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Trocken werden - warum Töpfchentraining unnötig ist


Wie kann man sein Kind beim Sauberwerden unterstützen?


Baby auf dem TöpfchenKürzlich bekam ein eine nette E-Mail mit der Bitte, mich doch bitte mal des Themas "Trockenwerden" anzunehmen. Um ehrlich zu sein - ich habe zwar leichthin gesagt: "Klar, das mache ich mal..." aber nun sitze ich vor diesem Artikel und habe nicht die geringste Ahnung, wie er am Ende aussehen wird. Über dieses Thema habe ich mir ehrlich gesagt noch so gar keine vertieften Gedanken gemacht. Das, was ich gelesen hatte war, dass das Sauberwerden ein Entwicklungsschritt ist, der nicht zu beschleunigen ist. Daher wollte ich meinen Kindern alle Zeit der Welt lassen und darauf warten, dass sie von sich aus keine Windel mehr möchten.

Bei meiner Tochter bekam ich damals von der Kita im Alter von etwa 2,5 Jahren den Hinweis, dass sie so weit sein könnte und man daher gerne die Windel weg lassen würde. Das hätte ich persönlich nun nicht unbedingt so erkannt aber ich dachte mir: "Na macht einfach mal". Ich wusste, dass sie garantiert nicht unter Druck gesetzt werden würde und als ich mein Kind fragte, ob sie gerne möchte, bejahte sie das dann auch.

Also nahm ich eine Woche lang nasse Wäsche mit heim und dann war es das. Nachts ließ ich sie noch mit Windel schlafen, stellte aber sehr schnell fest, dass diese am Morgen stets trocken war. Alles war so gelaufen, wie ich mir das immer gewünscht hatte - ohne Stress, ohne Druck und von einem Tag auf den anderen. Es war so unspektakulär, dass ich die genauen Umstände irgendwie schon völlig vergessen habe. Auch an Unfälle kann ich mich kaum erinnern - seitdem die Windel weg war, hat sie in 2,5 Jahren vielleicht insgesamt zwanzig mal eingepullert. Meist geschah das dann zwei bis drei mal hintereinander. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Blase gewachsen war und sich deswegen die Verbindung Blase-Hirn neu programmieren muss. Seitdem sie etwa fünf Jahre alt ist, gab es keinerlei Unfälle mehr.

Mein Sohn ist jetzt gerade drei Jahre alt geworden und trägt fröhlich seine Windel. Zwar geht er (zumindest in der Kita) regelmäßig zur Toilette - etwas produziert hat er dort jedoch noch nie. Auf die Frage, ob die Windel voll ist, kriege ich nie eine ehrliche Antwort - selbst wenn er zum Himmel stinkt, versichert er mir sehr glaubhaft "Ich hab gar nicht eingekackert!" Vor drei Monaten wurde aus meinem Krippenkind ein Kitakind - im neuen Raum gab es keinen Wickeltisch mehr. Nun ist mein Sohn zwar einer der jüngsten in der Gruppe, aber ich fragte schon etwas erstaunt, ob denn schon soooo viele sauber seien. Die Erzieherin meinte etwas verlegen: "Ja, eigentlich alle - ihr Sohn ist der letzte". Oh - das war dann doch erst mal eine Überraschung. Die Erzieherin tröstete mich jedoch mit: "Aber er hat auch gerade sooo viel mit Sprechenlernen zu tun, der ist einfach noch nicht so weit". Zwei, drei Monate später hieß es dann: "Hm - da tut sich rein gar nichts. Da hätten wir jetzt mehr erwartet".

Das ist dann der Punkt, wo man anfängt, doch etwas zu grübeln. Ehrlich gesagt - ich hasse das! Man weiß es doch besser - warum lässt man sich dennoch verunsichern? Sich Gedanken zu machen heißt, dem Kind nicht zu vertrauen. Ihm ja im Grunde zu unterstellen, dass es eigentlich könnte und nur nicht will. Dabei hatte ich im letzten Sommer die Windel schon gelegentlich weggelassen, wenn er nackt durch den Garten lief. Und das hat mir eindrucksvoll demonstriert, dass er überhaupt nicht merkt, wann er muss. Er blieb dann immer völlig erschrocken stehen und staunte total über das lustige Flüsslein, das sich da zwischen seine Füße schlängelte.

Neulich beobachtete er seine Schwester beim Toilettengang und als es plätscherte, lief er hin, drückte sie und rief begeistert: "Du hast in die Toilette gepullert!" Gestern erzählte er freudestrahlend, dass er in der Kita bescheid gesagt hat, dass die Windel voll war! Das hat mir bewusst gemacht, dass er sich ganz sicher nicht verweigert oder zu faul ist, sondern es schlicht einfach noch nicht kann. Offenbar ist Bescheidsagen oder in die Toilette pullern in seinen Augen eine riesige Leistung, auf die man stolz sein kann. Wenn er dann soweit ist, dann wird er ganz sicher auch gehen (wollen). Meine Entspannung in Bezug auf das Sauberwerden ist nach den Recherchen zu diesem Artikel mittlerweile wieder vollständig zurückgekehrt.


Sauberwerden - Wissenschaft und Geschichte


Die Studienlage zum Thema "Sauberwerden" ist nicht sehr umfangreich. Die heutige Empfehlung für gelassenes Abwarten basiert auf den Zürcher Longitudinalstudien, an denen der Schweizer Kinderarzt Remo Largo maßgeblich  beteiligt war. Seit 1954 wurden dabei mehr als 700 Kinder beim Erwachsenwerden begleitet und während ihrer Entwicklung genau beobachtet.

Zu Beginn dieser Untersuchungen in den 50er-Jahren wurde das Töpfchentraining üblicherweise bereits im ersten (!) Lebensjahr begonnen - im ersten Lebenshalbjahr wurden schon 32 % der Kinder über einen Topf oder eine WC-Schüssel gehalten. Mit 9 Monaten war das schon bei 64 % der Kinder der Fall und um den ersten Geburtstag wurden 90 % der Kinder "getopft". Dieses Vorgehen änderte sich in den 70er- und 80er-Jahren grundlegend - zum einen wurde der allgemeine Erziehungsstil kindorientierter, zum anderen hielt die Waschmaschine Einzug in deutsche Haushalte und erleichterte das Windeln waschen enorm, was nachhaltig den Druck aus der Thematik nahm.

Nachdem dann die Wegwerfwindeln auf den Markt kamen, entspannte sich die Erwartungshaltung an die Kinder zusätzlich - es wurde nun durchschnittlich etwa 14 Monate später als vorher mit der Sauberkeitserziehung begonnen. Dennoch wurden und werden Kinder weiterhin ganz genauso schnell trocken, wie vorher. Die Longitudinalstudien belegen, dass die Kinder genauso schnell trocken wurden, wie vorher - nämlich durchschnittlich mit etwa 28 Monaten.

Diese Ergebnisse belegen sehr eindrucksvoll, dass es sich beim Sauberwerden ganz eindeutig um einen Reifungsprozess handelt, der nicht beschleunigt werden kann - ebenso wenig, wie das Laufen oder Sprechen lernen. Es gibt einige Dinge, die diese Prozesse durchaus unterstützen - aber kein Kind läuft, spricht oder benutzt den Topf wirklich schneller, weil man es mit ihm übt oder trainiert.

Wie heißt es so schön? Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.


Wann werden Kinder trocken?


Schon Neugeborene können signalisieren, wann sie mal müssen. Daher ist es grundsätzlich möglich, Babys "windelfrei" aufwachsen zu lassen. Wird auf diese Signale jedoch nicht geachtet und dem Baby dauerhaft eine Windel angezogen, verliert sich diese erstaunliche Fähigkeit leider recht schnell. Ich selbst habe von "windelfrei" leider zu spät erfahren, so dass ich es nicht mehr ausprobieren konnte. Daher geht es in diesem Artikel ausschließlich das Sauberwerden von Kindern, die durch die Verwendung von Windeln ihre natürliche Kontrolle über Blase und Darm verloren haben.

Die Spannbreite beim Sauberwerden ist enorm groß - üblicherweise reifen die Blasen- und Darmkontrolle irgendwann zwischen dem zweiten und dem fünften Geburtstag so weit, dass Kinder trocken werden können. Während dieses Prozesses gelingt es Kindern zunächst nach und nach besser, Ausscheidungen bewusst wahrzunehmen. Sie ziehen sich zunehmend zurück und wollen ungestört bei ihren Geschäften sein. 
Der erste Schritt beim Trockenwerden ist die Mitteilung, dass die Windel voll ist. 

Allmählich beginnen Kinder dann, Interesse für Toiletten, Töpfchen und Windelinhalte zu entwickeln - die nachfolgende Grafik zeigt, wie sich dieses Interesse und damit die Eigeninitiative zum Trockenwerden entwickelt:

Grafik zum Sauberwerden
Anteil der Kinder in %, die bis Eigeninitiative zum Sauberwerden zeigen
 (Angabe des Alters in Monaten)
Quelle: "Babyjahre" von Remo Largo



Die Kontrolle über die Blasenaktivität


Säuglinge, die nicht windelfrei aufwachsen, entleeren ihre Blase unwillkürlich etwa zwanzig mal am Tag. Ab dem sechsten Lebensmonat werden die Intervalle zwischen den Entleerungen immer länger. Mit durchschnittlich 2,5 Jahren nehmen Kinder bewusst das Gefühl wahr, dass die Blase voll ist. 

Das Einhalten - also das Zurückhalten des Harns - erfordert die Anspannung der Schließmuskel und der Beckenbodenmuskulatur. Das gelegentliche Zurückhalten des Harns beherrschen die meisten Kinder mit etwa drei Jahren vollständig - das heißt aber nicht unbedingt, dass sie schon komplett sauber werden können oder wollen.

Zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag werden etwa die Hälfte aller Kinder tagsüber trocken. Bis zum vierten Geburtstag schaffen das weitere 40 %. Die restlichen 10% sind dann in der Regel bis zum fünften Geburtstag tagsüber windelfrei. Die nachfolgende Grafik zeigt die Entwicklung der Blasenkontrolle tagsüber:


Grafik Blasenkontrolle tagsüber
Anteil der Kinder in %, die tagsüber über Blasenkontrolle verfügen
 (Angabe des Alters in Monaten)
Quelle: "Babyjahre" von Remo Largo

Die nächtliche Blasenkontrolle entwickelt sich meist ein paar Monate verzögert: 



Grafik Blasenkontrolle nachts
Anteil der Kinder in %, die nachts über Blasenkontrolle verfügen
 (Angabe des Alters in Monaten)
Quelle: "Babyjahre" von Remo Largo

Häufiges Einnässen während des Sauberwerdens ist völlig normal - manche Kinder schaffen es zwar, von heute auf morgen trocken zu sein, die meisten haben jedoch über längere Zeit noch einige Piesel-Pannen. Im Alter von 5 Jahren passieren noch etwa 5 % der Mädchen und 10 % der Jungen nächtliche Unfälle. 

Im Alter zwischen sechs und 16 Jahren nässen sogar noch etwa 640.000 Kinder in Deutschland nachts  ein. Passiert das regelmäßig nach Vollendung des 5. Lebensjahres, bezeichnet man das als "Enuresis" - laut WHO ist es dann eine behandlungsbedürftige Krankheit, wenn das Kind an mindestens zwei Tagen im Monat einnässt und organische oder medizinische Ursachen ausgeschlossen wurden.

Häufigste Ursache ist eine genetische Reifungsstörung des zentralen Nervensystems, bei dem die hormonelle Regulation eines bestimmten Hormons gestört ist, das den Wasserhaushalt im Körper beeinflusst. Man unterscheidet eine primäre und eine sekundäre Enuresis - eine primäre liegt vor, wenn das Kind noch nie tags oder nachts trocken war, also immer noch nachts einnässt, die sekundäre liegt vor, wenn das Kind bereits mehr als sechs Monate trocken war und nun rückfällig wird. Die sekundäre Enuresis ist meist psychisch bedingt oder von einer Harnwegserkrankung verursacht. Über die Behandlungsmöglichkeiten könnt ihr Euch hier näher informieren.


Die Kontrolle über die Darmaktivität


Die Darmaktivität kann in der Regel eher kontrolliert werden, als die Aktivität der Blase. Das liegt daran, dass der Entleerungsvorgang nicht so "zeitkritisch" ist. Das Gefühl der nahenden Darmentleerung kündigt sich lange vorher an. Der Druck im Bauch nimmt kontinuierlich zu, so dass das Kind genügend Zeit hat, einen Toilettengang zu planen. Der Harndrang hingegen "überfällt" das Kind quasi - der Zeitraum, eine Toilette aufzusuchen, bevor es zu spät ist, ist deutlich kürzer. Ein großes Geschäft lässt sich auch im Notfall temporär unterdrücken - das ist mit dem Pullern jedoch nicht über einen längeren Zeitraum möglich.



Grafik zum Sauberwerden
Anteil der Kinder in %, die über vollständige Darmkontrolle verfügen
 (Angabe des Alters in Monaten)
Quelle: "Babyjahre" von Remo Largo

Auch wenn sie ihre Darmaktivität schon kontrollieren können, bevorzugen einige Kinder für die Darmentleerung noch über längere Zeit eine Windel. Es kommt auch häufiger vor, dass Kinder für die Blasenentleerung Topf oder Toilette verwenden, dieses aber für den Stuhlgang verweigern. Das war bei meiner Tochter auch der Fall und hat mich etwas verwirrt. Sie trug keine Windel mehr, verlangte aber, dass ich ihr eine anzog, als sie merkte, dass sie mal muss.

Auch hier empfehle ich abwarten. Es ist nicht sinnvoll, Druck aufzubauen, indem man die Windel verweigert - irgendwann ist jedes Kind ganz sicher so weit. Bei uns platzte der Knoten, als wir bei Freunden spielten und sie zu einem für sie unüblichen Zeitpunkt mal musste. Sie bat um eine Windel und ich konnte ihr leider keine geben. Stattdessen begleitete ich sie auf die Toilette, wo sie dann notgedrungen ihr Geschäft verrichten musste. Danach war es auch zu Hause überhaupt kein Problem mehr, die Toilette zu benutzen. 

Nutzt Töpfchentraining? 


Die Wörter Töpfchentraining und Sauberkeitserziehung suggerieren, dass man aktiv handelnd zu diesem Prozess beitragen muss. Das ist jedoch nicht der Fall. Lässt man den Kindern die Zeit, die sie brauchen, muss man nichts trainieren oder anerziehen, sondern kann irgendwann einen plötzlichen Entwicklungsschritt erstaunt beobachten.

Im Rahmen der oben erwähnten Zürcher Longitudinalstudien wurde u. a. der Einfluss des Töpfchentrainings auf das  Sauberwerden untersucht. Dazu wurden die Ergebnisse von zwei Einzeluntersuchungen verglichen - die eine war von 1954 bis 1956 durchgeführt worden, die andere in den 70er/80er-Jahren. Wie oben schon erwähnt, verschob sich in der Zwischenzeit das Auf-das-Töpfchen-Setzen durchschnittlich um 14 Monate nach hinten. Das bedeutete, dass Kinder durchschnittlich bis zu 1.300 (!) mal weniger auf das Töpfchen gesetzt wurden, bis sie sauber waren. 

Das Sauberkeitstraining führte zwar durchaus dazu, dass im Verlauf des zweiten Lebensjahres tatsächlich mehr Kinder sauber wurden - diese "trockenen" Kinder machten jedoch vor allem deshalb nichts mehr in die Windel, weil sie bis zu 10 mal am Tag auf den Topf gesetzt wurden. Mit 36 Monaten war der Effekt sogar umgekehrt - da waren dann sogar mehr nicht-topftrainierte Kinder trocken. Im Alter von 48 bis 60 Monaten gab es dann keine signifikanten Unterschiede mehr.

Dass es rein gar nichts bringt, den Töpfchengang zu trainieren, zeigte auch eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2003. Sie ergab, dass Kinder, die vor dem 27. Lebensmonat an des Töpfchen gewöhnt wurden, genauso lang in die Windeln machten, wie Kinder, bei denen keine solchen Aktivitäten stattfanden. Es dauerte bei ihnen etwa durchschnittlich ein Jahr, bis ganz auf Windeln verzichtet werden konnte. Wurde erst nach dem 27. Lebensmonat begonnen, auf das Töpfchen zu gehen, brauchten die Kinder durchschnittlich nur sechs Monate, bis sie sauber waren. Mädchen waren in dieser Studie übrigens mit etwa 3 Jahren soweit, Jungen brauchten zwei Monate länger. 

Schadet Töpfchentraining?


Toilettenschilder Das kommt drauf an. Es verzögert die Entwicklung nicht - so viel ist zumindest erwiesen. Und wenn alles vollkommen ohne Druck geschieht, wird der spielerische Umgang mit dem Topf nicht schaden. Problematisch wird es in meinen Augen dann, wenn eine bestimmte Erwartungshaltung besteht - und das passiert leider in den meisten Fällen automatisch. 

Kinder schaffen es nämlich durchaus recht früh, zielgerichtet in ein Töpfchen zu pullern. Sie begreifen gut, was von ihnen erwartet wird, so dass es anfangs recht schnell zu Erfolgen kommen wird. Diese werden dann oft ausgiebig gelobt und das Kind ist dadurch auch zunächst hochmotiviert (wen auch leider vorrangig extrinsisch). 

Allerdings: aktiv auf Ansage pullern zu können und rechtzeitig zu merken, dass man dringend muss, sind zwei vollkommen verschiedene Sachverhalte. Leider gehen einige Eltern jedoch davon aus, dass ein Kind, das erfolgreich ins Töpfchen macht, auch automatisch rechtzeitig merken müsste, wann es muss. Das ist jedoch meistens nicht der Fall. Das führt schnell zu Frustrationsspiralen, weil zu viel erwartet wird. Die Eltern denken "Mein Kind müsste es doch rechtzeitig merken, es pullert doch schließlich schon in den Top!", dabei kann das Kind noch gar nichts anderes, als einfach zielgerichtet pullern.

Eine solche Erwartungshaltung setzt das Kind unter Druck. Dabei ist es ganz egal, ob die Eltern ihre Erwartung formulieren oder nicht - Kinder spüren ganz deutlich, wenn ihre Eltern enttäuscht sind, auch dann, wenn diese versuchen ihre Enttäuschung zu verstecken. Und elterliche Enttäuschung ist für Kinder sehr belastend, weil sie das Gefühl vermittelt, dass das Kind nicht gut genug sein könnte. Kinder streben immer nach der Aufmerksamkeit und der Zuneigung der Eltern und der Gedanke, diese zu verlieren, setzt sie unter Stress und Erfolgsdruck. Sie spüren ganz intuitiv, dass sich die Eltern sorgen, warum das Sauberwerden so gar nicht voran geht - wo das Kind doch eigentlich so super ins Töpfchen pullert.

Jeder Unfall - und solche kommen in diesen Situationen naturgemäß sehr häufig vor - enttäuscht auch das Kind. Es ist ja anfangs hochgradig durch die elterliche Euphorie motiviert und will so gerne die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Wenn sie immer und immer wieder Rückschläge erleben, weil sie eben nur gezielt pullern können, aber nicht rechtzeitig merken, wann sie müssen, frustriert sie das zutiefst. 

Es gibt die Beobachtung, dass die Kinder, die wegen späten Einnässens einem Arzt vorgestellt werden, häufig schon früh mit einem Töpfchentraining konfrontiert waren. Dies wird allerdings nicht als ursächlich angesehen - vielmehr geht man davon aus, dass das späte Einnässen von einem stark kontrollierenden Erziehungsstil - bei dem das Töpfchentraining häufig sehr früh praktiziert wird - verursacht sein könnte. 

Belohnungen bei der Sauberkeitserziehung 


Immer wieder lese ich die Empfehlung, das Sauberkeitstraining mit Belohnungen und Loben zu verbinden. Treue Leser dieses Blogs kennen meine Meinung zum Loben sicher - mit der gleichen Argumentation würde ich immer von Belohnungen abraten. Zwar klappt es in der Hundeerziehung hervorragend, mit Leckerlis das gewünschte Verhalten zu verstärken, aber bei Kindern beeinflussen Lobe/Belohnungen die Motivation. Ich hatte im verlinkten Artikel bereits über Studien geschrieben, die zeigten, dass Belohnungen dazu führen, dass das gewünschte Verhalten weniger oft und gerne gezeigt wird.

Der Hauptgrund für mich, von Belohnungen für den Töpfchengang abzuraten ist, dass es für Kinder frustrierend ist, die Belohnung nicht zu erhalten, obwohl sie sich wirklich bemüht haben. Das Ausbleiben einer Belohnung wird von ihnen im Grunde wie eine Strafe empfunden. Wenn sie also körperlich noch gar nicht in der Lage sind, ihre Blase zu kontrollieren, dann wird man das mit Belohnungen nicht ändern können. Kein Mensch käme doch auf die Idee, einem Kind für jeden erfolgreichen Lauf- oder Sprechversuch ein Gummibärchen anzubieten ;-).


Außerdem liest man immer wieder, dass Kinder durch die Aussicht auf eine Belohnung anfangen, etwa zwanzig mal am Tag das Töpfchen aufzusuchen und einen Tropfen dort zu hinterlassen - nur um das Gummibärchen naschen oder den Sticker kleben zu können. Das ist ja nun auch überhaupt nicht zielführend.

Belohnungen signalisieren außerdem mangelndes Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes. Zu sagen: "Wenn du rechtzeitig auf den Topf gehst, dann gibt es einen Sticker" suggeriert ganz eindeutig: "Ich glaube nicht, dass du es wirklich allein schaffst. Offenbar muss man dich erst motivieren, weil du ohne Anreiz zu faul oder unfähig bist". Natürlich freuen sich die Kinder, wenn sie eine Belohnung erhalten - aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass sich das auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt.

Sanfte Unterstützung beim Sauberwerden


Woran erkennt man die Bereitschaft zum Sauberwerden?


Es gibt verschiedene körperliche Entwicklungsschritte, die erforderlich sind, damit die Windel überhaupt erfolgreich weggelassen werden kann: 

  • das Kind muss die Hose allein herunterziehen können,
  • es muss eigenständig in der Lage sein, sich auf den Topf oder die Toilette zu setzen,
  • es sollte verbalisieren können, dass es mal muss und
  • es gibt längere Zeiträume (etwa drei bis vier Stunden), in denen die Windel trocken bleibt.

Außerdem sollte das Kind ernsthaftes Interesse zeigen, also


  • verlangen, die Eltern auf die Toilette begleiten zu dürfen,
  • keine Windel mehr tragen wollen und/oder
  • volle Windeln sofort anzeigen und gewechselt bekommen wollen.

Sobald Kindern der Blasen- oder Harndrang bewusst ist, beginnen sie in der Regel, sich auffällig zu verhalten. Manche verziehen die Gesichter, die meisten nehmen eine bestimmte Körperhaltung ein und wenn sie sprachlich dazu in der Lage sind, machen einige darauf aufmerksam, was gerade passiert. Erst mit dem Entstehen dieses Bewusstseins, beginnt der Prozess der willentlichen Steuerung.

Hier können Eltern sinnvoll unterstützen, indem sie das Kind besonders aufmerksam beobachten und diese Zeichen erkennen und entsprechend einen Topf anbieten oder auf die Toilette begleiten.

Toiletteschilder
Die meisten Kinder zeigen irgendwann sehr großes Interesse an der Toilette. Sie setzen sich darauf - meistens noch ohne dass etwas passiert. Sie spielen mit der Spülung, der Toilettenpapierrolle und der Toilettenbürste. Einige finden das Ganze so spannend, dass sie die Eltern auch immer wieder begleiten wollen. Es mag nicht jedermanns Sache sein, das Kind bei seinen Geschäften teilhaben zu lassen - dem Sauberwerden ist dies jedoch durchaus zuträglich. Kinder lernen durch Vorbilder und Nachahmung - auch hierbei. Ohne zu sehen und zu erleben, was auf Toilette geschieht, ist der Toilettengang für Kinder sehr abstrakt und manchmal auch furchterregend. 

Tipps und Tricks zum Sauberwerden


Gerade am Anfang muss es schnell gehen - der Zeitraum zwischen dem Gefühl "Oh, ich muss!" und dem Moment, wo es losgeht, ist zunächst sehr kurz. Nach und nach lernen Kinder, einzuhalten - am Anfang ist dies die größte Herausforderung. Daher sollte die Kleiderwahl gut durchdacht sein. Für Mädchen sind in diesem Zeitraum Kleider oder Röcke ideal - Unterhosen, Leggins oder Strumpfhosen sind schnell herunter gezogen.

Bei Hosen sollte man darauf achten, dass diese möglichst leicht und schnell herunter gezogen werden können. Bei uns bewährt hat sich der Clip-Ho-Gürtel, weil der leicht zu weite Hosen, die ja besonders gut runter gezogen werden können, ohne lästige Schnalle an Ort und Stelle hält. Runter geht die Hose meist recht gut - einige Kinder haben Schwierigkeiten, beim Hochziehen. Wenn man das Kind anleitet, die Hose beim Hochziehen hinten zu greifen, wird es das bald alleine schaffen.

Wenn das Kind zwar grundsätzlich bereit ist, auf die Toilette zu gehen, sich aber noch nicht zutraut, die Windel weg zu lassen, sind Windelslips sinnvoll. Sie können wie ein Slip hoch und runter gezogen werden. Solche gibt es eigentlich von fast allen Marken - wir haben die besten Erfahrungen mit Easy Up von Pampers und der LIDL-Eigenmarke gemacht. Nachteilig sind der vergleichsweise hohe Preis und die nicht mehr ganz so praktische Entsorgung, weil die Schmutzwindel nur noch an einer Stelle verschlossen wird (dazu ist übrigens der Klebestreifen hinten dran - der hat schon so manchen verwirrt). 

Töpfchen oder Toilettenaufsatz?


Kinder sind sehr individuell. Während manche unbedingt rauf auf die große Toilette wollen - ganz wie die Großen! - ist das anderen viel zu unheimlich. So ein großes Loch und so hoch sitzen? Nein - sie ziehen lieber ein bodennahes Töpfchen vor. Bei der Auswahl des Töpfchens sollte man dem Kind die Wahl lassen. Wenn es sich selbst eins ausgesucht hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das auch gerne nutzt, sehr hoch.

Wird die Toilette bevorzugt, sollte die Öffnung mit einem Sitzring (gut geeignet ist der Flexifit) verkleinert oder gleich ein Familiensitz angeschafft werden. Letzterer hat zwischen Sitz und Deckel einen gesonderten Kindersitzring. Viele Kinder mögen es nicht, wenn ihre Beine in der Luft baumeln, während sie auf der Toilette sitzen. Abhilfe schafft ein Tritt oder eine Toilettentreppe - diese erleichtern auch das "Drücken", weil die Füße abgestützt werden können.

Unsere Leserin Sonja hat mir den Rotho-WC-Sitz Top empfohlen. Er ist durch vier verschiedene Einstellungen auf unterschiedliche WC-Brillen anpassbar. Der vordere Spritzschutz ist vergleichsweise hoch - ein wichtiges Detail für Jungs. Schon Dreijährige können den Sitz selbständig installieren. 

In der Phase des Sauberwerdens bietet es sich an, mobile Töpfchen bei sich zu führen. Zwar nimmt es vermutlich kaum einer übel, wenn sich ein Kleinkind in der freien Natur erleichtert, aber Stuhlgang im Freien kann ziemlich auf Mamas Oberschenkelmuskulatur gehen und die Entsorgung großer Geschäfte ist auch nicht so super angenehm. Nicht immer ist eine Toilette in der Nähe und manchmal muss es auch sehr schnell gehen.

Töpfchen für unterwegs gibt es in der Variante Einmalverwendung und gleich komplett Wegschmeißen aus Pappe oder für die Handtasche ein Töpfchen aus Kunststoff, das mit einem Tütchen ausgekleidet wird. Bekanntester Vertreter des klappbaren mobilen Töpfchens ist die Potette. Dort wird ein Einlegetütchen hinein gelegt, das dann nach der Benutzung entsorgt werden kann. Besonders praktisch an der Potette ist, dass sie unterwegs auch als Toilettenaufsatz verwendet werden kann - einfach auf öffentliche WC-Sitze legen und das Kind kommt dann damit nicht in Berührung. Etwas günstiger ist das Tippitoes Travel Potty, das jedoch nicht ganz so flach ist.

Buchtipps 


Wenn man die Kinder nicht sooo gerne mitnimmt, wenn man die eigenen Geschäfte verrichtet, dann kann man das Mysterium Toilettengang für Kinder mit Büchern erklären. Wirklich schöne Bücher zu dem Thema sind:


Was mir nicht gefallen hat, war Leo Lausemaus - Lili geht aufs Töpfchen, weil da die kleine Schwester als Windelträgerin wirklich unschön herabgesetzt wird. 

Zu guter Letzt - ein Wort zum ständigen Lamentieren der älteren Generation 


Das Trockenwerden war eines der heißesten Konfliktfelder zwischen mir und meiner Mutter. Sie hat mittlerweile von meinem Vater verboten bekommen, darüber zu reden, weil er es nicht mehr hören kann. Meine Mutter behauptet, ich sei mit 11 Monaten trocken gewesen. Das habe ich mal ihrer Schwester (also meiner Tante) erzählt, die in schallendes Gelächter ausbrach. 

Das Problem an der Stelle ist wieder die Definition des "Trockenseins". Vermutlich war ich durchaus in der Lage, in ein Töpfchen zu pullern - aber gut, die Wahrscheinlichkeit, dass da mal was rein geht ist recht hoch, wenn man das Kind stündlich auf den Topf setzt. Damals ließ man die Kinder auch gerne mal so lange sitzen, bis sie etwas rein gemacht haben - auch das kleinste Kind begreift entnervt irgendwann, dass es etwas produzieren muss, um aufstehen zu dürfen. Nur - ich hatte es ja schon geschrieben - hat Pullern auf Befehl wenig mit dem Wahrnehmen des Urinierbedürfnisses zu tun.

Meine Mutter will partout nicht verstehen, dass die Aussage, dass das Trockenwerden ein Reifungsprozess ist, nicht von Pampers in Umlauf gebracht wurde. Für sie ist das heutige Gewese um das Sauberwerden eine Verschwörung der Windelindustrie. Ich habe es aufgegeben. Es ist nicht meine Aufgabe, meiner Mutter die Welt zu erklären - ich kann mich aber freundlich für ihre Ratschläge bedanken und sie höflich darum bitten, mich einfach machen zu lassen, was ich für richtig halte.

Nachtrag: Wir haben das Thema Trockenwerden gegenüber meinem Sohn nicht weiter thematisiert. Ein Jahr nachdem dieser Artikel erschien - das war etwa ein Monat, nachdem er 4 Jahre alt wurde - stolzierte mein Sohn eines Morgens in die Kita, zog seine Windel aus und drückte sie der Kita-Leiterin mit den Worten: "Die brauche ich nicht mehr" in die Hand und ging ab da wie selbstverständlich auf die Toilette. Auch bei ihm nahm ich in den nächsten ein bis zwei Wochen ein paar nasse Hosen mit nach Hause und dann war das Thema innerhalb kürzester Zeit erledigt.

Blum NJ, Taubnam B, Nemeth N. Relationship between age at initiation of toilet training and duration of training: A prospective study. Pediatrics. 2003;111:810–4








Gewaltfreie Kommunikation (GFK) mit Kindern

Zu Beginn eines Kommunikations-Seminars werden zwei Gruppen gebildet und räumlich getrennt. Beide Gruppen sollen die folgende Aufgabe erfüllen:
"Sie kommen nach Hause. Vor dem Eingang des Hauses liegt weit zerstreut der Inhalt einer Mülltüte, was sie sehr verärgert. Sie treffen den vermeintlichen Verursacher und fordern ihn zur Beseitigung des Chaos auf. Dieser erklärt, gerade keine Zeit zu haben und das später erledigen zu wollen. Sie erwarten Besuch und möchten, dass der Schmutz sofort beseitigt wird. Es kommt zu einem Konfliktgespräch. Entwickeln sie einen realistischen Dialog zur Problemlösung zwischen den zwei Gesprächsteilnehmern".
In einem winzigen Detail unterscheiden sich die Aufgaben jedoch, ohne dass die Teilnehmer dies wissen. Die eine Gruppe soll davon ausgehen, dass es sich bei dem Verursacher für das Chaos um das eigene Kind handelt, die andere entwickelt den fiktiven Dialog in der Annahme, dass der sonst sehr freundliche Nachbar dafür verantwortlich ist. Beide Gruppen treffen danach wieder zusammen und präsentieren ihre Ergebnisse.

traurige Augen eines KindesIhr könnt Euch sicher vorstellen, dass die Dialoge der Gruppen sehr unterschiedlich aussehen. Marshall B. Rosenberg, der Entwickler des Konzeptes der gewaltfreien Kommunikation (GFK) hat dieses kleine Experiment ganz häufig in seinen Seminaren durchgeführt - die Reaktionen der Teilnehmer waren immer ähnlich. Es gab Erstaunen bei denjenigen, die das Kind für den Verschmutzer hielten, darüber, wie respektvoll und lösungsorientiert die andere Gruppe die Konfliktlösung beschrieben hat. Verwunderung gab es auch bei der anderen Gruppe, diese allerdings empfand das von den anderen Teilnehmern beschriebene Gespräch fast immer vorwurfsvoll und respektlos, da sie ja eigentlich davon ausging, dass es sich um ein Gespräch mit einem Nachbarn handelt. Die Erkenntnis, dass wir mit unseren Kindern ganz anders reden, als mit Erwachsenen wird niemanden wirklich überraschen. Dass dies jedoch die Ursache für viele familiäre Konflikte sein kann, ist nur wenigen bewusst.

Wir gehen - sehr häufig irrtümlich - davon aus, dass Konflikte mit Kindern stets rein inhaltlicher Natur sind. Sagen wir genervt: "Wie sieht es hier denn schon wieder aus? Du verbreitest ständig Chaos. Räume doch endlich mal dein Zimmer auf!" und uns schallt ein empörtes "Nö, ich habe aber keine Lust!" entgegen, kommt uns oft gar nicht in den Sinn, dass unsere Kommunikation vielleicht erst der Auslöser für das kindliche Nein war. Vielleicht hätte das Kind tatsächlich aufgeräumt - wenn wir es denn höflich und gewaltfrei gefragt hätten.

Wo die Gewalt in unserer Kommunikation war? Nun - allein das "schon wieder" impliziert beim Kind, dass es quasi ständig ein unordentliches Zimmer hat, was uns ständig stört. "Ständig Chaos" ist eine Verurteilung. Und "endlich mal" signalisiert, dass das Kind das schon längst hätte tun können und sollen - es ist also in unseren Augen scheinbar rundum fehlerhaft. Das Kind fühlt sich dadurch angegriffen und nimmt sofort eine Abwehrhaltung ein. Es geht dabei also gar nicht unbedingt ums Aufräumen, sondern eher um das diffuse Gefühl, nicht wertgeschätzt, verurteilt und bevormundet zu werden.

Gewaltfreie Kommunikation kann uns helfen, unsere Anliegen so zu formulieren, dass sich niemand verletzt oder angegriffen fühlt und auf sachlicher Ebene eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Problemlösung gefunden werden kann. Ich kann jedem nur ans Herz legen, es einfach mal auszuprobieren!
Wenn man sich so im Internet umschaut, findet man ziemlich viele, zum Teil auch sehr ausführliche Abhandlungen zur GFK, die jedoch so viele Details und zum Teil auch sehr wirr spirituelle Elemente enthalten, dass man teilweise leider eher abgeschreckt wird, sich näher damit zu befassen. Dabei ist sie im Grunde gar nicht so schwierig zu erlernen.

Bild Buch "Gewaltfreie Kommunikation"Ich hatte mir vor einiger Zeit das Buch "Gewaltfreie Kommunikation" von Marshall B. Rosenberg aus der Bücherei aus. Leider fand ich nicht so recht ins Buch - die Sprache war schon sehr speziell und die Abstraktheit des Themas überforderte mich etwas, so dass ich nicht über ein paar Seiten hinaus kam. Nachdem mir jedoch eine Freundin "Kinder einfühlend ins Leben begleiten - Elternschaft im Licht der Gewaltfreien Kommunikation" schenkte - mit 24 Seiten Inhalt (netto) sehr schön kompakt - habe ich mich dann doch noch mal umfassender mit dem Thema auseinandergesetzt. 

Ich will in diesem Artikel möglichst kompakt das Wesentliche zur "GFK" zusammenzufassen, damit ihr die wichtigsten Grundlagen habt, um es einfach mal zu versuchen - unser Familienleben wurde durch gewaltfreie Kommunikation definitiv sehr positiv beeinflusst. 

Das Überdenken der inneren Einstellung


Der Weg zu einer gewaltfreien Kommunikation beginnt oft mit einer großen Hürde: dem Überdenken der inneren Einstellung. Wir müssen uns klar darüber werden, was uns für unsere Kinder und unser Zusammenleben mit ihnen wichtig ist, was wir uns für sie wünschen und wie wir das erreichen. 

Wem der Gedanke, dass man mit Kindern grundsätzlich gleichwertig umgehen sollte, nicht fremd ist, der kann getrost ab der Überschrift "Wie praktiziert man gewaltfreie Kommunikation?" weiter lesen. Für diejenigen, die unseren Blog noch nicht kennen und über Google oder Facebook hergefunden haben, möchte ich vorab kurz auf die innere Einstellung zu unseren Kinder eingehen.
Grundlage der gewaltfreien Kommunikation ist nämlich, den Wunsch aufgeben, einen anderen dazu zu bringen, etwas zu tun, was wir von ihm möchten. Wir werden uns vielmehr darauf konzentrieren,  in Konfliktsituationen Bedürfnisse zu formulieren und um ihre Erfüllung zu bitten. 

Um Missverständnissen an der Stelle vorzubeugen: das heißt nicht, dass wir künftig - bspw. wenn unser Kind auf eine stark befahrene Straße zurennt - freundlich säuselnd rufen: "Noah, ich möchte gerne, dass Du nicht überfahren wirst und bitte Dich daher herzlich, doch stehen zu bleiben, Schatz!" 

Eltern sind in manchen Situationen gezwungen, spontan ihre elterliche Macht umgehend auszuüben, um die Gesundheit des Kindes (oder anderer) oder Eigentum zu schützen. In diesen Fällen muss nicht viel vorher pädagogisch wertvoll kommuniziert werden. Haut die zweijährige Mia dem gleichaltrigen Leo den Eimer über den Kopf, muss eingegriffen werden.  Ebenso, wenn der Wagen des Nachbarn als Grundlage dienen, ein kreatives Kratzbild zu fertigen. Dann wird erst mal gehandelt - auch gegen den Willen des Kindes - aber hinterher kann man durchaus mit gewaltfreier Kommunikation die Situation auswerten. 

Der allgemeine Erziehungsbegriff


Um den Ansatz der gewaltfreien Kommunikation zu verinnerlichen, ist es hilfreich, sich zunächst bewusst zu machen, warum es überhaupt zu Konflikten in der Erziehung kommt. Was versteht man denn unter "Erziehung" überhaupt? Wikipedia sagt dazu:
"Unter Erziehung versteht man die von Erziehungsnormen geleitete Einübung von Kindern und Jugendlichen in diejenigen körperlichen, emotionalen, charakterlichen, sozialen, intellektuellen und lebenspraktischen Kompetenzen, die in einer gegebenen Kultur bei allen Menschen vorausgesetzt werden."
Inwieweit sich körperliche, charakterliche und intellektuelle Kompetenzen tatsächlich "einüben" lassen, sei mal dahingestellt, im Kern trifft die Definition ungefähr das, was die Mehrheit der Eltern auf eine solche Frage antworten würden. Sie würden es vielleicht etwas einfacher zusammenfassen mit "Erziehung bedeutet, dass ich meinem Kind alles beibringe, das es benötigt, um das Leben glücklich und erfolgreich zu meistern". 

Kinder sollen quasi "lernen", sich so zu verhalten, dass sie sich ohne Probleme innerhalb einer Gemeinschaft bewegen können, so dass sie von anderen gemocht und akzeptiert werden und ein zufriedenes Leben führen können. 

Bedürfnisse und Konflikte im Familienleben


Unser langfristiges Ziel ist also, unsere Kinder durch unsere Erziehung bestmöglich auf das Leben vorzubereiten. Ein etwas kurzfristigeres Ziel ist es für jeden, möglichst harmonisch zusammenzuleben. Das funktioniert in der Regel dann am besten, wenn die Bedürfnisse aller Familienmitglieder ernst genommen und berücksichtigt werden. Zu Konflikten kommt es vornehmlich dann, wenn einzelne Bedürfnisse miteinander kollidieren. Wenn das Kind zum Beispiel gerne etwas vorgelesen bekommen möchte, während die Mutter das Abendessen kochen muss. Oder wenn das Kind gerade vertieft spielt, der Vater es aber in die Kita bringen will. Oder der kleine Bruder unbedingt auch das Spielzeug haben muss, mit dem gerade das große Geschwisterchen spielt...

Die gewaltfreie Kommunikation soll helfen, bei solchen Konflikten unsere Bedürfnisse so zu vermitteln, dass niemand verletzt und gekränkt wird. Dabei soll ohne Vorwürfe und Wertung eine gemeinsame Lösung gefunden werden, die alle Beteiligten zufrieden stellt. Es geht darum, sich liebevoll, partnerschaftlich und mit Wertschätzung, Respekt und Mitgefühl auszutauschen. 

Auf welchen Annahmen basiert gewaltfreie Kommunikation?


Die obenstehende Definition des Erziehungsbegriffes zeigt, dass leider die meisten davon ausgehen, dass ihre Kinder als "unvollkommene Wesen" zur Welt kommen, die sie aktiv formen müssen, damit sie im Leben zurecht kommen. Bei der gewaltfreien Kommunikation wird von einem anderen Menschenbild ausgegangen, nämlich dass Kinder von Grund auf gut und kooperativ sind und von Natur aus ein Interesse daran haben, sich gewinnbringend in eine Gemeinschaft einzubringen und Rücksicht auf die Bedürfnisse aller zu nehmen.

Diese alternative Sicht auf das Kind ruft bei den meisten nur Kopfschütteln hervor, da ihr Umfeld voll von Warnungen vor Tyrannen und sich eben nicht kooperativ verhaltenden Kindern ist. Rufe nach festen Grenzen und mehr Konsequenz(en) werden laut, bei trotzigen Kleinkindern wird oftmals sofort ein Erziehungsversagen vermutet und konsequentes Eingreifen gefordert. Dabei ist unangemessenes Verhalten häufig vielmehr der Ausdruck der Frustration über die nicht gewürdigte Kooperationsbereitschaft unserer Kinder.

Dass diese grundsätzlich vorhanden ist, hat evolutionäre Gründe. Jahrtausende lang war das Leben ein Kampf ums Überleben, Ressourcen waren knapp. Da galt es in der Gemeinschaft den anderen zur Seite zu stehen und gemeinsam dafür zu sorgen, dass es ein Dach über dem Kopf und genügend Nahrung für alle gab. Das Ganze versprach umso erfolgreicher zu sein, je mehr man sich aufeinander verlassen konnte und einander half. Kinder haben zwar untereinander konkurriert (weswegen auch heute häufig noch Eifersucht zwischen Geschwistern besteht), aber in Bezug auf ihre Eltern war es für Kinder wenig sinnvoll, durch unangemessenes Verhalten diejenigen zu verärgern, die für ihr Überleben sorgten. Schließlich bestand die Gefahr, dass sich die Eltern dadurch mehr einem der (zahlreichen) anderen Geschwister zuwendet und das Kind bei der Ressourcenzuteilung benachteiligt wurde. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, unkooperativ zu sein und Konflikte zu provozieren.

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder tatsächlich überaus kooperativ sind, wenn sie das Gefühl haben, ernst genommen zu werden und viel selbst entscheiden zu dürfen. Kommuniziert man empathisch mit ihnen, fühlen sie sich wertgeschätzt und übernehmen diese Art, sich auszutauschen. Wenn man nachvollzieht, wie sich jemand fühlt, kann man auch dessen Bedürfnisse verstehen. Werden die eigenen Bedürfnisse ernst genommen und berücksichtig, ist man selbst viel eher bereit, die der anderen auch zu erfüllen.

Diese Bereitschaft ist jedoch maßgeblich beeinflusst von dem Gefühl, frei in der Entscheidung zu sein. Je mehr Druck aufgebaut wird, desto mehr Widerstand entwickelt sich. Du kennst das sicher von Deinen Kindern - wenn Du sie aufforderst jetzt sofort etwas zu tun, wird das nicht selten verweigert. Meist nicht einmal deshalb, weil sie nicht tun wollen, was Du verlangst, sondern weil sie sich bevormundet fühlen und selbst darüber entscheiden möchten, ob und vor allem wann sie etwas tun. Meine Erfahrung ist: Lasse ich die Wahl, über den Zeitpunkt einer Handlung zu entscheiden, sind meiner Chancen sehr viel höher, dass meiner Bitte nachgekommen wird, als wenn ich sofortiges Handeln einfordere.

Die gewaltfreie Kommunikation basiert hauptsächlich auf dem Konzept der Freiwilligkeit - ich bitte um die Erfüllung meines Bedürfnisses, nehme aber auch in Kauf, dass die Bitte nicht erfüllt wird. Wenn ich also eine Bitte formuliere, dann weiß ich vorher, dass ich ein "Nein!" akzeptiere. Wenn ich ein "Nein!" nicht akzeptieren werde, dann formuliere ich eine Forderung. Diese Differenzierung ist sehr wichtig - Ihr werdet vermutlich feststellen: Je mehr ihr bittet, desto weniger werden Eure Forderungen diskutiert. 

Wenn man genauer darüber nachdenkt, gibt es im Grunde nur sehr wenige Situationen, in denen ein "Nein!" zu unserer Bitte nicht akzeptabel scheint. Wenn wir uns von der Angst lösen, unsere Kinder zu verziehen, weil sie auch mal "Nein!" sagen dürfen, werden wir ziemlich sicher die Erfahrung machen, dass sie unser "Nein!" auch akzeptieren. 

Wie praktiziert man gewaltfreie Kommunikation? 


Die Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation 


Figuren an einem TischBei der gewaltfreien Kommunikation geht es um einen liebevollen und partnerschaftlichen Umgang miteinander. Sie basiert zum einen auf dem Verstehen des Gegenübers und zum anderen auf dem Verstandenwerden. Gemeinsam sollen Wege gefunden werden, Konflikte zu lösen - ohne Machtausübung, ohne Vorwürfe und ganz ohne moralische Urteile. Grundlage der gewaltfreien Kommunikation ist Empathie - also die Fähigkeit die Gedanken, Gefühle und Beweggründe des Gesprächspartners zu verstehen.
Für die gewaltfreie Kommunikation ist es erforderlich, auch die Bedürfnisse des Anderen zu sehen und zu verstehen und auch die eigenen Bedürfnisse so zu formulieren, dass der Andere nicht eine Abwehrhaltung einnimmt und sich vielmehr für die Erfüllung des Bedürfnisses öffnet. Gewaltfreie Kommunikation heißt aber auch: Ich nehme in Kauf, dass mein Bedürfnis möglicherweise nicht erfüllt wird. 

Aller Anfang ist schwer


Die gewaltfreie Kommunikation zu erlernen ist anfangs relativ schwierig, weil sie sich doch sehr von der Art unterscheidet, wie wir es normalerweise gewohnt sind, zu kommunizieren. Es wird sich für die meisten seltsam fremd anfühlen und möglicherweise auch den Gegenüber verwirren. Einige sagen, dass es sich unnatürlich anfühlt, so zu reden, es sei irgendwie nicht "authentisch". Das ist aber nur deshalb so, weil wir es nicht gewohnt sind. Marshall B. Rosenberg zitiert dazu Gandhi mit:
"Verwechsle nicht das, was Gewohnheit ist, mit dem, was natürlich ist".
Unsere jetzige Kommunikation ist anerzogen und geprägt von der Erziehung unserer Eltern und Großeltern. Wenn wir Ärger verspüren, reagieren wir meist nur auf zwei verschiedene Arten Rückzug/Schweigen oder Angriff/Rechtfertigung. Ich erlebe das öfter selbst - wenn meine Tochter (5) nicht kooperiert, dann macht mich das hilflos und wütend. Mein erster Impuls ist, mich umzudrehen und zu gehen oder ihr Vorwürfe zu machen und zu drohen. Dass die Konflikte so nicht befriedigend gelöst werden können, ist verständlich. Daher bemühe ich mich, meine erlernten Verhaltensweise abzulegen und ungewohnte Wege zu beschreiten.
Viel "natürlicher" ist es nämlich, Dinge aus Spaß und Freude füreinander zu tun, als Strafen, Belohnungen und Schuld- oder Schamgefühle bewusst zu einzusetzen, um ein gewünschtes Verhalten zu erreichen. Wie bei allem anderen gilt auch für die gewaltfreie Kommunikation: Man gewöhnt sich schnell daran - irgendwann geht sie in Fleisch und Blut über. Je mehr man übt und sie anwendet, desto schneller wird es sich vollkommen natürlich anfühlen. 

Kooperation durch Bitten statt Vorwürfe und Androhung von Konsequenzen


Denkt man genauer darüber nach, dann stellt man fest, dass es im Grunde nur zwei mögliche Wege gibt, jemanden dazu zu bringen, etwas zu tun oder zu lassen, wenn er das gerade eigentlich gar nicht möchte:

1. durch Zwang und Druck und die Androhung von Strafen und Konsequenzen oder

2. weil er sich bei der Abwägung der Vor- und Nachteile dazu entschließt, den Nachteil (gerade nicht wollen) in Kauf zu nehmen, weil der (zu erwartende) Vorteil überwiegt

Dass die ständige Ausübung der elterlichen Macht durch Strafen und Konsequenzen zu Frustration und damit zu einer konfliktbeladenen Abwehrhaltung führt, ist nachvollziehbar - ich hatte zu diesem Thema vor einer Weile einen ausführlichen Artikel geschrieben. Stell Dir bspw. vor, Dein Mann kommt nach Hause und sagt: "Ich habe Durst, bitte bring mir sofort ein Glas Wasser. Wenn Du das nicht machst, bringe ich nachher den Müll nicht raus. Und Deine Tasche steht hier im Weg - räum die mal bitte aus dem Weg, sonst schmeiß ich sie weg". Es fiele Dir sicher sehr schwer, da nicht ärgerlich zu sein.

Und unseren Kindern geht es ähnlich - sie möchten ebenso wenig herumkommandiert und bevormundet werden. Sie möchten ernst genommen und höflich gebeten werden. Wie wir auch - ein, wie ich finde, sehr nachvollziehbarer Wunsch. Daher sollte unser Augenmerk darauf liegen, eine freiwillige Kooperation zu erreichen - das Kind sollte das Gefühl haben: auch wenn ich gerade keine Lust habe - der zu erwartende Vorteil wenn ich kooperiere überwiegt, so dass ich jetzt eine Lösung suche. Und der Vorteil, der unsere Kinder (in der Regel) überzeugt ist der, dass sie genau das selbe wollen, wie wir auch: ein harmonisches Familienleben und andere, die ihre Bedürfnisse dann ebenso ernst nehmen. 

Die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation


Es gibt vier einfache Schritte, mit denen man ein Bedürfnis gewaltfrei kommunizieren kann: 

a) Beobachten


In einem ersten Schritt wird die Situation beobachtet und wertfrei beschrieben. Es ist von großer Bedeutung, dass lediglich ein Zustand beschrieben wird, der nicht bewertet wird.

In unserem Beispiel am Anfang des Artikels würde das bedeuten, dass eine Konfliktlösung mit GFK beginnt mit: 
"Ich sehe, dass Müll vor der Tür verstreut herum liegt."
Es kommt dabei darauf an, das wirklich neutral zu formulieren. Nicht neutral wäre "Ich sehe, dass Du den Müll verstreut hast" - das wäre ein Vorurteil. Selbst wenn die Vermutung nahe liegt, würde es sich um eine Vorverurteilung handeln. "Du" sollte grundsätzlich in diesem Schritt nicht verwendet werden - beschrieben wird stets, was ICH sehe - ohne Mutmaßungen über den Hergang oder den Grund anzustellen. 

b) Gefühl


In einem zweiten Schritt wird beschrieben, was diese Beobachtung emotional in uns auslöst: 
"Das ärgert mich sehr, denn ich mag es nicht, wenn Müll herum liegt."
Auch hier findet keine Verurteilung statt, wie z. B. "Es ärgert mich, wenn du den Müll herumliegen lässt". Der Fokus liegt allein darauf, was die Beobachtung in mir auslöst. 

c) Bedürfnis


Das beschriebene Gefühl wird ergänzt durch die Formulierung des eigenen Bedürfnisses. Dieser Schritt ist manchmal schwierig, weil es uns nicht leicht fällt, zu sagen, welches Bedürfnis wir konkret haben. In unserem Fall könnte es sein:
"Ich möchte gerne, dass es hier sauber aussieht."
  

d) Bitte


Abschließend wird durch eine Bitte beschrieben, wie das Bedürfnis erfüllt werden kann. Hier kann und soll das erste Mal das Wort "du" fallen. Die Bitte sollte sich möglichst konkret auf den aktuellen Zustand beziehen und möglichst positiv formuliert werden. Das heißt, dass gesagt werden soll, was man sich wünscht, nicht, was unterlassen werden soll:
"Ich möchte gerne, dass Du den Müll wegräumst."
Das grundsätzliche Wesen einer Bitte ist, dass diese mit "ja" oder "nein" beantwortet werden kann. Wie schon erwähnt, nimmt man bei der gewaltfreien Kommunikation in Kauf, dass die Antwort tatsächlich "Nein!" ist.

Diese vier Schritte fasst Rosenberg sehr kompakt zusammen mit:
"Wenn ich a) sehe, dann fühle ich b), weil ich c) brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d).“
Andere mögliche Formulierungen diese vier Schritte auszudrücken wären z. B:

1) "Wenn ich sehe/höre/daran denke/bemerke/erkenne...."

2) "....fühle ich mich/bin ich [traurig/ärgerlich/wütend/verärgert/verletzt]...."

3) "...weil mir wichtig ist/sehr daran liegt/ich es wichtig finde dass/ich XYZ brauche...."

4) "... daher hätte ich gerne, dass du/wärest Du bereit zu/wäre es für Dich in Ordnung wenn..."

In der Praxis könnte das dann so aussehen: 

"Ich sehe, dass Dein Zimmer unordentlich ist. Das ärgert mich sehr, denn ich mag es lieber, wenn aufgeräumt ist. Wärest Du bereit, etwas Ordnung zu schaffen?"

"Ich sehe, dass Du tief im Spiel vertieft und noch nicht angezogen bist. Ich bin etwas ungeduldig, denn ich möchte sehr gerne pünktlich in die Kita kommen. Würdest Du Dich bitte anziehen?"

"Ich höre sehr lautes Geschrei. Das ist für meine Ohren sehr unangenehm. Ich hätte gerne etwas mehr Ruhe. Ist es für Dich in Ordnung, etwas leiser zu sein?"

Mutter wendet sich Kind liebevoll zu
Zur Erinnerung - wir formulieren Bitten nur dann, wenn wir ein "Nein!" akzeptieren. Wenn wir lernen, unsere Bedürfnisse zu kommunizieren, ohne den anderen dabei zu kritisieren, zu verurteilen oder zu verletzen, wird dieser nicht automatisch in eine beschützende Abwehrhaltung gehen. Wenn wir es schaffen, Bitten zu formulieren, die nicht fordernd oder drohend sind, wird unser Gegenüber eher kooperativ sein, als wenn wir vorwurfsvoll oder fordernd auftreten. Daher sollte die Kommunikation immer ICH-bezogen sein. "Ich sehe", "ich denke", "ich fühle".

Mir sollten uns auch nicht der Illusion hingeben, dass die gewaltfreie Kommunikation unsere Konflikte von heute auf morgen komplett beseitigt. So, wie wir erst lernen müssen, auf diese Art zu kommunizieren, muss unser Gesprächspartner erst erkennen, dass es uns ernst damit ist und er die Freiheit hat, "Nein" zu sagen. Wird ihm klar, dass wir ihm mit gewaltfreier Kommunikation eine hohe, bedingungslose Kooperationsbereitschaft signalisieren, wird er dies höchstwahrscheinlich zurück geben wollen. 

Einfühlend zuhören 


Viele Konfliktsituationen entstehen dadurch, dass jemand anderes in unserer Familie verärgert ist und uns das leider so gut wie nie "gewaltfrei" mitteilt. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich muss immer ganz schrecklich damit kämpfen, in solchen Situationen Ruhe zu bewahren und die Unmutsäußerungen nicht persönlich zu nehmen. Ich habe als Kind nicht gelernt, wie man vorwurfsfrei und nicht fordernd kommuniziert, daher lösen Konflikte in mir öfter widerstrebende Gefühle aus. Manchmal möchte ich mich beleidigt zurückziehen, dem anderen quasi durch Liebesentzug zeigen, wie sehr ich verletzt bin. Das ist ein von meinen Eltern erlerntes Verhalten - in meiner Kindheit war das ihr Mittel, mich zu bestrafen. 

Auch in solchen Situationen wirkt die gewaltfreie Kommunikation überraschend deeskalierend. Wenn unser Gegenüber merkt, dass wir ernsthaft an seinen Gefühlen interessiert sind und gewohnt ist, dass konstruktiv eine Lösung gesucht wird, wird sich die Situation schneller entspannen, als wenn mit Macht und Druck gearbeitet.

Auch hier können die vier Schritte in der selben Form angewendet werden: 

1) Beobachten


Beschreibe eine Wahrnehmung von der Du glaubst, dass sie der Auslöser ist. Überlege, was den anderen bewegt und was er beobachtet hat.
"Du hast gehört, dass ich dich aufgefordert habe, endlich zu kommen".

2) Gefühl


Versuche zu erfassen, was der andere fühlt:

"Darüber bist du sehr ärgerlich."

3) Bedürfnis


Signalisiere, dass Du verstehst, warum Dein Kind aufgebracht ist:

"Du möchtest viel lieber weiter spielen."

4) Stelle eine Vermutung an, was Dein Kind jetzt von Dir erwartet: 


"Du möchtest, dass ich noch etwas Geduld habe und Dich fertig spielen lasse".

Für unser Kind ist es unglaublich wichtig, das Gefühl zu haben, verstanden zu werden. Das klingt recht profan, ist aber wirklich essentiell. Wir überschätzen regelmäßig das Verständnis unserer Kinder, weil wir unseren eigenen Erfahrungshorizont ansetzen.
 

Warum Verständnis signalisieren so wichtig ist


Ich möchte das kurz ausführlicher erklären. Wir wissen bspw. sehr genau, was giftig ist und was nicht - für Kinder ist das ein schwieriger Lernprozess. Nimmt das Kind das erste mal eine rote Beere auf einem Spaziergang in die Hand und will sie in den Mund stecken, sagen wir "nein" und nehmen ggf. die Beere weg. Das Kind versteht recht schnell: "Diese eine Beere soll ich nicht essen". Warum das so ist, kann es nicht erfassen. Anfangs auch nicht, was überhaupt das Problem ist. Die Beere anzufassen? Sie zu essen? Wir werden ihm erklären, dass es "gefährlich" ist - das ist für Kinder jedoch sehr abstrakt. Es versteht in dem Moment nur: "Mama will nicht, dass ich diese (eine) Beere esse". 

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es irgendwann eine weitere rote Beere probieren wollen - es könnte ja sein, dass das "nein" nur für die eine Beere galt, für die anderen jedoch nicht. Es gibt wieder ein klares "nein". Für uns ist jetzt eigentlich klar: Das Baby müsste gelernt haben: Beeren = nein. Das Kind hat tatsächlich gelernt: Diese eine und auch die andere Beere nicht. Findet es eine schwarze Beere, wird es die essen wollen - denn schließlich weiß es noch nicht, wofür unser Verbot genau gilt. Es muss sich herantasten. Gilt es für rote Beeren? Für rote und schwarze Beeren? Für alle Beeren? Für gelbe vielleicht nicht? Wir sind entnervt und gehen davon aus, dass unser Kind eigentlich wissen müsste, was wir von ihm wollen, dabei muss es erst aufwändig alle Informationen ordnen und kategorisieren.

So kommt es immer und immer wieder zu Situationen, in denen Kinder das Gefühl haben: "Herrje, Mama versteht mich gar nicht!" Und das löst vor allem in der Autonomiephase, in der Kinder ihre Emotionen noch relativ schlecht regulieren können, viele Wutanfälle aus. Das signalisieren von Verständnis und Verstanden haben kann die wogen schnell glätten - die sogenannte Karp-Methode - ist die einfachste frühe Form der gewaltfreien Kommunikation.

Während bei sehr kleinen Kindern (etwa in den ersten zwei Jahren) das Ablenken im Anschluss an die Beschreibung der Gefühle noch recht gut funktioniert, ist das mit älteren Kindern etwas schwieriger. Sie können schon recht gut kommunizieren und fordern das auch ein. Hier bietet die gewaltfreie Kommunikation dann die Möglichkeit, sanft die eigenen Bedürfnisse zu formulieren und auf Kooperation zu hoffen.

© Danielle 

Quellen


Dieser Artikel basiert auf der Broschüre "Kinder einfühlend ins Leben begleiten" und dem Buch "Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens" von Marshall B. Rosenberg.


Es gibt noch weitere empfehlenswerte Bücher zur gewaltfreien Kommunikation, z. B. - Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt: Vier Schritte zu einer einfühlsamen Kommunikation oder Gewaltfreie Kommunikation für Dummies.