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"Leitwölfe sein - Liebevolle Führung in der Familie" - Jesper Juul



Heute erscheint das neue Buch von Jesper Juul: "Leitwölfe sein - Liebevolle Führung in der Familie". Dank des BELTZ-Verlages, der uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte, können wir es Euch heute schon vorstellen.

Das Buch


In der Einleitung fasst Juul den Inhalt des Buches wie folgt zusammen:

"Es geht darum, seine Kinder kennenzulernen, ihre persönlichen Grenzen kennenzulernen, sich diesen gegenüber respektvoll zu verhalten und mit seinen Kindern so authentisch wie möglich umzugehen".

1 Kinder wollen Erwachsene, die die Führung übernehmen


Kinder benötigen Führung, um fruchtbare und tragfähige Beziehungen aufzubauen. Führung heißt jedoch nicht, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen, sondern dass man sie begleitet und ihren Mangel an eigenen Erfahrungen ausgleicht. Damit alle Familienmitglieder möglichst viel von dem bekommen, was sie für die bestmögliche Qualität ihres Lebens benötigen, ist es notwendig, ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der einzelnen zu schaffen.

Dazu brauchen Eltern persönliche Autorität und müssen persönliche Verantwortung übernehmen (sich also nicht von Mutter oder Nachbarn beirren lassen, die vermeintlich alles besser wissen). Damit sind sie in der Lage, ihren Kindern klar zu signalisieren, was sie wollen und was sie nicht mögen. Wenn sie sich außerdem bemühen, herauszufinden, was ihre Kinder wollen und mögen, wird das ihr eigenes Selbstwertgefühl und das der Kinder steigern. So ist ein gewinnbringendes Lernen voneinander möglich.

Zu Machtkämpfen kommt es immer dann, wenn Kinder sich in ihrer persönlichen Integrität verletzt fühlen und versuchen, ihre Würde zu schützen. Mit einer zugewandten Führung schafft man es, dass Kinder darauf vertrauen, dass Eltern wissen, was sie tun und dass sie es zum Wohl der Gemeinschaft tun.


2 Sie können ihrem Kind vertrauen


Anders, als früher angenommen, sind Kinder keine primitiven, unkooperativen, unsozialen und unempathischen Wesen. Sie sind vielmehr darum bemüht, mit ihren Eltern zu kooperieren. Leider tun sie das nicht immer in der Form, die Eltern sich wünschen und oft wird das Kooperationsbemühen als solches auch nicht erkannt. Ein Dreijähriger, der seiner kleinen Schwester ständig an den Haaren zieht, versucht auf die für ihn am besten möglichen Weise zu zeigen, dass er ein Problem hat, weil er sich nicht mehr ausreichend gesehen und wertgeschätzt fühlt.

Selbst Lügen ist eine Form der Kooperation - Kinder versuchen häufig damit, Eltern vor negativen Empfindungen zu schützen. Für Kinder ist es wichtig, dass ihre Eltern ihnen achtsam begegnen und darauf vertrauen, dass sie stets in guter Absicht handeln.

3 Der Leitwolf und das innere Kind


Im dritten Kapitel des Buches stellt Jesper Juul die These auf, dass die meisten von uns noch keine ausgereiften Persönlichkeiten sind, wenn sie Kinder bekommen. Problematisch ist vor allem, dass wir selbst häufig in einem Umfeld aufwuchsen, das weniger liebevoll war, als wir es uns gewünscht hätten. Wenig Interesse und Aufmerksamkeit der Eltern, Gewalt, Strafen, Alkoholismus - wir sind daran nicht zerbrochen, weil wir uns irgendwie angepasst haben.

Wenn wir heute mit bestimmten Verhaltensweisen unserer Kinder konfrontiert werden, dann fällt es uns schwer, darauf liebevoll zu reagieren, wenn wir selbst früher in solchen Situationen hörten: "Nun stell dich nicht so an!" Es ist die größte Herausforderung der Elternschaft, die eigene Kindheit so aufzuarbeiten, dass man in der Lage ist, für sein Kind das zu tun, wozu die eigenen Eltern nicht in der Lage waren.

4 Weibliche und männliche Führung


Anders als früher, spielt der Vater in Familien eine große Rolle. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder - wenn sie gleichermaßen Zugang zu Mutter und Vater haben - keinen der beiden bevorzugen. Die Geschlechter haben verschiedene Arten zu führen - doch das verwirrt Kinder nicht, sondern bereichert sie. Vätern fällt es zudem oft leichter, ein Nein fest und bestimmt auszusprechen.



5. Frau und Mutter sein


Frauen tun sich generell schwerer damit, die Position des Leitwolfes zu übernehmen - auch in Unternehmen ist die Frauenquote in den Führungspositionen sehr niedrig. Durch die noch immer weit verbreitete Abwesenheit der Väter in den Familien, entsteht eine sehr enge Beziehung zwischen Müttern und Kindern. Das führt häufig dazu, dass sie ihre Bedürfnisse als Frau zurückstecken (müssen).

Wegen der Angst, als egozentrisch betrachtet zu werden, gelingt vielen Frauen die Loslösung von der vollkommenen Aufopferung, die sie üblicherweise bei der Betreuung der Kinder in den ersten 18 Monaten zeigen, nicht. Dadurch vereinsamen sie zunehmend, was auch zu Unzufriedenheit in der Partnerschaft führt.

Juul stellt fest, dass viele Frauen stark davon beeinflusst sind, zu braven, angenehmen, funktionierenden Wesen erzogen worden zu sein und daher Schwierigkeiten haben, ihre persönlichen Grenzen deutlich zu machen. Er ermutigt Frauen dazu, das Bedürfnis nach Bewertung abzulegen und das Selbstwertgefühl dadurch zu stärken, indem sie Verbindung zu sich selbst aufnehmen. Ziel sollte es sein, sich selbst zu mögen und zufrieden zu sein - nur so ist es möglich, eine erfolgreiche Führung zu übernehmen.

6. Wo sind die Männer und Väter?


Väter hatten in den letzten Jahrhunderten als Familienoberhaupt die Aufgabe, die Familie zu versorgen. Etwa 90 % der wachen Zeit der Kinder waren sie dabei abwesend. Das ändert sich zwar nach und nach, aber die meisten Frauen haben noch immer das Gefühl, dass sie quasi allein erziehend sind, weil ihnen letztendlich fast alle Entscheidungen obliegen und sie damit die komplette Verantwortung tragen. Das zu ändern lohnt sich jedoch.

7. Wollen wir wirklich starke und gesunde Kinder?


In den letzten Jahrzehnten ist es uns gelungen, das Leben von Kindern in vielen Belangen zu verbessern. Sie leben hierzulande größtenteils nicht mehr in Angst und Sorge und sie werden mehr und mehr gehört. Körperliche Bestrafungen gehören weitestgehend der Vergangenheit an. Die Eltern von heute wollen anders sein, als ihre eigenen Eltern.

Dennoch möchte ein Großteil der Eltern, Erzieher und Lehrer noch immer das selbe, wie ihre Eltern - nette, wohlerzogene und gehorsame Kinder, die sich anpassen und fügen. Sie versuchen zwar, das auf einem freundlichen, weniger gewaltvollen Weg zu erreichen, aber es ist dennoch das Hauptziel der meisten und es wird immer noch versucht, mit Macht zu erreichen.

8. Was hat Macht mit Führung zu tun?   


Der Gebrauch von Macht und Gewalt ist in den letzten 50 Jahren deutlich zurück gegangen. Dennoch findet man sie nach Juul noch immer in etwa 50 % aller Familien. Eltern, die sich als Kinder nicht geliebt und wertvoll gefühlt haben, fällt es schwer, andere Verhaltensweisen als die ihnen gegenüber vorgelebten, zu zeigen. Kinder kommen zur Welt und lieben ihre Eltern vollkommen bedingungslos. Doch bald schon beginnen diese, mit Macht und Manipulation das Verhalten der Kinder zu beeinflussen. Das Selbstwertgefühl - einer der wesentlichen Faktoren, im Leben wirklich glücklich zu sein - leidet sehr darunter. Daher sollten wir genau überlegen, wie wir unsere Führung ausüben. Kinder müssen nicht herumkommandiert werden - sie lernen ganz allein durch Ausprobieren und Nachahmen.

9. Die Zukunft Ihres Kindes ist jetzt


Wir wünschen uns für unsere Kinder physisches Wohlbefinden und dass sie über gute psychosoziale Kompetenzen verfügen. Sie sollen in ihrem Leben mit sich und anderen gut zurechtkommen. Man sollte meinen, dass das heute leichter zu erreichen ist, als jemals zuvor, doch die Gesellschaft leidet unter zunehmenden psychischen Erkrankungen, Missbrauch und Abhängigkeit - mit weiter steigender Tendenz. Dem können wir entgegensteuern, indem wir das Selbstwertgefühl unserer Kinder stärken und sie sich frei entfalten lassen.

Zu hohe Ansprüche an die Kinder und eine hohe Erwartungshaltung führen dazu, dass Kinder sich nicht okay fühlen, so wie sie sind. Sich nicht dafür zu interessieren, was Kinder denken und fühlen, führt dazu, dass diese oppositionelles Verhalten zeigen. Als Lösungen schlägt Juul vor, mehr Zeit mit Kindern zu verbringen, ohne sie zu belehren oder erziehen zu wollen und Langeweile zuzulassen, ohne sich genötigt zu fühlen, Unterhaltung anzubieten. Beim Ins-Bett-Bringen kann man Kindern von seinem Tag erzählen - sie werden es einem gleichtun. Beim Spielen sollte die Initiative stets vom Kind ausgehen und Pausen können einfach angenommen werden, ohne das Bedürfnis zu haben, sie füllen zu müssen. All das führt dazu, mit dem Kind stärker in Beziehung zu sein. 

10. Werte, die Führung schaffen


In diesem Kapitel wird angeregt, sich klar zu machen, welche Werte in der Familie wichtig sind. Für Kinder und die persönliche Autorität ist es wichtig, diese Werte konsequent zu vertreten. Einen Wandel unserer Werte nehmen wir oft nicht wahr - erst begegnen wir unserem Kind auf Augenhöhe - wenn es dann jedoch nicht tut, was wir sagen, reagieren wir häufig im Rahmen eines ganz anderen Wertesystems und drohen, erpressen oder werden unfreundlich.

Juul hält (mindestens) vier Werte für eine "gesunde" Familie erforderlich: Gleichwürdigkeit, Authentizität, Integrität und Verantwortung, auf die auch kurz eingegangen wird (ganz ausführlich dazu hat er in seinem Buch "4 Werte die Kinder ein Leben lang tragen" geschrieben). Da es keine allgemeingültigen Erziehungstipps gibt, die für jedes Kind und jede Situation passen, helfen die Werte einem dabei, Entscheidungen zu treffen. 


11. Erfolg durch Anpassung: unsere kollektive Illusion 


Kinder wollen kooperieren und sie passen sich an - das ist von unserer Elterngeneration dafür genutzt worden, Kinder gefügig zu machen. Das Selbstwertgefühl blieb dabei jedoch auf der Stelle. Das hat dazu geführt, dass die psychosoziale Gesundheit der Gesellschaft in einem erbärmlichen Zustand ist. 

In den letzten Jahren begegnet man zunehmend Kindern mit einem aufgeblähtem Ego das durch Verwöhnen (im Sinne von ausnahmslos jeden Wunsch erfüllen) oder überflüssiges Lob entstanden ist. Die Gesellschaft fördert zudem egiostisches Verhalten. Diese Kinder sind Egozentriker ohne Selbstwertgefühl. Geliebte und wertgeschätzte Kinder missachten andere nicht und fühlen sich weder minderwertig noch überlegen. 

12. Fallgruben für Leitwölfe


Alle Erziehungsmethoden haben negative Auswirkungen auf die Qualität der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, weil sie das Kind formen wollen. Es ist sinnvoller, möglichst viel über das eigene Kind und das eigene innere Kind herauszufinden. Authentizität ist dabei der Schlüssel - denn damit ist man in der Lage, durch das eigene Auftreten dem anderen zu zeigen, wer man ist und was man möchte. Die meisten Eltern - so Juul - spielen hingegen eine Rolle. Sie versuchen nett und vernünftig zu sein - doch die Kinder sind auf der Suche danach, wer ihre Eltern wirklich hinter der Fassade sind. Das häufig "Grenzen testen" genannte Verhalten, ist Zeichen dieser Suche.

Abschließend geht es um fünf Fallstricke, die das Familienleben heutzutage erschweren: Harmoniedrang ohne negative Gefühle zuzulassen, Curling-Elternschaft, bei der die Eltern alle negativen Gefühle vor dem Kind wegwischen, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, das ständige Kontrollieren und Überwachen (Helikopter-Eltern) oder das Kind zu einem Projekt zu machen.

13. Führung light: Teenagerzeit und das Kind als Erwachsener


In den letzten Jahrzehnten hat sich die Beziehung zwischen Eltern und Teenagern deutlich verbessert - es wird mehr denn je gewinnbringend miteinander geredet. Manche Eltern neigen jedoch dazu, bei den ersten pubertätsbedingten Problemen einen "Turbo" bei der Erziehung einzulegen, um kurz vor Schluss noch das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Als Folge davon, entfremden sich die Beteiligten - es kommt zu Machtkämpfen, Regelbrüchen und unangemessenem Verhalten.

Als Teenager brauchen Kinder jedoch niemanden, der ihnen weiter vorschreibt, was sie zu tun haben - sie brauchen  nur eins: Vertrauen. Und dass Eltern erkennen, dass sie nicht mehr an vorderster Front gebraucht werden, sondern als Sicherheitsnetz im Hintergrund.

Meine Meinung zum Buch


Eltern sollen Kinder also "führen" - das heißt: klare Signale aussenden und klar sagen, was sie wollen (und was nicht). Es ist für mich etwas schwierig nachzuvollziehen, dass es diesbezüglich weit verbreitete Defizite geben soll. Ich sehe vielmehr täglich Eltern, die sehr genau wissen, was sie wollen (viele davon vor allem ihre Ruhe) und das auch deutlich (in meinen Augen oft zu deutlich) kommunizieren. 

Etwas verwirrt haben mich die immer wieder an den Kapitelenden eingetreuten "Frag Jesper Juul"-Blöcke, weil sie nicht auf den ersten Blick erkennbar etwas mit dem vorherigen Text zu tun hatten. Das hat meinen Gedankenfluss etwas gestört - ebenso wie immer wieder sehr schwurbelige Ausdrucksweisen.

Dennoch enthält das Buch viele Gedankenanstöße und interessante Informationen - es ist schon sehr tröstlich, wenn Juul schreibt, dass die allerbesten Eltern, die er kennt, etwa 20 Fehler am Tag machen. Es macht auch nachdenklich zu lesen, dass statistisch nur 30 % dessen, was wir als Eltern tun oder sagen, tatsächlich dem Kindeswohl dient.

Das Buch ist kurzweilig und interessant zu lesen, konzentriert sich jedoch auf Eltern (bzw. vornehmlich Mütter), die ihre Führungsrolle, mangels Selbstwertgefühl, nicht ausreichend wahrnehmen. Ich entspreche nicht unbedingt der Zielgruppe, finde mich jedoch in den Schilderungen zum "inneren Kind", das sich für seine Kinder eine andere Beziehung als damals zu den eigenen Eltern wünscht. Auch der kurze Abschnitt zu den Teenagern hat mich außerordentlich hell erleuchtet.


Alles in allem kann ich eine durchaus eine Leseempfehlung aussprechen - wer Juul mag, wird dieses Buch sehr wahrscheinlich mögen und wer noch nichts von ihm gelesen hat, wird mit zahlreichen neuen Gedanken in Berührung kommen, die das Familienleben bereichern werden

Wenn Ihr das Buch kaufen möchtet, dann unterstützt Ihr unseren Blog, wenn ihr das über diesen Link tut.

© Danielle

"Familie - Eine Gebrauchsanweisung" Reinhard Winter und Claudia Stahl



Heute möchten wir Euch mal wieder ein schönes Buch über Kinder vorstellen: "Familie - Eine Gebrauchsanweisung - Was Eltern und Kinder zusammenhält" von Reinhard Winter und Claudia Stahl.

Die Autoren sind Familienberater und wollen mit ihrem Buch zeigen, wie wichtig die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sind und wie man sie respektvoll und verlässlich gestaltet, so dass die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden können. Das Buch möchte eine "Gebrauchsanweisung" für einen liebevollen Umgang miteinander sein, die Lust auf das Familiesein macht. Es besteht aus zwei Teilen - im ersten Teil geht es darum, was Familien heute ausmacht und was sie zusammenhält. Im zweiten Teil wird sich praxisnah mit den Faktoren befasst, die unser Familienleben verbessern können.

Teil 1 - Hauptsache Liebe


Familien waren lange Zeit Wirtschaftsgemeinschaften. Kinder bekam man, um seinen Lebensabend abzusichern. Man bekam viele Kinder, die zunächst ein Kostenfaktor, später eine billige Arbeitskraft waren. Der Zusammenhalt war oft wirtschaftlich bedingt und war patriarchalisch dominiert. Das hat sich mittlerweile gewandelt - Familien leben nicht mehr zusammen, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen - entsprechend kann man einen langsamen Wandel von Macht zu Kooperation beobachten.

Gründe für die Veränderungen des familiären Umfeldes sind die neue Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, die deutlich geänderten Arbeitsbedingungen und die fehlende Unterstützung aus der eigenen Familie. Die Familienzeit wird immer knapper und wertvoller und entsprechend steigt unser Anspruch an das Zusammensein. Wir wünschen uns einen Ort des Rückzuges und der Geborgenheit und empfinden Konflikte als außerordentlich belastend.

Die Liebe ist die größte Kraft in Familien - sie sorgt dafür, dass wir uns emotional miteinander verbinden. Fehlt die Liebe, verkümmern Kinder. Sie haben daher ein außerordentlich hohes Bindungsbedürfnis, das dafür sorgt, dass sie ihren Eltern in den ersten Jahren kaum von der Seite weichen. Neben Liebe ist aber auch Zeit ein wesentlicher Faktor. Gemeinsam verbrachte Zeit ist das Kostbarste, was wir Kindern geben können.

Die Liebe sollte nicht romantisiert werden - auch Konflikte und Grenzen sind ein Bestandteil davon. Die Liebe auf Positives zu reduzieren würde unseren Kindern signalisieren, dass wir sie nur dann lieben, wenn sie sich so verhalten, wie wir uns das wünschen. Stattdessen sollten wir Kinder annehmen, wie sie sind. Es geht außerdem um die Frage, ob es ein Zuviel an Liebe gibt und wo die Grenze zur Überbehütung ist. Es wird außerdem deutlich gemacht, dass die Liebe zum Kind selbstlos sein muss, da andernfalls eine nicht erfüllte Erwartungshaltung zu Enttäuschungen führt.

Auch das Thema "Nein!" aus Liebe wird eingehend betrachtet, denn etwas nicht zuzulassen ist für manche schwieriger, als keine Grenzen zu setzen. Es geht dabei nicht um Härte, Macht und Prinzipien, sondern Bedürfnisse von anderen, Schutz und das Aushalten von negativen Gefühlen.

In einem Kapitel wird beleuchtet, wie unterschiedlich die Familienmitglieder lieben und warum das auch gut so ist. Interessant fand ich vor allem den Gedanken, dass wir viele Liebesbekundungen unserer Kinder nicht als solche wahrnehmen - bspw. wenn sie in der Kita weinen, weil sie sich nicht von uns trennen wollen oder sich in Gesellschaft gut benehmen und dann schlechte Laune bekommen, wenn sie mit uns alleine sind (weil die Anspannung abfällt).

Auch die Liebe zu uns selbst und zu unserem Partner ist von hoher Bedeutung - wenn diese fehlt, dann ist es relativ schwer, ein authentisch liebendes Umfeld zu schaffen. Wichtig ist außerdem, die Ansprüche an sich selbst so zu gestalten, dass sie erfüllbar bleiben und dem Erwartungsdruck des Umfeldes keine allzu große Beachtung zu schenken.
Kristallkugel mit Händen umgeben

Ein weiteres Kapitel behandelt speziell die Liebe von Vätern. Unter anderem wird thematisiert, worin sich diese von der mütterlichen Liebe unterscheidet, warum gerade sie für Kinder auch außerordentlich wichtig ist und warum sich Väter besonders unter Druck setzen, zu lieben. Auch über unterschiedlich ausgeprägte Liebe zu Geschwistern wird kurz geschrieben.

Die elterliche Liebe wandelt sich im Laufe der Zeit - dass man Neugeborene noch nicht verwöhnen kann, wenn man sie mit Zuwendungsbekundungen quasi überschüttet, ist nachvollziehbar. Das Bedürfnis wahrgenommen und gesehen zu werden, wandelt sich jedoch im Laufe der Zeit, zunehmend spielen Rückhalt, Mitfühlen und Aufmerksamkeit immer differenziertere Rollen.

Ein Kapitel widmet sich am Ende des Theorieteils abschließend den Besonderheiten verschiedener Familienmodelle - von der klassischen Mutter-Vater-Kind(er)-Familie über gleichgeschlechtliche Regenbogenfamilien, Patchworkfamilien hin zur Alleinerzieher-Familie. 

Teil 2 - Zusammen Halt schaffen: zwölf Familienanker


Im zweiten Teil des Buches gibt konkrete Gebrauchsanweisungen, um die Familienliebe zu stärken.

Das erste Kapitel beschäftigt sich damit, wie man die Beziehungen untereinander nicht aus den Augen verliert. Dazu kann man immer wieder neu und aktiv entschließen, dass man sich gegenseitig Liebe zeigt. Es geht außerdem darum, wie sich kindliche Ängste überwinden lassen.

Vertrauen ist eine Bindungskraft, die für Kinder essentiell ist. Die Autoren regen an, Kinder durch Vertrauen, Achtung und Anerkennung wertzuschätzen. Thematisiert wird außerdem, wie man mit Vertrauensbrüchen umgeht und wie Eltern das Vertrauen ihrer Kinder in sie stärken. Passend dazu wird die Technik des Tonglen erklärt, welche in schwierigen Situationen die Grundstimmung entspannen kann.

In einem weiteren Kapitel geht es um familiäre Werte und Leitideen, in einem anderen um Wahrheit und Wahrhaftigkeit und darum, wie man Kritik respektvoll formulieren kann. Für Kinder ist bedingungslose Liebe von großer Bedeutung - sie spüren die elterliche Enttäuschung sehr feinfühlig. Daher ist es wichtig, sich intensiv damit auseinander zu setzen, wenn sich das Kind anders entwickelt, als man sich das gewünscht oder es erwartet hat.
Familie mit drei Kindern 
Das Kapitel "Kinder haben Bedürfnisse - Eltern auch" greift auf, dass auch die elterlichen Bedürfnisse nicht vernachlässigt werden dürfen. Außerdem beschäftigt es sich mit der Konsum- und Wohlstandsfalle und zeigt, wie die Werbung uns manipuliert. Es wird angeregt, den eigenen Konsum zu überdenken, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das materielle Übermaß zu kürzen.

Anschließend geht es um Regeln im Familienleben und die Freiheit der Einzelnen. Um möglichst hohe Selbstbestimmung zu erreichen, ist es erforderlich, Vereinbarungen zu treffen und Regeln aufzustellen, welche Halt geben. Freiheit kann nur in einem stabilen Rahmen gelebt werden - diesen benötigen Kinder zudem zur Orientierung. In diesem Kapitel werden auch die Themen Liebesentzug und Konsequenzen beleuchtet.

Wie man eine möglichst friedliche Umgebung schafft und Konflikte so löst, dass alle Beteiligten zufrieden sind, das ist Thema des Kapitels "Familie als Friedensort". Das nachfolgende Kapitel beschäftigt sich mit Spiritualität und Zweckfreiheit. Was etwas esotherisch klingt ist jedoch die Beschäftigung mit der Frage, welche Ziele wir für unsere Kinder haben und ob diese Zweckorientierung sinnvoll ist.

Auch die Wichtigkeit von Gelasseheit wird thematisiert. Diese erlangt man, wenn man Perfektionismus die rote Karte zeigt und die eigene Familie möglichst nicht mit anderen vergleicht. Im Vordergrund sollte vielmehr stehen, im Hier und Jetzt die Zeit zu genießen.

Ebenso wichtig ist Unvollkommenheit - aus Fehlern lernt man und Kinder können beobachten, wie Eltern mit ihren Fehlern umgehen. Das erweitert den Horizont und macht deutlich, dass es in Ordnung ist, wenn mal etwas schief geht. Das bringt Entspannung und Gelassenheit und mindert den Erwartungsdruck.

Das letzte Kapitel heißt "Familie macht Spaß" und ermutigt uns, es unseren Kindern gleich zu tun, in dem wir einfach Spaß haben bei dem was wir tun. Abschließend gibt es ein paar Anregungen, wie man wieder häufiger gemeinsam lachen kann.

Das Buch ist wirklich rundum gelungen und führt dem Leser vor Augen, was im Zusammenleben mit Kindern wirklich wichtig ist. Es enthält jede Menge Anregungen, wie man im Alltag die Familienliebe immer wieder stärken kann.  

Verlosung


Der BELTZ-Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt. Dieses möchten wir an Euch verlosen - wer gewinnen möchte, schreibt einen Kommentar mit seiner E-Mail-Adresse unter diesen Artikel (bitte ersetzt das @-Zeichen durch ein anderes Sonderzeichen, damit ihr nicht zugespammt werdet). Die Verlosung erfolgt am 09.02.2016. Viel Glück!

Wer das Buch kaufen möchte, unterstützt unseren Blog, wenn er es über diesen Link tut :-).

© Danielle

Zehn Dinge, die Dein Familienleben nachhaltig entspannen



Hab Vertrauen in Dein Kind


Spätestens in der Krabbelgruppe geht das Vergleichen los - ob man es will oder nicht, man beginnt zu grübeln, wenn die Entwicklung des eigenen Kindes von der (vermeintlichen) Norm abweicht. Es gibt viele Bereiche, in denen die Streubreite der normalen kindlichen Entwicklung so groß ist, dass eigentlich jedes Kind irgendwann bei irgendetwas "nicht in der Norm" ist. Sei es das Schlafen, die Motorik, die Größe, das Essen, das Trotzen, das Gewicht, das Sauberwerden...

Bei den meisten Müttern beginnt dann unwillkürlich das Gedankenkarussell: Ist das normal? Was ist normal? Soll ich zum Arzt? Er isst so wenig! Er isst so viel! Sie schläft so schlecht! Er schläft so viel! Er hört gar nicht! Mein Kind beißt! Das ist doch nicht normal! Warum will sie nicht teilen? Sie lügt! Schon so früh! Warum braucht er für das große Geschäft noch eine Windel? Warum mag sie kein Gemüse? Wenn er doch endlich allein schlafen würde! Jede Nacht wird er wach, das kann doch nicht normal sein...

Es steigert die Lebensqualität enorm, wenn man diese Gedanken rigoros abschaltet. Man sollte sich bewusst machen: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kind vollkommen normal entwickelt, liegt bei über 99 %. Und selbst wenn es sich nicht "normal" - also außerhalb der üblichen Entwicklungspanne - entwickelt: dann wird man das ganz sicher früher oder später merken. Wirklich! Daher sollte man sein Kind einfach so annehmen, wie es ist. Jedes Kind ist anders, jedes Kind entwickelt sich anders.

Und wenn man sich wirklich Gedanken macht, die einen zermürben, dann sollte man immer den Kinderarzt oder andere Spezialisten befragen, Grübeln bringt einen nicht weiter! 

Vertraue darauf, dass alles gut ist und quäle Dich nicht mit Mutmaßungen. 

Unterstütze Dein Kind... wenn es das fordert


Es ist für Kinder unglaublich frustrierend zu erleben, was sie alles nicht können. Noch viel frustrierender ist es, wenn wir ihnen sagen: "Das kannst du noch nicht!" Kinder haben ein natürliches Autonomiebestreben - sie werden von sich aus Dinge immer und immer wieder ausprobieren, bis sie endlich gelingen. Je jünger das Kind ist, desto mehr Zeit braucht es, für "Selber machen!" Bemühe Dich, vor allem im Alter zwischen einem und drei Jahren immer Extrazeit dafür einzuplanen. Du wirst sie so oder so brauchen - denn ein Kind, das gegen seinen "Selbermachenwollen!" angezogen wird, wird die gesparte Zeit in vielen Fällen hinterher durch Wüten ausfüllen. 

Es kommt recht häufig vor, dass Kinder - wenn sie dann bestimmte Dinge endlich können - plötzlich verstärkt wieder Hilfe dabei einfordern. Die Angst vor dem Verwöhnen oder davor, dass die Kinder dadurch wieder unselbständiger werden könnten, hält viele Erwachsene davon ab, ihnen zu helfen. Häufig endet die Situation dann in einem Machtkampf - der viel länger dauert und viel mehr Nerven kostet, als wenn man einfach schnell geholfen hätte.

Für Kinder ist Hilfe aktive Zuwendung und Aufmerksamkeit - für einige ist sie sogar die wichtigste Form davon. Wenn wir die Hilfe ablehnen, fühlen sie sich als Person abgelehnt - das macht sie traurig und wütend. Sie haben Angst, die elterliche Liebe zu verlieren und fordern immer wieder noch vehementer Unterstützung. Das führt nicht selten dazu, dass Eltern das Gefühl bekommen: das Kind kann ja gar nichts mehr! Um die vermeintlich vollständig schwindende Selbständigkeit zu retten, fordern sie noch stärker das Selbermachen, das Kind kämpft noch verzweifelter um Unterstützung - so eskaliert die Situation zunehmend.

Sieh den Wunsch nach Unterstützung als Bedürfnis nach Zuwendung, nicht als Machtkampf. Dein Kind wird ganz sicher trotzdem selbständig. 

Lass Dein Kind wütend sein! 


Kinder trotzen nicht aus Berechnung oder um uns zu ärgern - sie sind vollkommen überflutet von Emotionen, die sie noch nicht allein regulieren können. Es ist für uns Eltern enorm schwierig, Wutanfälle unserer Kinder auszuhalten. Einerseits weil wir uns so hilflos fühlen, andererseits stresst uns das Umfeld mit seinen Blicken und Kommentaren. Viele Eltern fürchten, dass das Trotzen ein Zeichen ihres Erziehungsversagens sein könnte. Sie denken, dass normal entwickelte Kinder ein solches Verhalten nicht zeigen und geben sich die Schuld daran, dass ihr Kind so emotional überreagiert.

Dabei ist dieses Verhalten vollkommen normal und sollte von uns auch als genau das betrachtet werden. Wenn wir uns von dem Wunsch lösen, Trotzanfälle möglichst schnell beenden zu wollen und sie stattdessen als wichtigen Entwicklungsschritt betrachten, den wir mit liebevollem Zuspruch und durch unsere Zuwendung unterstützen, wird uns das deutlich weniger stressen. Wie man Kinder erreicht, wie wirklich wütend sind, kannst Du bei uns in einem ausführlichen Artikel über die Autonomiephase lesen.
Wichtig ist es, den Kindern nicht das Gefühl zu geben, dass ihr Verhalten falsch ist, sondern sie und ihre Wut anzunehmen - nicht selten verursacht nämlich die Bestrebung, das Wüten um jeden Preis zu beenden, noch intensivere Gefühlsausbrüche. Kinder dürfen wütend sein - unsere Aufgabe ist es, ihnen altersgerecht Wutbewältigungsstrategien beizubringen.

Wenn wir uns bewusst machen, dass Wutanfälle ein vollkommen normaler Schritt der kindlichen Entwicklung sind und im Grunde jedes Kind in diesem Alter dieses Verhalten zeigt, fällt es uns leichter, Gelassenheit zu bewahren. 

Hör auf, ständig zu ermahnen 


"Pass auf!", "Achtung!" oder "Vorsicht!" sind Wörter, die Kinder unglaublich oft hören - und die in den wenigsten Fällen wirklich sinnvoll sind. Natürlich sollte man ein Kind immer warnen, wenn es sich ganz offensichtlich in eine Gefahrensituation begibt - "STOOOOP!! Da kommt ein Auto!" ist am Straßenrand lebenswichtig. Nur - wie erreicht man am ehesten, dass das Kind in solchen Fällen auch tatsächlich stehen bleibt? Die Signalwirkung von Warnungen bleibt vor allem dann erhalten, wenn sie nur dann ausgesprochen werden, wenn erkennbar eine Gefahr besteht.

Wenn das Kind hingegen den ganzen Tag hört "Kletter nicht so hoch!", "Vorsicht, gleich verkippt die Milch!" oder "Pass auf, stoß dich nicht!", dann verknüpft es Warnungen einfach nicht mit wirklich gefährlichen Situationen. Da in 80 % der Fälle nichts passiert und in nahezu allen Fällen, in denen dann doch mal was passiert, vorher nicht gewarnt wurde, nimmt das Kind Warnungen bald nicht mehr ernst. Außerdem: Ständige Ermahnungen enthalten für das Kind die unterschwellige Botschaft: "Ich traue dir nicht zu, auf Dich selbst achtzugeben" - das erzeugt langfristig großen Verdruss und wirkt sich auf das Selbstbewusstsein aus.

Am Wochenende erst sagte ich zu meinem Kind: "Vorsicht, die Herdplatte ist heiß!" (wie schon gefühlt hundertmal zuvor) - als ich ihr den Rücken zudrehte, legte sie absichtlich den Handrücken auf den Herd und verbrannte sich die Finger. Ich fragte sie ganz entgeistert, warum sie das trotz meiner ausdrücklichen Warnung getan hätte. Ihre Antwort war: "Ich wollte mal wissen, wie heiß die Herdplatten denn wirklich ist". Herrje! Jetzt weiß sie es - und was haben meine Ermahnungen genutzt? Künftig wird sie nun auch ohne meine ständigen Warnung achtgeben.

Man kann sich ohne weiteres darauf beschränken, vor lebensgefährlichen Gefahren zu warnen, das spart viel Zeit, Nerven und Frustration. 

Überdenke Eure Grenzen 


Wir alle kennen Kinder, die sich schlecht benehmen. Sie hören nicht darauf, was ihre Eltern sagen, sie tun, was sie wollen, sie ärgern andere Kinder und tun ihnen weh. Häufig wirken die Eltern solcher Kinder desinteressiert - sie lassen die Kinder gewähren, ohne groß einzugreifen. "Diese Kinder bräuchten viel mehr Grenzen!" wird dann schnell gerufen.

Leider ziehen viele Eltern für sich den Schluss: "Meinem Kind muss ich unbedingt feste Grenzen setzen, damit es sich nicht auch so schlecht benimmt". Dabei sind die meisten "ungezogenen" Kinder nicht so geworden, weil die Eltern sie grenzenlos gewähren ließen - das Desinteresse ist vielmehr ein Ausdruck der Resignation - sie haben den Kontakt zum Kind fast vollständig verloren. Sie haben vermutlich durchaus versucht, ihre Kinder "richtig" zu erziehen und starre Grenzen. Ständige Konsequenz und prompte Konsequenzen haben diese Kinder irgendwann so frustriert, dass sie sich zunehmend machtlos, erpresst und hilflos fühlten. Das schlechte Benehmen ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit, der - wenn das Bedürfnis nicht erfüllt wird - in einer immer weiter eskalierenden Spirale enden kann.

Kinder brauchen keine (künstlichen) Grenzen - sie brauchen Menschen, die authentisch mit ihnen in Beziehung treten, sie ernst nehmen und die versuchen, alle Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen. 

Sag "Ja!" satt "Nein!" 


"Nein!" ist das Wort, das Kinder vermutlich am häufigsten in ihrer Kindheit hören - wir signalisieren damit Grenzen. Zähle mal bewusst mit, wie oft Du am Tag "Nein!" sagst. Achte dabei darauf, wie häufig Dein Kind überhaupt sofort auf das "Nein!" hört. Das Ergebnis ist in den meisten Fällen frustrierend. Durch die häufige Verwendung hat sich das Wort abgenutzt und seine Signalwirkung verloren - eine gewisse Muttertaubheit hat sich eingestellt.

Wenn Du Deine Grenzen überdenkst, versuch es doch einfach mal für ein paar Tage mit ganz vielen "Ja!"s - und schau, was passiert. Frag Dich dabei immer, ob Du etwas tatsächlich verbieten musst oder ob es nur Deiner Bequemlichkeit dient (weil Du bspw. keine Lust hast, möglicherweise verschüttetes Wasser aufzuwischen) oder nur aus Prinzip gesagt wird, weil "man das eben so macht". Meistens dauert es viel länger, ein "Nein" zu diskutieren und die nachfolgend Frustration zu verarbeiten, als einfach "Ja!" zu sagen, wenn eigentlich nichts dagegen spricht. Und Du wirst feststellen, dass Du die Frage "Warum eigentlich nicht?" häufig nur schwer beantworten kannst.

Du brauchst dabei keine Angst zu haben, Dein Kind zu verziehen - es lernt dadurch zu kooperieren und wird wahrscheinlich auch zu Dir künftig öfter "Ja!" statt "Nein!" sagen.

Das Überdenken von Grenzen wird nicht das Benehmen verschlechtern, sondern die Kooperationsbereitschaft erhöhen. 

Lass Euch Zeit 


Lienhard Valentin (der das wunderbare Buch "Mit Kindern neue Wege gehen" geschrieben hat), sagte einmal, dass das, was wir für die Erziehung brauchen, drei Dinge seien: "eine Tasse voll Wissen, ein Fass voll Liebe und ein Ozean voll Geduld".  Kinder leben im Hier und Jetzt - nichts ist spannender, als die Blume am Wegesrand oder die Pfütze auf dem Weg zur Kita. Das Konstrukt von Zeit und die daraus resultierende Eile sind ihnen völlig unbekannt, sie leben einfach in den Tag hinein. Das Bedürfnis nach freier Zeiteinteilung kollidiert häufig mit dem unsrigen, pünktlich auf Arbeit zu sei, das Abendbrot auf den Tisch zu stellen oder beim Arzt zu erscheinen.

Ganz viele Konflikte haben ihren Ursprung darin, dass Kinder aus dem, was sie gerade tun, regelrecht heraus gerissen werden. Wenn wir Kinder bei dem, was sie tun, unterbrechen müssen, dann sollten wir das immer ankündigen - möglichst in mehreren Stufen. "Noch fünf Minuten, noch drei, noch eine Minute" sorgt dafür, dass sie sich innerlich für den Abbruch wappnen können. Sie werden manchmal auch noch eine Minute nachverhandeln - wenn das möglich ist, sollten wir ihnen diese -  wenn es geht - geben.

Wenn Kinder merken, dass wir uns bemühen, sie so oft wie möglich gewähren zu lassen, werden sie das in den meisten Fällen honorieren, indem sie nicht trödeln, wenn wir es wirklich eilig haben. Stress und Hektik sind ansteckend und frustrieren alle Beteiligten. Es gibt Weniges, das wirklich so wichtig ist, dass es nicht auch ein paar Minuten warten könnte.

Sowohl zur Entschleunigung des Alltags als auch zur Konfliktminimierung sollte man möglichst immer so viel Zeit planen, dass man einen ausreichenden Puffer hat und sich immer wieder kritisch fragen: Ist es wirklich notwendig, dass ich so drängele?

Warte ab


Nicht nur das Zeit lassen, sondern auch das Abwarten führt häufig zu einem deutlich entspannteren Familienleben. Wir Eltern neigen dazu, zu schnell regulierend einzugreifen. Ich erzähle dazu immer gerne folgende Geschichte von meinem damals 2-jährigen Sohn:

Wir planten, mit dem Auto wegzufahren. Mein Kind wartete schon draußen und spielte ganz vertieft mit einen Stock im Garten vor dem Haus. Als wir los wollten, sagte ich zu ihm: "So Schatz, wir wollen los. Leg den Stock bitte hin!" Er lachte mich an und rannte weg in den hinteren Garten. Ich rief ihm hinterher: "Leg den Stock bitte weg, Du kannst ja weiter damit spielen, wenn wir wieder kommen!" Er rannte einfach weiter. Mein Mann meinte: "Ach schnapp ihn dir einfach, er macht sich doch ganz offensichtlich einen Spaß draus!" Ich sagte: "Warte mal noch eine Minute ab, mal sehen, was er tut". Und was tat er? Er brachte den Stock zur hintersten Grundstücksgrenze und warf ihn über den Zaun. Er hatte oft beobachtet, wie ich Gartenschnittabfälle hinüber warf (es ist ein leerstehendes Grundstück, das ich zu kaufen beabsichtige ;-) und er hatte mir dabei schon oft begeistert geholfen. Danach kam er zurück und freute sich: "Hab ich den Stock weggelegt!" Er stieg ohne jede weitere Diskussion glücklich ins Auto ein. 

Hätte ich gedroht: "Wenn du nicht sofort kommst, dann setze ich dich ins Auto!" oder wenn ich ihn einfach geschnappt hätte, dann hätte er die Welt nicht mehr verstanden  - schließlich wollte er genau das tun, was ich gesagt hatte - nämlich den Stock "weglegen"! Er wäre vermutlich (zurecht) ärgerlich geworden und hätte ein großes Drama gemacht. 

Wir greifen oft zu vorschnell ein - wenn wir öfter einfach mal abwarten, entstehen einige Konflikte erst gar nicht. 

Unterstelle stets gute Absicht


Die eben erzählte Begebenheit zeigt auch, wie wir oft die Absichten unserer Kinder falsch einschätzen. Als mein Sohn lachend wegrannte, war unser erster Gedanke, dass er uns ärgern oder provozieren will (ein typisches Relikt der Erziehung unserer Eltern). Die Vorstellung, dass ihr Kind ihnen "auf der Nase herumtanzt", beunruhigt viele Eltern.

Kognitiv sind kleine Kinder jedoch noch gar nicht in der Lage, bewusst zu provozieren. Denn um das zu tun, müssten sie über die Fähigkeit verfügen, sich in die Gedankenwelt des anderen hineinzuversetzen. Denn nur, wenn sie tatsächlich nachfühlen könnten, was der andere empfindet, wenn sie etwas Bestimmtes tun, dann wäre eine zielgerichtete Provokation möglich. Der Gedankengang: "Wenn ich wegrenne, dann löst das bei Papa Ärger aus" ist erst etwa im Alter von drei bis fünf Jahren möglich.

Unabhängig davon sollte man sich bewusst machen, dass das absichtliche Herbeiführen von Konflikten für Kinder nicht sinnvoll ist. Sie sind von ihren Bindungspersonen vollkommen abhängig und von Natur aus eher kooperativ angelegt, als konfliktfreudig. Sie wollen uns nicht ärgern - meist geht einfach beim Entdecken der Welt irgendwas schief. Lachen uns Kinder dann auch noch frech an, ist das eine Geste, die uns eigentlich eher beschwichtigen als ärgerlich machen soll ("Schau - ich lache - ich bin ganz harmlos!").

Gehe grundsätzlich davon aus, dass hinter dem Verhalten Deines Kindes keine böse Absicht steckt! 

Formuliere Deine Wünsche konkret und in der Ich-Form


Wenn wir möchten, dass unsere Kinder etwas tun, dann sollten wir es ihnen auch sagen. Das klingt zunächst recht simpel, aber der Teufel steckt im Detail, denn Sender und Empfänger kommunizieren oft auf unterschiedlichen Ebenen. Deutlich wird das bspw. bei der Frage "Kannst du das bitte wegräumen?" Erwachsenen ist klar, dass damit nicht die grundsätzliche Fähigkeit zum Wegräumen in Erfahrung gebracht werden soll, sondern diese (rhetorische) Frage mit einer impliziten Aufforderung verbunden ist. Wenn ein Kind also "Ja!" antwortet und dann nichts weiter tut, dann hat es einfach die Frage beantwortet - natürlich kann es das wegräumen - dass es das auch tun soll, hat das Kind gar nicht verstanden. Und wir ärgern uns: "Aber er hat doch ausdrücklich mit "ja" geantwortet, warum macht er nichts?" Wir müssen immer berücksichtigen: Kinder wissen nichts von Rhetorik und Implikation.

Wenn man Kinder um etwas bittet oder zu etwas auffordert, sollte man unbedingt Blickkontakt aufbauen (am besten auf Augenhöhe) - aber nicht erzwingen (z. B. mit "Sieh mich gefälligst an!") Aufforderungen sind am wirksamsten in der Ich-Form. "Ich möchte, dass" ist eine klare Botschaft, verbunden mit einer eindeutigen Handlungsanweisung. Das heißt natürlich nicht, dass unsere Kinder dadurch immer tun werden, was wir ihnen sagen - aber ihnen ist zumindest klar, was wir konkret erwarten.

Auch hier ist Geduld essentiell - ganz viele Kinder reagieren auf Forderungen fast immer mit einem sofortigen "Nein!" - sie meinen damit aber in der Regel nicht "auf keinen Fall", sondern "jetzt gerade nicht". Wenn wir ihnen die Wahl lassen, wann sie etwas tun, werden sie sich deutlich weniger gegängelt fühlen und das Gefühl, frei entscheiden zu dürfen, erhöht ihre Bereitschaft zu Kooperation. Statt "Kannst Du das bitte wegräumen", ist ein "Ich möchte gerne, dass Du das bis zum Abendbrot wegräumst" viel erfolgversprechender. Unter Umständen muss man das Kind zwar noch mal erinnern, aber es wird unserer Aufforderung dennoch bereitwilliger Folge leisten, als wenn wir uns auf einen Machtkampf einlassen. 

Ich-Botschaften vermitteln Kindern klar, was von ihnen gewünscht oder erwartet wird, ohne ihre Integrität anzugreifen. 

Versuch macht klug 


Es kann enorm bereichernd sein, sich immer mal wieder abseits der eingetretenen Pfade umzuschauen und Alternativen auszuprobieren.  Man vergibt sich dadurch rein gar nichts. In vielen, vielen Fällen überrascht das Ergebnis, weil die gehegten Befürchtungen nicht eintreten. Kinder werden nicht wie erwartet frecher, fordernder, fauler oder anstrengender - stattdessen stellt sich in vielen Fällen eine gewisse Grundzufriedenheit ein, die alle Beteiligten viel weniger Nerven, Zeit und Anstrengung kostet. Daher gilt: Versuch macht klug - eine Rückkehr auf die alten Pfade ist ja jederzeit möglich.

© Danielle

Vom Glück des Schenkens und des Beschenkt-Werdens


"Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt"


Ich schenke sehr gern. Nicht nur zu Weihnachten - ich schenke einfach insgesamt wirklich gern.

Es macht mich glücklich, anderen Menschen durch ein wenig Aufmerksamkeit meinerseits Freude zu bringen. Das war schon immer so, doch seit ich Kinder habe, hat sich das noch einmal vervielfacht. Mit der Geburt meiner Töchter vor fünf Jahren öffnete sich mein Herz weit und seitdem spüre ich irgendwie, was mein Gegenüber gerade braucht.

Manchmal ist es nur ein Ohr - als ich mich neben eine ältere Dame auf die Parkbank setzte und ihr eine halbe Stunde freundlich zuhörte, bevor ich meine Kinder aus dem Kindergarten abholte. Manchmal ist es nur eine Briefmarke - als ich ein wichtiges Dokument auf dem dreckigen Gehweg fand und es zuhause gesäubert in einen großen Briefumschlag steckte und an den Besitzer schickte.

Dankesbrief

Manchmal ist es ein eiskalter Kaffee - als an einem heißen Sommertag eine Bäckereifachverkäuferin meinen gerade gekauften Iced Vanilla Latte bewunderte und augenzwinkernd meinte, so einen hätte sie jetzt auch gern, ging ich noch einmal zurück in mein Lieblingscafé und kaufte und brachte ihr einen.

Manchmal ist es ein Spielzeug - als einmal in meinem Lieblingsforum eine mir bis dahin eher unbekannte, aber durchaus sympathische Userin fragte, welche Puppe wir für ihren Sohn empfehlen würden, schickte ich ihr ein Paket mit einer wunderschönen Babypuppe. Ich hatte sie ein paar Monate vorher auf dem Flohmarkt für wenig Geld gefunden und mich spontan verliebt. Meine Töchter hatten aber schon Babypuppen, also wollte ich sie eigentlich nicht kaufen. Irgendetwas in mir sagte mir aber, dass ich sie noch brauchen werde - ich nahm sie also und legte sie beiseite, für einen besonderen Anlass. Als nun diese Userin nach einer Puppe fragte, wusste ich sofort - das ist die Familie, in die der kleine Puppen-"Peter" ziehen wird.

Manchmal ist es ein Brief. Als mir vor vielen Jahren eine Kollegin erzählte, dass ihr zehnjähriger Sohn einen Brief für Professor Dumbledore auf dem Fensterbrett hinterlassen hatte, in der Hoffnung, auch in die Zauberschule Hogwarts aufgenommen zu werden, kaufte ich grüne Tinte und schrieb ihm als "Dumbledore" einen liebevollen Antwort-Brief. Zusammen mit einer rot-goldenen Phoenixfeder legte seine Mama meinen Brief in der Nacht auf das Fensterbrett. Ihr hättet seine erstaunten Augen sehen sollen!

Manchmal ist es eine kleine Notlüge, mit der ich helfe. Als ich einmal in meinem Lieblingscafé saß, bemerkte ich, dass eine hübsche Postfrau auf dem Fahrrad von einem alten Mann freundlich angesprochen wurde. Ich kannte den Mann. Er wohnt über dem Café und ist einsam. Er kommt jeden Tag herunter und schafft es mühelos, fremde Menschen in ein Gespräch zu verwickeln. Auch ich hatte schon mehrmals mit ihm geredet - er ist eloquent und unterhaltsam. Der Haken an der Sache ist, dass er kein Ende findet. Irgendwie schafft er es, Gespräche so zu gestalten, dass sein Gegenüber keinen Ausstieg findet, ohne unhöflich und abrupt zu wirken. Wirklich nicht. Ich habe es versucht. Man bleibt entweder mehrere Stunden bei ihm kleben, oder man muss sich rüde losreißen.

Jedenfalls beobachtete ich aus dem Fenster heraus, wie er die junge Postfrau anquatschte und diese freundlich antwortete. Sie war schon halb auf ihrem Rad, da fragte er sie noch etwas. Sie stieg also ab, um seine Frage zu beantworten. Ich überlegte, ob sie nicht eigentlich schnell weiter müsste, weil sie doch Briefe austragen musste, aber dann wurde ich abgelenkt und beachtete die beiden nicht mehr.

Nach einer halben Stunde schaute ich wieder aus dem Fenster - und beide standen immer noch da. Ich versuchte, anhand ihrer Körpersprache herauszufinden, ob ihr das Gespräch noch angenehm war, wurde aber nicht aus ihr schlau. Zwar lehnte sie sich mehrmals zurück und schaute auch über seine Schulter hinweg zu ihren noch bevorstehenden Arbeitsweg, dann aber beugte sie sich ihm wieder offen entgegen und schaute ihm beim Reden in die Augen. Sollte ich einschreiten, oder nicht? Ich wartete noch eine  Viertelstunde und war immer noch unsicher. Dann aber lehnte sie sich eindeutig von ihm weg und verschränkte, während er sprach, die Arme vor der Brust - das war mein Zeichen, denn diese unbewusste Geste drückt den Wunsch nach Distanz aus.

Ich ging also schnell aus dem Café heraus und auf die beiden zu. Sie sahen mich nicht kommen, weil sie ins Gespräch vertieft waren, deshalb begann schon von weitem mit der Postfrau zu zetern: "Hier bist du! Mensch! Wir warten alle schon auf dich! Weißt du wie sauer der Chef mit dir ist?! Willst du gefeuert werden, oder was? Deine Runde hättest du schon vor 30 Minuten beenden müssen!"

Wohlgemerkt, ich kannte die Postfrau gar nicht, sie war mir völlig fremd. Dementsprechend entgeistert schaute sie mich an. Ihr Blick war voller Fragezeichen. Ich neigte meinen Kopf leicht in Richtung ihres Gesprächspartners, guckte ihr bedeutungsvoll in die Augen und fragte eindringlich: "Oder willst du dieses Gespräch hier noch weiter führen?" Da fiel bei ihr der Groschen. Ich war ihr Ausweg! Schnell sagte sie zu mir "Nein, nein, ich will das Gespräch nicht beenden." und entschuldigend zu ihm: "Ich muss jetzt wirklich los, sie hören ja..." Wir verabschiedeten uns gemeinsam von ihm und liefen zusammen los. Sie bedankte sich grinsend, ich zwinkerte ihr zu, dann fuhr sie los und ich ging zurück ins Cafè. Meine kleine Intervention hatte ihr geholfen, sich freundlich von ihm loszueisen, und ihr vielleicht tatsächlich den Job gerettet. Wer weiß?

Manchmal gebe ich Geld, um zu helfen. Vor meinem Café auf einer Bank sitzen das ganze Jahr lang eine Gruppe Obdachloser, trinken und unterhalten sich. Sie sind dabei ausgesucht höflich mit ihren Mitmenschen. Ab und zu kommen sie ins Café und gehen auf die Toilette.

Nach einer Weile fingen wir an, uns zu grüßen, weil ich auch jeden Tag dort bin, an meinem Fensterplatz stehe und schreibe. Einer der Männer hatte nur einen Schuh. Das war im Sommer kein Problem, aber als es erst Herbst und dann Winter wurde, machte ich mir Sorgen um ihn. Er wickelte den schuhlosen Fuß in Zeitungspapier und saß auf der Bank und trotzte der Kälte. Ich kaufte eine Runde heißen Kaffee und brachte ihn zur Gruppe raus. Dabei kamen wir ins Gespräch, ich hörte mir die Lebensgeschichten der Männer an. Irgendwann zeigte ich auf den schuhlosen Fuß und sagte, das könne nicht so bleiben. Er zuckte mit den Schultern. Das geht schon. Danke für den heißen Kaffee! Die anderen Männer spielten verzückt mit meinem Sohn, der sich quietschend an ihrer Bank festhielt. Mir wurde kalt, ich nahm den Kleinen wieder mit hinein ins warme Café, doch der fehlende Schuh lies mir keine Ruhe. Dann fasste ich einen Entschluss- ich würde dem Mann da draußen ein Weihnachtsgeschenk machen. Nicht einmal 10 Minuten später steckte ich ihm ein Bündel Geld zu. "Kauf dir Winterstiefel!", sagte ich eindringlich.

Diese Geschichte könnte hier zu Ende sein, doch sie hielt für mich noch eine Lernaufgabe bereit. Als ich "meinem" Obdachlosen das viele Geld gab, war ich zunächst glücklich, weil ich es schön fand, sein ungläubiges Gesicht zu sehen. Dann zweifelte ich an meiner Entscheidung. Würde er das Geld wirklich für Schuhe und nicht für Alkohol ausgeben? Ich wartete jeden Tag im Café auf ihn, aber er kam für zwei Wochen nicht mehr. Ich ärgerte mich. Bestimmt hatte er das Geld versoffen und traute sich mir nicht mehr unter die Augen. Ich wurde immer wütender, dann machte es plötzlich klick. Moment mal! Was er mit dem Geld machte, war doch seine Sache! In dem Moment, in dem ich die Scheine in seine Hand drückte, hatte ich die Verantwortung dafür auf ihn übertragen. Es war jetzt sein Geld, nicht mehr meins, und was er damit machte, ging mich gar nichts mehr an. Er hatte seine Dankbarkeit schon ausgedrückt, als er mir mit Tränen  in den Augen die Hand gedrückt und "das werde ich dir nie vergessen" gemurmelt hatte.

Endlich ließ ich von meinem Besitzanspruch los. Ich entspannte wieder, stand weiter an meinen Fensterplatz und schaute ab und zu hinüber zur Bank, von der aus mir die anderen Obdachlosen zuwinkten. Am nächsten Tag war er wieder da - mit einem dicken paar Stiefel an den Füßen und sechs Dönern für seine Freunde. Er nickte mir im Vorbeigehen zu, ich zwinkerte zurück und schrieb weiter an meinem Artikel.

Wie man in den Wald hineinruft, so....


Ich schenke wirklich sehr, sehr gern. Es drückt für mich Liebe aus. Liebe für alle Menschen, egal, ob sie mir nah stehen oder ob sie mir fremd sind. Manchmal werden aus Fremden dann auch Freunde. Die Userin, deren Sohn ich die Puppe schickte, ist nun eine meiner besten Freundinnen. Der Mann, dessen Dokument ich fand und zurückschickte, schickte mir einen lieben Dankesbrief, der mir den Tag versüßte. Der Sohn, mit dem ich als Professor Dumbledore eine rege Brieffreundschaft pflegte, ist mittlerweile 25. Ich erinnere mich gern an den Zauber der Zeit, als wir uns Briefe schrieben - für mich war das ebenso beglückend, wie für ihn.

Die Bäckereifachangestellte nahm sich, als meine Töchter 3 Jahre alt waren und unbedingt allein Brötchen einkaufen gehen wollten, die Zeit, die sie brauchten, um die Bestellung aufzugeben und das Geld zu sortieren. Sie war so liebevoll bei der Sache, dass meine Kinder heute, mit 5, total gern allein einkaufen gehen und mit allen Kassiererinnen und Kassierern einen freundlichen Schwatz halten. Das ist für mich wie ein Wunder, denn ich hätte in diesem Alter vor lauter Schüchternheit einem fremden Erwachsenen nicht einmal in die Augen geschaut, geschweige denn etwas von ihm gekauft.

Die obdachlosen Männer vor meinem Lieblingscafé wiederum haben es sich zur Aufgabe gemacht, mich und meine Familie zu schützen. Sie haben immer ein Auge auf uns und wenn mal ein fremder Betrunkener uns anpöbelt, oder sich uns in den Weg stellt (das kommt öfter vor, als man sich wünscht), sind sie immer gleich deeskalierend da und übernehmen den Fall. "Mein" Obdachloser war übrigens in den zwei Wochen im Krankenhaus, wo er einen Menschen traf, der ihn an die Hand nahm und mit ihm Behördenformulare ausfüllte. Seitdem hat er eine kleine Sozialwohnung. Er sitzt immer noch tagsüber auf der Bank und er trinkt immer noch zu viel Alkohol, aber in diesem Winter hat er einen warmen Platz zum Schlafen - und seine Freunde auch.

Ich bekomme so viel Liebe zurück von den Menschen um mich herum, dass ich gar nicht anders kann, als glücklich zu sein. Es gibt natürlich auch Momente, in denen ich angenervt bin oder mich über jemanden ärgere, aber meist wird das schnell wieder ausgeglichen durch ein Lächeln oder eine freundliche Geste eines anderen. Seit ich blogge, haben sich diese freundlichen Gesten vervielfacht durch die liebevollen Kommentare, die unsere Leser|innen uns tagtäglich hinterlassen. Jeden Morgen, bevor ich mit dem Schreiben beginne, lese ich zunächst, was ihr uns am Tag zuvor sagen wolltet und lächle dabei. Wie viel Wertschätzung ihr meiner und Danielles Arbeit entgegenbringt! Ich möchte euch vor Freude umarmen und knutschen, ihr tollen, tollen Frauen und Männer!

Doch euer Dankeschön für unsere Arbeit endet nicht bei den Kommentaren. Ihr habt gefragt, wie ihr uns unterstützen könnt und seitdem tröpfelt regelmäßig eure Liebe in unsere Wohnungen. Ihr schickt Bücher und Geld, so dass wir unsere Arbeit fortführen können, obwohl wir doch eigentlich völlige Fremde für euch sind und ihr ganz sicher nicht zu viel Geld zuhause rumliegen habt. Wir danken euch von Herzen für jede eurer Spenden! Danke, dass es euch gibt. Danke, dass ihr uns lest. Danke, dass ihr uns so viel zurück gebt.

Und wenn die Spende nicht anonym kommt, können wir sogar persönlich Danke sagen:

Wir danken also ganz besonders...

Nicole Sch., Svenja L., Christine B., Fanny K., Katharina S., Frauke R., TaoTao, Thomas G., Anja K., Petra B., Miriam R., Alexandra Z., Anna R., Olga Sch., Luzie L., Monika K., Bianca H., Beatrice A. Wolfgang T., Kirsten C, Katharina S., Sarah V., Nadine G., Stephanie D., Katrin P., Alexander K., Monika F. Thomas S., Carsten N., Julia C., Julia H., Julia B., Tobias D., Merle L, Olaf H., Wiebke M., Catherina D., Gerald S., Fabian S., Silke V., Anja R., Verena G., Petra H., Renate V., Claudia Z., Chiara D., Bärbel R., Miriam K., Frauke L., Berit K., Marina R., Jana B., Corinna H.-E., Katarina S., Anke B., Kerstin V., Christina Sch., Maren T., Svenja W., Rita M., Stefanie B., Astrid Sch., Ursula M.-V., Heidi T., Katrin N., Stephanie K., Marina E., Karin D., Manuela P., Liljana P.  und diejenigen, die wir möglicherweise versehendlich an dieser Stelle vergessen haben sollten.

Jahresendpause


Dieses Jahr haben wir viel gearbeitet und gönnen uns nun unsere wohlverdiente, vierwöchige Winterpause. Auf unserer Facebook-Seite werden wir in den nächsten Wochen ein paar Highlights aus den letzen Jahren posten - vielleicht habt Ihr ja Lust, vorbei zu schauen.

Wir wünschen euch wundervolle, stressfreie Weihnachten, einen Guten Rutsch ins Jahr 2016 und jeden Tag jemanden, der euch mit einem Lächeln, einer netten Geste oder einem freundlichen Wort ein bisschen Liebe schenkt und euch glücklich macht.

Eure Snowqueen und Danielle