ich bin heute Nacht vorbeigekommen, um deinen Zahn abzuholen und die Bezahlung da zu lassen - allerdings hatte ich erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt sicher zu deinem Bett zu kommen, da dein Zimmer so unordentlich ist. Als ich dann endlich ankam, war es mir unmöglich, das Zahnkissen zu finden, weil es einfach zu viele Kissen, Decken und Klamotten in deinem Bett gab.
Ich werde wohl in einer anderen Nacht wiederkommen müssen - vielleicht kannst du die Zeit bis dahin nutzen, um gründlich aufzuräumen und sauberzumachen. Ich wette, wenn du deine Mama NETT fragst, dann hilft sie dir sogar dabei.
In Liebe, Die Zahnfee"
Als ich an unserem Wunschkind-Magazin über das Thema Kooperation schrieb, fragte ich euch Leser|innen, bei welchen Themen ihr mit euren Kindern am stärksten verzweifelt. Eines der am häufigsten genannten war das Aufräumen. Da ich zu diesem Zeitpunkt selbst Probleme hatte, meine Töchter dazu zu bewegen, ihre Spielsachen nach Gebrauch wegzuräumen, traute ich mich jedoch noch nicht so recht an das Thema heran.
Vor ein paar Tagen aber retweetete mir Nora Imlau den obigen Brief der Zahnfee entrüstet in die Timeline. Gefunden hatte sie ihn beim amerikanischen Parents-Magazine, die befanden, die Idee der Mutter, die Zahnfee zu rekrutieren, um das eigene Kind zum Aufräumen zu bringen, sei einfach genial. Nora - und mir - dagegen rollten sich die Zehnnägel hoch. Warum das so ist, und was ich stattdessen vorschlage, lest ihr in diesem Artikel.
Erziehung durch strafende oder belohnende Macht im Hintergrund - lieber nicht
Als meine Töchter zum ersten mal bewusst auf Weihnachten zu fieberten, konnten sie am Abend vor dem 24.12. nicht zur Ruhe kommen. Wie aufgedrehte Duracell-Häschen hüpften sie laut durch die Wohnung und schaukelten sich gegenseitig in ungeahnte Quatsch-Höhen. Irgendwann war ich so genervt und müde, dass mir ganz unbedacht ein: "Wenn ihr jetzt nicht schlafen geht, bringt der Weihnachtsmann morgen keine Geschenke!" herausrutschte. Ups! Erschrocken hielt ich mir die Hand vor den Mund. Wo war das denn hergekommen? Aus den Untiefen meines Gehirns, offenbar. Sofort setzte ich hinterher, dass ich gerade kompletten Blödsinn erzählt hätte und der Weihnachtsmann völlig unabhängig vom Schlafen natürlich morgen selbstverständlich Geschenke bringen würde.
Vielleicht fragt ihr euch, warum es mir so wichtig war, meine erste unbedachte Aussage zu korrigieren? Nun, mal abgesehen von dem recht offensichtlichen Grund, dass es für ein Kind schade ist, wenn eigentlich schöne, freudebringende magische Kreaturen in irgendeiner Weise angstbesetzt werden, steht dieser Ansatz auch für eine Art der Erziehung, die ich für meine Familie nicht möchte, nämlich die der "strafenden oder lobenden Macht im Hintergrund".
Diese Art der Erziehung beruht auf einem Machtgefälle, welches ausgenutzt wird, um Kinder dazu zu bewegen, etwas zu tun, das sie (vermeintlich) nicht von allein machen:
- "Wenn du jetzt nicht aufhörst, mit den Autos zu werfen, sind sie weg!" (dann nimmt das Elternteil sie weg und legt sie hoch oben auf einen Schrank)
- "Wenn du nicht stillsitzen kannst, dann ist das Essen jetzt für dich beendet!"
- "Wenn du nicht aufhörst, hier mit Sand zu werfen, dann gehen wir nach Hause!"
- "Wenn du nicht heute Abend dein Zimmer aufräumst, dann komme ich morgen mit einem blauen Sack und alles, was rumliegt, werfe ich in den Müll!"
- "Wenn du dir jetzt nicht deine Hausschuhe anziehst, dann lachen dich die anderen Kinder aus und die Erzieherin schimpft mit dir!"
- "Wenn du nicht genügend Mittagessen isst, dann darfst du keinen Nachtisch essen!"
- "Wenn du jetzt nicht kommst, dann gehe ich ohne dich los!"
- "Wenn du jetzt nicht endlich aufhörst, zu maulen, dann fahren wir nie wieder mit dir in den Urlaub!"
Wie ihr an den Beispielsätzen schon erkennen könnt, ist die große "Wenn-Dann-Keule" ein guter Indikator für diese Art der Erziehung. Dem Kind wird hierbei immer wieder signalisiert, dass 1) ein anderer darüber zu entscheiden hat, was für das Kind die "richtige" Reaktion ist, 2.) dass dieser andere die Macht hat, dem Kind Schaden oder Glück zuzufügen und 3) dass das Gegenüber im Prinzip keinerlei Erwartungshaltung hat, dass das Kind freiwillig kooperieren könnte. Dieser dritte Punkt wiederum ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, denn je öfter die Eltern ihre Machtposition ausnutzen, um das Kind zu einer gewünschten Reaktion zu bringen, desto fester setzt sich unbewusst der Gedanke im Gehirn des Kindes fest, dass vom ihm wohl nicht erwartet wird, das freiwillig zu tun. Dieser Erwartunghaltung wird es entsprechen, denn Kinder kooperieren immer, auch im negativen Sinne.
Im Endergebnis erhält man so Kinder, deren Gehirn in solcher Weise "verdrahtet" ist, dass sie eigentlich größtenteils nur deshalb gesellschaftskonform reagieren, weil sie eine strafende oder belohnende Macht im Hintergrund spüren. Das ist auf den ersten Blick vielleicht nicht problematisch, schließlich ist selbst unsere ganze Gesellschaft auf dieser Misskonzeption über die Kooperationsbreitschaft von Menschen aufgebaut: Wenn wir mit dem Auto zu schnell fahren und erwischt werden, bekommen wir eine Geld- oder Punktstrafe. Sind wir bei der Arbeit faul, werden wir vom Chef abgemahnt, sind wir fleißig, bekommen wir eine Beförderung. Machen wir keine Hausaufgaben für die Schule, erhalten wir nach dem so-und-so-vielten Versäumnis vom Lehrer eine Sechs. Kaufen wir immer wieder bei dem selben Supermarkt ein, bekommen wir "Treuepunkte" und können uns am Ende ein "Geschenk" aussuchen.
Na klar, denkt ihr vielleicht, so funktioniert der Mensch nun mal? Naja...nee. Wir funktionieren so, weil wir in der Kindheit so erzogen wurden. Geboren wurden wir allerdings mit dem natürlichen Instinkt, freiwillig zu helfen und zur Gemeinschaft beizutragen und uns so gefällig zu verhalten, dass wir nicht aus dem Rahmen fallen. Testsituationen mit 18 Monate alten Kleinkindern des Harvard-Psychologen Felix Harnecken, bei denen der Tester wie zufällig einen Kuli fallen ließ, und von seiner Seite des Schreibtisches nicht mehr drankam, zeigten, dass alle Kleinkinder losliefen, um ihm den Kugelschreiber aufzuheben. Auch andere Settings, bei denen der Tester z. B. mit vollgepackten Armen versuchte, einen Büroschrank zu öffnen, verliefen so, dass die Kleinkinder spontan und ohne dazu aufgefordert worden zu sein, zum Schrank liefen, um die Tür für ihn zu öffnen. Es bedarf eigentlich keiner Drohung, um uns zur Mitarbeit zu bringen - im Gegenteil: Belohnungen und Strafen vermindern unser natürliches Bedürfnis nach Kooperation.
Doch kommen wir zurück zu Emily und der Zahnfee. Man kann an ihrem Beispiel nämlich ein wirklich interessantes Phänomen beobachten, das bei der "Erziehung mit lobender oder strafender Macht im Hintergrund" häufig zum Tragen kommt: Irgendwann werden dem Kind die Strafen oder auch die in Aussicht gestellte Belohnung nämlich egal und es erwidert: "Ja, dann mach doch." Um seine Integrität zu wahren verzichtet es dann eher auf den Spielplatzbesuch, den Nachtisch oder es bleibt lieber irgendwo allein zurück, als sich noch länger von den Eltern erpressen zu lassen.
An dieser Stelle haben dann die Altvorderen ein Problem. Sie müssen, da ihre Machtposition offenbar aufgebraucht ist, nun ein noch stärkeres Druckmittel finden - eine noch höhere Macht. In früheren Zeiten haben Mütter in dem Moment dann gern den Satz: "Warte nur, bis der Papa nach Hause kommt!" genutzt, aber auch heutzutage gibt es genug höhere Mächte zum Missbrauchen: "Wenn das der Weihnachtsmann erfährt!", "Also, wenn du dich so später in der Schule benimmst, dann wirst du dir was von der Lehrerin anhören müssen.", "Tja, wenn du nicht mitkommst, dann sammelt dich nachher die Polizei ein. Und wer weiß, ob die dich dann zu uns zurückbringen"....
Emilys Mutter schien, als sie den Brief schrieb, am Ende ihrer Macht, das Aufräumen betreffend, angekommen zu sein.* Egal, was sie versuchte, ihre Tochter räumte einfach nicht ihr Zimmer auf. Also rekrutierte sie die stärkere Machtposition der Zahnfee, um den Druck ein wenig zu erhöhen. Das funktioniert bestimmt eine Weile, aber irgendwann verliert das Kind auch die Angst vor dieser Konsequenz - und was dann? Dann muss eine noch höhere Machtinstanz gefunden werden. Gott vielleicht...
Ich denke, ihr versteht, worauf ich hinaus will. Diese Art der Erziehung funktioniert durchaus für eine Weile gut, aber sie funktioniert nicht für immer und es gibt eine eindeutige Tendenz, dass die Belohnungen oder Strafen immer größer werden müssen, um die Kinder zur Mitarbeit zu "überreden". Ganz sicher werden sie deswegen nicht gleich zu emotionalen Krüppeln, aber vielleicht bleiben Eltern und Kinder so in einem gewissen Machtkampf verzettelt, der eigentlich unnötig ist. Und das ist ja nicht so super, oder?
Also versuchen wir doch, einen anderen Weg zu finden. Damit Emily, und unser eigener Nachwuchs, später nicht mit der Wenn-Dann-Keule auf ihre Kinder losgehen müssen. Lasst uns die Gehirne unserer Kleinen auf eine andere Art und Weise "verdrahten"!
[*Als die Mama diesen Brief schrieb, war Emily schon 11 Jahre alt und glaubte natürlich nicht mehr an die Zahnfee. Hier kann man nachlesen, was sie selbst über den Brief dachte. Dementsprechend stimmt für diesen speziellen Brief nicht ganz, was ich oben postuliere, aber ich habe ihn trotzdem als Beispiel ausgewählt, weil er nun eben durch seine Bekanntheit zum Vorbild für viele Eltern wurde, die ihren sehr viel jüngeren Kindern ebenfalls "Zahnfee"-Briefe schickten, um sie zum Aufräumen zu bringen.]
Dinge, über die sich Eltern klar werden müssen, bevor sie ihre Kinder zum Aufräumen bewegen wollen
Es gibt ein paar Grundsätze, über die ich zunächst mit euch sprechen muss, bevor wir dazu kommen, wie man Kinder zum Aufräumen bewegen kann. Diese Grundsätze sind sehr wichtig, einen Perspektivenwechsel auf das "Aufräumproblem" in Gang zu setzen, der vielleicht das "Problem" schon irgendwie auflösen oder zumindest kleiner machen könnte. Wir Eltern müssen uns über ein paar Dinge klar werden. Als da wären:
1. Nicht die Kinder haben sich für all das entschieden, sondern wir!
Wir, die Erwachsenen, haben uns dafür entschieden, Kinder zu bekommen. Mit den Kindern kam die größere Wohnung und das Spielzeug und die Klamotten und sicherlich auch das Auto oder der Garten. Das war alles unsere Entscheidung. Wir hätten uns für weniger Kinder, für eine kleinere Wohnung und nur ein paar essentielle Spielzeuge entscheiden können, doch das haben wir nicht. Wir wollten es so, wie es jetzt ist. Wir haben entschieden, wir haben bezahlt. Deshalb liegt das Ganze auch in unserer Verantwortung, inklusive Aufräumen.
Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht Hilfe wünschen können bei der Bewältigung der Verantwortung und es bedeutet auch nicht, dass unsere Kinder keinerlei Verantwortung für ihre Sachen übernehmen sollen. Ich möchte nur euer Augenmerk darauf lenken, dass wir Großen eine bewusste Entscheidung für all das Zeugs, dass sich so angesammelt hat, getroffen haben. Wir haben "Ja" gesagt zu der Playmobil-Rakete, die jetzt unterm Bett liegt, und zu der Zeitschrift, dessen Gimmik zerbrochen und unbeachtet im Regal vor sich hin ruht. Wir haben "Ja" gesagt zu den Meerschweinchen, die ihre Köttel in der Wohnung verteilen. Wir haben "Ja" gesagt zu der fünften Glitzer-Krone und dem zehnten Kuscheltier.
Den Kauf all dieser Güter haben wir abgenickt im vollen Bewusstsein, dass sie rumliegen, kaputt gehen oder Arbeit machen werden, denn wir sind erwachsen und können, da unser Gehirn fertig ausgebildet ist, auf lange Sicht absehen und planen. Kinder können das - zumindest bis zu einem bestimmten Alter und Reifegrad - noch nicht. Sie haben Wünsche, klar, und diese Wünsche werden erfüllt oder nicht, aber welche langfristigen Konsequenzen sich daraus ergeben, wenn man z. B. ein Haustier kauft, können sie nicht überblicken. Selbst wenn die Eltern ihnen vorher haarklein erzählen, wie viel Arbeit Meerschweinchen bedeuten, werden die Kinder, weil ihr Gehirn an dieser Stelle noch nicht genug ausgebildet ist, das komplette Ausmaß nicht wahrhaftig begreifen können.
Daher bleibt, ultimativ, die Verantwortung für die Wohnung, die Güter, den Garten und die Haustiere bei uns, den Erwachsenen. Ist uns alles zu viel und wir sind genervt vom ständigen Aufräumen, ist es nicht fair, die Verantwortung für dieses schlechte Gefühl auf unsere Kinder zu übertragen. Wie gesagt - ja, möglicherweise war der Wunsch der Kinder der Grund für die Anschaffung vieler unserer Sachen, aber trotz alledem haben wir, die wir es abschätzen konnten, zugestimmt. Sind wir also genervt, dann ist es an uns, etwas zu ändern: Wir können uns von einem Großteil unserer Güter trennen, können eine kleinere Wohnung mieten oder den Garten verkaufen, um wieder Herr über das Chaos zu werden.
2. Kooperation ist immer freiwillig
Ich habe das schon ausführlich in der Kooperationsserie ausgeführt, deswegen fasse ich mich hier kurz: Beruht sie nicht auf Freiwilligkeit, ist es keine Kooperation, sondern Zwang. Zwang hat aber in einer guten Beziehung nichts zu suchen.
Das bedeutet nicht, dass Kinder niemals mithelfen sollen. Doch, doch, sollen sie. Es bedeutet nur, dass wir keine Erpressung anwenden sollten, um sie dazu zu bringen. Sondern eben andere Wege ausprobieren müssen.
3. Es geht auch beim Aufräumen immer um die Bedürfnisse aller
Wenn die Mutter oder der Vater abends nach dem gemeinsamen Spiel sagen: "Los, lasst uns aufräumen!" und die Kinder sagen "Nein!", dann kollidieren dabei unterschiedliche Bedürfnisse miteinander. Das Bedürfnis der Mutter (oder des Vaters) ist vielleicht "Ordnung" und deshalb haben sie den Wunsch, das Spielzeug möge weggeräumt werden. Das Bedürfnis der Kinder ist im gleichen Augenblick aber offenbar ein anderes, sonst hätten sie nämlich "Ja" gesagt. Ihr Bedürfnis könnte z. B. das nach Entspannung sein. Sie haben daher den Wunsch, nun lieber abzuhängen, statt sich aufzuraffen und im Zimmer hin- und herzulaufen, um das Spielzeug wegzuräumen.
Grundbedürfnisse sind immer wichtig, d. h. ihre Missachtung führt auf Dauer zu unglücklichen Menschen. Daher sind sowohl das Bedürfnis der Eltern, als auch das Bedürfnis der Kinder gleichrangig. Keines ist "wichtiger". Diese Erkenntnis führt uns jedoch zu keiner Lösung. Wir wissen nur, dass sowohl die eine, als auch die andere Partei in diesem Konflikt einen validen Grund hat, sich das zu wünschen, was sie sich wünschen (also Aufräumen versus Abhängen). Nun muss also eine Möglichkeit gefunden werden, irgendwie alle Bedürfnisse zu berücksichtigen.
Es ist z. B. vorstellbar, dass das Aufräumen auf den nächsten Morgen verschoben wird. Dann wird dem Bedürfnis der Kinder nach Entspannung am Abend stattgegeben, aber das Bedürfnis der Eltern nach Ordnung, nach einer kurzen zeitlichen Verschiebung, ebenfalls. Ich habe gute Erfahrungen gemacht, mit der zeitlichen (oder auch örtlichen) Verschiebung, wenn Bedürfnisse zunächst aufeinanderprallen: Wenn mein 2,5 Jahre alter Sohn morgens "Nein" sagt, wenn ich ihn anziehen möchte, dann warte ich einfach ab und frage später nochmal nach. Es gibt immer einen Moment, in dem er dann dem Anziehen zustimmt, so dass ich ihn nicht zwingen muss und auch mein Bedürfnis, nämlich pünktlich loszukommen, zum Tragen kommt.
Ebenso denkbar wäre die Alternative, dass die Eltern ihr Bedürfnis nach Ordnung selbst befriedigen, indem sie allein aufräumen, während die Kinder auf dem Bett entspannen. Dann hätte sich jeder selbst um sein eigenes Bedürfnis gekümmert.
Dieses Vorgehen klappt gut, wenn die Eltern wirklich von der Freiwilligkeit von Kooperation überzeugt sind, aber es erzeugt in vielen Fällen Konfliktpotential, weil sich die Eltern, wenn das öfter vorkommt, verständlicherweise wie Putzpersonal fühlen. Dann tritt das Bedürfnis nach Ordnung in den Hintergrund und macht Platz für ein anderes Grundbedürfnis, das erfüllt werden muss - das nach Wertschätzung.
Denn wenn ein Elternteil wieder und wieder aufräumt und die Kinder ohne Rücksicht einfach Spielzeuge ausräumen, oder Klamotten durch die Gegend werfen, dann verhalten sie sich nicht wertschätzend gegenüber der Arbeit des Elternteils, während jedoch seinem eigenen Bedürfnis nach Spielen und/oder Entspannung Rechnung getragen wird. Dieses Ungleichgewicht bringt Missmut in die familiäre Beziehung.
Dieser Missmut äußert sich oft darin, dass die Eltern anfangen, mit ihren Kindern herumzunörgeln, um sie mit dieser Nörgelei dazu zu bringen, doch mitzuhelfen. Drei Dinge passieren bei dieser Strategie der Eltern: Erstens, das Bedürfnis der Kinder nach Entspannung wird übergangen - passiert das öfter, werden sie ihrerseits missmutig. Zweitens: Weil sie gegen ihren Willen dazu gebracht wurden, entwickeln sie möglicherweise eine Abneigung gegen Aufräumen. Drittens: Eine Mitarbeit, die durch Nörgelei entstand, ist keine echte Wertschätzung der Arbeit der Eltern. Das bedeutet, dass die Wohnung hinterher vielleicht ordentlich ist, doch das Grundbedürfnis bleibt weiterhin unerfüllt, denn sie wünschen sich ja eigentlich, dass die Kinder von sich aus sehen und rückmelden, wie dankbar sie für den unermüdlichen Arbeitseinsatz der Altvorderen sind. Da also auf diese Art das Bedürfnis der Eltern gar nicht erfüllt wird, bleiben sie weiterhin unzufrieden!
Es muss also eine andere Strategie zur Bedürfnisbefriedigung gefunden werden. Eine, die sowohl Wertschätzung, als auch Entspannung oder Spiel berücksichtigt. Ich könnte mir mehrere Optionen vorstellen. Ob und wie tauglich sie sind, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden.
Es ist zum Beispiel möglich, die Verantwortung fürs Aufräumen an jemanden anderes zu übertragen, z. B. an eine Haushaltshilfe. In dem Moment, in dem die Eltern nicht mehr ihre Energie und Arbeit in das Aufräumen stecken müssen, brauchen sie auch keine Wertschätzung mehr für ihr Tun und können den Kindern die Befriedigung ihrer Bedürfnisse "gönnen". Stattdessen können die Großen nun ihrerseits der Haushaltshilfe Wertschätzung für ihre Arbeit geben, denn sie selbst wissen ja schon, wie anstrengend so ein Job ist und wie viel Arbeit wirklich dahinter steckt. Ihre Wertschätzung wäre also echt und dementsprechend wertvoll. Das klingt für mich nach Win-Win-Win-Situation und ist deshalb auch die Option, die ich für meine Familie gewählt habe. Mir ist allerdings sehr wohl klar, dass sich nicht alle Familien eine externe Hilfe leisten können.
Wenn das der Fall ist, muss man eine andere Strategie finden, um Wertschätzung zu erhalten. Wenn man weiß, dass Bedürfnisse nicht zwingend vom Partner oder den eigenen Kindern befriedigt werden müssen, tun sich plötzlich andere Wege auf. In Zeiten von Instagram und Co nutzen viele Eltern die Möglichkeit, Fotos von ihren Wohnungen zu posten. Sind diese besonders schön eingerichtet oder aufgeräumt, kommen nicht selten anerkennende Kommentare von anderen Usern. Mit jedem "Like" oder "Herz" wird den Eltern so ein Stück Wertschätzung für ihre Arbeit entgegengebracht, was meines Erachtens auch die (unbewusste) Motivation zum Posten war. Das Ganze funktioniert selbstverständlich auch im Reallife: Lädt man sich andere Mütter aus dem Spielkreis der Kinder nach Hause ein, bemerken diese in jedem Fall, wie aufgeräumt die Zimmer aussehen. Oder, je nachdem, wie nett eure Mütter oder Schwiegermütter sind, könnte die Wertschätzung auch von deren Seite kommen, also ladet sie doch ruhig mal auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen ein ;-).
Auch das Aufteilen der Verantwortlichkeit und der Spielbereiche könnte helfen: Wird gemeinsam festgelegt, dass mit Spielzeug nur in den Kinderzimmern gespielt wird, dann sind die Eltern nur für den allgemeinen Wohnraum verantwortlich und die Kinder für ihren eigenen. Dann räumen die Eltern im Endeffekt für sich selbst auf, nämlich für ihr Bedürfnis nach Ordnung und da kein bzw. wenig Dinge der Kinder dabei sind, fällt der Aspekt der Wertschätzung größtenteils weg. In den Kinderzimmern kann es wiederum so unordentlich bleiben, wie die Kinder es mögen, denn es ist ganz allein ihr Verantwortungsbereich. Zur Not können die Eltern die Tür zu machen, wenn ihnen der Anblick Unbehagen bereitet.
Eine gute Option stellt immer auch das offene, aber nicht anklagende Ansprechen der eigenen Bedürfnisse dar. Mithilfe der gewaltfreien Kommunikation könnten die Eltern formulieren, was ihr Bedürfnis ist und was sie sich von den Kindern wünschen würden. Geschieht das ohne Nörgelei (das ist ja ein wichtiger Punkt der Gewaltfreien Kommunikation), finden solche Bitten überraschend oft Gehör. Wichtig ist allerdings, dass die Kinder schon den Meilenstein des Perspektivenwechsels erreicht haben (also etwa 4 Jahre alt sind), sonst können sie sich auch bei perfekt formulierter Bitte nicht in die Situation des Elternteils hineinversetzen: "Ich habe in den letzten sieben Tagen jeden Abend euer Spielzeug weggeräumt, weil ich mir Ordnung wünsche. Aber nun fühle ich mich wie das Aschenputtel der Familie und dieses Gefühl mag ich überhaupt nicht. Ich merke, wie ich innerlich immer wütender werde, wenn ihr einfach unbedacht neues Spielzeug ausräumt, ohne das alte wegzustellen. Manchmal reagiere ich dann unfair und laut euch gegenüber und ich denke, das mögt ihr wiederum nicht. Können wir eine Lösung für das Aufräumen finden, die uns allen gefällt?"
Ja, ja, laber, laber, aber... Wie bringe ich Kinder denn nun dazu, aufzuräumen?
1. Minimalismus!
Der beste Tipp, den ich euch geben kann, ist, die Hälfte eurer Sachen auszusortieren und wegzugeben. (Sarah, du bist nicht gemeint! Du hast schon genug ausgemistet!) Ich hatte von anderen Bloggerinnen den Tipp bekommen, das Buch "Magic Cleaning" von Marie Kondo zu lesen und ich muss sagen, dass ich tatsächlich schwer beeindruckt davon war. Wir haben bei uns Zuhause daraufhin sehr, sehr viel ausgemistet. Es war tatsächlich eine unendliche Befreiung. Leider hatten wir nur einen Urlaub lang Zeit dafür (im Alltag mit drei Kindern schaffe ich es nicht, gründlich auszumisten), so dass unsere Unterlagen (Arbeit, Finanzen etc.) nicht an die Reihe kamen und unser Arbeitszimmer immer noch viel zu voll und wahnsinnig unordentlich ist.
Beim Ausmisten könnt ihr auf folgende Dinge achten:
1. Macht es ohne Kinder. (Das gilt selbstverständlich nicht für das Ausmisten von Spielzeug! Dieses immer nur zusammen mit dem Kind aussortieren.)
2. Nehmt euch genügend Zeit. Wirklich - das ist das Wichtigste!
3. Mistet nicht raumweise aus, sondern nach Gegenständen geordnet: Erst alle Klamotten aus der ganzen Wohnung zusammensuchen, auf einen Haufen werfen und entscheiden, ob ihr sie behalten wollt, oder nicht. Dann alle ...., dann alle... usw.
4. Nehmt euch eine Sache vom Stapel, guckt sie euch an, befühlt sie mit den Händen und entscheidet, ob sie euch glücklich macht. Mögt ihr sie? Nutzt ihr sie? Prima, dann behaltet sie. Wenn ihr ein teures Paar Schuhe im Schrank habt, das im Laden eine gute Idee erschien, aber seitdem nie wieder an euren Füßen war, überlegt genau, ob euch diese Schuhe wirklich glücklich machen. Nein? Dann weg damit. Dann war ihr "Sinn" im Leben, euch beim Kauf glücklich zu machen, aber nicht mehr hinterher. Damit haben sie ihre Bestimmung schon erfüllt und sie können nun weiterziehen und jemanden anderes glücklich machen. Marie Kondo behauptet, dass man Dinge, die man so aussortiert hat, hinterher nie wieder vermisst. Das kann ich nicht vollständig bestätigen. Unsere Ausmistaktion ist ein Jahr her, seitdem haben wir etwa 5x gedacht: "Menno, das haben wir damals weggegeben." Allerdings waren die Dinge auch alle verschmerzbar - wir haben keins davon nachgekauft. Im ersten Moment geärgert haben wir uns trotzdem.
5. Alle aussortierten Dinge sollten sofort aus der Wohnung geschafft werden. Marie Kondo rät, sie wegzuwerfen, das sei der einfachste Weg. Das habe ich nicht übers Herz gebracht. Ich habe unsere Sachen gespendet und einiges in einen Second-Hand-Laden gebracht. Kondo rät davon ab, Sachen zuhause zu lagern, die man noch im Internet verkaufen will, weil sie wieder Unordnung in die Wohnung bringen. Ich habe entgegen dieser Empfehlung gehandelt, weil ich einige Dinge bei den Kleinanzeigen einstellen wollte. Ich kann aber bestätigen, dass es genau diese Dinge sind, die unser Arbeitszimmer ziemlich zumüllen.
Nach unserer Ausmistaktion hatte ich 2/3 weniger Anziehsachen im Schrank, was sehr angenehm ist, da ich nun morgens nicht mehr groß wühlen muss, sondern einfach nach einem Teil greifen kann, da mich ja alle übriggebliebenen "glücklich" machen. Etwa die Hälfte der Spielzeuge wurden verschenkt, was die Aufräumsituation im Kinderzimmer deutlich erleichtert hat. Ich denke aber, es könnte sicherlich noch einmal gut die Hälfte davon verschwinden. Auch in der Küche ist etwa die Hälfte aller Sachen weggegeben worden. Statt vier Paar Salatbesteck (drei davon von WMF) haben wir nur noch eins - das No-Name-Produkt, das wir bis dahin immer für unseren Salat benutzt hatten und das uns mit seiner einfachen Form am glücklichsten machte.
2. Jedes Ding braucht eine "Adresse" in der Wohnung
Habt ihr nun deutlich weniger "Zeug" im Kinderzimmer und im Rest der Wohnung, gilt es, den noch vorhandenen Dingen eine Adresse in der Wohnung zuzuordnen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen schräg (Marie Kondo klingt an sich ein bisschen schräg, ehrlich gesagt), aber es hat einen absolut wahren Kern. Jedes Ding braucht einen speziell designierten Platz für sich. Hat es das nicht, "fliegt" es in der Wohnung herum, liegt mal da und mal dort und bereitet damit sofort Unordnung. Außerdem findet man es dann nicht, wenn man es braucht. Legt also für wirklich jedes einzelne kleine Ding, das ihr habt, eine "Adresse" fest. Diese Adresse muss allen Mitgliedern der Familie bekannt sein. Es ist wichtig, sich auch im stressigen Alltag die Zeit zu nehmen, ein Ding nach Nutzung wieder zu seinem designierten Platz zurückzubringen. Seid ihr abgelenkt oder gehetzt und legt es einfach da ab, wo gerade Platz ist, entsteht schnell wieder Unordnung. Geht stattdessen lieber die paar Schritte mehr und legt es an seiner Adresse ab. Dann habt ihr hinterher nicht so viel Arbeit damit.
3.Ein gutes Sortiersystem finden

Das "Adresse finden" für jedes Ding geht einher mit dem Finden eines guten Sortiersystems. Für Kinderzimmer bieten sich oft IKEA-Kisten an, an die man Fotos des Inhalts klebt. In Montessori-Kitas und -Schulen sind oft an den Regalen kleine Fotos von den Gegenständen angebracht, die an diese Stelle des Regals zurück geräumt werden sollen. Das erleichtert den Kindern das Aufräumen ungemein, wenn plötzlich mehrere leere Stellen im Regal auftauchen.
Ich las einmal in der Zeitung von einem Händler, der mit Lego-Einzelteilen handelt. Dieser hat z. B. alle vorhandenen rechten Lego-Männchen-Arme in einer Kiste, während die Köpfe in einer anderen und die Laserschwerter in einer dritten lagerten. Ich fand das gerade in Bezug auf Lego sehr genial, weil man so wirklich sehr schnell findet, was man sucht. Ich weiß allerdings nicht, ob sich das für den Lego-Bestand eines normalen Haushaltes lohnt. Wir haben das in speziellen Lego-Kisten, die wiederum den Vorteil haben, dass man sie aufeinander gut stapeln kann. Andererseits nehmen sie auch viel Platz weg.
4. Nur 15 Minuten täglich
Wenn man Aufräumen doof findet, ist es deutlich leichter, anzufangen, wenn man weiß, dass man es nur kurz machen muss. Daher ist ein guter Trick, mit den Kindern jeden Tag nur 15 Minuten aufzuräumen und alles, was dann noch liegen geblieben ist, einfach am nächsten Tag anzugehen. Möglicherweise kommt man so nicht zu einer picobello aufgeräumten Wohnung, aber immerhin versinkt man so auch weder im Chaos, noch baut man einen ewig währenden Hass gegen Aufräumen auf.
5. Auf Vorlieben der Kinder achten
Auch beim Aufräumen ist es eine gute Idee, auf die Vorlieben der Kinder zu achten und ihnen Aufgaben zu geben, die ihnen entsprechen. Meine Tochter Fräulein Ordnung zum Beispiel sortiert sehr gern. Deshalb sitzt sie, während wir anderen um sie herumwirbeln und die grobe Unordnung beseitigen, vor der Kinderküche und sortiert die winzigen Einzelteile zurück in die entsprechenden Dosen. Herr Friedlich spielt nämlich unheimlich gerne kochen und nutzt dafür eine Menge kleinteiliger Holz-Essens-Sachen, z. B. die Gemüsesuppe von Haba. Ich selbst würde wahnsinnig werden, müsste ich diese Kleinteile jeden Abend wieder in die Dosen zurück packen. Bin ich diejenige, die dort aufräumt, werfe ich einfach alles, wie es ist, unsortiert in den Kinderküchenschrank, was zur Folge hat, dass Herr Friedlich am nächsten Tag nicht so gern damit spielt. Es ist einfach nicht so ansprechend für ihn. Deshalb also nutzen wir an dieser Stelle die Vorliebe von Fräulein Ordnung aus. Sie wiederum ist glücklich, nicht auch hin- und herlaufen zu müssen, um Klamotten vom Boden ins Bad zu bringen oder Bücher zurück in den Büchersessel zu stellen.
6. Ganz konkrete Anweisungen geben
Um systematisch aufräumen zu können, braucht ein Mensch Planungskompetenz. Diese entwickelt sich in dem Maße, in dem der präfrontale Kortex des Gehirns im Laufe des Heranwachsens immer arbeitsfähiger wird. Kleine Kinder können demnach zwar durchaus schon beim Aufräumen mithelfen, aber sie können es selbst noch nicht planvoll tun. Daher ist es ratsam, wirklich konkrete Anweisungen zu geben, um ihnen das Aufräumen zu erleichtern: "Sammle alle Socken vom Boden auf uns bringe sie ins Bad zum Wäschewürfel", "Sortiere diese fünf Bücher hier zurück in das kleine Bücherregal", "Lege bitte die Filzstifte von deinem Maltisch zurück in die Stiftschublade".
7. Vorbild sein
Tjaaaaaa, hier ist nun der Knackpunkt. Wir müssen beim Aufräumen gute Vorbilder sein. Warum? Weil wir Menschen über Beobachtung lernen. Wir haben super nützliche Spiegelneuronen im Gehirn, die uns ermöglichen, unsere Mitmenschen zu imitieren - so lernen Babys quasi nebenbei, was sie in genau der Umgebung, in die sie hineingeboren wurden, brauchen. Beobachtet ein Kind uns also beim Aufräumen und erlebt uns dabei als entspannt und glücklich, feuern in seinem Gehirn die Neuronen derart, als würde es in diesem Moment selbst aufräumen und glücklich dabei sein. Das Aufräumen wird als etwas Schönes in seinem emotionalen Teil des Gehirns verankert. Die Chance, dass das Kind selbst Freude beim Aufräumen erlebt, steigt somit stark an. Erlebt es von uns jedoch, dass Aufräumen etwas ist, was anstrengt und "gemacht werden muss"; und sieht es uns griesgrämig und widerwillig den Staubsauger schwingen, wird das Aufräumen, noch bevor das Kind es überhaupt selbst probiert hat, als unschöne Handlung im kindlichen Gehirn abgespeichert.
Es ist also überhaupt nicht verwunderlich, dass meine Kinder ungern aufräumen. Ich räume nämlich nicht gern auf und bekomme schlechte Laune, wenn es auf dem Plan steht. Das ist natürlich ein wiiiinziges bisschen ungünstig, wenn ich doch meinen Kindern eigentlich beibringen möchte, dass eine aufgeräumte, ordentliche Wohnung etwas Schönes ist. Gott sei Dank habe ich wirklich unheimliches Glück mit unserer Babysitterin: Diese räumt nämlich gern auf und, oh Wunder!, sie kriegt meine Kinder mühelos dazu, ebenfalls aufzuräumen! Sie ist Mary Poppins! Nein, wirklich, ich weiß nicht, wie sie das schafft. Sie erst 26 Jahre alt, aber passt auf meine drei Kinder auf, spielt wirklich intensiv mit ihnen, kocht ihnen Essen und wenn ich nach Hause komme, sind alle super glücklich und die Wohnung weit aufgeräumter, als vorher. Hä? Wie macht sie das? Vielleicht sollte ich sie bitten, einen Ratgeber zu schreiben...
8. Eine schöne Aufräumatmosphäre schaffen
Ich glaube, ein "Trick" unserer ganz persönlichen Mary-Poppins-Babysitterin ist, dass sie das Aufräumen in eine angenehme Atmosphäre einbindet. Wenn sie beispielsweise mit Fräulein Chaos meine Papiere auf dem Küchenschrank ordnet, dann führt sie nebenbei mit ihr tiefsinnige Gespräche, die die Zeit schneller vergehen lassen. Oder sie macht Musik an und tanzt durch das Kinderzimmer, während sie mit Fräulein Ordnung den Staub von den Regalen wischt. Mit Herrn Friedlich wirft sie die im Zimmer verstreuten O-Bälle von Weitem in die richtige Kiste und lacht sich mit ihm kringelig, wenn ein Ball an einer seltsamen Stelle landet. Oder sie fährt mit lautem brummen seine kleinen Matchboxautos in die Garagen-Kiste. Sie schafft es, Aufräumen "zu spielen"! Ich denke, genau das ist der Punkt, den wir uns alle von ihr abgucken sollten.
9. Rituale nutzen
Viele Kinder reagieren positiv auf Rituale, weil sie durch ihre vorauszusehende Regelmäßigkeit Verhaltenssicherheit geben. Diesen Umstand kann man nutzen, um auch das Aufräumen zum Teil des selbstverständlichen Alltags zu machen. Überlegt euch, wann für eure Familie eine "Aufräumzeit" am günstigsten ist. Beachtet dabei, dass es meist so ist, dass die Kinder nach dem Abendbrot und vor dem Schlafengehen meist das Bedürfnis nach "Entspannung" haben und deshalb nicht gewillt sind, aufzuräumen. Das ist also ein eher ungünstiger Zeitpunkt, um eine Aufräumzeit zu etablieren.
Günstiger ist es z. B. vor dem Abendbrot für 15 Minuten aufzuräumen, weil da das Energielevel noch höher ist und meist sowieso eine Tätigkeit gesucht wird, um die Zeit bis zum Essen zu überbrücken. Warum also nicht mit aufräumen? Schön ist es, wenn die Ritualzeit mit einem Lied o.ä. angekündigt wird. Es gibt ja etliche Aufräumlieder, die man da anstimmen kann. (An dieser Stelle hätte Leen vom Blog Aufbruch zum Umdenken ihre großen Auftritt haben können: Sie kennt nämlich ein schönes Aufräumlied, das man mit den Kindern singen kann. Aber sie weigerte sich partout, das auf Video aufzunehmen und hier reinzustellen. Psüh! ;-)) Wichtig ist, dass auch das ritualisierte Aufräumen immer freiwillig ist! Gestaltet ihr diese 15 Minuten schön und freudvoll, werden die Kinder ohne Zwang eurem Beispiel folgen.
Ich selbst konnte das Ritual-Phänomen bei meinen eigenen Kindern gut beobachten: Ich war mit allen dreien, als sie klein waren, im Tipi Tapa zum Turnen. Leiterin Monique Wonneberger macht am Ende jeden Kurses immer das gleiche Lied im CD-Player an. Die anwesenden Erwachsenen beginnen dann, die Spielzeuge, Turngeräte etc. gemeinsam wegzuräumen. Keines der Kinder wird je dazu aufgefordert, mitzumachen, aber nachdem sie dieses Ritual ein paar Mal erlebt haben und sehen konnten, was wir Großen da machen, helfen auch die Allerkleinsten beherzt und freiwillig mit. Und damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt angelangt:
10. Kooperation nicht abgewöhnen
Kinder lernen, wie ich oben schon schrieb, mithilfe der Spiegelneuronen in ihrem Gehirn, sich exakt genauso zu verhalten, wie die Menschen in ihrem Umfeld. Da diese bisher überlebt haben, scheinen sie gut an ihre Umwelt angepasst zu sein. Es ist demnach evolutionsbiologisch sinnvoll, deren Verhalten nachzumachen, um ebenfalls zu überleben.
Wohlgemerkt, meine Absicht wäre, es ihr besser beizubringen, damit sie beim nächsten Mal weiß, worauf sie zu achten hat usw., aber diese gute Absicht würde bei ihr nicht ankommen, sondern vorrangig meine unbewusste Aussage: "So ist es nicht gut genug!" Es ist ein klassisches Sender-Empfänger-Problem, dass gute Absichten meist nach hinten losgehen. Ich würde nämlich vermutlich genau das Gegenteil erreichen. Sie würde sich beim nächsten Mal nicht stärker anstrengen, sondern sich vielleicht gar nicht erst wieder trauen, den Spiegel noch einmal zu putzen. Sie hätte die Lust oder sogar den Mut dazu verloren. Damit hätte ich ihr die natürliche Kooperation ganz wunderbar abgewöhnt. Unabsichtlich natürlich.
Der wichtigste Punkt beim Nicht-abgewöhnen der Kooperation ist also das Wertschätzen der kindlichen Aufräumbemühungen als gut, genau so wie sie sind. Alles, was sie uns anbieten, ist eine freiwillige Mitarbeit und daher wertvoll. Die Perfektion kommt mit der Übung, auch ohne unser Eingreifen. Je öfter unsere Kinder uns beim Aufräumen und Putzen sehen, desto besser werden sie sich von uns abgucken, wie es geht. Und je öfter sie es ausprobieren dürfen, desto professioneller wird das Ergebnis sein.
(P.S. Ja, wenn der Boden viel zu nass gewischt ist, wische ich ihn auch einmal trocken nach. Allerdings erst, wenn das Kind schon wieder spielt und es nicht mitbekommt.)
Fazit
Große Entspannung hat bei uns vor allem das Ausmisten gebracht - das kann ich wirklich jeder Familie empfehlen. Alles andere ist, wie immer, abhängig von der individuellen Familienkonstellation und von den Charakteren.
Räumen meine Kinder nun auf? Jein.
Herr Friedlich räumt auf - das tat er schon immer und wir haben es ihm nicht abgewöhnt. Bei den Mädchen damals wusste ich leider noch nicht so viel, wie ich heute weiß, deshalb habe ich ihre Kooperationsbemühungen unwissentlich gestutzt. Fräulein Chaos räumt mittlerweile (wieder) auf, obwohl sie zwischenzeitlich eine Anti-Aufräumphase hatte (etwa vom 3.-5. Geburtstag). Heute findet sie das Mithelfen schön und hat auch verstanden, dass es für uns Große angenehmer ist, wenn viele Hände mithelfen. Fräulein Ordnung räumt noch immer sehr, sehr ungern auf. Oft kommt sie, wenn sie sich zum Sortieren hinsetzt, ins Spiel: Sie soll zum Beispiel ihre Püppchen in die Puppenstube sortieren und fängt damit auch an, vergisst es dann aber, weil sie anfängt, mit den Puppen zu spielen. Hat sie einmal ins Spiel gefunden, möchte sie dieses dann nicht unterbrechen. Im Endeffekt hilft sie also wenig, manchmal macht sie dann aus dem neuen Spiel heraus wieder mehr Unordnung. Nervt mich das manchmal? Ja! Mache ich mir deshalb Sorgen bezüglich ihrer Zukunft? Nein. Wir lassen das einfach so, wie es ist - ich bin überzeugt, dass auch sie wieder zum Gern-Aufräumen finden wird, wenn wir ihr genügend Raum lassen.
Unsere Wohnung ist nicht perfekt aufgeräumt und wird es wohl auch nie werden. Aber wir versinken auch nicht im Chaos und alle sind mit dem Zustand und dem Aufräumen so weit zufrieden, dass niemand ein unerfülltes Bedürfnis beklagen muss. Und das ist für mich die Hauptsache.
© Snowqueen
Quellen
Kondo, Marie: Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen ihr Leben verändert
Rosenberg, Marshall B.,: Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens






