Das patriarchale Mutterbild - warum Gleichberechtigung in Familien scheitert - Podcast mit Hanna Drechsler

Viele Mütter haben das Gefühl, ständig zu kurz zu kommen. Sie sind erschöpft, fühlen sich verantwortlich für alles und zweifeln dennoch an sich selbst. Oft wird das als individuelles Problem verstanden, als Frage von Organisation, Belastbarkeit oder persönlicher Haltung. Doch diese Sicht greift zu kurz. Hinter vielen Erfahrungen von Überforderung steckt ein tief verankertes Bild von Mutterschaft, das nicht zufällig entstanden ist, sondern historisch gewachsen und gesellschaftlich wirksam geblieben ist.

Das patriarchalische Mutterbild prägt bis heute, was als gute Mutterschaft gilt. Es stellt Mütter als selbstverständlich zuständig dar, emotional verfügbar, aufopfernd, bescheiden und belastbar. Diese Erwartungen werden selten offen formuliert, sie wirken subtil und dauerhaft. Mütter müssen sie nicht erklärt bekommen, sie spüren sie in Blicken, Kommentaren und inneren Stimmen. Genau darin liegt ihre Macht. Das Ideal wirkt nicht über klare Regeln, sondern über Schuldgefühle, Scham und Selbstzweifel.

Historisch ist dieses Mutterbild eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden. Es entstand in einem System, das Frauen an den privaten Raum band und ihre Arbeit unsichtbar machte. Mutterschaft wurde idealisiert, zugleich aber entwertet. Die emotionale und organisatorische Arbeit von Müttern galt als selbstverständlich und wurde nicht als Leistung anerkannt. Diese Logik wirkt bis heute fort, auch wenn sich Lebensrealitäten verändert haben.

Im Alltag zeigt sich das patriarchalische Mutterbild vor allem über Zuständigkeit. Mütter behalten den Überblick, denken voraus, fühlen mit, organisieren und gleichen aus. Auch in Partnerschaften, die Gleichberechtigung anstreben, bleibt diese mentale und emotionale Verantwortung häufig bei den Müttern. Nicht, weil sie es besser könnten, sondern weil ihnen diese Rolle gesellschaftlich zugeschrieben wird. Wer zuständig bleibt, gibt Verantwortung nicht wirklich ab. Care-Arbeit lässt sich so nicht gleichberechtigt teilen.

Mütter erleben diese dauerhafte Zuständigkeit als Erschöpfung und innere Distanz zu sich selbst. Wer immer alles im Blick haben muss, verliert oft den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen. Mental Load ist nicht nur eine Frage von Aufgaben, sondern von innerer Verpflichtung. Die ständige Verfügbarkeit führt nicht selten zu dem Gefühl, sich selbst zu verlieren. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, persönlich zu versagen, wenn die Belastung zu groß wird.

Genau hier zeigt sich, warum das patriarchalische Mutterbild ein strukturelles Problem ist. Frauen scheitern nicht an ihren individuellen Fähigkeiten, sondern an Erwartungen, die kaum erfüllbar sind. Solange Mutterschaft mit weiblicher Aufopferung verknüpft bleibt, kann Gleichberechtigung in Familien nicht gelingen. Auch gut gemeinte Appelle zu besserer Organisation oder fairerer Aufteilung greifen zu kurz, wenn die grundlegenden Bilder von Zuständigkeit unangetastet bleiben.

Mutterschaft feministisch zu denken bedeutet, diese Bilder infrage zu stellen. Es geht nicht darum, noch mehr zu leisten oder alles richtig zu machen. Es geht darum, weniger zu müssen. Feministische Mutterschaft stellt Selbstverbindung über Selbstoptimierung. Sie fragt nicht zuerst, wie Abläufe effizienter werden, sondern wem Mütter dienen, wenn sie sich selbst dauerhaft vergessen.

Neue Bilder von Mutterschaft müssen Raum lassen für Ambivalenz, Zweifel, Wut und Grenzen. Sie dürfen anerkennen, dass Mutterschaft fordernd ist und nicht immer erfüllend. Entlastung entsteht dort, wo Mütter sich nicht länger an einem Ideal messen müssen, das sie klein hält. Das erfordert Wissen über gesellschaftliche Prägungen, Austausch mit anderen und den Mut, gewohnte Erwartungen zu hinterfragen.

Sich selbst wichtig zu nehmen ist dabei kein egoistischer Akt. Es ist politisch. Jede Mutter, die beginnt, ihre eigene Bedeutung ernst zu nehmen, unterbricht ein Muster, das auf Unsichtbarkeit beruht. Veränderung beginnt nicht bei einzelnen Erziehungstipps, sondern bei der Frage, welche Bilder von Mutterschaft wir weitertragen wollen. Die Mutter, die du sein möchtest, ist nicht vorgegeben. Sie darf entstehen, jenseits von Perfektion und Aufopferung.

Mehr über Hannas Arbei erfährst Du auf ihrer Homepage, in ihrem Podcast oder bei Instagram.

Wir empfehlen ergänzend zum Thema Folge 217 "Musterbruch - warum Gleichberechtigung mit uns selbst beginnt".

Wie wir unsere Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen - Podcast mit Dr. Eva Strnad

Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist ein Thema, das viele Erwachsene überfordert, verunsichert oder in die Verdrängung treibt. In unserer aktuellen Podcastfolge sprechen wir darüber, warum genau diese Abwehr so gefährlich ist und weshalb es für echten Kinderschutz entscheidend ist, hinzuschauen und sich zu informieren. Diese Folge kann inhaltlich sehr belastend sein und retraumatisierend wirken. Bitte achte gut auf dich und entscheide bewusst, ob und wann du sie hören möchtest.

Zu Gast ist Dr. Eva Strnad, Familienrichterin, seit vielen Jahren im Kinderschutz tätig und Autorin des Buches "Kein Kind ist sicher"*

Im Gespräch geht es darum, warum sexuelle Gewalt gegen Kinder kein Randphänomen ist, sondern mitten in unserer Gesellschaft stattfindet, und warum es uns trotzdem so schwerfällt, das wirklich zu begreifen. Wir sprechen über Begriffe wie sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt und sexualisierte Gewalt und darüber, warum sprachliche Klarheit nicht nur juristisch, sondern auch emotional und gesellschaftlich so wichtig ist.

Ein Schwerpunkt der Folge liegt auf Zahlen und Wahrnehmung. Wie häufig ist sexuelle Gewalt tatsächlich, und warum haben viele Eltern trotzdem das Gefühl, das betreffe vor allem andere Familien. Warum hält sich das Bild vom fremden Täter so hartnäckig, obwohl Übergriffe in den meisten Fällen im sozialen Nahraum passieren, und weshalb macht genau dieses falsche Bild Kinder besonders verletzlich.

Wir sprechen ausführlich über Täterstrategien, offline wie online. Was bedeutet Grooming konkret, wie werden Kinder manipuliert, ohne es selbst zu merken, und woran können Erwachsene erste Warnsignale erkennen. Ebenso geht es um das lange Schweigen betroffener Kinder. Welche inneren Prozesse laufen dabei ab, warum ist es für Kinder so schwer, sich anzuvertrauen, und weshalb reagieren Erwachsene selbst bei deutlichen Hinweisen oft mit Unglauben, Relativierung oder Verdrängung.

Ein weiterer Teil der Folge widmet sich verbreiteten Mythen. Muss man sexuelle Gewalt erkennen können. Gibt es bestimmte Familien, die besonders betroffen sind. Und warum verhindern genau diese Annahmen wirksamen Schutz. Wir sprechen darüber, was Eltern und andere Bezugspersonen tun können, wenn sie ein ungutes Gefühl haben oder ein Kind Andeutungen macht, was im Verdachtsfall hilfreich ist und was unbedingt vermieden werden sollte.

Zum Abschluss richten wir den Blick auf Prävention. Geht es wirklich um Regeln, Kontrolle und Angst oder brauchen Kinder etwas ganz anderes, um besser geschützt zu sein. Welche Rolle spielen Beziehung, Sprache und Vertrauen im Alltag. Und was müsste sich auf gesellschaftlicher und politischer Ebene verändern, damit Kinder nicht immer wieder durch bestehende Systeme fallen.

Nervenstark verbunden - herausforderndes Verhalten verstehen und entspannt begleiten - Podcast mit Kati Bohnet

In dieser Podcast-Folge sprechen wir mit Kati Bohnet darüber, warum Kinder sich nicht „einfach beruhigen“ können und was wirklich hinter Wutanfällen, Rückzug, Klammern, Weglaufen oder scheinbarem „Nicht-Kooperieren“ steckt. Wir schauen gemeinsam auf das Nervensystem, die Stressampel und die Frage, wie Kinder lernen können, sich sicher zu fühlen, damit sie überhaupt in Beziehung gehen können. Darüber hat Kati auch das Buch "Nervenstark verbunden"* geschrieben.

Kati erklärt, warum Co-Regulation die Grundlage für jede Form von Selbstregulation ist, wie Erwachsene einen Stressloop erkennen und beenden können und weshalb es im Alltag nicht um Perfektion geht, sondern um ein „gut genug“. Dabei geht es weniger um Methoden und mehr um ein neues Verständnis: Verhalten ist immer ein Ausdruck des inneren Zustands, nicht des Willens.

Wir sprechen über Sicherheit, Verbundenheit, alternative Regulationsstrategien und darüber, wie Eltern und Kinder Schritt für Schritt mehr Ruhe in stürmische Situationen bringen können. Eine Folge für alle, die sich manchmal fragen, warum bestimmte Situationen immer wieder eskalieren und wie es leichter gehen kann.

Mehr über Kati erfahrt ihr auf ihrer Homepage und bei Instagram.

ADHS und Abenteuerlust: Warum manche Gehirne mehr Input brauchen - Podcast mit Dr. Felix Petersen

ADHS wird oft noch immer als Störung verstanden. In unserer neuen Podcastfolge wollen wir diese Besonderheit jedoch aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Kinder und Erwachsene mit ADHS sind neugierig, impulsstark und energiegeladen - sie haben quasi ein "Abenteuer-Gehirn". Das kann in einer strukturierten und reizreichen Welt jedoch sehr herausfordernd sein.

Unser Gast Dr. med. Felix Petersen erklärt, warum es wichtig ist, ADHS nicht als Defizit zu sehen und die Eigenschaften eines Abenteuer-Gehirns zu erkennen. Wir sprechen darüber, wie moderner Lebensstil, Social Media und ständige Reize ADHS-Merkmale verstärken können. Dabei unterscheiden wir zwischen echter ADHS-Besonderheit und dem, was unser Gast Wohlstands-ADHS nennt, ein Phänomen, das durch schnelle und dauerhafte Reize entsteht.

Ein zentrales Bild in der Folge ist das Verkehrsleitsystem im Kopf. Es hilft zu verstehen, wie Aufmerksamkeit gesteuert wird und welche Rolle Dopamin dabei spielt. Wir sprechen darüber, wie Eltern und Kinder Dopamin bewusst steuern können, statt von ihm überrollt zu werden.

Auch Alltagsthemen kommen zur Sprache. Hausaufgaben, Aufräumen oder Aufgaben, die wenig Reize bieten, können für Kinder mit Abenteuer-Gehirn schwierig sein. Unser Gast zeigt, wie Eltern durch gemeinsame Sprache und Bilder den Alltag erleichtern und gleichzeitig die Stärken der Kinder erkennen können.

Wir behandeln außerdem Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel und Smart Drugs. Es geht darum, welche Wirkung sie auf Konzentration und Impulssteuerung haben und welche Missverständnisse Eltern kennen sollten.

Die Folge richtet sich an alle, die ADHS anders verstehen wollen und praktische Anregungen für den Alltag suchen. Sie liefert Informationen für Familien und Schulen, um Kinder mit Abenteuer-Gehirn zu begleiten und zu unterstützen.

Ihr könnt aktuell den "ADHS Kinder-Kurs" von Felix gewinnen. Schaut dazu gerne bei Instagram vorbei oder schreibe uns eine Mail an wunschkindblog [ät] gmail . com.

Mehr über Felix´ Arbeit erfahrt ihr auf Instagram, Youtube und seiner Homepage. Dort findet ihr auch den ADHS-Basis-Elternkurs und den ADHS-Kinder-Kurs.

In der Folge nannte Felix das Buch "Erfolgreich lernen mit ADHS/ADS"* von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund.

Weitere thematisch passende Folgen sind


Geschwister begleiten: Liebe, Streit, Fairness und Zusammenhalt - Podcast mit Dr. Martina Stotz

Geschwister sind etwas Wunderbares. Sie wachsen gemeinsam auf, teilen Geheimnisse, erfinden Spiele, bauen Welten, die nur sie verstehen. Und sie bringen sich gegenseitig auf die Palme wie niemand sonst. Kaum eine Beziehung im Leben ist so eng, so liebevoll, so konfliktgeladen. Vielleicht kennst du das auch: Du sitzt im Nebenzimmer, hörst erst Kichern, dann ein lautes „Mamaaa, er hat mich gehauen!“ und denkst dir: Warum können sie nicht einfach mal fünf Minuten friedlich spielen?

Das Schwierige an der Geschwisterbeziehung ist, dass sie zwei Grundbedürfnisse in uns allen berührt, die scheinbar gegeneinander stehen. Wir wollen dazugehören und geliebt werden, aber wir wollen auch einzigartig und wichtig sein. Genau in diesem Spannungsfeld leben Geschwisterkinder. Sie ringen ständig darum, gesehen zu werden, und vergleichen sich unbewusst miteinander. Nicht, weil sie gemein sind, sondern weil sie spüren, dass Zuwendung und Liebe die wichtigste Währung in ihrer kleinen Welt sind. Darüber sprechen wir in unserer Podcastfolge mit Dr. Martina Stotz. Sie hat das Buch "Geschwisterkinder – Streit, Fairness, Zusammenhalt – kompetente Lösungen für mehr Harmonie im Familienalltag"* geschrieben.


 
Eifersucht, Neid und Konkurrenz gehören deshalb ganz natürlich dazu. Kinder wollen spüren, dass sie sicher gebunden sind. Wenn das Geschwisterchen mehr Nähe bekommt, kann das wie ein kleiner Stich ins Herz sein. Diese Gefühle sind kein Zeichen von Misslingen, sondern ein Zeichen von Entwicklung. Wenn wir sie ernst nehmen, können Kinder daran wachsen. Eltern, die ihre Kinder durch Konflikte begleiten, schenken ihnen die vielleicht wichtigste Fähigkeit überhaupt: Frieden zu lernen.

Oft glauben wir, dass wir Geschwisterstreit lösen müssen. Dass wir eingreifen und entscheiden müssen, wer recht hat. In Wahrheit brauchen Kinder aber vor allem Orientierung und Halt. Sie wollen wissen, dass wir da sind und dass sie sicher sind. Nicht selten steckt hinter einem Schlag oder einem Wutanfall kein böser Wille, sondern ein unausgesprochenes „Sieh mich! Ich will dazugehören!“. Wenn wir das verstehen, verändert sich der Blick auf Streit völlig.

Martina spricht in ihrer Arbeit von einem Haus der Geschwisterliebe. Ein Haus, das wir Eltern bauen, Stein für Stein. Sein Fundament sind wir selbst. Wenn wir gestresst, müde oder überfordert sind, wackelt das ganze Gebäude. Das Erdgeschoss besteht aus der Bindung zu jedem einzelnen Kind, der erste Stock aus der Beziehung zwischen uns Eltern, und darüber kommen all die Einflüsse des Alltags. Manchmal fühlt es sich an, als würde das ganze Haus im Sturm stehen. Und dann hilft es, sich daran zu erinnern, dass kein Haus perfekt gebaut ist und dass Risse dazugehören.

Was Kindern in solchen Momenten hilft, sind klare und liebevolle Grenzen. Nicht Härte, sondern Halt. Statt zu schimpfen, können wir sagen: „Stopp, ich sehe, dass du wütend bist, aber ich beschütze euch beide.“ Wenn wir ruhig bleiben, zeigen wir unseren Kindern, dass sie sicher sind, selbst wenn es kracht. Und wenn wir uns nach einem Streit wieder verbinden, lernen sie, dass Liebe stärker ist als Wut.

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Elternsein mit mehreren Kindern ist fordernd. Wir sind müde, ständig gefragt, immer im Einsatz. Und dann sollen wir auch noch geduldig und empathisch bleiben. Es ist okay, wenn das nicht immer klappt. Wichtig ist nicht, dass wir nie laut werden, sondern dass wir immer wieder zurückkehren. Dass wir sagen: „Das war zu heftig, es tut mir leid.“ Kinder lernen am meisten aus dem, was wir vorleben, nicht aus dem, was wir sagen.

Und Humor hilft. Wirklich. Wer mitten im Geschwisterchaos mal lachen kann, entspannt die Lage sofort. Manchmal reicht ein Augenzwinkern oder ein albernes Kissen-Duell, um die Energie zu verwandeln. Denn Kinder lieben Nähe und Leichtigkeit.

Am Ende geht es nicht darum, Geschwisterfrieden herzustellen, sondern Geschwisterliebe zu ermöglichen. Das bedeutet, dass Konflikte ihren Platz haben dürfen, dass Gefühle willkommen sind und dass jedes Kind weiß: Ich werde geliebt, so wie ich bin. Wenn wir das vermitteln, dann wächst aus Rivalität Verbindung und aus Konkurrenz Zusammenhalt.

Und irgendwann, wenn du sie eines Tages beobachtest, wie sie sich gegenseitig trösten, wirst du wissen, dass sich all die anstrengenden Stunden gelohnt haben. Dann siehst du, dass sie gelernt haben, was du ihnen jeden Tag vorgelebt hast: dass Liebe immer größer ist als Streit.

Mehr darüber könnt ihr auch in "Das Geschwisterbuch"* von uns lesen. 


Mehr über Martinas Arbeit erfahrt ihr auf ihrer Webseite, bei Instagram und in ihrem Podcast.

Wir erwähnten folgende Podcast-Folgen: Folge 154 unseres Podcasts mit Martina "Bindung und Urvertrauen aufbauen und stärken" und Danielle zu Gast in Martinas Podcast: "Kinder beim sauber werden liebevoll begleiten".

Kindliche Sexualität verstehen und kindgerecht erklären - Podcast mit Magdalena Zidi

Kindliche Sexualität ist ein Thema, das viele Eltern verunsichert. Es taucht oft früher auf, als man erwartet, und bringt Fragen mit sich, für die es in vielen Familien bisher keine Sprache gab. Dabei ist kindliche Sexualität ein ganz normaler Teil der Entwicklung. Kinder kommen mit einem Körper auf die Welt, den sie spüren, erforschen und über den sie lernen wollen. Neugier, Lustempfinden und das Interesse am eigenen Körper bedeuten dabei nichts Sexuelles im erwachsenen Sinn, sondern sind Ausdruck von Entwicklung, Selbstwahrnehmung und Lernen.

In dieser Podcastfolge mit der Sexualpädagogin Magdalena Heinzl, basierend auf ihrem Buch „Was kribbelt da so schön?“, geht es genau um diese Unterscheidung. Kindliche Sexualität meint nicht Sexualität zwischen Erwachsenen, sondern körperliches Erleben, Nähe, Neugier und das Bedürfnis nach angenehmen Empfindungen. Schon Babys erleben Lust zum Beispiel beim Trinken, Kuscheln oder Saugen. Kleinkinder entdecken ihren Körper weiter, berühren sich selbst, vergleichen Körper und stellen Fragen. All das ist normal und gesund.

Für viele Eltern wird es schwierig, wenn diese Entdeckungen sichtbar werden. Wenn Kinder sich an den Genitalien berühren, laut Fragen stellen oder im Spiel Beziehungssituationen nachahmen, reagieren Erwachsene oft mit Scham, Unsicherheit oder dem Wunsch, das Thema schnell zu beenden. Genau hier ist es wichtig, innezuhalten und sich bewusst zu machen, dass die eigene Reaktion prägend ist. Beschämung, Abwertung oder ein striktes Verbot vermitteln Kindern, dass ihr Körper oder ihre Neugier etwas Falsches ist. Begleitung heißt nicht, alles zu erlauben, sondern Orientierung zu geben, ruhig zu bleiben und Grenzen verständlich zu erklären.

Eine große Rolle spielt dabei Sprache. Kinder brauchen klare Begriffe für ihren Körper. Penis, Vulva oder Vagina sind keine schlimmen Wörter, sondern helfen Kindern, ihren Körper einzuordnen und darüber zu sprechen. Verniedlichungen mögen gut gemeint sein, können aber dazu führen, dass Kinder keinen passenden Wortschatz haben, wenn sie etwas erzählen oder Hilfe brauchen. Sprache ist auch ein wichtiger Schutzfaktor. Kinder, die ihren Körper benennen können und wissen, was sich gut anfühlt und was nicht, können ihre Grenzen besser ausdrücken.

Ein zentraler Punkt aus dem Buch und dem Gespräch ist die Verbindung zwischen sexueller Bildung und Prävention. Prävention beginnt nicht mit einem einmaligen Gespräch oder einem Buch, sondern im Alltag. Sie zeigt sich darin, dass Kinder ernst genommen werden, dass ihre Gefühle zählen und dass sie lernen dürfen, Nein zu sagen. Gleichzeitig lernen sie, die Grenzen anderer zu respektieren. Sexualpädagogische Begleitung bedeutet deshalb auch, Beziehungskompetenz zu fördern, Empathie zu stärken und Machtverhältnisse bewusst zu machen.

Auch Doktorspiele gehören zur kindlichen Entwicklung. Kinder erkunden dabei ihren eigenen Körper und den anderer, aus Neugier und ohne sexuelle Absicht. Entscheidend ist, dass diese Spiele freiwillig, gleichberechtigt und altersangemessen stattfinden. Eltern müssen nicht eingreifen, solange diese Bedingungen erfüllt sind. Wichtig ist aber, mit den Kindern über Regeln zu sprechen, über Privatsphäre, über das Recht, jederzeit aufzuhören, und darüber, dass bestimmte Handlungen nur in geschützten Räumen stattfinden.

Ein weiterer Aspekt, der viele Eltern beschäftigt, ist der Umgang mit Medien. Kinder kommen heute oft früher mit sexualisierten Inhalten in Kontakt, als Erwachsene denken. Das lässt sich nicht immer verhindern, aber begleiten. Entscheidend ist, vorbereitet zu sein, ruhig zu reagieren und dem Kind Raum für Fragen zu geben. Aufklärung bedeutet auch hier, Sicherheit zu vermitteln und einzuordnen, was gesehen wurde.

Magdalena Heinzl betont außerdem, wie wichtig es ist, dass Eltern sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen. Viele Unsicherheiten entstehen nicht durch das Verhalten der Kinder, sondern durch eigene Erfahrungen, Tabus oder Schamgefühle. Wer sich darüber bewusst wird, kann anders reagieren, weniger impulsiv und mehr im Kontakt mit dem Kind. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern präsent und lernbereit.

Kindliche Sexualität zu begleiten heißt, Kinder in ihrer Entwicklung ernst zu nehmen. Es heißt, Fragen zuzulassen, Antworten zu suchen und sich selbst ebenfalls auf den Weg zu machen. Das Buch „Was kribbelt da so schön?“ von Magdalena Heinzl bietet dafür eine fundierte, verständliche und sehr alltagsnahe Grundlage. Es macht Mut, offen zu bleiben, auch dann, wenn es sich ungewohnt anfühlt, und zeigt, dass Aufklärung kein einmaliges Gespräch ist, sondern ein Prozess, der mit Beziehung, Vertrauen und Haltung zu tun hat.