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Der Malort - Malen ohne Ziel und Bewertung


zwei KopffüßerMeine Töchter sind gerade vier Jahre alt geworden und sollten zu Untersuchung beim Kinderarzt eine Zeichnung von einem "schön gemalten Menschen" mitbringen. Eins meiner Mädchen - Fräulein Ordnung - malt den lieben langen Tag nichts anderes als Menschen. Große Menschen, kleine, dicke, dünne, Menschen mit Haaren und ohne, mit Bauchnabel, mit Fingern oder auch nicht, mit Kronen und Ketten und immer wieder schwangere Menschen. Die andere - Fräulein Chaos - malt eigentlich lieber Blumen oder Buchstaben und Zahlen. Ich bat sie deshalb, mir bitte für die Ärztin einen schönen Menschen zu malen, was sie auch tat. Sichtlich stolz päsentierte sie mir ihr Bild: Ein Kreis als Kopf, zwei laaaaaange Beine und Punkt, Punkt, Komma, Strich als Gesicht. Mehr nicht. Ich war, ehrlich gesagt, ein wenig schockiert. Solche Kopffüßer hatte sie doch schon mit Zweieinhalb gemalt - hatte sie sich seitdem nicht weiterentwickelt?

Am Nachmittag auf dem Hof fragte ich sie vorsichtig, ob ihr ihr mit Kreide zeigen solle, wie man einen Menschen malt. Sie bejahte und schaute mir zu. "Guck mal," sagte ich, "ein Kreis als Kopf, dann zwei Striche als Hals. Dann ein Oval als Körper. Und dann kommen daran Arme und Beine - so. Und Finger. Und Füße." Fertig war mein, sehr kindlich gezeichneter, aber gut erkennbarer Mensch. "Der sieht blöd aus! Blöd! Blöd! Blöd! Mach den weg! Sofort! Der soll weg!!!!" brach es plötzlich aus meiner Tochter heraus. Sie war völlig außer sich und fing hysterisch an zu weinen. Verwirrt kippte ich mit der Gießkanne Wasser auf mein Kunstwerk. Es verschwand, Fräulein Chaos beruhigte sich und fing an, im Hof zu spielen. Ich stand ratlos vor dem nassen Fleck auf dem Boden, der einmal meine Menschzeichnung gewesen war. Was war denn nur in sie gefahren? "Naja, entschuldige, aber sie ist ja nun nicht blöd," meinte meine bessere Hälfte, "als sie deinen Menschen gesehen hat, ist ihr aufgefallen, dass ihre Zeichnung von heute morgen, auf die sie so stolz war, völlig anders aussieht. Und das hat sie wütend gemacht. Du hast sie sozusagen beschämt". Ich seufzte. Ja, das hatte ich wohl. Malen sollte doch kreative Freude auslösen, nicht Druck erzeugen, herrje. Ich nun wieder. Seufz. Ich nahm mein Telefon in die Hand und suchte nach der Nummer, die ich schon ein gutes halbes Jahr in der Tasche mit mir rumgetragen hatte. "Malort Mitte, Sebastian Ansorge am Apparat..." meldete sich eine nette männliche Stimme. "Guten Tag, ich würde gern meine beiden Töchter zu ihnen in den Malort schicken".

Der Malort, wie er von Erfinder Arno Stern konzipiert wurde, ist ein bewertungsfreier Raum, in dem Kinder und Erwachsene zu ihrer ganz eigenen, ursprünglichen Malspur zurückfinden. Ohne Konkurrenz, ohne Vorgabe, ohne Erklärung von Techniken und ohne Besprechen des Inhalts des Bildes fließen die ureigenen Impulse unserer Kinder auf das Blatt. Es ist schwer zu erklären, was in unserem Inneren dabei passiert. Man kommt in eine Art mentale Ruhe und ohne wirklich darüber nachzudenken, entstehen Farben und Formen auf dem Blatt, die kein Ausdruck kognitiven Wollens sind. Die Kinder stellen nicht dar, sie spielen. Sie spielen mit der Farbe und den Pinseln und erlangen so innere Ausgeglichenheit und Freude, wie sie nur im echten "Flow" erreicht werden können.
"Wie kann man begreiflich machen, dass der schöpferische Akt eine Art Mechanismus in Gang setzt, der unmittelbar an den Pulsschlag des Organismus angeschlossen ist, dass die [Formulation] die Melodie der Fibern im Inneren des Wesens ist. [...] Das Ereignis ist von solcher Zauberkraft, dass man glaubt, während seiner Dauer stünde die Zeit still und die Welt draußen, die Welt der anderen, sei unwirklich geworden und dem Gesichtsfeld entglitten." [vgl. Stern, A,, ...: 28 und 35]
Um aber in diesen Mal-Flow zu geraten, braucht es einen speziellen Ort, an dem die Kinder auch wirklich die Geschwister, Eltern, ihre Sorgen und Ängste vergessen können. Einen Ort, der das alles ausblendet, damit die Kinder einen Augenblick nur eins sein können: sie selbst.
 

Der Raum


Leinwand aus dem MalortEin Malort ist immer gleich aufgebaut. Es ist ein hell erleuchteter Raum ohne Fenster. An den Wänden ist eine Lage Packpapier angebracht, welche im Laufe der Jahre durch versehentliches Über-den-Rand-Malen der Malenden immer bunter werden. In der Mitte steht eine lange Reihe von Farbtöpfen. Zu jeder Farbe gehören drei Pinsel verschiedener Dicke, die sorgfältig zu einer Mini-Pyramide gestapelt werden. Die Kinder malen im Stehen, die weißen A3 Blätter werden dafür mit Reißzwecken an die Wand angebracht. Es gibt eine Leiter für besonders große Malspuren, und mehrere kleine Hocker zum Draufsteigen. Ein dienender Erwachsener - in unserem Fall Sebastian Ansorge - sorgt dafür, dass den Kindern immer genügend Papier zur Verfügung steht. Er wischt versehentliche Farbnasen weg, versetzt die Reißzwecken, wenn das Kind am Rand des Blattes angekommen ist, aber die Spur noch weiterverfolgen möchte. Dann versetzt er das erste Blatt ein Stück nach oben und reiht direkt daran ein neues Blatt, das die Malspur wiederaufnehmen kann.

Raum im Malort
Ein Malort-Kurs dauert 90 Minuten, so dass die Malenden wirklich abtauchen können in ihre eigene Welt der Spur. Meine Kinder (wie gesagt, sie sind vier Jahre alt) halten diese 90 Minuten oft komplett durch - nicht, weil sie besonders disziplinierte oder fokussierte Kinder wären, sondern weil sie tatsächlich den Flow in sich spüren. Sie lassen sich mitreißen vom Malspiel und tauchen nach der Zeit jedes Mal (!) mit geröteten Wagen und strahlenden Augen wieder auf.

Kommen wir im Malort an, hüpfen sie wie kleine Flummibälle durch die Gegend, ist der Kurs zu Ende, rennen sie wie wild im Garten herum oder entspannen, indem sie einen Wutanfall bekommen. Doch während des Kurses sind sie ruhig. Sie sind ernst und aufmerksam bei der Sache, sie fühlen irgendwie diese Magie des Ortes. Er fordert sie dazu auf, sich hinzugeben und sie folgen seinem Ruf mit Freude. Fräulein Ordnung singt manchmal während des Malspiels im Malort - das ist bei ihr immer ein Zeichen dafür, dass sie im Flow ist und sich wohl fühlt.

In unserem Kurs sind noch andere Kinder und auch einige Erwachsene. Ab und zu braucht jemand eine Pause vom Malen, dann geht er oder sie aus dem Raum, trinkt in de Küche einen Tee oder hüpft ein paar Mal im Hof auf- und ab und ist dann bereit für die nächste Runde. Das ist ausdrücklich erlaubt, denn das Malspiel soll kein Zwang sein. Trotzdem gibt es einige Regeln, an die sich auch die Kleinsten halten. Es geht nicht "wild" zu im Raum, damit niemand gestört wird. Es wird nicht großartig geredet, oder mit dem Wasser gepanscht oder die Blätter zerknickt. Man könnte sagen, es geht relativ streng zu. Es ist kein Ort, an dem sich ausgetobt werden kann, auch, wenn das Spiel des Kindes dort an erster Stelle steht.
 

Der Gründer des Malorts


Farben im MalortArno Stern, der Erfinder des Malorts, wurde 1924 geboren. Mit 22 Jahren nahm er eine Stelle in einem Heim für Kriegswaisen an. Er sollte die Kinder beschäftigen. Er fand Bleistifte und Abfallpapier, so begann das erste Malspiel. Nach Kriegsende konnte er Farben und Pinsel kaufen und diese den Kindern anbieten. Zunächst malten die Kinder in einem Raum mit großen Fenstern, die Blätter lagen damals noch auf Tischen. Als ein Kind eines Tages eine größere Figur malen wollte, die in ihrer Gesamtheit nicht mehr auf den Tisch passte, hängte Stern das Blatt kurzerhand an die Wand. Immer mehr Kinder entschieden sich, so zu malen. Die Tische und Stühle im Raum wurden obsolet, übrig blieb nur ein schmaler Tisch in der Mitte des Raumes, auf dem die Farben standen. Da der Kurs Freude auslöste, kamen bald noch mehr Kinder hinzu und der Platz wurde knapp.

Arno Stern bedeckte das Fenster mit Brettern, so dass nun eine lückenlose Wandfläche entstand. Er merkte bald, dass dieser schützende Raum, der die Kinder nun umgab, für das Malspiel förderlich war. Nichts drang mehr von außen ein, so dass im Schutz dieser Geborgenheit die ureigenste Spur der Kinder zutage treten konnte. Das war nicht geplant gewesen, doch Stern war aufmerksam genug, zu erkennen, was die Bedingungen in seinem Raum in den Kindern auslöste. Der Malort war geboren: die vier durchgängigen Wände, der Palettentisch, die dienende Rolle des Erwachsenen.

Stern beobachtete, dass es immer wieder gleiche Zeichen und Muster waren, die im Malspiel entstanden. Er reiste durch die Welt, nach Mauretanien, Peru, Niger, Mexiko, Afghanistan, Äthiopien, Guatemala, Neu-Guinea etc. und ließ überall Kinder und Erwachsene malen. Was er sah, erstaunte ihn. Auf der ganzen Welt malen Menschen, wenn sie noch nicht durch Anleitung und Korrektur eingeengt wurden, die gleichen Zeichen und Muster. Er nannte dieses Phänomen "Formulation", die entstehenden Zeichen "Trazate".
"Die [Formulation] ist das Echo der ersten Vibrationen des Organismus. Sie wurden aufgezeichnet und bewahrt, doch keine Überlegung führt zu ihnen, unsere vernünftige Sprache kann sie nicht interpretieren. Aus dem tiefsten Urgrund des Wesens - wie aus ältesten Schichtablagerungen - tauchen, vom Bewusstsein nicht zur Kenntnis genommen, Rückstände auf und konkretisieren sich in Zügen, denen sie ihren heimlichen Inhalt aufprägen." [Stern, A. 2009: 14]
Mittlerweile 90 Jahre alt, arbeitet Stern noch immer in seinem Malort in Paris.

Farben
 
 

Die Philosophie des Malorts


Arno Stern schickte seinen Sohn André nicht zur Schule und es ist ihm wichtig, dass auch im Malort Kinder nicht belehrt oder eingeengt werden. Wenn wir unseren Kindern vorgeben, wie man etwas malt - denkt an das Beispiel mit meiner Tochter und mir - , dann nehmen wir unseren Kindern ihre ursprüngliche, schöpferische Kraft und ersetzen sie mit einer starren, formalen Bildsprache, die vielleicht den geltenden gesellschaftlichen Normen entspricht, aber dem Kind die Möglichkeit nimmt, in Ruhe seine eigene Bildsprache zu entdecken.

Das ist, als würden wir ihm andauernd versuchen beizubringen, wie man sitzt, oder krabbelt, oder läuft (was manche Eltern heutzutage ja absurderweise sogar tun). Ein Kind lernt aus eigenem Antrieb, wie es sitzen und krabbeln kann, es braucht dabei keinerlei Unterstützung. Hilfe hemmt es sogar: Es kann seine Muskeln nicht im eigenen Tempo trainieren, es lernt nicht, mit kleineren Misserfolgen umzugehen, es lernt nicht, an einer Sache "dran" zu bleiben. Das Gleiche gilt fürs Malen.

Es gibt einen universellen Weg der Mal-Spur, der in uns allen angelegt ist und den wir am besten selbst entdecken und eigenständig gehen. Dabei ist es wichtig, das Kind nicht von diesem Weg abzulenken, beispielsweise, indem man versucht, es zu verbessern, oder auch, indem man fragt, was genau es gemalt hat. Denn Kinder malen erst einmal nicht, um darzustellen.
"Geben Sie einem Kind ein Blatt Papier, es wird mehr oder weniger identifizierbare Zeichen kitzeln. Die Frage "Was hast du darstellen wollen? oder ihre Variante: "Erzähl mir, was du gezeichnet hast." (damit ich es verstehe) will besagen, Zeichnen sei das Bemühen, das Bild der Dinge wiederzugeben. Es geradewegs abzustreiten wäre irrig. Doch es bei dem Gedanken zu belassen, dass die bildliche Sprache sich auf diese einzige Funktion beschränkt und sie in dieser Richtung zu fördern, hieße [...] zu verhindern, dass Zeichnen sich über die Schulbanalität hinaus steigert." [Stern, A.; 2009:21]
"Wie gut wäre es, wenn jedermann das urwüchsige Kind vor seinem Blatt Papier sehen könnte. Es zeichnen ohne vorgefasste Idee - ohne Idee, ich sage es allen, die da glauben, man müsse wissen, was man zeichnen will - seine Hand wird von einer nicht domestizierten Kraft geführt. Es zeichnet und entdeckt mit dem Erstaunen eines Beschauers das Erzeugnis einer Fähigkeit, von der es nichts ahnte." [vgl. ebd.: 49] 
"Der Erwachsene glaubt, das Kind zeichne, um ihm etwas mitzuteilen, und es erwarte möglicherweise Lob für das gefällige Bild. Zu einer solchen Abhängigkeit sind die Kinder in unserer Gesellschaft erzogen worden. Was empfindet das Kind, wenn der Erwachsene zu ihm tritt, mit seinen Fragen und Aufforderungen: [...] "Ist das eine Blume?" Und was soll denn das hier sein?" [...] Glaubt wohl jemand, dass diese grobe Einmischung in des Kindes Spiel förderlich sei? Sie zwingt das Kind zum  Vorspielen." [Stern, A. 2012: 18]
Bild im MalortQuintessenz der Philosophie des Malortes ist, dass Malen für Kinder ein Spiel ist. Dass, was das Spielen auszeichnet, ist die Abwesenheit eines Erzeugnisses. Allein das Spiel selbst, also das Geschehen während des Spiels, ist für das Kind wichtig; es gibt kein Ziel, auf das das Spiel hinführt. Im Gegensatz dazu ist das Malen als künstlerische Schöpfung, wie wir es aus dem Kunstunterricht an der Schule kennen, darauf ausgerichtet, am Ende ein Abbild - mehr oder weniger naturgetreu -  eines Dinges oder einer Idee zu haben.

Kinder im Malort werden nicht künstlerisch tätig, sie spielen. Deshalb gibt es im Malort auch keine Konkurrenz unter den Malenden. Da das Ergebnis des Spiels nicht betrachtet oder bewertet wird, es nicht "schön" im herkömmlichen Sinn sein muss, bleiben die Malenden verschont von quälenden (manchmal selbst auferlegten) Vergleichen mit anderen und der niederschmetternden Eigendiagnose "Ich kann nicht malen". Kein Wunder, dass alle, die den Malort besuchen, das als wohltuend empfinden. Alle Bilder, die im Malort entstehen, werden dort gesammelt und gelagert. Sie werden, wie gesagt, weder besprochen, noch verglichen oder anderen Menschen gezeigt. Da sie aber trotzdem etwas Wertvolles darstellen - die sichtbare Spur des ernsthaften Spiels mit der Farbe - werden sie aufgehoben und so wertgeschätzt.
 
 

Die Formulation


GiruliDie Formulation beginnt bei jedem Kind mit zwei Gebilden, den Punktili und dem Giruli. Letztere entstehen aus einer Hin- und Herbewegung des Stiftes auf dem Papier, manchmal entsteht eine spontane Drehbewegung, so dass eine Art Wollknäuel auf dem Papier entsteht. Wir Erwachsenen nennen es gemeinhin "Krikelkrakel" und sehen nicht den Meilenstein, den unsere Kinder da erreicht haben. Manchmal macht uns die Spur unserer Kinder sogar wütend, nämlich dann, wenn Giruli aus Brei oder Spucke entstehen. Diese Versuche werden von den meisten Eltern dann leider unterbunden. Das ist schade, denn das Kind entdeckt in diesem Moment sich selbst als Schaffenden und das, was daraus entsteht ist überaus beglückend.

Ich hatte schon in einem früheren Artikel genau beschrieben, welche Glücks-Hormone ausgeschüttet werden, wenn das Hirn im Flow ist und wie sehr dieser Glücksrausch das Kind (und den Erwachsenen) dazu anregt, bei der Sache zu bleiben und es noch einmal zu versuchen. Beharrlichkeit, Selbstbewusstsein, Eigenmotivation und Durchhaltevermögen haben in diesen ersten Momenten ihren Ursprung! Werden zu viele dieser Momente von den Erwachsenen unterbrochen, weil diese die Wichtigkeit dieses Spiels nicht erkennen und lieber einen sauberen Esstisch wollen, beschneiden sie von Anfang an ebendiese Werte, die sie später bei ihrem Kind so unbedingt sehen wollen.

Aus den Giruli ensteht etwas später, wenn das Kind in der Lage ist, seine unbändige Gebärden etwas zu verfeinern, die erste Figur. Das Kann ein Kreis oder ein Tropfen sein, wichtig ist, dass sich der Anfang und das Ende der Spur treffen.
"Viele weitere Figuren werden im Laufe der folgenden Monate von diesen beiden Gebilden abstammen. Vorausgesetzt, dass sich kein Fremder in das Spiel einmischt und mit seinen Fragen und Ratschlägen den Verlauf des vorbestimmten Geschehens verunmöglicht. Lange Zeit wird das Kind mit diesen Erstfiguren spielen, die sich nacheinander seiner Hand aufdrängen und deren Bildung ihm leicht fällt. [...] Dem kleinen Kind ist eine lange Zeit der Unbeschwertheit vergönnt, in der sich viele Gebilde seinem Spiel anerbieten. Was sie auszeichnet, ist wertvoll, denn die Erstfiguren entstehen nicht aus einer Absicht, sondern aus einem inneren Bedürfnis. [...] Später wird sich die Absicht hinzugesellen; die Äußerung ist dann ein Hin und Her - oder ein Zusammenwirken - von Vernunft und innerer Regung." [vgl. Stern, A,. 2012:34f]
PunktiliWenn die Giruli zur Figur führen, was wird dann aus den Punktili? Sie führen zum Strich. Das etwa ein- zweijährige Kind klopft zuhause auf dem Maltisch mit dem Stift zunächst wild und unbändig auf das Papier, dabei entstehen Punkte (Punktili). Wird das Spiel wilder, dann passiert es aus Versehen, dass an den Punkten ein kleiner Schwanz hängt - das wird von den Kinder verzückt aufgenommen und verfeinert. Es entstehen senkrechte Striche, die einen ebensolchen Meilenstein darstellen, wie die Figur des Kreises. Das Kind wird weiter experimentieren, so dass auch waagerechte Striche hinzukommen. Sie verbinden sich zu einem Kreuz, oder einem Winkel. Auch Kreis und Striche werden miteinander auf einem Blatt kombiniert - es entsteht ein Gebilde, das wir Erwachsenen normalerweise mit "Sonne" betiteln.

An diesem Punkt startet meist das verhängnisvolle Missverständnis der Großen - sie denken, das Kind habe seine erste Sonne gemalt, sie benennen sie vor dem Kind, loben es für seine Arbeit, hängen das Bild vielleicht auch auf. Bitte versteht mich nicht falsch - ich bin nicht dagegen, sich mit dem Kind mitzufreuen über die gelungene Spur. Aber das Benennen eines Gegenstandes, den das Kind eigentlich gar nicht malen wollte, beschränkt die Malspur eben auf den rein kognitiven Charakter des Abbilden-Wollens, der das Kind in seiner Kreativität und seinem Spiel zu sehr einschränkt. Könnten wir Eltern davon absehen, in den Bildern etwas erkennen zu wollen, würden wir unseren Kindern einen großen Gefallen tun, denn dann könnte ihr Malspiel seinen naturgegebenen Weg weiter fortsetzen.
"Das kleine Kind spielt unbekümmert mit seinen Erstfiguren. Ihr Entstehen allein ist beglückend, ebenso, wie ein Spiel schon darin bestehen kann, Holzklötzchen aufzureihen oder aufzuschichten, ohne weiteren Zweck, als nur dieses Zusammenstellen. Erst beim größeren Kind kommt die Zweckdienlichkeit hinzu, und es geht ihnen darum, einen Gegenstand herzustellen, ein Tor, ein Haus, die Randsteine eines Weges o.Ä. Dem aufmerksamen Blick des kleinen Kindes fällt eine Ähnlichkeit mancher Dinge mit seinen gewohnten Erstfiguren auf. Das mag der am Körper hängende Schwanz einer Katze sein, der an den angehängten Strich einer Erstfigur erinnert. Und das geglückte Gänseblümchen ist ihm ein vertrautes Gebilde, weil den Blumenblättchen ähnliche Strahlen lange zuvor im Formulationsspiel aus einer runden Figur herausgewachsen sind. Aus diesem Vergleichen entsteht überhaupt die Lust, Dinge darzustellen und für ihre Gestaltung die entsprechenden, schon erprobten Figuren zu verwenden." [vgl. Stern, A., 2012: 41]
Ich weiß nicht, wie das bei euch war, aber ich war total verzückt von den ersten "Sonnen" meiner Kinder und begann, ihre Bilder zu erweitern, indem ich ihnen Blumen und Gras vormalte. Natürlich genossen meine Kinder das intensive Malen mit mir, und sie versuchten auch geflissentlich, meine vorgemalten Gebilde nachzumalen. Leider gelang es ihnen nicht annähernd so gut, wie mir, was sie zusehends mehr frustrierte.

gemalte Sonne

Ich redete mir den Mund fusselig, dass ihre Blumen doch super seien und jeder male doch anders und sie könnten stolz sein auf das, was sie geschafft hätten - nichts davon kam bei meinen Töchtern im Herzen an. Sie waren weiterhin frustriert und hörten auf, bestimmte Dinge zu malen. Stattdessen sollte ich malen. Sie setzen sich auf meinen Schoß und ich sollte einen Löwen malen, oder ein Haus, oder etwas anderes. Sie schauten mir interessiert zu, sie genossen unsere Zweisamkeit, doch sie malten nicht mehr gern. Sie wandten sich anderen Spielen zu. Heute weiß ich, dass ich mit meiner Einmischung das Gleiche tat, wie Eltern, die ihr Baby mit 9 Monaten schon an den Händen haltend durch den Raum schleifen, um gehen zu üben. Ich hatte den naturgegebenen Prozess unterbrochen. Die "Mal-Muskeln" meiner Kinder waren noch gar nicht bereit für Blume, Haus und Löwe. Ich hätte sie einfach weiter mit ihren Erstfiguren spielen lassen sollen, so, wie ich ihnen auch beim Laufenlernen ihre eigene Zeit zugestanden habe.

Kinderzeichnung Frau
Aus den Erstfiguren, mit denen lange, lange Zeit auf dem Papier gespielt wird, entstehen irgendwann "Bild-Dinge". Man kann zum Beispiel gut erkennen, wie die Strahlen der Erstfigur, die wir gemeinhin als Sonne bezeichnen, immer weniger werden, bis nur noch ein Kreis mit zwei Strichen die erste Mensch-Zeichnung einleitet ("Kopffüßer"). Im Malort findet sich diese "Strahlenfigur" auch oft auf der absichtsvollen Ebene als Blume, Teich oder Hand wieder. Oder die Erstform des Tropfens führt über die Figur des Dreiecks zum typischen Haus mit Spitzdach, das wir von allen Kindern dieser Welt kennen, egal, ob sie in der Großstadt mit Hochhäusern aufwachsen oder im Dorf oder im Dschungel. Alle Erstfiguren erscheinen auch in Bildern von älteren Kindern, auch, wenn diese mit der Absicht malen, etwas Bestimmtes darzustellen.

Fräulein Chaos - die, die keine Menschen malen wollte - ist seit unserem Beginn im Malort dazu über gegangen, zuhause "Prinzessinnen" zu malen. Ihre Menschzeichnung bekommt neben dem Kopf und den immer noch laaaaaangen Beinen nun auch lange Haare, die sich wie ein Torbogen um den Kopf herumlegen. Neben der Erstfigur des Strahlenkörpers (Menschzeichnung) ist nun also auch das Bogen-Trazat (Haare) im Bild erkennbar - das ist von meiner Tochter natürlich unbeabsichtigt. Die Erstformen haben sich quasi in ihr Bild "eingeschlichen", sind aber weiterhin, da sie noch immer aus ihrem tiefsten Inneneren aufsteigen und auf das Blatt fließen, für sie beglückend und ihre Entstehung befriedigend.
 
Ich könnte nun noch Stunden weiterschreiben über die Formulation und ihre Entwicklung, doch ich hatte mir vorgenommen, diesen Artikel nicht ausufern zu lassen. Wer noch mehr wissen möchte über das Phänomen, dem sei das Buch Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll von Arno Stern ans Herz gelegt.
 
 

Fazit



Sebastian Ansorge
Sebastian Ansorge, Malort Mitte
Ich habe mit meinen Kindern aus pädagogischer Neugier schon viele Kurse besucht, einige länger, andere nur kurze Zeit. Selten sind meine Kinder so berührt von einem Kurs gewesen, wie sie vom Malort berührt werden. Er tut ihnen gut. Sie sind gern dort und freuen sich die ganze Woche auf den Termin. Sie reden oft darüber. Manchmal wundern sie sich, dass man dort nicht "benennen darf, was man malt", aber sie akzeptieren diese Eigenheit, ohne, dass es die Freude trübt. Wir sind noch nicht lange genug dort, um sagen zu können, ob sich der Malort nachhaltig auf sie auswirkt. Im Moment genießen sie diese entspannenden 90 Minuten einfach nur und erfreuen sich an dem, was auf das weiße Blatt vor ihnen fließt. Arno Stern ist sich jedoch sicher, dass die Kinder mehr aus dem Malort mitnehmen, als nur reine Freude.
"Man sehe, wie das Kind im Atelier eine weiße Fläche Papier, ein Blatt unter tausend gleichen Blättern, in ein Werk verwandelt, Ergebnis einer Bemühung seines Körpers, der Konzentration aller seiner Sinne auf eine einzige Initiative, so wie der Tänzer die Meisterung aller Funktionen seines Organismus bei der Ausführung eines Rhythmus  vollbringt. Und das Kind bewahrt, ohne ein Künstler zu werden, von diesem Training die Gewohnheit der Initiative. Durch diese Konzentration, die sich auch kreative Bemühung nennt, erwirbt es die Fähigkeit, im Leben stark zu sein. Es ist stark wie alle, die ohne Aggressivität, ohne Wettbewerb und ohne Anlehnung an ein Modell etwas realisieren." [vgl. Stern, A, 2009: 42]
Ich bin jedenfalls schwer begeistert von unserem Malort-Kurs und kann nur jedem empfehlen, auf die Suche nach einem in seiner Nähe zu gehen. Ich selbst nehme mit, dass ich mich noch weniger in die natürliche Entwicklung meiner Kinder einmischen möchte. Den in unsere Kinder genetisch einprogrammierte Glaube an den Ernst des Spiels möchte ich aufrecht erhalten und nicht durch Belehrungen, Verbesserungen oder Anregungen zunichte machen. Ich werde weiterhin dabei sein und meine Kinder aufmerksam begleiten, aber stören - stören werde ich sie hoffentlich nicht mehr.

Malorte in Berlin

Malort Mitte
Dänenstr. 3
10439 Berlin

Malort Köpenick
Malort Himmelblau
Taunusstr. 2
12161 Berlin
Tel. 03088622771

Malort Die natürliche Spur
Marina Lindner
Eberstsr. 12A
10827 Berlin
Tel: 01745357193

Lebt ihr nicht in Berlin oder könnt ihr in eurer Stadt keinen Malort finden, dann lässt sich zumindest ein Teil des Gefüges selbst zuhause nachstellen:
"Sie können mit sehr wenig Aufwand die Anfänge der Formulation ermöglichen; und wenn Sie es tun, haben Sie Wesentliches getan. Durch Durchführung benötigen Sie nur Kugelschreiber und weißes Papier - gewöhnliches Schreibpapier A4. Absolut entscheidend jedoch ist dabei die Einstellung des Erwachsenen. Seine aus der Kenntnis der Formulation entstandene Überzeugung bestimmt sein Verhalten, bei dem ein ungeschicktes Eingreifen schädlich ist, das Vorurteile, Staunen und aufdringliche Neugierde ausschließt und deshalb förderlich ist. Und noch etwas darf in der Praxis nicht fehlen: Richten Sie ein Fach ein, in dem alle Blätter mit den kostbaren Spuren aufbewahrt werden, denn kein einziges ist wertlos im Rahmen des Gesamtgeschehens. Das sorgfältige Aufbewahren ist eine Ermutigung für jedes Kind, ein Beweis dafür, dass seine Tätigkeit ernst genommen wird. Und es ist vor allem auch die Versicherung, dass niemand, kein Mitschüler, kein Besucher, kein Angehöriger des Kindes, mit seinem gut gemeinten Unwissen die vertrauensvoll entstandene Spur veruntreut." [vgl. Stern, A., 2012: 84]


gelagerte Bilder im Malort
gelagerte Bilder im Malort
© Snowqueen

Literatur


Stern, Arno: Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll, 2012

Stern, Arno: Die Expression, 2009

Stern, Arno: Der Malort, 1998

Stern, Arno: Das Malspiel und die natürliche Spur, 2012

Stern, Andre: Mein Vater, mein Freund, 2011

Vitamin D - im Winter reicht Sonne häufig nicht aus!


Neulich las ich in einer Elterngruppe auf Facebook eine Diskussion, ob man Babys denn wirklich Fluorid und Vitamin D geben sollte. Über das Für und Wider der Fluoridgabe hatte ich in einem früheren Artikel schon ausführlich geschrieben. Aber über Vitamin D hatte ich mir bisher nicht so viele Gedanken gemacht, weil ich eigentlich davon ausging, dass der Nutzen für Babys vollkommen unstreitig ist.

Bild aus VitamintablettenIm Rahmen der Diskussion schrieben die meisten Mütter, dass sie das Vitamin D im ersten Lebensjahr gegeben hätten und mit ihren größeren Kindern viel an die frische Luft gingen, das sei ja ausreichend. Eine Mutter warf jedoch ein, dass sie auch sehr viel mit ihrem Kind draußen sei und dennoch ein Vitamin-D-Mangel diagnostiziert wurde.

Das machte mich etwas nachdenklich und ich beschloss zu recherchieren, ob man den Vitamin-D-Bedarf bei Kleinkindern ausreichend durch Draußen sein decken kann. Über das Ergebnis  war ich ziemlich überrascht. In diesem Artikel möchte ich alles Wissenswerte zum Vitamin D zusammenfassen und die Frage beantworten: "Ist es für die Vitamin-D-Versorgung ausreichend, wenn ich mit meinem Kind regelmäßig raus gehe?"
 
 

Was ist Vitamin D? Wofür ist es wichtig?

 
Vitamin D ist kein wirkliches Vitamin, sondern ein Hormon, das auf den Phosphat- und Kalzium-Stoffwechsel einwirkt. Es wirkt unterstützend bei der Einlagerung von Kalzium in die Knochen, da es dessen Aufnahme aus der Nahrung verbessert.

Das Vitamin D spielt auch eine wichtige Rolle für das Immunsystem. Es wird davon ausgegangen, dass es Einfluss auf die T-Lymphozyten hat, die auf Krankheitserreger reagieren. Darüber hinaus hat Vitamin D eine präventive Wirkung in Bezug auf Osteoporose und die allgemeine Knochendichte in späteren Jahren.

Außerdem haben Studien Anhaltspunkte dafür geliefert, dass sich die Höhe des Vitamin-D-Spiegels auf die Entstehung eines Typ-1-Diabetes mellitus oder das Risiko für Multiple Sklerose auswirken kann.

Es gibt außerdem Vermutungen, wonach ein Vitamin-D-Mangel grundlegend an der Entstehung von Krebs beteiligt sein könnte. Die Tatsache, dass die Gabe hoher Vitamin-D-Dosen die Sterblichkeit bei Krebs signifikant reduzieren, scheint das zu bestätigen.

 

Auswirkungen eines Vitamin-D-Mangels

 
XrayRicketsLegssmall.jpgEin Mangel an Vitamin D kann zu Rachitis führen. Dabei kommt es zu Störungen bei der Mineralisation der Knochen. Diese erkennt man daran, dass bspw. die Schädeldecke eines Babys so weich ist, dass sie mit den Fingern eingedrückt werden kann. Auch der Hinterkopf verformt sich bei einer Rachitis sehr schnell durch vieles Liegen. Dies kommt zwar auch bei ausreichender Vitamin D-Versorgung vor, wird durch einen Mangel jedoch befördert. Außerdem kann es es zu Verformungen der Knochen kommen, die ggf. irreparabel bleiben (wie z. B. X- und O-Beine oder eine Trichterbrust).
 
Weitere Symptome eines Vitamin-D-Mangels bei Kindern sind Unruhe, erhöhtes Schwitzen (vor allem am Kopf), Schlaffheit und eine hohe Infektanfälligkeit. Auch ein später Zahndurchbruch, Zahnschmelzdefekte und Karies können von einem Mangel beeinflusst sein. Es kann außerdem zu Wachstumsverzögerungen, einer verzögerten motorischen Entwicklung und einem erhöhten Risiko für Knochenfrakturen kommen.

 

Wie kann man einem Vitamin-D-Mangel bei Kindern und Babys vorbeugen?

 
In Deutschland ist es üblich, Säuglingen ab der zweiten Lebenswoche täglich ein Vitamin-D-Präparat zu verabreichen (teilweise in Kombination mit Fluorid). Die Einnahme erfolgt im ersten Lebensjahr durchgehend. Hat das Kind im Winter Geburtstag, soll es das Vitamin D bis zum Frühjahr nach seinem Geburtstag bekommen.

MedikamentenlöffelDie Tabletten lassen sich recht einfach auflösen - z. B. in Milch oder Wasser. Wir haben das Vitamin D mit einem Medikamentenlöffel eingeflößt - das hat bei Stillkindern gut geklappt. Viele geben das Vitamin D auch in die Flaschenmilch - das ist jedoch nur empfehlenswert, wenn man weiß, dass das Kind die Flasche komplett austrinkt.

Das Vitamin D gibt es auch als Vigantol® Öl, hiervon bekommt das Baby täglich einen Tropfen. Das Öl enthält - anders als die Tabletten - kaum Zusatzstoffe, weswegen es eine Alternative ist, wenn das Kind Blähungen von der Tablette bekommt (das ist gar nicht selten der Fall!) Es ist jedoch verschreibungspflichtig - die Tabletten erhält man auch rezeptfrei in der Apotheke. Die Kosten der Präparate trägt etwa bis zum Alter von 1,5 Jahren die gesetzliche Krankenkasse.
 

Wie viel Vitamin D brauchen Babys im ersten Lebensjahr?


Grundsätzlich wird ein Vitamin-D-Spiegel (sogenannte Serum-25-OHD-Konzentration) im Blut von über 50 nmol/l angestrebt. Studien haben ergeben, dass dies bei vollgestillten Kindern durch eine tägliche Dosis von 400 i. E. Vitamin D zuverlässig sichergestellt wird.

Daher lautet die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung aktuell, dass Babys im ersten Lebensjahr täglich zusätzlich zur Nahrung 10 µg (das entspricht 400 i. E.) Vitamin D bekommen sollen. Frühgeborene erhalten in den ersten Lebensmonaten eine tägliche Dosis von 800 - 1000 i. E. (20 bis 25 µg).
 

Wie viel Vitamin D brauchen Kinder ab dem zweiten Lebensjahr

 
Bis etwa 2011 wurde für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr nur noch eine tägliche Zufuhr von 200 i. E. (5 µg) Vitamin D empfohlen. Früher ging man aus, dass ein Vitamin-D-Mangel erst vorliegt, wenn die Konzentration im Blut unter 27,5 nmol/l liegt - heute weiß man, dass die Konzentration mindestens 50 nmol/l betragen sollte und 75 nmol/l ideal wären. (Die Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels als IGEL-Leistung kostet übrigens 32,18 EUR (plus die Kosten für die Blutabnahme)). 
 
Studien haben ergeben, dass gerade größere Kinder mit Vitamin D unterversorgt sind. Während Mädchen im Alter von 0 bis 2 Jahren mit 59,8  nmol meist noch knapp über dem erstrebten Grenzwert liegen, sieht das bei älteren Kindern schon anders aus - im Alter von 11 bis 13 Jahren beispielsweise sinkt der durchschnittliche Spiegel von Mädchen auf 35,7 nmol - dabei beträgt der Wert im Februar durchschnittlich sogar nur 26,4 nmol - das gilt heute als deutlicher Mangel (hier nachzulesen).

Also wurden die Empfehlungen angepasst - laut DGE heute sollen Kinder ab einem Jahr sogar das Vierfache der ursprünglich empfohlenen Menge, nämlich 20 µg (das entspricht 800 i. E.) Vitamin D pro Tag zu sich nehmen. Als ich mein erstes Kind bekam, waren noch die damaligen Empfehlungen von 5 µg aktuell, weswegen ich bisher immer im Hinterkopf hatte, dass nach dem ersten Lebensjahr ein ausreichender Spiegel ganz einfach mit Sonnenlicht oder über die Nahrungszufuhr erreicht werden kann. Dabei ist das Gegenteil der Fall - tatsächlich sollen Kinder doppelt so viel Vitamin D bekommen, wie Babys!

 

Wie wird der Vitamin-D-Bedarf gedeckt?


Vitamin D kann vom Körper durch die Synthetisierung von Sonnenlicht selbst gebildet werden. So können in lichtreichen Monaten etwa 90 % des täglichen Bedarfs gedeckt werden. Nur etwa 10 % des Tagesbedarfs werden über die Nahrung zugeführt.

Vitamin D kommt in Lebensmitteln nur in Spuren vor, lediglich Fischleberöl (Lebertran) enthält nennenswerte Mengen an Vitamin D - schmeckt aber scheußlich. Fetter Fisch (Hering, Sardine, Lachs, Makrele) enthalten relativ viel Vitamin D.
 

Vitamin D-Gehalt von Lebensmitteln
Vitamin D-Gehalt von Lebensmitteln
 
Die Bioverfügbarkeit des Vitamin D beträgt etwa 60-70 %, das heißt, dass nur etwa 6 - 7 µg vom Körper verwendet werden können, wenn ihm 10 µg Vitamin D über die Nahrung zugeführt werden.

Muttermilch enthält - abhängig vom Vitamin-D-Spiegel der Mutter - zwischen ca. 12 und 60 i. E. (0,3 bis 1,5 µg)  pro 100 ml. Das Problem ist, dass man zum einen nicht weiß, wie viel die eigene Milch enthält und zum anderen, wie viel das Kind davon am Tag trinkt. Aber wie schon oben erwähnt, ist ohnehin eine tägliche Zufuhr von 400 i. E. notwendig, um den gewünschten Vitamin-D-Spiegel zu erreichen.

Flaschenmilch enthält etwa 40 bis 48 i. E. (1,0 bis 1,2 µg) Vitamin D pro 100 ml - genaue Angaben zum Vitamin D-Gehalt der einzelnen Pre-Sorten findest Du in der Übersicht im Artikel Pre und 1er - Welche Anfangsnahrung ist die beste? Während im ersten Lebensjahr zusätzlich zur Pre ein Vitaminpräparat gegeben werden soll, deckt die Milch im zweiten Lebensjahr einen Teil des Tagesbedarfes. Trinkt ein einjähriges Kind also noch eine Flasche mit 200 ml Pulvermilch, entspricht das etwa einem Achtes der erforderlichen Zufuhr. Bei Kuhmilch ist zu beachten, dass der Vitamin-D-Spiegel jahreszeitabhängig schwankt - im Winter, wo der Bedarf am größten ist, ist der Vitamin-D-Gehalt der Milch unter Umständen deutlich niedriger.

 

Wie viel Vitamin D wird durch Sonneneinstrahlung gebildet?


Zwei Kinder sitzen in der SonneDie Menge an Vitamin D gebildet wird (endogene Synthese), ist stark abhängig von der Intensität der Sonneneinstrahlung, der geografischen Breite und der Hautbeschaffenheit. Bei sehr dunklen Hautpigmenten ist nur eine sehr begrenzte Vitamin-D-Synthese möglich.

Bei einer direkten Sonnenbestrahlung werden im Sommer in unseren Breiten pro Quadratzentimeter Haut in drei Stunden durchschnittlich 18 i. E. (0,25 µg) Vitamin D gebildet. Ein Babygesicht hat etwa 20 Quadratzentimeter - innerhalb von 3 Stunden kann es also theoretisch etwa 360 i. E. bilden. Allerdings nur dann, wenn es ungeschützt der Sonne ausgesetzt wird - das wird im ersten Lebensjahr jedoch grundsätzlich nicht empfohlen.

Bei älteren Kinder ist das Problem, dass diese heutzutage penibel eingecremt werden und kaum noch ungeschützt in der Sonne sind. Schon der Lichtschutzfaktor 15 hemmt die Vitamin D-Produktion des Körpers um 99,5 %! Sind die Kinder also nur eingecremt draußen, kann der Körper auch im Sommer nicht ausreichend Vitamin D bilden. Ich hatte schon im Artikel über Sonnenschutz für Kinder empfohlen, Kinder nicht immer sofort einzucremen, sondern der Haut Gelegenheit zu geben, einen natürlichen Schutz aufzubauen. Da Cremes heutzutage schon sofort nach dem Auftragen wirken und nicht mehr schon 20 Minuten vorher eingecremt werden muss, sollten Kinder immer erst mal ein paar Minuten ungeschützt in die Sonne gehen - dies füllt dann auch den Vitamin-D-Speicher effektiv.
 
Man kann davon ausgehen, dass das Kind ausreichend Vitamin D durch Sonne versorgt wird, wenn es  sich in den Monaten März bis Oktober  mindestens drei mal pro Wochen etwa 20 Minuten ungeschützt im Freien bei Sonnenschein aufhält und dabei Gesicht und Arme (also etwa 20 - 25 % der Körperoberfläche) unbedeckt sind. Als Faustregel kann man sich also merken: Täglich etwa 10 Minuten Sonne und dann erst cremen.
 
Im Winter ist es durch den Sonnenstand jedoch nahezu unmöglich, sich ausreichend mit Vitamin D zu versorgen. Als Faustregel gilt: Nur so lange der Schatten des Körpers kürzer ist, als der Körper selbst, wird von der Haut Vitamin D gebildet - das trifft in der kalten Jahreszeit (November bis Februar)  im Grunde fast nie zu. Ich habe letzte Woche mal nachgemessen - selbst um 12 Uhr war mein Schatten doppelt so lang, wie mein Körper.
 
Zwar speichert der Körper das Vitamin D im Körperfett, so dass nach einem lichtreichen Sommer auch einige Monate davon gezehrt werden kann, aber im Januar/Februar sind diese Reserven meist vollständig aufgebraucht. Es besteht übrigens die Vermutung, dass auch deswegen diese Monate sehr infektreich sind.
 

Kann man Vitamin D überdosieren?

 
Für Nährstoffe gibt es einen so genannten Tolerable Upper Intake Level - dieser gibt an, welche maximale langfristige Gesamtzufuhr eines Nährstoffes auch bei empfindlichen Personen kein Risiko für die Gesundheit darstellt und daher mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit aus biologischer Sicht toleriert werden kann. Die European Food Safety Authority hat diesen Wert für Vitamin D im Jahr 2012 verdoppelt für Kinder unter einem Jahr mit 25 µg (1.000 i. E.) angegeben. Für Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren beträgt er 50 µ (2.000 i. E.) Dabei handelt es sich ausdrücklich um die maximal tolerierbare Höchstmenge - nicht die empfohlene Dosierung!

Um Vitamin D überzudosieren müsste man Kindern, die älter als ein Jahr sind, dauerhaft mehr als 2.000 i. E. geben. Es gibt nur sehr wenige dokumentierte Fälle von Überdosierungen - die meisten davon waren dadurch verursacht, dass kleinen Kinder Erwachsenen-Dosierungen verabreicht wurden. Ein Überdosierung durch Sonnenlicht ist nicht möglich. 
 

Fazit

 
In Deutschland sind laut Robert-Koch-Institut 42,9 % (!) aller Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren suboptimal mit Vitamin D versorgt. Dabei haben 15,5 % einen moderaten Mangel und 3,6 - 4,0 % sogar einen schweren Vitamin-D-Mangel.
 
Eine Studie hat ergeben, dass Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren über die Nahrung täglich nur etwa 1,3 bis 1,4 µg Vitamin D aufnehmen - 20 (!) µg brauchen sie. Daher ist ein häufiger Aufenthalt im Freien und in lichtarmen Monaten die Gabe eines Vitaminpräparates auch bei größeren Kindern überdenkenswert - unser Arzt empfahl auf meine Nachfrage eine dauerhafte Gabe von Vigantoletten (400 i. E.) - im Winter auch für größere Kinder. Bei Zweifeln sollte man im Januar/Februar mal den Spiegel bestimmen lassen, um zu schauen, ob ein Mangel besteht. Zwar zehrt der Körper im Winter von im Sommer angelegten Depots - wenn unsere Kinder jedoch ausschließlich mit Sonnencreme geschützt im Sommer unterwegs sind, ist die Vitamin-D-Bildung beeinträchtigt. Daher empfiehlt es sich, Kinder regelmäßig für kurze Zeit ungeschützt in die Sonne zu lassen - so baut sich auch ein natürlicher Hautschutz auf.
 
Übrigens: Auch Erwachsene in Deutschland sind chronisch mit Vitamin D unterversorgt 42,2 % erreichen nicht den angestrebten Vitamin D-Spiegel von 50 nmol - 17% nicht einmal 25 nmol!

© Danielle

 

 

Quellen





http://www.gesundheit.de/ernaehrung/naehrstoffe/vitamine/vitamin-d

http://www.efsa.europa.eu/sites/default/files/scientific_output/files/main_documents/2813.pdf

Bildnachweis

Röntgenbild: „XrayRicketsLegssmall“ von Das Original wurde von Mrich in der Wikipedia auf Englisch hochgeladen - Image created by Michael L. Richardson, M.D. Sept 28th, 2004 de:Bild:Rachitis.jpg Originally from en.wikipedia; description page is/was here.. Lizenziert unter CC BY-SA 1.0 über Wikimedia Commons.

Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit verlangen

Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit einfordern und wie wir ihnen die für sie beste Form davon geben können 


Mutter küsst Kind
Unsere Kinder haben viele kleine und große Bedürfnisse - neben Nahrung ist Liebe, also Zuwendung und Aufmerksamkeit dabei eines der wichtigsten. Warum Aufmerksamkeit für unsere Kinder so wichtig ist, zeigt ein Blick zurück: in den letzten 500 bis 10.000 Jahren lag die Kindersterblichkeit bei etwa 30 bis 50 %. Es überlebten in der Regel die Kinder, die es am besten verstanden, sich den größten Teil der knappen Ressourcen zu sichern. Das Kind, das am lautesten und vehementesten auf sich aufmerksam machte, erhielt in der Regel die meiste Zuwendung in Form von Aufmerksamkeit und Nahrung.

Ein hohes Maß an Aufmerksamkeit beeinflusst zudem maßgeblich die Bindung - ein Kind, in das eine Mutter schon sehr viel "investiert" hat, möchte sie nicht verlieren. Daher hat jedes Kind noch immer das Ziel, sein Wohlergehen durch ein größtmögliches Maß an Aufmerksamkeit und Ressourcenzuteilung zu sichern. Dieses Verhalten ist biologisch sinnvoll und wird unsere Kinder eine ganze Weile begleiten. 

Ein Zuwenig an Aufmerksamkeit kann zu schlechtem Benehmen führen 


Schlechtes Benehmen ist in den allermeisten Fällen von Frustration oder einem Mangel an Aufmerksamkeit verursacht. Möchte ein Kind wahrgenommen werden und bekommt dieses Bedürfnis nicht erfüllt, benimmt es sich oft unangemessenen. Denn wenn es keine positive Zuwendung erhält, gibt es sich auch mit negativer Aufmerksamkeit zufrieden. Daher kann man bei schlechten Verhalten, das nicht aus akuter Frustration resultiert, eigentlich fast immer davon ausgehen, dass damit ein bestimmter Zweck damit verfolgt wird - in der Regel der, des Aufmerksamkeitgewinnens.

Auch wenn man selbst das Gefühl hat, genug Aufmerksamkeit zu geben - das kann das Kind ganz anders sehen 


Es kann vorkommen, dass Eltern sagen, dass sie ihrem Kind eigentlich sehr viel Aufmerksamkeit schenken, es aber trotzdem nicht genug davon zu bekommen scheint. Manchmal wirkt es nahezu unersättlich und trotz eigentlich objektiv genug erhaltener Aufmerksamkeit provoziert es dennoch ständig. 

Das führt sehr schnell in einen Teufelskreis, denn Eltern denken womöglich, dass das Aufmerksamkeitgeben offenbar gar nicht das Problem ist, sondern irgendetwas anderes. Sie beginnen zu suchen, zu forschen und zu probieren - und geben dabei weniger Aufmerksamkeit, weil die ja ganz offenbar nicht das Problem war. Das versetzt das Kind jedoch in Alarmbereitschaft - die Aufmerksamkeit, um die es so hart kämpft, schwindet trotz seiner starken Bemühungen - es wird seine Anstrengungen und sein schlechtes Benehmen dann möglicherweise verdoppeln. Schnell kann so eine Situation allgemeiner Unzufriedenheit entstehen.

Cover Die fünf Arten der LiebeWir haben vor einer Weile das Buch "Die fünf Sprachen der Liebe für Kinder: Wie Kinder Liebe ausdrücken und empfangen" von Gary Chapman und Ross Campbell gelesen, in dem in Bezug auf die Aufmerksamkeit eine interessante These aufgestellt wird, die das Phänomen der scheinbaren Unersättlichkeit und der daraus resultierenden Frustration erklären könnte. Vorweg - das Buch ist sehr typisch amerikanisch (will heißen, dass man im Grunde auch einen Flyer mit dem Inhalt hätte drucken können ;-), aber inhaltlich durchaus ein paar Gedanken wert, so dass wir Euch das Konzept der "fünf Sprachen der Liebe" heute kurz vorstellen wollen. 

Die fünf Arten von Liebe bzw. Aufmerksamkeit


Wenn ihr das Gefühl habt, ihr gebt euren Kindern  unendlich viel Aufmerksamkeit, doch diese sind immer noch unzufrieden und scheinen nie wirklich glücklich zu sein, dann könnte es sein, dass eure Art der Aufmerksamkeit nicht mit der Art übereinstimmt die Euer Kind am glücklichsten macht.

Jedes Kind - so der Gedanke - hat eine bevorzugte Form, in der es Eure Zuneigung und Aufmerksamkeit gerne erhalten möchte. Und ihr habt auch eine bevorzugte Form, diese auszudrücken. Stimmen die beiden Arten überein, gibt es in der Regel kein Problem - Sender und Empfänger sind auf der gleichen Wellenlänge, das Bedürfnis des Kindes wird ausreichend erfüllt - es ist zufrieden und ausgeglichen.

Unterscheiden sich die bevorzugten Arten, Aufmerksamkeit zu geben und zu erhalten jedoch, kann das dazu führen, dass ihr gebt, gebt und gebt, aber das Kind das Gefühl hat, dennoch zu wenig zu bekommen. Zwar führen alle Arten der Zuwendung dazu, dass sich mental beim Kind eine Art Speicher füllt - eine bestimmte Art ist jedoch bei jedem Kind besonders effektiv. Bekommt das Kind nicht seine bevorzugte Art Aufmerksamkeit, füllt sich sein "Liebestank" nur sehr langsam und läuft häufig auf Reserve.

Nachfolgend wollen wir die Arten der Aufmerksamkeit kurz beschreiben - bestimmt erkennt ihr Eure Kinder bei den einzelnen Arten mehr oder weniger wieder. 

Körperkontakt


Für viele Kinder ist Körperkontakt die wichtigste Art, Zuwendung zu bekommen. Ihr Aufmerksamkeitsdefizit wird nie vollständig gefüllt werden, wenn ihr es nicht häufig in den Arm nehmt und mit ihm kuschelt. Danielles kleiner Sohn ist ein absoluter Kuschler - ihm sind andere Aufmerksamkeitsarten vollkommen egal - wichtig ist nur ständiger Körperkontakt. Er will immer und überall auf dem Schoß sitzen, beim Autofahren soll eine Hand auf seinem Knie liegen, beim Einschlafen will er in der Armbeuge oder mit dem Gesicht auf dem nackten Bauch der Mama liegen, an den Armen knibbeln. "Hochheben" ist sein derzeit häufigstes Wort.

Solche Kinder bekommen oft die Bezeichnung Klette verliehen, einfach, weil sie ständig an den Eltern kleben. Sie sind gar nicht unbedingt schüchtern oder zurückhaltend - sie wollen nur einfach sooo gerne nackte Haut spüren. Das macht sie nachhaltig glücklich.

Ohne das Wissen, dass das die bevorzugte Form der Zuwendung ihres Sohnes ist, hätte sich Danielle sicher einige Gedanken gemacht, wie viel körperliche Anhänglichkeit noch "normal" ist. Mit dem Wissen aber kann sie das einfach annehmen und freut sich, seinen Liebesspeicher super füllen zu können - denn das Kuscheln ist auch ihre bevorzugte Form, ihre Liebe zu zeigen. Deswegen ist der Liebesspeicher ihres Sohnes eigentlich immer gut gefüllt - er hat so gut wie keinen Grund, sich durch auffälliges Benehmen Aufmerksamkeit zu sichern. Wenn sein Speicher zur Neige geht, kommt er einfach und verlangt "Hochnehmen!" - nach zwei Minuten kuscheln ist er glücklich. Das Umfeld bezeichnet ihn als absolut pflegeleicht - schließlich ist sein Bedürfnis relativ leicht zu erfüllen. Der Nachteil ist: es macht einige Kinder zu unruhigen Schlafenden, weil sie dieses Bedürfnis auch nachts dauerhaft erfüllt bekommen wollen.
Eine Mutter eines älteren Kindes berichtet im Buch:
"Jahrelang ist mir Ingos ewiges Gezerre an mir auf die Nerven gegangen. Wenn ich abwasche, schleicht er sich von hinten an und hält mir die Augen zu. Wenn ich an ihm vorbeigehe, kneift er mir in den Arm. Gehe ich in seinem Zimmer an ihm vorbei, während er auf dem Boden liegt, hält er meinen Fuß fest. Manchmal versucht er, mir den Arm auf den Rücken zu drehen. Und wenn ich auf der Couch saß, hat er mir früher regelmäßig die Haare zerzaust. Das habe ich ihm dann allerdings verboten. Beim Vater tut er das nicht. Dafür machen die beiden oft Ringkämpfe am Boden. Heute ist mir bewusst geworden, dass Ingos persönliche Liebessprache der Körperkontakt ist. All die Jahre hat er sich nach Berührung gesehnt, und deshalb hat er mich ständig angefasst. Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht so ein körperbetonter Mensch bin. Meine Eltern haben mich selten in den Arm genommen. Jetzt wird mir klar, dass mein Mann Ingo mit seinen Ringkämpfen seine Liebe gezeigt hat, während ich mich vor seinen Annäherungsversuchen zurückgezogen habe" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:36].

Positive Rückmeldung


Manche Kinder fühlen sich dann besonders geliebt, wenn sie durch anerkennende Worte oder Gesten erfahren, dass sie gesehen werden - dann füllt sich ihr Liebesspeicher besonders schnell. Das sollten keine überschwänglichen Lobe sein - kleine Rückmeldungen, wie ein Augenzwinkern, ein Lächeln, ein "Daumen-hoch" etc. reichen absolut aus, wenn sie die echten Gefühle der Mutter wie Stolz, Liebe oder Dankbarkeit widerspiegeln. Ein Kind, dem diese Art der Aufmerksamkeit wichtig ist, möchte nicht dauergelobt werden, es möchte einfach nur merken, dass die Mama es immer im Blick hat; dass es ihr immer wichtig ist.

Solche Kinder sind in Bezug auf Kritik und Streit sehr sensibel:
"Für Kinder, deren primäre Liebessprache Anerkennung ist, ist das freundliche Wort unerlässlich für die Gewissheit, geliebt zu werden. Beschimpfungen verletzen sie deshalb umso mehr. Harsche Kritik tut keinem Kind gut, aber für Kinder mit dieser Liebessprache ist sie besonders unerträglich. So manches harte Wort bleibt bei ihnen lange im Gedächtnis. Eltern sollten sich deshalb unbedingt für jeden rüden Ton entschuldigen. Das, was gesagt wurde, lässt sich zwar nicht ungeschehen machen, aber man kann durch geeignete Maßnahmen den Schaden begrenzen" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:49].

Ungeteilte Zuwendung


Snowqueens Fräulein Chaos fühlt sich von ihr nur dann absolut geliebt und gesehen, wenn sie sich ihr oft im Alltag zuwendet. Das ist ihr so wichtig, dass sie gefühlte einhundert Mal am Tag zu ihr kommt und fragt, ob sie ihr ein Buch vorlesen, mit ihr spielen oder ihr beim Fahrrad fahren zugucken kann [vgl. Chapman, G., Campbell, R., 2012:51]. Wenn sie sagt: "Das geht jetzt nicht, ich koche gerade", versetzt das ihrer Tochter einen Stich, weil sie das Gefühl hat, dass sie nicht genug geliebt wird.

Kind blättert in antikem BuchAntwortet sie jedoch: "Ich koche gerade, setz dich doch zu mir und hilf mit" fühlt sie sich angenommen und ihr Aufmerksamkeitsdefizit wird aufgefüllt. Eine andere Möglichkeit ist, das Kochen kurz zu unterbrechen, mit ihr eine Runde Lotti Karotti zu spielen und dann weiterzukochen. Wenn Snowqueen nämlich ihre Tätigkeit für sie unterbricht, um sich ihr ungeteilt zuzuwenden, füllt sich ihr Liebesspeicher auf. Danach schafft sie es meist, sich selbst zu beschäftigen, ohne alle fünf Minuten vor Mama zu stehen. Dafür muss man aber den Impuls des Genervtseins überwinden und daran denken: Je mehr man schnell und unkompliziert gibt, desto weniger wird gefordert. Ständiges Aufschieben verstärkt das Bestreben des Kindes nur.

Für Kinder, die ungeteilte Zuwendung brauchen, um ihr Aufmerksamkeitsdefizit aufzufüllen, ist beispielsweise die Ankunft eines Geschwisterchens besonders hart, denn mit einem Neugeborenen im Haus fällt es Eltern natürlich schwer, ganz für das große Kind da zu sein. Liest man dem älteren Kind gerade etwas vor und das Baby beginnt zu weinen und man nimmt es in den Arm, geht für den Erstgeborenen eine Welt unter. Für diese Kinder ist es also besonders wichtig, dass Mama so oft wie möglich mit ihnen allein ist, ungestört. 

Kleine Geschenke


Fast alle Kinder freuen sich über Geschenke, doch nur für sehr wenige bedeutet ein kleines Mitbringsel der Mutter echte Aufmerksamkeit und Liebe. Für diese Kinder geht es nicht um den materiellen Wert, sie freuen sich genauso über einen kleinen Stein, eine hübsche Postkarte oder einen selbst geflochtenen Kranz aus Löwenzahn. Man erkennt sie daran, dass sie diese Geschenke "in Ehren" halten - sie bekommen einen Ehrenplatz im Zimmer, werden Gästen vorgezeigt und das Kind merkt sich, in welcher Situation es Dieses oder Jenes bekam. Wichtig ist dem Kind, dass die Eltern offensichtlich an es gedacht haben - das Geschenk ist für es Ausdruck dessen und füllt den Liebesspeicher auf.
Seinen Kindern Aufmerksamkeit zu geben, indem man ihnen ein Geschenk macht, ist eine  Gratwanderung. Denn oft werden Geschenke in unserer Gesellschaft missbraucht - es geht nicht darum, dem Gegenüber eine Freude zu bereiten, sondern oft darum, für eine erbrachte oder noch zu erbringende Leistung erkenntlich zu zeigen.
"Wenn eine Mutter ihrem Kind eine Überraschung mitbringt, weil es sein Zimmer aufgeräumt hat, dann ist das im Grunde kein Geschenk, sondern der Lohn für eine Leistung. Wird eine Eistüte spendiert, damit das Kind schön ruhig ist, dann ist das Bestechung, um das Kind zu manipulieren, aber kein Geschenk. Möglicherweise kennt das Kind die Wörter Lohn und Bestechung noch gar nicht, aber es durchschaut durchaus, was wir tun" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:65].
Macht also bitte nicht den Fehler, eure eingeschränkte Aufmerksamkeit durch tolle Geschenke wettmachen zu wollen - das ist in den allermeisten Fällen der falsche Weg und kann zu Wohlstandsverwahrlosung führen. 

Geht mit offenen Augen durch die Welt und schaut, welche Kleinigkeit Euer Kind glücklich machen kann - ein paar Kastanien oder bunte Blätter im Herbst - ein paar Büroklammern aus dem Büro, mit denen man eine Kette basteln kann, eine kleine Vorratskiste mit Murmeln und Stickern - so kann man dem Kind, das seinen Aufmerksamkeitsspeicher mit kleinen Geschenken besonders effektiv füllt, immer wieder eine Kleinigkeit zukommen lassen kann. 

Hilfe


Mutter hilft Kind beim Anziehen
Schon bevor ihr klitzekleiner Bruder geboren wurde, mochte es Snowqueens Tochter Fräulein Ordnung, wenn man ihr half. Gern ließ sie sich von ihren Eltern anziehen, obwohl sie es schon längst selbst konnte. Manchmal "schaffte" sie es einfach nicht, die Treppe hochzulaufen und war glücklich, wenn sie getragen wurde. Noch heute liebt sie es, wenn Snowqueen ihr beim Treppe hinunter gehen die Hand gibt oder sie ein bisschen auf ihrem Fahrrad schiebt.  Ist ein Kind von diesem Aufmerksamkeits-Typus, dann vermittelt ihm jede freundliche elterliche Hilfestellung die innere Gewissheit, geliebt zu werden. Hilfe bedeutet für diese Kinder Aufmerksamkeit - und das Aufmerksamkeitsdefizit  wird weniger.
"Wenn Eltern dieses Motiv kennen und freundlich auf solch eine Bitte eingehen, dann bekommt das Kind wieder einen gefüllten Liebestank. Reagieren die Eltern aber ungehalten und reparieren den Gegenstand nur widerwillig, dann ist das Fahrrad vielleicht wieder heil, aber die Seele des Kindes nicht. [...] Es ist nicht nötig, dass sie augenblicklich jeden Wunsch erfüllen. Sie müssen nur besonders sensibel sein, wenn das Kind kommt, und sich des Motivs für sein Anliegen bewusst sein" [Chapman, G., Campbell, R., 2012:84].
Leider haben es Kinder in der Regel schwer, wenn sie vom Hilfe-Aufmerksamkeitstyp sind, weil in unserer Gesellschaft schnelle Unabhängigkeit ein sehr befördertes Erziehungsziel ist. Kinder sollen schnell allein einschlafen, schnell selber essen, sich schnell selber anziehen... Eltern und Erzieher fördern und fordern das stark. Daher hören Kinder immer wieder: "Mach das bitte selbst". Wenn Du also ein Kind hast, das gerne Hilfe bekommt, dann sieh Deine Hilfe einfach als Kraftstoff für den Liebestank. Ja - Dein Kind könnte, wenn es wollte, es will sich aber viel lieber Deiner Liebe versichern.

Achte auf den Füllstand des Aufmerksamkeitstanks! 


Unsere Kinder mögen meist all diese Arten von Aufmerksamkeit - jede einzelne hat für das Kind einen bestimmten Stellenwert. Eine ist in der Regel am wichtigsten - nur wenn wir ihm regelmäßig auf genau diese Art Aufmerksamkeit geben, kann man ganz sicher sein, dass sich das Kind richtig geliebt fühlt und sich sein Aufmerksamkeitsspeicher vollständig füllt. Zwar führen auch die anderen Arten - mehr oder weniger - dazu, dass der Speicher gefüllt wird, aber es ist deutlich mühsamer. Wenn Dir also auffällt, dass ein Aufmerksamkeitsdefizit besteht, dann nimm Dir am besten Zeit, die von Deinem Kind bevorzugte Art an Zuwendung zu geben.
Danielles Tochter zum Beispiel bevorzugt eindeutig die ungeteilte Zuwendung. Aber auch mit positiver Rückmeldung füllt sich ihr Zuwendungsspeicher recht gut. Bekuscheln hingegen könnte man sie den ganzen Tag - am Abend würde sie fragen, wann Mama ihr endlich auch mal Aufmerksamkeit schenken kann - Körperkontakt bedeutet ihr nichts. Das war schon als Baby so und hat sich konsequent fortgesetzt. Das ist für Danielle recht praktisch - denn wenn Geschwister die gleiche Form von Zuwendung lieben, dann wird es schwierig, weil man sich u. U. zerteilen muss. Sie kann ihren Sohn auf dem Arm bekuscheln, während sie ihrer Tochter ihre volle Aufmerksamkeit schenken kann - beide sind damit glücklich.

Achte darauf, dass der Aufmerksamkeitstank gut gefüllt ist. Kinder reagieren erst, wenn ein kritisches Maß unterschritten ist. Wenn wir ihnen dann nur ganz kurz Aufmerksamkeit schenken, dann ist das zwar für eine gewisse Zeit ausreichend, aber das kritische Maß relativ schnell wieder erreicht. Die Kinder wirken schnell wieder unzufrieden und die Eltern denken sich "Herrje - mein Kind hat doch genug Zuwendung bekommen - warum braucht es schon wieder welche?" Das führt dann zur oben beschriebenen Spirale. Ist der Tank hingegen bis oben hin gefüllt, kann man auch längere Durststrecken überwinden.

Dieser Artikel basiert auf dem Buch "Die fünf Sprachen der Liebe für Kinder: Wie Kinder Liebe ausdrücken und empfangen", das es auch als "Die fünf Sprachen der Liebe für Teenager" und "Die fünf Sprachen der Liebe. Wie Kommunikation in der Ehe gelingt" (schaut Euch mal die Bewertungen an!).

© Snowqueen und Danielle