Schüchterne Kinder sind wunderbar - Gespräch mit Autorin Inke Hummel

In unserem aktuellen Podcast durften wir wieder Elterncoach, Familienberaterin und Autorin Inke Hummel begrüßen. Wir haben mit ihr über schüchterne Kinder, über die sie in ihrem neuen Buch "Mein wunderbares schüchternes Kind" schreibt, gesprochen. In diesem Artikel haben wir unser Gespräch verschriftlicht. Ihr könnt außerdem das Buch gewinnen - mehr dazu am Ende. 


Danielle: Schüchternheit und Ängstlichkeit sehen bei jedem Kind anders aus. Manchmal wirkt die Zurückhaltung niedlich, altersgerecht und verständlich. Oft ist sie sogar angenehmer, als die Wildheit eines anderen Kindes. Aber bisweilen führen Schüchternheit und Ängstlichkeit auch zu großer Sorge bei den Eltern, nicht zuletzt, wenn das Umfeld sie ständig darauf anspricht. Wir wollen heute mit Autorin und Pädagogin Inke Hummel darüber sprechen, wie man schüchterne Kinder beziehungs- und bedürfnisorientiert begleitet. Inke hat nämlich im Humboldt Verlag gerade das Buch „Mein wunderbares schüchternes Kind“ herausgebracht. Inke, herzlich willkommen, schön, dass du da bist.

Inke: Ich freue mich, dass Ihr mich wieder eingeladen habt. Danke.

Katja: Was bedeutet Schüchternheit denn überhaupt? Gibt es da eine Definition? 

Inke: Im Grunde ist es ein Temperamentsmerkmal, und zwar ein ganz neutrales. Schüchtern zu sein, bedeutet dass der Furchtmechanismus im Gehirn sensibler ist als bei nicht-schüchternen Menschen. Die Risikobewertung einer neuen, fordernden Situation geschieht rascher und vorsichtiger.

Schüchternheit kann dabei aber sehr bunt sein: besonders sensibel, sehr ängstlich, sehr einfühlsam, eher intellektuell interessiert – viele verschiedene Aspekte könne damit einhergehen und Schüchternheit unterschiedlich aussehen lassen.

Und daneben gibt es natürlich noch so etwas wie erlernte Schüchternheit: Je nachdem, welche Erfahrungen jemand gemacht hat, kann schüchternes Verhalten ihre oder seine Strategie im Umgang mit anderen werden, ganz unabhängig vom eigenen Temperament. Ein stark kontrollierendes Erziehungsverhalten könnte das zum Beispiel auslösen.

Danielle: Man könnte Schüchternheit ja auch positiv interpretieren, denn eigentlich ist sie ja nichts anderes, als Vorsicht und Behutsamkeit, und das kann ja eigentlich ganz positiv fürs Überleben sein. Warum wird denn dann Eltern von schüchternen Kindern immer wieder gesagt, dass die Kinder selbstbewusster und lauter werden müssen?

Inke: Der Begriff selbstbewusst fällt wirklich oft, meist als Gegenteil zu schüchtern. Denn er wird missverstanden als laut und vorwitzig. Dabei meint er eigentlich nur, dass jemand sich selbst gut kennt und versteht sowie passend für sich und seine Bedürfnisse sorgen kann. Das können auch leise, behutsame Wege sein.

Die Eltern hören diese Forderung oft, weil schüchtern meiner Meinung nach bei uns einen niedrigen Stellwert hat. Es wird nicht neutral gesehen, sondern negativ. Und so ist es nicht selten, dass die Eltern von 4-jährigen sich schon Sorgen machen sollen, wie ihr Kind mit Mitte 20 mal in die Arbeitswelt finden soll. Aber das ist ja auch ohne Schüchternheit ein Thema: dieses ständige Bewerten und Unken. Im Grunde ist es fehlende Zeit. Und auch fehlendes Vertrauen in die Kinder. 



Katja: Wenn Großeltern immer wieder fragen, wann das Enkelkind endlich die Ferien bei ihnen verbringt, das Kind traut sich aber nicht, was macht man da als Eltern?

Inke: Zunächst mal dem Kind zuwenden. Was möchte denn das Kind? Hat es selbst diesen Wunsch, aber vielleicht eine Hemmschwelle? Was könnte da helfen? Wenn ein Elternteil mit dort übernachtet? Wenn die Großeltern erstmal bei uns schlafen? Wenn abholen möglich ist und nicht negativ belegt wird? Mit viel Nähe einfühlen ist hier wichtig, damit das Kind nicht irgendetwas tut, weil es Druck spürt.

Je nach Alter kann man natürlich auch die andere Seite erklären: Gibt es einen praktischen Grund für den Wunsch? Ist zum Beispiel die Fahrt immer sehr weit? Oder gibt es einen emotionalen Grund? Auch den kann man sich ja zusammen anschauen.

Und dann kann ich mich den Großeltern zuwenden und „übersetzen“, was mein Kind fühlt und braucht, sowie deutlich machen, wenn es nichts Persönliches ist.

Oft braucht es so etwas wie einen doppelten Boden zur Absicherung und auch viel Zeit. Und ggf. müssen wir den Unmut der Verwandtschaft aushalten.

Danielle: Was macht man denn als Eltern in einer Situation, wenn ein anderer Erwachsener ein Dankeschön vom Kind erwartet, wenn er beispielsweise etwas geschenkt hat, aber das schüchterne Kind traut sich nicht, den Mund aufzumachen?

Inke: Steht das Kind dabei und wird unangenehm bedrängt, würde ich mich auch wieder zunächst meinem Kind zuwenden, mich einfühlen, je nach Alter die Gefühle des Schenkenden erläutern und vielleicht ein Angebot machen: Soll ich mich stellvertretend bedanken? Kann das Kind sich vorstellen, später zu danken? Oder ein Bild zu malen oder ähnliches?

Und dann ist erst der Erwachsene dran: Da sollte man das Verhalten des Kindes übersetzen und auf jeden Fall Erpressungen oder Schlechtmachen abwehren. Wenn kein Verständnis da ist, ist das nicht unsere Verantwortung. Da darf man sich keinen Druck machen lassen.

Im Nachgang kann man dann je nach Alter des Kindes die Situation besprechen. Was war stressig? Was wünscht sich das Kind anders für die Zukunft? Welche Vorschläge hat man selbst?

Katja: Ist es denn notwendig, schüchterne Kinder manchmal zu etwas zu zwingen?

Inke: Wenn das Kind einfach nur schüchtern ist, ist es relativ unwahrscheinlich, dass Eltern es zu irgendetwas zwingen müssen außer im Bereich „körperliche Unversehrtheit“, was aber ja bei allen Kindern vorkommen kann.

Die schüchternen Kinder benötigen ansonsten extra viel Zeit, Mitgefühl, Gelegenheiten und kleine Schubser – den goldenen Mittelweg zwischen Zwang und „Ach, dann lass es halt!“. Schüchternheit ohne Leidensdruck ist keine Krankheit! 



Danielle: Lass uns über die Kita-Eingewöhnung von schüchternen Kindern sprechen. Das ist ja sicherlich ein bisschen schwieriger, oder? 

Inke: Oftmals ist das so und das ist dann auch häufig die erste Gelegenheit, bei der Eltern schüchterner Kinder zu mir in die Beratung finden. Gut ist es, wenn man die Möglichkeit hat, eine eher übersichtliche Institution zu wählen oder aber bei einer größeren Zeitfenster fürs Kennenlernen zu nutzen, in denen nicht volles Haus ist. Dann ist es sinnvoll, im Vorfeld viel Wissen an die Erzieher*innen weiter zu geben: Was stresst das Kind besonders? Welche Rituale helfen gut? Und natürlich sollten die Eltern möglichst viel Zeit einplanen. Vielleicht findet das Kind doch rasch zu einer neuen Bezugsperson, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht so hoch. Plane ich nur zwei Wochen ein, haben vermutlich alle irgendwann Druck, der am Ende meist aufs Kind fällt. Daher ist es andersherum deutlich sinnvoller: viel Zeit einplanen und sich freuen, wenn sie nicht nötig ist. 

Katja: Wie kann man schüchternen Kindern helfen, in der Kita oder Schule Freundschaften zu schließen?

Inke: Da finde ich immer als ersten Punkt wichtig, ob das Kind diesen Wunsch hat oder ob nur wir Eltern meinen, unser Kind müsse jetzt doch wirklich mal zwei Hände voll Kumpel*innen haben. Vielleicht ist es nämlich ganz glücklich in seiner Rolle am Rand oder mit seinen Kontakten zu Erwachsenen und braucht noch mehr Zeit, bis Gleichaltrige wichtig werden.

Will das Kind Hilfe, können wir in Rollenspielen oder Gesprächen üben, wie Kontaktaufnahme gehen kann. Und wir können für Gelegenheiten sorgen. Dabei ist es besser, keine gezielte Verabredung mit Kind X zu machen, sondern einfach einen Ausflug zu planen mit der anderen Familie mit dem Ziel Wandern oder Sandburgenbauen oder Picknicken. Dabei kann sich Kontakt ergeben über das gemeinsame Tun, aber es ist kein Gefühl da, das das Kind vielleicht unter Druck setzt. 

Danielle: Schule ist ja auch sicher ein Feld, das schwierig für schüchterne Kinder ist. Wie können Eltern unterstützen, wenn das Kind Angst hat, ausgelacht zu werden, wenn es etwas Falsches sagt, oder gehänselt zu werden, weil es etwas anders macht, als die anderen? 

Inke: Wenn der Fall wirklich eintritt, muss das Kind natürlich gestärkt werden – aber wir sollten nicht im Vorfeld schon ansprechen, dass andere gemein sein könnten, denn das könnte die Ängste erst schüren.

Ist es so, würde ich den/die Lehrer*in immer mit ins Boot holen, damit er oder sie weiß, was im Kind los ist. Manchmal wirkt ein schüchternes Kind ja desinteressiert oder sogar arrogant. Und oft ist auch nicht deutlich, wie sehr andere Kinder ärgern. So kann die Lehrkraft sich genauer auf alles einstellen. Außerdem kann sie diejenigen Kinder, die hänseln und lachen, mit dem schüchternen Kind an einen Tisch holen und offen darüber sprechen, was los ist, wie sich das Kind fühlt und einfach Mitgefühl fördern. Hier in Beziehung zu gehen, hilft oft.

Und natürlich kann man das Selbstvertrauen des Kindes auch anderswo stärken: Darf es eine Leidenschaft in angenehmem Umfeld ausleben und kann da ganz viele gute Erfahrungen machen, kann es von dieser Kraft auch in der Schule getragen werden.



Katja: ich selbst bin ja eher schüchtern und habe z.B. im Studium kein einziges Referat gehalten. Wir hatten immer die Wahl zwischen 100 Seiten Hausarbeit und zehn Minuten Referat und ich habe selbstverständlich immer die schriftliche Hausarbeit gewählt. In der Schule müssen Kinder ja aber meist mündlich mitarbeiten oder Referate halten. Wie kann man sein Kind da unterstützen?

Inke: Ja, das stimmt, das geht auch immer früher los. Stärken würde ich, indem mein Kind zu Hause alle Referate usw. so üben darf, wie es ihm guttut: Braucht es 20 Karteikarten, drei Plakate oder eine Kameraaufzeichnung? Hilft es ihm, wenn ich mir den Vortrag zehnmal anhöre? Und kann ich die Lehrkraft mit ins Boot holen? Die meisten Lehrer*innen sind ganz dankbar, wenn man die Problematik offen anspricht, und viele sind auch ganz kreativ und kompromissbereit: Da ist ein Vortrag vor einer kleineren Gruppe möglich oder mit dem Rücken zur Klasse oder oder oder.

Danielle: Auch in Geschwisterkonstellationen können schüchterne Kinder manchmal untergehen. Worauf muss man als Eltern achten?

Inke: Wichtig finde ich, dass die Schüchternheit den Alltag nicht beherrscht. Ich sollte also nicht immer das schüchterne Kind um Hilfe bitten, weil das forschere ständig so nervig herumargumentiert, wenn es keine Lust hat. Und ich sollte das schüchterne Kind auch nicht außen vorlassen, mal ein Paket bei der Nachbarin abzuholen, weil es immer so viel Unterstützung braucht, um sich zu trauen.

Und dann muss ich natürlich dafür sorgen, dass alle Kinder die Chance haben, gesehen zu werden. Brauchen wir Rederituale am Esstisch, damit auch das schüchterne Kind zu Wort kommt? Brauchen wir verstärkt 1:1-Zeiten, in denen das Kind von einem Elternteil oder einer anderen Bezugsperson die volle Aufmerksamkeit bekommt?

Katja: Wie stärkt man denn das Selbstwertgefühl von schüchternen Kindern? 

Inke: Grundlegend sollte man dafür sorgen, dass das Kind sich nicht mies fühlt, weil es dauernd mit anhören muss, wie schlimm diese Schüchternheit doch ist oder so. Im Gegenteil: es sollte sich besonders gut fühlen dürfen. Können wir herausstellen, was alles Positiv an ihm ist? Können wir die Vorzüge der Schüchternheit sehen und ihm aufzeigen? Sind wir optimistische Vorbilder und können Zukunftsängste nicht zu bedeutend werden lassen? Im Grunde ist es simpel die Beziehungsorientierung, die die höchste Wahrscheinlichkeit mitbringt, dass unser Kind einen gesunden Selbstwert ausbilden kann: also auch gelebte Werte wie Straffreiheit und Vertrauen helfen dabei mir.

Und dann sollte unser schüchternes Kind einfach sehr viel Aktivität und Selbstwirksamkeit spüren dürfen: Wo kann es mitentscheiden? Was kann es selbst machen? Wo darf es Ideen einbringen? Was kann es üben und wir können uns mit ihm freuen? Leben wir mit ihm auch eine gute Fehlerkultur, so dass Probieren und Scheitern nicht dramatisch sind?

Danielle: Gibt es denn allgemein wichtige Aspekte, die Eltern beherzigen sollten, wenn ihr Kind schüchtern ist? 



Inke: Man sollte sich nicht von Klischees, besonders Geschlechterklischees beeinflussen lassen, sondern einfach sein Kind in den Blick nehmen. Das lässt schon viel Druck außen vor.

Und der Blick auf die eigene Geschichte ist hilfreich: War ich ein schüchternes Kind, aber durfte es nicht sein? Bringe ich Ängste mit? Oder bin ich ganz anders und mir fehlt Verständnis, so dass ich daher rasch aus dem Hemd fliege und Druck mache?

Der wichtigste Aspekt ist für mich aber wirklich, wann immer möglich das Kind zu fragen, was es fühlt und was es braucht. Einfühlen und ermutigen sind gefragt – nicht orakeln, übergehen und alles abnehmen. 

Katja: Gibt es auch Situationen, in denen die Schüchternheit echten Leidendruck hervorruft und man dann psychologische Hilfe suchen sollte? 

Inke: Ja, es gibt einige Störungsbilder, bei denen auch schüchternes Verhalten ein Thema sein kann. Ich würde genau hinschauen, ob mein Kind äußert oder ich wahrnehme, dass es ständig bevormundet wird oder selbst gesetzte Ziele rund um die Schüchternheit nie erreicht. Andere Aspekte sind auffällige, dauerhafte Ängste oder Tics, vermehrte Hemmungen beim Sprechen oder im Verhalten und auch wenn ich glaube, mein Kind kann die Menschen um es herum schlecht entschlüsseln.

Im Buch sind Checklisten enthalten, die abklopfen, wann ich als Elternteil noch mehr stärken sollte und auch wann ein/e Expert*in sinnvoll sein könnte. Wichtig finde ich, dass Eltern sich immer Rat suchen, wenn sie Überforderung oder Druck spüren. Manchmal reicht ja eine kleine Einordnung schon und schafft ganz viel Raum und Durchatmen. 

Danielle: Gibt es noch etwas, was du den Zuhörer*innen mitgeben möchtest, so als Schlusswort?

Ja gerne. Mir ist wichtig, dass wir Druck so lange wie möglich bei uns Eltern lassen. Wunderbare schüchterne Kinder brauchen Zeit und Zugewandtheit, keine Unkenrufe und Ängste oder Zwingen. Das belastet das Kind und unsere Beziehung.

Wir dürfen ruhig ein klitzekleines bisschen mehr fordern, als es die Komfortzone wäre, um Entwicklung anzustubsen, aber mehr auch nicht.

Und wichtig ist, das Kind jetzt zu sehen, nicht in 20 oder auch nur in zwei Jahren. Da ist noch so viel Zeit für Entwicklung.

Gewinnt Inkes neues Buch "Mein wunderbares schüchternes Kind". Schreibt einfach eine Mail mit diesem Betreff an wunschkindblog[ät]gmail.com.

2 Kommentare:

  1. Ein interessantes Interview, danke schön!
    Eine Anregung zur Bebilderung: es wäre bei diesem Thema bestimmt gut, u.a. auch ein Foto mit einem schüchtern wirkenden Jungen darauf einzufügen.
    Herzliche Grüße!

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  2. Schöner Artikel, danke!
    Aber ich musste bei "Man sollte sich nicht von Klischees, besonders Geschlechterklischees beeinflussen lassen." doch ein bisschen Schmunzeln, weil auf den Bildern nur Mädchen zu sehen sind. Geschlechterklischees sind offenbar sogar hier sehr anhänglich...
    Viele Grüße, Mutter eines sehr schüchternen Jungen

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