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Mein Kind ist total frech, ungezogen und provoziert - Teil 1


Snowqueen - wie sie als Mutter versagte


In Teil 3 unserer Kooperationsserie hatte ich tagebuchartig verbloggt, wie viel ich selbst und wie viel meine Kinder am Morgen kooperieren, damit wir konfliktarm in den Tag starten. Ich hatte angedeutet, dass am Tag darauf einiges schief lief und ich mich fühlte, als hätte ich als Mutter versagt. Denn meine Kinder waren plötzlich ungewohnt frech. Sie machten wirklich andauernd Unsinn (ausgerechnet unter den Augen meiner Schwiegermutter!) und provozierten ohne Ende. Ich war wirklich mit meinem Latein am Ende, denn ich habe normalerweise keine klassisch ungezogenen Kinder. Sie machen manchmal Quatsch, ja, und sie wissen nicht immer, was gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten ist. Sie haben nicht immer ihre Impulse oder ihre Wut unter Kontrolle - das ist alles altersadäquat. Aber absichtliches Ärgern? Das war echt neu. Wie konnte es dazu kommen? Mit ein paar Wochen Abstand fiel bei mir nun endlich der Groschen - sie mussten an diesem Tag zu viel kooperieren und als sie das nicht mehr schafften, schlug ihre Bereitschaft in das Gegenteil um. Aber lest selbst.

Snowqueen
Bessere Hälfte
Fräulein Chaos
Fräulein Ordnung
Herr Friedlich 

Tag 5


Unser Zug zur Omi sollte 8:30 Uhr vom Hauptbahnhof fahren. Dorthin brauchen wir etwa eine dreiviertel Stunde, denn es müssen ja drei Kinder eingepackt werden und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin fahren. Seltsamerweise hatte ich mir trotzdem am Abend den Wecker auf  7 Uhr gestellt. Was mich da geritten hat, weiß ich beim besten Willen nicht. Das war viel zu knapp kalkuliert.

Wir starteten den Morgen dementsprechend hektisch und wie ihr euch erinnert, ist Zeitdruck ja vor allem für Fräulein Ordnung ein großes Hindernis. Normalerweise kommt sie sofort ins Stocken, wenn sie merkt, dass es hektisch wird. Heute Morgen aber reißt sie sich wahnsinnig am Riemen und zieht sich schnell und effizient selbst an, während wir Eltern ihren kleinen Bruder versorgen und das Gepäck noch einmal überprüfen. Überaschenderweise kommen wir pünktlich los, müssen aber trotzdem schnellen Schrittes zur Straßenbahn gehen, um die richtige Tram zu erwischen, die uns pünktlich zum Zug fährt. Wir schaffen es knapp, da die Tram ein wenig zu früh kommt. Ich bin total glücklich, dass wir es geschafft haben und lobe die Kinder dafür, dass sie sich so zügig fertig gemacht haben. Eigentlich erwarte ich einen baldigen Knall von Fräulein Ordnung. Sie wird den Druck, den sie durch das Gehetze hatte, noch irgendwie loswerden wollen. Normalerweise beginnt sie deswegen einen Streit, um dann weinen zu können, um den Stress abzubauen. Doch der Knall kommt nicht. Vorerst.

In der Tram möchten die Kinder ein Buch vorgelesen bekommen. Das sind sie eigentlich gewohnt, wir lesen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor. Diesmal haben wir Erwachsenen jedoch noch etwas zu besprechen, also vertrösten wir die Kinder auf die Zeit im Zug. Sie akzeptieren das. Fräulein Chaos fragt, ob sie dann stattdessen ihren iPod haben darf, um ein Hörbuch zu hören und wir kramen ihn ihr aus dem Rucksack heraus. Auch Fräulein Ordnung will nun hören, auch ihren iPod holen wir hervor. Herr Friedlich steht auf dem Sitz und guckt aus dem Fenster, er sucht Müllautos. Ich sitze neben ihm, um ihn bei Bedarf festhalten zu können und kommentiere für ihn, was ich sehe. Wir erreichen den Bahnhof und haben sogar noch ein paar Minuten Zeit, den Mädchen Zeitschriften zu kaufen. Diese sind festes Ritual bei Zugreisen. Oft genug hat uns das grässliche Spielzeug, was es meist zur Zeitschrift gibt, schon die Zugfahrt gerettet. Fräulein Ordnung wählt eine Zeitschrift mit einem ultrahässlichen Plastikpferd (was sonst), Fräulein Chaos eine mit Aufklebern.


Wir steigen in den Zug. Er ist sehr voll. Das ist auch der Grund, warum wir bei der Buchung der Tickets keine Plätze im Kleinkindabteil mehr bekommen haben - es ist bereits besetzt. Nun sind meine Töchter keine Kleinkinder mehr, deshalb habe ich die Hoffnung, dass wir auch auf unseren Plätzen im Großraumabteil nicht unangenehm auffallen werden. Um vorzusorgen, habe ich gestern extra noch ein paar Apps auf die iPods gespielt. Normalerweise dürfen meine Kinder keine Kinderapps spielen - so bleiben sie für lange Zugfahrten interessant. Wir haben wir erst vor ein paar Wochen die Hin- und Rückfahrt zum und aus dem Urlaub Dank der Magie der Spiele auf dem iPod problemlos überstanden. Ich erwarte heute nichts anderes. Sie werden vermutlich 5 Stunden lang auf das Display starren, aber das finde ich okay, weil es eben so selten vorkommt.

Zunächst aber löse ich mein Versprechen ein und lese vor. Die Mädchen wollen, dass ich die wenigen Geschichten aus ihren Zeitschriften vorlese, das ist innerhalb von 5 Minuten geschafft. Danach setzen sie sich auf ihre Plätze, gucken sich den Rest der Zeitschrift an und der Zug fährt los. Herr Friedlich mag natürlich noch keine Zeitschriften, daher hopst er auf meinem Schoß auf uns ab. Manchmal kommen wir an großen Windkraftanlagen vorbei, dann wirft er sich begeistert ans Fenster und quietscht: "Lb Lb Lb!" Das ist sein Wort für alle Arten von Windrädern, es ist entstanden, weil er mit der Zunge an den Lippen entlang die Kreisdrehung des Rades nachmacht. Mit Ton verbunden klingt das Ganze eben nach "Lb Lb Lb". Meine Aufgabe ist es, bei jedem Windrad das Lied: "Wind, Wind, fröhlicher Gesell..." anzustimmen und ich tue ihm den Gefallen natürlich, denn jede Art der Ablenkung ist willkommen. Ich muss nur die Zeit bis 9 Uhr überbrücken, dann müsste er normalerweise müde werden und seinen ersten Tagesschlaf antreten. Danach habe ich für ein paar Stunden frei.

Es ist 8.45 Uhr, die Mädchen haben ihre Zeitschriften durch und nehmen sich ihre iPods, um zu spielen. Sie verlangen nach Essen - natürlich - und die Bessere Hälfte kramt es aus dem Koffer und gibt es ihnen. Auch Herr Friedlich will essen, auch er bekommt etwas von uns. Ich schiele auf die Uhr - bald schläft er ein, tchakka. Ich möchte die Zugfahrt gern nutzen, um mir Gedanken zu einem Blogpost zu notieren und vielleicht ein wenig bei Twitter zu stöbern. Wird das schön! Wann sitze ich schon mal 5 Stunden einfach so rum?

Herr Friedlich will aber vorher noch laufen. Ich hebe ihn hinüber zur Besseren Hälfte. Die beiden wanken durch den Gang des Großraumabteils. Unser Sohn will natürlich nicht an der Hand gehen, obwohl es sehr wackelt. Sein Wunsch wird respektiert und er hält sich gut. Ab und zu muss er einem Fremden aufs Knie fassen, um sich zu stabilisieren, aber er wird von allen freundlich angelächelt. Er hinterlässt eine Welle von "Hach!" und "Süß!"-Rufen. Ich schaue zu den Töchtern, beide sind vertieft in ihre Spiele und naschen nebenbei Süßigkeiten. Auch das ist okay - sie sollen sich die Zugfahrt so angenehm wie möglich machen. Ich lehne mich entspannt zurück und lese auf dem Handy, bis die beiden Zugwanderer wieder hier sind. Danach müsste Herr Friedlich eigentlich einschlafen.

Es ist 9.00 Uhr, da kommen die beiden auch schon zurück. Herr Friedlich gebärdet schon von weitem "Milch! Milch!", ein klares Zeichen, dass er müde ist und schlafen will. Ich stehe auf, binde die Manduca° um und setze ihn hinein. Ich habe erst beim dritten Kind gelernt, in der Trage zu stillen, aber wow, was ist das für eine Erleichterung! Ich möchte eigentlich sitzen, bis er einschläft, aber Herr Friedlich quietscht missmutig, als ich mich auf meinen Platz niederlasse. Seufz. Ich stehe also auf und wippe ihn ein bisschen im Takt des Zuggeräusches. Er wird leise und starrt vor sich hin. Ich bin ungeduldig und will mich wieder hinsetzen. Ich probiere es noch einmal, obwohl er noch wach ist. Ich klappe die Armlehnen des Sitzes hoch, damit sie ihn nicht an den Beinen stören. Das hilft - er lässt sich durch mein Sitzen nicht mehr im Einschlafprozess stören. Danke, Sohn! Ich hole mein Handy heraus und fange an, zu twittern.

Es ist 9:30 Uhr, wir fahren seit etwa einer Stunde. Fräulein Chaos werden die Spiele langweilig. Sie legt ihren iPod weg und kramt in ihrem Rucksack. Sie findet nichts, was sie zum Spielen anregen würde und kommt zu uns Eltern. "Könnt ihr mir ein Buch vorlesen?" Ich stöhne innerlich. Mist, warum sind denn die Apps so schnell langweilig? Auch Fräulein Ordnung kommt zu uns. Bücher sind besser als Spiele, so scheint es. Die Bessere Hälfte willigt ein, vorzulesen, kramt im Koffer und findet ... nichts. Nach einem schreckvollen Durchgehen meiner Arbeitsschritte gestern Abend stelle ich fest: Ich hatte den von den Mädchen eingepackten Riesenstapel Bücher aus dem Koffer ausgepackt, weil ich fand, er sei zu schwer, habe aber leider kein einzelnes Buch wieder hineingepackt. Wir fahren also 5 Stunden Zug ohne Buch. Fantastisch, Mutter Snowqueen! Bedauernd müssen wir den Töchtern sagen, dass Vorlesen nicht geht. Ich schlage vor, dass sie sich von ihren iPods vorlesen lassen, immerhin sind darauf bestimmt 30 Bücher gespeichert. Die Töchter verziehen missmutig das Gesicht, setzen sich aber auf ihre Sitze und ihre Kopfhörer auf. Ich beginne, mir Gedanken zu diesem Blogpost zu machen und Ideen und Zusammenhänge, die mir auffallen zu skizzieren. Die Arbeit macht mir Spaß, ich komme schnell in den Flow. Herr Friedlich schläft eingekuschelt vor meinem Bauch.

Nach 20 Minuten steht Fräulein Chaos wieder vor mir. Ihr ist langweilig. Ich schicke sie zur Besseren Hälfte, die beiden ziehen los, sich den Zug angucken und die Beine vertreten. Fräulein Ordnung holt kleine Püppchen und Pferde aus dem Rucksack und vertieft sich ins Spiel. Ich arbeite weiter. Nach 10 Minuten sind die beiden von der Zugbesichtigung zurück. Es war auch langweilig. Aber immerhin haben sie eine saubere Toilette gefunden. Meine Tochter steht vor mir und weiß nicht, was sie machen soll. Ich bin genervt davon, dass Fräulein Chaos sich nicht selbst beschäftigen kann. Ich habe keine Lust, den Entertainer zu spielen, weil ich die Zeit nutzen will, in der Herr Friedlich schläft. Ich werde keine andere Chance haben, an diesem Wochenende, meine Arbeit zu machen.

Ich nörgle Fräulein Chaos an, dass sie doch Spielzeug im Rucksack hat und sie sich damit beschäftigen soll. Das ist ziemlich unfair und ich weiß es auch: Diese Reise zur Omi machen wir, weil wir Erwachsenen das so wollen, nicht die Kinder. Wir Erwachsenen haben es auch verpasst, das Kleinkindabteil zu ergattern und wir haben das Vorlesebuch vergessen. Meine Genervtheit hat also weniger mit dem gelangweilten Kind zu tun, sondern mehr damit, dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Dieses schlechte Gewissen ist aber so unangenehm, dass ich das Gefühl im Inneren unbewusst von mir weisen will. Gedanken wie "Wenn sie sich mal beschäftigen könnte, wie ihre Schwester, dann wäre ihr auch nicht langweilig!" durchkreuzen meinen Kopf und wollen mir über die Lippen, aber ich verkneife sie mir ganz bewusst. Ich weiß, dass dieser Satz unfair ist, nichts bringt  - ich suche die Schuld beim anderen, um mir meinen eigenen Anteil am Dilemma nicht eingestehen zu müssen. Ich mache ihr ein paar Vorschläge, in der Hoffnung, dass sie doch noch ins Spiel findet. Sie werden alle als "langweilig" abgeschmettert. Habe ich einen Teenager, oder was? Ich sehe meine Arbeits-Chance davon schwimmen, will sie aber nicht aufgeben. Ich beschließe, dass Langeweile sehr hilfreich sein kann und überlasse die Tochter sich selbst, um weiterzuarbeiten.

Fräulein Chaos setzt sich zunächst auf ihren Platz und isst alle Bonbons, die ihr unter die Finger geraten. Sie klebt alle Aufkleber ihrer Zeitschrift auf ein Blatt. Dann schaut sie aus dem Fenster. Als die Bonbons alle sind, trinkt sie Wasser und stellt sich auf den Sitz, um im Abteil umherzugucken. Mit Schuhen. "Fräulein Chaos, das geht nicht. Zieh die Schuhe aus oder komm da runter!" maule ich von meinem Platz aus. Sie setzt sich wieder, lässt sich dann aber wie ein Aal unter den Sitz gleiten und bleibt kichernd liegen. Ihre Schwester findet das lustig, legt ihre Spielsachen beiseite und will es nach machen. Dabei berührt ihr Schuh den Kopf von Fräulein Chaos. "Aua!!!" ruft diese erbost. "Leise!" zische ich, die anderen Zugreisenden im Blick. Fräulein Chaos und Fräulein Ordnung liegen nun gemeinsam unter den Sitzen, es ist eng und sie wurscheln sich zurecht. Fräulein Ordnungs Füße reichen in den Gang hinein, Fräulein Chaos' Kopf zeigt in den Fußraum der Menschen, die hinter ihr sitzen. Ich muss da eingreifen, so geht es nicht. "Nee, ihr Süßen, kommt mal da raus. Ihr stört doch alle mit eurem Gewusel. Kommt unter den Sitzen vor".

Sie reagieren nicht, sind in ihrem Kicherspiel gefangen. Ich spüre die Blicke der Mitreisenden, ob eingebildet oder nicht, kann ich nicht sagen. Aber diese "Blicke" veranlassen mich, schärfer als sonst zu reagieren. Im Kleinkindabteil hätte ich sie das ohne mit der Wimper zu zucken spielen lassen. Wenn niemand anderes außer uns dort ist, dürfen sie sogar, wenn der Zug steht, ohne Schuhe über die Lehnen der Mittelsitze klettern. Aber im Kleinkindabteil sind wir jetzt nicht.  Ich zische den beiden zu: "Kommt raus! Fräulein Ordnung, deine Beine versperren den Gang und es könnte jemand stolpern. Fräulein Chaos, die Leute hinter dir müssen aufpassen, dass sie dir nicht auf dem Kopf treten. Das ist nicht okay. Kommt jetzt". Das wirkt. "Schade", tönen beide und kommen hervor. Ich habe einen innerlichen Anfall von Panik. Es sind noch drei verdammte Stunden, bis wir ankommen!

"Na los, ich erzähle einfach eine Geschichte, statt sie vorzulesen..." schlage ich vor. Da Herr Friedlich noch in der Manduca schläft, können sie nicht auf meinen Schoß. Sie stehen im Gang neben meinem Sitz und ich suche wild nach Inspiration. Ich fange an, kleine Anekdoten aus den sieben Harry Potter Büchern zu erzählen. Die zu spannenden oder Angst machenden Details lasse ich natürlich aus. Meine Töchter bekommen glasige Augen und hören mit offenem Mund zu, als ich vom kleinen Harry erzähle, der bei seinen unfreundlichen Verwandten leben muss und immer Hunger hat, bis er eines Tages einen Brief bekommt, in dem steht, dass er ein Zauberer ist. Ich erzähle von den Hauselfen, die das leckerste Essen auf die Tafeln zaubern, von Gemälden an den Wänden, in denen die Portraitierten hin- und herlaufen, davon, wie Harry der jüngste Quidditch Spieler in der Geschichte der Schule wird und den ersten Schnatz mit dem Mund fängt. Als zwischendurch Herr Friedlich erwacht, übergebe ich ihn sofort der Besseren Hälfte und die beiden ziehen los, um Mama eine Cola zu besorgen. Ohne Unterbrechung erzähle ich eine Stunde lang.

Als mein Mund schon wirklich fusselig ist, schicke ich meine vier liebsten Menschen zur Toilette, damit ich in Ruhe mal einen Schluck trinken kann. Eigentlich sollten es jetzt nur noch 2 Stunden Zugfahrt sein, doch - wir halten auf offener Strecke "bis auf unbestimmte Zeit!" WTF? Ich bekomme noch mehr Panik. Wie kann ich meine Kinder denn noch ruhig halten? Ich bin erschöpft und möchte jetzt sofort aussteigen. Ich grumpele die zurückgekehrte Bessere Hälfte an, warum wir überhaupt zur Omi fahren müssen, das sei doch Wahnsinn mit drei so kleinen Kindern. Achja, die Omi wird 65 und feiert groß. Mist.

Alles in allem dauert der außerplanmäßige Halt eine Stunde. Wir Eltern geben unser Bestes, um die Kinder leise zu unterhalten. Doch mit zunehmender Dauer werden sie einfach lauter. Es ist unbeschwertes Lachen und Quatsch machen, gepaart mit unserem elterlichen "Tu dies nicht, tu das nicht". Ehrlich jetzt, in so einem Großraumabteil ist für Kinder wirklich gar nichts erlaubt, es ist die Hölle. Aus Rücksicht auf die Mitreisenden verbiete ich jeden noch so kleinen Spaß. Ich weiß, dass das ungünstig ist, aber die Kinder müssen jetzt einfach mal funktionieren. Tun sie auch - so gut sie können. Sie sind nicht durchgängig leise, aber sie wirken auch nicht wie rücksichtslose Prenzlauer-Berg-Arschlochkinder (entschuldigt bitte das Klischee). Trotzdem hören sie in diesen 3 Stunden mehr "Nein" von uns, als vermutlich in ihrem bisherigen Leben zusammengerechnet. Der Zug ist eine einzige, große Nein-Umgebung und ich komme gehörig ins Schwitzen.


Als wir endlich ankommen, wird es nochmal brenzlig. Wir müssen einen bestimmten Bus bekommen, der nur alle Stunde einmal fährt. Wir haben natürlich schon einen verpasst, der nächste müsste innerhalb der nächsten 5 Minuten abfahren. Ich schnalle den protestierenden Herrn Friedlich in die Manduca. Auf Befindlichkeiten und Selbst-laufen-wollen kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Mein Sohn spürt meine Aufregung und kooperiert. Er hält still und ist leise. Wir erklären den Mädchen den Sachverhalt: Wir müssen als Erste aus dem Zug springen und sofort zum Bus sprinten. Schaffen wir das? Ja, wir schaffen das! Die Mädchen agieren vorbildlich. Sie sind hoch konzentriert und rennen an meiner Hand zum Bus. Mit Müh und Not purzeln wir in die noch offene Tür. Wir rumpeln durch den Gang nach ganz hinten, wo noch mehrere freie Plätze auf uns warten. Ich atme schwer und schwitze.

Die Mädchen haben entdeckt, dass dieser Bus Anschnallgurte hat. Das sind sie aus Berlin nicht gewohnt und schnallen sich freudig an. Ein großes Abenteuer. Herr Friedlich will auf den Sitz zwischen die Mädchen, aber weil ich auf ihn aufpassen will, quetsche ich mich noch dazwischen. Keiner protestiertschön. Rechts von mir sitzt Fräulein Ordnung, links Herr Friedlich, daneben Fräulein Chaos. Die Bessere Hälfte nimmt vor uns Platz und sortiert unser Gepäck. Alles da. Ich finde es toll, wie gut alles geklappt hat und lobe die Mädchen für ihre Mitarbeit. Ich lobe sehr, sehr selten, das ist heute schon das zweite Mal, und es fühlt sich komisch an. So, als wolle ich ihre Mitarbeit dadurch verstärken. Wenn ich es mir richtig überlege, stimmt das auch. Ich habe eben gelobt, weil ich mit Grauen an die nächsten 20 Minuten Fahrt denke und mir erhoffe, dass sie durch das Lob diese Zeit noch durchstehen. Ich habe Angst, dass Fräulein Ordnung jetzt explodiert. Immerhin hat sie heute schon zwei Zeitdruck-Phasen anstandslos ausgehalten. Irgendwann muss das noch raus.

Die Busfahrt vergeht überraschend harmonisch. Fräulein Chaos sitzt am Fenster und sieht Kühe und Schafe und zeigt sie ihrem staunenden Bruder. Die beiden haben durch den Wechsel in den Bus neue Kooperations-Energie bekommen und sind leise und freundlich. Fräulein Ordnung ist müde und starrt vor sich hin. Wir Eltern entspannen ein bisschen. Scheinbar ist der Horrorteil des Tages geschafft und wir haben es alle relativ unbeschadet überstanden. Es gab zwar viel mehr Meckerei als üblich, aber die Liebestanks der Kinder waren gut gefüllt und sie haben über unseren "Aussetzer" hinwegsehen können. Ich merke, dass Fräulein Ordnung neben mir einschläft. Das ist kein Problem, man kann sie auch nach 5 Minuten Blitzschlaf problemlos wecken - sie ist dann trotzdem gut gelaunt. Deshalb lasse ich sie. Anders ist es bei Fräulein Chaos. Bei ihr müssen wir akribisch darauf achten, dass sie keine Kurzschläfchen macht, denn erstens bekommt man sie dann kaum noch wach und zweitens ist sie nach dem Wecken dann ultra schlecht gelaunt, weint, haut und ist für mindestens eine Stunde im Ausnahmezustand. Aber Fräulein Chaos macht gerade auch keine Anstalten, einzuschlafen - sie ist mit ihrem Bruder und der dörflichen Idylle draußen beschäftigt.

Wir kommen an und hieven Gepäck und Kinder aus dem Bus. Omi wird freudig begrüßt, wir laufen los zu ihrer Wohnung. Voll bepackt, wie wir sind, wollen wir Erwachsenen gern schnell zur Wohnung. Die Kinder sehen aber auf der Wiése neben dem Gehweg kleine Gänseblümchen und Pusteblumen im Gras und werden langsamer, um sie zu pflücken. Ich bleibe stehen, die anderen Erwachsenen laufen langsam weiter. Sie sind im Gespräch. Ich beobachte meine Kinder. Alle drei atmen sichtbar auf - hier können sie frei spielen. Die Mädchen fallen sofort ins Spiel, sie sind Feen, die von Blume zu Blume fliegen und diese bunt bemalen. Herr Friedlich rupft Löwenzahnblätter aus und ruft "Anna! Anna!". In Berlin suchen wir oft Grünzeug auf der Wiese für unsere Meerschweinchen Anna und Elsa. Das wir erst morgen zu Anna zurückfahren und der Löwenzahn bis dahin welk ist, weiß er natürlich nicht. Ich lasse ihn machen und beobachte entspannt meine Kinder.

Zwei Mädchen auf einer Wiese

Im Rückblick betrachtet ist hier der Punkt des Tages gewesen, an dem noch alles hätte gut werden können. Wenn wir Erwachsenen hier an dieser Wiese noch mehr kooperiert hätten, wenn wir sie hätten verweilen lassen und den Rest des Tages nach ihnen gerichtet hätten, dann wären die Kinder später nicht so ungeheuerlich ungezogen gewesen. Leider haben wir die Zeichen nicht rechtzeitig erkannt und deshalb.... Aber lest erst einmal weiter.

Ich sehe, wie Schwiegermutter und Bessere Hälfte mit unseren Koffern immer kleiner werden. Ich kenne den Weg zur neuen Wohnung der Omi nicht. Sie ist umgezogen und ich war noch nie dort. Mal davon abgesehen, bin ich wirklich schlecht in Navigation. Ich sage den Kindern also, dass wir weiter müssen. Sie ignorieren meine Bitte zunächst und tun so, als hätten sie mich nicht gehört. Vielleicht hören sie mich wirklich nicht, denn sie sind voll im Flow. Ich spreche etwas lauter und dringlicher. Die Mädchen setzen sich in Gang und laufen auf der Wiese in Richtung Omi. Herr Friedlich tappert ihnen hinterher. Sie antworten mir zwar nicht, haben aber meine Bitte gehört. Leider sind sie so trotzdem noch zu langsam. "Mädchen, ich weiß, ihr wollt spielen, aber wir müssen Omi hinterher. Sie hat doch für uns Mittag gekocht". Weiterhin im Spiel kommen meine Töchter nun von der Wiese runter und laufen schnell auf dem Gehweg entlang. Sie fliegen als Feen und müssen die Menschen-Omi, die in großer Gefahr schwebt, einholen und retten. Herrn Friedlich lässt mich ihn auf den Arm nehmen, damit ich schnellen Schrittes hinterhergehen kann. An der nächsten Kreuzung holen wir alle ein. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Wohnung.

Endlich kommen wir an. Ich bin total erledigt und freue mich darauf, mich ausruhen zu können. Im Flur der Wohnung klebt braune Folie in Knöchelhöhe an den Wänden, zur Deko. "Omi? Findest du die Aufkleber schön?", fragt Fräulein Chaos verwundert. "Nein,", antwortet Omi, "das war schon an der Wand, als ich hier einzog". Sie läuft zur Küche. Ich bin damit beschäftigt, Herrn Friedlich auszuziehen, deshalb bemerke ich erst ein paar Sekunden später, dass Fräulein Chaos angefangen hat, die Deko-Aufkleber von der Wand zu pulen. Es ist sehr schwer, deshalb hat sie erst eine winzige Ecke abgelöst. Ich werfe mich wie ein Action-Held zur Wand, um weiteres Abpulen zu verhindern: "Neiiiiiiiiiin!" flüster-schreie ich, um sie abzuhalten und Omi, die in der Küche ist, nicht zu alarmieren. "Aber Omi mag das nicht", sagt meine Tochter, verwundert über meine heftige Reaktion. "Ich weiiiiiiiß. Aber das heißt nicht, dass sie möchte, dass es ab ist, Puppe! Wenn sie es abhaben will, macht sie es selbst, ok?" Das Kind nickt und unterlässt das Pulen. Ich habe versucht, nicht zu schimpfen, weil das Abpulen von der Wand völlig nachvollziehbare Kinderlogik war. Was nicht gefällt, kann weg, ist doch klar. Vermutlich wirkte mein panisches Nein und die eindringliche Erklärung danach für meine Tochter aber doch wie schimpfen.

Nun kommen wir ins Wohnzimmer und meine Hoffnung auf Ausruhen zerschellt beim Anblick der vielen kleinen Glaskinkerlitzen, die hier auf kleinen Anrichten stehen. Eine schöne, helle Couch, ein Glastisch, eine Schrankwand mit Glasfenstern. Ein großer Esstisch mit echten Kerzen und Tischdecke. Ich stöhne innerlich. Wo sollen denn hier unsere Kinder spielen? Die bessere Hälfte sieht meinen resignierten Blick und zieht dann mit dem Onkel, der gerade eingetroffen ist, los nach unten in den Keller, um ihre alten Kisten mit Lego und Playmobil zu holen.

Mit den beiden Spielzeugkisten lassen sich die Kinder die kurze Zeit bis zum Essen ablenken und ich entspanne ein wenig. Fräulein Chaos geht zur Toilette und verweilt dort überraschend lang, aber da sie zuhause auch gern mit Wasser spielt, lasse ich sie machen. Als sie sieht, dass ich sie von Weitem durch die offene Tür beobachte, schließt sie sie. Das registriere ich, aber ich beachte es nicht weiter. Ich ahne nichts Böses, warum auch.

Die Omi hat Nudeln gekocht, was ich sehr nett finde. Mit Nudeln kann man wirklich nichts falsch machen. Es gibt sogar zwei verschiedene Saucen, weil die Freundin des Onkels (die allerdings erst später kommt) Vegetarierin ist. Somit können meine Mädchen auch da wählen. Für Herrn Friedlich wähle ich. Er mag bisher keinerlei Fleisch oder Wurst, deshalb fällt mir die Wahl leicht. Ich entspanne noch ein bisschen mehr, als ich mir selbst Nudeln und Sauce auftue. Die Mädchen sitzen nicht direkt bei mir und werden von den anderen Familienmitgliedern bedient. Deshalb bemerke ich auch Fräulein Ordnungs erstes Stocken nicht und werde deshalb von dem Sturm überrascht, der uns allen plötzlich entgegenweht: "DIESE SAUCE IST EKLIG! DIE WILL ICH NICHT!" Ich schaue von meinem Teller auf: Huch? Omi springt auf, um zu deeskalieren und ruft: "Ist gut, ich gebe dir einen neuen Teller." Sie stellt ihn vor Fräulein Ordnung, es werden wieder Nudeln aufgetan. Die Bessere Hälfte fragt das Kind, ob es stattdessen die andere Sauce will oder Nudeln pur. Wütend faucht sie: "DIE ANDERE NATÜRLICH, WAS DENN SONST? DU WEISST DOCH, DASS ICH KEINE BOLOGNESE-SAUCE MAG!" "Ähm, Fräulein Ordnung, du sprichst gerade sehr unfreundlich. Nein, das wissen wir nicht, denn Bolognese Sauce ist ja dein Lieblingsessen", sage ich.

Ich habe schon eine Ahnung, was gerade passiert, aber ich bin tatsächlich zu müde und zu kaputt, um pädagogisch wertvoll zu reagieren. Mir ist klar, dass das hier erst der Anfang ist, ich will es aber nicht wahr haben. Der Onkel schöpft ihr die neue Sauce auf den Teller. Es ist zwar kein Fleisch darin, aber große Stücke Gemüse. "IIIIIHH, DAS ESS ICH NICHT!", kreischt die völlig aufgelöste Fräulein Ordnung. Ich erröte und ärgere mich furchtbar über ihren Befehlston. "Ist gut", sagt die Bessere Hälfte ruhig, "dann esse ich das. Ich habe sowieso noch Hunger. Willst du deine Nudeln pur?" "JA!" grummelt die Tochter. Aus ihren Ohren qualmt es quasi, so sehr ist sie auf 180. Die Omi steht erneut auf und bringt einen neuen Teller, damit ja kein Fitzelchen der schrecklichen Saucen das Kind beleidigen. Ich bewundere ihren Langmut, weiß aber, dass das gerade in dieser Situation das Falsche ist. Ich sage aber nichts, sondern schaufle meine Nudeln in den Mund. Mama muss essen, wenn sie die Chance hat.

Leider hat Omi keinen weiteren Teller des selben Sets mehr, mein Fräulein bekommt einen, der anders als die anderen aussieht. Das ist natürlich schlimm. "WARUM BEKOMME ICH SO EINEN DOOFEN TELLER? DEN WILL ICH NICHT, DER IST HÄSSLICH! ICH WILL DEN RICHTIGEN TELLER. SOFORT!" "Boah, Fräulein Ordnung, nun ist aber mal gut," maule ich mit Nudeln im Mund. Ich weiß, ich muss ihr Gegenwehr geben, sie braucht einen Blitzableiter, um den angestauten Stress des Tages (vor allem den Stress des Zeitsdrucks) loszuwerden. Ich bin so müde. Muss das denn jetzt sein? Ich hatte ja einen Anfall von ihr noch erwartet. Aber hier, am späten Mittagstisch? Ich möchte das jetzt nicht. Nicht vor meiner Schwiegerfamilie.

Muss ich auch nicht, die Bessere Hälfte übernimmt den Fall. Das müde Tochterkind brüllt noch eine Weile rum, isst dann aber irgendwann laut weinend die Nudeln. Weinen ist gut. Ich kümmere mich um die beiden anderen Kinder, die, wie immer wenn ein Geschwisterkind in die Krise gerät, vorbildlich kooperieren. Herr Friedlich und Fräulein Chaos essen anstandslos und unterhalten sich freundlich mit Omi und Onkel. Nach dem Essen will ich schnell, schnell nach draußen. Wir müssen unbedingt auf einen Spielplatz. Die Kinder hatten heute einfach noch gar keine Chance, ihre Energie loszuwerden.

Ich lasse die Bessere Hälfte mit der weiterhin zeternden Fräulein Ordnung zurück und ziehe Herrn Friedlich schon mal Schuhe und Jacke an. Er hilft mit. Fräulein Chaos zieht sich neben uns selbständig an. Dann gehe ich noch mal kurz auf Toilette. Auf dem Klo sitzend bemerke ich ein paar Glitzersteine lose im Waschbecken. Offenbar hat jemand amateurhaft versucht, sie auf diese Weise "loszuwerden". Mir springt die Erinnerung von Fräulein Chaos, wie sie die Badtür vor meinem Blick verschließt, vor das innere Auge. Mein Herz sinkt in den Bauch. Scheiße. Ich suche die Wand ab. Dort gibt es mehrere Reihen von Glitzerstein-Deko, die jemand in mühevoller Kleinarbeit mit der Heißklebepistole angebracht hatte. Eine dieser Reihen fehlt nun. Immerhin ist es nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Fucking hell. Dieser Tag schafft mich.

Ich bin echt wütend, dass meine Kinder mich vor meiner Schwiegermutter so bloß stellen. Im Flur flüster-frage ich Fräulein Chaos, warum sie die Steine abgemacht hätte. Omi hätte sich total viel Mühe damit gemacht und nun sei ihre Arbeit einfach so kaputt gemacht worden! Arbeiten von anderen, bei denen sie sich Mühe gegeben haben, sind mir wirklich heilig - meine Kinder dürfen nicht einmal im Buddelkasten gebaute Burgen zertreten, selbst, wenn der kindliche Architekt schon weg ist. Meine Tochter senkt beschämt den Blick und sagt nichts. Sie schluckt. Leugnen wäre sowieso zwecklos. Ich bin zwar super sauer mit ihr, aber ich will auch nicht, dass sie von der Omi angeranzt wird, deshalb hänge ich die Geschichte nicht an die große Glocke. Ich nehme mir vor, das der Omi nachher selbst zu sagen, ohne Kinder dabei. Ich weiß natürlich, dass es eine "Kleine-Diebe-und-Lügner-Phase" in dem Alter gibt, es also altersadäquates Verhalten ist, aber bisher zeigte sich davon noch nichts bei meinen Töchtern. Heute ist wohl der Anfang dieser Phase. Ich werde zuhause nochmal nachlesen müssen, was genau es damit auf sich hat. Ich erinnere mich nur, dass es normal ist und von allein wieder weg geht.

Ich gehe mit Fräulein Chaos und Herrn Friedlich schon mal runter, damit sie unten ein bisschen auf der Wiese umher laufen können. Sie wählen zum Spielen stattdessen eine dreckige Kellertreppe mit Geländer. Herr Friedlich übt mit mir Treppensteigen, Fräulein Chaos klettert am Geländer und obwohl mich das nervös macht, lasse ich sie. Wir sehen eine Opa Langbein-Spinne und ich erzähle von meinen Experimenten als Kind, als ich an einer ganz ähnlichen Kellertreppe eine ganze ähnliche Spinne fallen lies, um zu gucken, ob sie fliegen kann. Zwischendurch komme ich immer wieder auf die blöden Glitzersteine zu sprechen. Ich sage, dass ich das wirklich schlimm finde, dass sie Omis Arbeit kaputt gemacht hat und ich gar nicht weiß, wie ich es Omi sagen soll. Fräulein Chaos ist ordentlich bedröppelt. "Warum sprichst du immer davon?" fragt sie mich ehrlich verwundert. "Weil mich das so bedrückt," antworte ich. "Ich möchte, dass du weißt, wie doof ich das finde".

Die anderen kommen endlich auch runter. Ich erzähle der Besseren Hälfte leise, was passiert ist und bekomme zur Antwort, dass die Glitzersteinchen, wie die braunen Aufkleber auch, noch von der Vormieterin sind und meine Schwiegermutter diese weder mag noch traurig sei, wenn sie weg sind. Sie hat nur keine Lust, sich die Mühe zu machen, sie selbst abzupulen. Puh! Mir fällt ein Stein vom Herzen. Dann allerdings höre ich, dass der Onkel der Mädchen die Bessere Hälfte gerade oben gefragt hätte, ob unser Erziehungsansatz sei, gar nicht zu erziehen? Ich atme hörbar erregt aus und schaue zum Onkel. Zum wirklich herzensguten, lieben, kinderlosen Professor-Onkel, den ich sehr, sehr gern habe. Ich erinnere mich an einen Streit mit meinem eigenen, heißgeliebten Bruder, der mir ebenfalls einmal eine Erziehungsfrage stellte und ich tödlich beleidigt war, bis wir klären konnten, dass er es gar nicht abwertend, sondern wirklich neutral fragend gemeint hatte. Ich beschließe, dass auch der Onkel  seine Frage bestimmt ohne böse Hintergedanken ernst gemeint hat, aber ein Stich bleibt. Ich habe das Gefühl, heute höllisch als Mutter zu versagen.

Der Weg zu Spielplatz ist weit, was an sich kein Problem ist, denn meine Kinder brauchen ja Auslauf. Leider sind wir in einer sehr kleinen Kleinstadt und was in Berlin erlaubt ist, wird hier nicht gern gesehen. Wenn meine Kinder also auf Mäuerchen balancieren wollen, oder Steine aus Vorgärten mitnehmen wollen, über Beete rennen oder Blätter abpflücken möchten, muss ich sie immer wieder stoppen. "Nein, nicht!" ist der am häufigsten gesprochene Satz heute. Meine Töchter sind verwundert, dass hier plötzlich alles verboten ist. Einen Stein aufzusammeln ist verboten? Ja, weil er dem Menschen gehört, der uns da hinter dem Fenster beobachtet und sich fragt, was wir mit seinen Deko-Dingern machen. Das Blatt von dem Strauch abreißen ist verboten? Ja, weil der Strauch auch jemandem gehört, in dessen Vorgarten er steht. In Berlin stehen die Sträucher einfach so rum und das Grünflächen-Straßenamt interessiert es nicht, ob da ein Blatt fehlt, oder nicht.


Ich merke den Töchtern an, dass sie kurz vorm Platzen sind. Noch mehr gutes Verhalten schaffen sie heute nicht mehr. Sie brauchen dringend mal eine Phase, in der sie rückgemeldet bekommen, dass sie okay so sind, wie sie sind. Sie sind schon absichtlich laut und tun nun so, als würden sie überall Steine aufheben oder Blätter abreißen. Dabei schauen sie uns provozierend an. Sie hören nicht auf uns, wenn wir sie um etwas bitten. Sie rennend kichernd vor uns weg. Natürlich auf den frisch geschnittenen Englischen Rasen, auf dem ein großes "Spielen-verboten"-Schild prangt. Sie antworten frech und in einem Ton, von dem mir die Ohren schlackern. Sie sind, kurz gesagt, klassisch ungezogene Kinder. Sie sind total geladen und ich schwer genervt. Aus meinem Mund kommt nur noch genöhlter Mama-Sprech und weil ich das Gefühl habe, sie hören gar nicht auf mich, werde ich immer lauter. Ich merke, dass meine Kinder sich emotional von mir entfernen. Mit jedem Nein verliere ich den gewohnten Kontakt zu ihnen mehr. Je stärker ich reglementieren will, desto mehr brechen sie aus. Sie kooperieren nicht mehr. Das habe ich so erst einmal erlebt, nämlich in der Zeit der Entthronung nach der Geburt ihres Geschwisterchens - das Gefühl macht mich hilflos, traurig und wütend zugleich. Was für einen Eindruck machen wir nur? Keinen guten, fürchte ich.

So bugsieren wir die Kinder mit einem Nein nach dem anderen zum Spielplatz. Dieser ist eingezäunt. Hier setze ich mich erschöpft auf die Bank und genieße es, dass die Töchter schon im Feen-Spiel versunken sind. Herr Friedlich buddelt. Anderer Kinder kommen und gehen, wir bleiben, damit die Kinder toben können. Ich will hier nicht weg. Hier können sie Kind sein und ich kann sitzen. Omi und Onkel gehen für alle Eis holen und wir genießen die Sonne. Ich lehne mich an die Bessere Hälfte an und ruhe mich aus.

Es wird spät. Abendbrotzeit ist angebrochen. Mir graut es davor, die Kinder nochmal zum Kooperieren und Stillsitzen bringen zu müssen. Ich entscheide mich, lieber meine Schwiegermutter zu brüskieren, als den Kindern das anzutun. Also sage ich, dass die Kinder und ich im Hotel Pommes essen gehen werden und dann dort schnell ins Bett. Die Bessere Hälfte wird mit Bruder und Mutter Abendbrot essen.

Auf dem Weg zum Hotel kommt es zu noch mehr Provokationen. Ich weiß ja, dass sie es heute schwer hatten, aber boah, das nervt! Ich bin innerlich so angespannt, dass ich schon Verfehlungen sehe, wo gar keine sind. Ich sage mittlerweile reflexartig zu allem "Nein!" und "Nicht!" und "Pass auf!" und "Vorsicht!" Ich bin total drin in einem blöden Automatik-Programm von Reglementierungen und kann mich gar nicht mehr stoppen. Überall sehe ich genervte Augen und schüttelnde Köpfe.

Immerhin schaffe ich es, ihnen zu sagen, dass mein Gemeckere nicht an ihnen liegt, sondern daran, dass es hier in der Kleinstadt viele Regeln gibt, die auch Kinder zu befolgen haben. Und dass ich, damit ich in den Augen der anderen eine gute Mutter bin, darauf bestehen muss, dass sie die Regeln einhalten. Dass das in Berlin anders ist und ich ihnen verspreche, dass sie dort wieder auf Mäuerchen balancieren dürfen und ich nicht mehr meckere. Ich entschuldige mich für meinen genervten Ton und sage, dass ich morgen versuchen werde, wieder mehr auf ihre Bedürfnisse zu achten. Sie schauen mich lange an und nicken dann. Ab diesem Moment spüre ich wieder eine Verbindung zu ihnen. Sie ist noch schwach, aber ich klammere mich dankbar daran. Die Mädchen provozieren ab hier tatsächlich nicht mehr absichtlich. Herr Friedlich hängt in der Manduca ab und stillt.

Das Hotel hat ein Restaurant, aber weil dort schon Gäste sitzen, die ich mit meinen Kindern nicht stören will, entscheide ich, dass wir stattdessen daneben in der leeren Hotel-Kneipe essen werden. Pommes gibt es auch dort. Weil Pommes offenbar eine halbe Stunde Kochzeit benötigen, ermuntere ich meine Kinder, durch den leeren Festsaal zu laufen und auf den kleinen eingezäunten Hinterhof zum Spielen zu gehen. Das machen sie. Als das Essen kommt, rufe ich sie zurück. Sie sind schon sehr, sehr müde, deshalb fläzen sie sich auf den Sitzen. Da wir allein sind lasse ich sie machen. Herr Friedlich will keine Pommes, er hatte ja gerade meine Milch. Er nimmt sich aber ein Stück in die Hand und kreiselt durch den Raum. Er gluckst vergnügt. Die Kellnerin kommt und fragt, ob sie für den kleinen Mann einen Hochstuhl bringen soll. Ich verneine freundlich dankend. Herr Friedlich läuft weiter durch den kleinen Kneipen-Raum. Er ist gut drauf.

Kurz nach der Kellnerin kommt die Chefin des Hauses zu mir. Ein wenig entschuldigend sagt sie, sie hätten die Bezüge der Stühle in der Kneipe erst letzte Woche für 3000 Euro erneuern lassen und ob ich nicht den Sohn in den Hochstuhl setzen könne, denn er würde doch vielleicht mit dem Pommes in der Hand Fettflecke verursachen. "Geht klar," seufze ich schicksalsergeben und hebe den protestierenden und sich windenden Herrn Friedlich auf meinen Schoß. Ich gucke zu den Töchtern, die halbliegend auf den 3000-Euro Polstern mit Ketchup getränkte Fettkartoffeln essen. Ich sehe mich schon meine  Haftpflichtversicherung anrufen. "Mädels," sage ich matt, "es tut mir wirklich schrecklich leid, aber ihr müsst euch jetzt nochmal ein letztes Mal zusammenreißen. Die Polster hier sind sehr, sehr teuer und es darf da nix drauf kleckern. Setzt euch mal ordentlich hin." Meine Töchter folgen meiner Bitte, aber ihre Blicke sprechen Bände. Was für ein ätzender Ort. Wir essen schweigend auf und räumen schnellstmöglich das Feld.

Oben im Zimmer schmeißen sich alle Kinder auf die Betten. Ich schalte den Fernseher ein - wir haben keinen zuhause - und suche nach dem Kika. Nach einem solchen Horror-Tag dürfen sie sich ruhig ein bisschen belohnen. Die Mädchen hüpfen durch das Zimmer und auf dem Bett herum. Sie sind laut und wild. Mir egal, ich erziehe heute nicht mehr.

Ich gehe auf den Balkon, um ein wenig durchzuatmen. Der Hof ist ruhig, ein paar Hühner gackern. Ich will gerade zurück ins Zimmer, aber Fräulein Ordnung steht von innen vor der Tür und die Balkontür ist zugeschlossen! "Nun ist es aber genug," poltere ich laut los, "Lass mich sofort rein!" Fräulein Ordnung springt erschrocken vor und hebelt den nur ein bisschen verschobenen Knauf wieder nach oben. Ich bin richtig wütend und will gerade weiterschimpfen. "Aber das war ich gar nicht," unterbricht mich Fräulein Ordnung, "Herr Friedlich wollte zu dir, hat aber die Tür nicht aufbekommen. Dann hat er an der Türklinke angefasst und die verschoben. Ich wollte sie gerade wieder hochmachen, als du losgeschimpft hast". Herr Friedlich kommt freudig quietschend angerannt und wirft sich in meine Arme. "Ach so," sage ich kleinlaut, "dann schimpfe ich doch nicht mit dir, Fräulein Ordnung. Tut mir leid". Was sie sagt klingt plausibel, aber nach all den Geschehnissen heute bleibt ein kleiner Zweifel an ihrer Erzählung. Andererseits habe ich noch nie erlebt, dass sie lügt. Ich bin kurz davor, entweder loszuheulen oder hysterisch zu lachen. Es soll ja Eltern geben, die ständig solche Tage mit ihrem Nachwuchs haben. Wie überleben die das?

Herrn Friedlich mache ich nun im Bad bettfertig und stille ihn dann zum Geräusch des Fernsehers in den Schlaf. Die Trickfilm-Serien sind schrecklich. Laut und grell und schnell geschnitten. Immerhin kommt irgendwann Yakari, damit kann ich leben. Mit Grausen denke ich an das Geburtstagsfest morgen und die anschließende Rückfahrt. In jedem Fall müssen wir uns vorher noch von Omi ein Kinderbuch borgen. Oder zwei. Sicher ist sicher.

Morgen lest ihr meine Analyse, warum dieser Tag so sehr in Schieflage geriet, was 'Erschöpfung des Selbst' bedeutet und warum meine Kinder kompetenter in echter Erholung waren, als ich.

© Snowqueen
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Kommentare:

  1. ��
    Ich leide mit.
    Ich finde das schlimmste an solchen Tagen ist, das man auch weiß das man nicht unschuldig an diesen Situation ist und man sich auch noch über sich selbst ärgert.
    Und so führt eines zum anderen und ein richtig mieser Tag entsteht.
    Kenne solche Tage und finde es aber trotz allem Wissen sehr schwer aus dieser Spirale wieder rauszuholen.
    Und manchmal hilft Zähne zusammenbeißen,schlafen und der nächste Tag wird besser ( oder anders)

    LG

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    1. Das Aussteigen aus der Situation fiel mir auch schwer. Tatsächlich half dann Schlafen und am nächsten Tag lief es viel, viel besser. LG, snowqueen

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  2. Ich muss sagen, bei der Geschichte wären mir die anderen Leute mehr auf den Nerv gegangen, als die Kinder. Ein Stein hier, ein Blatt da... wer deswegen aus dem Fenster grantelt verdient das Magengeschwür dass er davon bekommt. Im Zug ist man natürlich schnell gestört von Kindern, aber dann muss man sich halt umsetzen oder Ohrstöpsel rein. Kinder können nicht anders, aber zu den kreischenden Dauertelefonierern sagt auch keiner was. Es sollte mehr Kabinen geben, sonst ist die Belästigung das Problem der Bahn. Ich finde Familien gehören auch zum Leben, sie sind die Zukünftigen Pensionszahler, nicht eine lästige Randerscheinung in einer Welt für Singles. Deal with it
    Ich empfehle übrigens das Fahrrad-Abteil zum Fangenspielen etc.
    Ich merke immer, wie mein Kleiner das raus lässt was ich runterschlucke. Nach so einer Fahrt würde ich auch am Liebsten in Ruhe auf einer Wiese sitzen. Und die Steine im Bad hätte ich sicher auch angefasst und dann im ersten Moment nach einer Vertuschung gesucht
    Eine super Möglichkeit um "Gestehen und wiedergutmachen" zu lernen.

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    1. Das Fahrradabteil ist ein guter Tipp! Ja... das mit den Steinen und Blättern. Möglicherweise habe ich da überreagiert. Aber die Omi wohnt ja in dem Ort, ist bekannt und ich wollte nicht, dass sie dann hinterher wegen unseres Verhaltens leiden musste. Eigentlich habe ich den ganzen Tag viel zu sehr wegen den vermeintlich (!) unangenehm berührten Fremden reglementiert... LG, snowqueen

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  3. Oh wei, was für eine schreckliche Kleinstadt. Entweder habe ich sowas noch nie erlebt oder bin selbst zu stumpf, um zu realisieren, dass unser Verhalten von allen als unmöglich betrachtet wird.

    Danke für den unterhaltsamen Artikel :)

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  4. Ich finde übrigens nicht, dass du als Mutter versagt hast. Genauso wenig wie Kinder als gute Kinder versagen, wenn sie mal nicht funktionieren, versagen doch auch wir nicht als gute Mütter, wenn mal ein Tag nicht ganz harmonisch abläuft. Vermutlich war das von dir absichtlich überspitzt formuliert, aber ich wollte das nochmal hervorheben. Ich habe zu oft erlebt, wie gute Mütter sich durch zu viel Perfektionismus unter Druck gesetzt haben und sich damit am Ende selbst im Weg standen.

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    1. Es war wirklich absichtlich überspitzt formuliert - ein stilistisches Mittel, um euch zum Lesen zu bewegen ;-). LG, snowqueen

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  5. Hi, ich kenne auch solche Tage, an denen ich selbst auch gar nicht in der Lage bin, aus der Nörgelei rauszukommen. Wenn ich das bei mir merke, weiß ich ganz genau, dass der Tag gelaufen ist. Eigentlich muss ich nur für mich eine Möglichkeit finden, mich wieder "einzukriegen". Dann spielt Kind auch mit. Da muss ich noch was finden.

    Was mich aber auch interessiert: welche Spieleapps hast du denn genommen für deine Kinder? Oder hast du einen Tipp für eine Seite, auf der man gute Apps für ca. 4jährige findet? Ich würde mir gern welche aufs Tablet runterladen...

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    1. Also Apps: Kleine Bauarbeiter (von Fox and Sheep), Pony Style Box (auch Fox and Sheep - ich finde es langweilig, aber meine Töchter lieben es), Fiete Math, Lolas Sudoku, Aschenputtel (Carlsen), Rotkäppchen (Carlsen), 3 Schweinchen (Carlsen), Toca Tailor und Sneak (das geht nicht im Zug...).

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  6. Solche Tage sind furchtbar, aber gehen vorbei. Ich versuche dann immer (wahrscheinlich muttertypisch) in genau den Sekunden oder Minuten zu entspannen, wenn die Kinder das auch tun. Du hast es leider nicht geschafft, aber das ist auch ein Prozess des Lernens wie alles andere. Bei mir hat es auch gedauert und heute denke ich, dann nehmen sie halt den Stein mit oder rupfen das Blatt ab oder rennen in der Bahn rum. Ich gucke mir das dann wohlwollend an und freue mich, dass sie Kinder sind und sich altersentsprechend benehmen. Die anderen Leute schauen auf die anderthalbjährige (ach so süße) Kleine mit Wohlwollen, auf mein großes viereinhalbjähriges Kind manchmal inzwischen nicht mehr so freundlich. Aber dann denke ich, dass sie was sagen können, wenn es sie stört und erst dann reagiere ich und bespreche das mit den Kindern, was der andere Mensch will von ihnen. Wichtig ist mir, dass die Kinder nicht komplett unter Druck stehen und nur Nein hören, sondern auch an solch Ministellen Dampf ablassen können und einfach machen dürfen.

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