In den ersten Lebensmonaten sind Babys oft noch relativ flexibel, wenn es darum geht, in wessen Armen sie liegen. Sie lassen sich häufig auch von anderen vertrauten Personen füttern, wickeln und trösten. Ihre wichtigsten Bezugspersonen können sie dabei schon früh erkennen und unterscheiden. Zwischen etwa sechs und acht Monaten, bei einigen Kindern auch früher, beginnen viele Babys deutlich zurückhaltender auf fremde Menschen zu reagieren. Das Baby unterscheidet nun immer sicherer zwischen „vertraut“ und „fremd“, ein wichtiger Entwicklungsschritt! Teilweise reicht schon ein intensiverer Blick eines fremden Menschen aus, damit das Baby Schutz bei seinen vertrauten Bezugspersonen sucht.
Der Begriff „Achtmonatsangst“ wird für diese Phase zwar häufig verwendet, der Zeitpunkt ist aber viel weniger eindeutig, als der Begriff vermuten lässt. Fremdeln kann früher oder später beginnen und auch die stärkste Phase liegt nicht bei allen Babys im achten Monat. Einige lassen sich zeitweise fast ausschließlich von Mama oder Papa betreuen und reagieren sehr heftig, wenn andere Personen ihnen zu nahe kommen.
Für Eltern ist diese Reaktion oft unverständlich und gelegentlich auch unangenehm Fremden und vor allem Bekannten und Verwandten gegenüber. Es besteht jedoch kein Grund zur Sorge: Fremdeln ist ein vollkommen normales Entwicklungsphänomen. Es ist allerdings kein zuverlässiger Test dafür, ob ein Kind sicher gebunden ist. Die Zurückhaltung gegenüber fremden Menschen nimmt mit zunehmendem Alter meist wieder ab. Bei vielen Kindern bleibt auch im zweiten und dritten Lebensjahr eine gewisse Zurückhaltung bestehen. Die Ausprägung kann sich von Kind zu Kind stark unterscheiden, bei einigen ist das Fremdeln kaum erkennbar, andere tun sich lange mit fremden Menschen schwer. Auch das Temperament des Babys hat einen großen Einfluss, zurückhaltende Babys reagieren häufig stärker als sehr kontaktfreudige Altersgenossen.
Man sollte sich bewusst sein, dass Fremdeln kein Verhalten ist, das Eltern ihrem Kind einfach an- oder abtrainieren können. Temperament, bisherige Erfahrungen, die jeweilige Situation und das Verhalten der beteiligten Erwachsenen beeinflussen jedoch, wie stark ein Kind reagiert. Fremdeln kann deshalb auf keinen Fall als erzieherisches Versagen betrachtet werden. Manche Eltern sorgen sich sogar über das Ausbleiben des Fremdelns. Die Unterschiede zwischen Kindern sind jedoch groß und bei einigen Babys ist das Verhalten so gering ausgeprägt, dass die Eltern es kaum bemerken.
Warum fremdeln Kinder?
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für das Fremdeln. Ein wichtiger Entwicklungsschritt besteht darin, dass das Baby vertraute Menschen immer sicherer von unvertrauten unterscheiden kann. Gleichzeitig entwickelt sich sein Bindungsverhalten weiter. Wenn etwas unbekannt oder beunruhigend ist, sucht es gezielt die Nähe seiner vertrauten Bezugspersonen.
Der Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster betrachtet das Fremdeln in seinem Buch „Kinder verstehen“ zusätzlich aus evolutionsbiologischer Perspektive. Dabei handelt es sich um einen Erklärungsansatz, nicht um eine abschließend bewiesene Ursache des Fremdelns.
Nach dieser evolutionsbiologischen Hypothese könnte es kein Zufall sein, dass das Fremdeln ungefähr in die Zeit fällt, in der viele Babys mobiler werden. Bisher kam das Baby keinen Millimeter vorwärts und sorgte damit ganz automatisch dafür, dass es in Mamas und Papas greifbarer Nähe blieb. Mit zunehmender Beweglichkeit wächst der Explorationsdrang, das Kind will die Umwelt erforschen, den Raum erkunden und entfernt sich dafür weiter von seinen Bezugspersonen. Eine stärkere Vorsicht gegenüber unbekannten Menschen könnte in dieser Entwicklungsphase einen zusätzlichen Schutz geboten haben.
Herbert Renz-Polster führt in diesem Zusammenhang noch eine weitere evolutionsbiologische Überlegung an: In der Menschheitsgeschichte könnte für kleine Kinder von unbekannten Erwachsenen, insbesondere von unbekannten Männern, unter bestimmten Bedingungen eine größere Gefahr ausgegangen sein. Als Vergleich werden auch Beobachtungen bei Primaten herangezogen, bei denen Infantizid durch fremde männliche Tiere vorkommt. Daraus wird die Hypothese abgeleitet, dass eine besondere Vorsicht gegenüber unbekannten Erwachsenen einen Überlebensvorteil gehabt haben könnte. Auch das ist keine gesicherte Erklärung dafür, warum ein einzelnes Baby heute fremdelt, sondern eine evolutionsbiologische Deutung.
Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass die beschränkten Kommunikationsmöglichkeiten des Babys eine Rolle spielen. Mit seinen engen Bezugspersonen hat es längst ein vertrautes Kommunikationsmuster entwickelt. Es kennt deren Stimme, Mimik, Berührungen und typische Reaktionen. Fremde Menschen verhalten sich anders und sind deshalb für das Baby schwerer einzuschätzen.
Wer sich für diese evolutionsbiologische Sicht auf kindliches Verhalten interessiert, findet sie ausführlicher in Herbert Renz-Polsters Buch „Kinder verstehen“.
Kann, soll oder muss man etwas gegen das Fremdeln tun?
Nein, Fremdeln ist ein normaler Entwicklungsschritt und wird sich im Laufe der Zeit verändern. Wichtig ist, das Kind mit seiner Reaktion ernst zu nehmen. Zwar ist man geneigt, dem Kind immer wieder zu versichern, dass „Onkel Heinz doch ganz lieb“ sei, beschwichtigen kann man mit der Versicherung jedoch allenfalls Onkel Heinz.
Man sollte als „sicherer Hafen“ für das Kind fungieren. Wann immer es Schutz sucht, sollte dieser angeboten werden, auch wenn man vom Verhalten des Kindes genervt ist oder nicht versteht, warum es sich „so anstellt“. Verlässliche Bezugspersonen geben dem Kind die Sicherheit, aus der heraus es fremde Menschen in seinem eigenen Tempo kennenlernen kann. Und es ist tatsächlich Angst beziehungsweise Verunsicherung, kein Schauspiel.
Keinesfalls sollte man aus der Motivation heraus, „dem Kind zu zeigen, dass nichts Schlimmes passiert“, das Baby einfach anderen in den Arm drücken, auch wenn Oma Sabine das noch so sehr einfordert. Das kann das Baby überfordern und ängstigen. Wenn möglich, sollte auch darauf verzichtet werden, dass die angefremdelte Person immer wieder Kontakt suchend auf das Baby zugeht.
Das ist nämlich eine sehr häufige Reaktion angefremdelter Erwachsener: Sie möchten das Baby unbedingt doch noch zum Lächeln bringen und gehen wiederholt auf es zu. Das Kind kann sich dadurch zunehmend bedrängt fühlen und heftiger reagieren, was Oma unter Umständen noch eifriger macht beim Versuch, das Kind endlich von sich zu überzeugen.
Die Aufgabe der Eltern sollte es sein, diesen Kreislauf zu unterbrechen und klarzumachen, dass das Kind Zeit bekommen sollte, vom sicheren Schoß eines Elternteils aus von sich aus den Kontakt zu suchen. Oft reicht eine kurze Zeit des Beschnupperns aus, damit das Baby Vertrauen fasst und im Laufe des Tages doch noch glücklich glucksend auf dem Schoß der Oma oder des Onkels sitzt. Auch ein interessanter Gegenstand ist zur Kontaktaufnahme geeignet, er kann das Interesse des Babys wecken, sollte jedoch nicht aufgedrängt werden.
In jedem Falle sollte dem angefremdelten Erwachsenen erklärt werden, dass das Baby gerade eine normale, altersgerechte zurückhaltende Phase hat und darum gebeten werden, darauf Rücksicht zu nehmen. Man kann deutlich sagen, dass das Fremdeln keine persönliche Ablehnung ist, sondern eine Reaktion auf die für das Baby ungewohnte Situation.
Schon in dieser frühen Lebensphase ist das grundsätzliche Respektieren der körperlichen Grenzen sinnvoll. Ein Baby muss nicht auf den Arm einer anderen Person, nur weil diese das gerne möchte. So erlebt das Kind von Anfang an, dass seine Signale bezüglich Nähe und Abstand wahrgenommen und respektiert werden.
Wie stark ein Baby fremdelt, hängt neben seinem Temperament auch von seinen bisherigen Erfahrungen und der konkreten Situation ab. Ein Kind, das verschiedene Menschen bereits gut kennt und positive Erfahrungen mit ihnen gesammelt hat, reagiert ihnen gegenüber möglicherweise weniger zurückhaltend. Auch das Verhalten der Eltern kann die Situation beeinflussen: Reagieren sie entspannt und freundlich auf eine andere Person, kann dies dem Baby zusätzliche Sicherheit vermitteln.
In ungefähr derselben Entwicklungsphase wird für Babys auch die vorübergehende Abwesenheit ihrer Bezugspersonen bedeutsamer. Das „Guckguck“-Spiel passt wunderbar in diese Zeit: Mama oder Papa verstecken sich hinter einem Tuch und fragen erstaunt „Wo ist die Mama?“ oder „Wo ist der Papa?“. Nach wenigen Sekunden kommt man dann laut „Daaaa!“ rufend hinter dem Tuch vor.
Die meisten Kinder werden bei diesem Spiel schnell selbst aktiv, indem sie das Tuch wegziehen und sich freuen, die Eltern selbst gefunden zu haben. Wenn das Kind krabbelt, kann man beginnen, in der Wohnung Verstecken zu spielen, viele Babys haben einen Heidenspaß, Mama oder Papa unter dem Tisch oder hinter dem Sofa zu finden. Solche Spiele machen die Erfahrung von Verschwinden und Wiederauftauchen spielerisch erfahrbar. Sie sind allerdings kein notwendiges „Training“ gegen Fremdeln oder Trennungsangst.
Trennungsangst entwickelt sich häufig in einer ähnlichen Phase wie das Fremdeln. Deshalb sollte man sich verlässlich von seinem Kind verabschieden. Es reizt, gerade in dieser Phase, schnell mal zu verschwinden, um Tränen zu vermeiden, weil das Kind die Trennung nicht sofort zu realisieren scheint, während beim Tschüss-Sagen bittere Tränen fließen.
Ein klarer Abschied macht die Situation für das Kind jedoch vorhersehbar. Es erlebt: Mama oder Papa gehen und kommen wieder. Diese Verlässlichkeit hilft dem Kind, Trennungen nach und nach besser einordnen zu können.
Der Einfluss des Fremdelns auf den Schlaf
Im zweiten Lebenshalbjahr verändert sich bei vielen Babys auch der Schlaf. Das fällt zeitlich häufig mit Fremdeln, zunehmender Mobilität und Trennungsangst zusammen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Fremdeln automatisch die Ursache für schlechteren Schlaf ist.
Einige Babys suchen in dieser Zeit nachts stärker die Nähe ihrer Bezugspersonen oder protestieren beim Einschlafen heftiger gegen eine Trennung. Die abendliche Situation kann ein festes Abendritual vereinfachen. Dabei sollte ein ruhiger, möglichst ähnlicher Ablauf entwickelt werden, bei dem sich das Kind darauf einstellen kann, dass nun Schlafenszeit ist.
Wenn Dein Baby nachts sehr häufig aufwacht und verstärkt Brust, Flasche, Körperkontakt oder Wiegen zum Beruhigen braucht, ist auch das zunächst kein ungewöhnliches Verhalten. Nähe und Zuwendung dürfen dem Baby selbstverständlich weiterhin angeboten werden.
Für Babys im ersten Lebensjahr ist aus Sicht des sicheren Babyschlafs ein eigenes Bettchen im Schlafzimmer der Eltern die bevorzugte Schlafumgebung. Wer mit seinem Baby im Familienbett schläft, sollte unbedingt die Regeln für sicheres gemeinsames Schlafen beachten.
Häufiges nächtliches Aufwachen gehört bei Babys zur normalen Schlafentwicklung. Viele vergewissern sich dabei gern der Nähe ihrer Bezugspersonen. Mit zunehmender Reife verändert sich dieses Verhalten.
Auch wenn das Umfeld in dieser Phase meint, das Baby müsse nun lernen, allein mit seiner Unruhe zurechtzukommen, braucht es keine Erziehung zur Selbstständigkeit durch Ignorieren seiner Signale. Ein weinendes oder verängstigtes Baby darf getröstet und begleitet werden.
Mehr zur Entwicklung des kindlichen Schlafs und dazu, warum Babys nachts Nähe suchen, erklären Herbert Renz-Polster und Nora Imlau in ihrem Buch „Schlaf gut, Baby!“.
Passend dazu in unserem Podcast
Wie Bindung und Urvertrauen entstehen und was Kinder brauchen, um sich bei ihren Bezugspersonen sicher zu fühlen, besprechen wir ausführlich in unserer Podcastfolge „Bindung und Urvertrauen aufbauen und stärken“ mit Dr. Martina Stotz.
© Danielle