Man stelle sich folgenden Dialog zwischen sich liebenden Ehepartnern vor:
Er: „Guten Morgen, Liebling! Räumst du bitte heute den Kleiderschrank etwas auf?“
Sie, leicht irritiert: „Warum?“
Er: „Ich bringe heute Abend eine Frau mit, die ab sofort mit uns zusammenleben wird. Sie braucht Platz für ihre Kleidung. Aber keine Sorge – ich liebe euch beide wirklich gleich! Ab nächste Woche kommen alle unsere Bekannten und Verwandten vorbei, um sie kennenzulernen und ihr ein paar hübsche Geschenke zu machen. Wir werden sehr glücklich zu dritt sein – du kannst dich mit ihr unterhalten und ihr könnt gemeinsam kochen – das wird herrlich!“
Wie würdest du reagieren? Platz schaffen und dem Kennenlernen gespannt entgegenfiebern? Wenn die Frau einzieht – wie gut könntest du dich damit arrangieren? Gar nicht gut? Verständlich! Aber warum erwarten wir etwas, das für uns selbst undenkbar ist, von unseren Kindern ganz selbstverständlich?
Gründe für die Eifersucht
Eifersucht und Rivalität zwischen Geschwistern sind zunächst einmal normal. Geschwister teilen nicht nur Spielzeug und Wohnraum, sondern vor allem die Aufmerksamkeit, Zeit und Zuwendung ihrer Eltern. Wenn ein neues Kind geboren wird, verändert sich deshalb das gesamte Familiengefüge.
Auch aus evolutionspsychologischer Sicht ist Konkurrenz zwischen Geschwistern grundsätzlich plausibel: Kinder waren und sind darauf angewiesen, von Erwachsenen versorgt und geschützt zu werden. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Kinder genetisch darauf programmiert seien, ständig um ihr Überleben oder die Gunst ihrer Eltern kämpfen zu müssen. Geschwistereifersucht entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren – unter anderem Temperament, Entwicklungsstand, Veränderungen im Familienalltag und der Frage, wie Kinder die Aufmerksamkeit und Behandlung durch ihre Eltern wahrnehmen.
Besonders wichtig ist dabei nicht, dass alle Kinder exakt gleich behandelt werden. Geschwister haben unterschiedliche Bedürfnisse. Entscheidend ist vielmehr, ob Kinder die Unterschiede als nachvollziehbar und fair erleben. Studien zeigen, dass wahrgenommene unterschiedliche elterliche Behandlung mit Eifersucht und verschiedenen Belastungen zusammenhängen kann – vor allem dann, wenn sie als ungerecht erlebt wird.
Wie stark Eifersucht ausfällt, unterscheidet sich von Familie zu Familie und von Kind zu Kind. Alter, Entwicklungsstand, Temperament, die konkrete Geschwisterkonstellation und das Verhalten der Eltern können eine Rolle spielen. Pauschale Regeln wie „Bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern ist die Eifersucht stärker“ oder „Bei zwei bis drei Jahren Altersabstand ist sie am größten“ lassen sich jedoch nicht zuverlässig auf einzelne Familien übertragen.
Auch der naturgemäß anfangs sehr intensive Kontakt zwischen Eltern und Neugeborenem kann Eifersuchtsreaktionen auslösen. Das Baby wird viel getragen, gefüttert und versorgt. Für ein älteres Kind kann sich dadurch plötzlich sehr viel verändern. Es möchte sich vergewissern, dass sein eigener Platz in der Familie weiterhin sicher ist. Zur nachgeburtlichen Geschwisterkrise gibt es bei uns einen gesonderten Artikel.
Umgang mit Geschwistereifersucht
Eifersucht lässt sich nicht vollständig vermeiden – und das muss auch nicht das Ziel sein. Kinder dürfen eifersüchtig, wütend oder enttäuscht sein. Hilfreich ist, wenn sie erleben, dass ihre Beziehung zu den Eltern trotz des Geschwisterkindes sicher bleibt.
Eifersucht kann unter anderem entstehen, wenn ein Kind das Gefühl bekommt, weniger gesehen, weniger wichtig oder ungerecht behandelt zu werden. Dabei ist nicht allein der Blickwinkel der Eltern entscheidend. Selbst wenn wir selbst überzeugt sind, allen Kindern gerecht zu werden, kann eines unserer Kinder die Situation anders erleben.
Gerechtigkeit bedeutet übrigens nicht, immer alles exakt gleich zu verteilen. Ein Baby braucht andere Unterstützung als ein Fünfjähriger und ein Teenager andere Freiheiten als ein Grundschulkind. Unterschiede werden für Kinder eher nachvollziehbar, wenn ihre eigenen Bedürfnisse ebenfalls ernst genommen werden und Eltern erklären, weshalb in einer Situation unterschiedlich gehandelt wird.
Die geschwisterliche Beziehung beginnt mit der Geburt. Vorher ist es sinnvoll, keine falschen Erwartungen zu wecken. Das Geschwisterchen sollte nicht als neuer Spielkamerad angekündigt werden – die Enttäuschung über das kleine ständig schreiende oder schlafende Bündel, auf das man immer wieder Rücksicht nehmen muss, kann sonst groß sein.
Dem künftigen Geschwisterkind kann ruhig erklärt werden, dass die ersten Wochen anstrengend sein können, dass Babys viel schlafen und schreien können und sehr viel Hilfe brauchen.
Viele Kinder möchten beim Wickeln zuschauen, Kleidung aussuchen oder beim Baden helfen. Wer möchte, darf einbezogen werden. Dabei sollte aus der Mithilfe allerdings keine Pflicht werden. Das ältere Kind ist Geschwister und nicht für die Versorgung des Babys verantwortlich.
Bücher zur Vorbereitung auf das Geschwisterchen
Zur Vorbereitung gibt es viele schöne Bilderbücher. Besonders ans Herz legen wollen wir dir natürlich unser Bilderbuch „Baby ist da“.
Ein Geschenk für das Geschwisterkind?
Manche Eltern erwägen, dem älteren Geschwisterkind – quasi im Namen des Neuankömmlings – ein Geschenk zu machen. Wenn sich das für die Familie gut anfühlt, spricht nichts dagegen. Notwendig ist ein solches Geschenk allerdings nicht.
Wir haben unserer großen Tochter damals eine Babypuppe mit Funktionen geschenkt. Mit dieser konnte sie viele Handlungen mit dem Baby nachspielen – so stillten wir gemeinsam unsere „Kinder“. Sie war total begeistert und dankte ihrem Bruder immer wieder für das tolle Geschenk. Wenn ich ihn wippend umhertrug, lief sie mir mit ihrer Puppe im Arm hinterher – wir fühlten uns trotz des neuen anstrengenden „Drittens“ miteinander verbunden.
Das Umfeld einbeziehen
Gerade in der ersten Zeit kann es hilfreich sein, auch Verwandte und Freunde darauf hinzuweisen, das ältere Kind nicht aus dem Blick zu verlieren. Für ein Baby ist es meist nicht entscheidend, wer beim Besuch zuerst begrüßt wird. Das größere Kind bemerkt dagegen sehr genau, wenn plötzlich alle Erwachsenen ausschließlich das Baby bestaunen.
Das bedeutet nicht, dass das ältere Kind grundsätzlich immer zuerst begrüßt oder genauso viele Geschenke bekommen muss wie das Baby. Viel wichtiger ist, dass es weiterhin erlebt: Ich werde gesehen. Ich bin wichtig. Die Menschen, die vorher eine Beziehung zu mir hatten, interessieren sich immer noch für mich.
Kinder reagieren auf die Geburt eines Geschwisterkindes sehr unterschiedlich. Manche sind offen eifersüchtig und wütend, andere wirken zunächst begeistert und zeigen erst später, dass ihnen die Veränderung schwerfällt. Es ist deshalb hilfreich, auch negative Gefühle ausdrücklich zu erlauben. Ein Kind darf sein Geschwisterchen lieben und es manchmal trotzdem richtig blöd finden.
Für ältere Kinder kann die Geburt des Babys eine große Umstellung sein
Über die ersten Wochen nach der Geburt eines Geschwisterchens und die sogenannte Entthronung von Erstgeborenen haben wir einen eigenen ausführlichen Artikel: Die nachgeburtliche Geschwisterkrise – wenn ältere Kinder entthront werden.
Gerade jüngere Kinder zeigen nach der Geburt eines Geschwisterchens manchmal wieder Verhaltensweisen, die sie eigentlich schon abgelegt hatten. Ein Kind möchte vielleicht wieder eine Windel tragen, aus einer Flasche trinken oder besonders häufig getragen werden. Solche vorübergehenden Regressionen können in Umbruchphasen vorkommen und sind zunächst kein Grund zur Sorge.
Man muss das Kind dafür nicht beschämen oder mit „Du bist doch schon groß“ unter Druck setzen. Wenn es möglich und unproblematisch ist, darf man solche Wünsche eine Weile zulassen. Gleichzeitig kann das Kind selbstverständlich erleben, was es inzwischen schon alles kann und welche Möglichkeiten ihm sein Alter eröffnet.
Man sollte immer wieder die individuellen Stärken der Kinder wahrnehmen. So erlebt jedes Kind, dass es als eigene Persönlichkeit gesehen wird. Kinder können außerdem altersgerecht Aufgaben übernehmen, wenn sie das möchten, und so zum Familienalltag beitragen.
Jedes Kind sollte darüber hinaus immer wieder Gelegenheit haben, Zeit allein mit seinen Eltern zu verbringen. Das müssen keine stundenlangen Unternehmungen sein. Häufig sind kleine, verlässliche Momente im Alltag mindestens genauso wertvoll.
Was man vermeiden sollte
Geschwistereifersucht sollte nicht mit Ärger oder Beschämung beantwortet werden. Hinter ihr können Unsicherheit, Frust und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit stehen. Will ein Kind nach der Geburt des Babys plötzlich wieder selbst „Baby“ sein, helfen Vernunftsargumente wie „Du bist doch schon groß“ deshalb häufig wenig.
Geschwister sollten außerdem möglichst wenig miteinander verglichen werden. Sätze wie „Das Baby konnte viel früher laufen als du“ erzeugen leicht Konkurrenz. Auch scheinbar positive Vergleiche wie „Als du so alt warst, konntest du das längst“ machen aus Unterschieden schnell einen Wettbewerb.
Sinnvoller ist es, die Kinder nicht gegeneinander zu bewerten. Jedes Kind darf unterschiedliche Stärken, Schwächen, Interessen und Entwicklungsgeschwindigkeiten haben.
Auch beim Besitz brauchen Kinder Grenzen. Das ältere Kind muss nicht plötzlich alle eigenen Spielsachen mit dem Baby teilen. Bestimmte Dinge dürfen eindeutig einem Kind gehören.
Dem sind wir zum Beispiel aus dem Weg gegangen, indem wir das Babyspielzeug früh weggepackt haben, sodass sich unsere Tochter später kaum noch daran erinnerte, dass es ihr einmal gehört hatte. So gab es Spielzeug nur für das Baby und Spielzeug nur für das größere Kind. Teilen durfte sie freiwillig.
Wenn das Baby mit dem Spielzeug der Großen spielen wollte, habe ich zunächst „übersetzt“. Verlangte der Kleine vehement eines ihrer Spielzeuge, mit dem sie gerade spielte, bat ich sie manchmal, eine attraktive Alternative für ihn herauszusuchen. Damit war er meist zufrieden und beide konnten weiterspielen.
Für gemeinsames Spielzeug galt bei uns die einfache Regel: Wer es zuerst hat, spielt zunächst damit. Das klappte erstaunlich unkompliziert.
Streit zwischen Geschwistern
Streit zwischen Geschwistern gehört zum Familienleben. Kinder können dabei lernen, ihre Wünsche auszudrücken, zu verhandeln, Perspektiven anderer kennenzulernen und Lösungen für Konflikte zu finden.
Daraus folgt aber nicht, dass Eltern grundsätzlich erst eingreifen sollten, wenn „die Fäuste fliegen“. Wie viel Unterstützung Kinder brauchen, hängt stark von ihrem Alter, ihren Fähigkeiten und der jeweiligen Situation ab.
Bei einem kleinen Streit zwischen ähnlich starken Kindern kann man ihnen durchaus Zeit geben, selbst eine Lösung zu finden. Wird ein Kind körperlich verletzt, bedroht oder dauerhaft übergangen, herrscht ein deutliches Machtgefälle oder kommen die Kinder aus eigener Kraft nicht weiter, brauchen sie Unterstützung.
Wird um einen Gegenstand gestritten, kann man die Kinder zunächst fragen: „Habt ihr eine Idee, wie ihr das lösen könnt?“ Kinder entwickeln tatsächlich oft erstaunlich gute Kompromisse, wenn Erwachsene ihnen nicht sofort eine fertige Lösung vorsetzen.
Auch die alte Regel „Ergreife niemals Partei“ würde ich nicht absolut sehen. Eltern müssen nicht zum Richter werden und entscheiden, wer der „Böse“ war. Aber ein Kind, das gerade geschlagen oder eingeschüchtert wird, braucht selbstverständlich Schutz. Sicherheit und Grenzen sind wichtiger als demonstrative Neutralität.
Wenn ein Eingreifen notwendig ist, können anschließend möglichst alle Beteiligten schildern, was aus ihrer Sicht passiert ist. Oft hilft es, gemeinsam zu überlegen, wie es jetzt weitergehen kann.
Wenn du dich ausführlicher damit beschäftigen möchtest, wie Eltern Geschwisterstreit begleiten können, ist „Hilfe, meine Kinder streiten“ von Adele Faber und Elaine Mazlish sehr lesenswert.
Mehr zum Thema findest du außerdem in unserem Geschwisterbuch.
Passend dazu in unserem Podcast
Besonders passend zu diesem Artikel ist unsere Podcastfolge „Geschwister begleiten – Liebe, Streit, Fairness und Zusammenhalt“ mit Dr. Martina Stotz. Wir sprechen darin darüber, warum Rivalität zwischen Geschwistern normal ist, was hinter Eifersucht und Machtkämpfen steckt und wie Eltern begleiten können, ohne jeden Streit für ihre Kinder lösen zu müssen.
Auch unsere ältere Folge „Geschwister – eine ganz besondere Liebe“ mit Jan-Uwe Rogge passt sehr gut. Darin geht es unter anderem darum, warum Geschwister nicht gleich behandelt werden müssen und wie Eltern jedem Kind gerecht werden können.
Quellen und Literatur
Adele Faber und Elaine Mazlish: Hilfe, meine Kinder streiten – Wie Sie Geschwistern helfen, einander zu respektieren
Nadine Hilmar: Hand in Hand – Geschwisterbeziehungen verstehen und begleiten
© Danielle