Wer mit Kindern zusammenlebt, weiß: Essen kann viele widersprüchliche Gefühle auslösen. Da ist die Sorge, ob das Kind genug Gemüse isst, ausreichend Nährstoffe bekommt oder vielleicht viel zu einseitig isst. Oder es kommt zu Diskussionen über Probierhäppchen, liegen gelassene Mahlzeiten und Kinder, die scheinbar wochenlang von Nudeln, Toast oder einer Handvoll ausgewählter Lebensmittel leben könnten. Und oft schleicht sich irgendwann die Frage ein: Mache ich etwas falsch?
In unserer Podcastfolge sprechen wir mit der Ernährungspsychologin Ronia Schiftan darüber, warum Essen in Familien so häufig zum Konfliktthema wird und weshalb viele Herausforderungen am Esstisch sehr viel verständlicher sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Ronia hat darüber das Buch "Wie Kinder essen"* geschrieben.
Dabei beginnt die Geschichte schon viel früher als bei der Frage, ob ein Kind Brokkoli mag oder nicht. Kinder kommen mit der Fähigkeit zur Welt, Hunger und Sättigung wahrzunehmen. Sie können grundsätzlich spüren, wann sie etwas brauchen und wann sie genug haben. Sie lernen aber auch von Anfang an in einem sozialen Umfeld. Sie erleben Vorbilder, Regeln, Gewohnheiten und Erwartungen. Aus dem ursprünglich sehr intuitiven Essen wird nach und nach ein komplexes Zusammenspiel aus Körperwahrnehmung, Erfahrungen und sozialen Einflüssen.
Deshalb sollten wir kindliches Essverhalten nicht vorschnell bewerten. Was für Erwachsene oft wie Verweigerung, Undankbarkeit oder Trotz aussieht, kann viele andere Ursachen haben. Vielleicht ist das Kind müde, überfordert oder schlicht nicht hungrig. Oder es spielt eine besondere Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen, Konsistenzen oder Geschmäckern eine Rolle. Möglicherweise befindet es sich auch einfach in einer Entwicklungsphase, in der Vertrautes Sicherheit vermittelt und Neues erst langsam akzeptiert wird.
Auch die Erfahrungen der Eltern spielen eine Rolle. Denn Essen ist niemals nur eine Frage von Nährstoffen. Fast alle von uns bringen Erinnerungen, Überzeugungen und Gefühle aus der eigenen Kindheit mit an den Familientisch. Manche erinnern sich an strenge Regeln, andere an Kommentare über Gewicht oder daran, dass bestimmte Lebensmittel als besonders gesund oder besonders problematisch galten. Diese Erfahrungen beeinflussen oft unbewusst, wie wir heute auf das Essverhalten unserer Kinder reagieren.
Ronia erklärt, warum Druck selten zu einem entspannteren Essverhalten führt, weshalb Belohnungen und Bestechungsversuche häufig nach hinten losgehen und wie Eltern unterscheiden können, wann Gelassenheit angebracht ist und wann es sinnvoll sein kann, genauer hinzuschauen.
Wir werfen außerdem einen Blick auf Kinder, die sehr wählerisch essen oder auf bestimmte Geschmäcker und Konsistenzen empfindlich reagieren. Auch neurodivergente Kinder, beispielsweise mit ADHS oder Autismus, bringen häufig besondere Herausforderungen rund ums Essen mit, die sich nicht durch mehr Konsequenz oder bessere Argumente lösen lassen.
Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die viele Eltern vermutlich entlasten kann: Kinder lernen beim Essen nicht nur etwas über Lebensmittel. Sie lernen auch etwas über ihren Körper, über Bedürfnisse, über Genuss und über Beziehungen. Deshalb ist nicht nur wichtig, was auf dem Teller liegt, sondern auch, welche Atmosphäre am Tisch entsteht.










