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Wie man es schafft, dass Kinder mehr kooperieren


Teil 2: Wie wir die Kooperationsbereitschaft (wieder) erhöhen können


Kinder wollen kooperieren. Dieser Satz, so nonchalant von Familientherapeut Jesper Juul in fast jedem seiner Interviews dahingeworfen, bringt uns Eltern nicht selten an den Rand der Verzweiflung. Denn ausgerechnet unsere Kinder scheinen eben nicht kooperieren zu wollen, ja, sie scheinen es sich sogar in den Kopf gesetzt haben, genau das Gegenteil vom dem zu tun, was wir uns wünschen. Da werden Teller vom Tisch gefegt, Spielzeuge gefährlich in der Wohnung umhergeworfen, im dichten Straßenverkehr weggelaufen und sich morgens partout nicht allein angezogen.

Im Teil 1 der Artikelserie habe ich ausführlich dargestellt, welche fünf Punkte dazu führen (können), dass Kinder nicht kooperieren. Im heutigen zweiten Teil möchte ich nun der Frage nachgehen, wie wir es schaffen, den Kooperationswillen unserer Kinder wieder aufleben zu lassen.
Wenn euer Kind noch ein Baby ist, dann ist das leicht - ihr gewöhnt ihm, wie im ersten Artikel beschrieben, die Kooperation einfach nicht ab. Sind eure Kinder, wie meine Töchter, schon größer (meine sind gerade 5 geworden), dann bedarf es etwas mehr Engagement eurerseits.

Kooperationsbemühungen sehen und rückmelden 


Zu diesem Punkt habe ich im ersten Artikel schon viel geschrieben - auch bei älteren Kindern ist sehr wichtig, jede noch so kleine Kooperation zu sehen und kurz zu bestätigen - die Wertschätzung ihrer Bemühungen motiviert sie und macht sie glücklich.

Ihr werdet feststellen, dass es nicht so leicht ist, Kinder quasi beim "Gut-Sein" zu "erwischen", weil unser Gehirn nicht darauf trainiert ist, scheinbar Normales zu registrieren. Nur Abweichungen vom Normalen (also die Situationen, in denen die Kinder sich weigern zu kooperieren) werden gesehen, weil sie für das Gehirn unerwartet und störend sind. Zusätzlich ist es für uns dann schwierig, spontan eine positive, aber nicht lobend-wertende Rückmeldung zu geben.

Eine sehr geschätzte Referendarin von mir holte mich einmal zur Hilfe in ihren Unterricht. Sie hatte einen Schüler, dessen Aufmerksamkeitsspanne nur sehr kurz war und welcher jede Stunde massiv störte. Sie wollte gern das "Catch them at being good" ausprobieren und bat mich, ihr dabei zuzuschauen.

Sie gab dem Jungen ein Arbeitsblatt, über das er sich sofort beugte und mit der ersten Aufgabe begann. Nach etwa einer Minute wurde er unruhig und schaute zu ersten Mal hoch und in der Klasse umher. Dann schaute er wieder auf das Blatt und begann die zweite Aufgabe. Sein Körper wurde immer unruhiger. Während der Arbeit hob sich schon der Po vom Stuhl, trotzdem schrieb er noch. Nach einer weiteren Minute war es dann vorbei: Er sprang auf und hüpfte durch die Klasse zu seinem Freund. In diesem Moment sagte die unglückliche Referendarin zu ihm: "Ich würde dir so gern ein Lob in dein Hausaufgabenheft einschreiben, guck ich habe den Stempel schon hier liegen. Aber dafür musst du an deinem Platz bleiben."

Natürlich ging der Junge nicht zurück an seinen Platz - im Gegenteil, er wurde lauter und streckte ihr die Zunge heraus und war für den Rest der Stunde kaum noch dazu zu bewegen, sich in irgendeiner Weise mit dem Unterrichtsstoff zu beschäftigen. Er hatte also nur knapp 5 Minuten gut gearbeitet und den Rest der Zeit zunehmend massiv gestört. Kein Wunder, dass die junge Lehrerin genervt war.

Kind schreibt in ein HeftIm anschließenden Auswertungsgespräch war die Referendarin sehr frustriert und meinte entschieden, dass das "Catch them at being good" bei ihrem Schüler ja offensichtlich versagt hatte. Ich antwortete: "Frau X, Sie haben es gar nicht angewandt." - "Aber ich habe ihm doch vor der Stunde gesagt, dass er einen Stempel bekommt, wenn er ruhig sitzen bleibt! Und in der Stunde habe ich in noch einmal daran erinnert. Ich wollte ihn wirklich, wirklich gern loben, aber es ging ja gar nicht!"

Euch als aufmerksamen Lesern wird sicherlich aufgefallen sein, dass es sehr wohl angemessene Reaktionen seitens des Schülers gab, die sie hätte dringend rückmelden sollen:
1. Er hatte sofort mit dem Arbeiten begonnen, als sie ihm das Arbeitsblatt gab: Rückmeldung: Kopfnicken in Richtung Schüler und ein freundliches "Du hast sofort begonnen, zu arbeiten." (Beim Kind kommt an: Ich sehe, dass du anstrengungsbereit bist und dich mit der Aufgabe beschäftigst.).
2. Nach einer Minute schaute er auf: Rückmeldung: In seine Blickrichtung stellen und ihm aufmunternd  lächelnd zunicken. (Beim Kind kommt an: Ich sehe, dass du konzentriert arbeitest. Ich freue mich mit dir über deinen Erfolg.)
3. Er schrieb weiter, Po schon angehoben: Rückmeldung: Hand leicht auf die Schulter des Kindes legen: "Ich sehe, dass du weiterarbeitest, obwohl du gern aufstehen möchtest. Du hast jetzt schon zwei Aufgaben geschafft. Reicht deine Kraft noch für Aufgabe 3?" (Beim Kind kommt an: Ich sehe, wie schwer es dir jetzt fällt und dass du bis an deine Grenzen gehst, um zu kooperieren. Entscheide, ob du eine kurze Pause brauchst.)
4. Er sprang auf  und lief in Richtung Freund: Hier kann man im Prinzip keine positive Rückmeldung geben, aber man kann seine Handlung verbalisieren, umlenken und ihn an seinen Erfolg erinnern: "Du scheinst eine Pause zu brauchen? Du hast jetzt 5 Minuten sehr konzentriert gearbeitet und zwei Aufgaben geschafft. Du kannst dich im Nebenraum kurz erholen. Ich bin sicher, danach schaffst du noch zwei Aufgaben!" (Beim Kind kommt an: Ich habe gesehen, wie hart du gearbeitet hast. Ich verstehe, dass du eine Pause brauchst und habe nichts dagegen. Ich glaube an deine Kraft, heute noch mehr Aufgaben zu schaffen, weil ich gesehen habe, mit wie viel gutem Willen du bisher dabei warst.)
Die Referendarin aber war auf diese vielen Kooperationsbemühungen nicht eingegangen, weil sie sie übersehen hatte und reagierte erst beim ersten Fehlverhalten des Kindes. Ihr Satz: "Ich würde dir so gern ein Lob geben, aber..." kam beim Kind natürlich nicht als positive Rückmeldung an, sondern klang nach: "Ich bin so eine liebe Lehrerin und würde dich wirklich gern loben, aber schon wieder schaffst du es nicht, dich soweit zusammenzureißen, dass ich dir den Stempel geben kann." Dass er nach einem solchen Satz nicht gewillt war, weiter zu kooperieren, ist, glaube ich, jedem klar. Er war kein Lob, sondern eine indirekte Rüge.

Natürlich ist das ein Extrembeispiel. Kein normal entwickeltes Kind braucht durchgängig drei positive Rückmeldungen in fünf Minuten. Dieser Junge ist jedoch nicht umsonst an einer Schule für sozial-emotionale Entwicklung - er hat zehn Jahre seines Lebens rückgemeldet bekommen, dass er sich nicht konzentrieren kann, er ein "Störer" ist und war deshalb von zwei Grundschulen geflogen.

Aber auch unsere Kinder profitieren davon, wenn man ihre Anstrengungsbereitschaft und ihren Kooperationswillen bemerkt und ihnen das zeigt. Das "funktioniert" auch gut bei erwachsenen Mitmenschen, wie Kollegen oder der Frau hinterm Postschalter. Versucht es mal - sobald ihr (ohne zu loben) einem anderen Menschen rückmeldet, dass ihr seine kleine freundliche Geste oder sein Entgegenkommen gesehen habt und ihr euch darüber freut, bringt ihr ein Lächeln in den grauen Alltag der Stadt.

Kooperation vorleben 


Eltern vergessen das gern, aber Kooperation bedeutet nicht nur, dass die Kinder daran mitarbeiten, die Ziele im Alltag gemeinsam und ohne Streit zu erreichen, sondern es eben auch von der Seite der Großen Zugeständnisse geben muss. Wenn ich es morgens eilig habe und alle meine drei Kinder ziehen sich in Windeseile an und wir kommen pünktlich los, dann haben sie ganz wunderbar kooperiert. Wir alle haben dann gemeinsam so zusammengearbeitet, dass mein Bedürfnis nach Pünktlichkeit erfüllt wird.

Habe ich es nicht eilig, dann ist es an mir, mich so zurückzunehmen, dass ihre Bedürfnisse am Morgen berücksichtigt werden. Das heißt, ich wecke sie so, dass sie zwar ausgeschlafen sind, aber noch ein wenig Zeit zum Spielen und Chillen haben. Ich richte mich dann nach ihnen, ob sie zuerst Hilfe beim Anziehen und dann beim Zähneputzen benötigen oder anders herum. Mir ist auch ziemlich egal, wo  und wann ich ihre Haare kämme - ob das noch im Bett ist, während sie einem Aufwach-Hörspiel lauschen oder ob das auf dem Kinderzimmerfußboden ist, während sie ein Duplo-Gebäude aufbauen, macht für mich keinen Unterschied. Für sie aber schon. Für sie ist es angenehmer, während des Haarekämmens spielen zu können, als im Bad auf dem Hocker zu sitzen und zum Nichtstun verdonnert zu sein, weil Mama unbedingt dort die Haare bürsten will. Zu unseren Kooperationsbemühungen am Morgen werde ich im Teil 3 der Serie mehr schreiben. Ich werde euch vier exemplarische Morgen bei uns in der Familie tagebuchartig aufschreiben, um aufzuzeigen, wie viel ich kooperiere und wie viel meine Kinder kooperieren.

Ich plane am Morgen auch mindestens zehn Minuten für das Hinunterlaufen der Treppen ein, da ich weiß, dass mein Sohn diese allein laufen will - in dieser Zeit haben die Mädchen die Möglichkeit, unten im Hinterhof mit Kreide zu malen, Blumen zu gießen oder mit Pfeil und Bogen auf eine Zielscheibe zu schießen.

Kind putzt Toilette
Ich lasse ihn im Kindergarten, während ich seine Schwestern in der Garderobe beim Umziehen begleite, im Bad stehen und mit der Klobürste die Toiletten saubermachen - weil er das spannend findet und ich keinen triftigen Grund habe, ihn davon abzuhalten. Wäre mir wichtig, dass er an einem bestimmten Tag sauber und trocken bleibt, würde ich  in Bezug auf das Toilettenspiel nicht kooperieren, aber an 9 von 10 Tagen ist dem nicht so.

Ich stehe auch, nachdem wir seine großen Schwestern im Kindergarten abgegeben haben, noch eine halbe Stunde vor dem Gebäude, weil es dort viele Steinchen gibt, die natürlich Tag für Tag sortiert werden müssen, obwohl ich eigentlich gern schnellstens in mein Lieblingscafé möchte, um mit dem Bloggen zu beginnen. Aber ich kooperiere, denn unsere Kinder lernen durch das Vorleben von Werten am allerbesten. Die Kooperationsbereitschaft wird maßgeblich erhöht, wenn Kinder die Erfahrung machen, dass andere (z.B. ihre Eltern) ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen gegenüber aufgeschlossen sind und diese, solange dabei nicht die Grenzen anderer Familienmitglieder verletzt werden, erfüllt werden.

Kurzer Einschub: Das heißt natürlich nicht, dass man möglichst jeden Wunsch des Kindes erfüllen sollte, damit es kooperiert. Ein Kind, das absolut jeden seiner Wünsche sofort erfüllt bekommt, wird sich für den Mittelpunkt des Universums halten und das Prinzip des Kooperierens nicht verstehen, weil es nie die Wünsche eines anderen berücksichtigen musste. Es ist schädlich für ein Kind, immer alle seine Wünsche erfüllt zu bekommen!

Ebenso schwierig wird es allerdings, wenn die Wünsche und Bedürfnisse eines Kindes kaum eine Rolle im Familienalltag spielen. Bestimmen Mama und Papa fast ausschließlich über die kindlichen Belange, erzeugt das vor allem Frustration. Kinder, die sich machtlos fühlen, sind kaum geneigt, in einer Situation, die Kooperation braucht, von ihren Wünschen Abstand zu nehmen und Kompromisse zu suchen, weil das für sie sonst auch niemand tut.

Der beste Weg, kontinuierlich die Bestrebungen zu Kooperation zu fördern besteht darin, so oft wie möglich "Ja!" zu sagen. Das Kind will Nudeln aus dem Glas statt vom Teller essen? Warum nicht? Das Kind will Winterstiefel im Hochsommer anziehen? Warum nicht? Es will heute auf dem Boden statt im Bett schlafen? Warum nicht! Fräulein Chaos hatte sich einmal ein "Bett" aus Kappla-Steinen gebaut und hat sage und schreibe drei Nächte hintereinander darauf geschlafen. Es sah nicht bequem aus, aber es war ihr Wunsch und es gab keinen Grund, sie davon abzuhalten.

Eine Freundin von mir fragte mich einmal verzweifelt, ob es okay wäre, dass sie ihre dreijährige Tochter beim Abendbrot unterm Tisch sitzen lasse, weil diese das so wolle. Ich fragte sie: "Ja, warum denn nicht?" Meine Freundin sagte, sie hätte Angst, dass sich das einbürgere und das Kind von da ab immer und überall unter dem Tisch essen wolle.

Ich konnte diese Angst natürlich verstehen. Dennoch: Unsere Kinder sehen doch, dass niemand von uns, von ihrer Familie, unter dem Tisch sitzt. Sie mögen ein momentanes Bedürfnis oder den Wunsch haben, unter dem Tisch zu essen (bzw. meine Töchter wollten eine Zeit lang am Tisch stehend essen, nicht auf dem Stuhl sitzen), aber ultimatives Ziel eines jeden Kindes ist, in seine soziale Umgebung zu passen. Der Wunsch nach Individualität kommt erst viel später (in der Pubertät), das heißt, wir können ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass solche Wünsche, wie unter dem Tisch zu sitzen beim Essen, nur eine Phase sind. Ein Ausprobieren von Möglichkeiten. Wir sollten uns diesem Experimentieren nicht aus Angst entgegenstellen, denn es verschwindet von ganz allein und hat keinen negativen Effekt.

Eltern sagen viel zu häufig "Nein" - zwar immer in guter Absicht, aber häufig vom Kind einfach nicht verstanden. Dabei ist es für alle insgesamt viel leichter, die Wünsche unserer Kinder nicht sofort abzulehnen, weil sie uns unsinnig erscheinen, sondern immer erst einmal zu fragen "Warum nicht?" Fallen uns wirklich wichtige Gründe ein, warum bestimmte Dinge nun gerade wirklich nicht gehen, dann ist ein "Nein!" auch vollkommen in Ordnung.

Aber in den aller-, allermeisten Fällen entspringt unsere Ablehnung aus Pauschalurteilen ("Das macht man doch nicht!") oder unserer eigenen Bequemlichkeit.

Mein Sohn möchte zum Beispiel morgens oft gern den Regenschirm mitnehmen. Wir brauchen ihn natürlich nicht - es scheint momentan die Sonne. Aber er liebt den Schirm und ich denke: "Warum nicht!?" Natürlich macht es mir mehr Arbeit - irgendwann muss ich den Schirm nämlich immer tragen. Ich könnte also aus Bequemlichkeit "Nein" sagen, weil es für mich eine Einschränkung bedeutet. Manchmal tue ich das auch, meist dann, wenn ich selbst viel Zeug mitnehmen muss. Aber oft nehmen wir den Schirm einfach mit und er ist glücklich. Wenn wir die Wünsche unserer Kinder aktiv abwägen, lernen sie von uns. Sie schauen sich unsere Grundhaltung des "Warum denn eigentlich nicht?" ab und übernehmen sie häufig.

Zwang vermeiden 


Kooperation fußt immer auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Ein Kind (oder Partner), der nur durch Druck dazu gebracht wird, mitzuarbeiten, kooperiert nicht, sondern gehorcht. Zwang hat, meines Erachtens, in einer guten Beziehung nichts zu suchen. Weder in einer Beziehung zu Kindern, noch in einer Beziehung zum Partner, noch in anderen Beziehungen.
Ich beobachte ab und zu Eltern, die ihre Kleinkinder auf dem Spielplatz sehr gut verbal darauf vorbereiten, dass die Spielzeit gleich vorbei ist und dann ein paar Minuten später ihr Kind hochheben und wegtragen, weil sie losgehen wollen. Selbstverständlich fangen diese Kinder dann (meist) höllisch an zu schreien und zu strampeln. Sie winden sich in den Armen oder werden ganz schlapp und gleiten aalgleich aus den elterlichen Händen. Den ganzen langen Weg hört man das Kind dann meist noch kreischen und zurück zum Spielplatz streben. Obwohl die Erwachsenen das Gehen angekündigt hatten, kooperieren die Kinder kein Stück. Was ist da los?

Ganz klar - die Eltern haben nicht abgewartet und deshalb Zwang ausgeübt. Sie haben das Gehen verbal angekündigt - gut so. Wenn die 5 Minuten dann aber um sind, sollten sie nicht einfach das Baby oder Kleinkind hochheben! Es ist wichtig, den Kindern Gelegenheit zu geben, freiwillig zu kooperieren. Ich stelle mich meist vor mein Kind und sage: "Sohn, ich möchte jetzt losgehen" und strecke ihm meine Arme entgegen. Oft genug reicht das schon und er steht auf und wirft sich in meine Arme.

Kind buddelt im BuddelkastenManchmal ist er aber noch nicht fertig. Vielleicht will er noch einen weiteren Stein in den Eimer legen oder eine Schippe Sand kosten - egal was, er ist noch nicht bereit. Dann wendet er sich ab, und spielt weiter. Ich warte dann kurz, wiederhole nach einer Minute noch einmal, dass ich los möchte. Ich übe aber keinen Druck aus, schon gar nicht sage ich: "Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich allein". Ich warte. Wenn er dann nämlich aufsteht und sich mir zuwendet (und ich habe noch nie länger als 5 Minuten darauf warten müssen), dann gibt es kein Geschrei oder Zappeln in meinen Armen. Er kämpft nicht den ganzen Nachhauseweg mit mir, denn ich habe sein Mitkommen nicht erzwungen.

Dass es manchmal Situationen gibt, in denen es nicht anders geht, als ein Kind grenzüberschreitend hochzunehmen und einfach wegzutragen, ist klar. Ich war einmal im Bus und merkte erst, als die Türen schon auf waren, dass ich eigentlich aussteigen musste. Also schnappte ich mir meinen Sohn, der gerade verträumt am Busfenster stand und rannte nach draußen. Er fand das natürlich nicht so prickelnd und war sauer - klar.

Ich würde ihn auch jederzeit von einer Gefahrenquelle wegreißen, um ihn zu schützen - körperliche Unversehrtheit geht natürlich vor. Jederzeit. Aber ich denke, ihr versteht, was ich meine: Ein Kind mag kein kleiner Erwachsener sein, aber es ist eine eigenständige Persönlichkeit und hat als solche das grundlegende Recht, selbst zu entscheiden, ob es kooperieren möchte oder nicht.
Mal abgesehen von "beschützender Machtausübung" (Ich verbiete dem Kind, Nüsse und Nutella zu essen, weil es eine Nussallergie hat. Ich entscheide, dass das Kind den Kindergarten wechselt, weil das für seine Zukunft wichtig ist. Ich lasse das Kind nicht entscheiden, ob es auf die Straße rennen möchte, oder nicht.) sollten wir versuchen, unser Kind nicht zu Kooperation zu zwingen. Denn je öfter ein Kind kooperieren muss (also eigentlich gehorchen muss), desto stärker wird sein natürlicher Kooperationswillen durch Unwillen überlagert und es werden im Gehirn die "falschen" Nervenbahnen verstärkt.

Zwang vermeiden - aber ist es okay, wenn Kinder dann einfach nicht mitmachen? 


Mir ist bewusst, dass dies der schwierigste Punkt ist - er wirft die Frage auf, ob es ok ist, wenn Kinder einfach nicht mitmachen. Ich muss zugeben, dass es genau diese Frage ist, die mich in Bezug auf meine Töchter gerade am meisten verunsichert. Denn ihnen habe ich die frühkindliche Kooperation leider aus Unwissenheit abgewöhnt. Sie durften nicht immer, wenn sie wollten, im Haushalt mithelfen, einfach auch, weil das für mich Mehrarbeit bedeutete. Nun habe ich den Salat. Sie räumen nicht gern auf und wenn sie in ihrem Zimmer basteln und malen, liegt hinterher alles breit gestreut in der Gegend rum. Oder wenn sie Bonbons essen, werfen sie das Papier manchmal achtlos auf den Boden, statt gleich in den Mülleimer. Argh!!! Das treibt mich in den Wahnsinn!

Was mache ich nun mit ihnen? - Erst einmal nichts. Das hier ist mein Problem, und gar nicht mal so sehr ihres. Ich finde es unschön, wenn ihr Zimmer chaotisch aussieht, sie selbst kommen damit gut zurecht. Sie stört es nicht. Ich erinnere mich, dass mein Zimmer als Kind ebenso unaufgeräumt aussah und das mich das ebenfalls nicht störte. Trotzdem ist aus mir ein halbwegs ordentlicher Mensch geworden. Allerdings räume ich wirklich ungern auf - es macht mir keinen Spaß. Daher bin ich sicher auch nicht das beste Beispiel für meine Kinder.... Ich mische mich also nicht versuche also, mich nicht in das Chaos ihres Zimmers einzumischen (und ja, das fällt mir manchmal schwer). Der Rest der Wohnung liegt in der Verantwortung von uns Erwachsenen. Sollte dort irgendwo ein Bonbonpapier auf dem Boden liegen, bitte ich das entsprechende Kind,  es aufzuheben und wegzuwerfen. Wenn das nicht sofort passiert (was öfter vorkommt), warte ich ab und wiederhole meine Bitte nochmal eine Minute später. Bisher bin ich mit dieser Taktik gut gefahren. Danielle wiederum löst das bei ihren Kindern so, dass sie klar die Aufgabe benennt (Papier aufheben), aber die Kinder entscheiden und sagen lässt, bis wann sie sie erledigt haben wollen (z.B. bis zum Abendbrot). Das klappt wunderbar - eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Zum Thema Aufräumen mit Kindern gibt es übrigens einen gesonderten Artikel bei uns.
Und während ich das schreibe, fallen mir zwei Situationen ein, in denen meine Töchter ihr Zimmer von ganz allein aufräumten. Die eine Situation war kurz vor Weihnachten, die Töchter waren 4,5 Jahre alt und wir hatten den Weihnachtsbaum gerade aufgestellt, aber bis auf die Lichterketten noch nicht geschmückt, weil ich einfach zu kaputt vom Tag war.

geschmückter Weihnachtsbaum
An diesem Abend entschieden sich meine Mädchen kichernd, dass sie nicht im Familienbett einschlafen wollen, sondern allein in ihrem Zimmer (sprich: sie wollten noch spielen). Ich hörte sie bis 23 Uhr rumoren (ohje!), dann ging das Licht aus, und es wurde still. Etwas später ging ich zu ihnen, um sie zu küssen und vielleicht noch einmal zuzudecken. Da sah ich, dass ihr gesamtes Zimmer tiptop aufgeräumt war und sie den Weihnachtsbaum mit selbst gebasteltem Schmuck zuckersüß geschmückt hatten!  Sie hatten sich Stühle zurechtgerückt, um auch an die oberen Äste heranzukommen. Daher kam das Rumoren, das ich gehört hatte. Ich schmolz innerlich dahin, das könnt ihr euch sicher vorstellen.

Die andere Situation war gerade erst vor ein paar Tagen. Auch hier räumten sie ihr Zimmer abends wieder "heimlich" auf, unter dem Vorwand, noch spielen zu wollen, während wir Eltern schon mal duschten und Zähne putzten. Das Zimmer vorher war wirklich ein heilloses Durcheinander und ich war dementsprechend echt überrascht, wie gründlich sie es in der kurzen Zeit aufgeräumt hatten.

Zwang vermeiden - schön und gut, aber das Leben ist nun einmal kein Ponyhof 


Ihr werdet vielleicht einwenden, dass es doch aber wichtig ist, dass ein Kind lernt, sich auch mal zu überwinden, wenn es keine Lust hat. Schließlich ist das Leben kein Ponyhof und in der Schule oder später bei der Arbeit kann es sich auch nicht nur die Sachen rauspicken, die es gern macht.

Meine Antwort darauf ist - stimmt, das Leben ist kein Ponyhof und oft werden sich unsere Kinder in ihrem Leben zu Dingen motivieren müssen, die sie eigentlich doof finden. Die Frage ist - wie bringen wir ihnen das am besten bei? Dass es wichtig ist, sich manchmal zu überwinden, weil es sich ultimativ lohnt?
Es gibt zwei Arten, das Kindern beizubringen. Die erste ist, darauf zu pochen, dass sie mithelfen, auch wenn sie keine Lust haben. Man kann das Ganze verschönern, indem man mithilft und Musik anmacht und ein Aufräumlied singt und das kann tatsächlich auch irgendwie ganz schön sein und manchmal macht das sogar so großen Spaß, dass die Kinder für einen Moment Lust am Aufräumen haben. Das ist dann perfekt.

Aber in der Quintessenz bleibt der Fakt, dass bei dieser Art in 90% der Fälle die innere Motivation fehlt und das Aufräumen so zu einem mehr oder minder unschönen Akt wird, der wieder und wieder durchgeführt werden muss. Dadurch mag ein Kind lernen, dass das Leben kein Ponyhof ist und man im Leben Aufgaben bekommt, die einem keinen Spaß machen und die man trotzdem machen muss. Aber das Ziel, ihm beizubringen, dass es sich lohnt, sich zu überwinden, um etwas Anstrengendes zu meistern, wird nicht erreicht. Eher pflanzt man so eine lebenslange Abneigung gegen Aufräumen.

Die zweite Möglichkeit ist, Zwang zu vermeiden und gutes Vorbild zu sein. Einfach selbst aufzuräumen, die Kinder bitten mitzuhelfen, aber nicht enttäuscht sein, wenn sie es nicht tun (ganz wichtig - eure innere Erwartungshaltung sollte tatsächlich neutral sein). Die Zeit spielt da in eure Hände, denn die Kinder werden immer älter und verständiger. Während meine Kinder mit 3,5 oder 4 Jahren noch meist auf dem Bett lagen und mir beim Aufräumen zuschauten (und ja, ich fand das doof), fassen sie jetzt, mit 5, ganz selbstverständlich mit an und helfen mir freiwillig. Weil sie verstanden haben, dass mir das Aufräumen Mühe bereitet und es schneller geht, wenn sie mithelfen. Weil sie verstanden haben, dass es mir Freude bereitet, wenn sie mithelfen. Weil sie verstanden haben, dass es sich schöner spielt in einem Zimmer, das aufgeräumt ist. Dieses Verstehen war aber ein langer Lernprozess, der eigentlich erst richtig einsetzen konnte, als sie meine Perspektive einnehmen konnten.

Wenn sich unsere Kinder dann überwinden und mithelfen, ist es aus innerer Motivation heraus und es baut sich keine innere Gegenwehr auf. Dann wird das "Sich-Überwinden" und das "Etwas tun, auch wenn man keine Lust hat" verknüpft mit der Freude darüber, dem anderen geholfen zu haben, Teil der Gemeinschaft zu sein und den "Lohn der Arbeit" (das aufgeräumte Zimmer) zu sehen. Langfristig gesehen halte ich das für den lohnenderen Weg, denn dann fällt es ihnen auch in der Schule oder auf der Arbeit leichter, sich für dröges Vokabelpauken zu motivieren - einfach, weil es in ihrem Gehirn positive Verknüpfungen mit dem Sich-Überwinden gibt.

Dieses Warten darauf,  dass bei unseren Kindern der Verstehensprozess einsetzt, ist ein schwerer Weg, weil einem immer wieder von außen eingeredet wird, dass man sich so Kinder heranzieht, die immer den leichteren Weg wählen werden und daher im Leben nicht bestehen können. Es ist schwer, hier seine eigenen Zweifel abzulegen und zu vertrauen. Denn es gibt sie natürlich, die egoistischen Kinder - ich denke, wir haben alle schon welche von dieser Sorte getroffen.

mehrere gebaute SandburgenLetztens saß ich beispielsweise auf dem Spielpatz neben einer Mutter mit ihrem etwa achtjährigen Kind. Der Sohn stand die ganze Zeit neben der Mutter und gab (herrische!) Anweisungen, wie sie seine Sandburg bauen solle. Und die Mutter baute. Eifrig. War dem Jungen etwas nicht genehm, wurde es sogleich wieder eingerissen und neu gebaut. Ich traute meinen Augen nicht, aber es war tatsächlich so. Die erwachsene Frau kniete im Sand und buddelte, während das Kind untätig daneben stand. Da ich nur diese eine Situation zwischen beiden beobachten konnte, weiß ich natürlich nicht, ob der Sohn tatsächlich immer so agiert. Vielleicht war es eine Art Spiel zwischen ihnen. Ich fand es nur wirklich schade, dass hier eine tolle Möglichkeit für Kooperation vergeben wurde : Hätten sie beide gemeinsam gebuddelt und gegenseitig Anweisungen gegeben, was wohin gebaut werden soll, hätte es dem Jungen vermutlich mehr genützt, als sein tatenloses Anweisen. 

Und hier ist der Punkt, an dem der Weg, Zwang zu vermeiden und ein gutes Vorbild zu sein, total schief laufen kann. Aus falsch verstandener Liebe nämlich. Wenn man, weil man Zwang vermeiden möchte, seine eigenen Grenzen nicht mehr klar kommuniziert, sondern diese immer wieder von anderen überschreiten lässt, weil man denkt, das wäre bedingungslose Liebe, dann zieht man in der Tat egoistische, unkooperative Tyrannen heran. Es ist unabdingbar, immer die eigenen Grenzen klar zu kommunizieren und sich nicht aus Angst, die Liebe des eigenen Kindes zu verlieren, immer seinem Willen zu beugen. Sollte eure Grenze also beim Aufräumen liegen, dann solltet ihr in diesem Punkt einen anderen Weg wählen, als ich.  Zu dem wichtigen Unterpunkt "Klar sein" schreibe ich übrigens weiter unten noch mehr.

Zwang vermeiden - vor allem bei persönlichen Bereichen des Kindes 


Ich versuche also weiterhin, Zwang zu vermeiden, vor allem bei Dingen, die ihren eigenen Bereich/ihren eigenen Körper betreffen. Wollen sie keine Jacke anziehen, ziehen sie keine Jacke an. - Ich nehme aber eine mit, falls sie sich umentscheiden. Ich habe sie niemals dazu angehalten, auf Toilette zu gehen, z. B. vorm Losgehen oder in der ersten windelfreien Zeit. - Ich mache sie aber darauf aufmerksam, wenn wir eine lange Zeit mit der Bahn fahren und dort keine Toilette sein wird. Ich mache keine Vorschriften, wie viel ein Kind zu essen hat. - Ich achte aber darauf, dass das Essen, welches ich anbiete, gesund ist.

Es ist nicht so, dass es mir leicht fiel, ihnen von Anfang an diese Autonomie zu geben. Ich hatte im letzten Herbst etliche Kämpfe mit Fräulein Chaos, weil sie unbedingt weiterhin nur in Sandalen und Flatterkleidchen herumlaufen wollte, obwohl es schon empfindlich kalt wurde (hier habe ich ausführlicher darüber geschrieben). Ich hatte irgendwie immer im Hinterkopf, dass ich doch die Mutter sei, die entscheiden müsse, was gut für die Kinder ist.

Mich schlauchten diese Kämpfe aber so - sie störten unser Miteinander und verpesteten jeden Tag die Luft. Bis es endlich bei mir Klick machte. Ich kann gar nicht für sie entscheiden - Mutter hin oder her - weil es nicht mein Körper ist. Ich mag von außen sehen können, dass ihnen kalt ist, ich mag am Grad der schlechten Laune erkennen, dass sie hungrig sind oder an der Blase, dass die Schuhe drücken. Ich mag ihnen ansehen, dass sie pullern müssen. Aber  es ist ihr Körper und sie müssen lernen, all diese Zeichen selbst zu deuten. Sie müssen Eigenverantwortung übernehmen und ich muss ihnen vertrauen. Denn es ist wichtig, dass ein Kind auch mal in die Hose macht, um selbst zu merken, wie viel Fassungsvermögen seine Blase hat und zu erkennen, wann es "zu spät" ist, um es noch auf die Toilette zu schaffen. Es ist wichtig, dass es lernt, dass Schuhe nicht unbedingt die Eiskönigin aufgedruckt haben müssen, sondern zu aller erst einmal gut passen müssen.

Und erst, wenn ihre Entscheidung wirklich frei ist, also auch ohne heimlichen Druck  (z. B. wenn ich sie ohne Jacke gehen lasse, weil ich denke, sie ziehen sie bei der Kälte sowieso bald an und dann aber innerlich sauer werde, wenn sie es nicht tun), ist der Weg frei für die echte Kooperation. Druck - auch heimlicher- verursacht immer Gegendruck. Ich habe das im letzten Jahr am eigenen Kind erfahren. Es ist wirklich immens wichtig, dass ihr, wenn ihr euren Kindern die Wahl lasst, wirklich keine heimliche Agenda im Hinterkopf habt. Gerne lassen Eltern ihre Kinder zum Beispiel im Schlafanzug in den Kindergarten gehen, weil sie hoffen, dass sie dort von den anderen ausgelacht werden. Das ist wirklich ein absolutes No-Go! Man kann aber sein Kind darin unterstützen, im Schlafi in den Kindergarten zu gehen, wenn das der ehrliche Wunsch des Kindes ist. Dann muss man aber hinter der Entscheidung des Kindes stehen und es darin bestärken, seinen Weg zu gehen, auch wenn andere den seltsam finden.

Kind mit Schirm und Gummistiefeln in PfützeIch weiß, was ihr jetzt sagen wollt. ich weiß es, weil ich das vor einem Jahr ebenfalls im Kopf hatte. Ihr möchtet mir entgegnen, dass es ja nicht nur das Kind betrifft, wenn es im Herbst oder Winter keine Jacke anzieht. Denn wenn es dadurch krank wird, dann müsst ihr ja zuhause bleiben und es pflegen. Es ist euer (möglicher) Verdienstausfall und es sind eure Nerven, während das Kind relativ glücklich im Bett liegt, Hustenbonbons lutscht und Heidi guckt. Ja, das stimmt. Daran gibt es nichts zu rütteln - es betrifft auch euch, wenn euer Kind krank wird und deshalb wäre es besser, wenn es sich dem Wetter entsprechend kleiden würde.

Nun kommen meine "Aber" zu diesem Punkt: Erstens ist bei uns noch nie der Fall eingetreten, dass sie krank wurden, weil sie sich falsch kleideten. Ich muss ehrlich zugeben, dass der Instinkt meiner Kinder, was das Wetter angeht, besser ist als mein Aus-dem-Fenster-und-auf-die Wetter-App-Gucken. Denn ich war schon etliche Male zu kalt oder zu warm angezogen (meist zu warm), aber meine Töchter nie. Selbst, wenn es nach Regen aussah und ich in Regenjacke losstiefelte, brach nach spätestens zehn Minuten die Sonne durch und meine Töchter in ihren Kleidchen waren perfekt angezogen, während ich fluchend meine Jacke tragen musste.

Zweitens können Kinder nicht richtig lernen, wie der Zusammenhang zwischen Kleidung, Wetter und Krankheit ist, wenn wir ihnen andauernd vorgeben, was sie anzuziehen haben. Wenn ihnen nie zu kalt ist - wie sollen sie dann die Notwendigkeit einer Jacke erkennen? Erst, wenn sie selbst verstanden haben, dass eine Jacke vor Kälte und ultimativ vor Krankheit schützt, werden sie sie freiwillig und ohne Zwang anziehen - und ihr müsst nicht mehr wegen kranker Kinder zuhause bleiben. Das bedeutet aber, dass sie das Ganze erst einmal mindestens einmal durchmachen müssen. Sie diesen Zusammenhang lernen zu lassen ist jedoch meines Erachtens einfacher, als jeden Tag darum zu kämpfen, dass sie sich ordentlich anziehen.

Kindern Zeit lassen 


Ich konnte einmal beobachten, wie ein (mir bekannter) viereinhalbjähriger Junge seinem Freund aus Quatsch auf dem Spielplatz den Spielbagger wegnahm und damit herausfordernd herumrannte. Der Freund reagierte wie gewünscht: Er rannte jammernd hinterher und wollte den Bagger wieder haben. Als das nichts half, wandte er sich an die Mutter des Wegnehmers. Diese reagierte ziemlich cool, wie ich fand: Sie rief ihrem Sohn zu, er solle im Gesicht seines Freundes nachforschen, ob er dort Freude an dem Spiel erkennen könne.

Der Wegnehmer guckte tatsächlich zu seinem Freund, hörte aber zunächst nicht mit dem Herumrennen auf, er gab den Bagger auch nicht prompt zurück, sondern versuchte noch ein paar Minuten lang, seinen Freund zu diesem "lustigen" Spiel zu überreden. Nach etwa fünf Minuten (die  mir allerdings vorkamen, wie eine Ewigkeit), ging ein kleiner Ruck durch den wegnehmenden Jungen. Er hielt an, guckte zu seinem Freund und fing gerade an, die Hand mit dem Bagger zu heben. Er wollte ihn tatsächlich freiwillig zurückgeben.

Ich sah es, seine Mutter sah es und die Mama des Baggerbesitzers sah es auch. Leider nicht eine Nachbarin, die die Szene beobachtet hatte. Sie stürzte, als er anhielt, auf den Jungen zu und entriss ihm den Bagger gerade in dem Moment, als er ihn zurückgeben wollte, mit den Worten: "Hast du nicht gehört? Du sollst den Bagger zurückgeben!"

Das war natürlich gut gemeint von ihr. Trotzdem hatte sie ihm durch ihre (körperliche) Einmischung die Chance genommen aus dem Grund heraus freiwillig zu kooperieren, weil er erkannt hatte, dass er damit einem anderen Kind Unbehagen beschert hatte. Seine Empathie, seine Fähigkeit, Gefühle bei anderen zu erkennen, sein moralisches Verständnis, sein Selbstbildnis als Kind, das sich für "das Richtige" entscheidet - all das hätte in diesem Moment wachsen können, wenn sie ihm noch eine halbe Minute mehr Zeit eingeräumt hätte.

Deshalb ist mein Appell an euch: Wenn ihr von euren Kindern Kooperation erwartet, dann gebt ihnen ein bisschen Zeit, sich für das Richtige zu entscheiden. Steht kein Druck hinter eurer Bitte nach Mitarbeit, sondern echte Freiwilligkeit, werden sie oft (nicht immer) nach einem kurzen Moment des "Gesicht-Wahrens" doch mitarbeiten.

Das "Gesicht-Wahren", also diese kurze Zeit des Zögerns, ist ihnen aber wichtig, weil sie damit zeigen, dass sie ein eigenständiger Mensch mit eigenen Gedanken sind. Ihr könnt das sicher nachvollziehen - auch wir Erwachsenen kooperieren nicht immer sofort. Werden wir zum Beispiel gebeten, den Müll weg zu bringen oder den Abwasch zu machen, dann stürzen wir uns nicht sofort auf diese Aufgabe, sondern beenden erst einmal das, was wir gerade tun. Manchmal bringen wir den Müll erst eine halbe Stunde später hinaus, weil wir dann sowieso losgehen und uns das zeitlich besser passt.

Sicher, bei "akuten" Situationen greifen wir sofort zu, z. B. wenn wir eine Mutter mit Kinderwagen sehen, die an einer Treppe steht und Hilfe braucht. Aber das ist eben ein Lernprozess, den wir damals, als wir Kinder waren, auch erst einmal durchlaufen mussten. Genauso geht es unseren Kindern. Geben wir ihnen also die Zeit.

Vertrauen in Kinder haben 


Das Vertrauen, von dem ich hier spreche, hat viel mit der Macht der inneren Erwartungshaltung zu tun, die ich im ersten Teil der Kooperations-Serie beschrieb. Wir müssen lernen, unseren Kindern ganz selbstverständlich zu vertrauen. Wir müssen darauf vertrauen, dass sie sehen können, wie sich die Menschen in ihrem sozialen Umfeld verhalten und das sie dieses Verhalten annehmen werden, früher oder später, einfach, weil sie eine angeborene Tendenz dazu haben, sich sozial zu verhalten.

Dementsprechend wird es in vielen Fällen ganz und gar unnötig, zu erziehen. Es reicht, den Kindern soziales Verhalten vorzuleben. Wenn ihr selbst höflich Bitte und Danke sagt, alten Menschen in der Bahn euren Platz anbietet, einer Mutter helft, den Kinderwagen die Treppe hochzutragen oder jemandem die Tür aufzuhalten, der gerade etwas schweres trägt.

zwei Schippen im SandIch hatte zu dem Punkt einmal ein sehr erhellendes Erlebnis mit meinen Töchtern. Sie waren damals noch klein, etwa 14 Monate alt. Sie hatten die Angewohnheit, Dinge nicht zu übergeben, sondern dem anderen Menschen einfach zuzuwerfen. Wenn sie also der Oma einen Baustein bringen sollten, liefen sie auf sie zu und warfen den Stein dann aus etwa einem Meter Entfernung in ihre Hände. Ihr könnt euch vorstellen, dass das völlig inakzeptabel war. Ich war ziemlich verzweifelt, da nichts, was ich probierte, sie wirklich davon abhielt. Ich übte mit ihnen immer wieder das Übergeben und immer, wenn sie wieder geworfen hatten, wiederholte ich gebetsmühlenartig, aber freundlich: "Bitte übergib es vorsichtig!"

Irgendwann saß ich mit ihnen im Buddelkasten, es war ein schöner Nachmittag und ich hatte einen leckeren Kaffee neben mir stehen. Etwa drei Meter von mir entfernt buddelten die Töchter. Neben mir lag eine Schippe, die Fräulein Ordnung gerne haben wollte. Sie streckte ihre Hand danach aus und bedeutete mir, ich solle sie ihr bringen. Da ich ziemlich geschafft war, wollte ich nicht aufstehen, also nahm ich die Schippe und warf sie vorsichtig in den Sand vor ihr, damit sie sie sich selbst nehmen konnte. Als die Schippe ordnungsgemäß dort landete, wo ich sie haben wollte, hatte ich plötzlich die Lösung für unser "Wurf-Problem". Ich war die Ursache dafür, dass sie immer alles werfend übergaben!

Plötzlich schossen mir hunderte kleine Begebenheiten in den Kopf, in denen ich meinen Kindern vorsichtig etwas vor die Füße geworfen hatte, weil ich gerade zu faul war, aufzustehen. Da ich 20 Jahre Handball gespielt habe, ist mein Werfen so präzise, wie es nur sein kann, d. h. ich hatte die Gegenstände immer sanft vor sie hingeworfen und natürlich auch nur aus nächster Nähe. Aber ich hatte geworfen - nicht übergeben. Meine Töchter verhielten sich gar nicht anti-sozial. Sie hatten mich nur kopiert und ich hatte es nicht kapiert!

In dem Moment, in dem ich aufhörte, ihnen Sachen zuzuwerfen, fingen sie dann übrigens an, Dinge sanft zu übergeben, so dass die Oma und andere Freunde nicht mehr mit einem Loch im Kopf rechnen mussten. Sollten eure Kinder also (noch) nicht Bitte und Danke sagen oder andere gesellschaftliche Regeln verinnerlicht haben, guckt, wie es mit diesen Punkten bei euch (und anderen wichtigen Erwachsenen) steht. Könnt ihr reinen Gewissens sagen, dass ihr immer vorbildlich agiert, dann liegt das (noch) anti-soziale Verhalten vielleicht am Alter eurer Kinder oder an ihrer Schüchternheit oder Verträumtheit. Dann gebt ihnen Zeit, macht ihnen vor, wie es richtig geht und vertraut darauf, dass sie es übernehmen werden.
Ich weiß, dass dieser Punkt derjenige ist, an dem es zu vehementen Diskussionen mit Anhängern eines Michael Winterhoff oder Bernhard Bueb kommt. Die beiden Autoren behaupten ja weiterhin standhaft, dass unsere Kinder nur durch von Eltern konsequent anerzogenen Tugenden wie Disziplin und Gehorsam zu glücklichen Menschen werden. Gerade Bueb wird nicht müde, allen, die es hören wollen, zu erklären, dass der Mensch eine "gefallene Natur" ist, und gut und böse in sich vereint. Deshalb muss ihm aus Buebs Sicht geholfen werden, das Gute in sich zu stärken und das Böse in Zaum zu halten.
Ich möchte diese Diskussion an dieser Stelle hier nicht aufgreifen oder ausweiten, Ihr wisst, dass es mein Standpunkt ist, dass Kinder von Natur aus gut sind und ihr gesellschaftlich inadäquates Verhalten immer einen Grund hat. Trotzdem stimme ich den beiden insoweit zu, als dass ein Erwachsener, wenn er in einer Beziehung mit Kindern lebt (als Elternteil, Kindergarten-Erzieherin, Lehrerin etc.) deutlich seine persönlichen Grenzen aufzeigen muss, damit ein Kind verstehen lernt, dass die Freiheit des einen da aufhört, wo die Freiheit des anderen anfängt und eine Gemeinschaft nur funktionieren kann, wenn sich jeder aus Rücksicht ein Stück zurück nimmt. Diese wichtige Lehre lernt ein Kind zwar durchaus auch über Disziplin und Gehorsam, aber eben nicht exklusiv. Ich werde das im nächsten Unterpunkt ausführlich aufzeigen.

Klar sein 


Die Ureinwohner Yequana, über die ich im ersten Teil der Kooperations-Serie schon schrieb, sind absolut klar in ihrer Erwartungshaltung Kindern gegenüber. Es liegt ihnen absolut fern, irgendjemand zu etwas zu zwingen oder auch nur überreden zu wollen, dennoch gehen sie mit vollster Überzeugung davon aus, dass ein Kind, das eine Anweisung erhält, etwas für die Gemeinschaft zu tun bzw. etwas zu unterlassen, dies sofort ausführen wird - ohne, dass dafür eine drohende Strafe im Hintergrund stehen muss.
Diese volle Überzeugung, das Vertrauen, ist uns leider abhanden gekommen und wir strahlen keine Klarheit mehr aus, wenn wir von unseren Kindern etwas verlangen. Ein gutes Beispiel ist vielleicht das Weglaufen. Es ist in unserer Gesellschaft nicht unüblich, dass kleine Kinder vor ihren Eltern wegrennen. Meist kichern sie dabei, nicht selten rennen sie kopflos auf die Straße. Und obwohl ich mir sehr sicher bin, dass die Eltern 100% nicht wollen, dass ihre Kinder weglaufen und auf die Straße rennen, scheinen sie es nicht klar auszustrahlen. Die innere Unsicherheit darüber, ob das Kind gehorcht, wirkt im Unbewussten auf das Kind.
 "Eines der seltsamsten Ergebnisse des verlorenen Glaubens an das Kontinuum ist die Fähigkeit von Erwachsenen, Kinder dazu zu bringen, dass sie vor ihnen weglaufen. Nichts könnte dem Kontinuumherzen eines Babys näherliegen, als der Wunsch, in unvertrautem Gebiet nahe bei seiner Mutter zu bleiben. Bei allen mit uns verwandten Säugetieren sowie auch Vögeln, Reptilien und Fischen folgen die Jungen, und solches Verhalten liegt eindeutig in ihrem Interesse. Ein Kleinkind der Yequana würde es sich nicht im Traum einfallen lassen, sich auf einem Waldweg von seiner Mutter zu entfernen, denn sie blickt nicht um sich, um festzustellen, ob es wohl folgt, sie gibt ihm nicht zu verstehen, dass es eine mögliche Wahl gebe oder dass es ihre Aufgabe sei, sie zusammenzuhalten; sie verlangsamt lediglich ihren Schritt so weit, dass es mithalten kann. [...] Ihr Verhalten zeigt ihm [...], wann immer sie auf es warten muss, weil es gefallen ist,[...] dass sie weiß: das Kind wird nicht länger brauchen, als ohne Druck notwendig ist, bis sie gemeinsam ihren Weg fortsetzen können. Ihre Annahme über seinen angeborenen Sozialtrieb wirkt zusammen mit seinem Bestreben, zu tun, was es als ihre Erwartung erkennt. [...] Und doch: trotz unserer millionenjährigen Vorgeschichte und des beständigen Beispiels unserer Tiergefährten sowie immer noch einiger unserer Mitmenschen haben wir es fertig gebracht, unsere Kleinkinder zum Weglaufen zu bewegen. [...] Ein einfacher Vorschlag wie "Geh nicht hin, wo ich dich nicht sehen kann" mit einem Beiklang von Besorgnis (Erwartung) geäußert, verursacht viel Verkehr in Sammelstellen für verlorengegangene Kinder, und, wenn noch ein Versprechen beigemischt wird wie "Pass auf, du wirst dir weh tun!", auch noch eine ganze Reihe von Ertrinkungsunfällen, ernsten Stürzen und Verkehrsunfällen dazu" [Liedloff, J., 1998: 115ff].
Dieses "klar sein" ist ein wenig schwammig in seiner Bedeutung, oder? Ich werde versuchen, es mal mit einem Beispiel zu erklären.

Denkt einmal zurück an den Tag, als euer Kind euch das erste Mal darum bat, an eurem Kaffee, eurer Cola oder eurem Bier nippen zu dürfen oder an eurer Zigarette zu ziehen. Das "Nein", das ihr damals ausgesprochen habt, war ganz bestimmt so klar, dass euer Kind das nicht in Frage stellte und nie wieder nachhakte. Es war einfach definitiv keine Option offen - und das habt ihr ausgestrahlt.

Bei anderen Dingen dagegen, bei denen ihr euch nicht sooo sicher wart (Darf das Baby ein Stück vom Kuchen? Kann das Kleinkind die Sahne vom Kaffee schlecken? Kann das Kind eine zweite Kugel Eis essen?) klang euer "Nein" nicht definitiv genug und prompt fragten eure Kinder immer wieder nach. Denn sie spüren, dass es da noch Verhandlungsspielraum gibt, sie spüren, dass ihr nicht klar seid. Wenn ihr also innerlich sicher darüber seid, was genau ihr wollt, dann wirkt das mächtiger auf eure Kinder, als alles Reden dieser Welt.

Das gilt eben auch für das Weglaufen - ihr mögt euch sicher sein, dass ihr nicht wollt, dass euer Kind weg- oder auf die Straße läuft. Aber ihr strahlt keine Sicherheit darüber aus, dass ihr definitiv wisst, dass es das nicht tun wird.

Das ist kein Vorwurf meinerseits, bitte versteht mich nicht falsch. Ich führe euch nur das Dilemma vor Augen, in dem die heutige Elterngeneration steckt. Wir müssen die innere Gewissheit (wieder)erlangen, dass wir  einerseits als Erwachsene in der Beziehung zu unseren Kindern die Verantwortung und den Weitblick haben und andererseits unsere Führung ohne Strafen und Konsequenzen von unseren Kindern anerkannt werden wird. Da uns das in der Kindheit niemand vorgelebt hat (unsere Eltern agierten ja vornehmlich mit drohenden Strafen), fällt uns dieser Glaube so verdammt schwer, während die Yequana die Frage "Und was tust du, wenn deine Kinder nicht das machen, was du sagt?" vermutlich nicht einmal verstehen würden.

Kind läuft auf der StraßeWir müssen also lernen, klar zu sein, innerlich wie äußerlich. Damit geben wir unseren Kindern die Verhaltenssicherheit, die andere Erziehungsratgeber über die "logischen Konsequenzen" erreichen. Es ist ein "Ich erwarte, dass du das tust, was ich von dir möchte, weil ich dir sonst ein Privileg entziehe und ich weiß, dass du das nicht magst." versus "Ich gehe 100% davon aus, dass du das tust, was ich von dir möchte, weil ich weiß, dass du von Natur aus kooperieren willst".

Es ist das Vertrauen darin, dass unsere Kinder mit naturgegebenen Tendenzen, sich sozial zu verhalten, geboren werden und man diese nicht anerziehen muss. Es ist auch die Sicherheit, dass es normal und altersgemäß ist, wenn Kinder mal nicht gesellschaftstauglich agieren. Nur, wenn ihr euch dieser Punkte sicher seid, werdet ihr dieses Vertrauen auch  ausstrahlen. Und diese Ausstrahlung wirkt dann auf eure Kinder. Sie spüren das Vertrauen  und eure Sicherheit. Ihr werdet für sie "klar lesbar". Zweifelt ihr an euren Erziehungskompetenzen oder zweifelt ihr an, dass Kinder tatsächlich kooperieren wollen, werden auch eure Kinder unsicher und verlaufen sich.

Ich weiß, es ist leichter gesagt, als getan, weil wir selbst nicht so aufgewachsen sind, aber meine Bitte ist: Vertraut euren Kindern. Sie kennen ihren Weg.

Miteinander reden 


Jeden Tag, seit eure Kinder geboren wurden, strengt ihr euch als Eltern unglaublich an, um die Erziehung, die ihr selbst genossen habt und die eurer Bauchgefühl bestimmt, zu überwinden. Jeden Tag wachst ihr über euch selbst hinaus. Jeden Tag kostet das euch eine Menge Kraft und nicht selten verzweifelt ihr, wenn ihr in euren Augen mal wieder "doof" reagiert habt. Jeden Tag beginnt ihr neu - für eure Kinder.

Leider würdigen das eure Kinder oft nicht, oder? Sie reagieren trotzdem ungehalten, sie schreien, sie meckern, sie weinen, sie motzen. Sie kooperieren nicht. Manchmal verweigern sie ihre Mitarbeit aus purem Trotz. Sie sehen eure Anstrengung gar nicht, es anders zu machen, als eure Eltern. Sie sind kein bisschen dankbar, dass es bei euch in der Familie anders läuft, als in vielen anderen Familien. Ist das nicht voll fies?

Nein, ist es nicht. Denn eure Kinder wissen gar nicht, wie sehr ihr euch anstrengt. Sie wissen nicht, wie es in anderen Familien läuft oder wie Oma und Opa damals erzogen haben. Sie wissen nicht, wie es wäre, wenn ihr nicht jeden Tag neu den Kraftakt angehen würdet, bedürfnis- und beziehungsorientiert zu erziehen.

Mutter kuschelt mit KindSie nehmen einfach das, was jeden Tag bei euch in der Familie passiert, als wahre Liebe an. Weil sie keine anderen Alternativen dazu kennen. Jedes Kind wird mit dem Bewusstsein geboren, dass seine Eltern es bedingungslos lieben werden - das ist in unserem menschlichen Organismus so eingraviert. Wenn diese bedingungslose Liebe Schläge beinhaltet, dann nehmen Babys und Kleinkinder diese als gegeben hin. Es muss wohl so sein, wenn es von den Eltern kommt. Genauso nehmen sie eure Güte und Selbstlosigkeit einfach als gegeben hin - das muss wohl so sein, wenn es von den Eltern kommt. Euer Verhalten in den ersten drei Jahren definiert ihre Ansicht von Liebe, und damit auch ihre späteren außerfamiliären Beziehungen. Aber euer Verhalten wird für eure Kinder niemals ungewöhnlich sein, und daher auch nicht bemerkens- oder dankenswert. Ihnen ist schlicht und ergreifend nicht klar, wie viel Glück sie mit euch haben.

Deshalb ist es wichtig, mit ihnen darüber zu reden. Nicht als Drohung ("Sei froh, dass du mich hast! In anderen Familien hättest du schon längst den Hintern versohlt bekommen, wenn du so frech bist!"), sondern einfach als Verbalisierung einer Situation. Wenn ihr euch also die Zeit nehmt, euer Kind Steinchen aufsammeln zu lassen, obwohl ihr eigentlich lieber weitergehen möchtet, dann sagt das so: "Du möchtest hier so gern noch sammeln und ich möchte gern weitergehen. Na gut, ein bisschen Zeit haben wir ja noch. Dann warte ich hier, bis du fertig bist."  Wenn ihr seht, dass euer Kind es nicht schafft, allein aufzuräumen, dann könntet ihr sagen: "Das Aufräumen fällt dir schwer. Na, komm, dann helfe ich dir. Zu zweit ist es einfacher und geht schneller." So macht ihr eure Kinder aufmerksam auf eure Kooperationsbemühungen, welche sie sonst vermutlich übersehen hätten. So helft ihr ihnen auch, ihren Blick zu schärfen und legt einen guten Grundstein dafür, dass sie später bei ihren eignen Kindern das "Catch them at being good" nicht erst mühevoll erlernen müssen.

Das miteinander Reden beinhaltet bei etwas älteren Kindern auch die gewaltfrei kommunizierte Bitte nach Kooperation. Es ist nämlich keine Schande, zuzugeben, wenn man als Erwachsener in einer Situation in der Sackgasse ist, weil das Kind sich absolut weigert, mitzuarbeiten: "Okay, ich merke, dass du das jetzt wirklich nicht willst. Mir ist aber wichtig, dass heute aufgeräumt wird. Ich kann und möchte dich nicht zwingen, aufzuräumen, weil ich Zwingen nicht für richtig halte. Im Kindergarten darfst du das nächste Mal nicht mitspielen, wenn du das Aufräumen verweigerst. Ich finde diese Lösung für uns zuhause nicht gut.  Aber damit das ohne Zwingen klappen kann, brauche ich deine Kooperation. Wir müssen einen Kompromiss finden, der für uns beide okay ist. Du kommst mir entgegen und ich komme dir entgegen. Wie, meinst du, kann das Aufräumen klappen?"

Es ist immer wieder überraschend, wie kreativ Kinder dabei sein können, Kompromisse zu finden und wie einfach diese Lösungen dann manchmal sind. Ist es nicht möglich, sofort einen Konsens zu erzielen, werden die gesammelten Möglichkeiten gemeinsam bewertet und zusammen eine Entscheidung getroffen. Gerade wenn es sich eher schwierig gestaltet, einen Kompromiss zu erzielen, kann es sich anbieten, vorläufige Ergebnisse zu akzeptieren. Die Alterative mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner wird umgesetzt und nach einem bestimmten Zeitablauf bewertet. Das geht natürlich noch nicht mit einem Zweijährigen. Aber etwa um den Zeitpunkt herum, an dem ein Kind lernt, die Perspektive eines anderen einzunehmen, kann man damit durchaus beginnen. Dieser Meilenstein wird mit etwa 4 Jahren erreicht, einige Kinder können es auch schon mit 3,5 Jahren.

Oft mache ich meine Kinder auch auf Situationen aufmerksam, in denen Fremde gerade kooperieren oder Kompromisse finden. Ich sitze gern auf dem Spielplatz auf der Bank, manchmal gesellt sich dann eine meiner Töchter zu mir. Früher haben wir bei solchen Bank-Gesprächen über die Emotionen in den Gesichtern der anderen gesprochen, heute beobachten wir eben soziale Situationen. Dabei ist mir auch aufgefallen, wie wichtig das Spielen in einer altersgemischten Kindergruppe für das Erlernen von Kooperation ist.

In Kindergruppen frei spielen 


Altersgemischte Kindergruppen sind ein wahrer Nährboden für Kooperation und es ist äußerst schade, dass heute kaum noch solche Gruppen frei durch das Wohngebiet streifen. Wenn ich beobachte, wie einander fremde Kinder zusammenarbeiten, um auf dem Wasserspielplatz einen großen Damm oder Kanal zu bauen ("Du musst da graben. Und ich baue hier die Wand." - "Hey, ich brauche hier mehr Matsch, bring den mal her!" - "Noch nicht das Wasser fließen lassen - wir sind hier noch nicht fertig." - "Es bricht durch, wir brauchen mehr Matsch, schnell!"), dann muss ich neidlos anerkennen, dass Kinder im Spiel anderen Kindern viel, viel mehr über Kooperation beibringen können, als jeder Erwachsene.

Selbst, wenn sie einfach nur zusammen wippen wollen, kann das eine Kind sich nicht einfach auf die Wippe setzen, weil dann das andere Kind nicht auf seinen Platz kommt. Nein, das erste Kind muss sich erst einmal halb auf seinen Sitz setzen, so dass die Wippe in etwa waagerecht steht und das andere Kind hinaufgelangen kann. Dann müssen sie gemeinsam einen Rhythmus finden, damit das Wippen Spaß macht. Sie müssen gegenseitig herausfinden, wie doll sie wippen können, ohne, dass der eine Angst bekommt oder dem anderen langweilig wird. Und auch beim Absteigen ist wieder Kooperation gefragt, denn wenn einer einfach abspringt, tut der andere sich weh. 

Es gibt auch wunderbare kooperative Spiele, die Kinder miteinander spielen können, wenn es draußen regnet . Das bekannteste ist vermutlich Obstgärtchen* von HABA. Hier spielen die Mitspieler gegen einen Raben, der die Kirschen vom Baum stehlen möchte. Es ist eine enge Zusammenarbeit erforderlich, um ihn davon abzuhalten. Im Laufe des Spiels werden Karten umgedreht - die Motive müssen sich alle Beteiligten merken, um am Ende Erfolg zu haben - Vorsagen ist natürlich erwünscht. Auch hier sehen Kinder: nur gemeinsam schaffen wir es, unser Ziel zu erreichen.

Ausblick

In Teil 3 der Artikelserie werde ich tagebuchbloggen und zeigen, wie die Morgen im Hause Snowqueen so ablaufen. Dabei geht es nicht darum, ob ich es "gut" oder "schlecht" mache, sondern einzig und allein darum, euch zu zeigen, wie viel ich kooperiere und wie viel meine Kinder kooperieren. Der Text ist also zu verstehen als Ergänzung zum Unterpunkt "Kooperation vorleben" hier aus Teil 2 der Artikelreihe. Anschließend werde ich euch dann bewährte Tipps und Tricks für typische Probleme (nicht Anziehen wollen, die Treppe nicht allein laufen wollen, Dinge vom Tisch werfen, Weglaufen etc.) aufzeigen, mit deren Hilfe die Kooperationsbereitschaft ein wenig erhöht werden kann.

© Snowqueen

Literatur