"Mit allen Sinnen wachsen" - Podcast mit Inke Hummel

Wenn ihr regelmäßig bei uns rein hört, dann wisst ihr, dass Inke bei uns die absolute Rekordhalterin in unserem Podcast ist! Inke ist einfach unglaublich produktiv und schreibt so viele interessante und spannende Bücher für Eltern, dass wir uns auf wirklich jedes Einzelne immer sehr freuen. Dieses Mal hat sie über die Wahrnehmung als Superkraft von Kindern geschrieben. Ihr Buch heißt „Mit allen Sinnen wachsen“ und ist im Humboldt-Verlag erschienen. Wir haben die Folge für Euch verschriftlicht.


Wir möchten heute gerne mit Dir darüber sprechen, wie wichtig das Körpergefühl, die Motorik und die Konzentration für die kindliche Entwicklung sind. Denn Du sagst, dass Probleme mit der Wahrnehmung dazu führen können, dass unser Alltag nicht ganz so entspannt ist, wie wir uns das wünschen. Manche Kinder werden von ihren Eltern als sehr herausfordernd empfunden und in manchen Familien führt das Verhalten von Kindern zu einer als dauerhaft sehr anstrengend beschriebenen Stimmung. Inke, welche Verhaltensweisen sind denn das so und welche Gründe können sie haben?

Manche Kinder müssen einfach alles anfassen und packen immer viel zu fest zu – vielleicht weil sie unterempfindlich sind in ihrer Innenwahrnehmung in den Bereichen Körperspannung und Kraft. Andere pikst fast jedes Kleidungsstück, weil sie möglicherweise eine überempfindliche Haut haben. Viele Kinder hören den anderen nur richtig gut, wenn man sehr laut wird. Das muss nicht an der Kooperationsbereitschaft liegen, sondern kann auch einem unterempfindlichen Gehör geschuldet sein. Mit dem Ohr ist erstmal alles in Ordnung, das fällt bei keinem Test auf, aber die weitere Wahrnehmungsverarbeitung danach kann eben weniger sensibel sein als bei anderen Kindern. Und noch eine andere typische, stressende Verhaltensweise ist es, wenn Kinder Hunger oder Entspannungsbedürftigkeit nicht spüren und klar einfordern. Das liegt dann auch an einer noch nicht ausgereiften Innenwahrnehmung.

Du hast gesagt, dass die Ursache, dass wir Kinder als herausfordernd empfinden können, auch an ihrem Wesen oder ihrer Art wahrzunehmen liegen kann. Kannst Du das ausführlicher erklären?

Einige Kinder sind beispielsweise von Anfang an sehr zurückhaltend. Mit dieser Wesensart trauen sie sich an vielen Stellen nicht ins Tun und Erfahren der Welt und nehmen so also weniger wahr als andere. Und es gibt auch Kinder, die von Natur aus wild und sehr impulsiv sind. Sie nehmen sich oft keine Zeit, um die Welt in Ruhe wahrzunehmen. Da steckt der Zusammenhang von Wesen uns Wahrnehmung, den wir als Eltern kennen sollten, um die Wahrnehmungsentwicklung unseres Kindes gut zu verstehen.

Lass uns mal damit anfangen, den Begriff „Wahrnehmung“ etwas greifbarer zu machen. Den meisten fallen dazu wahrscheinlich als erstes die fünf Sinne Riechen, Schmecken, Hören, Sehen und Fühlen ein – aber sehr spannend in diesem Zusammenhang ist ja auch die Wahrnehmung nach innen…

Ja, Innenwahrnehmung ist ein total spannendes Thema. Wir reden seit einer Weile davon, wie wichtig es ist, einen guten Zugang zu den eigenen Gefühlen zu haben. Der Zugang zu den Reizen aus dem eigenen Körper ist aber genauso relevant für eine gesunde Entwicklung. Dabei geht es um Gleichgewicht, Körperspannung oder auch Organtätigkeit, Blasendruck, Hunger oder Müdigkeit. „Ich kenne mich gut und weiß, was ich brauche“ stelle ich immer als Satz zu diesem Bereich, damit Eltern begreifen, wie es ihrem Kind geht, wenn es sich nach innen nicht gut wahrnimmt. Es spürt und äußert seine Bedürfnisse nicht gut und ist stark auf Begleitung angewiesen.

Wie funktioniert denn die Wahrnehmung üblicherweise bei Menschen?

Reize werden aufgenommen und im Körper bzw. im Gehirn weitergeleitet, was bei jedem Menschen unterschiedlich sinnvoll gelingt. Das kann Stress auslösen, den man aushalten können muss, um mit den Reizen gut zurechtzukommen, oder für den man Regulationshilfe benötigt. Und schließlich werden die angekommenen Reize gedeutet, was viel mit dem Wesen und den Erfahrungen zusammenhängt, und es wird danach gehandelt. Das alles ist Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung, also ein komplexer Prozess, den wir aber bislang viel zu wenig bewusst anschauen.

Wie äußert es sich denn, wenn Menschen eine abweichende Wahrnehmung haben? Also wie erkenne ich als Elternteil, dass die Wahrnehmung meines Kindes vielleicht ganz anders ist, als meine?


Wenn ich um die einzelnen Bereiche weiß, kann ich sie beobachten, falls mein Kind herausfordernd ist, um festzustellen, ob das an der Wahrnehmung liegen kann und ob zum Beispiel Über- oder Unterempfindlichkeiten vorliegen. Dazu gibt es im Buch hilfreiche Fragebögen.
 
Der wichtigste Gedanke dazu ist: „Wenn ich mich nicht gut wahrnehme, wie soll ich dich gut wahrnehmen?“ Das ist nämlich oft der springende Punkt, und wir müssen aufhören, den Kindern daraus einfach nur einen Vorwurf zu machen, sondern sie in ihrem Wesen und unter Umständen auch in ihrer Bedürftigkeit bei der Entwicklung sehen.
 
Bei vielen Konflikten empfiehlt es sich, auf die Wahrnehmung zu gucken – allerdings natürlich auch auf andere mögliche Ursachen wie den Erziehungsstil oder starke Belastungen im Leben des Kindes.

Du hast ja eben von Über- und Unterempfindlichkeit gesprochen. Kannst Du unseren HörerInnen erklären, welche Probleme Kinder durch die Beeinträchtigung der verschiedenen Sinne konkret haben können?

Klar. Beim Sehen kann eine Unterempfindlichkeit zum Beispiel dazu führen, dass ein Kind in einem großen Gewusel Details nicht erkennt, also vielleicht vor einer gemusterten Tapete den Kuschelhasen nicht sieht. Bei Überempfindlichkeit kann jede Lichtquelle zu grell sein.

In Sachen Haut, Mund und Fühlen sorgt eine Unterempfindlichkeit zum Beispiel oft dafür, dass ein Kind besonders starke Reize sucht, sich viel an irgendetwas reiben mag, vieles anknabbert oder anlutscht oder beim Essen auf starke Aromen steht. Bei einer Überempfindlichkeit hingegen kommt es wohlmöglich richtig schlecht mit Kleidungsnähten oder auch bestimmten Lebensmittelkonsistenzen zurecht. 

Ich als Elternteil denke dann vielleicht, mein Kind stellt sich nur an, aber das ist nicht so. Es empfindet stärker oder schwächer. Ich nutze hier gern das Bild mit einem Legostein und einem Fausthandschuh: Hat man den Stein ohne Handschuh in der Hand, spürt man ihn gut, mit Handschuh kann man kaum sagen, was das ist. So unterschiedlich kann Wahrnehmung sein.

Du sagst, es ist ganz wichtig, auch immer wieder die eigene Bewertung von Situationen zu überprüfen. Häufig ist es ja so, dass wir unseren Kindern ganz unwillkürlich Motive unterstellen, die sie gar nicht haben. Wie löse ich mich von diesem Verhaltensmuster?

Man muss sich das vor allem bewusst machen. Dieses Aha-Erlebnis haben viele beim Lesen meines Buches. Mit dem verbesserten Wissen über mein Kind und auch über mich kann ich Situationen unseres Alltags umdeuten. Daran arbeite ich oft mit Beratungsfamilien.

In Deinem Buch gibt es einen sehr umfangreichen Fragebogen, der Eltern hilft, sich mal in Ruhe ein Gesamtbild über ihr Kind zu machen. Inwieweit ist das hilfreich im Umgang mit herausforderndem Verhalten?

Man kann es damit besser verstehen, dahinter schauen und das eigene Kind milder sehen. Das macht es leichter, zugewandter auf ein Kind zuzugehen, ihm mehr und gezielter zu helfen und die Interaktion zu verbessern.

Mutter tröstet ihr Kind liebevol

Wenn ich jetzt als Elternteil feststelle, dass mein Kind in einigen Bereichen… na ja, ich nenne es jetzt mal „nicht den Erwartungen der Gesellschaft“ entspricht, dann ist es sinnvoll zu schauen, ob man das Kind unterstützen kann. Du sagst: Biete Deinem Kind so viel Hilfe wie nötig, aber so wenig, wie möglich. Wie finde ich denn da das richtige Maß?

Wenn das Unterstützen, das richtige Maß hat, fügt es sich spielerisch in den Alltag ein und wird kein „Beschulen“. Das Kind zeigt Schritte nach vorn und keine Überforderungsreaktionen wie dauerhafte Ablehnung oder Wut. Loslassen und Helfen sollte in einem Wechselspiel stattfinden: immer wieder schauen, was inzwischen doch allein geht oder eben doch noch nicht, und dann sollte man wieder einen Schritt zurückmachen.

Okay, dann lass uns mal darüber sprechen, wie man Kinder unterstützen kann. Angenommen, ich habe ein Kind, das ständig angespannt und unruhig ist. Wie schaffe ich es, sein Stresslevel zu senken?

Wenn es sich zum Beispiel gern Entspannung über den Mund sucht, kann man dazu viele Angebote machen. Man kann im Alltag über immer wieder gleiche Zeiten oder Abläufe Rituale schaffen und ein anderes, reizärmeres Setting bauen. Und es ist gut, simple Hilfsmittel zu nutzen wie kaltes Wasser für Mund oder Arme, dicke Decken für den ganzen Körper, gezieltes, konzentriertes Drücken, Ziehen oder Tragen von unterschiedliche schweren Gegenständen oder oder oder.

Gibt es denn Dinge, die möglichst viele Sinne anregen und die pauschal allen Kindern gut tun?

Alltägliche Aufgaben sind oft gut, zum Beispiel in der Küche, mit Pflanzen oder Tieren, oder Bewegung unterwegs, wenn man eine Treppe einfach mal anders erklimmt, als normalerweise. Und zu Hause kann man Spiegelbild spielen, erhöht liegen und nach unten spielen statt immer nur nach vorn, man kann anders sitzen oder eine Kissenschlacht mit anderem Material als Kissen machen. Dazu sind etliche Ideen im Buch, die keinem Kind schaden, vielen Spaß machen und teilweise sogar gut für Kindergeburtstage geeignet sind.

Manche Kinder bewegen sich eher ungern. Häufig ist eine gewisse motorische Ungeschicklichkeit damit verbunden. Wie schaffe ich es denn, Bewegungsmuffel für mehr Aktivität zu begeistern?

Gut ist, wenn man das Spiel mit einer Sinnhaftigkeit verknüpft: Es muss ein Schatz gesucht werden, es muss etwas eingekauft werden, es wird ein Wettkampf veranstaltet oder eine Geschichte drumherum gestrickt. Eine tolle Hilfe ist auch oft einfach eine Handpuppe, die mit verstellter Stimme zum Bewegen auffordert. Es ist immer wieder toll zu sehen, wie diese spielerische Distanz Kinder begeistert und motiviert.

Lass uns abschließend noch darüber reden, wie wir die Sinne nach innen stärken können? Hast Du da noch ein paar Ideen für unsere HörerInnen?

Die Bewegungssinne lassen sich zum Beispiel anregen, wenn man die typische Richtung wechselt, die man sonst nutzt, also mal seitwärts schaukeln oder versuchen, von rechts nach links zu schreiben. Die Organtätigkeit wird bewusster, wenn man mit dem Kind mal darauf schaut „Dein Körper sagt dir was!“: der Magen, die Augen, das Herzklopfen zeigen uns Hunger, Müdigkeit, Angst und mehr. Und wie Kräftig ich meine Mundmuskeln nutzen muss zum Kauen oder Mundschließen merke ich besser, wenn ich verschiedene Konsistenzen beiße und knabbere oder mal nur vorne kaue und einfach bewusster mit dem Essen umgehe. Und das kann alles ganz spielerisch im normalen Alltag passieren.

Wenn ihr jetzt Lust habt, noch mehr von Inke zu hören, dann schaut doch einfach mal in unser Podcast-Archiv. In Folge 64 haben wir zum Beispiel über schüchterne Kinder gesprochen. Aber auch über wilde Kinder gab es in Folge 92 unglaublich viel zu sagen. Wenn ihr pubertierende Kinder im Haus habt, dann könnte Folge 47 für Euch spannend sein und wenn ihr mehr über den richtigen Weg zwischen Schimpfen und falschem Verwöhnen wissen wollt, dann ist Folge 82 „Nicht zu streng, nicht zu eng“ ganz sicher interessant. Einen Überblick über alle Folgen findet ihr im Podcast-Archiv.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.