Ich weiß noch, dass der erste Wutanfall einer meiner Töchter mich unvorbereitet traf wie ein Schlag aus dem Nichts. Mein Kind war 14 Monate alt, wir hatten im Bio-Laden gerade eingekauft und sie gebärdete "Keks!". Ich gab ihr einen Keks und .... "WUUUUÄÄÄÄÄÄÄHHHHHHHH!!!!!!!". Wie vom Donner gerührt stand ich da und guckte ungläubig auf mein bis dato liebes Kleinkind. Wie jetzt, "Wuäh?" Ich habe dir doch deinen erbetenen "Keks" gegeben? Aber nein, das Kind schrie und stampfte und wurde immer wütender, weil ich nur Bahnhof verstand. Nach langem mühevollen Ausprobieren mehrerer Optionen, bei dem ich im Übrigen tierisch ins Schwitzen und ziemlich in Panik geriet, wurde klar: Das Kind will keinen Keks, das Kind will die gerade eingekaufte Banane! Sie konnte aber Banane noch nicht gebärden. Ach herrjemine, dachte ich, das kann ja lustig werden mit der Trotzphase in den nächsten Monaten!
Warum kleine Kinder ihre Wut noch nicht gut regulieren können
Wenn Kinder größer werden, stellen sie fest, dass ihre Wünsche und Vorstellungen nicht immer mit denen ihrer Mitmenschen übereinstimmen. Sie wollen selbst entscheiden, etwas unbedingt haben oder etwas auf keinen Fall tun - und treffen auf Grenzen, fehlende Fähigkeiten oder schlicht auf eine Wirklichkeit, die nicht so funktioniert, wie sie es sich gerade wünschen. Wut, Frust, Trauer und Enttäuschung gehören deshalb zur Autonomieentwicklung dazu.
Die Fähigkeit, mit solchen Gefühlen umzugehen, ist bei kleinen Kindern noch lange nicht ausgereift. Schon Babys können sich bis zu einem gewissen Grad selbst beruhigen, etwa indem sie sich von einem Reiz abwenden oder saugen. Bei stärkerer Belastung sind sie jedoch auf die Regulation durch ihre Bezugspersonen angewiesen. Mit zunehmendem Alter kommen immer mehr eigene Strategien hinzu. Kinder können sich zurückziehen, Nähe suchen, ein Kuscheltier holen, später Gefühle benennen, sich selbst beruhigen, Lösungen suchen und ihre Gedanken bewusst beeinflussen. Dieser Prozess zieht sich über viele Jahre.
Das bedeutet auch: Ein zwei- oder dreijähriges Kind, das vor Wut völlig außer sich ist, verfügt nicht einfach nur über zu wenig Disziplin. Es kann seine starke Erregung noch nicht zuverlässig allein herunterregulieren. Genau deshalb hilft es wenig, einem Kind mitten im heftigsten Wutanfall zu erklären, warum sein Verhalten gerade unvernünftig ist.
Was passiert bei einem Wutanfall?
In älteren Erziehungsratgebern wurde das gern mit einem sehr einfachen Modell von rechter und linker Gehirnhälfte erklärt. Auch Dr. Harvey Karp, Autor des Buches "Das glücklichste Kleinkind der Welt", begründete seine Methode damit: Beim wütenden Kleinkind übernehme die emotionale rechte Gehirnhälfte, während die vernünftige und sprachliche linke Gehirnhälfte weitgehend ausfalle.
So klar lassen sich die Aufgaben unseres Gehirns allerdings nicht auf zwei Seiten verteilen. Bei einem Wutanfall wird auch nicht buchstäblich eine Gehirnhälfte ausgeschaltet. Der Grundgedanke dahinter ist trotzdem wichtig: Je stärker ein Kind emotional erregt ist, desto schwerer fällt es ihm, Informationen aufzunehmen, flexibel nachzudenken, Impulse zu kontrollieren und sich sprachlich auszudrücken. Ein Kind kann dann durchaus hören, was wir sagen, aber eine ausführliche Erklärung oder eine vernünftige Diskussion über sein Verhalten überfordert es in diesem Moment schnell.
Co-Regulation: Wütende Kleinkinder begleiten
Ansprache funktioniert kaum, Anfassen macht alles noch schlimmer, uns gehen die Optionen aus. Kind allein wüten lassen und abwarten, bis es vorbei ist? Klar, kann man machen. Das dauert aber für alle Beteiligten gefühlt ewig und hinterlässt eine völlig verausgabte Familie. Der Vater ist fertig, weil er es nicht ertragen kann, dass es dem Kind so schlecht geht, die Mutter ist erledigt, weil das Geschrei in ihr negative Gefühle ihrer eigenen Kindheit getriggert hat, das Kind ist durchgeschwitzt und emotional am Ende, weil es gerade von den heftigsten Gefühlen aller Zeiten geschüttelt wurde.
Harvey Karp schlägt für solche Situationen eine Methode vor, die er "Fast-Food-Regel" nennt. Seine neurowissenschaftliche Erklärung dafür ist aus heutiger Sicht zu stark vereinfacht, die praktische Idee finde ich aber nach wie vor hilfreich: Wenn ein Kind sehr aufgebracht ist, reden wir nicht ausführlich auf es ein. Wir nehmen zuerst Kontakt auf, zeigen ihm, dass wir verstanden haben, was gerade los ist, und benutzen kurze, einfache Sätze. Stimme, Gesichtsausdruck und Körpersprache spielen dabei eine wichtige Rolle.
1. Schritt: Respektvoll Kontakt aufnehmen
Der Schlüssel zur Kommunikation mit aufgebrachten Kleinkindern ist nach Harvey Karp die respektvolle Kontaktaufnahme. Es ist klar, dass dabei der Aufgebrachtere zuerst spricht - im Falle unserer Kinder hört sich das dann etwa so an: "WWWUUUÄÄÄÄHHH!!!! NEIN! NEIN! AAAARRRGGGGGHH. GGGGRRRAAAHHHH. WWWUUUÄÄÄÄHH!"
Der andere hört zunächst zu und versucht dann, das Gefühl und das Anliegen des Kindes in einfachen Worten aufzugreifen: "Du bist wütend! So wütend! Du sagst Nein!" Dabei geht es nicht darum, das Kind nachzuäffen oder seinen Wutanfall möglichst überzeugend nachzuspielen. Entscheidend ist, dass unsere Reaktion wirklich empathisch ist. Ein Kind soll merken: Mama oder Papa hat verstanden, dass das hier für mich gerade ein echtes Problem ist.
Das, was ich an dieser "Fast-Food-Regel" so angenehm finde, ist, dass ich meinem Kind nicht nur mit Liebe, sondern vor allem mit Respekt begegne. Ich respektiere seine Gefühle und zeige meinem Kind, dass ich verstanden habe, wie es sich fühlt und dass es okay ist, sich so zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass ich ihm keine Grenzen setze. Es bedeutet nur, dass ich ihm sage, dass alle Gefühle sein dürfen und dass ich ein offenes Ohr für seine Emotionen habe. Im Grunde ist das keine radikal neue Idee, sondern eine kleinkindgerechte Form des aktiven Zuhörens und der gewaltfreien Kommunikation.
Drei Dinge helfen dabei besonders:
- Gefühle benennen: "Du bist wütend! Du wolltest das anders!" Wir müssen nicht immer exakt wissen, was im Kind vorgeht. Eine vorsichtige Vermutung kann schon helfen.
- Kurze Sätze: Statt mitten im Wutanfall ausführlich zu erklären, warum der Hund keine Gefahr mehr darstellt, reicht zunächst: "Angst! Großer Hund! Du wolltest weg!"
- Wiederholen: Ein stark aufgebrachtes Kind braucht eventuell einen Moment, bis unsere Botschaft überhaupt bei ihm ankommt. Wir müssen deshalb nicht sofort eine neue Erklärung hinterherschieben.
Nicht jedes Kind möchte in seiner Wut angesprochen werden. Einige wollen Nähe, andere Abstand, manche wollen auf keinen Fall berührt werden. Co-Regulation bedeutet deshalb nicht, dass wir eine bestimmte Methode am Kind vollziehen. Es bedeutet, aufmerksam zu beobachten, welche Unterstützung dieses Kind in diesem Moment annehmen kann.
2. Schritt: Die Grenze bleibt
Hat sich der Sturm der Gefühle etwas gelegt, können wir wieder mehr Sprache benutzen und erklären, was nicht geht: "Du möchtest so gerne noch weiterspielen, aber wir müssen nun los zum Kindergarten. Ich komme sonst zu spät zur Arbeit."
Dass wir das Gefühl des Kindes anerkennen, bedeutet nicht, dass wir anschließend seinen Wunsch erfüllen müssen. Das Kind darf wütend darüber sein, dass wir gehen. Und wir dürfen trotzdem gehen. Flammt die Wut durch unsere Antwort erneut auf, müssen wir nicht immer neue Argumente liefern. Wir können einfach noch einmal bestätigen: "Ja, du möchtest wirklich bleiben. Du bist richtig sauer, dass wir jetzt gehen."
3. Schritt: Eine Lösung anbieten, wenn es eine gibt
Ich persönlich finde diesen Punkt den schwierigsten, denn nicht immer fällt mir so auf die Schnelle ein, wie mein Kind und ich beide als Gewinner aus dem Konflikt herausgehen können. Wenn es möglich ist, suche ich einen Kompromiss oder biete Wahlmöglichkeiten an. "Du möchtest so gern noch weiterspielen, aber wir müssen los. Du kannst deine Puppe im Rucksack mitnehmen und sie wartet dann in der Kindergarten-Garderobe auf dich." "Du möchtest so gerne noch weiterrutschen, aber der Papa wartet mit dem Abendbrot auf uns. Möchtest du noch einmal oder zweimal rutschen, bevor wir gehen?" "Du willst so gern die Gummistiefel anziehen, aber draußen ist es soooo heiß. Pass auf, du kannst die Gummistiefel anziehen und wir nehmen deine Sandalen mit und tauschen sie später."
Wenn etwas wirklich überhaupt nicht geht, erfülle ich den Wunsch gern in der Fantasie: "Du möchtest sooo gern jetzt ein Kugeleis essen, aber es ist Winter draußen und der Laden hat zu. Ich wünschte, ich könnte all den Schnee wegpusten. Das wäre schön! Ich würde die Sonne hinter den Wolken hervorholen und es warm werden lassen. Dann könnten wir ein Eis essen. Ich freue mich schon wirklich auf den Sommer, wenn der Laden wieder offen ist. Wollen wir dann ein Schoko- oder ein Erdbeereis essen?" Bei meinen Töchtern hat das auch in heiklen Situationen, etwa an der Quengelware beim Einkaufen, oft gut funktioniert.
Wenn das Beruhigen nicht funktioniert
Keine Methode funktioniert bei jedem Kind und in jeder Situation. Das gilt auch für das Spiegeln. Es gibt Wutanfälle, in denen ein Kind unsere Begleitung gut annehmen kann, und andere, in denen wir im Grunde nur dafür sorgen können, dass niemand verletzt wird, und präsent bleiben, bis die stärkste Erregung nachlässt.
Wir haben das Problem falsch verstanden
Wenn wir sagen: "Du bist wütend! Du willst den Keks!" und das Kind daraufhin noch verzweifelter wird, kann es schlicht sein, dass wir falschliegen. Gerade bei kleinen Kindern ist der Grund für die Wut für Erwachsene nicht immer sofort nachvollziehbar. Das Kind will etwas allein machen und wir helfen ungefragt. Es möchte etwas haben, kann aber noch nicht erklären, was. Es soll etwas tun, das es nicht tun möchte. Es versucht etwas selbst und scheitert. Etwas geht kaputt. Oder es erwartet bereits ein Nein, bevor wir überhaupt verstanden haben, worum es geht.
Ich denke, jede Mutter und jeder Vater kennt solche Situationen, aber ich möchte trotzdem noch zwei Beispiele geben. Als meine Töchter ca. 16 Monate alt waren, lag viel Schnee und wir fuhren mit dem Schlitten aus. Eine Tochter wollte irgendwie auf spezielle Art auf dem Schlitten sitzen, ich konnte aber nicht herausfinden, wie genau. Ich probierte alle möglichen Positionen, aber sie wurde immer wütender mit mir. Für sie war völlig klar, wie sie sitzen wollte. Nur konnte sie mir das noch nicht erklären. Dass ich nicht wissen konnte, was genau sie meinte, war für sie in diesem Moment ebenfalls schwer nachzuvollziehen. Aus ihrer Sicht machte ich einfach immer wieder das Falsche.
Das zweite Beispiel: Meine Töchter hatten spezielle kleine Glasbecher zum Safttrinken. Einer Tochter war ihr Glas am Vortag heruntergefallen, deshalb hatte ich zum Abendbrot zwei andere identische Gläser herausgesucht, die jedoch ein bisschen kleiner waren. Als ich mit den Gläsern zum Tisch kam, fing die Tochter, deren Originalglas eigentlich noch ganz war, wütend an zu rufen: "Mehr, mehr!" Ich sagte: "Puppe, das Glas ist doch randvoll? Ich kann da gar nichts mehr eingießen." Sie wurde immer aufgeregter und rief weiterhin: "Nein, nein, mehr!"
Sie war 24 Monate alt und konnte eigentlich schon in ganzen Sätzen sprechen. In ihrer Aufregung kamen aber nur noch Wortbrocken heraus. Ich antwortete: "Du kannst mehr Saft haben, aber trink doch erst mal diesen hier aus!" Daraufhin fing sie fürchterlich an zu weinen. Also versuchte ich herauszufinden, was "mehr" bedeuten könnte: "Du willst mehr! Mehr! Du sagst ... anderes Glas! Größeres Glas! Du willst dein anderes Glas haben!" Sofort zeigte sich Erleichterung auf ihrem Gesicht und sie antwortete: "Ja, anneres Glas." Sie wollte ihr Originalglas haben. Nur weil ich es fair fand, dass beide Kinder die gleichen Gläser hatten, musste sie das schließlich nicht ebenso sehen.
Das Kind ist müde, hungrig oder überfordert
Der Klassiker: Ein müdes Kind hat wesentlich weniger Ressourcen, Frust auszuhalten. Dasselbe gilt bei Hunger, Krankheit, Schmerzen, Reizüberflutung oder nach einem anstrengenden Tag. Dann kann der Anlass für einen Wutanfall winzig erscheinen, während die eigentliche Belastung längst viel größer ist. Die falsch ausgedrückte Zahnpasta oder die falsche Strumpfhose ist dann nur der letzte Tropfen.
An solchen Tagen müssen wir nicht jeden einzelnen Wutanfall entschlüsseln und pädagogisch bearbeiten. Anforderungen reduzieren, essen, trinken, Ruhe, Nähe, raus aus einer überfordernden Situation und bei Müdigkeit ab ins Bett können sehr viel hilfreicher sein.
Wie Kinder Selbstregulation lernen
Kinder werden immer wieder mit Stress, Frustration und Wut konfrontiert. Langfristig sollen sie lernen, mit diesen Gefühlen umzugehen, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Selbstregulation entsteht aber nicht dadurch, dass wir ein kleines Kind mit seiner Wut alleinlassen, damit es "das endlich lernt". Sie entwickelt sich schrittweise aus vielen Erfahrungen, in denen Kinder zunächst von anderen reguliert werden und nach und nach eigene Strategien übernehmen.
Gefühle regulieren bedeutet dabei nicht, Gefühle zu unterdrücken. Wut hat eine Funktion. Sie kann uns zeigen, dass etwas nicht so läuft, wie wir es wollen, dass wir uns ungerecht behandelt fühlen, dass eine Grenze verletzt wurde oder dass wir mit einer Situation überfordert sind. Kinder dürfen wütend sein. Was sie lernen müssen, ist, was sie mit ihrer Wut tun können.
Gefühle erkennen und benennen
Schon kleine Kinder können nach und nach lernen, Gefühle bei sich selbst und anderen zu erkennen. In ruhigen Situationen kann man gemeinsam überlegen: Wie sieht ein wütendes Gesicht aus? Wo spürst du Wut in deinem Körper? Wird dein Bauch fest? Dein Gesicht heiß? Möchtest du schreien oder stampfen?
Hat das Kind Freude daran, kann man Fotos von verschiedenen Gesichtsausdrücken machen und ein Gefühle-Buch oder ein Gefühle-Memory daraus basteln. Je mehr Wörter einem Kind für seine inneren Zustände zur Verfügung stehen, desto genauer kann es irgendwann ausdrücken, was mit ihm los ist. Das allein verhindert keinen Wutanfall. Aber zwischen "AAAAAH!" und "Ich bin sauer, weil du einfach meine Sachen genommen hast!" liegt ein ziemlich großer Entwicklungsschritt. Dabei können auch Kinderbücher helfen, die Wut zum Thema machen. "Wohin mit meiner Wut?" von Dagmar Geisler zeigt Kindern verschiedene Formen von Wut und Möglichkeiten, mit diesem starken Gefühl umzugehen.
Den Körper zur Regulation nutzen
Einige Kinder wollen sich bei Wut bewegen. Sie stampfen, laufen, schütteln sich oder wollen ihre ganze Kraft einsetzen. Solange niemand verletzt wird und nichts kaputtgeht, kann körperliche Aktivität eine Möglichkeit sein, mit der starken Erregung umzugehen. Andere Kinder brauchen genau das Gegenteil und möchten sich zurückziehen.
Auch Atemübungen können Kindern helfen, wenn sie sie in einem ruhigen Moment kennengelernt haben. Sie sind allerdings kein Zaubertrick, den wir einem völlig aufgebrachten Zweijährigen zurufen können und der dann zuverlässig den Wutanfall beendet. Regulationstechniken müssen geübt werden, wenn das Kind aufnahmefähig ist.
Schieben
Eine meiner Töchter war einmal so wütend mit mir, dass sie mich hauen wollte, an meinem Pullover zerrte und versuchte, mich wegzuschubsen. Sie war ganz und gar außer sich vor Wut. Als sie anfing, mich wegzuschubsen, sagte ich freundlich: "Oh, du willst mich wohl schieben? Ja, das ist eine gute Idee! Komm, nimm meine Hände und schiebe mich weg, so fest du kannst!" Sie nahm mein Angebot ein wenig verwirrt an und schob mit aller Kraft. Ich kommentierte: "Oh, du bist ja sehr wütend! Du schiebst wirklich doll." Nach einer Weile wurde sie ruhiger. Meine Worte drangen wieder zu ihr durch und sie konnte hören, dass ich verstanden hatte, wie wütend sie gerade mit mir war.
Beim Schieben stehen sich Erwachsener und Kind gegenüber und drücken die Hände gegeneinander. Es geht nicht darum, den anderen tatsächlich wegzuschieben. Hauen, Treten und Stoßen gehören nicht dazu. Das Spiel bietet einem Kind, das gerade sehr viel körperliche Energie hat, einen begrenzten und sicheren Rahmen, in dem es seine Kraft einsetzen kann. Wenn das Kind aufhören möchte oder die Situation dadurch noch aufgeregter wird, wird natürlich aufgehört.
Wichtig ist mir heute die Erklärung dazu: Das Kind muss seine Wut nicht "aus dem Körper herauslassen". Wut funktioniert nicht wie ein Tank, der durch körperliches Abreagieren geleert werden muss. Das Schieben kann trotzdem hilfreich sein, weil das Kind seine körperliche Anspannung in eine sichere, klar begrenzte Aktivität lenkt und dabei in Kontakt mit einem Erwachsenen bleibt.
Mit älteren Kindern nach Lösungen suchen
Mit zunehmendem Alter können Kinder immer mehr selbst zur Regulation beitragen. Sie können wahrnehmen, wie sich Ärger im Körper ankündigt, Abstand von einer Situation nehmen, tief durchatmen, sich mit inneren Sätzen beruhigen und über mögliche Lösungen nachdenken. Das funktioniert allerdings am besten, wenn wir solche Strategien nicht erst dann besprechen, wenn das Kind bereits völlig außer sich ist.
Nach einem Konflikt können vier Fragen helfen:
- Was hast du in deinem Körper gemerkt, als du wütend wurdest?
- Was hat dir geholfen, wieder ruhiger zu werden?
- Was war eigentlich das Problem und welche Lösung hätte es geben können?
- Was könntest du beim nächsten Mal ausprobieren?
Vor allem bei Konflikten, die immer wieder auftreten, kann man mögliche Lösungen in einem ruhigen Moment durchspielen. So muss das Kind eine neue Strategie nicht ausgerechnet dann erfinden, wenn sein Gehirn gerade mit einer sehr starken Emotion beschäftigt ist.
Wut darf sein - nicht jedes Verhalten
Ein Wutanfall kann viele Auslöser haben: Frustration, Überforderung, Müdigkeit, Hunger, Schmerz, enttäuschte Erwartungen, Kontrollverlust oder einen Wunsch, der gerade nicht erfüllt werden kann. Wut ist zunächst ein Gefühl und kein Fehlverhalten. Wir müssen deshalb nicht verhindern, dass unser Kind wütend wird.
Das bedeutet ganz und gar nicht, unseren Kindern keine Grenzen aufzuzeigen. Ein Kind darf wütend sein, weil es seinen Bruder nicht hauen darf - und wir verhindern trotzdem, dass es ihn haut. Es darf verzweifelt sein, weil es nicht auf die Straße laufen darf - und wir halten es trotzdem zurück. Gefühle müssen wir nicht begrenzen. Verhalten unter Umständen schon.
Unsere Aufgabe ist nicht, jeden Wutanfall möglichst schnell zu beenden. Wir können unserem Kind helfen, die heftigen Gefühle auszuhalten, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Mit den Jahren braucht es dafür immer weniger Hilfe von uns. Aus der Co-Regulation wird nach und nach Selbstregulation.
Unser Buch
Die Autonomiephase ist für viele Eltern eine besondere Herausforderung. Wir haben diesem Thema ein ausführliches Buch gewidmet: "Der entspannte Weg durch Trotzphasen".
Außerdem ist ein Kartenset mit Impulsen für die herausforderndsten Situationen in der Autonomiephase erhältlich.
© Snowqueen
Quellen
Band, E. B. und Weisz, J. R. (1988). "How to feel better when it feels bad: Children's perspectives on coping with everyday stress." Developmental Psychology, 24, S. 247 - 253.
Kopp, C. B. (1989). "Regulation of distress and negative emotions: A developmental view." Developmental Psychology, 25, S. 343 - 354.
Novaco, R. W. (1979). "The cognitive regulation of anger and stress." In: P. C. Kendall und S. P. Hollon (Hrsg.), "Cognitive-behavioral interventions." Orlando: Academic Press.