Gesunde Kinder müssen nicht gezielt gefördert werden

Die beste Förderung für Babys und Kinder? Fördern ist vollkommen unnötig - sie brauchen für ihre freie Entfaltung vor allem wenig formendem Einfluss


Kein frischgebackenes Elternteil kann sich davon wirklich frei machen, sein Kind optimal für auf die Zukunft vorbereiten zu wollen. Verstärkt wird dieser Wunsch durch die Gesellschaft, die einem suggeriert, dass das ach so wichtige, weit offene Lernfenster von 0-3 Jahren effizient genutzt werden muss, um dem eigenen Nachwuchs den vielleicht alles entscheidenden Vorteil auf dem späteren Arbeitsmarkt zu verschaffen. Und so besuchen Eltern -ich spreche mich selbst nicht frei davon - verschiedene Babykurse, melden die Kinder in Fremdsprachen-Kindergärten an, laden Apps für Kleinkinder herunter und üben bei der Krankengymnastik eifrig das Drehen auf den Bauch. Immer mehr Eltern haben das Gefühl, ihren Kindern auf die ein oder andere Weise "helfen" zu müssen. So trainieren sie - immer mit den wirklich besten Absichten - Sitzen, Laufen, Sprechen, Zählen...
 
Doch dieser Sichtweise auf das Kind liegt eine latente Einstellung zugrunde, unsere Kinder seien im Grunde inkompetent und fehlerhaft. Weil sie so defizitär sind, müssen wir Eltern eingreifen und den kleinen Menschen optimieren, bis er in unsere Gesellschaft passt. Dabei gehen "Förderung" und "Erziehung" Hand in Hand. Wir tun alles, damit unsere Kinder zu angepassten Mitgliedern unserer Welt werden. Nur - müssen wir das?
 

Wie wir Menschen lernen - ein neurologischer Grundkurs


Anders als früher angenommen, haben Wissenschaftler herausgefunden, dass das menschliche Gehirn nichts völlig Neues lernen kann - es kann immer nur etwas Neues hinzulernen, indem das Neue mit etwas verbunden wird, das schon vorhanden ist, also das bereits vorher erlernt worden ist (vgl. Hüther, G., Krens, I: 2009, 79). Das klingt, wie ich finde, völlig abstrus. Wie soll das denn gehen? Wir kommen nackt und neu auf die Welt - und können und sollen schon ab diesem Zeitpunkt nur durch Anknüpfen an unser Vorwissen hinzulernen?

Dazu müssen wir uns erst einmal angucken, wie Lernen an sich im Gehirn vonstatten geht. Gerald Hüther, Deutschlands renommiertester Hirnforscher, schreibt:
"Immer dann, wenn über die Sinnesorgane eine neue Wahrnehmung zum Gehirn weitergeleitet wird, entsteht dort ein für diese Wahrnehmung charakteristisches Erregungsmuster, also ein bestimmtes "Geflimmer" der dabei erregten synaptischen Verbindungen. Dieses Geflimmer erzeugt im Gehirn eine gewisse Unruhe und stört die dort bis dahin "routinemäßig" ablaufenden Prozesse. Erst durch die so entstandene "Störung" wird man auf die neue Wahrnehmung aufmerksam und versucht, sie irgendwie einzuordnen. Im Gehirn wird jetzt intensiv nach einem bereits vorhandenen, durch frühere Erfahrung entstandenen und entsprechend gebahnten Verschaltungsmuster gesucht, dessen Erregungsmuster ("Erinnerungsbild") irgendwie zu dem durch die neue Wahrnehmung entstandenen Erregungsmuster ("Wahrnehmungsbild") passt. Kann ein altes Muster aktiviert werden, das mit dem neuen völlig identisch ist, so wird die neue Wahrnehmung als bereits bekannt eingeordnet und "routinemäßig" beantwortet. In diesem Fall hat man überhaupt nichts hinzugelernt. Lässt sich trotz intensiver Bemühungen kein bereits vorhandenes Erinnerungsmuster aktivieren, das irgendwie zu dem neuen Wahrnehmungsmuster passt, wird die neue Wahrnehmung als völliger Unsinn behandelt und es wird so getan, als sei überhaupt nichts passiert. Interessant wird es nur dann, wenn irgendein bereits vorhandenes Erinnerungsmuster aktiviert werden kann, das zumindest teilweise zu dem neuen Wahrnehmungsmuster passt. Dann wird das alte innere Bild so lange geöffnet, erweitert und umgeformt, bis das neue Wahrnehmungsbild irgendwie in dieses Erinnerungsbild eingefügt werden kann. In einem solchen Fall hat man etwas Neues hinzugelernt. Die bis dahin herrschende innere Unruhe löst sich plötzlich auf, alles passt wieder, man sagt "Aha!" und freut sich" (Hüther, G., Krens, I,: 2009, 79f).
Schwangerschaftsbauch und UltraschallfotoDoch woher sollen eigentlich all die alten Erinnerungsmuster kommen, an die so ein frisch entbundenes Menschlein sein erstes Lernen anknüpft? Es wird vermutet, dass unsere Kinder bereits im Mutterleib anfangen, Erfahrungen zu sammeln. Schon in der frühsten Schwangerschaft beginnt z. B. der Embryo, erste unkoordinierte Zuckungen mit seinen Armen und Beinen auszuführen. Diese sind natürlich noch nicht willentlich gesteuert, sondern werden unbewusst durch das Zusammenziehen von Muskeln ausgelöst. Im Verlauf des weiteren Wachstums nehmen die vom Gehirn und Rückenmark ausgehenden Nervenzellfortsätze Kontakt auf zu den unwillkürlich zuckenden Muskeln - eine Verbindung entsteht, die einerseits ermöglicht, dass nun die Muskeln durch die Nervenzellen zu Kontraktionen angeregt werden können, andererseits die Muskeln ihren Dehnungszustand an das Rückenmark und Gehirn rückmelden können. Es bilden sich erste wichtige Verbindungen zwischen den für die Bewegungskoordination zuständigen Zentren, die die Grundlage für das Erlernen willkürlicher Bewegungen bieten. Je öfter diese Verbindungen aktiviert werden, desto stabiler werden die Verschaltungsmuster - es findet Lernen durch Nutzung und Übung statt und die Bewegungsabläufe können im Laufe der Zeit immer koordinierter ausgeführt werden  (vgl. Hüther, G., Krens, I.: 2009, 86ff). Am Ende dieses langwierigen Lernprozesses steht dann z. B. der Moment, in dem der Embryo seinen Daumen in den Mund führt, um lustvoll daran zu saugen....
 
Auch für andere Bereiche des menschlichen Körpers (z. B. die Arbeit der inneren Organe) werden erste einfache Regelkreise angelegt. Nach und nach  werden sie von aussprossenden Nervenzellfortsätzen miteinander verbunden und stimmen sich aufeinander ab. Komplexere, übergeordnete neuronale Netzwerke bilden sich und übernehmen die Aufgabe, andere Regelkreise zu koordinieren und regulieren... Alles, wirklich alles, was uns Menschen ausmacht, wird auf diese Art und Weise im Körper angelegt, während wir glücklich im Fruchtwasser umherschwimmen,  und immer geschieht das durch einen Lernprozess der beteiligten Agenten, welcher Schritt für Schritt wechselseitig ausgebaut wird (vgl. ebd., 2009: 86ff).

Babyhand umfasst Finger
Die erste Kontaktaufnahme zwischen Mutter und Kind geschieht durch Hormone, und zwar schon in den allerersten Lebensstunden. Wird die Eizelle vom Spermium befruchtet, sind es die mütterlichen Hormone, die ihr erlauben, es sich in der Gebärmutter gemütlich zu machen. Es entsteht schon zu diesem Zeitpunkt ein unablässiger Austausch zwischen dem zukünftigen neuen Erdenbürger und seiner Mama. Auch das Kind hat dabei schon ein Mitspracherecht - durch die von der Plazenta ausgehenden Hormone, wird der mütterliche Körper darüber in Kenntnis gesetzt, was das Kind zu diesem Zeitpunkt gerade braucht. Nur, wenn diese Kommunikation reibungslos funktioniert, bleibt die Schwangerschaft intakt. Später kommt zur Kommunikation mittels Hormonen noch andere Kanäle für den Austausch hinzu. Über die Nabelschnur beispielsweise werden dem Kind nicht nur Nahrungsstoffe und Sauerstoff zugeführt, sondern auch Informationen über seine Mutter, z. B. was sie gerne isst oder ob sie gerade besonders glücklich ist bzw. unter Stress steht.
 
Beginnen die Sinnesorgane des Embryos mit ihrer Arbeit, geht das intrauterine Informationssammlung in die nächste Runde. Nun kann es auch über diese Kanäle mehr über seine Mama erfahren. Es kann sie riechen, schmecken, hören und teilt alle ihre Gefühle, so dass es bestens dafür ausgerüstet ist, auch nach der Geburt mit ihr sofort in Beziehung zu treten. Denn es kennt ja ihre Stimme schon, es weiß, wie sie schmeckt und riecht und von diesem sicheren Hafen aus kann es die neuen Reize, die auf es einströmen leichter verarbeiten. Die leichten Bewegungen, die es im Fruchtwasser machte, fühlen sich auf der Erde plötzlich viel schwerer an - trotzdem sind die neuronalen Bahnen dafür bereits angelegt. Es kann also die neue Art der Bewegung lernen, indem es an die Informationen aus der Zeit im Mutterleib anknüpft. Die Welt da draußen hört sich viel lauter an und ist viel heller als im Mutterleib. Trotzdem kann es die Erregung darüber überwinden, denn es hat ähnliche Erfahrungen schon in der Gebärmutter gemacht.

So ist unser Gehirn also perfekt dafür ausgerüstet, immer hinzuzulernen - solange es im richtigen Tempo und in der richtigen Reihenfolge angesprochen wird. Der Mensch lernt vom ersten Moment an - und hört bis zu seinem Tod nie wieder damit auf.
 
 

Go with the Flow, Baby

 
Herr Ningel Sorgenfresser
Wie ich oben bereits angedeutet habe, entsteht, wenn das Gehirn auf etwas Neues stößt, eine unspezifische Erregung oder Unruhe, die sich zunächst auf den ganzen Körper ausbreitet und für uns Menschen in gewisser Weise unangenehm ist. Gut erkennbar ist dieser Zustand in den sogenannten Entwicklungssprüngen, in denen unsere Kinder tage- und wochenlang unleidlich quengeln und weinen. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert und registrieren nur die körperlichen Symptome, die sie ganz und gar nicht lustig finden. Aber auch auf kleinerer Ebene entsteht dieser Unruhezustand - jeden Tag immer dann, wenn der Mensch etwas Neues entdeckt. Das Gehirn versucht in solchen Momenten mit aller Macht, Ruhe einkehren zu lassen. Der Erregungszustand wird so weit eingekesselt, dass nun ein Abgleich des neuen Erregungsmusters mit den bereits abgelegten Erinnerungsmustern vorgenommen werden kann. Ist es möglich, ein altes Erinnerungsbild so zu aktivieren, dass sich der neue Reiz daran irgendwie anknüpfen lässt, löst sich die innere Anspannung auf. Eine Welle der Entspannung rollt über das Gehirn hinweg und erreicht bestimmte Nervenzellen, deren Enden nun wiederum Botenstoffe aussenden. Endogenen Opiate, Endorphine und Enkephaline verstärken das angenehme, befriedigende Gefühl, das den Menschen erfasst, während gleichzeitig Dopamin, Noradrenalin, Endorphine und Vasopressin die neuen, erweiterten Nervenzellverbindungen, die durch das erweiterte Erregungsmuster entstanden sind, bahnen und festigen (vgl. Hüther, G., Krens, I: 2009, 92f). Diesen Zustand nennt man "Flow" - Kinder geraten tagtäglich etwa 20-50 mal in dieses Glücksgefühl. Für sie ist alles noch neu und wert, entdeckt zu werden - die Welt geht ihnen Buchstäblich "unter die Haut".

Man kann ziemlich gut erkennen, wenn ein Kind im "Flow" ist - es hat die Welt um sich herum in dem Moment völlig vergessen und hört auch nicht mehr wirklich, wenn man es anspricht. Ein Baby betrachtet vielleicht minutenlang fasziniert seine Faust, ein Junge spielt versunken mit seinen Autos auf dem Spielteppich, zwei Mädchen graben mit hochroten Wangen ein Riesenloch im Buddelkasten aus, ein Kleinkind lässt einen Gegenstand nach dem anderen von seinem Hochstuhl aus fallen und guckt interessiert hinterher... Auch, wenn ein Kind hundert mal den Lichtschalter an- und ausschaltet oder den Wasserhahn auf- und zudreht, befindet es sich wahrscheinlich im Flow.
 
Fast alle Handlungen, die wir Erwachsenen gemeinhin als "Unfug" bezeichnen, sind meist weder böse gemeint, noch so unnütz, wie unser Blick darauf vermuten lässt. Wenn eure Kinder innerhalb von 5 Minuten eurer Abwesenheit das Bad mit Rasierschaum einschmieren und dabei einen Heidenspaß haben, wenn sie alle Slipeinlagen aus der Schublade nehmen und sie auf den Badewannenrand kleben, damit das "böse Krokodil nicht raus kann", wenn sie Sand aus den Blumenkübeln schaufeln, weil sie doch Bauarbeiter sind oder die Mehlpackung auf dem Küchenboden ausschütten, tja, dann folgen sie nur ihrem biologischen Code der Neugier und Fantasie. Sie gehen mit dem Flow! Man könnte dann schimpfen, ja. Muss man aber nicht...
 
Eine meiner Töchter hat sich mit 3 Jahren einmal unsere Feuchttücherbox stibitzt und dann eine halbe Ewigkeit konzentriert kopfüber im Kinderzimmer gestanden, um sich die Tücher um die Beine zu knoten. Das Knoten hat sie sich in diesem Moment übrigens selbst beigebracht. Pro Tuch hat sie sicher fünf Minuten gefummelt, ehe alles fest saß, manche Tücher fielen dann auch wieder ab. Doch sie blieb ruhig und begann von vorn - es hatte sie einfach "gepackt". Seitdem knotet sie übrigens wie eine Weltmeisterin, alles und jeder wird festgeknotet. Manchmal muss ich am morgen einen Zehnfachknoten aus meinen Schnürsenkeln fummeln, bevor ich zur Arbeit losgehen kann! Doch, doch... ich bin stolz auf sie ;-).

Kind knotet sich Feuchttücher ums Bein

Ab und zu geraten auch wir Erwachsenen noch in den "Flow"
"[...] etwa, wenn wir ein spannendes Buch lesen, oft auch beim Betrachten alter Fotos, vielleicht sogar beim Kochen und Backen oder - wenn wir ein Instrument beherrschen - beim Musizieren. Man vergisst in solchen Momenten die Zeit, erlebt sich im eigenen Tun im Hier und Jetzt, ohne diese ständigen Gedanken an das, was alles war und was noch auf uns zukommt. Man verschmilzt förmlich mit dem, was man tut. Es ist ein Zustand höchster Präsenz und innerer Verbundenheit" (vgl. Renz-Polster, H., Hüther, G., 2013: 71).
Ganz besonders einfach fallen Kinder draußen in der Natur in den Zustand des Glücksgefühls. Deshalb dauert der eigentlich zehnminütige Weg vom Kindergarten nach Hause auch fast zwei Stunden, wenn man das Kind in seinem Tempo gehen lässt. Jeder Grashalm muss beguckt werden, Gänseblümchen gepflückt und aufgereiht, eine Bank muss zehn Mal bestiegen werden und die Blätter vom letzten Herbst gesammelt.... Lässt man sein Kind das alles tun, ohne zu drängeln, zu nörgeln oder es ununterbrochen anzusprechen, dann versinkt es auf diesem Spaziergang glücklich in einem Flow nach dem anderen. Es bilden sich in jenen Momenten unendlich viele neue neuronale Verbindungen - das Kind wird buchstäblich spielerisch schlauer und wir haben es "gefördert", ohne groß etwas dafür tun zu müssen.
"[Das Kind] macht eine beglückende Erfahrung mit sich selbst, mit seiner eigenen Lust am selbständigen Entdecken und Gestalten. Und diese Lust, die es dabei erfährt, wird tief im Gehirn verankert. Kinder, die so etwas erleben dürfen, sind glücklich, nicht, weil sie eine besondere Leistung erbracht haben und von anderen dafür Lob und Anerkennung bekommen, sondern, weil sie sich selbst in ihrer eigenen Lust am Tätig- und Lebendigsein erfahren" (vgl. ebd., 2013: 72).
Denkt daran, wenn ihr das nächste Mal genervt seid, weil euer Kind so "bummelt". Es bummelt nicht, es lernt. Freiwillig und mit größter Leichtigkeit.
 

Wie Lernen erfolgreich unterbunden werden kann


Kind betrachtet Blume auf einer WieseAuf der anderen Seite ist es verdammt einfach, den Flow eines Kindes zu unterbrechen, weil wir Erwachsenen finden, es gehört sich nicht, am Lichtschalter zu spielen oder es ist zu kalt draußen, um eine Stunde in den Büschen herumzukriechen und kleine Steinchen zu sammeln. Oft ist es auch Unwissenheit oder schlechtes Timing, die Erwachsene die Konzentration der Kinder unterbrechen lässt. Meine Mutter - weltbeste Oma meiner Kinder - meint es zum Beispiel oft besonders gut und unterbricht gerade diese wichtigen Ruhephasen ihrer Enkelinnen, um ihnen ein neu gekauftes Spielzeug zu zeigen oder zu fragen, ob sie jetzt Joghurt essen wollen. Statt abzuwarten, bis ihre Enkelinnen von selbst aus der Versunkenheit herauskommen - das dauert meist keine fünf Minuten - will sie ihre Ideen einfach sofort loswerden und merkt dabei nicht, wie viel Potential sie damit vergeudet. Der Joghurt schmeckt auch in fünf Minuten noch gut, aber das Unterbrechen des Flows bedeutet, das Kind aus einer wichtigen Konzentrationsphase herauszureißen und seine eigentlich gut fokussierte Aufmerksamkeit auf etwas anderes, für das Kind Belangloseres zu lenken. Langfristig wird so eben die Konzentrationsfähigkeit des Kindes klein gehalten. Wer immer dann unterbrochen wird, wenn er sich gerade auf etwas konzentriert, verlernt das Fokussieren auf einen Gegenstand bald. Und dann wundern sich alle, warum das Kind von Aufgabe zu Aufgabe fliegt und nirgendwo richtig ankommt....
 
Ebenfalls ungünstig ist es, ein Kind immer darin zu unterbrechen, einen Gegenstand auf seine Weise zu untersuchen. Bekommt es stattdessen von den Erwachsenen erklärt, wie man "richtig" mit diesem Gegenstand hantiert, vergeht dem Kind bald die Entdeckerfreude - auch dann gerät es nicht mehr in das Glücksgefühl des "Flows" und echtes Lernen wird unterbunden:
"Ein zusammengeknülltes Stück Papier ist eben nur so lange interessant, wie ein Kind noch nicht weiß, was es ist. Solange es noch intensiv untersucht, auseinandergefaltet, zerrissen und zerkaut werden kann, um herauszufinden, wie es beschaffen ist. Später wird dann auch spannend, wofür dieses Stück Papier verwendet werden kann. Normalerweise würde diese spielerische Erkundung der Welt immer weiter gehen. Aber allzu oft wird dieser Prozess von jemandem behindert, der genau zu wissen glaubt, was man zum Beispiel mit einem zusammengeknüllten Stück Papier anfangen sollte. Der es dann in den Papierkorb wirft und dem Kind erklärt, dort gehöre es hin. Damit ist der Spaß erst einmal vorbei. Das Kind befördert fortan nun vielleicht alle Papierschnipsel in den Papierkorb und freut sich bestenfalls noch darüber, dass es Vater und Mutter damit eine Freude machen kann. Und es merkt sich, dass Papier in einen Korb gehört. Weil sich die Eltern so freuen: prima gemacht! [...] Irgendwann ist das Kind dann so gut erzogen und belehrt worden, dass es weiß und sich gemerkt hat, was wir Erwachsenen für wichtig halten. Es funktioniert nun immer besser, aber es freut sich immer weniger über all das, was es selbst und ganz allein entdecken kann" (Hüther, G., Hauser, U.: 2012, 49f). 
Daher ist mein Appell an alle, die ihre Kinder gerne "fördern" möchten: Lasst sie ihre Umwelt selbst untersuchen. Haltet euch zurück mit Belehrungen darüber, wie die Welt funktioniert. Ein Kind lernt früh genug, dass sich Buddelsand nicht als Nahrung eignet, lasst es also zu, dass dieser zunächst einmal im Mund landet. Sand zu essen ist nicht lebensgefährlich (vorausgesetzt, es gibt dort keine Zigarettenstummel und Glasstückchen) - er kommt postwendend mit der nächsten vollen Windel wieder raus. Auch beim Essen am Mittagstisch solltet ihr euren Kindern die Möglichkeit geben, alles genau zu untersuchen. Dazu gehört eine Menge matschen mit Essen und ja - das wiederum ergibt viel Aufräumarbeit für die Eltern. Aber ist es das nicht wert? Das Essenserlebnis sollte als sinnlich erlebt werden dürfen - alle Sinne sollten angesprochen sein. Ich hatte in einem anderen Artikel schon geschrieben, dass ich meine Kinder abends wild habe matschen lassen - irgendwann hörten sie von selbst damit auf, da sie ihre Neugier über die Beschaffenheit und Textur des Essens ausreichend hatten befriedigen können.


Kind spielt im Matsch



Beibringen, wie z. B. gesellschaftskonformes Buddeln funktioniert (ohne den Sand zu essen, ohne den Sand zu werfen) könnt ihr euren Kindern dann, wenn sie selbst das Medium soweit untersuchen durften, dass sie alles darüber selbständig entdeckt haben. Wie er sich anfühlt, wie er schmeckt, welche Flugeigenschaften er hat, wie er durch die Hand rieselt, wie er außerhalb des Sandkasten auf dem Rasen verstreut aussieht.... Sind diese Experimente abgeschlossen, dann könnt ihr anfangen, zu erklären, was man mit den untersuchten Dingen eigentlich so macht...

Auch gut gemeinte Hilfestellungen, die wir unseren Kindern heute von Anfang an angedeihen lassen, verhindern echtes Lernen eher, als dass sie fördern. Schon den Allerkleinsten wird heute ganz selbstverständlich all das aus dem Weg geräumt, das in den Augen der Eltern zu Frustration führen könnte. Und so kommt es, dass ein Baby, das versucht, sich auf den Rücken zu drehen, von seinen Eltern sanft gestützt wird, damit es schnell klappt. Oder aber das Baby liegt auf dem Bauch und ningelt und nörgelt, weil es nicht genau weiß, wie es sich zurückdrehen soll - kaum ein Elternteil hält diese Situation noch aus. Fast alle eilen herbei und nehmen das Kind entweder hoch oder "trainieren" mit ihm gemeinsam die von der Physiotherapeutin vorgeschlagenen Bewegungsabläufe, damit das Kind ein Gefühl dafür bekommt, wie das Drehen vom Bauch auf den Rücken abläuft. Ich selbst habe lange Zeit das Köpfchen meiner Tochter gestützt, wenn sie sich auf den Rücken drehte, weil ich nicht ausgehalten habe, dass ihr Kopf auf unser Laminat aufkommt und sie vielleicht Schmerzen erleiden muss. Dass ich ihr dabei die Chance genommen habe, nach ein- zwei schmerzhaften Versuchen zu erkennen, dass es besser ist, den Kopf beim Drehen oben zu halten, wusste ich noch nicht. So blieb sie lange in diesem Punkt abhängig von mir.
 
Gerne werden Babys auch hingesetzt, bevor sie selbst dazu in der Lage sind, damit sie die Hände frei haben zum Spielen und nicht mehr frustriert weinen müssen, weil sie merken, dass die Kraft in den Rückenmuskeln noch nicht ausreicht, um sich mit nur einer Hand zu stützen und mit der anderen Hand ein Spielzeug zu greifen. Und auch, wenn die Babys beim Sitzen zunächst noch in sich zusammensacken - nach ein paar Tagen schaffen sie es meist, aufrecht zu sitzen und sind dann auch glücklich. Genauso wie die Eltern, die nun nicht mehr das stundenlange Nörgeln der Kinder ertragen müssen. Doch ist das wirkliche Hilfe? Nehmen wir unseren Kindern nicht eher etwas weg, wenn wir ihnen so "helfen"? Auf jeden Fall!

Ich habe oben schon beschrieben, welche Glücksgefühle im Gehirn ausgelöst werden, wenn das Gehirn vor einem Problem stand und es dann in irgendeiner Weise selbständig lösen konnte. Ein wahres Feuerwerk an Hormonen wird ausgeschüttet, der Körper und Geist fühlt sich wohl, der Mensch ist glücklich und wächst über sich hinaus in dem Bewusstsein, etwas geschafft zu haben. Diese Hormonausschüttung ist so gewaltig, dass ein Mensch gerne mehr davon erleben würde - und das bedeutet, dass er keine Angst vor neuen Herausforderungen entwickelt, sondern sie sich sogar wünscht und mit Freude an die Lösung des Problems herangeht.
 
Gemeinerweise werden diese Glückshormone nur dann ausgeschüttet, wenn etwas ganz selbständig erarbeitet wurde. Eine Unterstützung beim Drehen, Sitzen, Knoten binden, Treppen steigen etc. vermindert die Ausschüttung gewaltig - die Kinder geraten nicht mehr in den Flow, sondern in Abhängigkeit vom Helfer. Denn einerseits verlieren sie durch den Verlust des Hormon-Feuerwerks die Lust daran, Neues zu entdecken (das Gehirn wurde ja nicht "belohnt"), andererseits verinnerlichen sie mit jeder auch noch so gut gemeinten Hilfestellung seitens der Großen, dass sie in irgendeiner Weise bedürftig sind - sie bekommen einfach zu oft gezeigt, dass die Erwachsenen nicht damit rechnen, dass sie es aus eigenem Antrieb schaffen. Sie verlieren dann möglicherweise das Bewusstsein dafür und den Wunsch, über sich selbst hinauswachsen zu können. Ich habe heute morgen allen ernstes ein dreijähriges Kind auf einem Laufrad gesehen, an dessen Hinterrad Stützräder montiert waren! An einem Laufrad! Welche Information zieht das Kind aus dieser elterlichen Geste wohl? 
 
Baby dreht sich
Gleichzeitig wird durch das Aus-dem-Weg-räumen möglicher Hindernisse auch noch die  Frustrationstoleranz niedrig gehalten. Wenn ein Kind von Anfang an nie um etwas kämpfen musste, sich nie durchbeißen durfte durch eine unangenehme Situation - wie soll es dann später mit den viel größeren Frustrationen des Alltags in Schule oder Beruf adäquat umgehen? Klar ist es nervig, wenn das eigene Baby ningelnd auf dem Bauch liegt und hilflos mit Armen und Beinen fuchtelt. Aber aus dieser Mini-Frustration erwächst nun einmal der Wunsch, sich daraus selbst zu befreien und z. B. auf den Rücken zurückzudrehen. Natürlich gibt es auch hier Grenzen. Wenn das Kind allzu lang geningelt hat und anfängt, in Bauchlage herzergreifend zu weinen, sollte man es als Elternteil hochnehmen und trösten. Aber das bedeutet nicht, dem Baby diese Situation das nächste Mal vorbeugend vorzuenthalten! Wie oft lese ich in Foren: "Mein Kind mag die Bauchlage nicht, deshalb liegt es meist auf dem Rücken oder in der Wippe...". Natürlich mag ein Baby die Bauchlage anfänglich nicht. Sie ist unbequem und bedeutet Arbeit. Sie ist ungewohnt und bereitet im Gehirn die Art von Chaos, die eine Unruhe und ein Unwohlgefühl im Körper auslösen. Aber... sie bietet eben auch die Chance, neue Bewegungen einzuüben und das Chaos im Kopf selbständig in geordnete Bahnen zu lenken, neue neuronale Verbindungen zu bilden und zu festigen, ein Feuerwerk an Glücksgefühlen zu erleben und sich letzten Endes über seine Selbstwirksamkeit zu freuen. 
 
 

Voraussetzungen für echtes Lernen - von Wurzeln und Flügeln

 
Wenn man Lehrer und Berufs-Ausbilder fragt, was der heutigen Jugend vor allem fehlt und daher bei der frühen Förderung besonders bedacht werden sollte, dann fallen meist die Begriffe "Durchhaltevermögen", "Impulskontrolle" und "Frustrationstoleranz". Ich kann das als Lehrerin durchaus bestätigen. Die Generationen an Schülern, die heute vor mir sitzen, schaffen es selten, sich auch dann hinter ein Thema zu klemmen, wenn es ihnen nicht sonderlichen Spaß macht. Sie erwarten Erfolge viel schneller, als diese normalerweise auftauchen und sind frustriert und brechen Aufgaben ab, wenn ihnen nicht sofort gelingt, diese zu lösen. Gibt es irgendwo ein Problem, kommt meist Streit auf, nicht selten benutzen meine Schüler dabei Fäuste, statt Worte. Das gilt nicht für alle - aber die Tendenz ist steigend. Die Eltern dieser Kinder sind oft verzweifelt, wenn sie mit mir sprechen - was kann man nur tun, damit das eigene Kind nicht so schnell aufgibt oder ausrastet?

Wenn das Kind schon in der Schule ist, wird das sehr schwierig. Die Ausbildung der Grundlagen der Kompetenzen Durchhaltevermögen, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz beginnt sehr viel früher.
Autoren wie Michael Winterhoff oder Annette Kast-Zahn wollen uns in ihren Büchern weismachen, dass unsere Kinder diese Eigenschaften aufgrund der vorherrschenden "lockeren Erziehung" abhanden gekommen sind. Frustrationstoleranz, Selbstkontrolle und "Durchbeißen" seien das positive Resultat einer disziplinierenden Erziehung in der frühen Kindheit. Indem wir ihnen schon von Anfang an ein hohes Maß an Selbstregulation abverlangen, sie also z. B. selbst einschlafen lernen müssen oder Eltern nicht sofort reagieren, wenn sie sich mit Weinen melden, würde sich durch die "dosierte" Frustrationserfahrung die Frustrationsschwelle der Kinder ganz von selbst anheben. Das klingt für eine Laien auf diesem Gebiet sicherlich einleuchtend, was auch erklärt, warum diese grässlichen Bücher immer noch so oft gekauft werden.

Fakt ist jedoch, dass sich diese Annahme überhaupt nicht deckt mit dem, was Hirnforscher heute über den Aufbau von innerer Stärke, Durchhaltevermögen, Widerstandskraft und Frustrationstoleranz wissen. Sie fallen nicht einfach vom Himmel, man kann sie den Kindern auch nicht "anerziehen" - das Kind muss von Anfang an hineinwachsen in eine Welt aus vielen eigenständigen Erfahrungen und der Verlässlichkeit seitens seiner Bindungspersonen. Eigentlich gilt immer noch, was Johann Wolfgang von Goethe seinerzeit so schön formulierte: "Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel."

Mutter küsst Kind
Wurzeln entstehen durch eine sichere Bindung. Kinder können sich nur dem Lernen öffnen, wenn sie genügend gut gebunden sind. Das muss nicht unbedingt die Bindung an die Mutter sein - auch Vater, Großeltern, Erzieher oder Lehrer kommen dafür in Frage. Durch eine gute Bindung kann ein Kind tiefe Wurzeln schlagen, so dass es auch dem größten Gegenwind trotzen und Nährstoffe aufnehmen kann. Erst, wenn die Wurzeln fest in der Erde verankert sind, wachsen dem Kind Flügel - es bewegt sich immer weiter von seinen Bindungspersonen weg und erobert  die Welt. Es kommt immer wieder zurück zu seinem sicheren Hafen - wenn es Angst hat, oder sich weh getan hat, um ein wenig Pause zu machen oder seine Freude über ein geglücktes Abenteuer zu teilen. Doch das sicher gebundene Kind zieht es immer wieder hinaus, um Dinge zu entdecken, auszuprobieren und seine Selbstwirksamkeit zu genießen. Die verlässlichen Bindungserfahrungen ("Wenn ich rufe, kommt Mama und hört mir zu.") bilden sozusagen eine Rüstung, die dem Kind die Möglichkeit gibt, ins Abenteuer zu ziehen,sich "da draußen" zu bewähren und mit Rückschlägen fertig zu werden. In der Sprache der Bindungsforscher nennt man dieses Weggehen, Zurückkommen und wieder Weggehen "vollständiger Sicherheitskreis":
"Bindungssichere Kinder [...] signalisieren der Mutter: Ich brauche dich für meine Erkundung, gib auf mich acht, hilf mir, genieße mit mir, wie toll ich klettern oder mich auf die Erkundung von neuen Dingen stürzen kann. Wenn es mir aber schlecht geht und ich Stress habe, Angst bekomme, dann heiße mich willkommen und schütze mich. Tröste mich und nimm mich in die Arme und hilf mir, mit meinen Gefühlen zurechtzukommen. Sicher gebundene Kinder "kreisen" hin und her zwischen der sicheren Basis und ihren Erkundungsausflügen. Sie können auf diese Weise immer mehr für sich entdecken und erfreuen sich daran, was die Welt alles zu bieten hat" (vgl. Brisch, K.-H., 2010: 1459).
Nur mit dem sicheren Hafen im Hintergrund kann ein Kind die Welt selbständig erkunden und sich nach und nach immer schwierigeren Aufgaben stellen. Und nur, wenn es seine Angst mit und ohne Hilfe der Eltern überwindet - wenn es sich also als selbstwirksam und selbstbestimmt erlebt - dann bilden sich ganz automatisch die von uns gewünschten Charaktereigenschaften wie Frustrationstoleranz, Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein. Guckt euch eure Kinder auf dem Spielplatz genau an: Zunächst hüpfen sie vielleicht aus einer geringen Höhe von der Kletterleiter in den Sand, doch wenn das gelingt, werden sie immer höher klettern und auch von dort springen. Vielleicht können sie sich bei der höchsten Stufe dann noch nicht überwinden, doch am nächsten Tag, oder übernächsten, oder in der nächsten Woche werden sie sich wieder daran versuchen, so lange, bis sie es geschafft haben - und da trainieren sie eindeutig das Durchhalten bei einer bestimmten (selbst gesuchten) Aufgabe, das Aushalten des Frustes, es nicht sofort zu schaffen, sie trainieren ihre Motorik und das Einschätzen ihrer eigenen Kräfte.

Auch Geduld und Selbstkontrolle werden auf diese Weise gestärkt. Um die für diese Selbstdisziplin erforderlichen Verschaltungen im Gehirn herausbilden zu können, nützt es rein gar nichts, wenn ein Kind von außen (den Eltern, Lehrern etc.) diszipliniert wird und beispielsweise jedes Mal, wenn es seine Schwester im Affekt gehauen oder gebissen hat, auf die "stille Treppe" muss o. ä.. Es entstehen dann bestenfalls Verschaltungen, die ermöglichen, den Disziplinierungsmaßnahmen zu entgehen. Das Kind lernt, zu befolgen, was ihm gesagt wurde. Es wird die Schwester vermutlich nicht mehr hauen oder es nur so heimlich tun, dass die Eltern es nicht bemerken oder beweisen können. Das ist aber keine Selbstdisziplin, sondern Gehorsam (vgl. Renz-Polster, H., Hüther, G., 2013: 167)! Die Vertreter der schwarzen Pädagogik Ende des 19. Jahrhunderts setzten sehr stark auf diese Art von disziplinierender Erziehung. Ohne Frage zogen sie ungewöhnlich gehorsame Kinder auf. Leider setzte bei den dann erwachsen gewordenen Kindern kein Denkprozess ein - sie blieben ihr Leben lang ungewöhnlich gehorsam und befolgten z. B. als Aufseher in Konzentrationslagern brav die Anweisungen der Oberen.

Nein, Selbstdisziplin erlernt das Kind nur dann, wenn es sie als erfolgsversprechende Strategie für sich selbst entdeckt:
"Um diese Metakompetenzen zu erwerben, deren es zur Selbstdisziplin bedarf, und um die dafür zuständigen Vernetzungen im Frontalhirn herauszubilden, müsste ein Kind die Erfahrung machen, dass es, wenn es sich etwas vorgenommen hat, gut und hilfreich, ja sogar wunderbar ist, wenn es dabei bei der Sache bleibt, nicht jedem Impuls folgt und sich nicht von Fehlschlägen und Misserfolgen entmutigen lässt. Wenn es also geduldig ist. Wenn es anders als mit Geduld gar nicht ans Ziel kommt und deshalb auch nichts zustande bringt. Es müsste also, statt diszipliniert zu werden, den Nutzen von Disziplin, von Selbstdisziplin, bei sich selbst erfahren. Dann würde es sich auch selbst darüber freuen können, dass es so geduldig gewartet und so tapfer bei der Sache geblieben ist. Und nur dann würden in seinem Gehirn auch die tiefer liegenden für diese Freude zuständigen emotionalen Bereiche mit aktiviert. Und nur wenn die dort liegenden Nervenzellen erregt werden, schütten sie an den Enden ihrer langen Fortsätze auch diese besonderen neuroplastischen Botenstoffe aus, die wie Dünger auf die für die Impulskontrolle und die Frustrationstoleranz zuständigen Nervenzellenschaltungen im Frontalhirn wirken" (vgl. Renz-Polster, H., Hüther, G., 2013: 168).
Von außen betrachtet sind Gehorsam und Selbstdisziplin sehr ähnlich. Für die Eltern eines hauenden Geschwisterkindes ist es ziemlich egal, ob es nun zu schlagen aufhört, weil es "auf die Eltern hört", oder weil es selbst gelernt hat, seine Impulse unter Kontrolle zu halten. Hauptsache, es gibt bei Streit im Kinderzimmer keine handgreiflichen Auseinandersetzungen mehr. Der Unterschied zeigt sich erst später. Während ein Kind, das Selbstdisziplin besitzt, diese in allen Situationen des Lebens unabhängig von anderen anwenden kann und auch bei ungeliebten Aufgaben in der Schule dabei bleibt, bedarf es bei von außen trainierten braven Kindern immer einer Autoritätsperson, einer drohenden Strafe oder auch von Lehrern oder Eltern ausgesprochenes Lob, um die Disziplin zu aktivieren. Fällt die Autoritätsperson weg, z. B. weil der Sohn dem Vater nun kräftemäßig überlegen ist oder das Strafsitzen auf der stillen Treppe seinen Schrecken und das Lob seinen Anreiz verloren hat, bricht das Kind schnell aus seinem Bravsein aus und macht das, was es will oder verweigert das, was es nicht will. In einem totalitären Schreckenssystem wie dem Dritten Reich mag das selten passiert sein (weil die staatlichen Strafen schrecklich waren), in einer Demokratie wie der unseren ist dieses Erziehungsmodell, wie bereits an der heutigen Generation der Schulkinder erkennbar, zum Scheitern verurteilt.
 

 

Förderung von echtem Lernen - können wir Eltern denn gar nichts tun?

 
Ich kann mir vorstellen, dass es frustrierend für Eltern ist, hier zu lesen, dass all die gut gemeinten Förderversuche, auf die sie bisher zurückgegriffen haben, nichts wert sind und im Zweifelsfalle sogar schaden. Dass man sein Kind einfach "machen lassen" soll, weil es dann von selbst in den "Flow" findet und das besser und tiefer, als wir das je künstlich nachstellen könnten. Das ging mir genau so -  doch ich habe eine gute Nachricht. Es gibt sehr wohl Dinge, die man tun kann, um echtes, freudvolles Lernen zu unterstützen. Mehr darüber lest ihr morgen im zweiten Teil dieses Artikels!
 
© Snowqueen
 
 
 

Quellen

 
 
 

Kommentare:

  1. Mein Baby befindet sich gerade in der angesprochenen Bauchlage-Mecker-Phase, da es nicht weiter kommt. Es wird dann sehr lautstark geschimpft und gejammert. Ich frage mich gerade, ob das meckern-lassen sich nicht widerspricht mit dem sofortigen Erfüllen von Babys Bedürfnissen? Fühlt sich das Kleine dann nicht auch "vernachlässigt", wenn nicht auf seinen Wunsch, es aus der Lage zu befreien, reagiert wird?

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    1. Es ist wichtig, zwischen Wunsch und Bedürfnis zu unterscheiden. Bedürfnisse (nach Essen, Trinken, Nähe, Aufmerksamkeit) sollten sofort erfüllt werden. Wünsche ( nach einem Eis, einen bestimmten Löffel bekommen, die kurze Hose anziehen, etwas körperlich nicht selbst machen zu müssen, sondern Hilfe zu bekommen) müssen nicht immer erfüllt werden. Wäge einfach ab: ein bisschen Frust ist gesund und sport an, zu viel Frust kann bedeuten, dass dein Baby dann richtig weint. Dann solltest du es in jedem Fall hochnehmen und trösten. Aber die körperliche Anstrengung abnehmen, nur weil es das Baby bequemer findet, ist ungünstig.

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  2. Im Artikel übers Loben bzw. bei den Kommentaren hattest du glaube ich geschrieben, dass es v.a. wichtig ist, dass das Kind die Bestätigung von den Eltern bekommt, dass es so geliebt wird wie es ist und es daher nicht so dramatisch ist, wenn z.B. Großeltern trotzdem loben.

    Wie verhält es sich denn beim Lernen? Ich versuche jetzt immer darauf zu achten, dass ich unser Baby möglichst selbst probieren lasse und wenn ich beispielsweise mit ihm Türmchen baue, dann eher für mich, ohne zu sehr zu fokussieren "Schau mal her, was ich mache...etc."
    Nun sind andere Bezugspersonen da aber eher vom typischen Verhaltensmuster - "Guck mal, so geht das mit dem Aufeinanderstapeln und Ineinanderstecken..."
    D.h. ich bemühe mich, damit er seine Erfolgserlebnisse hat und dann kommt so was - das macht meine Bemühungen doch zunichte...? Ich mag aber auch nicht jedes Mal der Spielverderber sein und belehrend eingreifen (also beim Erwachsenen;).

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    1. Ich würde einfach mal ganz nebenbei erwähnen, dass Du dazu etwas gelesen hättest und daher versuchst, das Spielen weitestgehend unkommentiert zu lassen. Aber wenn das fruchtlos bleibt, wäre das auch nicht so dramatisch - das Kind verbringt ja die meiste Zeit mit Dir und wird daher in eher wenigen Fällen "belehrt", so dass ich seine Motivation da nicht nachhaltig beeinflusst sehen würde. Aber am schönsten wäre schon, wenn auch die Großeltern und andere enge Bezugspersonen den Gedanken des "Machenlassens" mit leben würden. Zwingen kann man sie natürlich nicht, aber steter Tropfen höhlt da den Stein.

      Liebe Grüße!
      Danielle

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  3. Erstmal herzlichen Dank für Ihre tollen und interessanten Artikel. Ich hätte mir gewünscht, dass ich sie früher gefunden hätte. Mein Sohn ist jetzt fast 1 Jahr alt und ich fühle mich so als hätte ich alles falsch gemacht :( ich wollte dass er immer glücklich ist und habe ihm so vermutlich viele Erfolgserlebnisse verwehrt. Er lernt z.B grade laufen und will daher kaum noch krabbeln. Allerdings läuft er am liebsten an meiner Hand (auch selber an möbeln entlang, aber hauptsächlich mit mir). Mittlerweile greift er sogar zielstrebig nach meiner Hand wenn ich z.B irgendwo sitze und läuft los. Besonders treppen findet er toll. Sollte ich damit jetzt konsequent aufhören? Ich habe ihm ja quasi beigebracht, dass man es so macht.Das ist jetzt natürich nur EIN beispiel....Würden Sie mir raten mit diesen Hilfestellungen einfach aufzuhören an die ich ihn gewöhnt habe?

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  4. Hallo Snowqueen.
    Mich würde es ausgesprochen erfreuen, eine fundierte Kritik an Winterhoffs "Wie Tyrannen entstehen zu lesen. Vielleicht besteht einmal für Dich Gelegenheit dazu, etwas zu schreiben. Danke und Herzliche Grüße Sebastian

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  5. Ihr Lieben!!!! Ich liebe diese Artikel. Sie stärken uns als Eltern in unserem tun so sehr.... Wir habe unseren Bub in einen Waldkindergarten gegeben...es ist das Beste, was ihm passieren konnte. Leider macht nun die Schule richtig Ärger, Soll heißen bei der Schuleinschreibung hat man festgestellt, dass der mathematische Bereich noch viel zu schwach sei (Zahlen und Mengen erkennen). Man tritt nun mit der Bitte an uns heran, das Kind doch bitte zurückzustellen und ihn lieber nochmal in einem Schulkindergarten auf die Schule "ordentlich" vorbereiten zu lassen!!!!!!!!!! Wir sind fassungslos! Warum lassen wir Deutschen uns dieses Schulsystem eigentlich gefallen??? Was bleibt mir nun anderes übrig als mit meinem Kind nun Zahlen zu pauken?! Habt ihr Rat für uns??? Ich danke euch von Herzen für diese Seite!!!!!

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  6. Ich finde den Artikel sehr interessant und habe einigesd dazu gelernt. Trotzdem ein paar Fragen:
    1. Was ist mit "anbieten"? Klar lernen Kinder vieles selbstständig aber Thema Mengen (was meine Vor-Kommentatorin angesprochen hat): Wenn ich mit dem Kind gemeinsam zähle, wie viele Steine es gesammelt hat, und es stolz ist, auch schon mitzählen zu können, ist das doch eine gute Vorbereitung auf etwas, was es sowieso früher oder später braucht. Entwicklung braucht auch Input von außen.

    Andere Frage zum Badezimmer-Beispiel: Ich finde es auch wichtig, dass Kinder Quatsch machen und matschen dürfen. Aber in einem Alter wo sie verstehen, dass es gewisse Regeln gibt, finde ich es sehr vertretbar, dass sie das auf den Spielplatz oder Garten beschränken und den Rasierschaum lassen, wo er ist. Auch wenn sie es gerne tun würden.
    "Wenn es Gründe dafür gibt, darf ich nicht alles machen was ich gerade will" ist für mich auch ein sehr wwichtiger Lern-Schritt.

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  7. Vielen Dank für düsen tollen artikel!!

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  8. Schöner Artikel und vielen Dank dafür.
    Bei Ihrer Beschreibung des Flow-Gefühls bei Kindern und speziell nach der zitierten Passage -
    "[Das Kind] macht eine beglückende Erfahrung mit sich selbst, mit seiner eigenen Lust am selbständigen Entdecken und Gestalten. Und diese Lust, die es dabei erfährt, wird tief im Gehirn verankert. Kinder, die so etwas erleben dürfen, sind glücklich, nicht, weil sie eine besondere Leistung erbracht haben und von anderen dafür Lob und Anerkennung bekommen, sondern, weil sie sich selbst in ihrer eigenen Lust am Tätig- und Lebendigsein erfahren" -

    ist mir die Überschneidung zu Arno Gruens Werk über Identitätsbildung aufgefallen. Auch später schreiben Sie davon wie Selbstdiziplin und Gehorsam von aussen ähnlich sind, aber katastrophale Folgen für den durch Gehorsam erzogenen Menschen haben (z.B. drittes Reich).
    Darauf geht auch Arno Gruen ein, indem er beschreibt, wie wir uns von klein auf an Autoriätspersonen orientieren und mit Lob und Anerkennung lernen uns mit diesen zu identifizieren, anstatt eine eigene Identität herauszubilden. Siehe dazu: https://www.youtube.com/watch?v=QBAxaxz4kAY - Arno Gruen - Der Verlust der Identität (Audiovortrag)

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich verehre Arno Gruen - er ist einer meiner ganz großen Helden und ich denke, dass seine Erklärung über den Fremden in uns der Schlüssel zur Gesundung der Gesellschaft sein könnte. Ich habe ihn viele Male in anderen Artikeln in diesem Blog zitiert. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich seine Werke schon gelesen hatte, als ich diesen Artikel hier schrieb. Da keins seiner Werke unten in der Literaturliste auftaucht, denke ich eher nicht. Gerald Hüther, Karl-Heinz Brisch und Herbert Renz-Polster sind aber sicherlich von seinem Werk beeinflusst worden, so dass ähnliche Aussagen nicht ausgeschlossen sind.

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  9. Dieser Blog ist erhellend! Als Mutter fühle ich mich in meinem Denken und Tun bestärkt, als Therapeutin und Pädagogin angeregt und angespornt, noch mehr den Kindern zu vertrauen und Ihnen ein Begleiter statt eines Belehrers zu sein. Und ich verstehe mich selbst und mein Umfeld viel besser. Ich bin geprägt durch DDR-Pädagogik, doch wenigstens haben mir meine Eltern ein Urvertrauen mitgegeben und die Fähigkeit zu bedingungsloser Liebe.
    Wenn ich jetzt miterleben muss, wie mein fröhlicher, kreativer und fantasievoller Sohn durch eine Erzieherin zu einem defizitären Problemkind erklärt wird, bricht es mir das Herz und ich werde wütend.
    Und wenn mein Sohn mir dann auch noch signalisiert, dass Kita irgendwie blöd ist, dann bin ich kurz davor, ihn wieder zu Hause zu lassen...


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  10. Danke für den interessanten Artikel!! Man scheint übrigens auch in der Sportwissenschaft herausgefunden zu haben, dass man neue anspruchsvolle Bewegungen eher durch vielfältiges Ausprobieren lernt, als wenn einem jemand sagt, wie die Bewegung "richtig" funktioniert (https://de.wikipedia.org/wiki/Differenzielles_Lernen).


    Spricht eigentlich etwas dagegen, dem Kind immer dann zu helfen, wenn es danach fragt (und dann so viel wie nötig, so wenig wie möglich)? Es hat doch ohnehin das Bedürfnis, selbst die Welt zu entdecken...

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