Warum du Dich immer verabschieden und niemals heimlich von Deinem Kind fortschleichen solltest

Als meine Töchter etwa ein Jahr alt waren, konnte ich mich nicht von ihnen wegbewegen, ohne dass das in einem Drama endete. Sie wollten mich partout nicht gehen lassen. Es gab Tränen, sie schrien und klammerten sich an mir fest, obwohl ich sie nur bei sehr engen Bindungspersonen, wie meiner besseren Hälfte oder den Großeltern lassen wollte. Mir fiel auf, das es sehr viel besser klappte, wenn ich mich quasi wegschlich, sobald sie einmal ins Spiel gefunden hatten. Doch machte mir diese Strategie ein schlechtes Gewissen. Ich wusste nicht genau, warum, aber es schien mir irgendwie fies, so einfach abzuhauen. Andererseits wollte ich dem Erwachsenen, der dann in meiner Abwesenheit auf die Mädchen aufpasste, nicht so viel Drama zumuten. Zwei heulende Kinder gleichzeitig zu trösten und zu beruhigen, ist schon echt `ne Herausforderung.

Vater umarmt Kind zur Verabschiedung

Wenn ich mich dagegen fortschlich, gab es dieses Drama nicht. Sie bemerkten zwar dann irgendwann, dass ich weg war, fingen jedoch meist nicht an zu weinen. Nur, wer sie gut kannte, bemerkte, dass sie sich öfter nach mir umschauten und weniger frei und ungezwungen spielten. Sie fielen in eine Art Stand-By-Modus, bis ich wieder auftauchte. Auch wurden sie im Rest der Zeit, in der ich da war, sehr anhänglich. Sie klammerten sich förmlich an mich und weinten schon los, wenn ich nur mal auf die Toilette wollte. Das war uns Eltern ziemlich unheimlich, deshalb fing ich an, nachzuforschen, was denn "die Experten" im Hinblick auf das Wegschleichen und Abschiedsdrama-Vermeiden raten.

Die Sicherheitssignal-Hypothese


Die Sicherheitssignal-Hypothese macht eindeutige Aussagen in Bezug auf das Wegschleichen: Bitte nicht!

Die plötzliche Abwesenheit der geliebten Eltern ist eine Art Schock für das Kind. Es sieht von seinem schönen Spiel auf und stellt mit Schrecken fest, dass seine Bindungspersonen wie vom Erdboden verschluckt sind. Das ist nicht nur unheimlich, sondern wirkt sich verheerend auf das zukünftige Sicherheitsgefühl des Kindes aus. Es lernt nämlich daraus, dass es scheinbar immer und jederzeit möglich ist, dass die Eltern (und damit sein sicherer Hafen) verschwinden. Damit bleibt seine eigene Sicherheit unvorhersehbar, so, wie das Verschwinden der Eltern unvorhersehbar ist. Das Kind lebt in chronischer Furcht, dass "es" wieder passieren könnte und tut sein Bestmögliches, das zu verhindern. Es klammert, bleibt immer in der Nähe der Eltern und schreit, wenn es sicher gebunden ist, laut los, sobald es das Gefühl hat, die Eltern gehen weg.

Führt man jedoch ein eindeutiges Warnsignal, wie z. B. eine Verabschiedung ein, dann protestiert das Kind zwar in diesem Moment gegen den Weggang der Eltern, es kann aber bei Abwesenheit dieses Warnsignales entspannen. Solange seine Eltern nicht "Tschüss" sagen, weiß es, dass sie es nicht allein lassen werden. Die allgemeine innere Anspannung und Furcht löst sich auf, weil der Weggang der Eltern nicht mehr unberechenbar ist. Es kann also, solange seine Eltern nicht "Tschüss" sagen, fröhlich spielen und entdecken, weil sein Gehirn entspannt genug ist.

Das gilt auch für Erwachsene: Im zweiten Weltkrieg arbeitete das britische Luftwarnsystem sehr gut - jeder Angriff per Flugzeug wurde in den Großstädten minutenlang durch Sirenengeheul angekündigt. Sobald sie die Sirene hörten, suchten die Menschen sichere Bunker und Keller auf. Wenn jedoch keine Sirenen ertönten, setzten sie ihr alltägliches Leben ohne große Anspannung oder Panik fort. Das Sicherheitssignal "Sirene" bzw. die Abwesenheit dieses Signales gab ihnen die Sicherheit, gerade nicht in Gefahr zu sein. Ohne Sirene hätten die Menschen jede Minute auf der Hut sein müssen, ob sie nicht gerade ein Flugzeug am Himmel sehen würden - auf Dauer ein unaushaltbarer Zustand.

Ich habe in unserem Artikel über die Wünsche und Bedürfnisse von Menschen bereits geschrieben, dass ein wichtiges Grundbedürfnis das nach Struktur ist. Dieses Bedürfnis nach Struktur beinhaltet auch die Vorhersehbarkeit unseres Tages, unseres Lebens. Können wir nicht voraussehen, was passieren wird, reagiert unser Gehirn mit chronischer Unruhe und gesteigerter Angst. In einem solchen Zustand ist es unmöglich, etwas Neues zu lernen. Kinder, deren Eltern sich - natürlich gut meinend! - wegschleichen, erreichen damit zwar zumeist die Vermeidung des akuten kindlichen Protestes, wenn sie gehen, aber lassen ihr Kind eben auch verunsichert und wenig aufnahmebereit für Lernangebote zurück. Natürlich lernen die Kinder nach einer Weile, dass die Eltern zuverlässig wieder zurück kommen, auch, wenn sie sich nicht verabschiedet haben. Sie können irgendwann auch herausfiltern, dass Mama und Papa immer bei der Tagesmutter o. ä. spurlos verschwinden, so dass sie sich selbst eine Art Sicherheitssignal zusammenreimen. Doch der Prozess bis dorthin ist von unnötigen Ängsten und inneren Spannungen begleitet. Mit einem Abschiedsritual wiederum kann das sehr leicht vermieden werden.

Vater umarmt Kind zur Verabschiedung

 

Warnsignale helfen in vielen Bereichen


Es gibt im Leben von Kindern viele Situationen, in denen sie Angst haben oder ihnen (zu ihrem Besten) kurzzeitig weh getan wird, z. B. wenn sie geimpft werden, beim Zahnarzt gebohrt werden muss oder die Eltern auf Dienstreise fahren. Viele dieser Dinge sind unumgänglich. Erfolgen sie nun auch noch unangekündigt und (zunächst) heimlich, um den Protest und das Weinen des Kindes zu umgehen, kann es sein, dass die Kinder übermäßige innere Ängste entwickeln, weil sie nicht wissen, wann sie sicher sind.

Werden diese Ereignisse jedoch von den Erwachsenen angekündigt ("Die Spritze tut kurz weh. Danach ist es gleich besser") müssen sie zwar ihre Angst in diesem Moment aushalten und überwinden, sie werden aber lernen, dass sie sicher sind, wenn die Mutter sagt "Das tut nicht weh" oder "Das wird nicht so schlimm". Ja, die Ankündigung "Das tut jetzt gleich weh" macht die Sache in dem Moment eher schwieriger, zugegeben. Aber das Sicherheitsgefühl, das sich wegen der Ankündigung bzw. seiner Abwesenheit im Gehirn der Kinder verankert, ist langfristig gesehen viel wichtiger, als die Vermeidung des akuten Konfliktes.

Fazit


Ich glaube, es ist klar geworden, dass das gut gemeinte Wegschleichen oder die unangekündigte Durchführung (schmerzhafter) Handlungen eher schaden, als dass sie helfen. Den einzigen Schluss, den man daraus ziehen kann ist, das zu unterlassen. Bitte sagt euren Kindern, was auf sie zu kommt.

© Snowqueen

Literatur


Seligman, M.: Erlernte Hilflosigkeit, Beltz, 2016