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"Keine Kinder sind auch keine Lösung" - Nina Katrin Straßner (Juramama)

Die Urschrift des (un)begnadeten Erstlingswerks
Als ich etwa 14 Jahre alt war, nahm ich ein Notizbuch und schrieb einen Masterplan für mein Leben bis 30. Bis dahin wollte ich die vermeintlich wichtigsten Dinge im Leben erledigt haben. Etwa zwanzig Punkte umfasste diese Liste. Von "Haare abrasieren" (da fehlte der Mut)  über eine "Reise nach Japan" (die ich mit 28 Jahren tatsächlich abhaken konnte) und "eine Radiosendung moderieren" (leider nicht geschafft, aber prompt auf die Liste für "Things you should do before you die" gesetzt), stand auch "ein Buch schreiben" drauf. Meine schriftstellerische Karriere begann sehr vielversprechend - mit 15 Jahren gewann ich völlig überraschend einen großen Medienwettbewerb in der Kategorie "Journalistik" - mein Text war (sogar, haha) in der Bild abgedruckt.

Enthusiastisch schrieb ich in wochenlanger Arbeit einen wirklich begnadeten Liebesroman - "Radio Love" erzählte die unfassbar romantische Geschichte von Danielle und Arno... Ähnlichkeiten zu existierenden Personen waren nicht zufällig und ganz und gar beabsichtigt. Mein Herz und meine Finger glühten - denn ich schrieb natürlich mit der Hand, einen Computer gab es 1995 in den meisten Haushalten noch nicht. Mein "Roman" umfasste etwa 50 Normseiten und leider musste ich nach relativ kurzer Zeit schon ganz nüchtern eingestehen, dass er einfach ganz grauenvoll schlecht war. Ich schrieb nicht mitreißend. Nicht spannend. Nicht lustig. Ich schrieb, wie es verliebte 16-Jährige tun. Schlecht halt. Meine schriftstellerische Karriere legte ich daher kurzentschlossen auf Eis und konzentrierte mich auf andere Dinge.

Als ich 30 Jahre alt wurde, hatte ich immer noch kein Buch geschrieben, war aber gerade recht schwanger mit meinem gewünschtesten Wunschkind (was seltsamerweise nicht auf der Liste meines 14-jährigen Ichs gestanden hatte). Dieses Kind führte nach einiger Zeit zu diesem Blog und der ein oder andere hat es mitbekommen - der Blog hat dann tatsächlich ein ganz wunderbares Buch hervor gebracht. Zwar mit ganzen 7 Jahren Verspätung, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein: ein Teil-Lebensziel mit doch beachtlichem Erfolg erreicht. Ich schreibe zwar über interessante Dinge, aber immer noch
nicht mitreißend (das macht Snowqueen um Welten besser),
nicht spannend (was Themen wie Babybrei oder Sonnencreme leider auch einfach nicht hergeben),
nicht lustig.

Leider gar nicht lustig - das ist definitiv eine Fähigkeit, die mich beim Blick auf andere Blogger|innen (natürlich wohlwollend) neidisch erblassen lässt.Patricia Camerata ("Das Nuf") hat ein super witziges Buch geschrieben - "Sehr gerne, Mama du Arschbombe", bei dem ich wirklich schallend gelacht habe (was besonderen Spaß in der Hauptverkehrszeit der Berliner S-Bahn macht). Auch Christian Hannen von Familienbetrieb hat mit "Wenn´s ein Junge wird, nennen wir es Judith" ein Erstlingswerk hingelegt, dessen Humor genau meinen Nerv trifft. Vor ein paar Wochen erschien nun endlich "Keine Kinder sind auch keine Lösung" von Nina Katrin Straßner - besser bekannt als die Juramama. Der Blog gehört schon lange zu meinen absoluten Favoriten, weil er auf einzigartige und sehr lustige Weise genau das verbindet, was in meinem Leben eine große Rolle spielt: Mamasein, Recht und Bloggen. Umso mehr habe ich mich auf das Buch gefreut - und ich wurde nicht enttäuscht!

Das Buch


"Keine Kinder sind auch keine Lösung" ist ein rundum gelungenes Gesamtwerk, das autobiografisch angehaucht das für die meisten Menschen ziemlich trockene und langweilige Recht ums Elternsein auf unterhaltende Art und Weise so aufbereitet, dass man nicht nur lachen, sondern auch jede Menge lernen kann. Wir erfahren zum Beispiel, welche Flunkereien in Vorstellungsgesprächen erlaubt sind und wie wenig vereinbar in Deutschland noch immer Familie und Arbeit sind.

Nina erzählt auch von der Geburt des Babys ihrer Freundin Luise und greift dabei ein momentan viel diskutiertes und leider immer noch von der Politik vollkommen unbeachtetes Problem auf - die Schließung von Kreißsälen und dem immer schlimmer werdenden Mangel an Hebammen.

Auch die künstliche Befruchtung wird behandelt - ein Thema, das mich mitten ins Herz trifft, weil es auch meine Familie betraf. Trotz der viel beklagten niedrigen Geburtenzahlen werden unfruchtbare Paare mit ihrem Kinderwunsch noch immer gnadenlos allein gelassen. In Deutschland müssen Paare pro Versuch ungefähr 2.500 EUR selbst bezahlen, weil die Krankenkasse nur noch drei Versuche zur Hälfte bezuschussen. Wenn man keinen Trauschein vorweisen kann, dann darf man gleich die Kosten selbst tragen. Wie unsinnig diese Politik ist und warum das Embryonenschutzgesetz dann noch dafür sorgt, dass wir dann nicht mal die größtmögliche Chance nutzen können, ist ebenso informativ, wie interessant.

Im Kapitel "Bevor ich mich jetzt aufrege, isses mir lieber egal" geht es dann um Dinge, die nerven - und ob Menschen, die von Kindern genervt sind, diese auch aus ihrem Biergarten werfen dürfen. Sind kinderfreie Zonen rechtlich zulässig? Und erlaubt uns das Grundgesetz zu sagen, dass wir Kinder total doof finden? Interessante Fragen und Gedanken - und auch Inspirationen für die eigene allgemeine Lebensführung:
"Mein Lieblingsurteil als Schwäbin ist ja das des Amtsgericht Ehingen aus dem Jahr 2009. Der Ausspruch des Beschuldigten, "Leck mich am Arsch", stellte nach Ansicht des Richters im schwäbischen  Sprachgebrauch keine strafbare Beleidigung dar. "Leck mich am Arsch" sei zwecks "Beendigung eines Gesprächs oder Zurückweisung einer als Zumutung empfundenen Bitte" im Schwabenland gesellschaftlich akzeptiert" (S. 135)
Außerdem erfahren wir, wie viel Lärm Kinder machen dürfen und was als Vernachlässigung der Aufsichtspflicht gilt.


"Teleshopping für Arschgeigen" erzählt die Geschichte einer Mandantin, die gekündigt wurde, als sie schwanger war. Es geht darum, wie männliche Kollegen erbärmliche Tipps für Arbeitgeber haben, damit sie schwangere Arbeitnehmerinnen effizient "vermeiden" und wie befristete Arbeitsverträge die Fortpflanzungsbereitschaft in Deutschland deutlich einschränken.

Ein weiteres Kapitel dreht sich um die neumodischen Männer - ihr wisst schon: solche, die tatsächlich freiwillig Elternzeit nehmen. Und Kinder wickeln. Und gerne Zeit mit ihren Kindern verbringen. Die haben heutzutage noch immer gravierende Nachteile im Job zu befürchten. Unter dem Stichwort #RegrettingFatherhood wird eine Trennung mal aus der Perspektive alleinerziehender Väter betrachtet - das macht sehr schmerzlich bewusst, wie wir die Lage alleinerziehender Mütter teilweise für vollkommen normal halten, obwohl sie uns außerordentlich empören müsste. Wir erfahren außerdem, was wir bei der Beantragung von Elternzeit beachten müssen und welche Konsequenzen sich bei einer Scheidung ergeben und welche sehr viel besseren Lösungen es für die Elternzeit in Deutschland gäbe (Nina wäre eigentlich in der Politik viel besser aufgehoben).

Dem Internet und seinen Gefahren ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet - ebenso, wie den Klischees, mit denen Frauen heutzutage immer noch zu kämpfen haben und die Genderisierung, die nach wie vor weder vor Kindersocken noch Joghurtpackungen halt macht.

Dieses Buch prangert auf wunderbare humorvolle Weise - aber dabei absolut schonungslos all die Themen an, die in Deutschland in Bezug auf Kinder und Familie schief laufen. Eine einzigartige Gesellschaftskritik, die sehr pointiert auf den Punkt bringt, warum Familie und Beruf eben nicht vereinbar sind, Deutschland weiter Weltmeister im Nicht-Kinder-Kriegen bleibt und wie die Gesellschaft uns das Kinderhaben sonst noch schwer macht. Und ganz nebenbei erfahren wir noch auf außerordentlich unterhaltsame Weise jede Menge über rechtliche Fakten und Fallstricke in Bezug auf das Elterndasein. "Keine Kinder sind auch keine Lösung" ist - man kann es recht kurz und einfach zusammenfassen - einfach super lustig und wirklich wunderbar. Liebe Nina - vielen Dank dafür!

(Diese Rezension ist eindeutig von der persönlichen Zuneigung der Verfasserin zur ihr leider noch persönlich unbekannten Autorin beeinflusst, die Amazonrezensionen bestätigen aber freundlicherweise den wirklich ausgezeichneten Eindruck neutraler Leser|innen ;-).

© Danielle


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Kommentare:

  1. Herrlich!!! Danke für den Tipp, ich habe den Blog von Juramama nicht gekannt und hab ihn nur kurz überflogen und bin bei Bullshit Bingo schon lachend zusammen gebrochen. :)))

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  2. Nachdem ich mir den Blog kurz angeschaut habe, habe ich mir das Buch direkt bestellt! Es ist so lustig geschrieben und trägt dabei so viel Wahrheit darin! Ich bin nicht einmal bei der Hälfte, bin aber jetzt schon endlos begeistert! Danke für die Empfehlung.

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  3. Ich möchte bitte noch mehr als nur diese eine Seite von Arno und Danielle lesen!

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