Warum Kinder petzen - und wie Eltern damit umgehen können

"Mama, der Max hat mich mit Sand beworfen!"

Petzen irritiert Eltern oft sehr, gilt doch der Verrat von anderen als feige und selbstdarstellerisch. Doch kleine Kinder denken sich meist gar nichts dabei. Sie wollen eine Beobachtung mitteilen, Aufmerksamkeit erhalten, überprüfen, ob eine Regel tatsächlich gilt, oder Unterstützung bekommen.

Kind erzählt seiner Mutter von einem Konflikt mit einem anderen Kind

Warum Kinder petzen

In einer Studie der Universität Potsdam haben die Psychologinnen Elisabeth H. Flitner und Renate Valtin unter anderem untersucht, wie 5- bis 6-Jährige Petzsituationen einschätzen. Ihnen wurde ein Film vorgespielt, in dem ein Mädchen namens Rosa ihrer Freundin Katja gesteht, dass sie trotz eines ausdrücklichen Verbots der Eltern heimlich geraucht hat. Im Film kommt anschließend Katjas Mutter in das Zimmer und fragt, ob die Mädchen etwas angestellt hätten. Katja erzählt ihr von Rosas Raucherei. Die Mutter reagiert seufzend mit "Aber Katja".

Erwachsene erkennen darin schnell eine Rüge für das Petzen. Die 5- bis 6-jährigen Kinder, die zu dem Film befragt wurden, schätzten die Situation anders ein. Fast alle waren sich sicher, dass die Mutter nicht das Petzen, sondern das Rauchen rügte. Einige vermuteten, die Mutter hätte die Namen verwechselt, andere meinten, die Mutter würde denken, dass Katja lügt. Offenbar empfanden die Kinder Katjas Mitteilung über Rosas Vergehen nicht als negativ oder rügenswert.

Mit zunehmendem Alter verändert sich die Bewertung solcher Situationen. Kinder beginnen stärker zu berücksichtigen, welche sozialen Folgen es haben kann, das Fehlverhalten eines anderen weiterzuerzählen. Dabei spielt auch die Loyalität gegenüber Freunden eine immer größere Rolle. Gerade jüngere Kinder betrachten das Melden eines Regelverstoßes dagegen häufig als durchaus angemessen. Es hat daher wenig Sinn, ein kleines Kind pauschal für das Petzen zu rügen. Oft verfolgt es damit eine ganz andere Absicht, als Erwachsene vermuten (siehe auch unseren Artikel zur Empathie).

Im Kleinkind- und Vorschulalter kommen verschiedene Motivationen in Betracht:

"Schau, der Noah wirft mit Sand! Das darf man nicht!" Oft dient das Petzen dazu, Regelsysteme zu prüfen. Lautstark vermeldet werden Handlungen von anderen, von denen das Kind weiß, dass es sie selbst nicht ausführen soll. Mit der Mitteilung an Erwachsene will das Kind nicht unbedingt erreichen, dass der vermeintliche Übeltäter bestraft wird. Es überprüft beispielsweise, ob für das andere Kind dieselben Regeln gelten wie für es selbst. Oder es will signalisieren: Ich habe die Regeln verstanden und erkenne, wenn jemand dagegen verstößt.

Petzen kann auch eine Möglichkeit sein, Aufmerksamkeit zu erlangen. Erwachsene reagieren auf Petzereien oft ausführlich und emotional. Kinder merken schnell, welche Verhaltensweisen zuverlässig eine Reaktion hervorrufen. Insbesondere bei Geschwisterrivalität kann das eine Rolle spielen.

Oft ist vermeintliches Petzen jedoch schlicht ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Das Kind kommt mit einer Situation nicht zurecht und erhofft sich Unterstützung. Schon deshalb lohnt es sich, zunächst herauszufinden, warum das Kind etwas erzählt, bevor man sein Verhalten bewertet.

Wie man mit dem Petzen umgehen sollte

Untersuchungen von Vorschulkindern zeigen, dass deren Berichte über Regelverstöße häufig der Wahrheit entsprechen. Trotzdem wird das Erzählen über das Verhalten anderer von Erwachsenen schnell negativ bewertet. Ein pauschales "Hör auf zu petzen" hilft gerade jüngeren Kindern wenig, weil ihnen häufig gar nicht klar ist, welches Verhalten die Erwachsenen eigentlich kritisieren. Möglicherweise wollten sie lediglich eine Regel überprüfen oder Hilfe bekommen.

Geht es beim Erzählten um die Einordnung des Verhaltens anderer in Regelsysteme ("Der Kai hat der Katze am Schwanz gezogen"), reicht meist ein "Stimmt, das soll er nicht machen", um das Kind zufriedenzustellen. Gibt das Kind keine Ruhe, kann man fragen: "Warum sagst Du mir das? Was möchtest Du, dass wir jetzt tun?" Oft sind die Antworten ganz andere, als man zunächst vermutet.

Betrifft der Sachverhalt das Kind selbst ("Ich darf nicht mitspielen", "Der hat mein Spielzeug weggenommen"), sucht es häufig Unterstützung. Die sollte ihm nicht mit dem Hinweis verweigert werden, es müsse seine Konflikte allein lösen. Wie viel Hilfe ein Kind benötigt, hängt von seinem Entwicklungsstand, der konkreten Situation und den beteiligten Kindern ab.

Natürlich müssen Erwachsene eingreifen, wenn ein Kind verletzt wird, bedroht ist oder ein deutliches Machtgefälle besteht. Bei kleineren Konflikten können sie dagegen zunächst zuhören und das Kind dabei unterstützen, selbst eine Lösung zu finden. Man kann beispielsweise fragen: "Was könntest Du jetzt sagen?" oder einen konkreten Satz anbieten: "Sag Anna, dass du das nicht möchtest und dir das weh tut."

Kind erzählt einem Erwachsenen von einem Vorfall auf dem Schulhof

Mit zunehmendem Alter entwickeln Kinder ein differenzierteres Verständnis davon, wann das Weitererzählen eines Regelverstoßes richtig ist und wann Loyalität gegenüber anderen eine Rolle spielt. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass ältere Kinder stärker zwischen geringfügigen und schwerwiegenden Regelverstößen unterscheiden. Bei älteren Kindern ist es deshalb besonders sinnvoll, zunächst zuzuhören und nachzufragen.

Durch das Zuhören fühlen sich Kinder angenommen und ernst genommen und bekommen Gelegenheit, Ängste und Befürchtungen zu äußern. Sinnvoller als eine schnelle Bewertung ist es, die Motivation zu ergründen. Außerdem kann das Kind den Sachverhalt noch einmal durchdenken und mit Unterstützung eigene Lösungsansätze finden, was das Selbstvertrauen stärken kann. Schon die Frage "Und was denkst Du, könntest Du nun machen?" kann dabei helfen.

Es kommt natürlich auch vor, dass ein Kind etwas erzählt, weil es sich davon einen Vorteil verspricht oder möchte, dass ein anderes Kind Ärger bekommt. Auch dann lohnt sich die Frage: "Warum sagst Du mir das? Was möchtest Du, dass jetzt passiert?" So wird die Motivation sichtbar, ohne sie dem Kind von vornherein zu unterstellen.

Manche Dinge müssen und sollen erzählt werden

Hört ein Kind immer nur "Das will ich gar nicht hören" oder "Petzen ist nicht nett", kann es lernen, dass Erwachsene grundsätzlich nichts davon wissen möchten, wenn andere etwas getan haben. Das ist problematisch. Denn Kinder müssen wissen, dass sie sich mit Dingen, die ihnen Angst machen, unangenehm sind oder bei denen jemand in Gefahr ist, jederzeit an eine vertraute erwachsene Person wenden dürfen.

"Lena klettert gerade auf den wackeligen Tisch" ist keine Information, die ein Kind für sich behalten sollte. Ebenso wenig sollten Kinder schweigen, wenn ihnen selbst oder einem anderen Kind etwas geschieht, das sich falsch, beängstigend oder unangenehm anfühlt.

Besonders wichtig ist diese Botschaft für den Schutz vor sexualisierter Gewalt. Täterinnen und Täter können versuchen, Kinder durch Geheimnisse und Schweigegebote davon abzuhalten, anderen von Übergriffen oder Grenzverletzungen zu erzählen. Kinder sollten deshalb wissen: Wenn jemand sagt "Das darfst du deinen Eltern auf keinen Fall erzählen", dürfen und sollen sie es gerade dann einer vertrauten Person erzählen.

Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen Überraschungen und Geheimnissen, die sich unangenehm oder beängstigend anfühlen. Eine Geburtstagsüberraschung wird nur für eine begrenzte Zeit nicht verraten und am Ende erfahren alle davon. Ein Geheimnis, das Angst macht, belastet oder bei dem jemand verlangt, dass ein Kind dauerhaft schweigt, darf immer erzählt werden.

Statt also immer wieder darauf hinzuweisen, wie "böse" das Petzen sei, lohnt es sich, die jeweilige Situation anzuschauen. Warum erzählt das Kind etwas? Braucht es Hilfe? Will es wissen, ob eine Regel gilt? Ist jemand in Gefahr? Oder möchte es tatsächlich erreichen, dass jemand anderes Ärger bekommt?

Wer zunächst zuhört, vermittelt seinem Kind außerdem eine wichtige Botschaft: Du kannst mit Dingen zu mir kommen, die dich beschäftigen. Ich höre dir zu und wir schauen gemeinsam, was zu tun ist.

Literatur

Flitner, Elisabeth; Valtin, Renate: “Kannst du schweigen wie ein Grab?” Über die Bedeutung von Geheimnissen für Kinder, in Valtin, Renate: Mit den Augen der Kinder. Freundschaft, Geheimnisse, Lügen, Streit und Strafe.

Ingram, Gordon P. D.; Bering, Jesse M.: Children’s Tattling: The Reporting of Everyday Norm Violations in Preschool Settings. Child Development, 81 (3), 2010, S. 945–957.

Gordon, Thomas: Familienkonferenz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind, Heyne-Verlag

Bronson, Po: 10 schockierende Wahrheiten über Erziehung: Was eine Stunde Schlaf mit ADS zu tun hat, warum Sie Ihr Kind besser nicht loben sollten und warum besonders gut gemeinte Erziehung keine 'Engel' produziert, Riemann Verlag

© Danielle