Wie Du Dein Schreibaby beruhigst - Podcast mit Andrea Zschocher

Vor einer Weile war Andrea Zschocher bei und im Podcast zu Gast. Hier kannst Du die Inhalte dieser Folge nachlesen.

Andrea, Du hast ein Buch über Schreibabys geschrieben. Wie kam es dazu?


Ich bin selbst Mutter von drei Schreibabys. Und habe natürlich alle Bücher, die es auf dem Markt gibt gelesen, aus eigenem Interesse und auf der Suche nach Hilfe. Bei den Ratgebern war der Fokus immer auf den Babys, was können Eltern tun um ihre Kleinen gut zu unterstützen. Mir hat da die Sicht auf Eltern gefehlt. Denn für uns ist es ja auch eine wahnsinnige Herausforderung, diese Zeit. Und deswegen habe ich „Wie du dein Schreibaby beruhigst“ geschrieben. Inzwischen, das Buch hat mich ja vor der Veröffentlichung schon 1,5 Jahre begleitet, denke ich, dass der Titel vielleicht auch etwas suggeriert, das ich gar nicht so einlösen kann. Denn im Fokus meines Buches steht ja nicht, wie Eltern untröstlich weinende Babys beruhigen können (die ja nicht umsonst auch so genannt werden), sondern wie Eltern gut durch die Zeit kommen.

Aber natürlich bekommen Eltern nicht nur ganz viel Hilfe für sich selbst an die Hand, im Buch gibt es schon auch viele Tipps von Expertinnen und Eltern von Schreibabys, was bei ihren Kindern geholfen hat.

Schreien ist ja biologisch kein sinnvolles Verhalten. Warum schreien Babys dann oft stundenlang?

Warum es Schreibabys gibt, darauf hat die Wissenschaft noch keine Antwort. Klar ist, diese Babys brauchen sehr viel Zuwendung und oft körperliche Nähe. Und die bekommen sie, in dem sie durch das Schreien auf sich aufmerksam machen.

Tatsächlich ist das für Eltern sehr zermürbend, wenn sie eben wirklich stundenlang ein schreiendes Baby betreuen und das Gefühl bekommen, nichts würde helfen. Das kann einem das Gefühl geben, alles falsch zu machen. Aber da zu sein, das Baby zu halten und auf die Bedürfnisse angemessen zu reagieren, da können Eltern eigentlich nichts falsch machen. Aus eigener Erfahrung kann ich aber auch sagen: Es fühlt sich trotzdem so an, als wäre man vielleicht das falsche Elternteil fürs Kind, weil es sich eben nicht beruhigen lässt.

 
Ab wann genau spricht man von einem Schreibaby?

Es gibt die 3er- Regel, aber ich finde die Quatsch. Trotzdem sei sie hier kurz erklärt: Wenn Babys länger als drei Stunden an drei Tagen in der Woche über einen Zeitraum von (mindestens) drei Wochen schreien, dann gelten sie als Schreibaby. Warum ich diese Regel kritisch sehe: Was bringt es einem denn, wenn man da mit der Stoppuhr steht und feststellt: Das waren „erst“ 2,5 Stunden, aber man kann nicht mehr? Und: Ich habe die Regel überhaupt nicht verstanden. Ich dachte, es ginge darum, dass die Kinder drei Stunden am Stück weinen müssen. Das haben meine Kinder manchmal, aber nicht immer getan. Dass diese Regel sich auf drei Stunden innerhalb von 24 Stunden bezieht, das habe ich erst überhaupt nicht verstanden. Und dann dachte ich: Das ist doch viel zu wenig, alle Kinder schreien so viel. Stimmt vermutlich nicht, aber daran sieht man auch, es ist sehr unterschiedlich, was Eltern als Schreibaby empfinden. Das ist es aber, was in meinen Augen zählt: Die Erschöpfung der Eltern in Bezug auf das Weinen ihres Kindes. Wenn sie sagen: Ich kann das nicht mehr, ich halte das nicht aus, dann brauchen sie Hilfe und keine Stoppuhr.

Schreibabys gibt es nicht in allen Kulturen. Wie ist es zu erklären, dass hierzulande Babys viel öfter schreien, als bspw. in afrikanischen Stämmen?

Dass es Schreibabys in anderen Kulturen nicht gibt, halte ich für Wunschdenken. Ich habe mich da auch mit Expertinnen drüber unterhalten und die Meinung ist eigentlich: Schreibabys gab es schon immer und es gibt und gab sie in allen Kulturen. Der Unterschied ist, dass sich die Betreuung früher auf mehrere Schultern verteilt hat. Da waren auch Tanten, Onkel, Omas und Opas, Nachbar*innen, die bei der Kinderbetreuung unterstützt haben, die die Anstrengungen und Herausforderungen dieser Zeit mitgetragen haben. Heute leben wir meist isolierter, unser Netzwerk ist weniger belastbar. Vielleicht trauen wir uns auch gar nicht um Hilfe zu bitten. Natürlich nehmen wir dann ein viel weinendes Baby sehr viel intensiver wahr.
 


Was sind denn die größten Mythen in Bezug auf Schreikinder?

Da gibt es einige. Schreibabys hätten Drei-Monatskoliken und würden wegen der Bauchschmerzen so viel weinen zum Beispiel. 1954 hat der Kinderarzt Ronald Stanley Illingworth über Dreimonatskoliken und unruhige Babys geschrieben. Wenn Babys beim Weinen die Beine anziehen, ihr Gesicht rot wird, sie schwitzen oder erschöpft sind und Winde abgehen, dann wird Eltern auch heute noch gesagt, dass ihre Kinder an Dreimonatskoliken leiden. Oft werden entschäumende Medikamente verabreicht, dann sollte sich das besser. Ich habe das auch geglaubt, hab die Kinder massiert und im Fliegergriff getragen und alles getan, was man halt so macht, geholfen hat es wenig.

Es wurden Untersuchungen und Röntgenaufnahmen gemacht, die gezeigt haben: Schreibabys haben in der Regel nicht mehr Luft im Darm als andere Kinder auch. Nach dem Schreien können sie tatsächlich Bauchschmerzen bekommen, weil sie beim Schreien viel Luft einatmen. Aber die Bauchschmerzen sind in der Regel nicht ursächlich für das Schreien.

Ein weiterer Mythos ist, dass Schreibabys Allergien oder Unverträglichkeiten hätten. Das führt dazu, dass bei Flaschenkindern auf hypoallergene Milchnahrung umgestellt wird, die vor allem ziemlich teuer ist. Wenn Eltern merken, dass die Ernährung das Schreien leider nicht beeinflusst, können sie zur altbekannten Marke zurückkehren. Müttern, die stillen, wird oft gesagt, sie würden durch ihre Ernährung das Schreien der Kinder forcieren. So wurde mir von Tomaten, Erdnüssen und Steinobst abgeraten, weil all das für das Schreien meines Stillbabys verantwortlich sein soll. Stimmt natürlich auch nicht.

Ein Mythos der mir den Boden unter den Füßen ein wenig weggerissen hat, war der, dass nach 12 Wochen alles vorbei ist. Ich erinnere noch, wie ich auch bei euch auf dem Blog gelesen habe, wie sich das Schreien von Säuglingen entwickelt und dachte: Ok, bis zur 6. Woche wird es schlimmer, dann besser und nach 12 Wochen hat es sich auf einem normalen Niveau eingependelt. Was ich nicht bedacht hatte: Babys sind keine exakte Wissenschaft und Schreibabys folgen solch einer Kurve leider auch nicht. Meine Kinder haben teilweise bis zum 1. Geburtstag mehr oder weniger durchgehend geschrien. Und diese Zeitmarken, dieses Hinhoffen auf die 12 Wochen, vier Monate, sechs Monate, das hat mir ganz schön viel Kraft geraubt.

Welche Ursachen gibt es dafür, dass Babys extrem viel schreien?

Die genauen Ursachen sind nicht klar. Es liegt in unserer Natur, dass wir immer einen Grund brauchen, warum etwas ist, wie es ist. Aber warum einige Kinder mehr schreien als andere, das ist abschließend nicht geklärt. Manche haben vielleicht größere Probleme mit der Anpassung an das „Draußen“, an unsere Welt. Es heißt ja immer wieder, dass wir eigentlich alle rund drei Monate zu früh geboren sind. Und diese 12 Wochen sind auch die, die statistisch betrachtet die meisten Schreibabys eben besonders viel weinen. Aber es trifft auch nicht auf alle Kinder zu.

Oft heißt es auch, dass die Art, wie Kinder geboren werden, Einfluss auf ihr Schreiverhalten haben könnte. In meinen Interviews habe ich besonders häufig von Müttern, die einen Kaiserschnitt hatten, gehört, dass sie deswegen Schuld am Schreien ihres Babys hätten. Das stimmt aber nicht. Es ist nicht egal, wie wir geboren werden, aber auf ein Schreibaby hat das keine Auswirkungen. Zumindest nicht in dem Sinne, dass die Art der Geburt das Schreibaby-Sein beeinflussen würde.

Manchmal wird insbesondere Müttern gesagt, dass sie Schreibabys hätten, weil sie in der Schwangerschaft zu viel Stress gehabt hätten. Natürlich ist Stress nicht gut für das Kind, aber wenn man den Vorwürfen genau zuhört, dann ist es oft total absurd, was da alles Stress beim Kind auslösen soll. Und was hilft es einem gestressten Elternteil, wenn jemand solche Vorwürfe in den Raum stellt? Immer wieder gilt: Manche Ratschläge sind einfach nur Schläge.


 
Was kann man denn dagegen tun?

Man muss nicht jeden Ratschlag annehmen und sich jeden Schuh anziehen. Das sagt sich so leicht, denn in der Situation, in der man schon aufgelöst ist und mit Schlafmangel zu kämpfen hat, fällt so etwas natürlich schwer. Aber es ist unser gutes Recht sich vor solch übergriffigem Verhalten zu schützen.

Außerdem rate ich immer dazu, sich schöne Erinnerungen zu schaffen. Ich habe nicht so viele Erinnerungen an die Babyzeit, das meiste verschwindet in einem Nebel aus Geschrei. Für das Buch musste ich schon eine Weile nachdenken, bis mir schöne Erinnerungen einfielen. Das war hart. Und gleichzeitig ist es ja wichtig, dass wir die Kinder nicht nur als Schreibabys sehen. Heute kann ich mich noch immer nicht an alles erinnern, aber diese besonderen, glitzernden Momente, die halte ich jetzt fest. Als Gegenpol zu dem Geschrei. Mir hilft das.

Hilft Schreibaby Osteopathie oder Physiotherapie? Was genau wird da gemacht?

Es kann helfen, aber ich würde da keine Wunder erwarten. Mit einem meiner Kinder war ich bei der Physiotherapie, das war aber eher ein Zufall, ich bin da nicht zielgerichtet wegen des Kindes sondern eigentlich meinetwegen hingegangen. Und meinem Sohn hat das auch geholfen, es wurde geschaut, ob es da eine Verspannung gibt und die dann gelockert. Mein Kind schlief meist während der Behandlung oder ganz kurz danach ein, so dass ich ihn schlafend ins Tragetuch gehoben habe und er dann tatsächlich für kurze Zeit ruhig war. Meine Hoffnung war wirklich groß, dass diese Behandlung das Schreien „heilen“ könnte. Aber es stimmte nicht. Mein Sohn hatte Verspannungen, wie viele Kinder sie nach der Geburt haben können. Das trifft vor allem auf vaginal geborene Kinder zu, Statistiken belegen hier, dass der Einsatz von Physiotherapie oder Osteopathie hier wirklich helfen kann. Aber das Schreibabys nun durch Osteopathie oder Physiotherapie komplett aufhören zu schreien, das lässt sich nicht belegen.

Natürlich können Eltern das probieren, wenn es ihnen oder dem Kind hilft, dann ist das doch super. Im Zweifelsfall investiert man etwas Geld und bekommt dafür etwas Erholung. Manchmal hilft es ja schon, dass jemand anderes das eigene Kind ganz kompetent hält und es dadurch ruhig ist. Dann kann man durchatmen und das hilft einem selbst durch die Woche. Finde ich vollkommen in Ordnung. Ich würde allerdings immer schauen, dass ich zu jemandem gehe, der auch wirklich Erfahrung mit Babys hat, nicht jeder*m würde ich meinen Säugling anvertrauen.

Du schreibst, eine reizarme Umgebung kann das Schreien verringern. Wobei sollte man vor allem achten?

Reizarme Umgebung klingt ehrlich gesagt schrecklich, oder? Für mich war das so eine ganz schlimme Vorstellung. Ich dachte, es dürfte keinerlei Geräusche mehr geben, damit sich das Baby auch nicht zu sehr aufregt oder erschreckt. Dabei meint reizarm eigentlich nur: Nicht viel mehr als den ganz normalen Alltag. Mit Radio hören, telefonieren, wenn das Baby das toleriert auch Freund*innen treffen. Meine Kinder fanden das total spannend, eine Strategie war dann, mir Freundinnen einzuladen, denn dann waren die Kinder so abgelenkt, dass sie nicht geschrien haben. Das kam dann erst, wenn der Besuch weg war und nach kurzer Zeit war klar: Nee, das geht so nicht. Also traf ich meine Freund*innen zum Spaziergang. Das Baby im Tragetuch, so dass es eben auch vor vielen Außenreizen geschützt war, ich aber gleichzeitig ein Stückchen Normalität hatte.

Ich rate auch immer dazu, zu schauen, was man selbst gut erträgt. Viele Schreibabys sprechen auf White Noise, also so ganz monotone Geräusche wie Föhn oder Waschmaschine gut an. Es gibt auch Apps, die das simulieren. Es gibt Eltern, die da gute Erfahrungen mit gemacht haben. Für mich war klar, dass ich das nicht kann. Ich hätte diese Geräuschkulisse nicht ertragen. Und das finde ich wichtig, nicht nur zu schauen was dem Kind gut tut, sondern auch was für die Eltern stimmig ist. Wir kommen da nur zusammen durch und nicht, in dem wir uns und unsere Bedürfnisse vollkommen vergessen.


 
Wo finde ich Hilfe, wenn ich völlig am Ende bin?

Wenn es ganz akut ist, wenn man Angst hat dem Baby oder sich selbst etwas anzutun, dann ab in die Notaufnahme. Klingt für viele sicherlich total übertrieben. Ich habe den Tipp von einer Expertin bekommen, mit der ich auch über ihre Arbeit in einer Schreibaby-Ambulanz sprach. Sie erklärte: Es ist immer jemand da, es kann immer jemand das Kind angucken und bevor man in der eigenen Verzweiflung sich oder das Baby verletzt, ist das der bessere Weg.

Wenn es nicht so akut ist, dann rate ich zum Besuch bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt. Hier kann abgeklärt werden, ob es körperliche Ursachen fürs vermehrte Schreien gibt. Außerdem kann hier auch die Überweisung ins Sozialpädiatrische Zentrum erfolgen. Die gibt es in vielen Städten und sie kümmern sich u.a. auch um Schreibabys und deren Eltern. Ich habe das selbst nie in Anspruch genommen, weil ich immer dachte, dass ich keine Zeit habe, den Termin dort in mein volles Leben mit mehreren Kleinkindern zu quetschen.

Natürlich kann man sich auch an Schreibabyexpert*innen wenden. Das ist leider oft eine Selbstzahler*innenleistung, manchmal kann man im Vorfeld mit der Krankenkasse reden. Hier rate ich darauf zu schauen, was einem da gut tut. Nicht jeder Ansatz ist was für einen. Und es ist auch vollkommen ok zu sagen: Nein, das passt für mich nicht. Ich war bei der Recherche fürs Buch z. B. sehr abgestoßen von Menschen, die Schreibabys als „Brüllaffen“ bezeichnet haben, oder meinten, Schreibabys müssten nur mal ausführlich von ihrem Tag erzählen und wenn man als Elternteil aufmerksam genug zuhören würde, dann sei es auch vorbei.

Es gibt sogenannte Schreiambulanzen. Wie arbeiten die? Sind sie empfehlenswert?

Ich kann da keine generelle Empfehlung oder Ablehnung aussprechen, es kommt tatsächlich auf die einzelne Ambulanz und die Menschen dort an. Für meine Recherche habe ich mich vor Ort ein bisschen umgeschaut, viel telefoniert und habe schon Unterschiede festgestellt. Ich habe auch mit Eltern gesprochen die dort betreut wurden und ganz unterschiedliches Feedback bekommen. Hier kann ich nur raten: Wenn es sich nicht gut und richtig anfühlt, was da vorgeschlagen wird, dann ist es vielleicht auch nicht passend. Wenn gesagt wird, man solle den Säugling ins Bett legen und dann im Prinzip ein Schlaftraining durchgezogen werden soll (ohne das so zu benennen), dann rate ich zu hinterfragen, ob das der richtige Ansatz ist.

Gleichzeitig möchte ich nicht, dass jemand nun ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn er oder sie diesen Weg gegangen ist. Denn ich weiß ja auch, wie herausfordernd diese Zeit ist. Und natürlich sind Eltern von Schreibabys empfänglich für jede Art von Strohhalm. Wenn mir jemand gesagt hätte: Wenn du jetzt das und das und das machst, dann wird dein Baby nicht mehr schreien, du musst das nur erstmal ein paar Wochen durchstehen, keine Ahnung ob ich das nicht ausprobiert hätte. Weil die Verlockung natürlich groß ist, dass das jemand mit Expert*innenstatus sagt: Ich weiß wie es läuft. Deswegen kann ich nur noch mal an euch Eltern appellieren: Wenn es euch komisch vorkommt, dann hinterfragt es vor Ort oder beim nächsten Gespräch. Und wenn es nicht zu euch passt, dann ist es vollkommen legitim, das auch abzubrechen und um eine andere Beratung zu bitten.

Ich lese immer wieder, dass vermehrtes Schreien auch ein Zeichen für Autismus oder ADHS sein soll - hast Du dazu Informationen recherchiert?

Ich habe dazu recherchiert und laut aktueller Studienlage gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis, dass es zwischen ADHS und dem früheren Schreibaby-Sein einen Zusammenhang gibt. Natürlich ist die Sorge groß, dass das viele Schreien den Kindern auf irgendeine Art schaden könnte. Und das tut es, wenn die Bedürfnisse nicht angemessen erfüllt werden. Das bedeutet im Klartext: Wenn Eltern beschließen: Ich kann nicht mehr, ich lass das Baby einfach weinen, mir egal, dann wird es für das Kind schwer. Aber wenn Eltern immer signalisieren, mit zunehmendem Alter reicht das auch verbal: Ich bin da, ich kümmere mich um dich, dann kommen Schreibabys gut durch diese Zeit. Mal als Beispiel für die Eltern, deren Kinder so wie meine, eben weit über den sechsten Monat hinaus schreien: Wenn das Baby da mal weint und ihr seid gerade dabei die Butter in den Kühlschrank zu packen, dann ist das vollkommen ok eurem Baby zu sagen: „Ich bin sofort bei dir um dich zu trösten, ich stell nur noch kurz die Butter in den Schrank.“ Und wenn ihr das erledigt habt, dann nehmt ihr das Kind in den Arm. Umso jünger das Kind, umso prompter muss natürlich die Reaktion erfolgen. Aber, bevor das nun auch wieder Stress auslöst: Bevor ihr euer Baby wütend oder total angespannt hochnehmt und es vielleicht unter Stress noch fest an euch drückt, weil ihr einfach nicht mehr könnt: Wenn ihr am Limit seid und euer Baby sicher (!) ablegt und den Raum verlasst um mal kurz durchzuatmen, dann nimmt das davon keinen dauerhaften Schaden.

Wie kann man eigentlich Geschwistern durch diese schwere Phase helfen? Die leiden ja vermutlich auch darunter.

Hier ist meine Antwort tatsächlich zweigeteilt. Eine Schreibabyexpertin, die ich zu diesem Thema auch fürs Buch befragt habe, meinte, dass das Schreien für die Geschwisterkinder vermutlich weniger das Problem sei. Dafür könnten Eltern ja auch einen Gehörschutz besorgen. Schwieriger sei, dass Eltern eben nicht verfügbar sind, weil sie ihre Aufmerksamkeit vermehrt dem Schreibaby zuwenden. Da muss ich immer an euer Buch „Baby ist da!“ denken, wo Eifersucht aufs Geschwisterkind ja auch ein Thema ist. Nur: Das Baby im Buch ist kein Schreibaby, weswegen ich denke, dass es eben ein Thema für alle Kinder ist und weniger für Schreibaby-Geschwister.



Aus meinem persönlichen Erleben muss ich sagen, dass meine Kinder nicht unter Eifersucht gelitten haben, sondern eher darunter, nicht mehr/besser helfen zu können. Wenn das Geschwisterkind geweint hat, dann hat das ältere immer sehr zugewandt reagiert, sich gekümmert. Wir Eltern haben uns dann aufgeteilt, dass eine*r was mit dem Baby machte, und eine*r was mit den Älteren. Damit es einen Ausgleich für alle gibt, mit Ruhephasen für alle. Und ich kann zumindest bei meinen Dreien, die ja nun alle Schreibabys waren und ihre Geschwister schreiend erlebt haben, feststellen, dass die wenn es drauf ankommt, schon sehr nah beieinander sind. Wenn jemand weint, dann sind sie immer noch sehr für einander da. Und das gibt mir tatsächlich Hoffnung.

Schreibabys wirken sich auch auf die Partnerschaft und Freundschaften aus. Was ist wichtig, damit es hier nicht kriselt?

Verständnis. Langmut. Gemeinsam lachen. Was es glaube ich weniger braucht, sind Paarauszeiten. Ich freue mich für jedes Paar, was das macht. Aber mir kam das immer sehr utopisch vor, dass ich eine*n Babysitter*in beauftrage, mein schreiendes Baby zu beaufsichtigen, damit ich mit meinem Mann ausgehen kann. Wir haben das nicht gemacht, wir hatten Abende zu dritt, an denen wir uns angemotzt haben, abwechselnd auf dem Pezziball gehüpft sind und uns irre Dinge an den Kopf geworfen haben. Über die wir tatsächlich zum Glück auch oft genug lachen mussten. Humor hilft hier tatsächlich immer.

Was die Freundschaften angeht, da muss ich gestehen, die müssen schon ein wenig leidensfähig sein. Freundschaften verändern sich mit einem Baby eh, gerade wenn es im Freundeskreis noch nicht so viele Kinder gibt. Aber mit einem Schreibaby kann es schnell einsam werden. Hier kann ich nur raten mit offenen Karten zu spielen. Ich wollte nie telefonieren, weil mein Baby mir ja parallel auch ins Ohr schrie. Dafür bin ich viel spazieren gegangen, denn wenn ich in Bewegung war, war das Kind ruhig und meine Freund*innen fanden Spaziergänge auch super. Ich habe auch eine Freundin, die Gewehr bei Fuß stand. Wenn ich das Startsignal gab, holte sie mich zuhause ab und wir gingen Kuchen essen, in einem sehr abgesteckten Zeitrahmen von 1,5 h, die ich meinen Mann und mein Baby mal allein lassen konnte. Und gleiches galt dann für meinen Mann, wir haben uns jeweils für eine kurze Zeit allein mit Freund*innen getroffen, aber klar war auch immer: Wir lassen den/ die andere*n nicht hängen und sind nach 1,5h wieder zuhause.

Welches sind die wichtigsten Ratschläge, die Du Eltern von Schreikinder mitgeben kannst?

Probiert nicht zu viel hintereinander aus. Nicht schuckeln und tragen und wiegen und Nuckel und White Noise… Das setzt jedes für sich einen Impuls, auf den das Baby reagieren muss. Und alles kann gelingen, muss aber nicht.

Tragen kann ich wirklich empfehlen, insbesondere, wenn man vorher eine Trageberatung gebucht hat. Für uns war das Gold wert. Immer wieder schauen was für einen selbst passt. Wenn einen selbst White Noise überfordert, dann muss man das nicht dem Baby zuliebe ertragen.

Abraten würde ich von allem, wo man sich unter Umständen langfristig bindet. So etwas wie Baby zum Einschlafen im Auto durch die Gegend fahren, das macht auf Dauer unglücklich und ist gefährlich. Oder ein bestimmtes Schlafritual, was dann tagtäglich genau gleich sein muss.

Nicht auf Zeiten schielen, wann euer Baby aufhört untröstlich zu weinen kann sehr unterschiedlich sein.

Hilfe holen, ein für mich elementarer Punkt. Ihr müsst nichts aushalten, es gibt keinen Preis zu gewinnen, wenn ihr euch quält. Wenn ihr euch nicht traut um vermeintlich große Gefallen zu bitten, viele kleine helfen auch. Mal das Geschwisterkind aus der Kita mitnehmen lassen, sich Essen kochen oder mal in Ruhe duschen (oder schlafen) während eine Vertrauensperson das Baby nimmt, all das schafft etwas Abstand und hilft beim Durchhalten.
 
Gleichzeitig gilt: Nicht jede Hilfe passt zu euch. Und ihr habt das Recht „nein“ zu sagen.

Nicht vereinsamen. Ob ihr wie ich einfach mit Freund*innen spazieren geht, euch abends verabredet oder lange Nachrichten austauscht, alles, was gegen die Ohnmacht und das Gefühl der Verzweiflung und Einsamkeit hilft, ist gut. Wichtig ist auch über alles zu reden. Auch über die dunklen Gedanken. Wer sich das im Freundeskreis nicht traut, der/die wendet sich an einen Profi. Ihr müsst das nicht allein durchstehen.

Vielen Dank, liebe Andrea! Wenn ihr mehr zum Thema lesen wollt, könnt Ihr das in "Wie du dein Schreibaby beruhigst" tun.

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