen passiert nicht mehr nur im Affekt, sondern wird von unseren Kindern gezielt eingesetzt. Wenn wir uns dem entziehen wollen und weggehen, kommen sie hinterher, um uns weiter zu hauen. Dinge werden mit voller Absicht zerstört, nach Tieren wird getreten, andere Kinder werden mit dem Finger oder einem Stock "totgeschossen", die eigene Mutter wird verbal aus dem Fenster geworfen und ein "und dann bist du tot, so!" gibt dem Wunsch noch einmal besondere Schwere.

Selbst Eltern, die bis dato mit voller Überzeugung Attachment Parenting lebten und den Ablöseversuchen ihrer sicher gebundenen Kinder mitfühlend und verständnisvoll entgegentraten, bekommen es nun in der Regel mit der Angst zu tun. Wenn meine Vierjährige mich mit voller Absicht haut, wenn sie versteht, was sie da tut und dass mir das weh tut und sie auch nicht aufhört, wenn ich mit klaren Worten darum bitte - ziehe ich mir dann nicht vielleicht doch den vielfach beschrieenen Tyrannen heran, wenn ich das weiterhin zulasse? 

Die Angst der Eltern 


Eine kleine Umfrage in meinem Lieblingsforum ergab, dass Eltern aggressiver Drei- bis Sechsjähriger große Ängste umtreibt: Dass ihre Kinder diese Methode des Wutablassens für immer beibehalten und auf jede kleine Irritation mit Gewalt reagieren. Dass sie deshalb von anderen Menschen abgelehnt werden und schon im Kindergarten zum Außenseiter werden. Oder dass sie zu erwachsenen Schlägern werden - solche, die Asylbewohnerheime anzünden und jene, die abends wehrlose Opfer auf dem U-Bahnsteig krankenhausreif treten. Diese Gedanken sind mir nicht fremd, auch mich ergreift diese Angst in schwachen Momenten. Ich möchte, dass meine Kinder glücklich sind. Sie sollen dazugehören und Freunde haben und nicht so wütend sein müssen, dass sie den Wunsch haben, anderen weh zu tun oder sie gar zu töten. Deshalb mache ich mich nun in diesem Artikel auf die Suche nach der Ursache von Gewalt und Hass: Was muss passieren, damit ein Mensch böse wird und gibt es etwas, das wir Eltern tun können, um dem entgegenzuwirken? 

Wie wird ein Mensch zum aggressiven Schläger? 


Wenn ein Kind geboren wird, ist es zunächst völlig abhängig von den Eltern und darauf angewiesen, dass sie aus Liebe zu ihm seine grundlegenden Bedürfnisse erfüllen. Zu Zeiten unserer Urgroßeltern, Großeltern und Eltern ging man davon aus, dass diese Bedürfnisse vor allem aus Schlafen, Essen und sauberer Windel bestehen. Erst nachdem die Bindungstheorie einer breiteren Masse an Eltern zugänglich wurde und die Auswirkungen einer nicht bindungsorientierten Erziehung zur Genüge an den älteren Generationen erkannt werden konnte, wurde klar, dass das wichtigste grundlegende Bedürfnis eines Menschen eigentlich darin besteht, für einen anderen Menschen wertvoll zu seinund zwar genau so wie man ist. Kinder wie Erwachsene möchten für andere wertvoll sein, ohne sich verstellen zu müssen.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb der amerikanische Psychologe William James, dass
"es tödlich ist, wenn ein Mensch von den anderen nicht anerkannt wird in seinem Sein, dass er sogar noch als Erwachsener daran verrückt werden kann. Menschen können daran sterben" [vgl. Gruen, A. 2001: S. 14]. 
Schon allerkleinste Babys streben danach, für ihre Eltern wertvoll zu sein und tun ihr bestmögliches, um den unbewussten Wünschen ihrer Eltern zu entsprechen, damit sie in Kontakt mit ihnen bleiben können. Denn ohne echten emotionalen Kontakt müssen sie eingehen. Den Eltern ist das oftmals nicht bewusst, auch nicht, welch fatale Rolle sie dabei spielen. Denn ihre Erwartungen und Wünsche an das Kind drücken sich oft unbewusst aus, sie werden von den Kindern mit an ein Wunder grenzender Präzision erspürt und erfüllt, denn sonst - auch das läuft oftmals unbewusst ab - werden die Eltern kalt und emotional nicht mehr verfügbar.

Da aber, wie gesagt, diese emotionale Verbindung, überlebenswichtig für unsere kleinen Kinder ist, verbiegen sie sich und ihre eigenen Bedürfnisse manchmal bis zur Unkenntlichkeit, um den Kontakt zu ihrer primären Bindungsperson aufrecht erhalten zu können. Der Psychoanalytiker Arno Gruen schreibt in seinem Buch "Hass in der Seele. Verstehen, was uns böse macht":
"Kinder können nicht überleben, wenn sie keinen Zugang zu ihren Eltern haben. Deshalb tun sie alles, um den guten Willen der Eltern auf sich zu ziehen, um das aufrecht zu erhalten, wovon sie glauben, dass es Liebe ist. Kinder brauchen Liebe und Zuwendung, um zu überleben und weil sie das so dringend brauchen, können sie es nicht aushalten, wenn Eltern kalt und ablehnend werden" [Gruen, A., 2001: 13].
"Wenn wir ganz früh zum Opfer gemacht wurden, weil die Eltern uns ja in unserem Sein nicht entgegenkamen, bleiben wir gefangen in einem Schuldgefühl. Es geht ja um unser Überleben. Deshalb können wir gar nicht glauben, dass die Eltern uns nicht lieben, dass sie nicht fähig dazu sind. Wenn wir das als Säuglinge erkannt hätten, dann wären wir in eine tiefe Depression versunken und gestorben. Also deuten wir das Geschehen um, um am Leben zu bleiben, nehmen wir also die "Schuld" auf unsere Schultern, wir deuten die Situation gegen uns selbst um, so dass wir fühlen, dass die Kälte der Eltern aus unserem Versagen emporsteigt. Wir sind schlecht. Paradoxerweise rettet diese Schuld aus einer für ein Kleinkind unmöglichen Situation, nämlich aus der Situation, nicht geliebt zu werden. Wir überleben, indem wir uns die Schuld anlasten, indem wir glauben, wir haben etwas nicht richtig gemacht [...] und indem wir glauben: Wenn wir daran schuld sind, wie wir behandelt werden, dann werden wir eines Tages den Schlüssel finden, um uns ändern zu können. [...] Aber wenn wir den Schlüssel haben, dann können [...] die Eltern endlich ihre Liebe zu uns ausdrücken" [vgl, Gruen, A., 2001:45f]. 
Dieses Verbiegen und Unterdrücken eigener Bedürfnisse, um die Bedürfnisse der Bindungspersonen so gut es geht zu erfüllen, ist der entscheidende Schlüssel zu der Frage, warum Menschen böse werden. Zu Schlägern, zu Nazis und Neonazis, zu Mördern. In kleinerem Maße führt das Verbiegen auch zur Oma, die andauernd hinter dem Fenster lauert, um die spielenden Kinder im Hof zu vertreiben, zur Mutter, die am Sandkasten ein fremdes Kind maßregelt, weil seine Mutter in ihren Augen nicht hart genug durchgreift und zum Opa, der sich in der Straßenbahn darüber aufregt, dass das Kind mit Schuhen auf dem Sitz steht.
Cover Wie Frau B so böse wurdeNicht ganz wissenschaftlich präzise kann man sagen, dass das, was man einst kurz nach der Geburt war und was die primären Bindungspersonen jedoch mit unbewusst kalten Reaktionen unterbunden haben, zu dem wird, was man als Erwachsener dann mit Vehemenz in anderen Menschen bekämpft. Dann wird das laute, fröhliche und ungestüme Mädchen, das von allen Seiten hörte, Kinder solle man zwar sehen, aber nicht hören können, zu der verbitterten alten Frau, die es nicht aushalten kann, wenn die Kinder in ihrem Haus auf dem Hof vor Freude kreischen oder sich laut und lebendig miteinander streiten. Diese Lebensfreude der Kinder berührt auf unangenehme Weise das, was sie hätte sein können, aber nicht durfte und das sie aus Liebe zu ihren Eltern tief in sich vergraben hat.  
"Der Fremde in uns ist [...] der Teil, der uns [...] abhanden kam, weil wir kein Echo dafür bekamen, schlimmer noch: weil dieser Teil aus irgend einem Grund von den Eltern, den Erwachsenen, die uns umgeben, nicht angenommen wurde, weil sie sich davor fürchteten oder weil sie davon nichts wissen wollten. Der Fremde in uns ist der Teil, der eigentlich mit uns, wie wir hätten sein können, am meisten zu tun hat. Und das ist unsere Tragödie: Wenn dieser Teil von uns selber zum "Fremden" wird, dann sind wir für den Rest unseres Lebens Getriebene, wir sind auf der Jagd nach diesem Teil, aber nicht in einem positiven Sinn. Wir suchen immer wieder den Kontakt zu diesem uns abhanden gekommenen Teil, um ihn zu bestrafen, um ihm Gewalt anzutun, was wir in unserer eigenen Geschichte erlebt haben. Wir geben andauernd weiter, was uns angetan wurde" [vgl. Gruen, A. 2001: 11].
Dass Kinder von Eltern, die schlagen, oftmals selbst zu Schlägern werden bzw. sich Partner suchen, die sie schlagen, weil sie das für Liebe halten, ist hinlänglich bekannt. Doch dieser Mechanismus wirkt nicht nur im Extremen, sondern in fast allen von uns. Ich kann mich nicht an meine eigene frühe Erziehung erinnern, sie lief wohl ab, wie für die 70er Jahre typisch in der DDR. Ich erinnere mich jedoch sehr genau daran, dass meine Mutter sich zum Weinen immer zurückgezogen hat. Dass niemand sie "so" sehen sollte und dass es mich als Kind schier zerrissen hat, nicht zu ihr gehen zu dürfen, um sie tröstend in den Arm zu nehmen.


Kind sitzt draußen auf dem Boden
Ich selbst habe lange Zeit dasselbe Muster wiederholt, habe mich bei Traurigkeit und Schmerz von meinen Liebenden zurückgezogen und wollte es "mit mir selbst ausmachen". Es hat mich einiges an Kraft und viel Geduld seitens meiner Partner gekostet, das einigermaßen zu überwinden und mich zu öffnen und trösten zu lassen. Trotzdem schaffe ich es nicht, wahrhaftig emotional zugewandt zu bleiben, wenn meine Kinder (scheinbar grundlos) weinen. Ich wünsche es mir und ich arbeite daran, und doch...

Ein paar Monate nachdem unser drittes Kind geboren wurde, hatte eine meiner Töchter eine Phase, in der sie morgens aufwachte, kurz glücklich schien, aber nach ein paar Minuten plötzlich anfing zu weinen. Jeder Morgen wurde zum Drama. Sie stand auf und weinte. Sie zog sich an und war unglücklich. Sie putzte Zähne und schluchzte. Sie sollte sich entscheiden, was sie frühstücken wollte und brach in Tränen aus.... Das brachte mich wirklich, wirklich an meine Grenzen. Ich wollte sie so gern annehmen, ich wollte sie trösten und im Arm halten, bis es vorbei war. Aber mit jedem Tag, der verging, mit jedem Tag, an dem sie wieder weinend aufstand, wurde ich ungeduldiger, ja, sogar innerlich aggressiv. Sätze wie "Nun ist aber mal gut!" und "Es gibt doch gar keinen Grund zum Weinen!" flogen mir über die Lippen, ohne, dass ich sie bewusst im Gehirn geformt hatte. Ich wollte kein weinendes Kind - ich wollte ein glückliches. Denn das Weinen meines Kindes machte mir ein schlechtes Gewissen und diesen Schmerz konnte ich einfach nicht aushalten.

Ich ahnte, dass es wohl meine Entscheidung für ein weiteres Geschwisterchen und die darauf folgende Beschneidung meiner Zeit mit meiner ältesten Tochter waren, was sie unglücklich machte. Also bemühte ich mich redlich darum, Trost zu spenden. Ich nahm sie in den Arm, ich ließ sie weinen. Doch je länger sie in meinen Armen weinte - ihr Schmerz schien nicht enden zu wollen, ihre Tränen versiegten nicht - desto stärker spannte sich in mir ein Band. Ich kann es nicht anders beschreiben als das: In mir brannte der Wunsch, für sie da zu sein, doch dieses Da-Sein zog an meinem Herzen wie ein Gummiband und verursachte mir unsägliche Schmerzen. Irgendwann war das Band bis zum Zerreißen gespannt, mein Gehirn schaltete auf Autopilot: Das Gummiband schnappte zurück, mein Mund sagte: "So, und nun hör mal auf mit dem Weinen, wir müssen endlich losgehen." und der Schmerz in meinem Herzen verging.
Aber nicht in ihrem.  
Cover das RegenmädchenTrotzdem tat sie mir den Gefallen - ihr Weinen wurde von Tag zu Tag weniger. Sie kam nicht mehr zu mir, wenn sie weinte, sondern schluchzte in ihr Kissen. Sie versteckte ihre Traurigkeit, lächelte mich tapfer an, während ihre Augen noch rot waren. Sie fing an, brav mit dem Kopf zu nicken, wenn mir mal wieder ein "Nun ist aber gut..." entwischte.

Mich machte das traurig - und erleichterte mich zugleich. Ich konnte sehen, dass ich ihr die Möglichkeit beschnitt, echte Traurigkeit ohne Schuldgefühle auszudrücken und doch genoss ich es, nicht jeden Morgen ein Häufchen Elend begleiten zu müssen, während noch zwei andere Kinder um meine Aufmerksamkeit buhlten. Meine Tochter opferte ihren Zugang zu einem Teil ihrer Gefühle, damit es mir besser ging. Das Band in meinem Herzen musste sich nicht mehr spannen - sie zog nicht mehr daran...

Wir Menschen reagieren also besonders aggressiv und wütend auf das, was wir in frühster Kindheit von uns selbst verleugnen mussten, damit unsere Eltern uns zugewandt blieben. Jemand, der keine Schwäche zeigen durfte, reagiert besonders heftig auf Menschen, die schwach sind. Jemand, der immer leise sein musste, um nicht zu stören, reagiert ungehalten auf laute Kinder. Jemand, der als Baby resigniert mit dem Schreien aufgehört hat, wird besonders aggressiv, wenn das eigene Baby schreit. Nun sind wir, unsere Eltern, Großeltern und sicherlich auch schon die Generation unserer Urgroßeltern ja erwiesenermaßen nicht besonders bedürfnisorientiert aufgewachsen. Wir sind nach der Uhr gefüttert worden, haben uns in den Schlaf geweint und wenn wir uns weh taten, hörten wir mehrheitlich: "Ist doch gar nicht schlimm, hab dich mal nicht so! Ein Indianer kennt keinen Schmerz" - trotzdem sind wir nicht alle zu U-Bahn-Schlägern und Mördern geworden. Wie kommt das? 

Resilienz und andere positive Faktoren 


Selbst, wenn die echten Bedürfnisse eines Kindes so massiv missachtet werden, wie in der Zeit des dritten Reiches, kann das Gute im Menschen weiterhin siegen. Etwa 30% der Kinder heutzutage wachsen so auf, dass sie ununterbrochen negative Erfahrungen machen [vgl. Gruen, A., 2001, 65]. Sie müssen sich in den Schlaf weinen, werden nicht gefüttert, wenn sie Hunger haben, sondern wenn es "an der Zeit" ist, ihre Bindungspersonen gehen nicht feinfühlig auf sie ein und schon früh werden ihnen böse Eigenschaften zugeschrieben: "Der schreit nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen", "Der tanzt uns auf der Nase rum", "Du bist ein böser Junge", "Immer machst du Quatsch, ich kann mich echt nicht auf dich verlassen".....

40 % der Kinder haben sowohl positive als auch negative Erfahrungen: Sie haben vielleicht einen feinfühligen und einen weniger feinfühligen Elternteil  [vgl. Gruen, A., 2001, 65].  Oder sie wurden zwar im ersten Jahr bedürfnisorientiert behandelt, aber ab dem ersten Geburtstag immer stärker in ein Regelkorsett gezwungen und bei Verstößen vielleicht zur Auszeit ins Kinderzimmer geschickt o. Ä. Möglicherweise werden diese Kinder zwar mit "Wenn... dann..." erpresst, aber die Mutter schafft es trotzdem in anderen Situationen, auf ihr Kind zugewandt zu reagieren. Zu diesen Kindern gehören meine - und ich denke, auch eure. Mit einer Erziehungsvergangenheit wie unserer, ist es uns schlicht unmöglich, immer richtig zu reagieren und das ist auch nicht nötig. Eine "good enough mother", wie Donald Winnicot beschreibt, zu sein, reicht völlig aus.

Wichtig zu wissen ist, dass die positiven Aspekte möglichst überwiegen sollten. Wenn man unter der Dusche steht und 10 Minuten lang nicht hört, dass das Baby aufgewacht ist, und weint, ist das noch lange kein Grund, sich selbst zu geißeln und zu vermuten, die Mutter-Kind-Bindung sei nun zerstört, solange man die überwiegende Zeit des Tages die Signale des Kindes richtig entschlüsselt und beantwortet. Wichtig ist auch, dass das Kind sich selbst im "Strahlen der Augen der Bindungsperson" wiederfindet, d. h. dass die Mutter oder der Vater es voller Stolz und Liebe betrachten und sie ihr Kind, im Großen und Ganzen, ganz und gar knorke finden, wie der Berliner sagt. Dieses echte Glänzen in den Augen der Eltern, wenn sie ihr Kind ansehen, wirkt viel stärker als jedes verbale "Ich liebe dich!"

Cover Ich war die in der SchuleDie letzten 30% der Kinder haben nahezu ideale Eltern und werden wirklich bedingungslos geliebt und in ihrem Selbst angenommen und bestätigt  [vgl. Gruen, A., 2001, 65].  Wer ein gutes Beispiel für diese Art Aufwachsen sehen möchte, dem sei die Familie Stern ans Herz gelegt, insbesondere Andre Sterns Bücher  "Mein Vater, mein Freund" und "...und ich war nie in der Schule". Alles, was ein Kind tut, wird von den Eltern als richtig und notwendig auf dem Weg des Erwachsenwerdens gedeutet. Sie haben ein großes Vertrauen in die Fähigkeit der Kinder, zu kooperieren, so dass ein erzieherisches Eingreifen in den allermeisten Situationen unnötig ist. Die breite Skala aller Gefühle darf bei diesen Kindern zum Tragen kommen und wird liebevoll begleitet. Kinder, die so aufwachsen, entwickeln ein gesundes Selbstwertgefühl und haben als Erwachsene selten Probleme mit Aggression [vgl. Juul, J., 2013: 80].

Zu erwachsenen U-Bahn-Schlägern und Mördern können die Kinder werden, deren echte Bedürfnisse schon früh massiv missachtet, die im Zuge dessen von ihren eigenen Gefühlen quasi abgeschnitten sind. Jene, die früh internalisiert haben "Ich bin schlecht. Weil ich andauernd etwas falsch mache, müssen meine Eltern mich bestrafen." Doch nicht alle werden zu Schlägern! Auch unter diesem 30% der Kinder gibt es jene, die über sich hinaus wachsen und ihre Kindheit hinter sich lassen. Man nennt dieses Phänomen Resilienz - wir werden darüber noch einen ausführlichen Artikel schreiben. Bei wieder anderen bricht die Aggression nur in Zeiten von Unsicherheit aus, bspw. wenn es der Nation gerade wirtschaftlich schlecht geht, bei einer hohen Arbeitslosenquote und schlechten Jobaussichten. Diese Unsicherheit aktiviert die früh verinnerlichten Ängste, welche die Menschen jedoch nicht ertragen können, weil sie sich in solchen ängstlichen Momenten als schwach erleben. Der Ekel über die eigene aufsteigende Schwäche wandelt sich in Aggression um. Man denke nur an den Ausländerhass, der immer dann am stärksten zu tragen kommt, wenn ein extremer politischer Wandel oder hohe Arbeitslosenzahlen die Grundfeste erschüttern [vgl. Gruen, 2001: 67ff].

Insgesamt kann festgestellt werden, dass eine ganze Menge schief laufen muss, bevor ein Mensch böse wird. Leider geschieht das heutzutage immer noch viel zu oft, da sich die breite Masse der Eltern nicht bewusst ist, welche Verantwortung sie gerade in den ersten drei Jahren tragen. Immerhin bemühen sich die jüngeren Generationen der Eltern immer stärker, einen bedürfnisorientierten, feinfühligen Umgang mit ihren Kindern zu pflegen, um ein psychisch gesundes Aufwachsen ihrer Kinder zu begünstigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese bedürfnisorientiert aufgewachsenen Kinder niemals wütend oder aggressiv werden - diese Gefühle gehören zum Menschen einfach dazu. 

Warum werden Kinder manchmal aggressiv? 


Konnte ich euch die Angst nehmen, dass eure Kinder später einmal zu Schlägern werden? Dann lasst uns nun genauer darauf schauen, warum sie manchmal aggressiv reagieren.

Wie ich weiter oben im Text schon mehrmals erwähnte, möchten alle Menschen für eine andere, geliebte Person wertvoll sein. Manchmal kommt in einer Beziehung aber das Gefühl, wertvoll für den andere zu sein, abhanden. Vielleicht ist man frustriert, weil der Partner dem, was man sagt, keine Aufmerksamkeit schenkt und man alles dreimal wiederholen muss. Oder die Ehefrau fühlt sich verletzt, weil sie ihrem Mann für das Studium den Rücken frei hält, indem sie Kinder und Haushalt allein betreut, und er an seinem freien Wochenende dann aber lieber sein Arbeitszimmer aufräumt, als mit seiner Familie auf den Spielplatz zu gehen. 

In Korrelation zur Stärke des Verlustes reagieren Menschen dann mit Graden an Aggression. Hört dein Partner dir einmal nicht zu, dann magst du das noch abtun als Nichtigkeit, passiert das aber häufiger, baut sich innerlich ein großer Frust auf, der sich irgendwann wütend entlädt, z. B. durch einem Streit. Erfährt eine Ehefrau von einer Affäre ihres Mannes, kann es durchaus sein, dass ihr Gefühl, wertvoll für ihn zu sein, so abhanden kommt, dass sie auf ihn los geht, um ihn voller Wut, Trauer und Aggression zu hauen [vgl. Juul, J., 2013: 81ff]. Verliert ein Erwachsener oder ein Kind also das Gefühl, für eine ihm bedeutungsvolle Person wertvoll zu sein, reagiert er mit Aggression - oder Rückzug.
"Ungefähr die Hälfte aller Kinder versucht, ihr Unwohlsein zu verinnerlichen; sie werden introvertiert, leicht zu handhaben und versuchen, nicht mehr Wind als nötig zu machen. [...] du musst ihnen sehr nah sein, um den dunklen Schatten zu erkennen, der sich um ihre Augen, vielmehr ihr Gemüt gelegt hat. Die andere Hälfte wird den Mangel an Wohlbefinden nach außen tragen und später "ausleben", wie man das unglücklicherweise formuliert" [vgl. Juul, J., 2013:87f9].
Während Kinder, die sich in sich zurückziehen, für ihr "gesellschaftsadäquates" Verhalten meist gelobt werden, ernten Kinder, die ihren Schmerz über das Gefühl des Werteverlustes über die Strategie des "Schwierig-Seins" offenbaren wollen, meist herbe Kritik. Dadurch erleben sie sich als noch weniger wertvoll und agieren diesen Schmerz noch stärker aus - ein Teufelskreis, der nur durch die Erwachsenen durchbrochen werden kann.


Kind schleppt riesiges Kuscheltier
Denn Kinder treffen bis zu einem bestimmten Alter keine bewussten Entscheidungen bezüglich ihres Verhaltens. Sie reagieren schlicht und ergreifend auf die Beziehung zu ihren Eltern und die gesamte momentane Atmosphäre, die in der Familie herrscht [vgl. Juul, J., 2013: 84f]. Sie zeigen immer das beste Verhalten, dass sie in ihrem vorherrschenden Gemütszustand zeigen können. Sie sind nicht in der Lage, in diesem Moment ein anderes Verhalten zu zeigen, es sei denn, sie verbiegen sich bis zur Unkenntlichkeit. Zeigt ein Kind also aggressives Verhalten, muss immer der Erwachsene alles daran setzen, die Beziehungsqualität zu verbessern und herauszufinden, warum sich das Kind im Moment als wertlos empfindet. Ein hauendes, beißendes, spuckendes Kind, das nicht mehr nur im Affekt agiert, sondern absichtlich, sendet immer das Signal: "Mir geht es nicht gut. Hilf mir!" Jedes aggressive oder selbstdestruktive Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen sollte von Erwachsenen als eine Einladung verstanden werden, seine Welt und seine Gefühle kennenzulernen und das Leben aus seiner Perspektive zu erfahren [vgl. Juul, J., 2013: 88f]. 

Wann genau fühlen Kinder sich nicht wertvoll? 


Die Bandbreite, wann ein Kind sich nicht wertvoll in der Beziehung zu einer wichtigen Bindungsperson fühlt, ist individuell und groß. Jesper Juul schreibt:
"Wenn Eltern einen Konflikt haben und miteinander streiten, wenn ein Elternteil zu viel Alkohol zu sich nimmt, wenn Kinder geschlagen oder sexuell missbraucht werden, [...], wenn sich Eltern scheiden lassen, wenn ein Elternteil oder eins von den Geschwistern einen Selbstmordversuch macht, wenn ein Brief aus der Schule die Eltern verärgert, wenn das Bedürfnis des Kindes, zu kooperieren und sich anzupassen, nicht anerkannt und durch striktes, manipulatives "Großziehen" ersetzt wird, wenn Eltern primär auf die Zukunft eines Kindes fokussiert sind und nicht auf sein momentanes Befinden, wenn Mutter oder Vater eine Affäre haben, wenn das Kind dauernd korrigiert und kritisiert wird, wenn es der Mutter auf die Nerven geht und den Vater ärgerlich stimmt [...]. Die Liste ist unendlich lang" [vgl. Juul, J., 2013: 87].
Viele dieser Gründe sind klar. Doch warum muss ein Kind, das bis zum dritten Lebensjahr vorwiegend bedürfnisorientiert erzogen wurde, aggressives Verhalten zeigen? Viele Eltern haben jahrelang in den Schlaf begleitet (tun es vielleicht immer noch),  Gefühle gespiegelt und benannt, eine "Ja-Umgebung" geschaffen und Wenn-Dann-Drohungen vermieden. Und trotzdem sind ihre Kinder aggressiv! Ja, es scheint sogar so, als wären sie aggressiver und frecher, als die Kinder der Eltern, die konventionell erzogen haben?! Klar, auch die hauen mal zu. Aber anders als bei den bedürfnisorientiert aufgewachsenen Kindern reicht bei ihnen mittlerweile ein Blick der Eltern oder ein "Dann gehen wir nach Hause!" und schon reißen sie sich zusammen. Die bedürfnisorientiert aufgewachsenen Kinder dagegen? Die hauen ihre Eltern dann nochmal extra, um ihrer ersten Aussage Nachdruck zu verleihen.

Ich habe lange gegrübelt und Bücher gewälzt, um herauszufinden, warum das so ist. Warum reagieren bedürfnisorientiert aufgewachsene Kinder mit etwa 3 - 6 Jahren scheinbar aggressiver, als andere? Meine These ist nun diese: Wird ein Kind von Anfang so erzogen, wie es unsere Eltern und Großeltern noch taten, dann kann sich das Selbst nicht frei entwickeln. Soweit sind sich die Experten heute schon sicher. Das Baby entwickelt sich nicht zum Original, sondern zur Kopie dessen, was die Eltern unbewusst wünschen [vgl. Gruen, A., 2001: 12 ff]. Es tut das, um, wie oben schon beschrieben, den lebensnotwendigen Kontakt zu den Eltern aufrecht erhalten zu können. Muss es sich in den Schlaf weinen, auf sein Essen warten etc. fühlt es Angst, nein, Terror sogar, der in seinem gewaltigen Ausmaß abgespalten werden muss, um das Überleben zu sichern. Die Gefühle der Angst werden tief vergraben, es wird ruhig und passt sich an. Dieses Muster zieht sich dann durch seine Kindheit. Gibt es keinen radikalen Wandel in der Ansicht seiner Eltern, werden sie immer wieder so erziehen, dass das Kind ihren Wünschen folgt und nicht seinen eigenen Weg geht. Damit haben die Eltern es tatsächlich viel leichter, ihr Kind mit drei Jahren zu lenken. Es bietet nur noch wenig Widerstand, weil es keinen Liebesentzug erfahren möchte. Wenn euch eure Eltern also erklären, dass ihr "nie so wart" wie die Enkel, dann haben sie vermutlich recht. Die Frage ist, ist das etwas Gutes?

Gott sei Dank dürfen sich heutzutage die meisten Babys zunächst einmal so entwickeln, wie es ihre Natur vorgesehen hat. Sie werden nach Bedarf gestillt und gefüttert, sie werden bekuschelt und bespielt, es wird ihnen feinfühlig zugehört und ihre Signale zuverlässig verstanden. Sie entwickeln in diesem ersten Jahr eine Ahnung von ihrem Selbst und fangen mit 11 bis 12 Monaten an, ihre eigenen Wünsche vehement zu äußern. In diesem Stadium kommt es darauf an, wie die Eltern reagieren. Die eine Hälfte findet, dass es nun Zeit ist, dass die Erziehung beginnt. Sie spricht davon, dass das Kind nun "Böckchen hat" oder ihm "Hörner wachsen", nehmen die Unmutsäußerungen des Nachwuchses nicht an, manchmal ziehen sie sie sogar ins Lächerliche.

Hat ein Kind einen Wutanfall, gehen diese Eltern weg, schieben es in sein Zimmer oder schimpfen mit ihm. Um in Kontakt zu bleiben, müssen die Kinder nun eine andere Strategie entwickeln, da sie Kälte seitens der Eltern nicht aushalten können. Sie passen sich an, es fällt ihnen jedoch ungleich schwerer, denn sie haben ja bereits ein originales Selbst entwickeln dürfen. Dieses nun zu verbiegen, kostet sie und die Eltern einiges an Kraft und Kämpfen, doch es geht: Die Kinder werden sich dem Willen der Eltern beugen. Von nun an wächst das originale Selbst im verbogenen Zustand weiter.

Die andere Hälfte der Eltern versucht, das Verhalten hinter den Wutanfällen zu verstehen. Sie reagieren mit Empathie, verstehen, dass es nicht so leicht ist, Dinge zu wollen, die man noch nicht schafft und zu realisieren, dass andere Menschen manchmal konträre Wünsche zu den eigenen haben. Diese Eltern nehmen das Kind auch in diesem Alter so an, wie es ist. Sie begleiten Wutanfälle, verbalisieren die Gefühle der Kinder, bieten eine helfende Hand aus dem Gemütschaos. Sie lassen die Kinder ihre Umwelt entdecken und wenn sie "Nein" sagen müssen - was sie tun! - dann ohne die Integrität oder den Selbstwert des Kindes zu verletzen. Diese Eltern schaffen es, Dissonanzen auszuhalten und die gesamte Palette ihrer eigenen Gefühle aus- und vorzuleben, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Kinder dieser Eltern dürfen dementsprechend ihr angeborenes Selbst weiter ausbilden und das tun sie auch.

Die Zeit vergeht, die Kinder wachsen und werden drei Jahre alt. Plötzlich gibt es in fast allen bindungsorientiert agierenden Familien einen Bruch. Zunächst einmal ist es so, dass die Kinder nun so gut wie aus dem Kindchen-Schema herausgewachsen sind, d. h sie wirken auf die Erwachsenen nicht mehr so niedlich und beschützenswert, wie mit einem oder zwei Jahren. In vielen Fällen kommt nun ein Geschwisterchen dazu, neben dem die Dreijährigen gleich doppelt und dreifach so erwachsen wirken. Kurz: Die Eltern und Großeltern reagieren nun auf das Kind nicht mehr ganz so nachsichtig und verständnisvoll. Für diese Entwicklung haben unsere Kinder sehr feine Antennen - ihnen entgeht die leichte Verschiebung im Liebensverhalten der Eltern natürlich nicht. Das verunsichert sie, was dazu führt, dass sie stärker um Aufmerksamkeit buhlen. Meist in Form von lautem, unangemessenen Verhalten, das die Eltern eher verärgert.

Dazu kommt, dass sich bei den Erwachsenen Zweifel einschleichen. Müsste das eigene Kind nicht langsam mal leiser, angepasster, erwachsener werden? Man sieht die Kinder anderer Eltern auf dem Spielplatz. Sind die nicht irgendwie kooperativer, weniger aufmüpfig? An diesem Punkt fängt es in fast allen Familien an zu haken. Leise, leise flüstern einem die Stimmen der eigenen Vergangenheit ins Ohr: "Siehst du? Ich habe es dir ja gesagt! Du ziehst dir einen kleinen Tyrannen heran. Das hast du nun davon. Andere Kinder hören auf ihre Eltern. Deine dagegen werden ein schlimmes Ende nehmen!"

Kind schlägt Hände vor dem Gesicht zusammen

Die annehmende, verständnisvolle Haltung der Eltern verändert sich schleichend. Plötzlich wird doch versucht, die eigenen Kinder ein bisschen mehr zu erziehen, ihnen doch beizubringen, was gesellschaftsadäquates Verhalten bedeutet. Die Nörgelei beginnt und das Kind versteht die Welt nicht mehr. Irgendetwas ist anders - wo ist denn nur die bedingungslose Liebe hin? Am Anfang kann das Kind die Veränderung noch aushalten. Wie die Ehefrau, deren Mann ihr nicht immer zuverlässig zuhört, tun unsere Kinder unsere anfängliche Nörgelei als Nichtigkeit ab und gehen ihren Weg wie immer. Das frustriert die Eltern nun noch mehr - warum macht das Kind denn nicht, was sie wollen? Sie haben es doch nun deutlich gesagt? Sie verstärken die Kritik, werden lauter, nachdrücklicher. Nun kann auch das Kind den Strom an Vorwürfen nicht mehr ignorieren. Es merkt, dass es die Eltern mit seinem Sein verärgert. Denn das, was es tut, macht es ja zunächst einmal nicht mit Absicht: das wuselige Rumgehopse, das laute Streiten mit der Schwester, das Zuhauen im Affekt, das Kleckern bei Tisch und das wiederholte Umstoßen des Wasserglases, das Hin- und Herflattern zwischen mehreren Spielen oder Aufgaben, die kurze Aufmerksamkeitsspanne, das unaufgeräumte Zimmer, das Nichtvorhandensein eines moralischen Verständnisses ... all das ist Teil des Kind-Seins und völlig normal. 

Wird dieses Verhalten nun bestraft oder das Kind deswegen vollgenörgelt, erlebt es das zurecht als ungerechte Kritik an dem, was es als Menschen ausmacht. Damit kommt dem Kind das Gefühl, so, wie es ist, für seine Eltern wertvoll zu sein, abhanden. Verliert es nun dieses Gefühl, wird es anfangen, seinen Schmerz darüber öffentlich zu machen. Je stärker es den Wertverlust spürt, desto stärker wird das Ausagieren sein.

Und hier ist der springende Punkt meiner These: Kinder, die bis zum dritten Lebensjahr so heranwachsen durften, dass sie das Gefühl hatten, von ihren Eltern bedingungslos geliebt und angenommen zu sein, dass sie um ihrer Selbst Willen geliebt werden und nicht für eine Rolle, die sie spielen, entwickeln ein originales Selbst und damit auch ein starkes Selbstwertgefühl. Versuchen die Eltern dieser Kinder nun aus Angst vor ihrer eigenen Courage, ihre originalen Kinder doch noch in eine Richtung zu erziehen, die diese zur Kopie machen würden, stoßen sie massiv auf Gegenwehr, viel massiver als Eltern, die das schon von Geburt an oder mit einem oder zwei Jahren getan haben.

Die Kinder werden mit allen Mitteln versuchen, ihre Integrität zu wahren. Da ihnen mit 3, 4 oder 5 Jahren meist dazu die Worte fehlen, agieren sie ihr Unwohlsein über diesen sinnlosen, kränkenden Umerziehungsversuch aus: Sie hauen, treten, kneifen und bespucken ihre Eltern. Sie tun das zwar mit Absicht, aber nicht bewusst oder weil sie keinen Respekt haben und zum Winterhoff'schen Tyrannen geworden sind. Sie tun das, weil es der einzige ihnen mögliche Weg ist, auf dem sie ihren Eltern sagen können: "Ich fühle mich von dir nicht mehr gewertschätzt, so wie ich bin. Du willst mich verbiegen. Warum vertraust du mir nicht mehr? Das macht mich so wütend und traurig!"

Ich will euch ein Beispiel aus meiner Familie aufschreiben. Eine meiner Töchter ist ein echtes Sommerkind. Am glücklichsten ist sie, wenn sie morgens einfach nur einen Schlüpfer und ein Flatterkleidchen überwerfen muss und dann losziehen kann. Nun neigte sich der Sommer dem Ende entgegen, es wurde Herbst und kalt. Flatterkleidchen und nackte Füße in Sandalen waren aus meiner Sicht nicht mehr angemessen, also sagte ich zu ihr, sie möge doch eine Strumpfhose, ein Hemd und Halbschuhe anziehen. "Auf keinen Fall!", war ihre Antwort. So kämpften wir ein paar Tage morgens darum, was sie anzieht. Wir stritten und stritten. Ich bestand auf wettertaugliche Sachen, sie bestand darauf, selbst entscheiden zu können, was wettertauglich bedeutet.

Ich wurde laut, sie wurde wütend. Was für eine schreckliche Atmosphäre jeden Morgen! Wir waren alle unzufrieden und unglücklich. Irgendwann machte es "Klick" in meinem Kopf. Ich verstand: Es ist ihr Körper, sie muss selbst entscheiden können, wann ihr kalt ist und was sie dann anzieht. Ich hatte mich zu sehr in der Rolle des sorgenden Elternteils versteckt, das weiß, was gut ist, aber diese Rolle steht mir (in diesem Fall zumindest) gar nicht zu! Ich weiß doch gar nicht, ob meinem Kind kalt oder warm ist, ich stecke ja gar nicht in ihrem Körper drin. Wenn ich loslasse, und sie wirklich allein entscheiden lasse, dann lernt sie viel mehr. Sie lernt, wann ihr kalt wird, was sie dagegen tun kann und welche Klamotten ihr am besten helfen, warm zu bleiben.

Also ließ ich los - ich ließ sie selbst entscheiden. Am Anfang war es so, dass sie wieder im Flatterkleidchen und Sandalen loszog, selbst bei kaltem Regenwetter. Sie fror. Oh, wie sie fror - doch meine mitgenommene Jacke wurde vehement verweigert. Das lag natürlich daran, dass ich sie vorher so gegängelt hatte. Nun war also das Klamottenthema bei uns zu einer Art Machtkampf geworden. Zunächst hatte ich ja mit aller Macht durchsetzen wollen, dass sie sich warm anzieht, nun wollte sie mir mit aller Macht beweisen, dass ein Sommerkleidchen auch im Herbst ausreicht. Erst mit der Zeit, als ich ihre Entscheidungen nicht mehr in Frage stellte, sondern als gut und richtig hinnahm, konnte auch meine Tochter wieder auf mich zukommen. Nach und nach gesellte sich ein Kleidungsstück nach dem anderen in ihre morgendliche Anziehroutine. Sie zog sich immer noch viel kühler an, als ich es ihr vorgeschlagen hätte, aber ihr ging es gut dabei.

Dann kamen meine Eltern zu Besuch... Meine Tochter entschied sich an dem Tag, in Sandalen und ohne Jacke zum Spielen in den Hof zu gehen. Meine Mutter zog verwundert eine Augenbraue hoch: "Muss das Kind sich nicht richtig anziehen?" Ich antwortete: "Sie entscheidet das selbst.", woraufhin meine Mutter in einen längeren Vortrag ausbrach, der mit "Manche Dinge entscheiden eben die Eltern!" begann und mit "... für das Kind das Beste!" endete. Meinem sanften Einwand, ich könne und wolle nicht darüber entscheiden, was für ihren Körper kalt und warm bedeutet, wurde mit einem Stoßseufzer begegnet: Klare Sache, ich machte mir das Mutterdasein zu einfach und kam meinem Erziehungsauftrag nicht nach.

Interessanterweise wirkte dieses Gespräch mit meiner Mutter trotz meines zur Schau gestellten Selbstbewusstseins noch nach und aktivierte in mir verborgene Ängste. Gleich am nächsten Morgen (!), als meine Tochter trotz Regens nach ihren Sandalen griff, platzte es plötzlich wieder aus mir heraus: "Manno, Puppe, nun zieh doch endlich mal deine Halbschuhe an. Es ist Herbst und kalt und ich mache mir Sorgen, dass du krank wirst!" Ich sage euch - die Muster der Vergangenheit sitzen tief und sind schwer zu überwinden. Natürlich weigerte sich meine Tochter. Sie war verletzt, dass ich wegen dieses Themas schon wieder einen Streit mit ihr begonnen hatte und fing an, wütend zu werden und mir ihre Sandalen aus den Händen reißen zu wollen. Was mich wiederum wütend werden ließ - ich donnerte ihre Sandalen in die Schuhecke und sagte pampig "Maaaaaan, dann zieh doch deine blöden Sandalen an!"

trauriges Kind
Sehe ich da ein Augenrollen bei euch? Zu Recht - das war wirklich kindisch von mir. Und dann wird unseren Kindern vorgeworfen, in der Trotzphase zu sein... wenn wir Erwachsenen doch ebenso oft trotzig reagieren, wie sie. Kein Wunder allerdings, dass ich so reagierte - in diesem Moment habe ich mich für meine Tochter nicht mehr wertvoll gefühlt. Sie wollte meine guten Ratschläge nicht hören, mein Wissen war für sie bedeutungslos, also reagierte ich aufbrausend und verletzt. Aus dem selben Grund reagieren übrigens auch unsere Eltern zickig, wenn sie merken, dass wir ihre Ratschläge in Sachen Kindererziehung nicht annehmen wollen: Sie haben das Gefühl, nicht mehr wertvoll für uns zu sein...

Ich habe dann natürlich wieder losgelassen und sie selbst entscheiden lassen. Das hat mich einiges an Kraft gekostet. Wichtig war, nicht nur so zu tun, als fände ich es okay, dass sie sich so kühl kleidet, sondern meinen Blickwinkel wirklich so zu ändern, dass ich mit vollstem Herzen hinter ihrer Entscheidung stand. Erst, als ich ihr ganz ehrlich dazu gratulieren konnte, sich eine eigene Meinung dazu gebildet zu haben, was sie im Frühherbst anziehen möchte, um sich wohl zu fühlen, konnte meine Tochter wirklich frei von Druck entscheiden.

Vorher hatte ich ihr zwar die Wahl gelassen, aber innerlich eine Erwartungshaltung aufgebaut, dass ihr bald kalt werden würde und sie sich doch noch so anziehen würde, wie ich das wollte - diesmal aber aus freien Stücken. Diese innerliche Überzeugung spürte meine Tochter als Druck - auf den reagierte sie mit Gegendruck. Wie erwartet und von meiner Mutter prophezeit bekam sie übrigens irgendwann eine Erkältung. Aber noch vor ihr bekamen die Oma und der Opa Husten und Schnupfen ;-)! Zum Herbst gehören Krankheiten einfach dazu, mit oder ohne festes Schuhwerk. 

Wie reagieren Eltern auf aggressive Kinder und was bedeutet das fürs Kind? 


Fangen Eltern an, das Kind "erziehen" zu wollen, geschieht das meist auch auf unbewusster Ebene. Die Ängste, die uns dazu treiben, unseren Kindern Vorschriften zu machen und sie bei Kleinigkeiten zu gängeln, sind solche, die tief in uns verwurzelt sind und das moralische Vermächtnis unserer Eltern und Großeltern darstellen. Den allermeisten Eltern ist also nicht bewusst, dass sie die Verantwortung für das aggressive Verhalten ihrer Kinder tragen. Da es ihnen nicht bewusst ist, reagieren sie auf die Angriffe ihrer Kinder entsetzt, ungehalten und oft auch wütend. Denn lehnen unsere Kinder unsere Erziehungsversuche so vehement ab, fühlen wiederum wir uns nicht wertgeschätzt in der Beziehung zu ihnen. Es ist doch schließlich so, dass wir nur das Beste wollen, wenn wir unsere Kinder dazu anhalten, im Herbst eine Jacke überzuziehen und vor dem Schlafengehen doch bitte noch einmal pullern zu gehen. Wir wissen schließlich, was passieren kann, wenn sie es nicht tun und wollen - aus Liebe natürlich - unsere Kinder davor bewahren. Wir sind verletzt, wenn unsere Kinder unseren Rat nicht annehmen. Die meisten von uns reagieren auf diesen Verlust des Gefühls, wertvoll zu sein, kurioserweise genauso wie unsere Kinder: Wir brausen auf, werden laut und aggressiv. Natürlich ist bei uns die Impulskontrolle schon voll ausgeprägt, d. h. die wenigsten werden tatsächlich zurück hauen, wenn ihre Kinder sie hauen, doch der Wunsch ist, wenn wir ehrlich zu uns sind, doch immerhin da.
"Ich habe mich sehr oft gefragt, warum wir so sind. Warum werden wir aggressiv, wenn uns das Gefühl, wertvoll zu sein für jene, welche wir lieben, für unsere Kinder [...] etc., abhandenkommt? Warum reagieren wir nicht mit einer Emotion, die in diesem Zusammenhang viel angebrachter wäre - mit Traurigkeit? Es kommt häufig vor, dass wir - nachdem der Wutausbruch vorbei ist - traurig werden. Dennoch scheint es so zu sein, dass wir zunächst unsere Kraft und Macht demonstrieren müssen, bevor wir uns verletzlich zeigen. Was auch immer der Grund für unsere erste aggressive Reaktion ist, wir offenbaren nicht: "Im Moment spüre ich, dass ich wertlos bin: Ich bin für dich und dein Leben unbedeutend": Wir heben stattdessen das Scheitern des anderen hervor, und wenn der Vorfall damit endet, kann keine Entwicklung stattfinden" [vgl. Juul, J., 2013: 82f]. 
Entwicklung aber ist wichtig. Die Entwicklung einer Streitkultur ist ja nun ausgerechnet das, was uns Eltern von aggressiven Kindern am wichtigsten ist. Wir wollen ja gerade, dass sie lernen, wie man angemessen streitet, wenn man sich in seinem Selbstwertgefühl verletzt sieht. Deshalb ist es so wichtig, dass wir selbst lernen, unsere Gefühle angemessen auszudrücken. Beobachtet euch doch mal selbst und guckt, wie es mit eurer eigenen Streitkultur bestellt ist. Ich gehe davon aus, dass ihr niemanden haut oder beißt, doch werdet ihr ganz sicher verbal aggressiv sein und auf die "Schuld" des anderen pochen.

Wenn sich euer Kind weigert, auch nach der zehnten Erinnerung vom Spielplatz loszugehen, werdet ihr es vermutlich wütend an der Hand hinter euch her ziehen oder drohen "Wenn du jetzt nicht sofort kommst, dann...!" - ist das kein aggressives Verhalten? 
Ein Beispiel: Wenn ein zweijähriges Mädchen in seiner Frustration, nicht verstanden worden zu sein, mit ihren Fäustchen auf die Brust seiner Mutter hämmert und dabei gleichzeitig "doofe, doofe, doofe Mama" schreit, kann es zu ganz unterschiedlichen Reaktionen seitens der Mutter (und des Vaters) kommen:
 - Die Mutter legt die Hände auf die Schultern des Mädchens und stößt es von sich weg. Sie schaut es verärgert an und sagt: "Hör auf, mich zu schlagen, und sprich nie wieder so mit mir!" Das ist die Reaktion einer Mutter, die mehr mit ihren eigenen Grenzen beschäftigt ist, als mit dem Wohlergehen der Tochter und dem augenblicklichen Konflikt zwischen den beiden. Es gibt ein Wohlergehen und ein Wohlerzogen und diese Mutter setzt auf Letzteres. Das wird der Tochter nicht schaden, sie wird sich bloß eine Weile einsam fühlen. Wahrscheinlich wird ihr Hämmern noch heftiger und ihre Schreie noch lauter, doch dann wird sie resignieren. Sie wird einiges mehr über die Grenzen ihrer Mutter wissen, jedoch nichts über sich selbst erfahren.
- Die Mutter umarmt ihre Tochter und hält sie, bis sie sich beruhigt hat, und sagt währenddessen: "Es ist in Ordnung, wütend zu sein, mein Liebling. Aber wir dürfen uns nicht gegenseitig schlagen und beschimpfen, weißt du. Mama liebt dich, aber es verletzt Mama, wenn du sie schlägst, wir wollen das nicht, nicht wahr?" Diese Mutter hat eine Mission: Sie handelt im Namen des [Aggressions-]Tabus und versucht, sich vorbildlich zu verhalten - kein gewalttätiges Verhalten. Sie distanziert sich während des Ablaufs, indem sie von sich in der dritten Person spricht, und das entspricht der Tatsache, dass sie eher von der Warte einer Idee oder Ideologie aus spricht, ihre Sprache kommt nicht aus ihrem Körper. [...] Wie berechtigt auch immer die Intention der Mutter ist, wie oft auch immer sie der Tochter ihre Liebe kundtut, sie vermittelt ihr das Gefühl, weniger wertvoll zu sein [...]. Auch dieses Kind wird am Ende zwar mit den Überzeugungen der Mutter vertraut sein, doch ihre Chance, innerlich zu reifen, ist vertan.
- Die Mutter schaut ihre Tochter mit traurigen, beunruhigten Augen an und sagt: "Es macht Mama so traurig, wenn du sie doof nennst. Ich möchte keine doofe Mama sein, ich möchte die beste Mama der Welt sein!" Es gibt keine selbstbesessenere und egozentrischere Antwort als diese! Die Absicht mag zwar sein, das Mädchen zu überzeugen, ihren Ausbruch von Frustration zu beenden, schließlich macht sie die Mutter damit traurig [...], aber gleichzeitig ignoriert diese Mutter völlig die Emotionen ihrer Tochter - und das vermittelt die Botschaft, sie seien für die Mutter von keiner Bedeutung oder keinem Wert. Im Gegenzug wird dies wiederum noch mehr aggressives Verhalten seitens der Tochter hervorrufen. Und auch dieses Mal ist die Tochter um die Gelegenheit gebracht worden, mehr über sich selbst zu erfahren und dabei zu reifen. 
- Die Mutter greift nach den Oberarmen der Tochter, schüttelt sie und sagt mit einer lauten, aggressiven Stimme: "Sag mir nie wieder so etwas! Du bist ein schlechtes Mädel, und jetzt geh in dein Zimmer, bis du bereit bist, dich bei mir zu entschuldigen! Geh!" Um so einem wuchtigen Widerstand zu begegnen, muss man als kleines Mädchen extrem fit und resolut sein. Höchstwahrscheinlich wird sich ein Muster in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter entwickeln: Die Tochter hat immer wieder ihre "Wutanfälle" und muss hinterher die doppelte Demütigung erleiden, nicht wahrgenommen und zudem gezwungen zu werden, sich zu entschuldigen. So etwas hinterlässt beim Kind überhaupt kein Gefühl von Wert, egal, wie sehr es gelobt wird, wenn es "gut" ist. Seine Aggression wird ausgelagert und außerhalb der Familie ausgelebt in der Hoffnung, dass irgendjemand ihm zuhören wird. Und um die Pubertät herum wird seine Beziehung zur Mutter sich in einen Dritten Weltkrieg verwandeln [...]. Die Mutter schlittert von einem Schock in den nächsten, kann aber den Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Tochter und ihrem keineswegs erkennen. Alles, was sie versucht hat, war, ihrem Kind eine anständige Ausdrucksweise und gute Manieren beizubringen [vgl. Juul, J. , 2013, 115ff]. 
- Die Mutter hebt ihre Tochter empört von sich herunter und sagt: "Blöde Mütter haben blöde Töchter und lesen keine Gute-Nacht-Geschichten vor!". Dann geht sie von dem Mädchen weg in ein anderes Zimmer. Dies ist ein klassischer Liebesentzug, der einem momentanen Beziehungsabbruch gleich kommt. Das Kind lernt hier nur, dass seine Gefühle für die Mutter unangenehm sind und besser nicht ausgelebt werden sollten, wenn es weiterhin geliebt werden möchte. Das Mädchen wird versuchen, seine Gefühle effektiv zu unterdrücken, es wird jedoch nicht lernen, sie zu integrieren. Es wird in Zukunft diesen Teil seiner Gefühle vermeiden und Wutausbrüche unterdrücken, um auf der "Sonnenseite" der Mutter zu bleiben. So verbiegt es sich Stück für Stück und wird vermutlich als Erwachsene in Beziehungen die gleiche Taktik verfolgen. Eigentlich ist es doch aber die Mutter, die kindisch reagiert und ihr Verhalten dringend ändern sollte. Liebesentzug ist die schlimmste Art von Folter für unsere Kinder - es ist grausam, sie als Erziehungsmethode einzusetzen! Sie ist aber so erfolgreich, dass sie noch heute weitverbreiteten Anklang bei Erziehungsberechtigten findet - tatsächlich wird durch Liebesentzug unliebsames Verhalten erstaunlich schnell abgestellt.
Der Ausstieg aus diesen unangemessenen Reaktionen ist gleichzeitig sehr leicht zu verstehen und sehr schwer durchzuführen. Es wird euch einiges an Kraft kosten, nicht mehr nach alten, in frühster Kindheit eingeprägten Mustern zu agieren, und doch ist es das wert. Denn je besser ihr euch löst von den Geistern der Vergangenheit, desto weniger destruktive Muster werden eure Kinder aus ihrer Kindheit mitschleppen. Ihr fragt euch nun sicherlich, wie die oben genannte Mutter aus dem Beispiel denn richtig reagiert hätte: 
- Die Mutter hält ihr Kind zwischen ihren Armen, schaut freundlich und direkt in dessen Augen und sagt: "Oje, oje, du bist aber wütend! Ich wüsste gern, was dich so ärgerlich gemacht hat. Kannst du mir das sagen?" Worte, Haltung und Körpersprache der Mutter senden eine äußerst konstruktive Botschaft aus: Egal, worüber du dich so geärgert hast, ich bin für dich da! Gleichzeitig verwendet sie zwei Begriffe - Wut und Ärger - und das ist für ihre Tochter ein Geschenk: Die Mutter liefert ihr Wörter, die den Ursprung ihrer Frustration präzise beschreiben - das macht es der Tochter leichter, ihren Zustand mit beiden Wörtern zusammenzubringen.
Mutter tröstet Kind

Wie sollten Eltern auf ihre aggressiven Kinder reagieren?


1. Bewusstwerden der eigenen Rolle 


Es ist wichtig, dass euch immer bewusst ist, dass es an eurem Verhalten liegt, wenn eure Kinder euch hauen, treten oder verbal beleidigen. Ich sage nicht, dass ihr "Schuld" seid, sondern dass ihr die Verantwortung dafür tragt, dass die Beziehung zu eurem Kind ins Ungleichgewicht geraten ist. In einigen Fällen liegt die Kränkung auch außerhalb der Familie. Es könnte sein, dass die Erzieherin im Kindergarten das Kind nicht mehr wertschätzt und es das deshalb zuhause auslebt. Oder Oma und Opa kritisieren plötzlich das Kind unnötig viel. Auch dann kann es sein, dass es den Schmerz darüber bei euch zuhause, im sicheren Hafen, abbaut. Das Hauen ist nur ein Zeichen. Es bedeutet schlicht "Ich bin unglücklich, da ich das Gefühl habe, für dich nicht mehr wertvoll zu sein.".
"Kinder werden mit einer Palette von vielen unterschiedlichen Emotionen geboren, die sie offen und direkt ausdrücken, um ihren Eltern ihre Bedürfnisse  und Grenzen aufzuzeigen. Ihre emotionalen Reaktionen haben immer einen Sinn, wenn man sie im Kontext der Beziehung betrachtet, jedoch sind diese Reaktionen nicht immer leicht zu entschlüsseln und zu verstehen. Diese Tatsache ist vielleicht die bedeutendste Entdeckung der Entwicklungspsychologie." [vgl. Juul, J., 2013: 113]
Es geht also nicht vorrangig darum, das Hauen "abzustellen", sondern darum, dem Kind wieder das Gefühl zu geben, so, wie es ist, mit all seinen Fehlern, geliebt zu sein. Dazu gehört auch, Entscheidungen des Kindes, die es selbst betreffen (Anziehen, Pullern, Schlafen, Hausaufgaben) als richtig und gut zu akzeptieren. Schafft ihr das, dann hört das Hauen von allein auf.

Es bedeutet jedoch nicht, dem Kind alle Wünsche zu erfüllen, um nur ja einen Wutausbruch zu verhindern. Erwischt ihr euch selbst dabei, auf etwas zu verzichten, oder etwas zu tun, was ihr eigentlich gar nicht machen wolltet, nur, um Schreien oder Hauen seitens eurer Kinder zu vermeiden, dann läuft etwas gewaltig schief. Ihr solltet genau überprüfen, ob ihr eurem Kind etwas erlaubt aus Angst vor seinem Liebesverlust, oder weil ihr mit vollster Überzeugung dahinter steht, dass das, was es möchte, einem wichtigen kindlichen Bedürfnis entspringt. Eine Familie, die auf lautstarken Wunsch des dreijährigen Sohnes quer durch die Stadt zu einem Freibad fährt, obwohl sie direkt neben einem anderen Freibad wohnen und drei der vier Familienmitglieder lieber in das nahe Bad gegangen wären, gibt dem Dreijährigen zu viel von dem, was er nicht braucht und zu wenig von dem, was er wirklich benötigt. 

2. Sich wertschätzend abgrenzen 


Haut euch euer Kind, dann überschreitet es damit eure Grenze. Das müsst ihr nicht aushalten - ihr seid nicht der Boxsack eurer Kleinen. An dieser Stelle habt ihr das Recht, euch abzugrenzen, ja, sogar die Pflicht, das zu tun. Der Punkt ist, wie ihr euch abgrenzt. Leider neigen wir dazu, uns abzugrenzen, indem wir den anderen Menschen in seiner Person herabwürdigen oder ihn mit moralischen Grundsätzen überschütten: "Du bist ein böser Junge!", "So etwas macht man nicht!", "Wir hauen nicht!", "Bist du jetzt wieder lieb?", "Du bist doch schon groß! Da haut man doch nicht mehr wie ein Baby!" sind so Sätze, die uns verflixt schnell über die Lippen huschen. Und weil das unsere Eltern und Großeltern schon so gehandhabt haben, fühlen wir uns, wenn wir kritisiert werden, schnell als gesamte Person schlecht, faul, dumm oder inkompetent und reagieren entsprechend gereizt.

Ein gewaltfreier, wertschätzender Weg wäre, es anders zu formulieren. Haut ein großer Bruder seine kleine Schwester, weil diese ihm ein Spielzeug weggenommen hat, kann man zu dem Jungen sagen:
"Ich möchte nicht, dass du deine Schwester schlägst, aber ich verstehe, warum du so aufgebracht bist. Ich werde dir beibringen, wie du es anstellen kannst, dass dich deine Schwester respektiert. Aber sie ist noch sehr klein, und es könnte eine Weile dauern, bis sie uns versteht." Mit diesem Satz wirst du mehrere Dinge erreichen: - In dem ersten Satz deiner Aussage hast du gezeigt, dass man Grenzen setzen kann, ohne aggressiv oder gewalttätig zu werden. - In dem zweiten Satz erkennst du die Bedeutung der persönlichen Integrität an, und auf diese Weise bewirkst du, dass sich der Junge wertvoll fühlt. Und durch deinen letzten Satz gelingt es dir schließlich, deine Weisheit mit ihm zu teilen, und lässt ihn noch mal spüren, dass er wertvoll ist." [vgl. Juul, J., 2013:111]
Wenn euch das "Ich möchte nicht..." zu lasch für eure Emotionen erscheint, könnt ihr es auch ersetzen mit "Ich hasse es, wenn...", denn es ist wichtig, eure Gefühle nicht zu verstecken und zu schauspielern. Haut euch euer Kind, könnte sich das so anhören: "Aua! Mist, das hat mir weh getan! Mann ey! Ich hasse es, wenn du mich haust .... aber ich glaube, du willst mir damit sagen, dass du nicht damit einverstanden bist, dass ich.... Versuch doch, beim nächsten Mal, mich lieber zu schieben oder laut zu rufen: 'Ich ärgere mich über dich, Mama!', wenn du das Gefühl hast, dass ich dich nicht verstehe." Wichtig ist, euer Kind auch verbal weiterhin als Person anzunehmen. Es muss klar sein, dass das Kind seinen Wert für euch nicht verliert, nur, weil es momentan nicht in der Lage ist, seine Gefühle zu zügeln. 

3. Gesamte Gefühlspalette zeigen und zulassen 

"Wir denken, wir beschützen die Kinder, wenn wir ihnen nicht die Wahrheit sagen. Ein Beispiel: Eine Mutter ist wütend, aber sie denkt: "Man darf doch nicht wütend sein auf sein Kind!" Also tut sie so, als ob sie liebend wäre, obwohl sie Wut spürt. Aber Kinder, ganz kleine Kinder, die haben die wahren Gefühle schon im Mutterleib erlebt, schon durch die Geräusche und Rhythmen der Zirkulation, der Bewegungen der Mutter, ihre emotionalen Zustände, denen sie ja direkt ausgesetzt sind. Sie erleben alles auf empathische Weise. Sie wissen, wann jemand Wut unterdrückt und wann nicht. Eltern möchten gut sein, sie möchten gut dastehen, vor sich und den anderen, deshalb verhüllen sie ihre negativen Gefühle und sprechen mit dem Kind so voller Güte. Das Kind aber erlet und fühlt etwas ganz anderes. Wenn eine Mutter dagegen sagt: "Mensch, wenn du das tust, machst du mich wirklich wütend", dann braucht sie vielleicht gar nicht mehr wütend zu sein, sie kann sogar das Kind halten, sie kann es lieben, sie kann sich dessen bewusst sein, dass etwas passierte, weswegen sie wütend auf das Kind war. Wenn das jedoch nicht möglich ist, wenn die Mutter nicht zu ihren negativen Gefühlen stehen kann, dann darf auch ein Kind seine Wahrnehmungen nicht wahrhaben. Und das, was wahr ist, was aber das Kind nicht wahrhaben darf, wird weggesperrt, wird Teil des Fremden in uns, der fortan nicht mehr leben darf. Natürlich gilt all das auch für den Vater."  [vgl. Gruen, A., 2001, 19]
Es ist also wichtig, authentisch zu sein. Man darf vor seinen Kindern weinen, man darf traurig sein, man darf wütend werden, man darf lachen und glücklich sein. Wenn Eltern immer nur lieb sind und lächeln und auch dann noch freundlich säuselnd vor dem Kind stehen, wenn dieses gerade mit Absicht seine Faust auf die elterliche Nase gehauen hat, wie soll das Kind dann lernen, dass andere Menschen Schmerzen haben, dass sie Traurigkeit empfinden, und Frustration oder Wut? Wie soll es Empathie entwickeln? Denkt aber daran, dass ein völliger Ausraster eurerseits nicht mehr unter "authentisch" fällt - eure Aggression soll eurem Kind keine Angst machen. Wenn ihr so sehr die Kontrolle über euch verliert, dass eurer Kind panisch auf euch reagiert, geht lieber aus dem Zimmer!
 
Genauso wichtig, wie die gesamte Gefühlspalette der Eltern, ist, auch bei Kindern alle Gefühle zuzulassen, sie als richtig und wichtig anzuerkennen. Wie sonst soll das Kind seine Wut und Aggression beherrschen lernen, wenn nicht in täglich kleinen Kämpfen mit sich selbst und seiner Umwelt?
"Die grundlegenden Emotionen, mit denen Kinder zur Welt kommen, werden manchmal auch die "groben" Emotionen genannt [...]: Aggression, Angst, Sexualität, Lust, Liebe. [...] Um ihre Emotionen zu integrieren und sie konstruktiv in der Kommunikation mit anderen einsetzen zu können, müssen sie in der Lage sein, sie auszudrücken und alle Rückmeldungen, die sie aus ihrer nächsten Umwelt erhalten, zu sammeln. Auf diese Weise werden sie ganz selbstverständlich von dem Verhalten ihrer Mitmenschen geprägt, ohne, dass Erwachsene dabei einen pädagogischen Kraftakt vollziehen müssten. [...] Um zu reifen, nuancierter und vollkommener zu werden, müssen diese grundlegenden oder groben Emotionen in der Beziehung zu anderen Menschen zum Einsatz kommen. [...] Für jedes aufwachsende Kind ist die optimale Bedingung dann gegeben, wenn alle diese nuancierten Gefühle direkt aus ihrer emotionalen Quelle herrühren und nicht forciert zustande kommen. Mitgefühl kann in einer echten persönlichen Sprache oder in abgedroschenen Phrasen ausgedrückt werden. Das wird sich am Beispiel des Menschen entscheiden, der Vorbild des Kindes ist. Ein Kind, das in einer Familie aufwächst, in der Liebe an Bedingungen geknüpft ist und Mitgefühl nicht existiert, wird nicht in der Lage sein, echtes Mitgefühl auszudrücken. Kinder müssen immer als Empfänger von Emotionen gesehen werden, um seelisch gesunde Erwachsene zu werden." [vgl. Juul, J., 2013: 114f]
Das bedeutet ganz klar, dass ihr zulassen solltet, dass eure Kinder auch wütend werden. Das passiert in dem Alter noch sehr, sehr oft und meist auch an völlig blöden Orten. Eine meiner Töchter ist einmal in einer Straßenbahn völlig ausgeflippt, weil ihre Schwester ihr den letzten Fensterplatz vor der Nase weggeschnappt hatte. Sie hat getobt! So richtig volle Kanne und natürlich in einer brechend vollen Straßenbahn. Und selbstverständlich wollten die Mitfahrer dieses laute Geschrei nicht hören, wer kann es ihnen verübeln? Sie wussten ja nicht, dass diese Tochter gerade fünf Stunden Bahnfahrt aus dem Urlaub zurück sehr gesittet und leise hinter sich gebracht hatte und nun einfach der Punkt gekommen war, an dem sie nicht mehr konnte. Die Mitfahrer wollten, dass ich mit ihr aussteige - und das habe ich dann auch gemacht. Ich habe dann mit ihr auf dem Bürgersteig den Fensterplatz betrauert und noch zwei weitere Straßenbahnen fahren lassen, bis sie sich beruhigt hatte.

Ich frage mich allerdings seitdem, ob ich den Straßenbahnmitfahrern doch hätte zumuten können, ihr Geschrei auszuhalten. Ich weiß schon, dass "man das nicht macht", aber letzten Endes habe ich sie eigentlich für ihre Gefühle bestraft, indem ich mich dem gesellschaftlichen Willen gebeugt habe, als ich mit ihr ausstieg. Und nun denkt euch die Situationen mal ein bisschen kleiner: Wenn eure Kinder im Supermarkt ausrasten, weil ihr ihnen etwas nicht kauft, wenn sie einen Wutanfall auf dem Spielplatz bekommen, weil der Freund seinen Laster nicht teilen will, wenn sie im Schwimmbad schreien, weil es zu lange dauert, bis sie eingecremt sind - was macht ihr da? Den Wutanfall aushalten und eurer Kind begleiten? Oder schnellstmöglich mit dem Kind gehen, weil ihr die Blicke der anderen nicht ertragt? Ich weiß, dass es super schwer ist, vor den Augen der Gesellschaft ein tobendes Kind zu beruhigen. Ich weiß, wie heiß einem dabei wird und wie peinlich das ist! Aber behaltet eins im Hinterkopf: In genau diesem Moment habt ihr die Möglichkeit, eurem Kind zu zeigen, dass ihr immer hinter ihm steht, dass ihr es immer liebt und dass es euch viel, viel wichtiger ist, als die vielen wildfremden Menschen ringsherum, die ihr vermutlich nie wieder sehen werdet. Was ist euch wichtiger - euer Kind oder euer Image vor den anderen? Würden sich ein paar mehr Eltern trauen, die "Schmach" einen solchen öffentlichen Wutausbruches zu ertragen und ihr Kind an Ort und Stelle in seinen Gefühlen zu begleiten, dann würde das Image der perfekten Mutter, das uns immer wieder das Leben schwer macht, für uns alle so viel leichter zu überwinden sein. 

4. Entwicklungspsychologische Meilensteine kennen 

"Ein durchschnittliches Kind, das in einem sicheren und fürsorglichen Umfeld aufwächst, braucht eine ganze Kindheit experimentellen Lernens, um alle seine aggressiven Gefühle zu integrieren, die destruktiven unter Kontrolle zu bekommen und sie von konstruktiven zu unterscheiden. Wer diese natürliche Entwicklung beschleunigen will, gefährdet die geistige Gesundheit des Kindes und landet womöglich beim Gegenteil von dem, was er ursprünglich durch seine Intervention beabsichtigt hat." [vgl. Juul, J., 2013: 107]
Ich möchte dieses Zitat von Jesper Juul am liebsten ausdrucken und mir aufs T-Shirt bügeln: EINE GANZE KINDHEIT haben Kinder Zeit, ihre Aggressionen unter Kontrolle zu bekommen. Wann endet die Kindheit? Mit der Pubertät, ja? Dann sind das also zwölf, dreizehn Jahre, in denen wir Eltern und ganz beruhigt zurücklehnen können, während unsere Kinder Empathie, Impulskontrolle, Moralverständnis, Ungerechtigkeitsempfinden und Geduld in kleinen und großen Situationen erlernen.

Das Beherrschen dieser Fertigkeiten sind entwicklungspsychologische Meilensteine, die (bei Kindern, die in einem fürsorglichen Umfeld aufwachsen) ganz von allein kommen. Empathie zum Beispiel ist sehr eng verwoben mit der Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen - das können Kinder aus Hirn-biologischen Gründen erst um den 4. Geburtstag herum. Impulskontrolle ist etwas, was erst zum Eintritt in die Grundschule mit ca. 6 Jahren langsam entwickelt ist, aber selbst in diesem Alter muss kein Kind sich vollständig unter Kontrolle haben (das haben ja nicht einmal alle Erwachsenen.) Auch für moralisches Verständnis und die daraus entstehenden Schuld- und Schamgefühle, wenn man gegen den Moralkodex der Gesellschaft verstoßen hat ("Wir schlagen nicht!"), ist das kindliche Gehirn erst in einem Alter von 5 bis 6 Jahren wirklich bereit - und damit auch dann erst für echt gemeinte Entschuldigungen.

Normales aggressives Verhalten sollte also möglichst gar nicht von Erwachsenen reguliert werden, denn dann entgehen dem Kind wertvolle Lernmöglichkeiten. Es ist sogar so, dass sich bei Einschreiten der Erwachsenen andere, ungünstigere Nervenbahnen in Bezug auf die entwicklungspsychologischen Meilensteine bilden. Wird ein Kind beispielsweise immer von seiner Mutter durch Festhalten, Drohen oder Strafen davon abgehalten, seinen Zwillingsbruder zu hauen, wenn dieser ihm Spielzeug wegnimmt, dann bilden sich Nervenbahnen, die nur dann die Impulskontrolle aktivieren, wenn eine übergeordnete Instanz eine Strafe androht (das kann auch ganz vage "der Staat und die Polizei" sein).

Fällt diese übergeordnete Instanz jedoch weg, z. B. weil das Kind keine Angst mehr vor der drohenden Mutter hat, kann es sein, dass das Kind seine Impulse nicht mehr unter Kontrolle hält. Geht das Kind aber den sehr viel längeren Weg, seine Impulse durch echte Einsicht und Mitgefühl unter Kontrolle zu bekommen, bilden sich Nervenbahnen, die auch in Situationen ohne übergeordnete Instanz greifen. Sprich: Der eine Mensch schlägt und tritt seine Mitbürger nicht, weil er weiß, dass er dafür vor Gericht oder ins Gefängnis kommt; der andere Mensch schlägt und tritt seine Mitmenschen nicht, weil er sich in ihren Schmerz einfühlen kann und sein Mitgefühl seine aggressiven Impulse übertrumpft. Von außen sehen beide Menschen gleich aus und es kann sein, dass beide für immer ein redliches, gewaltfreies Leben führen. Sollte aber die Kontrollinstanz (auch nur vermeintlich) wegfallen, kann es sein, dass der zuerst beschriebene Mensch eben doch zuschlägt und tritt [vgl. Hüther, G., 2013].

Mir ist wichtig, dass ihr das nicht überlest: Der Weg der echten Impulskontrolle durch Einsicht und Mitgefühl ist sehr viel länger, als die anerzogene Impulskontrolle, weil die dazugehörigen Nervenbahnen länger und komplizierter vernetzt sind. Es dauert! Es dauert und dauert. Eine ganze Kindheit lang dauert es. Also werdet bitte nicht ungeduldig mit euren Kindern, okay? 

5. Normale Arten von Aggression kennen und akzeptieren 

"Aggression ist sehr viel mehr als Wut, Reizbarkeit, Schreien und Brüllen. Ohne Aggression wären wir nicht imstande, uns Ziele zu setzen und sie zu verfolgen. Wir wären nicht fähig, Karriere zu machen, guten Sex zu haben oder unsere Träume zu verwirklichen. Wir könnten nicht Fußball oder Tennis spielen und auch keinen Marathon zuende laufen. Wir wären nicht in der Lage, jemanden zu verführen, unsere Grenzen zu bestimmen oder unsere Kinder zu beschützen. Wir würden keine Klippen ersteigen, nicht gegen Krebs kämpfen oder einen Diktator stürzen. [...] Nur wenn wir unsere Aggression in Form von Gewalt an anderen Menschen auslassen, deren hab und Gut oder öffentliches Eigentum zerstören, wird sie destruktiv." [vgl. Juul, J., 2013: 108].
Kinder sind von Natur aus aggressiv - das ist zunächst einmal keine schlimme Tatsache. Schlimm ist, dass Aggression in unserer heutigen Gesellschaft so sehr zum Tabu gemacht wird, dass schon Zweijährige zum Kinderpsychologen geschickt werden, weil sie in der Krippe ein anderes Kind gebissen haben. Diese Entwicklung finde ich sehr besorgniserregend. Ich kann natürlich verstehen, dass die Eltern des gebissenen Kindes ihr Kind gerne unversehrt aus der Fremdbetreuung abholen möchten - das will ich auch. Doch diese Hexenjagd, die mittlerweile mehr und mehr zum Standard wird, wenn Kinder eigentlich völlig altersadäquate Verhaltensweisen zeigen, ist problematisch. Denn wenn unsere Kinder für Taten, die sie noch nicht willentlich steuern oder unter Kontrolle bekommen können, immer wieder die Rückmeldung erhalten: "Das, was du tust, ist böse!", dann entwickeln sie ganz automatisch ein "böses" Selbstbild - und handeln immer wieder danach.

zwei Kinder auf einer TreppeEs ist wichtig, dass wir Erwachsenen uns so gut es geht raushalten aus den Rangeleien der Kinder. Sie sollten die Chance bekommen, das unter sich zu Regeln, gerade auch Geschwister. Nur so lernen sie, ihre Impulse wirklich und wahrhaftig zu steuern, Freundschaften aufrecht zu erhalten und Streit selbständig zu beenden. Mischen wir Erwachsenen uns ein, werden wir immer zum Schiedsrichter und nehmen immer Partei für die eine oder andere Seite. Das macht alle unzufrieden. Lasst sie es stattdessen selbst versuchen, nur so können sie es lernen. Und wenn eure Kinder aus Stöckern Pistolen und Schwerter basteln und damit aufeinander losgehen, dann lasst sie. Wir gucken auf diese Szenen mit einem viel zu erwachsenen Blick. Unsere Kinder wollen niemanden wirklich "totschießen" - sie begreifen ja nicht einmal wirklich, was tot bedeutet. Die Pistolen und Schwerter in ihrer Hand symbolisieren für sie Kraft und Macht und lassen sie größer und stärker erscheinen, als sie sich in Wahrheit fühlen. Es ist eine ganz normale Phase, die vorbeigeht und bedeutet nicht, dass euer Kind deswegen mit 19 Amok laufen wird! 

Fazit 


Anders als das aggressive Verhalten, das Kleinkinder zeigen, weil sie eine nur wenig ausgebildete Impulskontrolle haben und noch keinen Perspektivenwechsel einnehmen können, hat bewusstes Hauen, Treten oder Beißen eurer größeren Kinder immer eine Botschaft, die es zu entschlüsseln gilt. In den allermeisten Fällen lautet die Botschaft, dass das Kind das Gefühl verloren hat, für seine wichtigsten Bezugspersonen wertvoll zu sein. Eure Aufgabe ist es, diese Botschaft anzunehmen und die Beziehung wieder ins Lot zu rücken, während ihr gleichzeitig eure Grenzen darlegt und andere Strategien für das Kind aufzeigt, auf sein Bedürfnis aufmerksam zu machen.

Vertraut auf die Fähigkeiten eurer Kinder - sie tragen alles in sich, um ohne großen Aufwand zu lernen, wie man sich gesellschaftsadäquat verhält. Sie brauchen nur Zeit - viel Zeit - und viele Möglichkeiten, sich und ihre Gefühle kennenzulernen und zu regulieren. Das klappt am besten, wenn sie das ohne Scham und schlechtes Gewissen üben dürfen. 

© Snowqueen