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Sind Computerspiele, Spielekonsolen und Apps für Kinder schädlich? - Teil 1

Warum unsere Kinder so gern am Smartphone, mit Spielekonsolen und am PC spielen


Vor einiger Zeit druckte die Stadt Frankfurt Plakate, auf denen sie Eltern aufforderte, nicht so viel auf ihr Handy zu starren und stattdessen lieber wieder mehr mit ihren Kindern zu sprechen. Für ein paar Wochen  wurde diese Aktion in den sozialen Netzwerken und Blogs heiß diskutiert (eine Auflistung der Blogbeiträge findet ihr im letzten Teil der Artikelreihe). Schauen wir wirklich zu oft auf unsere Smartphones? Und wenn ja, was macht das mit uns und unseren Kindern? Warum fühlen sich "die Oberen" einer Stadt bemüßigt, erwachsene, mündige Menschen derart zu gängeln? Die meisten Elternblogger/innen, deren Texte ich las, stellten für sich fest, dass sie tatsächlich viel an ihren Handys kleben, um mit ihrem Online-Clan zu kommunizieren. Sie vermuteten, dass ihre Kinder nur deshalb so wild auf das Handy und Handyspiele seien, weil sie das Device bei den Eltern so oft in der Hand sehen. Viele formulierten das persönliche Ziel, ihr Handy nun öfter wegzulegen, um ihren Kindern kein schlechtes Vorbild zu sein. Das Fazit nach einem Jahr ist allerdings, dass fast niemand dieses Ziel erreichte - spätestens nach ein paar Wochen hatten sich bei allen die alten "Aufs-Handy-starren-Gewohnheiten" wieder eingeschlichen.


Ich schließe daraus zwei Dinge: Erstens, die allermeisten von uns haben das diffuse Gefühl, dass Handys (mitsamt der Spiele) irgendwie nicht gut für uns - oder zumindest unsere Kinder - sind. Zweitens, es ist selbst für Erwachsene mit gut ausgebildeter Impulskontrolle und Selbststeuerung unglaublich schwer, der Magie des Smartphones zu widerstehen. Das machte mich neugierig. Ich wollte herausfinden, ob wir den "neuen Medien" wirklich so kritisch gegenüberstehen müssen oder ob wir sie nicht einfach ganz entspannt als Teil der schönen neuen Welt betrachten sollten. Der Mensch hat sich schließlich seit Anbeginn weiterentwickelt - wir wären heute nicht auf dem technischen Niveau, auf dem wir uns befinden, wenn wir uns aus Angst allen Neuerungen verschlossen hätten. In den vergangenen Monaten habe ich deshalb ausführlich recherchiert, welchen Einfluss Apps und Co wirklich auf das Gehirn unserer Kinder haben. Ob sie uns beim Lernen unterstützen, oder gar zu Amokläufern machen. Ob wir sie vor unseren Kindern verstecken, oder ihnen freien Zugang gestatten sollten.

Wie Kinder lernen


Um das grundlegend zu klären, müssen wir uns zunächst kurz ansehen, wie der Mensch eigentlich lernt:

Menschen lernen ununterbrochen und überall. Wie das Lernen beim kindlichen (und auch erwachsenen) Gehirn funktioniert, habe ich in einem früheren Artikel schon sehr ausführlich erklärt. Kurzgefasst kann man sagen, dass die Erkenntnisse der Neurobiologie u. a. aussagen, dass ein Mensch nur dann wirklich nachhaltig etwas lernt, wenn eine Sache ihm "unter die Haut" geht, ihn also tief im Inneren berührt.
"Wenn ihnen eine Entdeckung unter die Haut geht, werden die emotionalen Zentren im Mittelhirn aktiviert. Dann setzen diese Zellgruppen vermehrt sogenannte neuroplastische Botenstoffe frei. Sie wirken wie Dünger auf die in diesem Zustand der Begeisterung aktivierten neuronalen Netzwerke. Sie bringen die Nervenzellen dazu, all jene Eiweiße vermehrt herzustellen, die für das Auswachsen neuer Fortsätze und für die Neubildung und Stabilisierung von Nervenzellenkontakten gebraucht werden. Deshalb lernt jedes Kind all das besonders gut, was Begeisterung in ihm auslöst" [vgl. Hüther, G., Hauser, U., 2012, 48f].
Kinder lernen am besten im Spiel, auch das hat die Wissenschaft schon lange herausgefunden. In allen Kulturen der Welt verwenden Kinder den Hauptteil ihrer Energie darauf, spielen zu können. Sie bereiten sich so nicht nur auf ihre späteren Aufgaben vor (Puppenspiele, kochen, Autos reparieren, mit Pfeil und Bogen kleine Grashüpfer jagen), sondern das Spiel ermöglicht ihnen auch die Ausbildung der grundlegenden menschlichen Kompetenzen.

Beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel zum Beispiel müssen sie abwarten können und unglückliche Umstände aushalten lernen  (wenn sie rausgeworfen werden oder jemand anderes gewinnt), ohne das Brett durch die Gegend zu pfeffern. Ihre Impulskontrolle wird trainiert. Beim Auf-den-Baum klettern oder auf dem Spielplatz von Plattform zu Plattform springen, müssen sie ihre eigene Angst überwinden und entwickeln Körpergefühl und Selbstbewusstsein. Beim Spielen in der Kindergruppe müssen soziale Regeln angewandt werden, die Kinder lernen dort, zu führen oder zu folgen, sich die Ideen anderer anzuhören und zu evaluieren. Kurz und gut, das Spielen bereitet unsere Kinder so perfekt wie nichts anderes auf das Leben vor.
"Wenn Kinder ihre Spiele selbst organisieren, wenn sie also 'frei' spielen, dann spielen sie nach einem uralten Programm.  Natürlich, sie spielen, 'um Spaß zu haben' - aber hinter diesem naheliegenden Grund steht ein tieferer, ultimativer Zweck: das Spiel hilft ihnen, die fundamentalen Kompetenzen des Lebens auszubilden. Es bereitet sie auf das Leben vor. [...] Die Kinder erfahren Freiheit, Unmittelbarkeit, Widerständigkeit, Bezogenheit - und lernen daraus, mit sich selbst, den anderen und der Welt klarzukommen. Das ist die evolutionäre Wurzel und der angestammte Sinn des Spielens. Er erklärt, weshalb Kinder, wenn es nach ihrem Kopf geht, die ganze Kindheit über alle Energie im Grunde auf das Spiel (oder dessen Vorbereitung bzw. Absicherung) wenden. Spielen ist der Urgrund der Entwicklung" [Renz-Polster, H., Hüther, G.: 2013, 159].
Dieses Programm, dem unsere Kinder da folgen, ist also seit Anbeginn der Zeit schon in uns angelegt, in unserem Gehirn verankert. Schon in der Steinzeit haben die Kinder gespielt. Das wissen wir so genau, weil bei Ausgrabungen richtige "Urzeitspielzeuge" gefunden wurden und weil es noch heute in solcher Abgeschiedenheit lebende Menschenstämme gibt, die ihre ursprüngliche Lebensart seit Jahrtausenden nicht geändert haben und an denen man erkennen kann, wie es damals wohl gewesen sein muss.

Einen dieser Menschenstämme beschreibt Jean Liedloff in ihrem Buch "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück". Sie schreibt:
"Während Yequana-Mädchen ihre Kindheit größtenteils mit den Frauen zusammen verbringen und dabei von Anfang an deren Arbeit zu Hause oder im Garten teilen, rennen Jungen die meiste Zeit zusammen herum: ihre Väter können ihnen nur dann erlauben, sie zu begleiten, wenn Schnelligkeit und Durchhaltevermögen nicht unbedingt erforderlich sind. In der Zwischenzeit schießen die kleinen Jungen tausende Male auf Grashüpfer oder später auf kleine Vögel, während ein Mann auf der Jagd den ganzen Tag lang vielleicht nur ein- oder zweimal schießt, was einem Jungen wenig Gelegenheit gäbe, seine Fähigkeiten zu entwickeln, außer darin, das Wild aufzuspüren und einzubringen" [Liedloff, J.; 1998: 140f].
Durch das Spielen lernen Kinder also alles, was sie für das Leben brauchen. Sie tun das mit Freude und Feuereifer, solange ihnen das Spiel nicht aufgedrückt wurde. Die Selbstwirksamkeit, die sie beim Spielen erleben, die Verbundenheit mit der Natur und anderen Kindern, das Überwinden von Schwierigkeiten und die Unmittelbarkeit zum Beispiel bei Ursache-Wirkung-Spielen (Staudamm bauen auf dem Wasser-Matsch-Spielplatz) sind genau die Dinge, die auf unser Gehirn so einwirken, dass es das Glücklichmacher-Hormon ausschüttet.


Und weil dieses Hormon so wunderbar wirkt, macht es den Menschen quasi süchtig nach diesem Zustand - Kinder, die sich beim Spielen im Flow befinden, wollen gar nicht mehr aufhören, sie merken nicht, dass sie auf Toilette müssen und wollen auch nicht zum Mittagessen hereinkommen. Sie sind wunschlos glücklich. Nebenbei lernen sie ganz ohne Zwang. Sie merken, wie sie den Staudamm bauen müssen, damit er hält, sie sehen, was passiert, wenn das Wasser über den Beckenrand steigt, sie lernen, wie sie das Wasser durch selbst gegrabene Kanäle leiten können.
"Die Spielforschung zeigt, dass Kinder tatsächlich dann am meisten Freude an ihrem Spiel haben, wenn sie immer wieder solche stärkenden Grunderfahrungen machen können - sie fühlen sich da besonders wohl, wo sie elementare, unmittelbare Erfahrungen machen können, wo sie sich als wirksam erleben, wo sie Spielabläufe frei bestimmen und variieren können und wo sie in Verbindung mit anderen Menschen (oder auch Orten und Geschichten) treten können" [Renz-Polster, H., Hüther, G.: 2013, 114].
Um mit den Spielen des echten Lebens in Konkurrenz treten zu können, müssen Spiele-Apps und Co so konzipiert sein, dass sie die gleichen Vorgänge im Hirn ankurbeln und die Dopamin-Ausschüttung veranlassen.  Das tun sie auch, sehr effizient sogar. Die Spielhersteller sind ja nicht blöd. Sie wissen natürlich sehr genau, wie ein Spiel auf das Gehirn wirken muss, um Kinder (und Erwachsene) langanhaltend zu faszinieren und somit immer mehr Menschen dazu zu überreden, das Spiel zu kaufen. Das ist keine Kritik an die App-Entwickler - nur eine neutrale Feststellung ihrer Kompetenz.

Wie wirken Handy-Spiele auf das Gehirn?


Der Mensch ist seit jeher ein energieeffizient arbeitendes Tier - wenn etwas auf einfachere Weise geht, nehmen wir nicht den schweren Weg, sondern den leichten. Daher ist es nur logisch, dass Kinder (und Erwachsene) gern mit Apps spielen, da sie viel schneller und konzentrierter das Gehirn dazu bringen, Dopamin auszuschütten.

Pflanzt man zum Beispiel im eigenen Garten einen Johannisbeerstrauch ein, dauert es mindestens ein Jahr, bis dieser Früchte trägt. In der Zwischenzeit muss man sich gut um ihn kümmern, ihn vor Schädlingen schützen, gießen, Bienen müssen ihn bestäuben und dann muss man lange, lange abwarten, bis die grünen Früchte endlich dunkelrot und süß sind. Erst nach dieser mühsamen Zeit erlaubt die Natur, im wahrsten Sinne des Wortes, die "Früchte der Arbeit zu ernten". Anders auf dem Handy. In der "Obstgarten" App von Haba können Kinder beispielsweise ebenso einen Baum pflanzen, ihn gießen, vor der Sonne schützen, Bienen zu den Blüten führen, Unkraut jähten und eine Ziege davon abhalten, den Baum zu fressen. Sie werden innerhalb von wenigen Minuten dafür belohnt, indem am Baum Früchte wachsen. Freilich kann das Kind diese nicht schmecken, trotzdem freut es sich über seinen unmittelbaren Erfolg - das Glückshormon wird ausgeschüttet.


Das ist doch fantastisch, oder? Nun könnte man aufgrund dieser Tatsachen auf die Idee kommen, dass der Einsatz von Apps für das Lernen an sich eine tolle Sache sind. Hat der Nachwuchs keine Lust auf das Pauken von Vokabeln, könnte ihm die spielerische Vermittlung durch eine App das Ganze vielleicht versüßen?

Lernen durch Apps


Es ist tatsächlich so, dass man Kinder durch Apps dazu bringen kann, sich mit Lerninhalten zu beschäftigen, die an sich nicht so sehr ihrem Interesse entsprechen. Der Computer ist für Schulkinderso anziehend, dass man ihnen damit auch normalerweise langweilige inhaltliche Wiederholungen, z. B. beim Lernen des 1 x 1, unterschummeln kann. Motivation durch Medien nennen Pädagogen das.  Es ist kein Allheilmittel und sollte nicht allzu oft angewendet werden, weil sonst eine Gewöhnung an das Medium eintritt und die Magie quasi verpufft. Aber in angemessenen Dosen: Kann man machen.

Nun ist nicht alles, was Computerspiele, Konsolen und Apps betrifft, eitel Sonnenschein. Natürlich gibt es an der Sache auch einen (oder vielmehr mehrere) Haken. Darauf gehen wir morgen im zweiten Teil dieser Serie genauer ein.

© Snowqueen
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