Wie Bindung entsteht und warum sie wichtig ist



Bindung ist ein emotionales Band, welches zwei Menschen auf spezielle Art und Weise miteinander verbindet. Laut John Bowlby, dem Begründer der Bindungstheorie, werden alle Babys dieser Welt mit einer genetisch in uns verankerten Bereitschaft, sich eine Bindungsperson zu suchen, geboren. Denn nur, wenn es dem Kind gelingt, einen (erwachsenen) Menschen davon zu überzeugen, sich um sein Wohlergehen zu kümmern, kann es überleben. Schon die Kinder unserer urzeitlichen Vorfahren haben Bindungsverhalten wie Weinen, Anklammern und Nachlaufen gezeigt, um beim Weiterziehen der Horde nicht zurückgelassen zu werden. Das Aussenden von Bindungssignalen war und ist eine bedeutende Überlebensstrategie für unsere Kinder, die aufgrund ihrer extremen physiologischen Unreife bei der Geburt nicht in der Lage sind, ihren Müttern hinterherzulaufen, wie es beispielsweise Jungpferde tun (vgl. Brisch, 2010: 12, 21f).

Die Bindungsperson, die das Baby wählt, muss nicht mit ihm verwandt sein - es sucht sich schlicht und ergreifend diejenige Person heraus, die sich am verlässlichsten und am feinfühligsten um seine grundlegenden Bedürfnisse kümmert. Feinfühlig bedeutet in diesem Fall, die Signale des Babys richtig zu decodieren und zeitnah darauf einzugehen. Nicht nur Hunger, Müdigkeit, Schmerz und eine volle Windel werden von dem kleinen Menschlein zur Sprache gebracht, vielmehr geht es auch um Körperkontakt, Wärme und Schutz. Eltern von Neugeborenen (oder andere dem Kind nahestehenden Menschen) müssen zunächst durch Versuch und Irrtum herausfinden, was das Schreien zu bedeuten hat. Das Team ist noch nicht eingespielt, das macht aber nichts. In einem Wechselspiel zwischen Eltern und Kind lernen beide Seiten, die Signale sicherer zu entschlüsseln. Schon nach ein paar Wochen gelingt es den meisten Eltern/Bindungspersonen, anhand der Stimmlage des Weinens zu erkennen, ob das Baby müde oder hungrig ist, ob es sich langweilt oder es frustriert ist, weil es gerne sitzen möchte, das aber noch nicht schafft. Je besser diese Decodierung klappt, desto stärker wird das Band der Bindung zwischen Eltern und Kind (vgl. ebd., 2010: 23f).

Gelingt es den Eltern nicht, das Baby zu verstehen und feinfühlig auf seine Bedürfnisse einzugehen, wird es mit vermehrtem Weinen reagieren. Dieses endet letztendlich in einem fast panischen Zustand und überfordert das Regulationssystems des Säuglings. Es kommt zu einer durch Stress ausgelösten Erregung des sympathischen Nervensystems, welches für Kampf und Flucht verantwortlich ist. Leider hat ein Baby aufgrund seiner körperlichen Unreife noch keine Möglichkeit, aus der Situation zu flüchten, so dass das Gehirn in eine akute Krise gerät und ein Notfallprogramm einschaltet: Die Erregung im Nervensystem führt - wenn sie nicht durch die Hilfe der Bindungsperson durchbrochen wird (auf den Arm nehmen, beruhigen, an die Brust nehmen, schaukeln....) - zu einem Umschalten auf das parasympathische Nervensystem. Dieses verursacht (meist) eine schlaffe Erschöpfung des Kindes - es schläft ein (vgl. ebd., 2010: 36f).

Das ist übrigens auch der Grund, warum "Schlaflernprogramme" a la Jedes Kind kann schlafen lernen so "gut" funktionieren! Eine solche Lösung für eine stressvolle Situation ist zwar überlebenstechnisch wichtig, für eine gesunde emotionale Entwicklung jedoch problematisch, denn innerhalb dieses Notfallprogrammes wird das Gefühl der Angst vom Gehirn abgeschaltet. Noch viele Jahre später kann dies in Stresssituationen zu aufkeimender Panik oder Wut führen, welche nicht durch die äußeren Umstände zu erklären sind. Das Gehirn wird sozusagen durch kleinste Auslöser "erinnert" und reagiert unter Umständen über - Eltern werden wütend. Oft geschieht das zum Beispiel innerhalb der eigenen Mutter- oder Vaterrolle (vgl. ebd., 2010: 37).

Die Bindungspyramide 


Bindung geschieht vorwiegend im ersten Lebensjahr, hört dann aber nicht abrupt auf, sondern wird auch in den nächsten Entwicklungsjahren zu anderen Menschen entwickelt. Zunächst aber bindet sich das Kind an eine Hauptperson - in den meisten Fällen ganz klischeehaft die Mutter. Sie kann das Baby am besten beruhigen und wird bei angstvollen oder schmerzhaften Erfahrungen vom Kind bevorzugt.
Dieser Hauptbindungsperson untergeordnet sind andere Bindungsbeziehungen, beispielsweise zum Vater oder der Tagesmutter. Von ihnen lässt sich das Baby zwar durchaus auch beruhigen, wenn die Hauptbindungsperson nicht zur Verfügung steht, es dauert jedoch etwas länger (vgl. ebd., 2010: 24).

Wie entwickelt sich eine sichere Bindung? 


Es gibt verschiedende Faktoren, die eine sichere Bindung begünstigen:

  • Die Bindungsperson ist feinfühlig. Sie versteht die Signale des Babys richtig und reagiert schnell darauf.

  • Die Bindungsperson nimmt Blickkontakt auf. Durch das Anschauen des Gesichtes kann sie die Mimik und Stimmung des Babys ablesen; eine vorsprachliche Verständigung wird eingeleitet. Nehmen Bindungspersonen aufgrund einer Depression beispielsweise keinen Blickkontakt zum Baby auf, wird die Entwicklung der Bindung (zunächst) gestört.

  • Die Bindungsperson versteht die körperlichen Signale des Kindes. Sie nimmt Körperkontakt auf, wenn dieser vom Kind gewünscht wird, z. B. streicheln, stillen, massieren, im Arm halten und hört damit auf, wenn das Kind signalisiert, dass es nun genug hat, z. B. durch Wegdrehen des Kopfes oder Körpers bzw. Wegschieben der Hände der Mutter. Beim Kuscheln wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, welches dem Nervensystem hilft, auf Beruhigung und Entspannung umzuschalten.

  • Die Bindungsperson spricht mit dem Kind, indem sie dessen Gefühle und Stimmungen verbalisiert. Sie gibt dem Kind die Sicherheit, von ihr verstanden zu werden. Sie spricht nicht, wenn das Baby lautiert, sondern hört zu, und antwortet darauf mit leisen, zugewandten Äußerungen. Ein an das Baby gerichteter Schwall von Worten, die den Alltag beschreiben ("Jetzt schmiert sich Mama eine Stulle, denn es ist Frühstückszeit.") bringt für die Bindung rein gar nichts, da das Kind davon nicht emotional berührt wird. Nur ein Zusammenspiel von Sprache, Blick- und Körperkontakt kommt im emotionalen Zentrum des Gehirns wirklich an! (vgl. ebd., 2010: 29 ff)

Nun klingen diese Punkte ein wenig abstrakt und man fragt sich als Mutter unweigerlich - was heißt denn das nun für mich? Natürlich gucke ich mein Kind an, natürlich reagiere ich auf sein Weinen. Und trotzdem sind nicht alle Kinder sicher gebunden! Was kann ich also genau tun, damit mein Kind sicher an mich gebunden wird?

Bindung nach der Geburt 


Wenn man davon ausgeht, dass Bindung vorwiegend im ersten Lebensjahr geschieht (sie geht danach noch weiter, das Kind bindet sich nach und nach an verschiedene Personen), ist es gar nicht so schwer, diese zu erreichen: Das Kind wird geboren und der Mutter auf den Bauch gelegt. Waschen, Wiegen und Messen können warten, jetzt sind erstmal Mutter, Vater und Neugeborenes ganz für sich und können sich in Ruhe betrachten. Etwa 20 Minuten nach der Geburt ist der angeborene Saugreflex unserer Kinder am stärksten, wird es gleich angelegt, fördert das die Milchbildung und unterstützt die natürliche Fähigkeit des Kindes.

Nach ca. 50-60 Minuten nach der Geburt befinden sich Neugeborene in einem Zustand der ruhigen Aufmerksamkeit. Sie sind hellwach und nehmen neugierig ihre Umgebung auf. Damit sind sie in der idealen Stimmung für einen ersten Kontakt mit ihren Eltern. Alle betrachten und liebkosen sich ausgiebig, die Eltern flüstern dem Kind zu, wie lang erwartet es schon ist, das Kind guckt ernst und aufmerksam in ihre Gesichter. Danach schlafen die Neugeborenen ein. Diese erste halbe Stunde bis Stunde nach der Geburt bezeichnen Forscher deshalb auch als sensible Phase (vgl. Klaus, Kennell, 1987: 101). Hier werden erste wichtige Grundlagen für eine gute Bindung gelegt, zunächst einmal eher auf Seiten der Eltern, die, wenn sie ebendiese Zeit kurz nach der Geburt bekommen, sich vollständig auf ihr Baby einlassen und annehmen können.


Der weitere Aufbau der Bindung 


Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Eltern und Kind, die diese sensible Phase aufgrund äußerer Umstände verpasst haben (Adoption, Kaiserschnitt, Krankheit...) keine Chance auf eine sichere Bindung haben. Das wäre wirklich schlimm, ist aber nicht so. Der Mensch ist ein flexibles Wesen, er wäre längst ausgestorben, wenn das der Fall wäre. Aber es kann bedeuten, dass Eltern, die die sensible Phase verpasst haben, erst einmal tendentiell ungeschickter und hilfloser im Ungang mit ihrem Baby sein könnten, stärker Angst haben, es zu zerbrechen und mehr Schwierigkeiten beim Stillen erfahren könnten. Diese leichten "Kontakschwiergkeiten" können überwunden werden und werden es fast immer auch.

Sind die Eltern dann mit dem Kind zuhause, geht der Bindungsaufbau weiter. Ist das Baby wach und ausgeglichen, nimmt die Mutter es automatisch in eine En-Face-Position (Gesicht des Babys auf der selben Höhe, wie das der Mutter, der Abstand beträgt ca. 25cm), beide betrachten sich aufmerksam, ein nonverbaler Dialog entsteht (vgl. ebd. 1987: 80ff). Fängt das Kind an zu weinen, nimmt die Mutter (oder der Vater) es automatisch auf den Arm und bietet das allerwichtigste: Körperkontakt. Das Kind wird gestreichelt, liebkost, gewiegt und umarmt. Das Berühren der Körpervorderseiten von Mutter und Baby ist die Art von Körperkontakt, die ein Baby am besten beruhigt, deshalb nimmt eine Mutter, die selbst sicher gebunden ist, ihr Kind ganz natürlich in eine aufrechte Umarmungsposition. ( Stern, 1991: 45) Brust liegt an Brust (am allerbesten nackt), der Kopf des Babys liegt an der Schulter der Mutter, ihre Wangen berühren sich (ebd., 1991: 106). Das zentrale Nervensystem des Babys reagiert prompt - das Kind wird ruhig, da der Körperkontakt es tröstet und ihm Sicherheit verspricht.

Wenn möglich, wird das Kind in den ersten Wochen und Monaten getragen. Auf dem Arm oder im Tragetuch - überall, wo die Mutter ist, möchte das Kind auch sein. Es ist nicht verkehrt, sein Baby  abzulegen, vor allem dann, wenn die Mutter das Gefühl hat, sie braucht eine Pause. Ein Kind sollte aber nicht über mehrere Stunden allein im Bettchen, im Ställchen, in der Wippe oder unterm Spielebogen liegen gelassen werden, vor allem nicht in den ersten drei Monaten. Fängt das Kind an, sich mit den eigenen Füßen zu beschäftigen oder gezielt nach Sachen zu greifen, sind  Alleinspielphasen sogar wichtig. Man kann dann das Baby sehr wohl auf eine Decke neben sich in die Küche legen. Solange es zufrieden vor sich hin spielt, kann man sich unbesorgt dem Haushalt widmen oder duschen. Fängt das Kind aber an zu weinen, sollte die Mama auf das Bindungssignal ihres Kindes eingehen. Sie nimmt das Kind hoch, spricht leise und liebevoll mit ihm, schaukelt es ein wenig und kuschelt.

Schreien und weinen 


Ist das Baby in der abendlichen Schreiphase gefangen, gehen die Eltern auf das Schreien ein. Es ist normal, wenn sich die Eltern bei stundenlangem Schreien verzweifelt fühlen und es kommt häufig vor, dass dadurch Aggressionen hervorgerufen werden - die bindungsstarke Mutter schafft es aber, diese Impulse zu überwinden und für ihr Kind erreichbar zu bleiben. Es ist wichtig, hier noch einmal eindringlich zu betonen, dass Eltern, die von dem Weinen ihres Kindes emotional so gestresst werden, dass sie das Gefühl haben, sie tun ihrem Baby gleich etwas an, wenn es nicht aufhört, zu weinen, dieses am besten an einem sicheren Ort ABLEGEN und aus dem Zimmer gehen, um sich selbst beruhigen zu können. In einer solchen Situation geht das Leben des Kindes eindeutig vor, Bindung hin oder her.  Ich bitte aber alle, die diesen Text hier lesen und sich so fühlen, sich Hilfe zu holen.

Das gleiche gilt für nächtliches Weinen. Auch hier gehen Eltern, die eine sichere Bindung aufbauen wollen, immer prompt auf panisches Weinen ein. Am besten schläft das Kind in der Nähe seiner Eltern. Dort wacht es weniger oft auf und alle kommen zumindest in unterbrochenen Phasen zu einer Mütze Schlaf. Schreien lassen, auch in der Nacht, ist übrigens eins der effektivsten Mittel, um eine sichere Bindung zu verhindern (Brisch, 2010: 98f).

Stillen, Füttern und Spielen 


Beim Stillen geht die Mutter auf die Signale des Kindes ein. Wenn das Baby Hunger signalisiert (unruhig werden, Fäustchen in den Mund, Kopf suchend hin und her drehen) wird es angelegt bzw. ihm sein Fläschchen gegeben, egal, wie lange die letzte Mahlzeit her war. Ein Stillen/Fläschchen füttern nach Uhr ist einer sicheren Bindung eher abträglich. Eine sicher gebundenen Mutter erkennt schon die ersten Hungersignale - wenn das Baby vor Hunger anfängt zu weinen, hat es mindestens eine halbe Stunde lang schon subtil angedeutet, dass es an die Brust möchte.

Auch beim Füttern der Beikost erkennt die Mutter die Signale des Kindes. Dreht das Kind den Kopf weg oder lässt den Mund geschlossen, sagt es, dass es satt ist oder diesen Brei nicht möchte. Dann wird das Füttern beendet, egal, ob nur ein Löffel gegessen wurde oder ein ganzes Glas. Das Baby entscheidet selbst, wie viel es möchte!

Beim Spielen  oder anderer Interaktion erkennt die Mutter Unbehagen oder Überforderung. Dreht das Baby seinen Kopf zu Seite oder starrt Löcher in die Luft, ist es momentan überfordert und möchte seine Ruhe. Diese wird ihm gegeben. Ein Zurückdrehen des Kopfes oder anderes aufmerksamkeitserheischendes Verhalten (z. B. Schnipsen oder Rufen, um das Baby aus seinem Starren herauszulösen) sollte unterlassen werden. Nach bis zu 30 Sekunden kehrt das Baby sowieso aus seiner Ruhepause zurück und kann dann wieder liebevoll angesprochen werden.

Eine sicher gebundene Mutter spricht automatisch verändert mit ihrem Baby. Die Stimme wird angehoben, der Sprechrhythmus wird verlangsamt, der Klang der Worte gleicht einer Art Singsang. Harte Konsonanten werden abgeschwächt und so ganz natürlich den Hörbedürfnissen unserer Säuglinge angepasst. Nicht nur das, Stimmmodulation und -klang der sicher gebundenen Mutter  nimmt auch die Stimmung des Babys auf und formuliert diese für es neu ( Stern, 1991: 75). So fühlt sich das Baby akzeptiert und verstanden. Mutter und Kind werfen sich gegenseitig Gurrlaute zu, die Mutter wartet, bis das Kind zuende "gesprochen" hat und antwortet ihrerseits auf die Lautäußerungen. Dieser Dialog gleicht einem Tanz, bei dem Mutter und Kind ganz beieinander sind und den Rest der Welt für einen Augenblick vergessen (vgl. ebd.., 1991: 124). Ein solches Zwiegespräch fördert die sichere Bindung ungemein. 


Ich denke, es ist jedem klar, dass ich hier gerade das Bild einer idealen Mutter gezeichnet habe. Kein Mensch schafft es, immer und überall gelassen und feinfühlig auf sein Kind einzugehen. Es ist auch nicht so, dass eine einzige "schlechte" Reaktion der Eltern zu einer Bindungsstörung führen. Es ist von der Natur eingerichtet, dass ein Baby, das nach Bindung sucht, auch mit Rückschlägen fertig wird. Sonst wären automatisch alle Zweit- und Drittgeborenen unsicher gebunden, da es bei mehreren Kindern natürlich vorkommt, dass eins davon abwarten muss, wenn das andere gerade gewickelt oder zu Bett gebracht wird. Dem ist nicht so! Es schadet der Bindung nicht, wenn ein Kind kurze Zeit allein weinen muss, weil die Mutter gerade nicht kommen kann. Wichtig ist einfach der Versuch, auf das Kind angemessen zu reagieren und die Bedürfnisse korrekt zu entschlüsseln  (vgl. ebd, 2010: 93). Dass das nicht immer möglich ist, dürfte jedem verständlich sein. Es ist wichtig, dass das Kind nicht absichtlich weinen gelassen wird, um die elterlichen Wünsche durchzusetzen ("Lass es schreien, es muss lernen, dass es dich nicht tyrannisieren darf!") Insgesamt kommt es darauf an, die Menge der feinfühligen Reaktionen größer zu halten, als die der unangemessenen Reaktionen. Wer sein Kind nicht absichtlich schreien lässt, ist da schonmal auf einem guten Weg....

Wozu braucht ein Kind eine sichere Bindung? 


Dass das Bedürfnis nach Bindung für ein Kind ebenso bedeutsam ist, wie die Nahrungsaufnahme und das beständige Erforschen seiner Umwelt, wurde im einführenden Absatz dieses Artikels schon angedeutet. Neuste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass eine sichere Bindung ein entscheidender Faktor für die Entwicklung von Beziehungsfähigkeit ist. Grundlegende Muster für das Verhalten innerhalb von Beziehungen werden somit in den ersten entscheidenden Lebensjahren gelegt.

Das bedeutet zwar nicht, dass ein Kind, welches einen frühkindlichen Beziehungsabbruch seitens der Eltern erleiden musste, nie in der Lage sein wird, eine stabile Beziehung im Erwachsenenalter aufzubauen, aber man kann davon ausgehen, dass dies diesem Kind weitaus schwerer fallen wird, als einem Kind, das beim Heranwachsen auf einen verlässlichen emotionalen Hafen zurückgreifen konnte. Bindung ist keine Prägung - sie kann, mit viel Mühe auf allen beteiligten Seiten auch später noch aufgebaut werden, um eine gesunde emotionale Entwicklung zu durchlaufen.

Auch beim Lernen spielt eine sichere Bindung eine große Rolle. Ein Kind, das in einer neuen Situation Angst hat und ohne Bindungsperson auskommen muss (zum Beispiel bei der Eingewöhnung im Kindergarten), kann keine neuen Informationen aufnehmen. Durch den entstandenen Stress sind die Funktionsfähigkeit des Gedächtnisses und der Konzentration eingeschränkt. Das Kind ist in einer solchen Situation eigentlich die ganze Zeit damit beschäftigt, seine Bindungsperson zu suchen, um das angstvolle Gefühl loszuwerden. Platz für Bildungsangebote ist zu diesem Zeitpunkt nicht im Gehirn. Erst wenn die Mutter als Hauptbindungsperson wieder da ist, kann das Kind beruhigt den Raum erkunden. Es ist demnach absolut notwendig, dass das Kind auch eine Bindung zu der Erzieherin aufbaut, um trotz der Abwesenheit der Hauptbindungsperson in der Lage zu sein, Neues zu erlernen. Da so ein Bindungsaufbau einige Zeit dauert, sollte die Eingewöhnung zeitlich großzügig geplant werden (vgl. Brisch, 2010: 27ff).

Als weiterer Vorteil einer guten Bindung sei angeführt, dass Kinder, die als Babys eine sichere Bindung aufgebaut haben, im späteren Leben auf Belastungen psychisch weitaus stabiler reagieren, als unsicher gebundene. Sie haben schon in jungem Alter gelernt, Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Da Babys noch nicht in der Lage sind, sich in Stresssituationen selbst ausreichend zu beruhigen, sind sie zunächst einmal auf Fremdregulierung angewiesen. Zusammen mit der Hauptbindungsperson werden angstvolle Begebenheiten überwunden. Durch zärtliche Berührungen, gewiegt werden, Blickkontakt und beruhigende Worte lernt das Kind ganz automatisch Techniken zur Stressbewältigung und seine Fähigkeit zur Selbstregulation wächst (vgl. ebd, 2010: 38).

Welche Arten von Bindung gibt es? 


Der Begriff "sichere Bindung" geistert bereits durch den allgemeinen Sprachgebrauch der Mamas und Papas in Foren und Spielgruppen. Meist ist sich jedoch keiner so richtig sicher, was sichere Bindung eigentlich genau bedeutet. Und gibt es noch andere Bindungsarten?

Ja, die gibt es. Man kann sie am Ende des ersten Lebensjahres sehr gut erkennen und unterscheiden, wenn ein Kind in diesem Alter kurz bei einer fremden Person gelassen wird und die Mutter geht weg. Ich möchte jedoch, bevor ich sie aufzeige, nochmal betonen, dass die meisten unserer Babys sicher gebunden sind. Heutzutage gibt es nur noch wenige Eltern, die ihre Kinder in den Schlaf schreien lassen oder an seinen Bedürfnissen vorbei handeln, indem sie beispielsweise Trennungen ohne sanfte Vorbereitung durchführen.

Wer also meint, sein Kind in den Beschreibungen der anderen Bindungsarten wiederzufinden, sollte noch einmal ganz genau den Absatz lesen, in dem beschrieben wird, wie eine sichere Bindung aufgebaut wird - wer das so macht, kann eigentlich nur ein sicher gebundenes Kind haben. Vermutlich verhält es sich eher so, wie beim googeln von Krankheitssymptomen: man findet immer irgendeine schwerwiegende, tödliche Krankheit, die mit den eigenen Symptomen konform geht, dabei hat man meist nur einen simplen Infekt.

Sichere Bindung 


Ein sicher gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von der Hauptbindungsperson mit akutem Stress, welcher sich durch Weinen oder Wüten bemerkbar macht. Das Kind versucht aktiv, wieder zur Bindungsperson zu kommen. Es läuft oder krabbelt hinterher, klammert sich fest oder ruft laut nach Mutter oder Vater. Wird es mit der Bindungsperson wieder vereint, möchte es gern tröstend auf den Arm genommen werden, es kuschelt sich ein und beruhigt sich relativ schnell. Nach der Beruhigung ist es emotional so stabil, dass es im Beisein der Bindungsperson zurückkehrt zum Spiel, ein Körperkontakt ist dann nicht mehr nötig (vgl. ebd, 2010: 40f).

Wie eine sichere Bindung entsteht, habe ich schon im oberen Teil des Artikels beschrieben. Mir ist wichtig, zu betonen, dass es normal ist, wenn Eltern die Signale des Kindes nicht immer richtig entschlüsseln können. Allein schon das Bemühen um ein Verstehen und die einhergehende gefühlsmäßige Zuwendung wird vom Kind positiv wahrgenommen. Es merkt, dass seine Bindungspersonen emotional verfügbar sind und es nicht in angstvollen Situationen allein lassen.

Unsicher-vermeidende Bindung 


Ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von seiner Hauptbindungsperson mit nur wenig oder gar keinem Weinen und Anklammern. Es scheint, als ob es die Trennung nicht registriert, ja, es wirkt nach außen sogar zufrieden und autonom agierend. Es kann problemlos bei verschiedenen Betreuungspersonen abgegeben werden und braucht keine langen Eingewöhnungszeiten.

Kommt die Hauptbindungsperson zurück, wird sie von einem unsicher-vermeidend gebundenen Kind nicht begrüßt. Trotzdem es sie gesehen hat, spielt es weiter, dreht sich vielleicht sogar von ihr weg. Es zeigt keine Freude, keine Erregung, möchte nicht auf den Arm genommen werden (vgl. ebd, 2010: 43) .

Das Kind hat innerhalb des ersten Lebensjahres gelernt, dass es, wenn es Angst verspürt und weint, von seiner Bindungsperson dafür eher zurückgewiesen wird. Seine Eltern möchten es nicht verwöhnen, es soll mit Stress allein zurechtkommen - schließlich muss es das im späteren Leben auch. Sie vermeiden es daher, Weinen mit Körperkontakt zu beantworten. Wenn überhaupt, wird das Weinen sprachlich begleitet (vgl. ebd, 2010: 44).

Die Kinder lernen, ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung in angstvollen Situationen zu unterdrücken, weil es nur, wenn es den Wünschen der Eltern nach funktioniert, einen positiven Kontakt mit der Bindungsperson aufrecht erhalten kann. Die Mutter wendet sich dem Kind dann zu, wenn es brav ist und leise, also versucht das Kind, sich so gut es geht selbst zu regulieren. Solche Kinder zeigen weitaus häufiger als sicher gebundene Kinder Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen und Schlafstörungen, da der erlebte und unterdrückte Stress nicht einfach verschwindet. Er sucht sich einen anderen Weg raus aus dem Körper (vgl. ebd, 2010: 44f).

Eltern mit unsicher-vermeidend gebundenen Kindern haben oftmals selbst in ihrer Kindheit erlebt, dass sie in stressvollen Situationen nicht getröstet wurden. Ihre Eltern (also die jetztigen Großeltern) gaben ihnen stattdessen Antworten wie: "Das ist doch nicht so schlimm! Reiß dich mal zusammen! Ein Junge weint nicht! Selber schuld, wenn du da lang läufst! Wer nicht hören will, muss fühlen!". Oder sie mussten es lange aushalten, in der Nacht alleine zu sein und zu weinen, vielleicht wurde sogar mit ihnen geschimpft, weil sie in dieser Situation immer wieder nach ihren Eltern riefen. So haben diese Eltern sehr früh gelernt, Bindungssignale nicht mit Trost und Schutz, sondern mit Ignorieren, Bagatellisieren, Abweisung und Schuldvorwürfen zu beantworten und geben dies nun (unbewusst) an ihr eigenes Kind weiter. Warum unsere Eltern und Großeltern so reagieren erkläre ich übrigens in der Artikelreihe "Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern" (vgl. ebd, 2010: 46).

Hinweis: Wenn du dein Kind aus dem Kindergarten abholst und es kommt nicht freudig auf dich zugerannt, sondern dreht sich um und will weiterspielen oder weint bei deinem Anblick sogar los, bedeutet das nicht, dass dein Kind unsicher-vermeidend gebunden ist! Es bedeutet nur, dass es den Kindergarten mag und weiterspielen will. Denn ob ein Kind unsicher-vermeidend gebunden ist, erkennt man nur in dem oben schon erwähnten Fremden-Setting, also, wenn das einjährige Kind zum Spielen bei einem Fremden gelassen wird. Ein Setting im Kindergarten ist etwas völlig anderes, da das Kind sich dort geborgen fühlt, da es ja zu seinen Erzieherinnen bereits Bindungen aufgebaut hat.

Unsicher-ambivalente Bindung 


Ein unsicher-ambivalent gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von seiner Hauptbindungsperson mit sehr deutlichen Stresssignalen. Es ruft und weint sehr laut und läuft seiner Mutter hinterher. Es ist in dieser Phase nicht zu unterscheiden von einem sicher gebundenen Kind. Kommt die Bindungsperson zurück, zeigt sich jedoch der Unterschied: Nimmt die Mutter das Kind tröstend auf dem Arm, dauert es sehr lange, bis es sich beruhigt. Es zeigt einerseits den Wunsch nach Nähe und klammert, andererseits signalisiert es, dass es von der Mutter wegmöchte. Es sendet widersprüchliche Signale, was für die Mutter sehr anstrengend ist, denn das endet meist in einer Art Tanz aus auf den Arm wollen und wieder runtergelassen werden wollen.

Dieses Verhalten legen unsicher-ambivalent gebundene Kinder deshalb an den Tag, weil sie von ihrer Bindungsperson häufig widerspüchliche  Botschaften erhalten. Die Mutter nimmt das Kind zwar liebevoll auf den Arm, wenn es nach einer Stresssituation zu ihr kommt, sagt aber dabei immer wieder: "Nun ist aber gut. So schlimm war es nicht." Dann tröstet sie ihr Kind weiter mit den Worten: "Alles ist gut, ich bin ja da." und sendet so widersprüchliche Doppelbotschaften.  Das Problem dabei ist, dass das Kind nie genau weiß, wann und in welcher Weise die Mutter reagieren wird. Manchmal reagiert sie mit Zuwendung, manchmal mit Zurückweisung, manchmal mit beidem gleichzeitig. Beruhigt die Mutter es auf dem Arm, wird das Bindungsbedürfnis befriedigt, spricht sie aber gleichzeitig Vorwürfe aus ("Ich hab doch gesagt, du sollst aufpassen!"), wird das Bindungsbedürfnis wieder aktiviert und das Kind weint erneut los. Dieses Hin und Her erklärt, warum unsicher-ambivalent gebundene Kinder so lange zur Beruhigung brauchen (vgl. ebd, 2010: 48f).

In der Regel zeigen unsicher-ambivalent gebundene Kinder weniger Explorationsverhalten als andere, weil sie von ihren Bindungspersonen nicht so dazu ermutigt werden. Die Mutter betont die Gefahren eines Erkundungsverhaltens stärker, als den Nutzen, weil sie selbst Angst hat, dass dem Kind etwas passiert. Da ist es nicht verwunderlich, wenn die Strecken, die diese Kinder sich von der Mutter entfernen viel kürzer sind, als bei bindungssicheren Kindern. Sie haben schon bis zum Ende des ersten Lebensjahres gelernt, dass, wenn etwas schief geht und sie sich weh tun, zwar von ihren Bindungspersonen getröstet, gleichzeitig aber für sein forsches Erkunden ausgeschimpft werden. Sie können nicht damit rechnen, eindeutig und unmissverständlich getröstet zu werden. Das Kind stellt sich demnach auf die Ängste seiner Mutter ein und erkundet weniger. Es bleibt in ihrer Nähe sitzen und gibt vor, nicht daran interessiert zu sein, seine Umwelt zu erkunden (vgl. ebd, 2010: 51f). 

Desorganisierte Bindung 


Ein desorganisiert gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von seiner Hauptbindungsperson mit Weinen und Protest, bei der Rückkehr ebendieser zeigt es jedoch auffällige, sehr widersprüchliche Verhaltensweisen. Es läuft freudig auf die Mutter zu, bleibt dann aber vielleicht plötzlich stehen und erstarrt, oder dreht sich sogar um und läuft weg. Oft werden auch bestimmte Bewegungsmuster, zum Beispiel Handkreisen wiederholt, manchmal wirken die Kinder für kurze Momente wie weggetreten.

Desorganisiert gebundene Kinder haben zumeist Eltern, die mit einem unverarbeiteten Trauma belastet sind. Zumeist sind sie zwar emotional zugewandt, sie beschützen und versorgen ihr Kind liebevoll. In Momenten jedoch, in denen die negativen Gefühle des unverarbeiteten Traumas getriggert werden, können die Eltern nicht feinfühlig auf das Kind reagieren. Sie wirken  in diesen Situationen eher bedrohlich und beängstigend, das Kind schwankt also immer zwischen Sicherheit und Angst hin und her. Desorganisierte Bindungsmuster sind mit einem großen Risiko einer psychischen Erkrankung verbunden, es ist daher unabdingbar, dass die Eltern für sich und für ihr Kind psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen (vgl. ebd, 2010: 57ff).

Bindungsstörungen 


Bindungsstörungen entstehen, wenn Babys schon im ersten Lebensjahr verschiedene Formen von Gewalt wie emotionale Vernachlässigung, Schläge, verbale Kränkungen, häufige abrupte Trennungen, sexuelle Übergriffe oder auch Gewalt zwischen den Eltern erfahren (vgl ebd., 2010: 61).

Undifferenzierte Bindungsstörung 


Wächst ein Kind emotional vernachlässigt auf, d. h. hat es keine Bindungsperson, die sich auf es einlässt, seine Signale entschlüsselt und darauf reagiert, werden die Wachstumshormone sowie die Hormone, die im Gehirn Verbindungen zwischen den Nervenzellen herstellen nicht ausreichend gebildet.  Die Säuglinge und Kleinkinder sind meist kleiner und haben einen geringeren Kopfumfang

Sie nehmen mit jedem Fremden distanzlos Körperkontakt auf, gehen mit ihm mit und nennen ihn bisweilen sogar sofort "Mama" oder "Papa". Sie suchen bei allen verfügbaren Personen Schutz und Nähe, es kann in diesem Fall aber nicht von einer Bindungsbeziehung gesprochen werden, da die Wahl beliebig ist.

Intensive Spieltherapie ist nötig, damit ein Kind das Muster einer undifferenzierter Bindungsstörung zugunsten eines spezifischeren Bindungsmusters aufgibt. Man erkennt diesen Wandel daran, dass Trennungssituationen für die (Adoptiv-/Pflege-)Mutter anstrengender werden. Das Kind läuft nicht mehr einfach so sorglos in den Kindergartenraum hinein, sondern fängt an, gegen die Trennung zu protestieren. Das sollte als großes Lob an die Mutter angesehen werden, denn es zeigt auf, dass das Kind emotional heilt (vgl. ebd., 2010: 61f).

Bindungsstörung mit Hemmung des Bindungsverhaltens 


Kinder, die durch ihre Bindungsperson körperliche oder seelische Gewalt erfahren haben, können in angstvollen Situationen nicht auf diese zurückgreifen, um sich durch Körperkontakt mit ihr wieder zu beruhigen. In angstvollen Situationen stehen sie laut weinend vor ihrer Mutter oder ihrem Vater und werden von diesen entweder ignoriert oder für diese "Ruhestörung" gezüchtigt. Sie haben ein großes Problem - einerseits haben sie massive Angst vor ihrer Bindungsperson, andererseits gibt es keine andere Person in ihrer Nähe, als die, die sie bedroht. Sie binden sich daher in ihrer Not in pathologischer Art und Weise an den Täter. Auch hier ist intensive psychologische Beratung und Therapie dringend angezeigt - für Kind und Eltern (vgl. ebd., 2010: 63ff).

Bindung in der Autonomiephase 


Das Trotzalter - besser Autonomiephase genannt - ist die Zeit, in der sich das Kind von seiner Hauptbindungsperson lösen möchte und muss, um zu einem selbstbewussten, eigenständigen kleinen Menschlein heranzuwachsen. Dieses Loslösen ist verbunden mit sehr viel Stress und Geschrei auf allen Seiten. Schön ist das sicher nicht. Aber notwendig. Viele Eltern fragen sich, warum die Kinder vorwiegend bei ihnen trotzen und nicht zum Beispiel bei den Erzieherinnen im Kindergarten oder bei Oma und Opa. Die Erklärung ist simpel: Weil die Kinder im Sinne der Bindungspyramide zuallerrst an ihre Eltern gebunden sind - und sich eben von diesen auch lösen müssen!

Ein sicher gebundenes Kind traut sich, zu trotzen, weil es weiß, dass es von seinen Eltern mit all seinen Facetten angenommen wird. Unsicher gebundene Kinder wiederum lassen die Trotzphase sogar oftmals aus... 

Wenn ein Kind "bockt", "fordert" oder "außer Kontrolle" ist, sollten Eltern verstehen lernen, dass dieses Verhalten nicht darauf abzielt, sie absichtlich zu ärgern. Es bedeutet nur, dass das Kind damit überfordert ist, seine Gefühle in diesem Moment selbst zu regulieren. Es sagt: "Bitte hilf mir, diese überwältigenden Gefühle auszuhalten. Bleibe mit mir in Kontakt und zeige mir einen Weg heraus aus der Wutspirale. Ich schaffe das alleine nicht, bitte komm und hilf mir durch Begleitung und Körperkontakt, meiner Gefühle wieder Herr zu werden!" (Brisch, 2010: 148). Das ist wichtig zu wissen, da uns die Stimmen unserer Eltern und Großeltern gerne einflüstern, dass uns unsere Kinder mit solchem Verhalten manipulieren oder mit Absicht terrorisieren wollen. Aber wenn ein Kind eine Grenze aufgezeigt bekommt und "Nein!" hört, ist es doch nur zu verständlich, dass darauf zunächst ein deutlicher Ausdruck der Frustration kommt? Es ist einfach enttäuschend, seinen Forschungsdrang und momentanen Wunsch nicht ausleben zu können und es ist nicht leicht, gesetzte Grenzen zu akzeptieren (vgl. ebd. 2010: 148).

Viele Eltern reagieren bei einem Trotz- oder Wutanfall gleich: Das Kind wird mit seiner Wut allein gelassen. Es soll sich "ausbocken", am besten in seinem eigenen Zimmer, man kommt ja sowieso mit Worten nicht durch den dichten Nebel, den das Kind in einer solchen Situation umgibt. In den Arm genommen wollen werden die Kinder auch nicht, sie stoßen ihre Eltern immer weg.

Ich kann verstehen, wenn Eltern sagen, dass sie bei Wutanfällen so reagieren. Es ist bei vielen Eltern so, dass sie ihr wütendes Kind selbst aufregt und sie die Emotionen selbst schlecht aushalten können. Ich habe ja schon in meinem Artikel Wenn Eltern wüten beschrieben, dass es mir oft genauso geht. Dass ich gerne weggehen möchte, wenn eins meiner Kinder trotzt, dass ich meine Ruhe will und es schlecht ertragen kann, dann selbst von Gefühlen wie Angst, Wut und Trauer übermannt zu werden. Es ist aber wichtig, die Geister der Vergangenheit zu überwinden und dem eigenen Kind solche Beziehungsabbrüche zu ersparen!

Es ist schon seltsam: Wenn unsere Kinder hinfallen, dann nehmen wir sie ganz selbstverständlich in den Arm, um den Schmerz wegzutrösten. Wenn unsere Kinder sich laut schreiend hinter unseren Beinen verstecken, weil ein großer Hund vorbeiläuft, nehmen wir ihre Ängste ernst, beugen uns zu ihnen herunter und zeigen ihnen vieleicht sogar, wie man diese Angst überwinden kann. Wenn unsere Kinder nachts aufwachen und weinen, nehmen wir sie natürlich mit in unser Bett, um die Panik durch den Albtraum durch Körperkontakt zu verringern. Aber in einem Wutanfall, in dem unsere Kinder all diese Gefühle auf einmal erleben müssen - Wut, Trauer, Enttäuschung, Angst, Selbstzweifel - da lassen wir sie allein? Warum?

Weil wir nicht wissen, wie wir reagieren sollen. Niemand hat es uns je gezeigt. Viele von uns wurden selbst ins Zimmer geschickt und musste da mit ihrer Wut selbst klar kommen. Es ist natürlich richtig, dass es schwierig ist, ein in Krise befindliches Gehirn mit Worten zu erreichen und ja, häufig wollen Kinder während eines Wutanfalls nicht in den Arm genommen werden. Es ist aber durchaus möglich, dem Kind auch während eines Wutanfalls zugewandt zu bleiben und es durch Worte zu beruhigen. Ich finde, man sollte es zumindest versuchen. So fördern wir weiterhin eine gute Bindung und stärken unsere Kinder.

Weitergabe von Bindungserfahrungen 


Selbst erfahrene Bindungsmuster werden in der Regel von Generation zu Generation weitergetragen. Das ist schön und richtig im Falle einer sicheren Bindung, problematisch aber bei anderen Arten von Bindung oder sogar Bindungsstörungen. Man kann seine eigenen Bindungsmuster "überschreiben" und ein feinfühliges Eingehen auf die eigenen Kinder erlernen. Das bedeutet aber, dass man sich mit seiner eigenen Bindungsgeschichte intensiv auseinandersetzt. Bringt man traumatische Kindheitserfahrungen mit in die Mutter- und Vaterrolle, sollten diese frühzeitig, möglichst schon in der Schwangerschaft, durch professionelle Hilfe bewusst gemacht und verarbeitet werden (Brisch, 2010: 65f).

Buchcover SAFE von BrischDas Programm "SAFE - Sichere Ausbildung für Eltern" hat sich zum Ziel gesetzt, Eltern schon mit Beginn der Schwangerschaft und durch das erste anstrengende Jahr der Elternschaft hindurch zu unterstützen. Kurse findet man im Internet, z. B. hier: SAFE.

Wer sich zuhause intensiver mit dem Thema Bindung auseinandersetzen möchte, dem sei dieses Buch von Karl-Heinz Brisch empfohlen. Dieser Blog-Artikel beruht fast ausschließlich auf dem Buch von Karl Heinz Brisch, alle von mir referierten Inhalte sind darin wiederzufinden. Weiterhin referiert wurde aus den Büchern Klaus, M.-H., Kennell, J.-H. (1987): Mutter-Kind-Bindung. Über die Folgen einer frühen Trennung - München (dtv) und Stern, D.-N. (1991): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. München (Piper), 3. Auflage. Referierte Stellen wurden im Text gekennzeichnet.

© Snowqueen

Kommentare:

  1. Ja, Bindung ist wichtig. Schön und gut, aber was hat das mit Fremdbetreuung zu tun?

    Soll das heißen, das Fremdbetreuung auf jeden Fall die Bindung stört oder negativ beeinflusst?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nein, ganz und gar nicht. Bestenfalls gewinnt das Kind eine weitere Bindungsperson dazu. Es ist nur wichtig, darauf zu achten, dass dem Kind in der Eingewöhnung genügend Zeit gelassen wird, eine stabile Bindung zur Erzieherin aufzubauen, damit Stress minimiert wird. Eine Eingewöhnung nach dem Berliner Modell (4 Wochen) ist mindestens angebracht, wenn nicht mehr. Die Mutter-Kind-Bindung wird m.E. durch eine Fremdbetreuung nicht beeinflusst.

      Löschen
  2. Hallo.
    Ich habe grade den Artikel gelesen und bin jetzt ziemlich verunsichert. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass mein Sohn, 9 Monate alt, und ich eine sichere Bindung haben. Beim lesen viel mir allerdings auf, dass mein Sohn in letzter Zeit häufiger von meinem Arm runter möchte wenn ich ihn tröste. Er beruhigt sich schnell und kommt auch immer zu mir wenn er verunsichert ist oder sich weh getan hab. Ich sage dann sehr häufig "alles ist gut." Oder " ich bin doch da." Das sage ich, bisher, völlig unüberlegt und einfach intuitiv.
    Bin nun einfach verunsichert ob ich ihm unabsichtlich falsche Signale sende und ihn damit verunsichere.
    Kann ich, sollten wir tatsächlich eine nicht sichere Bindung haben, daran etwas ändern?
    Liebe Grüße einer verunsicherten Mami

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nein, nein, nein - bitte lass dich von dem Artikel nicht verunsichern! Wenn dein Sohn bei Angst oder Schmerzen (kurz) zu dir kommt und sich trösten lässt und dann wieder loszieht, um die Welt zu erobern, ist er sicher gebunden.
      Ob "alles gut" ist, versuch mal aus seiner Perspektive zu sehen - stimmt das wirklich in dem Moment? Ist für ihn alles gut? Oder hat er sich erschreckt, hat er Schmerzen etc.? Dann benenne lieber das: "Du bist auf deinen Popo gefallen und hast dich erschreckt! Komm her, ich puste mal..." Das ist günstiger, als ihm pauschal zu suggerieren, alles wäre gut, wenn es in seiner Welt aber momentan anders aussieht. Ich weiß, dass du ihn mit diesem Satz beruhigen willst, aber damit machst du den zweiten Schritt vor dem ersten. Für ihn ist wichtig, dass du erst einmal benennst, was ihm gerade passiert ist und warum er weint, Angst hat usw. Danach erst kommt das Versichern, dass du da bist und ihn beschützt und das in Kürze alles wieder gut ist.
      Und nochmal: mach dir keine Sorgen um eure Bindung, bitte!

      Löschen
  3. Mein Kleiner ist gerade 4 Monate alt und ich komme immer öfter von beiden Omas den Wink mit dem Zaunpfahl den Kleinen "irgendwann" über Nacht da zu lassen. So haben sich beide Omis schon extra ein Bettchen gekauft! *hilfe*
    Für mich ist der Gedanke meinen kleinen Schatz schon über Nacht woanders schlafen zu lassen, geschweige denn für ein paar Stunden abzugeben undenkbar. Wenn ich insgeheim der Frage auf den Grund gehe, warum ich so empfinde, komme ich immer mehr darauf, dass ich an meinem Kind "klammere" und Angst habe, es könnte zur Oma (insb. Schwiegermama) eine zu starke Bindung aufbauen, bzw. es sich so wohl fühlt, dass ich mich ersetzbar fühle. Ist das ein komischer Gedanke oder stückweit normal? Natürlich habe ich auch Angst, er könnte mich so sehr vermissen und schaden davon tragen, dass ich ihn abgegeben habe.
    Es ist komisch, aber ich fühl mich sogar unwohl wenn sie mit ihm alleine spazieren gehen! Mich würde mal ein Artikel zu diesem Thema interessieren.. Verlustängste oder zu starke Bindung/Klammern der Mutter.. Was kann man da so alles falsch machen? Muss ich mein Baby früher oder später bei den Omas schlafen lassen, weil man das halt "so macht", bzw sie sich eben ein Bett gekauft haben? Was wenn ich es einfach nicht möchte? Ich muss ergänzen, dass beide Omas super lieb und Vertrauenswürdig sind.. Also daran liegt es nicht.
    Freue mich über antworten

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe klingschnuppo,

      ich persönlich finde es absolut normal, dass man ein 4 Monate altes Baby partout nicht hergeben will. Das hat für mich nichts mit Klammern oder Verlustängsten zu tun sondern ist in meinen Augen ein vollkommen natürlicher Mechanismus. Auch wenn viele ihre Kinder gerne und früh in Omas Hände geben - es gibt mindestens eben so viele, die genau das nicht tun. Lass Dir bloß nichts einreden - Du bist die Mutter und Du entscheidest. Das Loslösen ist ein Prozess für Mutter und Kind - und der braucht auch Zeit. Meine große Tochter hat das erste mal mit einem Jahr bei seinen Großeltern geschlafen - mein Sohn mit 2,5 Jahren noch nie - selbst jetzt wäre das für mich undenkbar, weil er diesbezüglich sehr sensibel ist.

      Ich kann Deine Angst wegen einer (zu) starken Bindung an die Oma nicht vollständig nachvollziehen - denn rein biologisch wird die Bindung zu Dir immer stärker sein und für das Kind wirst Du absolut unersetzbar sein. Aber das wirst Du in der Fremdelphase bald erleben :-).

      Alles gute für Dich!
      Danielle

      Löschen
  4. Dankeschön! Das waren sehr hilfreiche Worte und bestärken mich mir nichts einreden zu lassen.

    AntwortenLöschen
  5. interessanter Blog, wenn man nun keine sichere Bindung hat oder das Kind zb die tagesmutter oder oma (sieht kind auch täglich) bevorzugt und so deshalb zb nicht weint, wenn man geht oder es auch andere Betreuerinnen ohne Probleme akzeptiert kann man die Bindung noch sicher machen. Bis zu welchem Alter?

    AntwortenLöschen
  6. Interessanter Artikel und leicht verständlich geschrieben, super! Die Bücher von Brisch finde ich auch total klasse. Wir haben den Großeltern das SAFE-Buch gegeben, damit sie besser verstehen, warum wir das Kind den ganzen Tag herum schleppen und der Meinung sind, dass schreien nicht die Lunge stärkt, sondern das Herzchen schwächt. Ergänzend zu diesem Artikel verweise ich gerne auf meinen Artikel über pränatales Bonding - denn die Bindung fängt ja schon im Mutterleib an. Hier hab ich mal untersucht, wie man die Bindung schon im Mutterleib beeinflussen kann http://www.mamagogik.de/pranatales-bonding-wie-starke-ich-die-mutter-kind-beziehung-in-der-schwangerschaft/ Liebe Grüße, Sarah

    AntwortenLöschen
  7. Hallo!
    Der Beitrag ist sehr verständlich. Ich finde ihn Klasse!
    Ich beschäftige mich schon einige Zeit mit der bindubgstheorie.
    Mein Sohn ist 18. monate und ich habe das Gefühl, das er eine unsichere Bindung zu mir hat. Endweder desorientiert oder Ambiente unsichere Bindung).
    Er ist schüchtern und hat sehr Angst gegenüber fremden Leuten. Er brauch lange bis er sich in eine neue Situation gefunden hat. Manchmal verhält er sich sehr widersprüchlich, will hoch genommen werden, dann wieder nicht, wenn er zu Oma geht, ignoriert er mich beim verabschieden und beim Wiedersehen, manchmal kommt er zu mir, dreht aber kurz vorher um, etc.
    Zu seinem ersten Jahr:
    Er hat sehr selten geweint, daher eR ich immer überfordert, wenn er mal geweint hat und hab nicht immer so liebevoll reagiert, wie sonst immer, hat oft diskutionen zwischen Eltern mitbekommen.

    AntwortenLöschen
  8. Hallo,

    ich habe eine Frage zur Bindungsverwirrung:

    Bei uns kümmern mein Mann und ich uns gleichwertig um unsere Tochter (tragen, wickeln, Flasche geben, kuscheln, spielen usw.)
    Nun habe ich gelesen, dass hier eine Bindungsverwirrung droht. Ist dem so? Ist es unsinnvoll die Aufgaben zu teilen und wäre es besser, diese jeweils einer Person zuzuordnen oder ist das egal?
    Aber besteht nicht auch eben hierin eine Chance, falls die Bindung zu einem von uns nicht stabil sein sollte?

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nein, wenn ihr euch gleichwertig um eure Tochter kümmert droht keine Bindungsverwirrung. Es ist im Gegenteil sehr gut und schön, wenn ihr das tut. Ihr braucht die Aufgaben daher nicht aufzuteilen. Daran würde sich das Kind gewöhnen und irgendwann wäre es dann ein Ding der Unmöglichkeit, dass der Papa es ins Bett bringt oder die Mama ihm die Zähne putzt, wenn das her immer anders herum war. So steife Rituale finde ich eher ungünstig.
      Ihr macht das ganz richtig so. LG, snowqueen

      Löschen
  9. Hallo
    Meine Tochter ist 8 Monate
    Seitdem sie 5 Monate ist geht sie ab und an mal zu ihrer Oma für 3 Std maximal. Leider die schwiegermutter nicht meine Mutter sie ist lieb und kümmert sich auch gut dass ist es nicht aber ich mag sie eben leider nicht so gut leiden. Dennoch möchte ich dass meine Tochter auch eine Bindung zu ihr aufbaut denn sie ist immerhin ihre Oma. Aber trotzdem habe ich irgendwie ein Problem damit. Nun zum Thema. Wenn meine Tochter bei Ihr ist, weint sie weder noch macht sie wohl Anstalten mich zu vermissen oder zu suchen oä. Meine Frage dazu heißt das nun, dass sie nicht sicher an mir gebunden ist ? Ich stille noch voll und bin die Hauptbezugsperson

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anonym, nein, das bedeutet ganz und gar nicht, dass sie nicht sicher an dich gebunden ist. Es bedeutet nur, dass sie auch an ihre Oma gebunden ist und das ist ja ein gutes Zeichen. Deiner Tochter geht es gut bei ihrer Oma, sie hat dort einen sicheren Hafen, deshalb muss sie nicht nach dir suchen.

      Löschen
  10. Vielen dank für ihre Antwort. Ok so hätte ich es nicht gedacht. Auch wenn sie nicht oft da ist , dennoch ist meine Tochter an sie gebunden ? Das hätte ich auch nicht gedacht weil sie wie gesagt nicht oft da ist. Aber müßte sie nicht weinen um zu zeigen dass sie mich sucht was wiederum heißt sie ist sicher gebunden ? Dann habe ich das falsch verstanden. Woran erkenne ich denn das meine Tochter sicher gebunden ist sieht man das erst später oder jetzt schon mit 8 Monaten ?
    Danke im voraus

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn ich das richtig verstanden habe, würdest du das nur erkennen, wenn du die Kleine bei Fremden allein lässt, zu denen sie keine Bindung hat. (Ich hab schon beschlossen, das mit meinem Sohn gar nicht erst auszuprobieren, sondern darauf zu vertrauen, dass er sicher gebunden ist.)

      Löschen
  11. Hallo
    Meine Tochter 12 Monate. Schläft auch bei Ihrer Oma im arm ein , trotz dass ich als Mama dabei bin, ist das normal ? Ist hangelt auch immer nach Oma aber auch wieder zu mir zurück.
    In der krabbelgruppe wenn ich den Raum verlassen um auf Toilette zu gehen , bemerkt sie es gar nicht, ich komme wieder und sie reagiert ganz normal also weint nicht protestiert nicht ? Heißt dass sie ist nicht sicher gebunden ?
    Danke für Ihre Antwort im voraus

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo! Nein, es bedeutet nur, dass die Oma auch eine sehr hohe Position in der Bindungspyramide hat. Ich nehme an, dass sie oft bei euch ist? Das ist eine tolle Sache und nichts, worüber du dir Sorgen machen musst. Was das Raum-Verlassen in der Krabbelgruppe angeht: Neben der Bindung gibt es ja auch noch den Charakter des Kindes. Vielleicht ist sie einfach kein ängstliches Kind und weiß schon, dass du gleich wieder zurückkommst? Mach dir bitte keine Sorgen.
      LG, snowqueen

      Löschen
    2. Hallo Danke für die schnelle Antwort, also meine Tochter kennt die Oma von Geburt an , jedoch sehen tun sie sich nicht so häufig mal 1 mal die Woche mal 3 mal , aber auch mal 3 Wochen gar nicht. Also keine Regelmäßigkeit eigentlich. Hmm ja solange sie nicht in der Pyramide über mir steht ((:- ja anscheinend mag meine Tochter die Oma sehr und hat bereits eine Bindung zu ihr

      Löschen
  12. Sehr schöner Artikel, dankeschön!
    Weitere Erkenntnisse die Bindung und Entwiklung betreffen, findet man bei Gordon Neufeld. Die Bindungsarten von Bowlby entwickelte er weiter zu "Bindungsstufen", die sich im Laufe der Zeit/Bindung immer tiefer entwickeln und somit gleichzeitig unabhängiger und freier machen. Je tiefer die Bindung, desto unabhängiger kann das Kind werden, da die Bindung bei Selbständigkeit nicht abreisst.
    Es geht also nicht, wie so oft gehört oder gelesen um "Ablösung" von den Eltern oder Bezugspersonen, sondern im Gegenteil, je tiefer und ungestörter die Bindung wachsen kann, desto eigenständiger kann das Kind werden. Und zwar ohne es dazu zu "erziehen", es kommt von allein.

    AntwortenLöschen
  13. Hallo,

    ich liebe euren Blog, habe ihn erst vor kurzem entdeckt und verschlinge gerade ganz viele Artikel. Echt toll und sehr informativ!
    Dieser Artikel über Bindung hat mich entgegen meines Bauchgefühls etwas verunsichert. Unser Sohn ist jetzt 6,5 Monate alt. Er lacht alle an, hat null Probleme damit wenn ich den Raum verlasse, freut sich wenn ich zurück komme und beruhigt sich oft vom Schimpfen bei Hunger bsw. wenn ich zu ihm trete. Vom Gefühl her alles toll, auch haben wir von Anfang an versucht, ihm zu geben was er braucht, auch wenn wir im Nachhinein noch mehr Nähe und Körperkontakt in den ersten vier Wochen hätten geben können.
    Aus den Beschreibungen im Artikel konnte ich unsere Bindung allerdings nicht der sicheren Bindung zuordnen. Mir fehlt auch so ein bisschen die Angabe, ab wann man diese Erkennungszeichen überhaupt hat. Vielleicht ab der Fremdelphase? Bei uns ist noch kein Zeichen von Fremdeln zu sehen.

    LG
    Katja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Katja,

      vielen Dank für Deine lieben Worte!

      Im Artikel steht ja, dass man die Bindung erst zum Ende des ersten Lebensjahres beurteilen kann. Der Grund dafür ist tatsächlich, dass zunächst die Fremdelphase durchschritten sein muss, denn im Alter Deines Sohnes haben Kinder in aller Regel noch gar keine Trennungsängste. Daher hat er auch noch kein Problem damit, wenn Du gehst. Deswegen kann man aber keinesfalls auf eine nicht-sichere Bindung schließen. Du kannst also ganz beruhigt davon ausgehen, dass er sicher gebunden ist!

      Herzliche Grüße
      Danielle

      Löschen
  14. Hallo ich habe eine Frage meine Tochter ist 15 Monate und verhält sich Fremden gegenüber ziemlich offen möchte auf dem Arm aber vor allem ist mir aufgefallen dass es Männer sind sie möchte auf den Arm genommen werden und geht auch zu Fremden hin aber wie gesagt vermehrt Männer meistens sind es aber Menschen mit denen ich mich unterhalte einmal kam es bisher vor dass es eine Frau war mit der ich mich nicht unterhalten habe auf die Sie zu gesteuert ist und auf den Arm genommen werden wollte dies passierte alles im Freibad also das ist nicht auf öffentliche Straße vielmehr im Freibad oder Spielplatz meine Tochter ist auch wenn ich gehe zeigt sie keinerlei Regung wenn ich sie zum Beispiel waren wir neulich bei einer Tagesmutter und ich habe den Raum verlassen sie versucht nicht mehr hinterher zu kommen oder weint wenn ich gehe aber wenn ich den Raum wieder betrete kommt sie auf mich zu freut sich oder auch bleibt normal sitzen ich mache mir sehr viele Sorgen ich habe sie 14 Monate gestillt habe sie im Monate lang getragen meiner Meinung nach immer prompt reagiert auf Bedürfnisse ich bin selbst ein offener Mensch und versuche sie auch ziemlich frei zu erziehen ich möchte dass sie sich selbstbewusst entwickelt mit viel Selbstwertgefühl und ich gebe Ihnen viel Raum das auch entwickeln zu können sprich ich lasse ihn mit Händen essen ich lass sie schalten und walten lass sie gehen Dinge spüren fühlen schmecken und sage wenig oder selten nein sie ist auch sonst ein sehr fröhliches liebes ausgeglichenes Kind nur wenn sie ihren Willen nicht bekommt sehr temperamentvoll oder wenn Sie eine Sache nicht gleich hinbekommt Geduld ist nicht ihre Stärke hihi aber dennoch mache ich mir ziemliche Sorgen ob das normale Verhalten ist mit 15 Monaten dass sie Fremden gegenüber so offen ist und auch wenn ich gehe sie nicht weint sie hat um den acht Monate rum sehr stark gefremdelt jetzt hingegen sehr offen ich würde mich auf ein Feedback Ihrerseits freuen liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anonym, ich habe, so gut es ging, versucht, im Text darzustellen, dass, wenn eine Mutter so feinfühlig reagiert, wie Sie, es eigentlich nicht passieren kann, dass das Kind nicht gut gebunden ist. Trotzdem scheint der Artikel vielen Müttern eher Angst zu machen, statt sie in ihrem Weg zu bestärken.

      Wenn Ihre Tochter ein offener Charakter ist (sie wie Sie auch!), dann ist es nicht verwunderlich, dass sie freundlich auf Fremde zugeht und sich hochheben lässt. Auch die Situation mit der Tagesmutter ist nicht besorgniserregend. Möglicherweise vertraut sie Ihnen so sehr, dass sie sich überhaupt keine Sorgen macht, wenn Sie den Raum verlassen, weil sie schon weiß, dass Sie immer wieder kommen. Oder sie hat sofort Vertrauen zur Tagesmutter gefasst, d.h. es passt einfach die Chemie zwischen den beiden. Der Test, der hier im Artikel beschrieben wurde, kann im Alltag nicht "nachgestellt" werden, d.h. an der Reaktion im Alltag kann auch nicht abgelesen werden, ob ein Kind gut- oder schlecht gebunden ist.

      Ich kann Sie beruhigen. Ganz sicher haben Sie und Ihre Tochter eine gute Bindung. Sie scheint einfach einen wunderbar offenen, freundlichen Charakter zu haben. Sie wird vermutlich immer viele Freunde und kaum Schwierigkeiten haben, Kontakte zu knüpfen. Das ist doch ein toller Ausgangspunkt fürs Leben.
      MfG, Snowqueen

      Löschen