Gleichberechtigung ist längst kein Randthema mehr. Die meisten Menschen würden unterschreiben, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte, Chancen und Möglichkeiten haben sollten. Und trotzdem sieht der Alltag oft ganz anders aus. Sorgearbeit bleibt an Frauen hängen, mentale Verantwortung ebenso, und selbst in vermeintlich modernen Partnerschaften reproduzieren sich alte Rollenbilder erstaunlich hartnäckig.
In dieser Podcastfolge sprechen wir mit Patricia Cammarata über genau diese Widersprüche. Über das, was wir eigentlich wissen, und das, was wir trotzdem tun. Über Muster, die nicht nur gesellschaftlich existieren, sondern tief in uns selbst verankert sind. Patricia hat darüber das wirklich tolle Buch "Musterbruch"* geschrieben.
Kein Wissensproblem sondern ein Handlungsproblem
Ein zentraler Gedanke, der sich durch das Gespräch zieht, ist die Erkenntnis, dass Gleichberechtigung nicht am fehlenden Wissen scheitert. Die meisten Paare wissen, dass Sorgearbeit ungleich verteilt ist. Viele wissen auch, dass das unfair ist. Und trotzdem ändert sich wenig.
Warum das so ist, liegt nicht an mangelndem guten Willen, sondern daran, dass Gleichberechtigung weit mehr berührt als Organisation. Es geht um Identität, Sicherheit und Zugehörigkeit. Wer Rollen verlässt, riskiert Reibung, in der Partnerschaft, im Umfeld und in der eigenen Familie. Gegen den Strom zu leben fühlt sich oft nicht nach Freiheit an, sondern nach Anstrengung und Rechtfertigung.
Sorgearbeit und mentale Last als unsichtbares Fundament
Besonders deutlich wird das beim Thema Sorgearbeit. Selbst wenn beide Eltern gleich viel arbeiten oder Frauen die Hauptverdienerinnen sind, übernehmen sie weiterhin den Großteil der Verantwortung. Planung, Organisation, emotionale Begleitung und Vorausdenken bleiben häufig weiblich konnotiert.
Das Problem ist dabei nicht individuelle Bequemlichkeit, sondern ein System, das diese Arbeit abwertet und gleichzeitig als selbstverständlich voraussetzt. Sorgearbeit gilt als privat, als Ausdruck von Liebe, als etwas, das eben dazugehört. Solange das so bleibt, wird sich strukturell wenig verändern.
Weiblicher Selbstwert und die Fixierung auf Aussehen
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die Frage, warum weiblicher Selbstwert so eng mit dem eigenen Aussehen verknüpft ist. Viele Frauen wissen rational, dass ihr Wert nicht von Attraktivität abhängt, und fühlen sich trotzdem ständig unzureichend.
Diese Fixierung beginnt früh. Mädchen lernen sehr schnell, dass sie gesehen, bewertet und verglichen werden. Dass Schönheit Türen öffnen kann. Und dass Nichtgefallen ein Risiko ist. Eine feministische Perspektive bedeutet hier nicht, alle Körper schön zu finden, sondern Schönheit als Maßstab grundsätzlich infrage zu stellen.
Romantische Liebe und emotionale Abhängigkeit
Auch romantische Liebe wird im Gespräch kritisch betrachtet. Nicht, weil Nähe oder Partnerschaft problematisch wären, sondern weil sie für Frauen oft als zentraler Lebenssinn erzählt werden. Alleinsein gilt schnell als Defizit, Partnerschaft als Beweis von Wert und Gelingen.
Diese Erzählung schafft Abhängigkeit, emotional wie strukturell. Sie erschwert gleichberechtigte Beziehungen und verengt den Blick darauf, wo Nähe, Geborgenheit und Zugehörigkeit entstehen können. Freundschaften, Wahlfamilien und solidarische Gemeinschaften bleiben dabei häufig unterbewertet.
Solidarität statt Konkurrenz
Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Frage nach Solidarität unter Frauen. Frauen werden gesellschaftlich früh in Konkurrenz zueinander gebracht, um Anerkennung, Sicherheit und Aufmerksamkeit. Das führt dazu, dass patriarchale Strukturen nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen mitgetragen werden.
Solidarität bedeutet hier nicht Einigkeit um jeden Preis. Sie beginnt dort, wo wir anderen Frauen nicht automatisch misstrauen, wo wir ihnen Erfolg zugestehen und uns nicht selbst abwerten müssen, um dazugehören zu dürfen. Es geht darum, Raum nicht als knappes Gut zu begreifen.
Kinder Grenzen und frühe Prägungen
Das Gespräch macht deutlich, wie früh diese Muster weitergegeben werden. Wenn Mädchen lernen, Übergriffe zu relativieren oder eigene Grenzen zu ignorieren, weil das angeblich Liebe sei, werden Grundlagen für spätere Abhängigkeiten gelegt. Gleichberechtigung beginnt deshalb nicht erst in erwachsenen Beziehungen, sondern in der Art, wie wir mit Kindern über Gefühle, Körper und Nähe sprechen.
Das Private ist politisch
Am Ende wird klar, dass all diese Themen keine rein privaten Fragen sind. Wer Sorgearbeit übernimmt, wer verzichten kann, wer sich absichert und wer sichtbar bleibt, ist strukturell geprägt. Gleichberechtigung lässt sich nicht allein individuell lösen, aber sie beginnt im Alltag.
Musterbruch heißt nicht, alles richtig zu machen. Es bedeutet hinzuschauen, Routinen zu hinterfragen und sich Schritt für Schritt aus alten Erwartungen zu lösen, auch wenn das unbequem ist. Veränderung beginnt dort, wo wir aufhören, Ungleichheit als normal hinzunehmen.
Mehr über Patricia erfahrt ihr auf ihrem Blog Das Nuf oder bei Instagram.








