Wird ein Baby geboren, ist es vollkommen auf andere Menschen angewiesen. Es braucht Personen, die es füttern, wärmen, schützen, lieben und seine Grundbedürfnisse erfüllen. Um auf Hunger, Müdigkeit, Unwohlsein, Schmerzen oder das Bedürfnis nach Nähe aufmerksam zu machen, stehen ihm verschiedene Signale zur Verfügung. Das deutlichste davon ist sein Schreien.
Dieses Schreien löst bei Erwachsenen häufig eine starke Reaktion aus. Gerade in den ersten Wochen kann es Eltern regelrecht unter Strom setzen. Man wird nervös, der Puls steigt und alles im Körper drängt danach, herauszufinden, was das Baby braucht. Das erfüllt einen wichtigen Zweck: Ein Baby kann seine Bedürfnisse noch nicht selbst befriedigen und ist darauf angewiesen, dass andere Menschen auf seine Signale reagieren.
Warum Babys schreien
Babys kommunizieren lange vor dem Schreien. Ein hungriges Baby kann schmatzen, die Hände zum Mund führen oder suchende Kopfbewegungen machen. Müdigkeit zeigt sich unter anderem durch Gähnen, einen abgewandten Blick oder zunehmende Unruhe. Eltern lernen viele dieser individuellen Signale mit der Zeit kennen. Trotzdem lässt sich nicht jedes Schreien verhindern. Babys schreien auch dann, wenn ihre Eltern aufmerksam und liebevoll auf sie reagieren.
Und nicht immer lässt sich eindeutig herausfinden, was gerade los ist. Ein Baby kann satt, frisch gewickelt und auf dem Arm sein und trotzdem weinen. Besonders in den ersten Lebensmonaten gibt es Phasen, in denen Babys sehr viel schreien. Das bedeutet weder, dass die Eltern etwas falsch machen, noch dass jedes Schreien sofort beendet werden muss. Entscheidend ist, dass ein Baby mit seiner Belastung nicht dauerhaft allein gelassen wird.
Babys brauchen Hilfe bei der Regulation
Ein junges Baby kann starke Anspannung noch nicht so regulieren wie ein älteres Kind oder ein Erwachsener. Berührung, Körperkontakt, Stimme, Bewegung und die Nähe einer vertrauten Person können ihm dabei helfen, wieder zur Ruhe zu finden. Diese Co-Regulation ist ein wichtiger Bestandteil der frühen Eltern-Kind-Beziehung.
Dabei geht es nicht darum, dass ein Baby niemals weinen darf. Eltern können Bedürfnisse nicht in jeder Sekunde erfüllen. Sie müssen zur Toilette, kümmern sich um Geschwister, stehen unter der Dusche oder brauchen zwei Minuten, um selbst wieder ruhig zu werden. Auch ein Baby, das liebevoll im Arm gehalten wird, kann weiterweinen. Nähe und Trost bedeuten nicht automatisch, dass das Schreien sofort aufhört.
Ein wichtiger Unterschied besteht deshalb zwischen einem Baby, das weint und dabei begleitet wird, und einem Baby, das gezielt allein schreien gelassen wird, damit es ein bestimmtes Verhalten lernt. Schreien ist kein Fehlverhalten, das einem Baby abgewöhnt werden muss.
Was passiert, wenn Babys schreien gelassen werden?
Schreien ist für ein Baby mit körperlicher und emotionaler Aktivierung verbunden. Stresshormone wie Cortisol werden ausgeschüttet, Herzschlag und Atmung verändern sich. Junge Babys können starke Erregungszustände noch nicht zuverlässig selbst regulieren und sind dabei in besonderem Maße auf die Unterstützung ihrer Bezugspersonen angewiesen.
Was passiert, wenn ein Baby regelmäßig und über längere Zeit gezielt allein schreien gelassen wird, lässt sich wissenschaftlich nicht so eindeutig untersuchen, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Eine Studie, bei der Säuglinge absichtlich wiederholt starkem Stress ausgesetzt und nicht getröstet würden, um mögliche Langzeitschäden zu messen, wäre ethisch nicht vertretbar. Deshalb können wir weder exakt beziffern, ab welcher Dauer Schreien schädlich wird, noch vorhersagen, welche langfristigen Folgen bei welchem Kind auftreten könnten.
Aus der Entwicklungs-, Bindungs- und Stressforschung wissen wir jedoch, dass verlässliche und feinfühlige Reaktionen der Bezugspersonen für die frühe Entwicklung wichtig sind. Langanhaltender oder wiederholter Stress ohne ausreichende Unterstützung könnte die Entwicklung der Stressregulation beeinträchtigen. Die sehr weitgehende Behauptung, jedes Schreienlassen verursache zwangsläufig dauerhafte Hirnschäden, lässt sich wissenschaftlich ebenso wenig belegen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jedes kurze Schreien gefährlich wäre. Kein Elternteil kann immer sofort reagieren. Ein Baby kann weinen, während man auf der Toilette ist, das Geschwisterkind versorgt oder einige Minuten braucht, um sich selbst zu beruhigen. Entscheidend ist nicht eine einzelne Situation, sondern die Erfahrung, die ein Baby in seiner Beziehung immer wieder macht: Jemand reagiert auf meine Signale und ich bleibe mit Belastungen nicht dauerhaft allein.
Kann man ein Baby durch zu viel Trost verwöhnen?
Die Sorge, ein Baby könne durch häufiges Trösten, Tragen oder Reagieren auf sein Schreien verwöhnt werden, hält sich hartnäckig. Dahinter steckt häufig die Vorstellung, das Kind könne lernen: "Wenn ich schreie, bekomme ich meinen Willen."
Dafür müsste ein Baby sein Verhalten jedoch bewusst mit dem Ziel einsetzen, einen Erwachsenen zu einer bestimmten Handlung zu bewegen. Das ist etwas völlig anderes als die Erfahrung: "Wenn ich Hunger habe, Angst bekomme oder Nähe brauche, reagiert jemand auf mich." Auf die Signale eines Babys einzugehen bedeutet deshalb nicht, ihm jede Frustration abzunehmen oder ihm später keine Grenzen setzen zu können. Babys dürfen erleben, dass ihre Kommunikation eine Wirkung hat. Genau dafür kommunizieren sie.
Warum das Schreienlassen so tief in unserer Erziehungsgeschichte steckt
Viele heutige Eltern haben Sätze gehört wie "Du musst es auch mal schreien lassen", "Das stärkt die Lungen" oder "Sonst tanzt es dir irgendwann auf der Nase herum". Solche Vorstellungen haben eine lange Geschichte. Besonders prägend war in Deutschland Johanna Haarers 1934 erschienenes Buch "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind". Es propagierte eine ausgesprochen distanzierte Säuglingspflege und warnte davor, auf das Schreien eines Babys zu bereitwillig zu reagieren.
Das Buch erschien nach dem Krieg in veränderter Form weiter und prägte damit auch nachfolgende Generationen. Mehr dazu findet Ihr in unserer Artikelserie "Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern". Dass entsprechende Vorstellungen bis heute weitergegeben werden, ist daher nicht verwunderlich. Wer selbst gelernt hat, ein Baby müsse möglichst früh allein zurechtkommen, empfindet häufiges Tragen, Stillen, Trösten oder Einschlafbegleitung schnell als zu viel.
Der Druck rund um den Babyschlaf
"Und - schläft Dein Kind schon durch?" gehört vermutlich zu den meistgestellten Fragen an junge Eltern. Dahinter steckt häufig die Erwartung, ein Baby müsse möglichst bald allein einschlafen und nachts lange Schlafphasen schaffen.
Die Realität sieht bei vielen Familien anders aus. Babys wachen nachts auf, brauchen Unterstützung beim Einschlafen und suchen die Nähe ihrer Bezugspersonen. Das ist zunächst kein Hinweis darauf, dass Eltern ihrem Kind etwas Falsches angewöhnt haben. Schlaf entwickelt sich im Laufe der ersten Lebensjahre erheblich.
Für Eltern kann das trotzdem enorm belastend sein. Viele Familien ziehen ihre Kinder heute mit wenig Unterstützung auf. Wenn ein Baby abends nur mit Begleitung einschläft und nachts häufig aufwacht, trifft sein Bedürfnis nach Unterstützung auf Eltern, die selbst dringend Schlaf, Ruhe und Zeit für sich brauchen. Das Problem lässt sich deshalb nicht sinnvoll darauf reduzieren, dass Eltern nur konsequenter sein müssten.
Was wissen wir über Schlafprogramme und Schreienlassen?
Unter dem Begriff "Schreienlassen" werden sehr unterschiedliche Vorgehensweisen zusammengefasst. Ein Neugeborenes über längere Zeit allein schreien zu lassen ist etwas anderes als eine strukturierte Schlafintervention bei einem deutlich älteren Baby. Forschungsergebnisse zu einzelnen Schlafprogrammen beantworten deshalb nicht automatisch die Frage, welche Folgen regelmäßiges und länger andauerndes unbeantwortetes Schreien für ein junges Baby haben könnte.
Untersuchungen einzelner verhaltensorientierter Schlafverfahren konnten bislang keine eindeutigen langfristigen Schäden nachweisen. Das beweist jedoch nicht, dass gezieltes Schreienlassen generell unbedenklich ist. Untersucht wurden bestimmte Methoden, Altersgruppen und Zeiträume. Die möglichen Folgen anderer Formen des Schreienlassens lassen sich daraus nicht zuverlässig ableiten. Gezielte Studien, bei denen Babys absichtlich wiederholt starkem Stress durch langes unbeantwortetes Schreien ausgesetzt würden, wären aus ethischen Gründen nicht vertretbar.
Für uns gibt es deshalb keinen Grund, Schreien gezielt als Mittel einzusetzen, damit ein Baby allein einschlafen lernt. Wer sein Kind beim Einschlafen begleiten und auf sein Weinen reagieren möchte, darf das tun. Nähe beim Einschlafen ist keine schlechte Angewohnheit, die einem Baby möglichst früh abtrainiert werden muss.
Was tun, wenn das Schreien zu viel wird?
Ein schreiendes Baby kann Eltern an ihre Belastungsgrenze bringen. Besonders stundenlanges Schreien kann Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung oder den starken Wunsch auslösen, dass das Schreien endlich aufhört.
Wenn Du merkst, dass Du die Kontrolle verlieren könntest, lege Dein Baby sicher ab und verlasse für einige Minuten den Raum. Ein Baby einige Minuten sicher im Bett weinen zu lassen, ist in dieser Situation die richtige Entscheidung. Schüttle niemals ein Baby. Hole Dir Unterstützung, sobald Du merkst, dass Deine Kräfte nicht mehr reichen.
Das widerspricht auch nicht dem Gedanken dieses Artikels. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Baby, das für einige Minuten sicher abgelegt wird, weil ein völlig überforderter Elternteil sich beruhigen muss, und dem gezielten Schreienlassen als Methode.
Strategien für solche Situationen findest Du in unserem Artikel über Wut bei Eltern. Für Familien mit Babys, die sehr viel und lange schreien, haben wir außerdem einen ausführlichen Artikel über Schreibabys und exzessives Schreien.
Fazit
Babys schreien. Auch liebevoll begleitete Babys tun das. Eltern müssen deshalb nicht den Anspruch haben, jedes Weinen sofort verhindern oder beenden zu können. Ein Baby darf traurig, müde, überreizt oder unzufrieden sein und dabei weinen.
Was es in diesen Momenten braucht, ist keine Erziehungsmaßnahme gegen das Schreien. Gerade junge Babys sind auf Erwachsene angewiesen, die versuchen herauszufinden, was ihnen fehlt, sie trösten und ihnen bei der Regulation helfen. Dass ein Baby dabei weiterweint, bedeutet nicht, dass dieser Trost wirkungslos ist.
Wir können wissenschaftlich nicht seriös behaupten, jedes Schreienlassen führe zwangsläufig zu bestimmten späteren Schäden. Wir können aber ebenso wenig daraus schließen, gezieltes und länger andauerndes Schreienlassen sei erwiesenermaßen harmlos. Dafür gibt es weder die nötigen Studien noch wären entsprechende gezielte Belastungsstudien mit Babys ethisch vertretbar.
Ein Baby muss nicht lernen, dass Schreien zwecklos ist. Es darf lernen, dass seine Signale gehört werden.
© Danielle