Das Gestaltungsbedürfnis von Kindern

 Gastbeitrag

Kinder sind gerne schöpferisch tätig. Sie zeichnen, malen, kleben, schneiden, konstruieren und spielen. So entdecken sie ihre Welt handelnd. Gebannt verfolgen sie beispielsweise Spuren, die ihre Finger im Brei hinterlassen, erforschen die Eigenschaft von Papier, in dem sie es hingebungsvoll knicken, knüllen und reißen. Sie bauen stundenlang mit den unterschiedlichsten Materialien und sind in der Lage ein paar Kissen und Decken in ein Piratenschiff zu verwandeln. Um das Gestaltungsbedürfnis von Kindern zu befriedigen braucht es also nicht viel. Leider gibt es da nur ein Problem. Häufig wird unsere Wohnungseinrichtung Opfer des gestalterischen Bedürfnisses unseres Nachwuchses: Tapeten werden bemalt oder abgerissen, Wachskerzen zerkratzt oder Gardinen eingeschnitten. Um die kreative Energie der Kinder in geordnete und ungefährliche Bahnen zu lenken, greifen viele Eltern gerne zu Malbüchern, Stickerheften, Bastelsets und -büchern. Dabei erhoffen sie sich ganz nebenbei ihre Kinder zu fördern, ihnen Freude zu bereiten, sie auf die Schule vorzubereiten oder sie an regnerischen Tagen sinnvoll zu beschäftigen. Die Spielwarengeschäfte sind auf dieses Bedürfnis der Erwachsenen bestens eingestellt. Die Läden sind voll mit Produkten, welche die Kreativität der Kinder fördern sollen. Von den Verpackungen strahlen uns glückliche Kinder an, die stolz ein selbstgemachtes Armband, Gipsabgüsse oder einen Traumfänger in die Kamera halten. Doch um es vorweg zu nehmen: um unsere Kinder auch so glücklich zu sehen, bedarf es keines dieser Produkte, denn ihnen liegt allen ein großes Missverständnis zugrunde.

Das missverstandene Gestaltungsbedürfnis der Kinder

Erinnern wir uns an unsere eigene Sozialisation zurück, blitzen vermutlich Szenen auf, in denen wir mit anderen Kindern im Kindergarten, der Schule oder zuhause an einem Tisch saßen, beschäftigt mit einer Bastelarbeit oder einer Zeichnung. Jedes Kind arbeitete dabei am gleichen Motiv und versuchte dies besonders sorgsam auszuführen, denn uns war bewusst, dass das entstehende Produkt am Ende von Erwachsenen bewertet werden würde, in der Schule mit einer Note und im privaten Bereich durch Lob oder Tadel. Bilder, auf denen nicht über den Rand gemalt, Motive, die besonders naturalistisch abgebildet wurden, unverfängliche Bildthemen und „sauberes“ und stilles Arbeiten wurden mit positiver Aufmerksamkeit und dem Prädikat „schön“ belohnt.

Manche Kinder waren in der Lage, die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen und entwickelten Freude an dieser Beschäftigung, während andere das Interesse verloren und sich selbst als unfähig einstuften. Wie tiefgreifend ein auf Belohnungen und Bestrafungen basierter Umgang mit schöpferischen Aktivitäten von Kindern ist, zeigt sich darin, dass Herangewachsene sich selbst als „unkreativ“ bezeichnen und um jede gestalterische Betätigung einen großen Bogen machen.

Haben Erwachsene einen solchen Umgang mit ihren Bildern und Objekten erlebt, so gehen sie automatisch davon aus, dass das Ziel eines jeden Gestaltungsprozesses eine fertige Zeichnung, ein Objekt oder ähnliches sei und dass die dabei entstandenen Produkte „schön“ und ansehnlich sein sollen.

An dieser Stelle setzten Bastelsets und Co. an und bieten Schritt-für-Schritt Anleitungen, bei denen der Prozess schöpferischen Erfindens durch einen geebneten Weg abgekürzt wird und das Kind kaum etwas „falsch“ machen kann. Allerdings gibt es ein Problem: Das fertige und mehr oder weniger ansehnliche Produkt entspricht oft nicht dem Gestaltungsbedürfnis von Kindern, das in der Regel vom Erforschen und Erkunden ausgeht und zum Entwickeln und Erproben voranschreitet.

Blicken wir auf die evolutionsbiologische Entwicklung des Menschen, so ist das Basteln eine relativ neue Beschäftigung. Auch Materialien wie Klebestifte, Tonpapier und Pfeifenputzer gibt es noch nicht lange. Die Kinder unserer Vorfahren spielten und experimentierten mit dem, was da war und das waren in den meisten Fällen Naturmaterialien und Alltagsgegenstände. Stöcker, Rinde, Steine, Blätter, Moos, Schneckenhäuser, Gras, Erde etc. wurden aus dem unerschöpflichen Materiallager der Natur entnommen, bearbeitet, erforscht, miteinander kombiniert, verbunden und in immer neue Kreisläufe des Verwandelns eingespeist und nach abgeschlossener Auseinandersetzung zurückgelassen. Durch den Umgang mit den Dingen erfuhren die Kinder etwas über die Welt, die sie umgibt und konnten Handlungen der Erwachsenen nachempfinden. Aus einem gebogenen Ast und einem langen Grashalm konnte so beispielsweise ein Bogen konstruiert werden, mit dem das Jagdverhalten der Erwachsenen nachgespielt wurde. Die spielerische Auseinandersetzung aus Zeitvertreib und Freude am Tätigsein selbst ist dem Menschen in seiner evolutionsbiologischen Entwicklung nicht abhandengekommen.

Auch wenn zwischen uns und den Steinzeitmenschen einige Jahrtausende liegen und sich unser Lebensraum, unsere Arbeit und unsere Freizeitbeschäftigungen erheblich verändert haben, so hat sich die grundlegende Bedeutung des welterkundenden gestaltenden Tuns nicht geändert. Immer noch folgen Kinder Impulsen, die von Materialien ausgehen oder durch Zufälle initiiert werden, nur dass sie anstatt eines Bogens vielleicht eher ein Laptop aus einem alten Pizzakarton konstruieren.

Durch die gestalterische Auseinandersetzung mit der Welt und Veränderungen, die sie dabei hervorrufen, erfahren Kinder Selbstwirksamkeit. So kann eine beschlagene Scheibe dazu animieren, Spuren mit den Fingern zu hinterlassen, die Eigenschaft von Klebeband dazu führen, dass der Küchenstuhl damit umwickelt wird oder Brei auf dem Tisch anregen, diesen mit den Händen weiträumig zu verteilen. Ist die Materialerkundung beendet, so bleibt der gegenwärtige Zustand einer Zeichnung oder eines Objekts als Relikt einer mehr oder weniger intensiven Auseinandersetzung zurück. Für Kinder werden die entstandenen Produkte dann nahezu bedeutungslos. Das, was sie bei ihren Eingriffen dabei erfahren haben, wird jedoch lange wie ein Echo nachhallen und Ausgangspunkt für neue Wahrnehmungs-, Entdeckungs- und Gestaltungsprozesse sein.

Wie bedeutungsvoll ein solcher Prozess sein kann, zeigt das folgende Beispiel.

Lucy[1] (2. Klasse): Für die Ganztagsbetreuung hatte ich Reste von Acrylfarben und Leinwände zur Verfügung gestellt. Das Mädchen hatte noch keine Erfahrungen mit pastosen Farben und begann so zu malen, wie sie es mit Wasserfarbe gewohnt war. Sie versuchte die Farbe flächendeckend und klar voneinander getrennt aufzutragen. Dabei passierte es, dass sich die Farbe zweier angrenzender Farbflächen mischten und eine neue Farbe entstand. Erst ärgerte sie sich über diesen „Fehler“, doch dann begann sie fasziniert weitere Farben miteinander zu vermischen. Sie experimentierte immer mutiger, legte den Pinsel beiseite und vermengte die Farbe schließlich mit den Händen. Mit ausgreifenden Bewegungen wischte sie über die Leinwand. „Jetzt passiert nix Neues mehr“, sagte sie und hörte auf, die Fläche zu bearbeiten, die nun mit einer dicken Schicht dunkelbraun-schwarzer Farbe überzogen war, in welcher sich die Spuren von Lucys Handbewegungen abzeichneten. Das Motiv, das Lucy anfangs darzustellen begonnen hatte, war nicht mehr zu erkennen, dafür jedoch das Dokument eines lebendigen und erfahrungsreichen Prozesses. Stolz zeigte sie ihre Leinwand herum und berichtete von ihrer Entdeckung. Sie zeigte das Produkt jedoch nicht, weil es für sie einen Bestandteil der sie umgebenden Welt repräsentierte. Der Wert lag wohl eher darin, dass auf der Leinwand die Erinnerung an die Freude und der Stolz über ihre Entdeckung konserviert waren. Lucy erwartete kein Lob. Die erlebte einen Prozess eigener Erkundung, der im Medium der Farbe Ausdruck fand und den sie freudig mit anderen teilen konnte. 

Ein weiteres Beispiel ist Goran (3. Klasse):

Der Junge hatte im Kontext einer Sitzung der KinderKunstwerkstatt an der Universität Bielefeld, welche ich als Studentin begleitete, die Aufgabe, aus verschiedenen Materialien ein Weltraumwesen zu gestalten. Er war fasziniert von den verfügbaren, ihm noch nicht vertrauten Materialien und entschied sich, aus Draht einen Körper zu formen, welchen er dann mit einer durchsichtigen Folie bespannen wollte. Während des Konstruierens merkte er jedoch, wie schwierig sein Unterfangen war, da das biegsame Drahtgebilde sich immer wieder verformte. Für seine derzeitigen Erfahrungen im Umgang mit Draht war sein angestrebtes Ziel zu hoch gesetzt. Goran wich von seinem anfänglichen Plan ab und nutzte anstelle eines selbstgebauten Rumpfs einen durchsichtigen Becher, an welchem er zwei aus Draht geformte und mit Folie bespannten Flügel befestigte. Er hatte seine Vorstellung, angeregt durch andere Materialien, im Arbeitsprozess so modifiziert, dass er ihr gerecht werden konnte. Gleichzeitig sammelte er Erfahrungen im Umgang mit Draht, auf welche er in Zukunft zurückgreifen kann.

 

Kinder passen ihre Ziele an, statt an ihnen zu scheitern

Beide Kinder, Lucy und Goran, reagierten auf Unerwartetes mit einer Veränderung des von ihnen angestrebten Ziels und passten dieses ihrem Interesse oder ihren Fähigkeiten an Dies konnte nur gelingen, weil anregende Möglichkeiten zum Modifizieren gegeben waren. Es ereignete sich im Prozess, es war kein planvolles Verändern der Zielsetzung. Dadurch hatten sie ein hohes Selbstwirksamkeitserleben, einen Zugewinn an ästhetischen Erfahrungen und Freude am Gestaltungsprozess. 

Wird einem Kind jedoch ein konkretes Ziel vorgeben, wie es bei Bastelsets oder Malbüchern der Fall ist, so kann es auf Unvorhergesehenes nicht mit Modifikationen reagieren, da das Endprodukt vorgegeben ist. Zufällige Entdeckungen oder Abweichungen vom vorgedachten Plan werden zur Falle und somit zum „Fehler“. Suchen sich Kinder jedoch selbst ein gestalterisches Ziel oder bekommen einen ergebnisoffenen Gestaltungsimpuls, so kann Unvorhergesehenes zum Glücksfall und zu einer eigenen Entdeckung werden, die eine Reihe neuer Denk- und Gestaltungsprozesse auslösen. Fremde, von versierten Erwachsenen oder älteren Kindern hergestellte Gestaltungsbeispiele oder Vorlagen der Bastelindustrie sind Vorbilder, die einerseits zu Frustration führen können, wenn sie nicht in gleicher Perfektion nachgeahmt werden können, die andererseits aber auch Chancen eigener Gestaltung verhindern. Kinder nehmen sich diese jedoch als Vorbild und messen sich daran. Da das angestrebte Produkt jedoch meist nicht ihren derzeitigen Fähigkeiten entspricht, bleiben ihnen nur die Möglichkeiten sich mit einem unbefriedigenden Ergebnis abzufinden, einen Erwachsenen um Hilfe zu bitten oder die Lust am Gestalten zu verlieren.

Weltvergewisserung durch gestalterisches Tun

Zudem wird ihnen durch die Schritt-für-Schrittanleitungen die Erfahrung abgenommen, sich ihre Welt zu vergewissern und Erlebtes in eine eigene Gestaltungsform zu bringen. Von einem Kind, das sich mit einem Bastelset auseinandersetzt, wird im Grunde nur verlangt, eine Anleitung mit dem vorgegebenen Material zu befolgen und seine Fingerfertigkeit zu trainieren. Hinzu kommt, dass die Produkte keinen hohen ästhetische Wert haben und eher eine „verkitschte“ Kinderwelt darstellen, als die Lebenswelt der Kinder als gleichwertig zu betrachten.

Goran, der ein Weltraumwesen selbst erfinden und konstruieren konnte, durfte und musste auf verschiedenen Ebenen individuelle Entscheidungen treffen. Um eine Idee zu finden, griff er auf sein Wissen über den Weltraum zurück, dass er aus Büchern, Geschichten, von Spielzeug oder von Bildern hatte. Er erinnerte sich, dass es auf anderen Planeten noch unerforschte Wesen gibt, die vermutlich anders aussehen als Menschen und Tiere auf der Erde. Auch war ihm bekannt, dass alle Objekte im Weltraum durch die Schwerelosigkeit fliegen, weshalb er sich entschloss, seinem Wesen Flügel zu verleihen. Das vorhandene Material war maßgebend an der Ideenfindung beteiligt. Draht und Folie beförderten die Imagination eines transparenten außerirdischen Wesens. Thema, Vorwissen und Material regten Goran gleichermaßen an, sich ein Ziel zu setzen. Beim Arbeiten nach der inneren Vorstellung konnte er Erfahrungen mit den besonderen Eigenschaften des Materials sammeln, die sich den eigenen Vorstellungen durchaus auch widersetzen konnten. Dazu gehört auch, dass sie Erleben, dass Werkstoffe spezifische Eigenschaften haben und sich entgegen ihrer Vorstellung verhalten. Auch Goran machte diese Erfahrung, als er bemerkte, dass es eine besondere Herausforderung war, eine komplette Figur aus Draht zu formen. Da er sich dieser Herausforderung noch nicht gewachsen fühlte, entschied er sich, seinen anfänglichen Plan so abzuwandeln, dass er realisierbar wurde.

Auch Zeichenbücher, in denen rezeptartig erklärt wird, nach welchem Schema ein Tier aus geometrischen Formen zusammengesetzt werden kann, rauben Kindern die Möglichkeit, auf ihr eigenes Wissen, ihre Vorstellungen und Imaginationen zurückzugreifen. Sie übernehmen dann ein Schema, dass nicht durch eigenes Erleben in ihrer Vorstellung verankert ist. Da viele Erwachsene jedoch positiv auf die nachgeahmten Tierdarstellungen reagieren, bekommen die von den Kindern selbst entwickelte Schemata dagegen häufig weniger Anerkennung, da sie in ihrem Erscheinungsbild noch „unausgereift“ wirken. Da ist es verständlich, dass die Kinder dem nacheifern, was bei ihren Bezugspersonen mehr Anklang findet. Jedoch zu einem hohen Preis: Sie empfinden ihre eigenen Darstellungsformen als mangelhaft und weichen von ihrem Gestaltungsbedürfnis ab. Die Kinder zeichnen nun, um Anerkennung zu bekommen und Erwartungen zu erfüllen. Nicht der Prozess zeichnerischer Welterkundung, sondern das Produkt rückt nun mehr und mehr in den Vordergrund.

Echte Selbstwirksamkeit statt vermeintlicher Erfolge

Ebenso produktorientiert wie simplifizierend sind Schablonen, Malbücher und -vorlagen. Sie nehmen Kindern das Zeichnen von Motiven ab und stellen lediglich die Erwartung an sie, passende Farben zu wählen und nicht über die Linien zu malen. Diese geringe Anforderung führen zu schnellen „Erfolgserlebnis“, das mit einem guten Gefühl verbunden ist. Ihre eigenen Liniengebilde empfinden Kinder neben den von Erwachsenen gestalteten Malvorlagen als ungenügend, weshalb sie zunehmend das Vertrauen in ihre Darstellungsfähigkeit verlieren und lieber nach- oder ausmalen als selber zu zeichnen. Viele Erwachsene schätzen an Malvorlagen, dass Kinder sich damit eine längere Zeit ruhig beschäftigen können, weshalb sie auch häufig an Orten zu finden sind, an denen ihnen schnell langweilig wird oder sie zur Ruhe kommen sollen, wie beispielsweise in Restaurants, Arztpraxen, im Kindergarten oder auch in der Schule. Vorlagen sind so allgegenwärtig, dass ihr Sinn und Nutzen kaum noch reflektiert wird. Insbesondere dadurch, dass Ausmalbilder und Schablonen auch in Bildungsinstitutionen zum Einsatz kommen, haben viele Eltern das Gefühl, ihren Kindern damit etwas Gutes zu tun. Sie erhoffen sich, ihren Nachwuchs mit dieser Art formelhaft-domestizierter Bildgestaltung auf die Schule vorzubereiten. Dies ist auch der Grund, weshalb sie gerne versuchen, Kindern kleine Maltricks beizubringen wie beispielsweise das „Haus vom Nikolaus“ oder die aus zwei Bögen bestehenden Vögel, die an das Logo einer Fast Foodkette erinnern, um nur einige von vielen zu nennen.

Das Antrainieren solcher Bildformeln soll die Darstellungsfähigkeiten der Kinder „verbessern“. Honoriert wird, was erkennbar und benennbar ist. Ein typisches Motiv, dass Kinder auf diese Weise lernen, ist das „Strichmännchen“. Diese stilisierte Darstellung eines Menschen würden Kinder von sich aus nicht entwickeln, denn beim Zeichnen eines Körpers wird sowohl auf die konkrete Anschauung eines Menschen, als auch auf die leibsinnliche Wahrnehmung des eigenen Körpers zurückgegriffen. Dadurch, dass sie selbst das Volumen ihres Körpers spüren, wäre ein nur aus Strichen bestehender Körper ihrem Empfinden nach unangemessen. Durch visuelle und sinnlich Erfahrungen sowie das Erlernen von Begriffen für Körperteile verändert sich die Darstellung menschlicher Figuren kontinuierlich. Die Zeichnungen repräsentieren dadurch immer auch das gegenwärtige Leibbewusstsein. Somit können vom Kind selbst entwickelten Schemata kaum defizitär oder falsch sein, weil sie den Stand der individuellen Auseinandersetzung oder der gegenwärtigen Bedeutung für das Kind widerspiegeln. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung beim Darstellen von Händen. Anfänglich zeichnen viele Kinder Gebilde, welche alle Einzelheiten von Armen als Einheit zusammenfassen. Aus diesen Armgebilden werden mit der Zeit Details herausgearbeitet, wie Hände, Handteller, Handgelenke, Finger und Fingernägel. Welche Einzelteile jedes Kind darstellt, hängt ganz von seinen Erfahrungen und seinem Lebensweltbezug ab. Trägt die Oma beispielsweise mit Vorliebe roten Nagellack, so wird ein Kind die Fingernägel in seiner Darstellung vermutlich berücksichtigen. Ein Kind, das noch nicht zählen kann, wird eher eine unbestimmte Anzahl von Fingern an eine Hand zeichnen, im Gegensatz zu einem, das bereits bis zehn zählen kann. Aber auch andere, individuelle Darstellungsformen sind möglich.

Der Zweitklässler Leon zeichnete beispielsweise einen Menschen, dessen Hände einem sichelförmigen Mond glichen. Nach dem „Zeichne-einen-Menschen“- Test, der heutzutage noch häufig zur Feststellung der Schulreife eingesetzt wird, würde diese Darstellung als defizitär und nicht altersgemäß eingestuft. Doch alle, die den Schüler näher kennt, sehen in diesen gezeichneten Händen schnell seine große Leidenschaft für Playmobilfiguren. Leon hat sein Spielzeug genau beobachtet und die dreidimensionale Form der Hand in eine zweidimensionale umgewandelt. Was für eine Leistung! Verstehen Erwachsene solche Bezüge nicht, werden sie die Darstellung als mangelhaft und verbesserungswürdig ansehen. Um das scheinbar „Falsche“ zu korrigieren, wird dann versucht dem Kind zu zeigen, wie es „besser“ geht. Die vermeintliche Hilfestellung führt jedoch dazu, dass das Abgebildete nicht mehr mit den Wahrnehmungen und Vorlieben des Kindes übereinstimmt. Es wird zunehmend weniger auf eigene Erfahrungen und Erfindungen zurückgreifen, sondern die Vorlage übernehmen und nur das Kopieren einer Abbildung erlernen. Dadurch wird die Zeichnung bedeutungsarm. Es ist zu vergleichen mit einer Mathematikaufgabe, bei der dem Rechnenden der Weg vorgesagt wird. Ohne den Weg jedoch verstanden zu haben, ist das Ergebnis wertlos, denn er findet keinen Eingang in das eigene Verständnis.

Wie Kinder in ihrem Gestaltungsbedürfnis unterstützt werden können


Wenn wir Kinder auf ihrem Weg der Welterkundung fördernd begleiten möchten, dann bedarf es oft keinem großen Eingreifen. Wir können einen kleinen Impuls geben und damit einen erlebnisreichen Prozess in Gang bringen. Kreativität entsteht nicht dadurch, dass wir bereits gegangene Wege gehen, wie beim Basteln mit Sets und Malen nach Zahlen, sondern dadurch, dass eigene und individuelle gestalterische Lösungen gefunden werden.

Dazu muss man nicht Kunst studiert haben und die Utensilien müssen auch nicht teuer sein. Eine Rolle Malerklebeband, ein Wollknäul, ein leerer Karton oder diverse Naturmaterialien bieten kostengünstige und vielfältige Anregungen. Oft bedarf es nur eines kleinen Impulses, um eine eigenständige und intensive Auseinandersetzung mit dem Material in Gang zu setzten. „Stell dir vor, du bist eine große Spinne“, diese Aufforderung kann dazu animieren, mit dem Wollknäul ein überdimensionales Netz in der Wohnung oder auf dem Spielplatz entstehen zu lassen. Ideen für künstlerische Welterkundungen liefert das Buch von Keri Smith „Wie man sich die Welt erlebt“. Zwar ist das Buch nicht explizit an Kinder gerichtet, jedoch entsprechen die die Wahrnehmungssensibilisierung ihrem Entdeckerdrang, so dass sich viele Anregungen für unterschiedliche Altersgruppen anbieten. Ein Vorschlag der Autorin ist beispielsweise, Farben der Umgebung zu sammeln: „Treibe unterwegs so viele Sachen wie möglich auf, die du als Pigment benutzen kannst (wenn nötig mit Wasser vermischen). Das können zum Beispiel zerquetschte Beeren sein, Schlamm (dazu kann man verschiedene Sorten von Dreck verwenden), zerbröselte Blätter, Gewürze.“ Viele der Erkundungsvorschläge von Keri Smith lassen sich hervorragend unterwegs praktizieren und können so das Malbuch beim nächsten Restaurantbesuch ersetzen oder den Spaziergang zur Forschungsreise werden lassen. Alles was dafür benötigt wird sind einige Stifte, ein Skizzenbuch oder einzelne Papierblätter und manchmal etwas Kleber, eine Schere oder Tesafilm. 


Wer ungewöhnliche Anregungen zum Zeichnen sucht, finden diese häufig in der Papiertonne, denn dort liegen zahlreiche interessante Untergründe und Formate, die nur darauf warten ein zweites Leben zu bekommen. Die Rückseite eines länglichen Einkaufszettels regt zu anderen Motiven an als die standardisierten Din-Formate. Wie wäre es, wenn Ihnen ihr Kind darauf die nächste Einkaufsliste zeichnet? Auch die Innenseite einer aufgefalteten Cornflakes-Verpackung ist ein geeigneter Malgrund. Alte Zeitungen sind voll von Abbildungen, die von den Kindern verändert werden können. Impulse wie „Stell dir vor, diese Person hat ein Haarwuchsmittel getrunken“ oder „Alle Menschen auf diesem Bild sind um 100 Jahre gealtert“ regen Gestaltungsprozesse an, ohne konkrete Ziele vorzugeben. Ein kleiner Bildausschnitt von einer alten Postkarte oder dem Wandkalender, der auf ein weißes Blatt geklebt wird, kann dazu animieren sich zu überlegen, wie wohl der Rest vom Bild aussehen könnte.

Auch Materialien wie Holz, Stoff oder Tapetenreste können als Malgrund dienen. Gerade das Erkunden verschiedener Untergründe ist ein großes Bedürfnis von Kindern, weshalb Tapeten, Möbel und Gardinen diesem Erkundungsdrang zum Opfer fallen können. Besteht die Möglichkeit, dieses Bedürfnis an extra dafür bereitgestelltem Material auszuleben, bleibt auch das Mobiliar verschont. Freunde von mir haben beispielsweise auf dem Flohmarkt einen alten Holzhocker gekauft, den ihr dreijähriger Sohn nun nach Lust und Laune mit Werkzeugen verändern darf: Er bemalt ihn, schlägt Nägel ein, sägt Kerben, schleift die Oberfläche ab oder beklebt sie.

Dem Jungen ist klar, dass er in einer bestimmten Ecke der Wohnung arbeiten darf und wo das (sichere) Werkzeug steht, das er eigenständig dafür verwenden kann. Er weiß aber auch, dass es Werkzeuge gibt, die er nur im Beisein seiner Eltern erproben darf. Ihm wird Raum, Material und Werkzeug zur Verfügung gestellt.

Ebenso bedeutsam wie das Schaffen von Möglichkeiten ist eine wertschätzende Würdigung der entstandenen Bilder und Objekte.

Natürlich ist es im Alltag nicht immer leicht ein Gespräch mit einem Kind über jede gestalterische Äußerung zu führen. Da rutscht einem schnell einmal ein „schön“ über die Lippen. Kinder fühlen jedoch, dass dahinter eigentlich kein wirkliches Interesse steht, sondern, dass man gerade keine Zeit hat, sich mit ihm und seinem Bild näher zu beschäftigen.

Sie verstehen jedoch auch, wenn die Betrachtung des Bildes auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird. Gerade als Eltern oder Bezugsperson kann man in solchen Gesprächen viel über das Kind und das, was es bewegt, erfahren und so mit dem Kind und seiner Gedankenwelt in Verbindung bleiben. Bei der Würdigung ist es wichtig, dass es zu keiner Wertung kommt und die Subjektivität der eigenen Meinung des Betrachtenden betont wird. (vgl. Kathke, 2010)

Da bei jüngeren Kindern wiedererkennbare Motive in den Zeichnungen noch keine Rolle spielen, kann man auf die Zeichenhandlung eingehen. Z.B. kann man mit dem Fingern die Linien entlangfahren: „Ah, ich sehe, du hast an dieser Stelle begonnen, deinen Stift auf das Papier zu setzen und hast dann gelbe geschwungene Linien gezeichnet. Hier oben in der Ecke hast du dann einen grünen Stift verwendet und viele kurze Striche gezeichnet. Die erinnern mich ein bisschen an das flauschige Fell unserer Nachbarskatze.“ Oft bedarf es gar nicht vieler Worte, um ein Gespräch mit dem Kind in Gang zu bringen oder nicht einmal einer verbalen Reaktion. Es genügt, dem Kind beim Zeichenprozess beizuwohnen und echtes Interesse zu zeigen, indem man ihm ermutigend zunickt, die Augen auf dem Blatt verweilen lässt oder einen heruntergefallenen Stift wieder aufhebt. Nonverbale Impulse wie diese vermitteln dem Kind: „Ich nehme dich wahr. Ich sehe dich und das was du tust. Ich unterstütze dich darin, deinem eigenen Interesse nachzugehen.“

Es gibt aber auch genug Situationen, in denen Kinder überhaupt kein Feedback von anderen verlangen. Das Zeichnen an sich ist ihnen Bestätigung genug. Es fällt uns Erwachsenen nur manchmal schwer darauf nicht einzugehen.

Im Folgenden möchte ich 7 Tipps geben, wie Kinder im Alltag in ihrem Gestaltungsbedürfnis unterstützt werden können.

1. Möglichkeiten schaffen

Zeitliche als auch räumliche Freiräume schaffen, um Kindern schöpferische Weltzugänge zu ermöglichen. Die bedeutet, dass gestalterischen Tätigkeiten bewusst Zeitfenster eingeräumt werden, in denen die Kinder nicht durch alltägliche Routinen unterbrochen werden. Dafür braucht es Orte, die speziell für ihr Gestaltungsbedürfnis ausgelegt sind. Es gilt zu bedenken, dass ein Kind, wenn es in einen Prozess vertieft ist, auch einmal etwas Farbe auf den Boden tropfen kann oder einen Wasserbehälter im Eifer umstößt Erwachsene können durch die entsprechende Vorbereitung solche kleinen Malheurs vorbeugen. Das kann bedeuten, dass ein spezieller Platz im Raum für das Kind hergerichtet wird, wie es die Bloggerin Ellen Girod auf ihrer Internetseite Chez Mama Poule vorstellt (siehe Abb.).

Bildrechte ©Ellen Girod, www.chezmamapoule.com
Bildrechte ©Ellen Girod, www.chezmamapoule.com

Es können aber auch weniger aufwendige und mobile Lösungen sein, wie beispielsweise eine Kiste oder ein alter Koffer mit altersgemäßen Materialien und verschiedenen Werkzeugen, die jederzeit zugänglich sind und mit welcher die Kinder ihren Arbeitsplatz selbstständig einrichten können. Dazu gehören immer auch eine abwischbare Unterlage und ein Malkittel. Dafür bietet sich beispielsweise ein Rollwagen an.

Eine einfache, reduzierte Variante gerade für jüngere Kinder sind Materialtablets, die an die Übungen des täglichen Lebens von Maria Montessori angelehnt sind. Auf diesen wird eine Materialauswahl als „Gestaltungseinladung“ (Ellen Girod) präsentiert. Das können beispielsweise ein Blatt Papier und zwei verschiedene Stifte sein oder ein Klumpen Ton, etwas Wasser und kleine Äste. Diese Einladung kann von den Kindern angenommen oder ausgeschlagen werden und beinhaltet keine Erwartungen an das dabei entstehende Produkt. Das Erproben von Farben, Material und Eigenschaften stehen im Vordergrund.

Für Kinder jeden Alters gilt: Ermöglichen Sie Unbekanntes und Alltägliches zu erkunden, indem anregungsreiche Materialien zur Verfügung gestellt werden und zu ungewöhnlichen Herangehensweisen und Verfahren ermutigt wird.

2. Ungewöhnliche Settings schaffen!

Auch Abweichungen vom Alltäglichen und Bekannten können Gestaltungsprozesse in Gang setzen.

Wie verändert sich die Zeichnung Ihres Kindes, wenn es beispielsweise nicht am Tisch sitzt, sondern das Blatt mit Tesafilm darunter befestigt wird? Kinder lieben es, wenn Alltägliches anders gemacht wird. Ihre Sinne werden dadurch anders angesprochen und herausgefordert. Zeichnen, Malen und Konstruieren sind ohnehin Prozesse, bei denen Kinder mit ihrem ganzen Körper involviert sind. Dieses leibsinnliche Erleben wird beim ständigen Arbeiten im Sitzen deutlich eingeschränkt. Darum ist es von Vorteil immer wieder auch andere Arbeitshaltungen zu ermöglichen.

Abbildung 2 Beim aufrechten Zeichnen ist der ganze Körper involviert


Auf dem Foto ist unsere einjährige Tochter zu sehen, wie sie auf einem großen Blatt Papier, das mit Klebeband an unserer Duschtür befestigt ist, zeichnet. Durch die aufrechte Haltung kann sie die Bewegungsdimension ihres Körpers erfahren und Linien aus der Armbewegung heraus entstehen lassen. Sie ist beim Setzen von zeichnerischen Spuren nicht durch ein kleines Papierformat begrenzt. Gleichzeitig konnten wir sie beruhigt zeichnen lassen, da sich alle Bleistiftstriche, die über das Blatt hinausgingen, problemlos mit einem Radiergummi entfernen ließen.

Wird Kindern ermöglicht im Stehen zu arbeiten, verändert sich die Art ihrer Gestaltung. Auch in den von Arno Stern entwickelten Malorten (Stern, 2015), die zunehmend in vielen Städten öffnen, malen Kinder und Erwachsene in aufrechter Körperhaltung.

3. Der Weg ist das Ziel – Prozesse in den Vordergrund rücken

Während einer Gestaltung kommt es zum Wechselspiel zwischen Vorerfahrungen, neuen Ideen, gestalterischen Probleme, spontanen Impulse, Zufällen und Lösungswegen. Bekommt das Kind die Möglichkeit, sich auf einen individuellen Prozess einzulassen, erfährt es, dass es durch sein eigenes Handeln und seine Anstrengung etwas hervorzubringen vermag, das nach eigenen Regeln Sinn transportiert. Das Kind erlebt Selbstwirksamkeit. Alles was dabei entsteht kann immer wieder verändert werden und gelebte Erfahrungen dokumentieren.

4. Wertschätzende Rückmeldungen – Kinderarbeiten mit Interesse anschauen nicht bewerten

Um Kinder zu motivieren ihre Welt gestaltend zu entdecken und darzustellen, ist ein bewusster Umgang mit ihren gestalterischen Äußerungen wichtig. Es ist wichtig, dass allen Bezugspersonen bewusst ist, dass es dabei keine „Fehler“ oder „Mängel“ gibt.

Dieses Wissen bedeutet nicht, dass die Produkte eines permanenten Lobes bedürfen, um entsprechend gewürdigt zu werden. Denn Lob wird dazu führen, dass Kinder zeichnen und konstruieren, um Erwachsenen zu gefallen. Wie Alfie Kohn so treffend sagt: „Gut gemacht! ist keine Beschreibung, sondern ein Urteil“. Lob führt dazu, dass Kinder ihre Tätigkeit nicht mehr für sich selbst als wertvoll empfinden, sondern als etwas, das dazu verhilft eine positive Reaktion von Erwachsenen zu bekommen (vgl. Kohn, 2010).

Damit steht aber die Frage im Raum, wie angemessen reagiert werden kann, wenn ein Kind einem erwartungsvoll ein selbstgestaltetes Objekt oder Bild präsentiert.

Beim Martinssingen stellte sich diese Frage auch für meinen Mann, als ihm ein Kind mit strahlenden Augen ein blaues Stück Pappe überreichte und sagte „Hab‘ ich für dich gemacht.“ Mein Mann drehte und wendete das blaue Gebilde in seiner Hand und äußerte dann „Oh, wie schön… ein E?!“. „Neeeein, das ist eine Burg“, sagte der Junge geknickt. Als mein Mann wieder ins Haus kam, fragte er mich, wie er denn auf ein so undefinierbares Gebilde beim nächsten Mal besser reagieren könne.

Abbildung 3 "Burg"


Betrachten wir erst einmal die Absicht des Jungen. Er wollte sich mit seinem Geschenk vermutlich für die Süßigkeiten bedanken. Er hatte sich zuhause hingesetzt und mit einem Filzstift etwas auf Pappe vorgezeichnet und dann mit einer Schere ausgeschnitten. Sein Ziel war also vermutlich, anderen Menschen eine Freude zu machen. Aus diesem Grund hatte er auch eine ganze Schachtel mit weiteren ausgeschnittenen Objekten dabei. Eine mögliche Reaktion wäre gewesen: „Vielen Dank. Das ist ja eine Überraschung. Damit habe ich heute gar nicht gerechnet, dass auch ich etwas geschenkt bekomme.“ Dabei wird das ausgeschnittene Stück Pappe als das betrachtet, was es ist: ein Geschenk.

Interessiert einen jedoch das Objekt und die Gestaltungsabsicht dahinter, so könnte man mit dem Kind darüber ins Gespräch kommen. Die Unterhaltung hätte dann so oder ähnlich ablaufen können: „Vielen Dank. Wenn ich es so halte, dann erinnert es mich an ein „E“. „Das ist aber eine Burg. Du hältst es falsch herum.“ „Du hast recht, wenn ich es so halte erkenne ich die Burg ganz deutlich. Dass ist ja spannend, du hast eine Burg und einen Buchstaben gleichzeitig gemacht. Wie sieht es wohl aus, wenn ich es so drehe?“ „Das sieht aus wie eine Brücke.“ Usw. Diese Reaktion ermöglicht ein Gespräch, bei dem das Objekt Wertschätzung erfährt, und dem Jungen bewusst wird, dass sein Objekt auf verschiedene Weise gelesen werden kann.

5. Kein Leistungs- und Erfolgsdruck. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“

Erinnern sie sich, wie sie als Kind auf dem Rücken im Gras lagen und wundersame Wesen in den Wolken gesehen haben? Sicher waren sie überrascht, wenn ihr Freund neben Ihnen nicht einen Elefanten sah, wie sie, sondern einen Oktopus. Weder er noch Sie hatten recht. Es gab kein „richtig“ oder „falsch“, sondern verschiedene Sichtweisen, die sich aus unseren unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und Prägungen ergaben.

Die Freude an Gestaltungsgelegenheiten, die ohne Erfolgsdruck initiiert werden und in den die Kinder ihre eigene Weltsicht mit einbringen kommt im Gestaltungsprozess zum Ausdruck.

Auch die Maserung von Holz, ein Riss im Asphalt oder abgeblätterte Farbe an einem Zaun können die Imagination anregen, unabhängig vom Alter. Es macht Freude, sich über die Entdeckungen auszutauschen und ist überrascht, wie unterschiedlich doch die Funde sind und was sich bildhaft in ihnen verbergen kann.

Eine großartige Aktion könnte sein, solche Strukturen auf einem Spaziergang zu suchen, Fotos von ihnen zu machen, sie anschließend auszudrucken und zu einem ganz persönlichen Malbuch zusammenzufassen. Oder nehmen Sie Papier und Wachsmalblöcke oder Grafitstifte mit und reiben sie gefundene Strukturen ab. In diese kann dann später hineingezeichnet werden. Die gesammelten Frottagen können aber auch ausgeschnitten und zu einer Collage neu zusammengefügt werden.

6. Impulse setzen

Impulse können auf unterschiedliche Weise gesetzt werden. Beispielsweise, indem wir eine ungewöhnliches Material anbieten, durch eine verbale Äußerung („Stell dir vor du bist eine große Spinne die ein Netz in der Wohnung baut“) oder einen visuellen Reiz (einen Bildausschnitt weiterzeichnen). Ein Impuls muss nicht immer etwas sein, was sichtbar ist, sondern gerade das nicht Sichtbare, die „Leerräume“ führen dazu, dass wir anfangen zu imaginieren. So haben wir beispielsweise keine Angst bei Tageslicht, aber wenn die Dunkelheit uns die Sicht nimmt, kann unser Phantasie sich die gefährlichsten Monster unter dem Bett vorstellen. Das Künstlerkritzelbuch spielt genau mit diesen Leerräumen und regt so zu ungewöhnlichen Bildern an. (vgl. Labor Ateliergemeinschaft, 2018)

„Ich weiß nicht was ich malen soll“, diesen Satz haben wir sicher schon alle einmal von einem Kind gehört. Aber auch Erwachsene kennen sie, die „Angst vorm weißen Blatt“. Um diese Angst zu überwinden bieten sich Experimente mit dem Zufall an, die sogenannten befreienden Verfahren. Nehmen Sie beispielsweise einige trockene Nudeln und lassen sie diese auf ein Blatt Papier rieseln. Überall wo eine Nudel liegt, kann das Kind einen Punkt machen und diese Punkte anschließend miteinander verbinden. So kann die Architektur eines außergewöhnlichen Nudelrestaurants entstehen.

Durch selbst erdachte, spielerische Verfahren, bei denen das Blatt Papier vorstrukturiert wird, werden Kinder motiviert, die gestalterischen Beschäftigungen eher aus dem Weg gehen. Lässt man Kinder beispielsweise mit den Reifen von Spielzeugautos durch schwarze Farbe und anschließed über Papier fahren, entstehen Spuren, die an ein Straßennetz erinnert. „Leerräume“ zwischen den angedeuteten Straßen regen zu zeichnerischen oder malerischen Erweiterungen an.

7. Berücksichtigen sie das Interesse des Kindes

Abschließend ist noch einmal zu betonen, dass jedes Kind auf seine eigene Weise schöpferisch tätig ist, nur vielleicht nicht immer so, wie wir uns das vorstellen. Wenn wir Kinder beobachtet und verstanden haben, was ihnen Freude macht und in was sie sich richtig vertiefen können, sind wir in der Lage sie in diesen Bedürfnissen zu unterstützen. Erst wenn ein Kind selbst „betroffen“ ist und sich von dem Impuls oder dem dargebotenen Material angesprochen fühlt, wird es sich dem Gestaltungsprozess hingeben.


Die Autorin


Sina Schwarma ist Mutter einer 1,5-jährigen Tochter und macht derzeit ihr Referendariat an einer Grundschule in NRW.

Sie studierte Kunstpädagogik an der Universität Bielefeld, wo sie im Fachbereich Kunst- und Musikpädagogik als wissenschaftliche Hilfskraft tätig war. Zuvor erwarb sie einen Abschluss in Grafik- und Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Bielefeld. 

 

Literaturempfehlungen

Feijoó, Martin (2017) Wolkenbilder – Zeichnen für Tagträumer, Stuttgart: Frechverlag GmbH

Girod, Ellen, https://chezmamapoule.com/kreativecke-kinderzimmer-malwand-malen/ , Stand: 01.04.2020

Kathke, Petra (2019) Sinn und Eigensinn des Materials -Projekte, Impulse, Aktionen, Weimar: verlag das netz

Kathke, Petra (2010). "Mir gefällt an deinem Bild besonders, dass..". In: Horst B, Ulrich H, eds. Allen Kindern gerecht werden. Beiträge zur Reform der Grundschule. Vol 129. 2010th ed. Frankfurt am Main: Vorstand des Grundschulverbandes e.V.: 287-297.

Labor Ateliergemeinschaft (2018) Kinder Künstler Kritzelbücher Anmalen Weitermalen Selbermalen, Weinheim: Beltz & Gelberg.

Kohn, Alfie (2010) Liebe und Eigenständigkeit - Die Kunst bedingungsloser Elternschaft jenseits von Belohnung und Bestrafung, Arbor-Verlag.


Philipps, Knut. (2008). Warum das Huhn vier Beine hat (2., überarb. Neuaufl.). Darmstadt: Toeche-Mittler.

Rieß, Werner (1996) Befreiende Verfahren Bd.1 - Experimentieren und gestalten mit dem Zufall, Dietzenbach: ALS Verlag.

Smith, Keri (2014) Sachensucher, München: Kunstmann

Smith, Keri (2011) Wie man sich die Welt erlebt – das Alltags-Museum zum mitnehmen, München: Kunstmann

Smith, Keri (2010) Mach dieses Buch fertig, München: Kunstmann


Stern, Arno (2015) Das Malspiel und die Kunst des Dienens: Die Wiederbelebung des Spontanen, Drachen Verlag

[1] Alle Kindernamen wurden geändert




Kommentare:

  1. WOW! Der Beitrag ist so interessant und hat mir ziemlich die Augen geöffnet was meinen Umgang mit den Kunstwerken der Kids angeht. Vielen Dank.

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  2. Sehr toller Beitrag - ich konnte noch sehr viel mitnehmen und hoffentlich die Kreativitaet meiner Kinder damit in Zukunft weiter unterstuetzen. Vielen Dank dafuer!

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  3. Vielen Dank für den tollen Beitrag!! Er hat mit deutlich gemacht was ergebnissoffenes Kreativmaterial bzw. Spielueug ausmacht. Und wie wichtig diese Art der Welterkundung in meinen Augen ist. Danke!

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  4. Danke daß es diese Art der Ansicht was Gestaltung und Spiel angeht noch gibt und es ist schön wenn Kinder selber entdecken können und nicht im vorgefertigten Spiel oder im Plastikkonsum hängen bleiben. Danke für diesen Bericht.

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