Ab wann entwickeln Kinder Empathie und wie lernen sie Mitgefühl?

Ein sonniger Tag im Buddelkasten. Justus und Ida, beide zweieinhalb, buddeln nebeneinander. Die Eltern sitzen kaffeetrinkend am Rand und genießen für ein paar Minuten die Ruhe. Plötzlich entscheidet Justus, dass Idas rote Schippe viel schöner ist als seine blaue, und versucht, ihr diese aus der Hand zu reißen. Ida kontert, indem sie Justus mit der freien Hand eins über die Rübe haut. Justus heult auf, lässt die Schippe los und wirft stattdessen eine Handvoll Sand mitten in Idas Gesicht. Nun heulen beide und die Eltern eilen herbei, um zwischen ihnen zu vermitteln.

Justus soll sich dafür entschuldigen, dass er Sand geworfen hat. Ida soll sich dafür entschuldigen, dass sie gehauen hat. Die Eltern reden und reden und reden, um ihren Kindern zu erklären, was gesellschaftlich akzeptables Verhalten ist, und fragen sich insgeheim, ob das wirklich alles so im Gehirn der Kinder ankommt. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass unsere Kinder gar nicht verstehen, worauf wir hinauswollen. Warum kann man nicht einfach eine Schippe wegnehmen? Warum soll man sich entschuldigen, wenn man dem anderen wehgetan hat?

Empathie bezeichnet die Fähigkeit, Gefühle und Perspektiven anderer Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und darauf zu reagieren. Dabei unterscheidet die Forschung verschiedene Komponenten. Zur affektiven Empathie gehört, dass uns die Gefühle anderer emotional berühren. Kognitive Empathie umfasst die Fähigkeit, die Perspektive und den inneren Zustand eines anderen Menschen zu verstehen. Beide Fähigkeiten entwickeln sich nicht auf einen Schlag, sondern über viele Jahre hinweg.

Deshalb können bereits sehr kleine Kinder auf das Leid anderer reagieren, obwohl sie deren Gedanken und Perspektiven noch längst nicht so verstehen wie ältere Kinder oder Erwachsene. Ein Kleinkind kann einem weinenden Kind beispielsweise seine Puppe bringen oder es streicheln. Für solche ersten Formen des Mitgefühls muss es noch keine vollständig entwickelte Fähigkeit zur Perspektivübernahme besitzen.

Wie entwickelt sich Empathie bei Kindern?

Wie bei vielen Entwicklungsschritten gibt es auch bei der Empathie eine große Bandbreite. Temperament, Erfahrungen, Sprache, Beziehungen, kulturelle Einflüsse und die Reaktionen der Erwachsenen spielen dabei eine Rolle. Altersangaben können deshalb nur eine grobe Orientierung sein.

  • Im ersten Lebensjahr: Babys reagieren bereits auf die Gefühle anderer. Ein bekanntes Beispiel ist das Mitweinen, wenn ein anderes Baby weint. Solche frühen Reaktionen werden häufig als emotionale Ansteckung beschrieben. Meine Töchter wachten als Babys sogar aus dem Schlaf auf, wenn in der Nähe ein anderes Kind weinte, und begannen mitzuweinen.
  • Im Kleinkindalter: Kinder unterscheiden zunehmend zwischen sich selbst und anderen. Sie zeigen erste Formen von Mitgefühl und versuchen teilweise schon aktiv zu helfen oder zu trösten. Ein Kind bringt einem weinenden Kind vielleicht seine eigene Puppe oder holt einen Erwachsenen. Gleichzeitig fällt es ihm noch schwer, die Perspektive anderer zuverlässig von der eigenen zu unterscheiden.
  • Im Vorschulalter: Kinder werden immer besser darin, Gefühle, Wünsche und Absichten anderer zu verstehen. Sie begreifen zunehmend, dass ein anderer Mensch etwas anderes wissen, wollen oder glauben kann als sie selbst. Auch die Unterscheidung zwischen Absicht und Versehen wird differenzierter.
  • Im Schulalter: Die soziale Perspektivübernahme wird komplexer. Kinder können mehrere Informationen miteinander verbinden und zunehmend darüber nachdenken, wie andere sie selbst wahrnehmen. Auch komplexe und widersprüchliche Gefühle werden immer besser verstanden.

Die Entwicklung verläuft dabei nicht wie eine Treppe, bei der ein Kind an seinem vierten Geburtstag plötzlich die nächste Stufe erreicht. Ein Kind kann in einer vertrauten Situation sehr einfühlsam reagieren und in einem heftigen eigenen Konflikt trotzdem kaum Zugang zur Perspektive des anderen haben.

Was hat der Sally-Anne-Test mit Empathie zu tun?

Ein klassisches Experiment zur Entwicklung der sogenannten Theory of Mind ist die Sally-Anne-Aufgabe. Ein Kind beobachtet, wie Sally einen Gegenstand in einen Korb legt und den Raum verlässt. Während sie weg ist, nimmt Anne den Gegenstand aus dem Korb und legt ihn an einen anderen Ort. Anschließend wird das Kind gefragt, wo Sally nach dem Gegenstand suchen wird.

Antwortet das Kind, dass Sally im Korb suchen wird, berücksichtigt es, dass Sally nicht wissen kann, was während ihrer Abwesenheit passiert ist. Es kann also zwischen dem eigenen Wissen und dem Wissen einer anderen Person unterscheiden.

Solche Aufgaben zeigen einen wichtigen Entwicklungsschritt der kognitiven Perspektivübernahme. Sie sind aber kein Empathietest. Ein Kind, das eine klassische False-Belief-Aufgabe noch nicht löst, kann trotzdem Mitgefühl zeigen, andere trösten und auf deren Gefühle reagieren.

Warum Kleinkinder sich nach einem Streit oft noch nicht von Herzen entschuldigen

Kommen wir noch einmal auf Justus und Ida zurück. Beide sind noch nicht ganz drei Jahre alt. Sie können durchaus erkennen, dass das andere Kind weint, und möglicherweise versuchen sie sogar, es zu trösten.

In einem aufgeladenen Konflikt ist es für sie aber noch sehr schwer, die gesamte Situation aus der Perspektive des anderen zu betrachten, die Folgen des eigenen Handelns zu verstehen und daraus unmittelbar eine aufrichtige Entschuldigung abzuleiten. Hinzu kommt, dass die Impulskontrolle bei kleinen Kindern noch in der Entwicklung steckt.

Deshalb halte ich wenig davon, ein widerstrebendes Kind zu einem „Entschuldige dich!“ zu zwingen. Eine erzwungene Entschuldigung kann leicht zu einer sozialen Formel werden, die ausgesprochen wird, damit die Erwachsenen zufrieden sind.

Eltern können Entschuldigungen trotzdem thematisieren. Wir können Kindern zeigen, wie Wiedergutmachung funktioniert. Wir können beispielsweise sagen: „Ida weint. Der Sand in ihren Augen hat ihr wehgetan. Was können wir jetzt tun?“ Vielleicht möchte das Kind helfen, den Sand abzuwischen, einen Teddy bringen oder später von sich aus „Entschuldigung“ sagen.

Vor allem können wir selbst Vorbild sein und uns bei unseren Kindern entschuldigen, wenn wir einen Fehler gemacht haben. So erleben sie, dass eine Entschuldigung keine Strafe ist, sondern eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und eine Beziehung wieder in Ordnung zu bringen.

Mehr dazu findest du in unserem Artikel darüber, warum man Kinder nicht zum Entschuldigen zwingen sollte und wie sie es lernen.

Wie kann man Empathie bei Kindern fördern?

Empathie entwickelt sich im sozialen Miteinander. Eltern können diese Entwicklung unterstützen, indem sie über Gefühle sprechen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen, selbst empathisch reagieren und Kindern Gelegenheit geben, über soziale Situationen nachzudenken.

Gefühle bei anderen Menschen erkennen

Kinder lernen nach und nach, Gefühle anhand von Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Stimme und der jeweiligen Situation zu erkennen. Erwachsene können ihnen dabei helfen, indem sie Gefühle benennen und gemeinsam überlegen, was eine andere Person gerade erleben könnte.

Ich nutze dafür gern Kinderbücher. Das müssen keine speziellen Bücher über Gefühle sein. In fast jedem Bilderbuch gibt es Situationen, die man gemeinsam betrachten kann. Wer gezielt Bücher zu Gefühlen sucht, findet zum Beispiel in dem Bilderbuch-Set von Nora Imlau mit „Was weinst du denn so viel, kleines Krokodil?“, „Und was fühlst du, Känguru?“ und „Was wütest du so sehr, kleiner Pandabär?“ viele Gesprächsanlässe. Auch „Heute bin ich“ von Mies van Hout eignet sich wunderbar, um mit Kindern unterschiedliche Gefühle zu entdecken.

Mama: „Schau mal, hier, dieses Kind …“

Tochter: „Oh, weint.“

Mama: „Ja, sie weint. Ich sehe Tränen auf ihrem Gesicht. Wie fühlt sich das Mädchen wohl?“

Tochter: „Is traurig.“

Mama: „Ja, vielleicht ist sie traurig. Was könnte denn passiert sein? Siehst du etwas auf dem Bild, was der Grund für ihr Weinen sein könnte?“

Tochter: „Da, Junge Ball wegnomme. Rennt weg. Mädchen will Ball wiederhabe!“

Mama: „Das könnte sein. Es sieht so aus, als ob der Junge ihr den Ball weggenommen hat und sie deshalb traurig ist.“

Wichtig ist dabei, Gefühle nicht wie eindeutige mathematische Lösungen zu behandeln. Ein Gesichtsausdruck liefert Hinweise, aber wir können nicht immer sicher wissen, was ein anderer Mensch fühlt. Gerade diese Offenheit kann man Kindern vermitteln: „Sie sieht traurig aus. Was meinst du?“

Ich spiele auch oft mit meinen Kindern das „Spiegel-Spiel“, bei dem wir gemeinsam vor unserem großen Spiegel sitzen und Gesichter schneiden.

Dabei können meine Kinder üben, mein Gesicht zu lesen und es im Spiegel nachzustellen. Man kann auch sich selbst oder die Kinder in verschiedenen Gefühlssituationen fotografieren und daraus ein Gefühle-Memory oder Gefühle-Bilderlotto herstellen.

Menschen können in derselben Situation unterschiedlich fühlen

Es ist wichtig, dass Kinder lernen, dass Menschen dieselbe Situation ganz unterschiedlich erleben können. Was dem einen Kind Angst macht, ist für das andere vielleicht schön oder spannend.

Wenn wir zum Beispiel bei Freunden sind, die eine Katze haben, springt mir meine eine Tochter regelmäßig vor Angst in den Arm, während die andere der Katze hinterherrennt, um sie zu streicheln. Solche Alltagssituationen eignen sich wunderbar, um zu zeigen: Menschen können dasselbe sehen und trotzdem etwas ganz anderes dabei fühlen.

Gefühle können sich ändern

Gefühle bleiben nicht immer gleich. Ein Kind, das morgens traurig ist, weil es nicht in den Kindergarten möchte, kann eine Stunde später begeistert mit seiner Freundin spielen. Solche Veränderungen können wir Kindern bewusst machen.

Ich mache meine Kinder darauf oft am Abend aufmerksam, wenn wir beim Abendritual über den Tag sprechen: „Heute Morgen wolltest du nicht in den Kindergarten gehen und warst sehr traurig, dass ich zur Arbeit gehen musste. Dann hast du deine Freundin getroffen und ihr habt so schön in der Puppenecke gespielt. Als ich dich am Nachmittag abholen wollte, wolltest du sogar noch bleiben. Deine Gefühle haben sich im Laufe des Tages verändert.“

Zwischen Versehen und Absicht unterscheiden

Nach einem Streit kann man gemeinsam überlegen, was eigentlich passiert ist: „Was meinst du, wollte der Junge das Mädchen absichtlich umrennen?“ Vielleicht lautet die Antwort: „Nein, er wollte nur schnell zu seinem Ball und hat sie gar nicht gesehen.“

Die Unterscheidung zwischen Absicht und Versehen entwickelt sich nach und nach. Eltern können helfen, indem sie zusätzliche Informationen anbieten, ohne die Gefühle des Kindes wegzuerklären. „Er hat dich wahrscheinlich nicht absichtlich umgerannt. Trotzdem hat es wehgetan und du hast dich erschrocken.“

Über die Folgen des eigenen Handelns nachdenken

Kinder können zunehmend lernen, vorherzusehen, was eine Handlung bei anderen auslösen könnte: „Was glaubst du, was passiert, wenn du ihm den Ball einfach wegnimmst?“ Wie gut das in einer konkreten Situation gelingt, hängt allerdings auch davon ab, ob das Kind seinen ersten Handlungsimpuls bereits bremsen kann. Mehr zur Entwicklung dieser Fähigkeit findest du in unserem Artikel über Impulskontrolle und impulsives Verhalten bei Kindern.

Dabei geht es nicht darum, ständig vor jeder Handlung eine moralische Lehrstunde einzubauen. Solche Gespräche funktionieren oft besonders gut in ruhigen Situationen, beim gemeinsamen Lesen oder im Nachhinein.

Eigene Gefühle ausdrücken

Wenn ein Kind sagen kann, was es stört, traurig macht oder ängstigt, können andere leichter darauf reagieren. Eltern können dafür Vorbilder sein und ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse benennen.

Statt ausschließlich „Du bist so blöd. Immer nimmst du mir den Ball weg!“ kann ein Kind nach und nach lernen zu sagen: „Ich bin traurig, weil du mir den Ball weggenommen hast. Ich möchte ihn wiederhaben.“

Mehr dazu findest du in unserem Artikel über gewaltfreie Kommunikation mit Kindern.

Mitgefühl zeigen

In spontan entstehenden Situationen zeige ich meinen Töchtern, was man machen kann, um einem anderen Menschen Mitgefühl zu zeigen. Man kann jemanden umarmen, zuhören, die Hand reichen oder ein Kuscheltier als Trost anbieten.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie früh Kinder das können. Da laufen schon Zweijährige los, um einem weinenden Baby den heruntergefallenen Nuckel zurückzubringen. Eine Dreijährige streichelt einem jüngeren Kind beruhigend übers Haar, wenn es seine Mama vermisst. Die große Schwester nimmt den kleinen Bruder an die Hand, wenn dieser ängstlich auf einen großen Hund schaut.

Gefühle in der Sprache verankern

Sprache hilft Kindern, ihre eigene Gefühlswelt und die anderer Menschen differenzierter wahrzunehmen. Deshalb ist es hilfreich, nicht nur von „wütend“ oder „glücklich“ zu sprechen, sondern auch Wörter wie erleichtert, gekränkt, begeistert, aufgeregt, überrascht, enttäuscht oder unsicher im Alltag zu verwenden.

Auch Bilderbücher können dabei helfen, Gefühle zu benennen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Klassiker dafür ist „Das Farbenmonster“ von Anna Llenas.

Eine meiner Töchter, damals zwei Jahre und sechs Monate alt, stand einmal neben mir und verkantete ihre drei Nuckel so miteinander, dass sie eine lange Reihe bildeten. Da stand sie nun mit ihrem Dreifachnuckel, strahlte vor sich hin und erschauderte am ganzen Körper. Sie blickte zu mir auf und sagte: „Ich bin ganz aufgeregt! Ich will die Nuckel Oma zeigen!“

„Ja“, antwortete ich, „ich glaube, in deinem Bauch kribbelt es gerade vor Aufregung. Du freust dich darauf, Oma mit deinem Nuckelturm zu überraschen.“

Auch Begriffe wie gleich – unterschiedlich, jetzt – später, vorher – nachher, manchmal – immer oder einige – alle helfen dabei, über Gefühle genauer zu sprechen. „Ich fürchte mich vor Pferden, aber Jakob liebt sie. Wir haben unterschiedliche Gefühle.“

Oder: „Bevor ich gerutscht bin, hatte ich Angst. Nachdem ich mich getraut hatte, fand ich es richtig lustig.“

„Jetzt möchte ich nicht Fingernägel schneiden, aber später, am Sonntag machen wir das“ war übrigens eine Zeit lang der Lieblingssatz meiner Tochter. Zu dumm für mich, dass ihr das meist montags einfiel!

So lernen Kinder nach und nach, dass andere Menschen anders denken und fühlen können als sie selbst. Und irgendwann schaffen es auch Justus und Ida, um die rote Schippe zu bitten, einen Streit wieder gutzumachen oder sich aus eigenem Antrieb zu entschuldigen.

Quellen und Literatur

Beland, K. (1988): Second Step. A Violence-Prevention Curriculum Grades 1–3. Seattle: Committee for Children.

Beland, K. (1991): Second Step. A Violence-Prevention Curriculum. Preschool–Kindergarten. Seattle: Committee for Children.

Bilden, H. (1991): Geschlechtsspezifische Sozialisation. In K. Hurrelmann und D. Ulich (Hrsg.): Neues Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim: Beltz.

Feshbach, N. D. (1975): Empathy in Children: Some Theoretical and Empirical Considerations. The Counseling Psychologist.

Hoffman, M. L. (1982): Development of Prosocial Motivation: Empathy and Guilt. In N. Eisenberg (Ed.): The Development of Prosocial Behavior. New York: Academic Press.

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