Kindliche Sexualität ist ein Thema, das viele Eltern verunsichert. Es taucht oft früher auf, als man erwartet, und bringt Fragen mit sich, für die es in vielen Familien bisher keine Sprache gab. Dabei ist kindliche Sexualität ein ganz normaler Teil der Entwicklung. Kinder kommen mit einem Körper auf die Welt, den sie spüren, erforschen und über den sie lernen wollen. Neugier, Lustempfinden und das Interesse am eigenen Körper bedeuten dabei nichts Sexuelles im erwachsenen Sinn, sondern sind Ausdruck von Entwicklung, Selbstwahrnehmung und Lernen.
In dieser Podcastfolge mit der Sexualpädagogin Magdalena Heinzl, basierend auf ihrem Buch „Was kribbelt da so schön?“, geht es genau um diese Unterscheidung. Kindliche Sexualität meint nicht Sexualität zwischen Erwachsenen, sondern körperliches Erleben, Nähe, Neugier und das Bedürfnis nach angenehmen Empfindungen. Schon Babys erleben Lust zum Beispiel beim Trinken, Kuscheln oder Saugen. Kleinkinder entdecken ihren Körper weiter, berühren sich selbst, vergleichen Körper und stellen Fragen. All das ist normal und gesund.
Für viele Eltern wird es schwierig, wenn diese Entdeckungen sichtbar werden. Wenn Kinder sich an den Genitalien berühren, laut Fragen stellen oder im Spiel Beziehungssituationen nachahmen, reagieren Erwachsene oft mit Scham, Unsicherheit oder dem Wunsch, das Thema schnell zu beenden. Genau hier ist es wichtig, innezuhalten und sich bewusst zu machen, dass die eigene Reaktion prägend ist. Beschämung, Abwertung oder ein striktes Verbot vermitteln Kindern, dass ihr Körper oder ihre Neugier etwas Falsches ist. Begleitung heißt nicht, alles zu erlauben, sondern Orientierung zu geben, ruhig zu bleiben und Grenzen verständlich zu erklären.
Eine große Rolle spielt dabei Sprache. Kinder brauchen klare Begriffe für ihren Körper. Penis, Vulva oder Vagina sind keine schlimmen Wörter, sondern helfen Kindern, ihren Körper einzuordnen und darüber zu sprechen. Verniedlichungen mögen gut gemeint sein, können aber dazu führen, dass Kinder keinen passenden Wortschatz haben, wenn sie etwas erzählen oder Hilfe brauchen. Sprache ist auch ein wichtiger Schutzfaktor. Kinder, die ihren Körper benennen können und wissen, was sich gut anfühlt und was nicht, können ihre Grenzen besser ausdrücken.
Ein zentraler Punkt aus dem Buch und dem Gespräch ist die Verbindung zwischen sexueller Bildung und Prävention. Prävention beginnt nicht mit einem einmaligen Gespräch oder einem Buch, sondern im Alltag. Sie zeigt sich darin, dass Kinder ernst genommen werden, dass ihre Gefühle zählen und dass sie lernen dürfen, Nein zu sagen. Gleichzeitig lernen sie, die Grenzen anderer zu respektieren. Sexualpädagogische Begleitung bedeutet deshalb auch, Beziehungskompetenz zu fördern, Empathie zu stärken und Machtverhältnisse bewusst zu machen.
Auch Doktorspiele gehören zur kindlichen Entwicklung. Kinder erkunden dabei ihren eigenen Körper und den anderer, aus Neugier und ohne sexuelle Absicht. Entscheidend ist, dass diese Spiele freiwillig, gleichberechtigt und altersangemessen stattfinden. Eltern müssen nicht eingreifen, solange diese Bedingungen erfüllt sind. Wichtig ist aber, mit den Kindern über Regeln zu sprechen, über Privatsphäre, über das Recht, jederzeit aufzuhören, und darüber, dass bestimmte Handlungen nur in geschützten Räumen stattfinden.
Ein weiterer Aspekt, der viele Eltern beschäftigt, ist der Umgang mit Medien. Kinder kommen heute oft früher mit sexualisierten Inhalten in Kontakt, als Erwachsene denken. Das lässt sich nicht immer verhindern, aber begleiten. Entscheidend ist, vorbereitet zu sein, ruhig zu reagieren und dem Kind Raum für Fragen zu geben. Aufklärung bedeutet auch hier, Sicherheit zu vermitteln und einzuordnen, was gesehen wurde.
Magdalena Heinzl betont außerdem, wie wichtig es ist, dass Eltern sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen. Viele Unsicherheiten entstehen nicht durch das Verhalten der Kinder, sondern durch eigene Erfahrungen, Tabus oder Schamgefühle. Wer sich darüber bewusst wird, kann anders reagieren, weniger impulsiv und mehr im Kontakt mit dem Kind. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern präsent und lernbereit.
Kindliche Sexualität zu begleiten heißt, Kinder in ihrer Entwicklung ernst zu nehmen. Es heißt, Fragen zuzulassen, Antworten zu suchen und sich selbst ebenfalls auf den Weg zu machen. Das Buch „Was kribbelt da so schön?“ von Magdalena Heinzl bietet dafür eine fundierte, verständliche und sehr alltagsnahe Grundlage. Es macht Mut, offen zu bleiben, auch dann, wenn es sich ungewohnt anfühlt, und zeigt, dass Aufklärung kein einmaliges Gespräch ist, sondern ein Prozess, der mit Beziehung, Vertrauen und Haltung zu tun hat.

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