Viele Mütter haben das Gefühl, ständig zu kurz zu kommen. Sie sind erschöpft, fühlen sich verantwortlich für alles und zweifeln dennoch an sich selbst. Oft wird das als individuelles Problem verstanden, als Frage von Organisation, Belastbarkeit oder persönlicher Haltung. Doch diese Sicht greift zu kurz. Hinter vielen Erfahrungen von Überforderung steckt ein tief verankertes Bild von Mutterschaft, das nicht zufällig entstanden ist, sondern historisch gewachsen und gesellschaftlich wirksam geblieben ist.
Das patriarchalische Mutterbild prägt bis heute, was als gute Mutterschaft gilt. Es stellt Mütter als selbstverständlich zuständig dar, emotional verfügbar, aufopfernd, bescheiden und belastbar. Diese Erwartungen werden selten offen formuliert, sie wirken subtil und dauerhaft. Mütter müssen sie nicht erklärt bekommen, sie spüren sie in Blicken, Kommentaren und inneren Stimmen. Genau darin liegt ihre Macht. Das Ideal wirkt nicht über klare Regeln, sondern über Schuldgefühle, Scham und Selbstzweifel.
Historisch ist dieses Mutterbild eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden. Es entstand in einem System, das Frauen an den privaten Raum band und ihre Arbeit unsichtbar machte. Mutterschaft wurde idealisiert, zugleich aber entwertet. Die emotionale und organisatorische Arbeit von Müttern galt als selbstverständlich und wurde nicht als Leistung anerkannt. Diese Logik wirkt bis heute fort, auch wenn sich Lebensrealitäten verändert haben.
Im Alltag zeigt sich das patriarchalische Mutterbild vor allem über Zuständigkeit. Mütter behalten den Überblick, denken voraus, fühlen mit, organisieren und gleichen aus. Auch in Partnerschaften, die Gleichberechtigung anstreben, bleibt diese mentale und emotionale Verantwortung häufig bei den Müttern. Nicht, weil sie es besser könnten, sondern weil ihnen diese Rolle gesellschaftlich zugeschrieben wird. Wer zuständig bleibt, gibt Verantwortung nicht wirklich ab. Care-Arbeit lässt sich so nicht gleichberechtigt teilen.
Mütter erleben diese dauerhafte Zuständigkeit als Erschöpfung und innere Distanz zu sich selbst. Wer immer alles im Blick haben muss, verliert oft den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen. Mental Load ist nicht nur eine Frage von Aufgaben, sondern von innerer Verpflichtung. Die ständige Verfügbarkeit führt nicht selten zu dem Gefühl, sich selbst zu verlieren. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, persönlich zu versagen, wenn die Belastung zu groß wird.
Genau hier zeigt sich, warum das patriarchalische Mutterbild ein strukturelles Problem ist. Frauen scheitern nicht an ihren individuellen Fähigkeiten, sondern an Erwartungen, die kaum erfüllbar sind. Solange Mutterschaft mit weiblicher Aufopferung verknüpft bleibt, kann Gleichberechtigung in Familien nicht gelingen. Auch gut gemeinte Appelle zu besserer Organisation oder fairerer Aufteilung greifen zu kurz, wenn die grundlegenden Bilder von Zuständigkeit unangetastet bleiben.
Mutterschaft feministisch zu denken bedeutet, diese Bilder infrage zu stellen. Es geht nicht darum, noch mehr zu leisten oder alles richtig zu machen. Es geht darum, weniger zu müssen. Feministische Mutterschaft stellt Selbstverbindung über Selbstoptimierung. Sie fragt nicht zuerst, wie Abläufe effizienter werden, sondern wem Mütter dienen, wenn sie sich selbst dauerhaft vergessen.
Neue Bilder von Mutterschaft müssen Raum lassen für Ambivalenz, Zweifel, Wut und Grenzen. Sie dürfen anerkennen, dass Mutterschaft fordernd ist und nicht immer erfüllend. Entlastung entsteht dort, wo Mütter sich nicht länger an einem Ideal messen müssen, das sie klein hält. Das erfordert Wissen über gesellschaftliche Prägungen, Austausch mit anderen und den Mut, gewohnte Erwartungen zu hinterfragen.
Sich selbst wichtig zu nehmen ist dabei kein egoistischer Akt. Es ist politisch. Jede Mutter, die beginnt, ihre eigene Bedeutung ernst zu nehmen, unterbricht ein Muster, das auf Unsichtbarkeit beruht. Veränderung beginnt nicht bei einzelnen Erziehungstipps, sondern bei der Frage, welche Bilder von Mutterschaft wir weitertragen wollen. Die Mutter, die du sein möchtest, ist nicht vorgegeben. Sie darf entstehen, jenseits von Perfektion und Aufopferung.
Mehr über Hannas Arbei erfährst Du auf ihrer Homepage, in ihrem Podcast oder bei Instagram.
Wir empfehlen ergänzend zum Thema Folge 217 "Musterbruch - warum Gleichberechtigung mit uns selbst beginnt".

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