Die Abende im Hause Snowqueen - Wie viel freie Entscheidung und wieviel Verantwortung brauchen Kinder (Teil 1)


In diesem Artikel werde ich drei Nachmittage und Abende aus unserem Familienleben beschreiben. Es hier nicht darum, was wir als Familie richtig oder falsch machen. Ihr werdet lesen, dass wir Eltern, sobald wir die Kinder aus dem Kindergarten abgeholt haben, ihnen fast für die gesamte Zeit Aufmerksamkeit geben. Das ist natürlich kein Muss für jede Familie. Es ist sehr anstrengend und ich kann jeden verstehen, der nicht andauernd zum Spielen zur Verfügung stehen möchte. Wir haben es uns aber so ausgesucht - für uns fühlt sich das genau so richtig an.

Andere Familien haben andere Wege, die ebenso richtig sind. Es ist auch nicht mein Wunsch, euch dazu zu überreden, ebenso... nun ja ...chaotisch wie wir den Tagesabschluss zu verbringen - ihr werdet lesen, dass bei uns vieles eher spontan passiert. Vielmehr möchte ich aufzeigen, wie viele Situationen es im Alltag gibt, in denen unsere Kinder einen echten Beitrag zum Wohle der Familie leisten können - freiwillig! - und in welchen Bereichen wir unseren Kindern Entscheidungsfreiheit (Autonomie) lassen.

Wie ich im Artikel über den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen geschrieben habe, sind beides wichtige Voraussetzungen für Glück und Zufriedenheit bei allen Menschen. Gerade für Eltern notorisch mauliger 5- und 6-Jährige liegt hier eine große Chance, wieder zu mehr Harmonie in der Familie zu kommen. Denn in diesem Alter fühlen sich die Kinder schon "groß" und wollen mehr Freiheit, als die meisten Erwachsenen (aufgrund von liebevoller Sorge um die Sicherheit der Kinder) bereit sind zu geben. Es ist aber möglich, eine Balance zwischen den Bedürfnissen aller zu finden, zumindest annähernd.

Zur besseren Übersichtlichkeit greife ich auf das farbige Hervorheben der Momente zurück:

kindlicher Beitrag zum Wohle der Gemeinschaft/ Verantwortung
freie kindliche Entscheidung/ Eigenverantwortung
Entscheidung der Erwachsenen für das Kind

Mittwoch


Es ist 15 Uhr. Ich bin heute etwas früher mit der Arbeit fertig und gehe zur Kita, um meine drei Kinder abzuholen. Meine bessere Hälfte hat heute eine Konferenz an der Schule und wird erst 18 Uhr nach Hause kommen. In der Kita angekommen, kommt Herr Friedlich freudig im Garten auf mich zu gerannt und wirft sich quietschend in meine Arme. Ich setzte ihn mir auf die Hüfte und suche den restlichen Garten nach meinen Töchtern ab. Als ich sie finde, sind sie gerade mitten im Spiel. "Wollt ihr noch bleiben?", frage ich sie. Ja, wollen sie. Ich melde Herrn Friedlich bei der Erzieherin ab und gehe mit ihm in die Garderobe, um diverse Jacken, Kuscheltiere und Freundschaftsbücher einzusammeln. Schwer bepackt und mit Herrn Friedlich auf dem Arm klettere ich die Treppen wieder hinunter. Mein rechtes Knie schmerzt heute bei jeder Stufe. Eine alte Handball-Verletzung, die Jahr für Jahr unangenehmer wird. Lange werde ich meine Kinder wohl nicht mehr so einfach tragen können.

Draußen angekommen lässt sich Herr Friedlich von meinem Arm gleiten und rennt zum Spielplatz. Dieser ist direkt vor der Kita, deshalb kann ich ihn allein vorlaufen lassen. Es ist ungefährlich. Er läuft bis zu meiner Lieblingsbank, die etwas entfernt im Schatten steht. "Milch?", fragt er mit einem schelmischen Grinsen. Wir haben vor Wochen tagsüber abgestillt, aber er hat recht, auf dieser Bank hat er früher nach der Kita immer die Brust bekommen. "Keine Milch", antworte ich bedauernd. "Maaties?" ist seine nächste Frage. Er legt seinen Kopf dafür schief und sieht wirklich knuffig aus. "Auch keine Smarties, Herr Friedlich..." erkläre ich lächelnd und würde den Kleinen am liebsten auffressen, so süß ist er. "Opa Maaties!", verkündet mein Sohn. "Aber Opa kommt heute gar nicht vorbei." - Er besteht aber darauf: "Opa doch Maaties!" Oha, sein Ruf nach Smarties kippt ins Weinerliche. Ich biete ihm vorsichtshalber eine Alternative: "Ich habe Brot dabei. Oder Apfel." - Darüber freut er sich: "Apfel!" Ich gebe ihm einen Schnitz und er setzt sich gemütlich neben mich auf die Bank. Wir starren ein bisschen ins Leere.

Nach ein paar Minuten rutscht Herr Friedlich von der Bank und drückt mir das letzte Stück in die Hand. Gezielt läuft er zum Wagen und zottelt an der Buddeltüte, die daran hängt. "Eima! Anna Blume esse!" Er möchte einen Eimer haben, um für unsere Meerschweinchen Löwenzahn zu pflücken. Ich gebe ihm einen und nehme mir selbst einen anderen. Herr Friedlich pflückt sehr gern, aber immer nur die gelben Blüten. Es dürfen auf keinen Fall Löwenzahnblätter oder Stengel in seinem Eimer landen, sonst wird er ungehalten. Dafür pflücke ich diese und sammle sie in meinem eignen Eimerchen.

Als der Boden mit Blüten knapp bedeckt ist, hat Herr Friedlich genug von dem Spiel und läuft in Richtung Klettergerüst. Ich nehme beide Buddeleimer in die Hand und laufe ihm nach. Das Gerüst ist leider ziemlich hoch. Es ist ab drei Jahren gedacht, doch wenn ein Kind gut klettern kann, wie Herr Friedlich, kommt es trotzdem hoch. Ich lasse ihn klettern und fasse ihn nicht an, stehe aber hinter ihm, um ihn gegebenenfalls aufzufangen. Das Ganze ist mir nicht geheuer. Herr Friedlich hat die Leiter erklommen und klettert weiter bis zur Rutsche. Diese ist so hoch, dass ich mit meinen Armen nicht oben heranreiche. Das ist ein kleines Problem, denn Herr Friedlich möchte nur Rutschen, wenn ich ihm die Hand reiche. Ich überlege kurz, ob ich hoch klettere, entscheide mich aber dagegen. Mein Sohn verlangt erneut nach meiner Hand, doch ich muss ihn enttäuschen. Es geht einfach nicht.

Unentschlossen sitzt er oben auf der Rutsche. Ich schlage ihm vor, ihn unten aufzufangen. Er überlegt. Wir sind im Moment die Einzigen auf dem Spielplatz, deshalb hat er alle Zeit der Welt. Ich stehe unten, bereit ihn aufzufangen. Er sitzt oben und schaut zu mir herab. Diese Pattsituation zieht sich eine kleine Ewigkeit, dann entscheidet er, dass er nicht rutschen wird. Er klettert das Podest hinunter und wartet auf mich an der Feuerwehrrutsche. Dort kann ich ihn hinunterheben. Er lacht. Dann wurschelt er sich von meinem Arm und läuft wieder zum Buggy. Er zerrt seinen Ball hervor. "Buufball" ruft er mir zu.

Ich bringe die Eimer mit dem Löwenzahn zur Bank und schaue auf die Uhr. Es ist etwa eine dreiviertel Stunde vergangen, eigentlich müssten wir langsam die Mädchen abholen. Ich sage Herrn Friedlich, dass wir nach dem Fußballspiel gleich seine Schwestern abholen werden. Er scheint mir nicht zuzuhören, ist völlig auf den Ball fixiert. So rennen wir beide kichernd und giggelnd über die Wiese und schießen den Ball mal hierher und mal dorthin. Als ich völlig außer Atem bin, sage ich, dass wir nun zurück zur Kita gehen, um die Mädchen abzuholen. "Nein!" findet Herr Friedlich. "Buufball!" Ich halte einen Zeigefinger hoch und sage: "Ok, einmal noch!" Mein Sohn hält ebenfalls den Zeigefinger hoch und nickt bedächtig. Das ist unser Zeichen, wenn er einen Kompromiss herausgearbeitet hat. Er ist zufrieden.

Wir kugeln den Ball hin und her und wie zufällig schieße ich immer genau in Richtung Kita. Ganz zufällig schießt Herr Friedlich den Ball immer wieder in die andere Richtung. Gnah, hat er mich durchschaut? Nee, ich glaube, er spielt einfach nur. Ich stoppe den Ball. "Herr Friedlich, Fräulein Chaos und Fräulein Ordnung warten schon auf uns. Wir gehen sie jetzt abholen." - "Nein! Ich hierbleibe! Kita nein!" Mmmh. Ich schaue mich um, ob eine befreundete Mutter auf dem Spielplatz ist, die kurz auf meinen Sohn aufpassen könnte, aber nein, wir sind immer noch allein. Herr Friedlich muss mit.

"Komm, wir nehmen den Ball mit und du schießt ihn zum Gartentor". Vorsichtig kicke ich den Ball ein wenig nach vorne. Herr Friedlich grinst und stürmt vorwärts. Er schießt den Ball tatsächlich zur Kita. Ich schnappe mir schnell meinen Rucksack und den Wagen, die Eimer mit dem Löwenzahn lasse ich auf der Bank. Die wird doch hoffentlich keiner in den fünf Minuten klauen. Ich muss ganz schön rennen, um Herrn Friedlich einzuholen, hui, ist der schnell geworden. Am Gartentor angekommen nimmt er seinen Ball unter den Arm. Die Mädchen sehen uns und stürmen diesmal gleich auf uns zu. Wir melden sie bei den Erzieherinnen ab und schon sind wir wieder draußen.

Alle drei Kinder rennen zum Spielplatz. Fräulein Chaos erklettert "ihren" Baum hinter meiner Bank. Die Buddeleimer stehen noch da. Fräulein Ordnung wirft sich seufzend auf die Sitzfläche und fächelt sich mit der Hand Luft zu. "Es ist so heiiiiß!" Herr Friedlich durchstreift das Gebüsch unter dem Kletterbaum und ruft aus dem Dickicht: "Eiswafflwaagn!" - "Der Eismann kommt immer erst später", seufzt Fräulein Ordnung. Ich setzt mich zu ihr. "Schaffst du es, heute allein zum Töpfern rüber zu gehen?", frage ich. Das Gebäude steht direkt neben dem Spielplatz - der Weg dorthin ist nicht das Problem. Schwierig ist nur, die schwere Tür aufzustemmen und dann im Vorraum dem Erwachsenen hinter dem Tresen zu sagen, wohin man möchte. Es gibt einen Mann, der besonders einschüchternd wirkt und der immer sehr streng fragt, wer man ist und was man will. Für mich wäre das als Kind eine unüberwindbare Hürde gewesen. Außerdem ist das Haus eigentlich nur für 9-17 Jährige Kinder offen. Meine Tochter ist erst 5. Sie hat aber die Töpferlehrerin mit ihrem dringenden Wunsch, töpfern zu lernen, so imponiert, dass sie doch kommen durfte. Normalerweise ist zu dieser Zeit die bessere Hälfte bei uns, so dass ich Fräulein Ordnung begleiten und dort abgeben kann. Aber heute bin ich allein und es wäre es mir lieber, wenn ich bei den beiden anderen Kindern auf dem Spielplatz bleiben kann. Das erkläre ich ihr. Fräulein Ordnung guckt zum Gebäude hinüber. Sie schluckt kurz, wächst dann aber sichtbar. "Klar!" ruft sie, und rennt schon los. Ich sehe sie durch die Tür verschwinden. Fünf Minuten später winkt sie mir zusammen mit der Töpferlehrerin aus dem Fenster zu. "Haaaaallo, Maaaamaaaa!" Ich winke lachend zurück. Angekommen, gut.
Wir verbringen den Rest der Zeit angenehm entspannt ohne größere Störungen. Ich kann sogar auf der Bank sitzen und auf mein Buch starren. Fräulein Chaos klettert auf alle Bäume des Spielplatzes und "heilt" als Blumenfee zerknickte Äste. Herr Friedlich zwängt sich durchs Gebüsch, sammelt Stöckchen und freut sich lautstark über diverse "Keefa!" (Käfer). Zwischendurch kommen die Kinder immer mal wieder, um Apfelschnitze oder geschmierte Stullen abzustauben. Da wir vermutlich bis 18 Uhr auf dem Spielplatz bleiben, habe ich vorsorglich das Abendbrot mitgebracht.

Kurz vor 18 Uhr kommt der Eiswagen doch noch und ich kaufe drei Kugeln. Mit dem Eis gehen wir Fräulein Ordnung abholen, vorbei an dem unfreundlichen Mann hinterm Tresen. Sie zeigt mir begeistert ihre Werke. Sie hat eine kleine Wasserkanne und einen Becher für uns getöpfert! Beim nächsten Mal will sie noch weitere Becher für uns alle anfertigen. Ich bin der Lehrerin für ihre unaufdringliche, wertschätzende Art unendlich dankbar - mein Kind blüht hier wirklich auf.
Wir laufen nach Hause und schlecken das Eis. Fräulein Ordnung möchte Türen-Aufschließen üben. Ich gebe ihr meinen Schlüssel und sie rennt vor bis zu unserem Haus. Fräulein Chaos ist vom vielen Klettern geschafft und hängt an meiner Hand. Mir ist das Geziehe nach unten zu anstrengend, deshalb hebe ich sie hoch und setze sie auf meine Hüfte. Uff. Das Kind ist schwer geworden. Sie klammert sich gut fest, so dass ich nur einen Arm brauche, um sie zu tragen. Mit der anderen schiebe ich den Wagen. Herr Friedlich läuft keuchend neben uns her. Er hat einen riesigen Stock erbeutet und muss nun alle Kraft aufwenden, um ihn mitzuschleppen. Gut, dass wir es nicht weit haben.

Fräulein Ordnung hat es geschafft, die Haustür aufzuschließen, erwartet uns triumphierend und hält uns die schwere Tür auf, so dass ich gut mit dem Wagen und dem großen Kind auf der Hüfte durchkomme. Auch für Herrn Friedlich und seinen Stock hält sie die Tür. Ich lächle sie stolz an. Sie fragt, ob sie auch die Wohnungstür aufschließen kann und ich nicke. Begeistert rennt sie schon wieder vor. Ich rufe sie kurz zurück. Ich lasse Fräulein Chaos von meiner Hüfte gleiten und überreiche ihrer Schwester die Eimer mit dem Löwenzahn. Ob sie die bitte für mich hochtragen könne? Klar.

Vergnügt hüpft sie die Treppen hoch. Ich  will mich ebenfalls anschicken, zur Treppe zu gehen. Doch Herr Friedlich hat einen anderen Plan. "Hof bleibe!" Er möchte noch im Hof spielen. Da er noch zu klein ist, um allein unten zu bleiben, heißt das, dass ich auch dort bleiben muss. "Was ist mit dir?" frage ich Fräulein Chaos. "Gehst du hoch oder bleibst du bei uns unten?" Sie entscheidet sich, bei mir zu bleiben und will kuscheln. Ich bitte sie, trotzdem schnell hoch zu rennen, um Fräulein Ordnung Bescheid zu geben, dass wir im Hof bleiben. Das macht sie. Hätte sie sich dagegen entschieden, wäre ich nach oben gelaufen und hätte Herrn Friedlich für diese zwei Minuten in der Aufsicht seiner Schwester gelassen. In der Wohnung sind alle Fenster abgeschlossen, die Steckdosen haben eine Kindersicherung und Medikamente, Feuer oder scharfe Messer sind ebenfalls weggeschlossen. So kann ich sie beruhigt allein oben spielen lassen. Als sie wieder da ist, setzen wir uns auf die halb kaputte Bank im Hof. Meine Tochter sagt mir, dass Fräulein Ordnung oben mit ihren Puppen spielt. Gut. Herr Friedlich schnappt sich seine Gießkanne und läuft zum Wasserhahn. Er wässert sehr gewissenhaft den Weg und seine Füße. Ein bisschen Wasser kommt auch bei den Pflanzen an.

Ich nutze die Gelegenheit, in der er so gut beschäftigt ist, mit seiner Schwester zu kuscheln und zu reden. Sie wünscht sich, dass ich ihr eine Geschichte erzähle. Von Ayla, dem Mädchen aus der Steinzeit. Ich habe ihr die Geschichte bestimmt schon einhundert Mal erzählt. "Was genau willst du denn hören?" - "Als sie ihr Totem bekommt. Das ist so schön." Ich erzähle also von Ayla und wie der Schamane Creb mit den Geistern spricht und er herausfindet, dass ihr Totem eine Löwin ist.

An der spannendsten Stelle, gerade als die Menschen des Clans erstaunt aufstöhnen, als ihnen gesagt wird, dass das Mädchen ein starkes Jägertotem hat, unterbricht uns Herr Friedlich: "Aa!" lässt er mich wissen. Herrje, Windeln wechseln ist angesagt. Fräulein Chaos schlüpft von meinem Schoß und sucht sich eine Beschäftigung im Hof und ich zerre die Wickeltasche aus meinem Rucksack. Das Wickeln geht schnell und problemlos, Herr Friedlich ist sehr kooperativ. Gerade, als ich fertig bin, kommt die bessere Hälfte nach Hause. Sehr schön!

Fräulein Chaos will nun auch nach oben und die beiden gehen Hand in Hand zur Treppe. Ich frage Herrn Friedlich, ob er auch nach oben will. "Hof piele!" ist seine Antwort. Das freut mich. Es ist so schön sonnig und ich möchte gern noch die Ruhe im Hof genießen. Ich schnappe mir nun meine Gießkanne und gieße die Blumen. Herr Friedlich macht es mir nach. Zwischendurch schweift er ab und findet seinen großen Stock von vorhin wieder. Vertieft zieht er ihn über den Hof, hebt ihn so gut es geht nach oben und haut damit auf die Erde. Nach einer Weile kommt Fräulein Chaos wieder nach unten. Sie zeigt mir eine Schnittwunde am Finger. Sie bereitet für uns alle ganz allein Würstchen im Schlafrock vor. Auf ihren Wunsch hin hatte ich extra Blätterteig besorgt. Ich begutachte die Wunde und puste ein bisschen. Es blutet nicht sehr stark, tut aber bestimmt trotzdem weh. Die bessere Hälfte hatte sich oben auch schon darum gekümmert, aber es war meiner Tochter wichtig, dass ich sie auch noch sehe.Nach dem Trösten geht sie wieder hoch, schließlich hat sie noch zu tun! 

Nach etwa 15 Minuten kommt sie wieder nach unten, um Herrrn Friedlich und mich zum Abendessen abzuholen. Bereitwillig lässt sich der Kleine von seiner Schwester an der Hand die Treppe hoch helfen, so dass ich den restlichen Krams hochtragen kann. In der Küche ist echt alles wunderschön angerichtet. Wir brauchen uns nur noch die Hände waschen und an den Tisch setzen. Ich freue mich besonders über den Gemüseteller, der extra für uns Erwachsene vorbereitet wurde und dem der blutige Finger geschuldet war. Ich schaue zu Fräulein Chaos - ein Pflaster ziert nun ihre Hand. Alle greifen beherzt zu und danken der kleinen Köchin. Ein köstliches Mahl!

Nach nicht mal sieben Minuten sind alle Kinder satt und verkrümeln sich von ihren Plätzen. Herr Friedlich möchte, dass ich ihm die Finger mit einem Lappen abwischt. Dann fordert er die bessere Hälfte auf, mit ihm "Turm baun" zu gehen. Wie jeden Abend erklären wir, dass wir Erwachsenen erst in Ruhe zu Ende essen möchten und er solange allein spielen soll. Missmutig zieht er von dannen. Wir Großen essen, unterhalten uns und trinken einen Tee. Herr Friedlich erscheint alle 5 Minuten, um zu schauen, ob wir schon fertig sind. Irgendwann erbarmt sich die bessere Hälfte doch und geht mit ihm spielen. Ich bleibe noch sitzen und blättere durch die Zeitung. Das Gemüse wandert Stück für Stück in meinen Mund. Ich bin schon total voll, aber es ist so lecker! Ich schaue zur Uhr. Oh weh, schon 19.30 Uhr. Gleich wird Herr Friedlich müde und quengelig. Ich gestikuliere "Zähne putzen und waschen!" ins kleine Kinderzimmer, werde verstanden, und lege mich dann bei den Mädchen aufs Bett, um Ronja Räubertochter vorzulesen.

Meine Töchter waren bis eben ins Spiel vertieft. Eine puzzelte, die andere dialogisierte mit ihren Puppen - die Zeit, in der die Erwachsenen noch Abendbrot essen, ist bei uns Alleine-Spiel-Zeit, so haben wir es vor langer Zeit eingeführt und es klappt mittlerweile problemlos. Nun da ich da bin, lassen sie alles fallen und schmeißen sich neben mich aufs Bett. Ich brauche einen kurzen Moment, um den Absatz zu finden, an dem wir gestern aufgehört haben und beginne dann mit der Geschichte. Ich registriere, dass die Bessere Hälfte und Herr Friedlich im Bad verschwinden. Sehr gut. Ich lese und lese und bemerke, dass Fräulein Chaos neben mir immer gleichmäßiger atmet. Sie starrt vor sich hin. "Bevor du hier einschläfst, geh mal schnell ins Bad Zähneputzen". Es ist schon ab und zu vorgekommen, dass sie an dieser Stelle in Tagesklamotten und mit ungeputzten Zähnen weggeschlummert ist. In solchen Fällen lasse ich sie schlafen, doch da ich um ihre Zahngesundheit besorgt bin, interveniere ich, wenn ich kann. Sie erhebt sich unwillig. Ich drücke Fräulein Ordnung das Ronja-Buch in die Hand und trage die müde große Tochter ins Bad. Dort übernehme ich den fertigen Herrn Friedlich, der bei meinem Anblick "Bett geeeeehn!" jammert. Eigentlich dachte ich, dass er nach dem Zähneputzen noch weiterspielen will, aber nun gut. Er kennt das Ausmaß seiner Müdigkeit besser als ich.

Ich horche in Richtung Mädchenzimmer. Fräulein Ordnung geht es gut, sie buchstabiert Wörter aus dem Buch. Ich verschwinde im Schlafzimmer, um Herrn Friedlich auf dem Familienbett Milch zu geben und zu twittern. In der Zwischenzeit liest die bessere Hälfte nun den Mädchen die Geschichte weiter vor. Es ist 20.30 Uhr, Herr Friedlich schläft. Gerade, als ich aufstehen will, wird die schlafende Fräulein Chaos in unser Zimmer getragen. Zwei von drei Kindern schlafen nun, tschakka! Ich bleibe jetzt doch noch ein paar Minuten liegen, weil das Bringen seiner Schwester Herrn Friedlich ein bisschen unruhig gemacht hat. Mir soll es recht sein. Ich bekomme eine gespielt entsetzte SMS von der besseren Hälfte: "Hilfe! Ich muss Meerjungfrauen-Angeln spielen!" Ich pruste vor Lachen aufs Display.

Fräulein Ordnung nutzt die Zeit abends, wenn ihre Geschwister schon schlafen, immer für Exklusivzeit mit uns. In den letzten Wochen mussten wir jeden verdammten Abend spielen, dass sie eine Meerjungfrau ist und sich vor uns versteckt. Aber dann sehen wir sie doch zufällig, trauen aber unseren Augen nicht. Denn Meerjungfrauen gibt es natürlich nicht. Doch schon ein paar Minuten später hängt sie uns leibhaftig an der Angel! Großes Staunen unsererseits. Tja, und dann tappert uns die kleine Meerjungfrau auf Schritt und Tritt hinterher und kaut uns mit erfundenen Geschichten ein Ohr ab, während wir nebenbei die Küche aufräumen und den Rest der Wohnung ordnen. Zwischendurch müssen wir der Meerjungfrau erklären, was eine Gabel ist, weil sie das natürlich nicht weiß, oder wofür man eine Tasse braucht. Manchmal besuchen wir einen Meerjungfrauenball und tanzen ein wenig mit ihr. Es ist wirklich zuckersüß, aber es ist jeden Abend die immer gleiche Geschichte und wir Großen haben beide schon keine Lust mehr. Aber wir spielen natürlich mit - es ist Fräulein Ordnung unglaublich wichtig. Sie freut sich den ganzen Tag auf dieses Spiel mit uns. Ich stehe nun also auch auf. Bevor ich auch Meerjungfrauen angle, mache ich mich selbst schnell im Bad fertig.

Ich dusche, putze die Zähne und ziehe den Schlafanzug an. Dann löse ich die bessere Hälfte ab. Die Küche ist schon fertig geputzt, deshalb unterhalte ich mich mit der Meerjungfrau, während ich in den beiden Kinderzimmern Klarschiff mache. Fräulein Ordnung macht nicht mit beim Aufräumen, sondern verschwindet immer mal wieder, um durch die Wohnung zu "schwimmen" (rennen) oder aus dem Wasser zu springen (im Bett hüpfen). Das Kind hat eine Energie! Boah. Ich lenke sie ins Bad, um ihr die Zähne zu putzen und sie kurz Duschen zu lassen, bevor sie zu müde ist und weint. Ich verpacke das Ganze ins Meerjungfrauen-Spiel und es klappt gut. Yes! Nun sind wir alle bettfertig - es ist 21.30 Uhr und ich möchte so gern schlafen. Mache ich aber noch nicht, denn ich brauche noch ein bisschen Zeit mit der besseren Hälfte. Während Fräulein Ordnung sich ein Hörspiel anmacht und sich in ihr Geschwisterbett legt, erzählen wir Großen uns leise auf der Couch vom Tag. Um 22 Uhr geht die Tochter noch einmal auf Toilette und schläft dann gleich ein. Wir sitzen noch bis 22.30 Uhr und gehen dann auch ins Bett.

Donnerstag


Fräulein Chaos ist schon um 14 Uhr von ihrem Opa abgeholt und zum Schwimmkurs gefahren worden. Die bessere Hälfte wird von der Arbeit direkt dorthin fahren und dann mit ihr zurück kommen. Das wird etwa 17 Uhr sein. Um 16 Uhr hole ich Herrn Friedlich und Fräulein Ordnung  aus der Kita ab. Zeitgleich wird auch ihre beste Freundin abgeholt und meine Tochter verschwindet mit ihr sofort in Richtung Spielplatz. Die beiden sind Pegasus-Einhörner und fliegen um die Wette. Sie wiehern laut und lachen. 

Herr Friedlich hingegen ist griesgrämig. Er jammert sofort, dass er nach Hause möchte. Es ist allerdings wunderbares Wetter und ich will nicht sofort gehen. Ich will auch meine Tochter nicht schon jetzt aus ihrem Spiel holen. Ich kuschle meinen wehklagenden Sohn ein und singe ihm auf meiner Bank sein Lieblingslied. Das hilft ein bisschen und er hört auf mit dem Weinen. Er windet sich von meinem Schoß und läuft zum Klettergerüst. Bevor er jedoch hochklettern kann, kommt seine Schwester und erklimmt in Windeseile die Leiter vor ihm. Das Pegasuseinhorn will rutschen! 

Herr Friedlich ist schrecklich erbost, dass sie sich vorgedrängelt hat und brüllt den Spielplatz zusammen. Ich seufze und pflücke ihn von der Leiter. Ich bleibe aber dort stehen und verbalisiere die "Gemeinheit" für ihn. Ich flüstere: "Du wolltest klettern! Klettern. Die Leiter wolltest du hochklettern. Aber Fräulein Ordnung ist einfach an dir vorbeigeklettert. Das wolltest du nicht. Du wolltest zuerst nach oben." Meine Analyse der Situation lässt ihn ruhiger werden, aber es dauert ein bisschen. Ich merke, dass heute nicht sein Tag ist. Er jammert schon wieder: "Hause gehn!" Ich denke, ich werde ihm seinen Wunsch bald erfüllen müssen, aber ein bisschen Zeit will ich noch schinden, bis die bessere Hälfte mit Fräulein Chaos ankommt und Fräulein Ordnung, die immer noch voll im Spiel ist, übernehmen kann. Ich könnte auch die Mutter der besten Freundin bitten, auf meine Tochter mit aufzupassen, aber sie hat selbst ein Kleinkind und ich will ihr nicht so viel Verantwortung aufbürden. Also frage ich Herrn Friedlich, ob wir Löwenzahn für die Meerschweinchen pflücken wollen. Wir wollen. Mein Sohn pflückt wieder die gelben Blüten, ich den Rest.

Das Ganze hat etwas Meditatives. Wir arbeiten ruhig Seite an Seite. Nach etwa einer Viertelstunde hat er keine Lust mehr. Mein Eimerchen ist auch schon prall gefüllt. Ich simse der besseren Hälfte und frage nach dem Status. Sie werden gleich da sein. Gut. Herr Friedlich bittet erneut darum, nach Hause zu gehen, diesmal stimme ich zu. Ich hole den Wagen und meinen Rucksack und sehe die beiden anderen um die Ecke biegen. Heißa, hossa! Vielleicht kann ich Herrn Friedlich überreden, mit der besseren Hälfte nach Hause zu laufen? Nein, es muss Mama sein. Gnarf. Ich will gar nicht nach Hause. Aber naja. Ich küsse die drei Zurückbleibenden und trotte ergeben nach Hause. Ich sehe noch, wie Fräulein Chaos sofort zu den beiden anderen Mädchen rennt und mitspielt. Herr Friedlich lässt sich still im Wagen fahren. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise läuft er überall hin. Vielleicht wird er krank? 

Der Weg nach Hause ist kurz, nach nicht einmal fünf Minuten sind wir da. Ich erwarte, dass mein Sohn wie üblich noch im Hof spielen will, aber nein, er will nach oben. Ich soll ihn die Treppe hochtragen. Das tue ich natürlich. Oben angekommen, verschwindet er in seinem Zimmer und kramt in einer Kiste. Ich gebe als erstes den Meerschweinchen den mitgebrachten Löwenzahn. Als ich mir gerade die Schuhe ausziehen will erscheint mein Sohn mit einem großen Laster im Arm. "Pielplatz gehe!", strahlt er mich an. "Watt? Du willst zum Spielplatz zurück?" Er nickt bedächtig mit dem Kopf und sagt mit großem Ernst: "Ja, Pielplatz gehe. Grosse Lasta mitnehme. Lasta buddln". Dann legt er den Kopf zur Seite und blinzelt mich an. Ich fühle mich ein bisschen veralbert. Wollte er wegen des Autos nach Hause? Aber er war doch so unendlich ningelig? Mmmh. 

Ich horche in mich hinein, ob ich nun hierbleiben möchte oder seinem Wunsch nachgebe. Ich merke, dass ich liebend gern zurück in die Sonne will und willige ein. Also laufen wir zurück. Die bessere Hälfte guckt verwirrt, als wir wieder auftauchen. Ich zeige auf den Laster. "Das wollte er," erkläre ich. Dann plumpse ich auf die Bank. Ich brauche eine Pause. Die bessere Hälfte geht mit Herrn Friedlich und seinem Laster buddeln. Die Mädchen sind immer noch mit der Freundin beschäftigt und ich kann ein bisschen in der Sonne dösen. Nach einer Weile entscheidet Herr Friedlich, dass er nun rutschen will. Den Laster lässt er achtlos im Sand liegen. Er klettert wieder allein die Leiter hoch. Die bessere Hälfte ist entspannter, als ich und hält Abstand. Und siehe da: Der Sohn rutscht! Ganz allein saust er die Rutsche runter und kommt wohlbehalten unten an. Hui! So eine Freude in seinem Gesicht. "Mal!" ruft er aufgeregt und rennt zur Leiter. Er klettert und rutscht, klettert und rutscht, klettert und rutscht. Er kann gar nicht genug bekommen von seinem neuen Können. Er freut sich wie wild. 

Nun kommt er zu mir und holt sich ein Küsschen ab. Er ist ganz verschwitzt und grinst. "Mama, Lasta buddln." Aha, nun bin ich wohl dran mit Buddeln. Na gut, ich hatte ja jetzt etwas Pause. Ich setzte mich mit ihm in den Sand und schaufle ein bisschen auf die Ladefläche. Herr Friedlich ist nicht glücklich damit. "Neeiiiin, so!" Er versucht mir zu zeigen, wie ich buddeln soll, aber ich kapiere es nicht. Herr Friedlich wird immer ungeduldiger und flippt nach dem vierten "falschen" Versuch meinerseits völlig aus. Er kreischt, sinkt in den Sand und fuchtelt wütend mit den Armen. "Nein sooooooooooooo!" heult er in einer Wahnsinns-Lautstärke. Herrje. Genervt schaue ich zur besseren Hälfte rüber. Ich bekomme einen mitfühlenden Blick. Herr Friedlich wirft sich kreischend in meine Arme und will getröstet werden. Ich halte ihn, ich küsse ihn, mehr kann ich nicht tun. Es dauert ewig. Ewig! Mein Junge schreit bestimmt dreißig Minuten. Ich bleibe einfach mit ihm sitzen und küsse meinen austickenden Sohn. 

Aus den Augenwinkeln sehe ich eine ältere Frau und einen älteren Mann, deren etwa gleichalter Enkel neben uns im Sand sitzt und Herrn Friedlich beobachtet. Seine Oma läuft immer wieder nah an uns vorbei. Irgendetwas regt sie furchtbar auf - man sieht es an ihrem Gang. Sie scheint etwas zu mir sagen zu wollen, traut sich aber nicht. Als sie hinter mir ist, sagt sie empört zu ihrem Mann: "Sie erdrückt ihn ja mit ihrer Liebe!" Es macht sie offenbar nervös, dass ihr Enkel uns zuschaut. Ich vermute, sie möchte nicht, dass er vom Weinen angesteckt wird. Ich kann das gut nachvollziehen, bin aber auch peinlich berührt, dass sie das Schreien meines Sohnes als so schlimm empfindet. Sicher stören wir gerade eine ganze Menge Menschen. Dieser Gedanke lässt mich ins Schwitzen kommen. Aber Herr Friedlich ist wichtig. Ihm geht es nicht gut. Für ihn muss ich da sein. Ich kuschle also weiter mit meinem Kind und er wird ein winziges Stück leiser. 

Die ältere Frau hat nun genug von uns. Sie zieht ihren Enkel am Arm von uns weg und sagt zu ihrem Mann: "Komm, Gerd, wir gehen!" Sie ist sichtlich erbost. Nun tut sie mir tatsächlich leid. Nimmt sie das Kindergeschrei so mit? Ich habe den Drang, mich für unsere Lautstärke zu entschuldigen, aber sie ist schon weg und Herr Friedlich ist sowieso noch so laut, dass sie mich vermutlich nicht gehört hätte. Ich schließe meine Augen, summe beruhigend und wiege ihn hin und her. Das verfehlt nicht seine Wirkung. Er wird langsam ruhiger. Ich atme innerlich auf. Irgendwann sitzt er nur noch hicksend und ab und zu schluchzend auf meinem Schoß. Bald ist es vorbei. Ich beobachte Fräulein Chaos, die von vorn die Rutsche hochklettert. Das hat sie schon tausend Mal gemacht. Doch diesmal - vielleicht ist sie vom Schwimmen müde?- kippt sie irgendwie aus Versehen zur Seite und fliegt über den Rand von oben in den Sand! Ich sehe sie fallen. Ich sehe sie aufprallen. Schon bin ich aufgesprungen, setze den noch hicksenden Sohn auf den Boden und hechte zu meiner Tochter. 

Sie ist voll auf dem Bauch aufgekommen und nun brüllt sie den Spielplatz zusammen. Ich trage sie wie ein Baby im Arm zur Bank. Panisch schreit sie, dass sie keine Luft bekommt. Ich nehme ihr Gesicht in die Hände, schaue ihr fest in die Augen und rede gegen ihre Panik an: "Wenn du schreien kannst, hast du genug Luft. Es wird wieder gut. Jetzt ist der Schmerz da, aber atmen kannst du!" Die ganze Familie, inklusive Herrn Friedlich, versammeln sich an der Bank und gucken, ob es Fräulein Chaos gut geht. Sie möchte jetzt aber mit mir allein sein und scheucht die anderen unfreundlich weg. Die bessere Hälfte übernimmt die beiden anderen Kinder und geht mit ihnen Ball spielen. Ich wiege nun mein großes, schluchzendes, noch halb panisches Kind im Arm. Sie zetert ihre Angst hinaus und will, dass wir auf der Stelle der Stadt schreiben, dass solche Rutschen und Klettergerüste viel zu gefährlich sind und gar nicht so gebaut sein dürften. Wo denn die Sicherheit der Kinder sei? Sie sollen andere Rutschen bauen!" Ich lasse sie zetern und höre ihr zu, wiege sie weiterhin im Arm. Ab und zu schweifen meine Gedanken ab und ich überlege, dass wir heute ein ziemliches Spektakel auf dem Spielplatz abgegeben haben. Über Stunden laut schreiende Kinder? Alle meine. 

Nach noch einer halben Stunde weinen möchte sie plötzlich sofort nach Hause. Es ist 18.30 Uhr. Sicher haben nun auch alle ordentlich Hunger. Wir gehen also los. Fräulein Chaos ist nach wie vor von ihrem Fall beeindruckt und möchte im Buggy gefahren werden. Ihre Schwester schiebt sie fürsorglich. Ich trage den anhänglichen Herrn Friedlich auf der Hüfte und laufe Arm in Arm mit der besseren Hälfte. Ich hoffe, dass jetzt alle schnell ins Bett wollen. Ich bin völlig alle. Zuhause angekommen, möchte Fräulein Ordnung wieder den Haustürschlüssel haben, um uns allen aufzuschließen. Wir stehen und warten geduldig, bis sie es geschafft hat. Sie rennt mit dem Schlüssel die Treppen hoch, um auch die Wohnung aufzuschließen. Ich trage Herrn Friedlich die Treppe hinauf, die bessere Hälfte trägt Fräulein Chaos. Wir hören schon beim Hochgehen, dass das Aufschließen heute nicht gelingen will. 

Wir Erwachsenen werfen uns einen vielsagenden Blick zu. Gleich wird unser drittes Kind zusammenbrechen und weinen. Ich wappne mich innerlich gegen das Gebrüll. Fräulein Ordnung hört uns kommen und wird hektisch. Sie! Will! Aufschließen! Bevor! Wir! Da! Sind! Sie rüttelt an der blöden Tür, als wir in ihr Sichtfeld kommen. Sie sieht uns und brüllt uns voller Zorn an, dass der Schlüssel blöd ist und die Tür Kacka und überhaupt! Sie fängt an zu greinen: "Wuuuäääääh!" Schön wäre ja, wenn sie uns nun das Aufschließen überlassen würde, aber nein, wir kennen sie besser und warten ab. Unter lautem Geweine versucht sie weiterhin, die Tür aufzubekommen, schafft es schließlich und stürmt in die Wohnung. Die Tür knallt sie hinter sich zu. Immerhin hängt der Schlüssel noch, so können wir ebenfalls eintreten. Sie hat sich aufs Bett geworfen und weint und weint. 

Herr Friedlich und Fräulein Chaos ziehen sich selbständig die Schuhe aus und gehen Händewaschen - immer, wenn eins der Kinder weint, kooperieren die anderen beiden vorbildlich. Wir Erwachsenen beraten kurz, wer trösten geht und wer das Abendbrot bereitet. Da ich nicht die Nummer 1 in ihrer Bindungspyramide bin, sondern meine bessere Hälfte diese Position inne hat und sie somit besser trösten kann, gehe ich in die Küche und bereite schnell das Essen vor. Joghurt, Brot, Belag und die Erdbeeren, die uns Oma und Opa heute spendiert haben. Ich hole zwei kleine Tütchen mit Kaffeepulver aus meinem Rucksack, die ich aus den Kita-Fächern der Mädchen mitgenommen habe und gieße heißes Wasser auf das Pulver. In der Montessori-Kita gibt es eine Kaffeemühle und da meine Töchter wissen, dass wir gern Kaffee trinken, nehmen sie sich an den meisten Tagen die Zeit, für uns Bohnen zu mahlen. Um ehrlich zu sein trinke ich normalen Bohnenkaffee gar nicht sooo gern, sondern lieber Espresso. Aber ich weiß, wie wichtig es meinen Kindern ist, zu meinem Wohlbefinden beizutragen, deshalb wertschätze ich die Mühe, die sie sich für mich gemacht haben und trinke "ihren" Kaffee. Einmal, zu Weihnachten, haben sie sogar so viele Bohnen gemahlen, dass ich eine ganze Badewanne voll mit Kaffee füllen und darin Baden konnte! Dieses Erlebnis erzählen sie noch heute jedem, der ihnen über den Weg läuft. Es war wohl nachhaltig beeindruckend.

Da Fräulein Ordnung immer noch schluchzt, esse ich allein mit Herrn Friedlich und Fräulein Chaos. Besonders gut kommt mein Brot nicht an, aber sie essen die Erdbeeren und den Joghurt. Ich mümmle meine Stulle, nippe am Kaffee und versuche, ein bisschen über den Kita-Tag zu erfahren, aber wie immer sind meine Kinder eher unwillig, davon zu erzählen. Nun gut. Die beiden Kinder sind nach etwa 5 Minuten mit dem Essen fertig. Herr Friedlich sieht todmüde aus. Er stellt sich vor mich und murmelt leise: "Bett gehn..." Ich lasse mein Abendbrot Abendbrot sein und gehe mit ihm ins Bad. Er weint, als ich ihm die Zähne putzen will, öffnet aber bereitwillig den Mund. Als ich ihm jedoch seine alte Windel ab und eine neue ummachen will, wird er laut. Das will er jetzt nicht mehr! Er will sofort ins Bett! Jetzt! Ich nehme Schlaf-T-Shirt und neue Windel mit, und trage ihn zum Familienbett. Dort abgelegt lässt er mich seine Windel doch noch schnell wechseln und auch das Umziehen lässt er über sich ergehen. Er weiß, dass er gleich Milch bekommt und nimmt seine letzten Kraftreserven zusammen. 

Als ich neben ihm liege und er stillen darf, fallen fast sofort seine Augen zu. Nach etwa fünf Minuten schläft er tief und fest und ich stehe wieder auf. Es ist 19 Uhr. War wohl ein harter Tag für ihn. Ich gehe zurück in die Küche, um mein Brot zu Ende zu essen. Fräulein Ordnung und die Bessere Hälfte sind nun dort und essen. Gut. Fräulein Chaos kommt auch in die Küche und kuschelt sich an mich. "Machst du mit mir einen Abendspaziergang?", fragt sie. Ich überlege kurz. Ich bin wirklich müde, andererseits musste sie in dieser Woche oft zurückstecken, was Exklusivzeit mit mir anging, weil ihr Bruder klammerte oder ihre Schwester weinte. Da ich unbedingt noch einen Brief abschicken muss, sage ich ihr, dass wir zum Briefmarkenautomaten bei der Post spazieren können. Sie freut sich, hat dann aber die Idee, auch einen Brief an ihre beste Freundin verschicken zu wollen. Ich stöhne innerlich, warte aber ab. 

Sie stürmt ins Mädchenzimmer und sucht ein gemaltes Bild von sich. Zusammen mit ein paar Aufklebern stopft sie es in einen Umschlag, verziert diesen noch mit weiteren Aufklebern und bringt ihn mir dann, damit ich die Adresse draufschreiben kann. Ich weiß sie natürlich nicht auswendig und muss erst einmal die Adress-Liste am Kühlschrank befragen. Dann gehen wir beide die Treppen hinunter. Fräulein Chaos ist freudig aufgeregt - sie liebt diese Abendspaziergänge mit mir. Nicht nur die Zweisamkeit genießt sie, sondern auch die Geschichten, die ich dabei erzähle. Sie springt die Stufen hinab und überlegt, welchen Teil der Ayla-Sage ich ihr erzählen soll. 

Im Hof angekommen, sehen wir die Nachbars-Zwillinge spielen. Fräulein Chaos stockt merklich. Ich sehe, wie es ihn ihrem Kopf arbeitet. Ich ahne, was ihr Dilemma ist. "Möchtest du lieber im Hof bleiben und noch mit den beiden spielen?", frage ich. Sie atmet erleichtert aus und nickt. Ich werfe ihr eine Kußhand zu und laufe zur Post. Als ich wiederkomme, ist auch Fräulein Ordnung unten. Ihre Schwester war noch einmal hochgelaufen, um ihr Bescheid zu geben, dass die Zwillinge zum Spielen unten sind. Nun spielen die vier Mädchen Steh-Geh. Es ist schon spät, fast 19.45 Uhr, doch noch hell und warm. Ich laufe nach oben und freue mich auf die Pause zusammen mit der besseren Hälfte. Wir hängen in der Küche ab, reden über den Tag und stopfen Süßigkeiten in uns rein. Durchs offene Fenster hören wir die Kinder spielen. Sie lachen. Ab und zu weint jemand oder sie streiten sich kurz, lösen das aber immer selbst. Hach, ist das schön! 

Da es möglich ist, dass unsere Kinder durch das Spielen ihre Kräfte überschätzen und gleich weinend und müde zusammenbrechen, machen wir Erwachsenen uns nun schnell bettfertig. Im Eiltempo duschen wir, waschen unsere Haare, putzen die Zähne und ziehen die Schlafanzüge an. Wir sind so Rock'n'Roll, ey! Gerade, als wir fertig sind, kommen die Kinder selbständig hoch. Es ist etwa 20.30 Uhr. Sie sind ordentlich geschafft. Fräulein Chaos will sofort ins Bett, doch ich trage sie noch ins Bad. Zähne putzen, Schlafanzug. Sie tut so, als würde sie schon schlafen und hängt schlaff auf unserem Tritt. Das nervt mich ziemlich, mein Geduldsfaden ist schon ziemlich dünn. Ich maule, dass sie ein bisschen mithelfen soll, damit es schneller geht. Das macht sie nicht. Sie "schläft" ja und hört mich nicht. Ich grummle ein bisschen vor mich hin und putze dem schlaffen Bündel so gut es geht die Zähne. Muss reichen. Immerhin hatte sie nach dem Schwimmen schon geduscht und ihre Haare gewaschen. 

Fräulein Ordnung möchte noch nicht ins Bad kommen. Sie hat sich ins Mädchenzimmer zurückgezogen und holt ein Puzzle raus. Ich finde das schwierig, weiß ich doch, dass sie, wenn sie zu müde ist, sehr, sehr laut beim Zähneputzen weint und dann womöglich ihre Geschwister aufweckt. Ich versuche es, mit einer gewaltfrei kommunizierten Bitte und finde Gehör. Sie kommt, wenn auch maulend, ins Bad und lässt sich von mir die Zähne putzen und macht Katzenwäsche mit dem Lappen. Danach verschwindet sie schnell wieder, um weiter zu puzzeln. Fräulein Chaos, die derweil "schlafend" auf dem Badboden liegt und uns anderen den Durchgang erschwert,  möchte nun dringend kuscheln und schlafen. Ich frage, in welchem Bett sie liegen möchte. Sie entscheidet sich fürs Familienbett. Darin kann sie die ganze Nacht mit mir kuscheln, ich denke auch, dass das heute die beste Option ist. Wir schleichen beide leise ins Zimmer, um Herrn Friedlich nicht aufzuwecken und legen uns hin. Meine Tochter nimmt ihren iPod und sucht noch ein Hörspiel aus, doch schon nach 10 Minuten schläft sie tief und fest. Ich warte nochmal 10 Minuten, in denen ich neben ihr liege und twittere, dann nehme ich ihr die Kopfhörer ab und krabble noch einmal vom Bett, um zu Fräulein Ordnung zu gehen. 

Das Puzzle liegt fertig auf dem Zimmerboden. Meine Tochter liegt schon im Nachthemd im Geschwisterbett und hört ebenfalls ein Hörspiel. Kein Meerjungfrauen-Angeln heute! Die bessere Hälfte liegt neben ihr als Einschlafbegleitung und starrt aufs Handy. Ich setzte mich neben sie aufs Bett, doch gebraucht werde ich nicht. Ich gebe Gute-Nacht-Küsschen und schaue noch einmal in die Küche, die jedoch schon blitzeblank geputzt ist. Super. Es ist erst 21.30 Uhr, aber ich bin knülle und gehe nun auch schlafen.

Morgen erzähle ich Euch im zweiten Teil des Artikels von einem weiteren Abend bei uns schildern. Anschließend gehe ich auf die Bedeutung von freier Entscheidung und Verantwortung für Kinder ein.

© Snowqueen