Auszeiten in der Erziehung - warum wir Kinder in Konflikten nicht wegschicken sollten

Seit den Auftritten der "Super-Nanny" sind Auszeiten – bei ihr noch "stille Treppe" genannt – als Erziehungsmethode vielen Eltern bekannt. Auch in Erziehungsratgebern ist der Tipp zu finden: Kinder, die sich unangemessen verhalten, werden nach vorheriger Ermahnung durch eine gezielte Unterbrechung des aktuellen Geschehens an einen anderen Ort gebracht, um ihr Verhalten zu reflektieren und sich zu beruhigen.

Vorab: Es spricht sicher nichts dagegen, wenn ein Kind sich aus eigenem Antrieb allein zurückzieht, um seine Emotionen zu verarbeiten, und selbst entscheidet, wie lange es von den Eltern getrennt sein will. Die Erziehungsmethode "Auszeit", um die es in diesem Beitrag geht, ist dadurch gekennzeichnet, dass die Eltern das Kind aktiv aus einer Situation herausnehmen und eine räumliche Trennung anordnen. Allerdings ist auch hier eine Unterscheidung wichtig: Ein kurzer, ruhig begleiteter Time-out ist nicht dasselbe wie ein Kind zur Strafe ins Zimmer zu schicken, ihm Zuwendung zu verweigern und seine Rückkehr davon abhängig zu machen, dass es sich beruhigt oder entschuldigt.

Kind sitzt für eine Auszeit traurig auf einem Stuhl

Warum nutzen Eltern die Auszeit als Erziehungsmethode?

Viele Eltern begründen die Nutzung von Auszeiten damit, dass sie ihren Kindern die Gelegenheit geben wollen, sich selbst in sicherer Umgebung, zum Beispiel im Kinderzimmer, zu beruhigen. Auch das oft falsch verstandene "Aus-der-Situation-Nehmen" wird als ein Beweggrund angeführt. Eine Mutter schreibt in einem Forum zum Beispiel:

"Er hat sich so in seinen Trotzanfall hereingesteigert, dass ich ihn in sein Zimmer gebracht habe. Ich wollte ihn erstmal aus der Situation nehmen und ihm die Chance geben, sich zu beruhigen. Hinterher bin ich zu ihm reingegangen und nachdem er sich für sein Verhalten entschuldigt hat, habe ich auch mit ihm gekuschelt. Ich bin wirklich nicht nachtragend und er zeigte mir ja, dass er verstanden hat, dass ich so ein Verhalten nicht dulde."

Warum ich insbesondere das Wegschicken eines aufgewühlten Kindes problematisch finde, möchte ich mit diesem Artikel begründen.

Warum Alleinlassen beim Beruhigen oft nicht hilft

Vor allem junge Kinder sind in emotional schwierigen Situationen noch stark auf die Unterstützung ihrer Bezugspersonen angewiesen. Wenn sie sehr aufgebracht, wütend oder verzweifelt sind, fällt es ihnen häufig noch schwer, ihre Gefühle allein zu regulieren. Sie profitieren dann davon, wenn eine vertraute Bezugsperson verfügbar bleibt.

Kinder haben von klein auf einen starken Bindungsdrang. Besonders in belastenden Situationen suchen viele kleine Kinder die Nähe ihrer Bindungspersonen. Deshalb reagieren Babys und junge Kleinkinder oft stark darauf, wenn ihre Bindungsperson ihr Sichtfeld verlässt. Auch das Fremdeln gehört zu dieser Entwicklung.

Das heißt allerdings nicht, dass jedes Kind in jeder emotionalen Situation Körperkontakt möchte. Manche Kinder brauchen Abstand. Einen Unterschied macht jedoch, ob das Kind diesen Abstand selbst sucht oder ob die Bezugsperson die Trennung als Reaktion auf sein Verhalten anordnet. Gerade ein Kind, das ohnehin stark aufgewühlt ist, kann das Wegschicken als zusätzliche Zurückweisung erleben. Andere Kinder ziehen sich dagegen tatsächlich zurück und kommen allein schneller wieder zur Ruhe.

Während ein Kind beim Auslöser der elterlichen Auszeit vielleicht einfach nur wütend oder müde war und deshalb einen Trotzanfall bekam, kann das Alleinlassen seinen Stress noch verstärken. Ein hoch erregtes Kind hat in diesem Moment außerdem kaum die Voraussetzungen dafür, ruhig über sein vorheriges Verhalten nachzudenken. Deshalb erscheint es sinnvoller, zunächst bei der Regulation zu helfen und erst später über das Geschehene zu sprechen.

Welche Botschaft beim Kind ankommen kann

Besonders problematisch finde ich Auszeiten, wenn das Ende der Trennung an ein bestimmtes Verhalten geknüpft wird: Das Kind darf erst zurückkommen, wenn es sich beruhigt, seinen Fehler eingesehen oder sich entschuldigt hat.

Natürlich lieben die Mütter und Väter ihr Kind in diesem Moment weiterhin. Beim Kind kann trotzdem eine andere Botschaft ankommen: "Du hast etwas getan, das für mich nicht akzeptabel ist, deshalb bekommst du meine Nähe erst wieder, wenn du dich so verhältst, wie ich es von dir erwarte." Die Frage ist also nicht nur, ob Eltern ihr Kind bedingungslos lieben, sondern auch, wie das Kind die Situation erlebt. Deshalb halte ich es für sinnvoll, Verhalten und Beziehung voneinander zu trennen. Wir können ein Verhalten begrenzen und deutlich ablehnen, ohne dafür die Beziehung zu unterbrechen.

Eltern trösten ihr Kind liebevoll

Auszeiten können tatsächlich dazu führen, dass das Kind sein Verhalten zumindest vorübergehend anpasst. Daher werden sie auch als wirksam empfohlen. Als ich schwanger war, gab mir meine mittlerweile verstorbene Oma einen guten Rat: "Sei skeptisch gegenüber Erziehungsmaßnahmen, die 'funktionieren', denn unsere Kinder sind keine Maschinen." Deshalb möchte ich an dieser Stelle kritisch hinterfragen: Warum funktioniert die Auszeit denn? Ich kann mir schlecht vorstellen, dass ein Kind im Alter von beispielsweise fünf Jahren im Zimmer sitzt und tatsächlich darüber nachdenkt, was an seinem Verhalten falsch war und warum.

Ich denke nicht, dass durch eine Auszeit automatisch echte Einsicht entsteht. Ebenso wenig entsteht dadurch Empathie, wenn das Kind zum Beispiel in die Auszeit geschickt wurde, weil es ein anderes Kind gehauen hat. Dass eine Erziehungsmaßnahme ein Verhalten kurzfristig unterbricht, sagt noch nichts darüber aus, was ein Kind dabei verstanden oder für zukünftige Situationen gelernt hat.

Diesbezüglich habe ich vor einigen Jahren einen Erfahrungsbericht einer mit Auszeiten erzogenen Frau gelesen, den ich hier mit freundlicher Genehmigung zitieren darf. Natürlich ist dies die persönliche Erfahrung dieser Frau und kein Beleg dafür, dass alle Kinder Auszeiten so erleben:

"Auszeiten geben war die bevorzugte Erziehungsmaßnahme meines Vaters. Meist durften wir, wenn die Länge der Strafe nicht vorher definiert war, wieder rauskommen, sobald wir unseren Fehler einsahen und uns entschuldigten. Für mich hieß das im Grunde nur, wie lange halte ich es aus, bis ich es nicht mehr ertragen kann und raus wollte, kuscheln wollte und spüren, dass alles wieder gut ist.

Also gab ich das von mir, was man von mir hören wollte: 'Entschuldigung ..., ich weiß ..., es kommt nicht wieder vor ...' Tatsächlich sagte ich das mit ehrlichen Emotionen, die aber aus dem Wunsch heraus resultierten, dass Papa nicht mehr böse ist und nicht, weil ich plötzlich so an Einsicht gewonnen und 100 % von meinem Fehlverhalten überzeugt war. Noch heute weiß ich, dass ich als Kind diese 'Strafe' als ungerecht empfand und mir eigentlich nie so richtig sicher war, was ich eigentlich Schlimmes getan hatte ... Ich war so zwischen 4 und 9, als das stattfand. Bei meinem Vater habe ich mir immer Mühe gegeben, brav zu sein, da ich mir der Höchststrafe bewusst war – wobei ich mich ehrlich frage, wieso ich dann doch so oft im Zimmer war."

Der Bericht zeigt, warum ich es schwierig finde, wenn Zuwendung erst nach einer Entschuldigung oder einem bestimmten Verhalten wieder aufgenommen wird. Eine erzwungene Entschuldigung sagt wenig darüber aus, ob ein Kind verstanden hat, was passiert ist. Sie kann schlicht der schnellste Weg sein, den Konflikt zu beenden.

An dieser Stelle ist allerdings eine fachliche Einordnung wichtig: Neuere Untersuchungen liefern keine Belege dafür, dass kurze und angemessen durchgeführte Auszeiten grundsätzlich die Bindung oder psychische Gesundheit von Kindern schädigen. Die frühere pauschale Annahme, jede Auszeit führe zu psychischen Schäden oder einem geringeren Selbstwertgefühl, lässt sich wissenschaftlich nicht aufrechterhalten.

Ein Kind kann das Wegschicken trotzdem als Ablehnung oder Strafe erleben, besonders wenn es gerade emotional aufgewühlt ist. Warum soll ein kleines Kind auch allein mit seinen Emotionen klarkommen müssen? Kleinere Kinder benötigen bei der Regulation ihrer Gefühle häufig noch die Unterstützung ihrer Bezugspersonen. Wenn ein Kind keine körperliche Nähe in einer Konfliktsituation zulässt, kann man dennoch für das Kind da sein – allein durch Anwesenheit. Es gibt gute Möglichkeiten, aufgewühlten Kindern beizustehen und sie bei der Regulation ihrer Gefühle zu unterstützen.

Auch Katia Saalfrank, die als "Super-Nanny" selbst mit der stillen Treppe bekannt wurde, distanzierte sich später von dieser Erziehungsmethode. Sie erklärte dazu unter anderem hier:

"Das Kind wird nicht nur massiv in seiner Autonomie und Entwicklung eingeschränkt, sondern auch in seiner Persönlichkeit gekränkt", sagte die Pädagogin in der "Frankfurter Rundschau". Das Konzept für die Sendung sei aus England gekommen und habe diese Maßnahme enthalten. "Für mich hat sich diese Methode nach kurzer Zeit als destruktiv erwiesen", sagte Saalfrank.

Fazit

Auszeiten sind nicht automatisch schädlich. Ein kurzer, ruhig durchgeführter Time-out ist etwas anderes, als ein Kind wegzusperren, ihm demonstrativ Zuwendung zu entziehen oder es erst nach einer Entschuldigung wieder zurückkommen zu lassen.

Trotzdem halte ich das Wegschicken eines aufgewühlten Kindes im normalen Familienalltag nicht für eine besonders hilfreiche Erziehungsmethode. Mir erscheint wichtiger, notwendige Grenzen zu setzen, herauszufinden, was hinter einem Verhalten steckt, und Kindern nach und nach zu zeigen, was sie in schwierigen Situationen stattdessen tun können. Besonders wenn ein Kind emotional stark aufgewühlt ist, braucht es häufig noch unsere Unterstützung bei der Regulation seiner Gefühle.

Eine andere Situation liegt vor, wenn man als Elternteil selbst so wütend wird, dass man befürchtet, die Kontrolle zu verlieren oder sogar handgreiflich zu werden. Dann ist räumlicher Abstand sinnvoll und kann dringend notwendig sein. Dabei sollte sich, sofern das Kind sicher ist, das Elternteil selbst kurz zurückziehen. Oft reichen wenige Minuten, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Dem Kind kurz zu sagen: "Ich gehe kurz raus und komme gleich wieder", ist in solchen Situationen angebrachter, als das Kind wegzuschicken.

Quellen

Brisch, Karl Heinz: SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern, Klett-Cotta

Gordon, Thomas: Die neue Familienkonferenz – Kinder erziehen ohne zu strafen, Heyne Verlag

Kohn, Alfie: Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung, Arbor-Verlag

Renz-Polster, Herbert: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt

Dadds, Mark R. et al. (2024): Generation time-out grows up: Young adults' reports about childhood time-out use and their mental health, attachment, and emotion regulation.

Roach, Alex et al. (2025): Time-out under scrutiny: Examining the relationships among the discipline strategy time-out, child well-being and attachment and exposure to adversity.

© Danielle