Mein Kind wuselt beim Vorlesen - kann es sich nicht konzentrieren?


Ich lese jeden Tag vor. Meist legen wir uns bequem aufs Bett, ein Kind an jeder meiner Seiten, und dann beginne ich mit der Geschichte. Fräulein Ordnung liegt dabei ganz ruhig und lauscht aufmerksam meiner Stimme. Sie ist unglaublich fokussiert und nimmt alles ganz genau auf. Fräulein Chaos dagegen wuselt. Sie dreht und wendet sich. Sie leckt die Bettdecke an. Sie beißt ins Kopfkissen. Sie zerrupft ein Taschentuch in Kleinstteile. Sie springt auf und geht zum Schreibtisch, um dort etwas zu holen. Manchmal kreiselt sie auf dem Teppich um ihre eigene Achse. Manchmal rutscht sie, während ich lese, laaaangsam vom Bett runter und liegt dann mit Kopf und Schultern auf dem Boden, während Po und Beine noch oben liegen.


Fehlende Wertschätzung, keine Konzentration oder hyperaktives Kind?


Wenn man sie so beobachtet, könnte man auf die Idee kommen, sie würde gar nicht zuhören. Als könne sie sich nicht auf die Geschichte konzentrieren. Tatsächlich war ich einige Zeit genervt von ihrem Verhalten, weil ich es als nicht wertschätzend mir gegenüber empfand. Immerhin nahm ich mir die Zeit, mich mit ihr zu beschäftigen und dann hörte dieses Kind aber gar nicht richtig hin!

Bis ich feststellte: Doch. Doch, sie hört hin. Sie kann genau wie ihre Schwester hinterher nacherzählen, was der Inhalt des Buches ist und sie kann ohne Probleme Fragen dazu beantworten. War das Wuseln dann nur eine schlechte Angewohnheit oder zeigte es gar, dass sie hyperaktiv ist? Ich versuchte, sie liebevoll davon abzuhalten, doch es gelang mir nicht. Das Wuseln suchte sich seinen Weg. Eher schien es ihr schwerer zu fallen, mir zuzuhören, wenn ich sie vom Wuseln abhielt.

Motorische Ableitung von innerer Anspannung


Dann fiel bei mir der Groschen. Das Wuseln ist ihre Strategie, die Spannung des Buches motorisch abzuleiten! Immer, wenn es aufregend wurde, sprang sie vom Bett auf und lief im Zimmer herum. Bei weniger spannenden Stellen fummelten nur ihre Hände irgendwo oder der Mund leckte irgendwas an. Und sie scheint nicht allein zu sein. In meiner Timeline bei Twitter meldeten sich etliche Eltern, deren Kinder beim Vorlesen ebenso unruhig waren. Endwinterwunder hatte regelmäßig beim Vorlesen den Ellenbogen ihrer Tochter in den Rippen, weil diese sich so aufgeregt hin und her schmiss. Jette vom Halbe Sachen-Blog erklärtes es kurz und bündig mit: "Je spannender, desto turn!" (was mich zum lachen brachte, denn ja, ja, so ist es!)



Und dann fiel mir ein, dass sie das auch im Theater oder wenn wir uns eine Ballettaufführung oder ein Musical ansehen, so macht. Sie geht da körperlich mit. Sie steht ab und zu vom Stuhl auf, sie dreht sich zu mir und fragt flüsternd, wenn sie etwas nicht versteht, sie kriecht auf meinen Schoß, wenn es zu aufregend wird, sie fummelt am Vordersitz oder beißt in ihren Pulloverärmel.

Ihre Schwester dagegen sitzt, wie beim Vorlesen, eher still auf ihrem Theatersessel und nimmt alles in sich auf. Was zur Folge hat, dass sie nach der Aufführung dann meist unvermittelt explodiert und laut weint. Dann erst verarbeitet Fräulein Ordnung nämlich das, was sie gesehen und gehört hat, während Fräulein Chaos ihre Anspannung schon währenddessen los wird. Das Explodieren hinterher ist, wie das Wuseln währenddessen, eine Strategie, die innere Anspannung, die durch die Geschichte ausgelöst wurde, wieder loszuwerden! Wenn man das nicht weiß, kann man als Eltern schon mal mega genervt reagieren, wenn es immer nach "schönen Dingen" so einen Wutanfall gibt und man dann vielleicht wütend denkt: "Wenn es jedes mal so ein Theater hinterher gibt, dann gehe ich mit dir eben nicht mehr zu Vorführungen!" Das tut dem Kind aber unrecht, nicht wahr? Weil es ja einfach nur seinen inneren Stress loswerden will. Genauso tut man einem wuselnden Kind unrecht, wenn man ihm wegen seiner Verarbeitungsstrategie einen Konzentrations-Defizit-Stempel aufdrückt.

Was hilft?


Nachdem also klar war, dass das Wuseln einfach nur eine Strategie mancher Kinder ist, die innere Spannung beim Vorlesen erfolgreich abzuleiten (genauso wie andere Kinder eben nach einer aufregenden Sache explodieren), konnte ich nach für mich weniger störenden Alternativen für mich als Vorlesende umschauen. Der Aspekt der Wertschätzung meiner Arbeit hatte sich für mich in dem Moment erledigt, als ich merkte, dass sie ja doch zuhört. Sie wertschätze es doch, dass ich ihr vorlas. Blieb nur das für mich nervige Wuseln, das mich ab und zu aus meiner Konzentration riss. Gab es nicht irgend etwas, das ihr eine motorische Ableitung ermöglichte, aber für mich nicht so störend war?


Ich tauschte mich mit anderen Eltern aus. Bei etwas älteren Vorlesekindern helfen scheinbar diese Metall-Knobeleien, die ihr bestimmt noch aus eurer eigenen Kindheit kennt. Bei einigen Kindern half ein Tangle, um die Finger beim Vorlesen in Bewegung zu halten, Fräulein Chaos jedoch findet das Ding langweilig. Intelligente Knete half bei uns super, während ich vorlas. Allerdings hatten wir dann ab und zu Knetkrümel im Bett, was ich nicht so prickelnd fand. Im Prinzip müsste auch kleines Lego einen guten Effekt erzielen, wenn man dem Kind eine kleine Schale damit beim Vorlesen in die Hand drückt - das habe ich aber noch nicht ausprobiert.

Eine Zeit lang behalfen wir uns mit Sticker-Büchern. Die findet meine Tochter allerdings nach einer Weile langweilig. Was richtig gut funktioniert, ist, wenn sie während des Vorlesens an unserer Malwand stehen und mit Farbe und Pinsel malen kann, aber dann fällt das Kuscheln zwischen uns weg, was ich furchtbar schade finde. Möglicherweise ginge es besser mit kleinen Mandalas, die sie auf dem Bett mit Filzstiften ausmalen könnte - das haben wir noch nicht probiert. Am allerbesten funktioniert bei uns das Knüpfen von Loom-Bändern während des Vorlesens. Mittlerweile ist schon schon eine sehr, sehr lange Schlange zusammengekommen. Bei meiner Recherche stieß ich auf den Fidget Cube, der allerdings erst im März 2017 auf den Markt kommen wird und ...ähm... doch etwas hochpreisig ist. Aber vermutlich genau das, was wir bräuchten. (Fällt euch noch etwas ein? Dann bitte in den Kommentaren schreiben!)

Erkenntnis


Aber was auch immer hilft - wichtig war für mich die Erkenntnis, dass mein Kind mich nicht ärgern will, wenn es beim Vorlesen so wuselt und es deshalb auch nicht irgendwie "kaputt" ist, also kein Konzentrations-Defizit hat. Stattdessen spürt sie aus gutem Grund ein Bewegungsbedürfnis. Wir müssen also nur schauen, wie ihr Bedürfnis und mein Bedürfnis als Vorlesende aneinander angenähert werden können. Mit einer winzigen Veränderung der äußeren Umstände können wir viel bewirken. So ist keiner von uns unzufrieden, keiner bekommt einen bestimmten Stempel aufgedrückt, und das Vorlesen wird wieder zu einem angenehmen Familienritual. 

© Snowqueen