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"Schlaf gut, Baby!" - Nora Imlau und Herbert Renz-Polster


Vor kurzem erschien ein neues Schlafbuch: "Schlaf gut Baby - Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten" von Nora Imlau und Herbert Renz-Polster. Nora Imlau schreibt seit knapp 10 Jahren für die Zeitschrift "Eltern" und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Kinder zunehmend bedürfnisorientiert und mit liebevollem Blick aufwachsen. Herbert Renz-Polster ist vierfacher Vater und Kinderarzt und hat sich lange Zeit mit der Entwicklung von Kindern aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung befasst.

Das Buch


Schlafbücher sind für mich immer außerordentlich interessant, da dieses Thema ein absoluter Dauerbrenner in unserer Familie ist. Freiwillig schlief bisher bei uns kein Kind ein. Als meine Kinder Babys waren, war an Schlaf ohne Bewegung und/oder Geräusche nicht zu denken und sie wachten regelmäßig alle 40 bis 50 Minuten wieder auf, wenn man sie abgelegt hatte. Mein vierjähriger Sohn schläft bis heute weder allein ein noch ansatzweise durch und daher auch immer noch mit mir zusammen.

Nachdem er jedoch früher mit knapp 1,5 Jahren nachts stündlich erwachte, ist ein- bis zweimaliges nächtliches Aufwachen für mich ein paradiesischer Zustand. Mein Erfahrungsschatz an "Schlafproblemen" ist jedenfalls außerordentlich umfangreich und rückblickend muss ich sehr selbstkritisch sagen, dass viele davon selbst gemacht waren.

Mittlerweile weiß ich, dass sich meine Kinder völlig normal verhalten haben - diese Erkenntnis verdanke ich dem (übrigens wirklich großartigen und unbedingt empfehlenswerten) Buch "Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster - eines der Bücher, das wirklich jeder gelesen haben sollte, weil der Titel definitiv hält, was er verspricht. Grundlegendes Verständnis für die Verhaltensweisen unserer Kinder wirkt sich unglaublich harmonisierend auf das Familienleben aus. Ich war daher außerordentlich gespannt auf dieses neue Schlafbuch und schon nach dem ersten Kapitel war ich absolut begeistert.

Das Buch besteht aus insgesamt 8 Kapiteln, die ich nachfolgend gerne kurz vorstellen möchte:

1. Von wegen Murmeltiere


Das erste Kapitel befasst sich damit, warum Kinder schlafen, wie sie schlafen - nämlich am liebsten in unmittelbarer Nähe ihrer Eltern. Es wird erklärt, dass dieses Verhalten ein Überbleibsel der Evolution ist, mit dem jahrtausendelang sicher gestellt wurde, dass kein Baby allein irgendwo zurückblieb oder das Opfer wilder Tiere wurde. Es geht außerdem darum, welche Rolle Regelmäßigkeit und Rhythmus in Bezug auf den Babyschlaf haben, ab wann man tatsächlich erwarten kann, dass Kinder durchschlafen und welchen Einfluss die Persönlichkeit von Kindern auf ihren Schlaf hat.

2. Der Kinderschlaf


In diesem Teil des Buches geht es um Mythen und Behauptungen rund um den Kinderschlaf - allen voran die Annahme, Kinder müssten lernen, sich selbst zu trösten und allein einzuschlafen. Viele Eltern haben durch ihr Umfeld diffuse Befürchtungen - etwa dass das Einschlafen an der Brust dazu führen würde, dass das Baby nie mehr ohne Brust einschlafen wird oder dass zu viel Nähe zu verwöhnten Kindern führt. Diese Mythen werden eingehend betrachtet und argumentativ widerlegt.

3. Wilde Nächte


Das Thema Schlafen ist im vielen Familien ein großer Stressfaktor. Nach einem langen, anstrengenden Tag haben Eltern das Bedürfnis nach einigen Stunden Ruhe und Entspannung (oder Zeit für die Hausarbeit). Der Blick in die Vergangenheit (und in andere Kulturen) zeigt jedoch, dass es in der Regel wesentlich entspannter ist, wenn Kinder einfach bei den Erwachsenen schlafen - dann, wann sie müde sind, nicht wann wir beschließen, dass Schlafenszeit ist. So gerät das Schlafen nicht zu einem Machtkampf - diesen gewinnt man ohnehin nie. Das Schlafen ist ohnehin eine sehr individuelle Entscheidung, die alle Familien für sich treffen müssen, da für jeden etwas anderes passt. Essentiell sind jedoch die folgenden "Zutaten": Geduld, eine angenehme Schlafumgebung und "echt sein" - damit ist gemeint, dass auch bei Änderungen, die das Schlafverhalten ändern sollen, die Beziehungsebene nicht verlassen wird.

4. Alles andere als harmlos


Im vierten Kapitel erklären Nora Imlau und Dr. Herbert Renz-Polster, welche Methode hinter Schlaflernprogrammen steckt und warum sie nicht angewendet werden sollten. Kontrolliertes Schreienlassen stört die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Das Kind "lernt" nicht einzuschlafen, sondern dass seine Bedürfnisse vorsätzlich nicht erfüllt werden und die Mühe, danach zu verlangen, umsonst ist. Dass Kinder doch irgendwann einschlafen, liegt daran, dass sie vollkommen erschöpft sind und in eine schützende Starre fallen. Das Ferbern und die dahinter steckenden Annahmen werden umfassend beleuchtet und erklärt, warum man Einschlafen ebenso wenig trainieren kann, wie andere Entwicklungsschritte.



5. Endlich besser schlafen


Die Autoren geben am Anfang dieses Teils zu, dass sie keinen liebevollen Weg kennen, schlecht schlafende Kinder in kürzester Zeit dazu zu bringen, allein einzuschlafen und möglichst durchzuschlafen. Dennoch gibt es verschiedene Strategien, den kindlichen Schlaf zu verbessern. Dazu gehört u. A., den Gesamtschlafbedarf genau zu analysieren, sich nicht auf feste Einschlafzeiten zu versteifen und Schlaffenster zu nutzen. Es geht außerdem um den Schlaf in der Fremdbetreuung und die Frage, warum Kinder woanders oft besser schlafen, als zu Hause.

6. Einfach einschlafen


Dieses Kapitel enthält Einschlaftipps für verschiedene Alterstufen, Geschwister und auch Zwillinge. Zunächst wird erläutert, was biologisch gesehen in den Zellen und Muskeln und im Gehirn und Herz geschieht - und welche Bedingungen diese Prozesse unterstützen. Eltern werden ermutigt, ihren Kindern möglichst viel Nähe und Körperkontakt schenken - so entspannen Kinder am besten und fühlen sich sicher. Je älter Kinder werden, desto weniger Körperkontakt verlangen sie, so dass man nach einiger Zeit auch einfach nur im Bett liegen kann und dabei lesen oder im Internet (z. B. bei uns :-) surfen kann und das Kind gleitet dabei geborgen in den Schlaf.

7. Einfach durchschlafen


Für extrem müde Eltern gibt es in diesem Teil des Buches einen Notfall-Schlaf-Plan. Danach geht es um den Einfluss des Aufenthaltes im Freien, des Essens und der Mediennutzung auf die Schlafqualität. Außerdem wird erklärt, wie man Einschlafassoziationen sanft anpassen und Ersatz für Einschlafhelfer etablieren kann. Dennoch werden die meisten Kinder unwillig auf Änderungen reagieren - dabei ist es wichtig, sie zu trösten, zu begleiten und ihnen Zeit zu lassen. Abschließend wird auf die Frage eingegangen, ob das Abstillen das Schlafverhalten beeinflusst und wie man eine nächtliche Stillpause einführen kann.

8. Ein Ort zum Wohlfühlen


Im letzten Kapitel des Buches wird das Familienbett thematisiert. Es wird angeregt, die Schlafqualität durch gemeinsames Schlafen zu verbessern. Babys, die mit ihrer Mutter zusammen schlafen, synchronisieren ihren Schlafrhythmus mit dem ihrigen, wodurch sie insgesamt erholsamer schläft. Erläutert wird außerdem, wie man das Familienbett sicher gestaltet und wie der Auszug gelingt. Abschließend geht es um den plötzlichen Kindstod und das vermeintlich höhere Risiko dafür, wenn das Familienbett praktiziert wird.

Meine Meinung zum Buch


Als ich vor ein paar Monaten auf Facebook davon las, dass Nora Imlau und Dr. Herbert Renz-Polster ein Schlafbuch herausbringen werden, war ich sehr gespannt. Meine Erwartungen an das Buch waren sehr hoch - und sie sind nicht enttäuscht worden. Optisch sehr ansprechend, klar strukturiert mit einer großartigen Mischung aus Wissenschaft und Emotionen kann man dieses Buch allen mit Schlafproblemen geplagten Eltern (denn die Kinder haben in der Regel keine Probleme mit ihrem Schlaf) wirklich ans Herz legen. 

Besonders gelungen und wichtig finde ich, dass gezeigt und begründet wird, warum Babys (zunächst) am besten auf Mamas oder Papas Arm einschlafen und dass es vollkommen natürlich ist, wenn Kinder beim Schlafen die Nähe der Eltern suchen. Ganz viele Schlafprobleme entstehen vermutlich deshalb, weil Eltern falsche Vorstellungen vom Kinderschlaf haben. Wirft man die gesellschaftlichen Erwartungen ("Das Kind muss lernen, alleine durchzuschlafen", "Mehrfaches nächtliches Aufwachen in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres ist eine Schlafstörung", "Du kriegst Dein Kind nie aus dem Familienbett!") über Bord, fällt es wesentlich leichter, Kindern das zu geben, was sie zum Einschlafen brauchen - Geduld, Nähe und Zuwendung.

Das Buch ist (fast) perfekt - bis auf die Tatsache, dass der GU-Verlag die wirklich nervige Angewohnheit hat, spezielle Aspekte eines Themas auf einer gesonderten Seite mitten im Text in sich geschlossen zu behandeln. Das stört den Lesefluss ungemeint - denn Sätze enden erst nach dem Umblättern - oder man ist gezwungen, gedanklich schnell um- und wieder zurückzuschalten. Trotzdem gibt es von uns eine klare Kaufempfehlung - das ist definitiv das derzeit beste Buch über den kindlichen Schlaf.

Wer das Buch bei Amazon kaufen möchte, unterstützt wie immer unseren Blog, wenn er es über diesen Affiliate-Link tut. Wir freuen uns auch sehr über Eure Meinung zum Buch - schreibt uns doch einen Kommentar, wie es Euch gefallen hat. 

© Danielle