Geschwister begleiten: Liebe, Streit, Fairness und Zusammenhalt - Podcast mit Dr. Martina Stotz

Geschwister sind etwas Wunderbares. Sie wachsen gemeinsam auf, teilen Geheimnisse, erfinden Spiele, bauen Welten, die nur sie verstehen. Und sie bringen sich gegenseitig auf die Palme wie niemand sonst. Kaum eine Beziehung im Leben ist so eng, so liebevoll, so konfliktgeladen. Vielleicht kennst du das auch: Du sitzt im Nebenzimmer, hörst erst Kichern, dann ein lautes „Mamaaa, er hat mich gehauen!“ und denkst dir: Warum können sie nicht einfach mal fünf Minuten friedlich spielen?

Das Schwierige an der Geschwisterbeziehung ist, dass sie zwei Grundbedürfnisse in uns allen berührt, die scheinbar gegeneinander stehen. Wir wollen dazugehören und geliebt werden, aber wir wollen auch einzigartig und wichtig sein. Genau in diesem Spannungsfeld leben Geschwisterkinder. Sie ringen ständig darum, gesehen zu werden, und vergleichen sich unbewusst miteinander. Nicht, weil sie gemein sind, sondern weil sie spüren, dass Zuwendung und Liebe die wichtigste Währung in ihrer kleinen Welt sind. Darüber sprechen wir in unserer Podcastfolge mit Dr. Martina Stotz. Sie hat das Buch "Geschwisterkinder – Streit, Fairness, Zusammenhalt – kompetente Lösungen für mehr Harmonie im Familienalltag"* geschrieben.


 
Eifersucht, Neid und Konkurrenz gehören deshalb ganz natürlich dazu. Kinder wollen spüren, dass sie sicher gebunden sind. Wenn das Geschwisterchen mehr Nähe bekommt, kann das wie ein kleiner Stich ins Herz sein. Diese Gefühle sind kein Zeichen von Misslingen, sondern ein Zeichen von Entwicklung. Wenn wir sie ernst nehmen, können Kinder daran wachsen. Eltern, die ihre Kinder durch Konflikte begleiten, schenken ihnen die vielleicht wichtigste Fähigkeit überhaupt: Frieden zu lernen.

Oft glauben wir, dass wir Geschwisterstreit lösen müssen. Dass wir eingreifen und entscheiden müssen, wer recht hat. In Wahrheit brauchen Kinder aber vor allem Orientierung und Halt. Sie wollen wissen, dass wir da sind und dass sie sicher sind. Nicht selten steckt hinter einem Schlag oder einem Wutanfall kein böser Wille, sondern ein unausgesprochenes „Sieh mich! Ich will dazugehören!“. Wenn wir das verstehen, verändert sich der Blick auf Streit völlig.

Martina spricht in ihrer Arbeit von einem Haus der Geschwisterliebe. Ein Haus, das wir Eltern bauen, Stein für Stein. Sein Fundament sind wir selbst. Wenn wir gestresst, müde oder überfordert sind, wackelt das ganze Gebäude. Das Erdgeschoss besteht aus der Bindung zu jedem einzelnen Kind, der erste Stock aus der Beziehung zwischen uns Eltern, und darüber kommen all die Einflüsse des Alltags. Manchmal fühlt es sich an, als würde das ganze Haus im Sturm stehen. Und dann hilft es, sich daran zu erinnern, dass kein Haus perfekt gebaut ist und dass Risse dazugehören.

Was Kindern in solchen Momenten hilft, sind klare und liebevolle Grenzen. Nicht Härte, sondern Halt. Statt zu schimpfen, können wir sagen: „Stopp, ich sehe, dass du wütend bist, aber ich beschütze euch beide.“ Wenn wir ruhig bleiben, zeigen wir unseren Kindern, dass sie sicher sind, selbst wenn es kracht. Und wenn wir uns nach einem Streit wieder verbinden, lernen sie, dass Liebe stärker ist als Wut.

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Elternsein mit mehreren Kindern ist fordernd. Wir sind müde, ständig gefragt, immer im Einsatz. Und dann sollen wir auch noch geduldig und empathisch bleiben. Es ist okay, wenn das nicht immer klappt. Wichtig ist nicht, dass wir nie laut werden, sondern dass wir immer wieder zurückkehren. Dass wir sagen: „Das war zu heftig, es tut mir leid.“ Kinder lernen am meisten aus dem, was wir vorleben, nicht aus dem, was wir sagen.

Und Humor hilft. Wirklich. Wer mitten im Geschwisterchaos mal lachen kann, entspannt die Lage sofort. Manchmal reicht ein Augenzwinkern oder ein albernes Kissen-Duell, um die Energie zu verwandeln. Denn Kinder lieben Nähe und Leichtigkeit.

Am Ende geht es nicht darum, Geschwisterfrieden herzustellen, sondern Geschwisterliebe zu ermöglichen. Das bedeutet, dass Konflikte ihren Platz haben dürfen, dass Gefühle willkommen sind und dass jedes Kind weiß: Ich werde geliebt, so wie ich bin. Wenn wir das vermitteln, dann wächst aus Rivalität Verbindung und aus Konkurrenz Zusammenhalt.

Und irgendwann, wenn du sie eines Tages beobachtest, wie sie sich gegenseitig trösten, wirst du wissen, dass sich all die anstrengenden Stunden gelohnt haben. Dann siehst du, dass sie gelernt haben, was du ihnen jeden Tag vorgelebt hast: dass Liebe immer größer ist als Streit.

Mehr darüber könnt ihr auch in "Das Geschwisterbuch"* von uns lesen. 


Mehr über Martinas Arbeit erfahrt ihr auf ihrer Webseite, bei Instagram und in ihrem Podcast.

Wir erwähnten folgende Podcast-Folgen: Folge 154 unseres Podcasts mit Martina "Bindung und Urvertrauen aufbauen und stärken" und Danielle zu Gast in Martinas Podcast: "Kinder beim sauber werden liebevoll begleiten".

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.