Warum französische Kinder keine Nervensägen sind

Unsere Leserin Daniela fragte mich vor einiger Zeit auf Facebook, ob ich schon das Buch "Warum französische Kinder keine Nervensägen sind: Erziehungsgeheimnisse aus Paris" von Pamela Druckerman gelesen hätte. Sie würde gerne wissen, was ich davon hielte. Das Buch stand schon eine ganze Weile auf meiner Leseliste, weil ich sehr gespannt war, wie man es schafft, nicht-nervende Kinder zu erziehen. 

Zugegeben - es ist eine sehr subjektive Wahrnehmung - aber auf einer Skala von 1 (nie nervig) bis 10 (nerven ständig) würde ich meine Kinder im Moment locker zwischen 7 und 8 einsortieren. Ehrlich gesagt hielt ich das bisher für einen relativ normalen Zustand und habe mich dran gewöhnt und das als gegeben hingenommen - aber wenn mir hier exklusive "Erziehungsgeheimnisse aus Paris" angeboten werden, werde ich natürlich sehr neugierig.

Das Buch


Die Autorin Pamela Druckerman ist Amerikanerin, die der Liebe wegen nach Paris gezogen ist und dort ihre Tochter geboren hat. Als ihr Kind etwa zwei Monate alt war, fragte man sie, ob es denn schon durchschlafe. Sie hatte die Frage zunächst für einen Scherz gehalten, als sie sich jedoch genauer mit dem Thema auseinander setzte, stellte sie fest, dass in Frankreich offenbar tatsächlich fast alle Kinder innerhalb der ersten drei Monate durchschlafen. 

Ihr fiel außerdem auf, dass französische Kinder viel braver seien, als deutsche oder amerikanische. Sie würden nicht nerven oder dazwischenreden, sie könnten sich intensiv selbst beschäftigen, sie würden die Eltern respektieren, keine Widerworte geben und Trotzanfälle würde man auf Pariser Straßen nie beobachten. Also beschloss sie, dem Geheimnis der französischen Erziehung auf den Grund zu gehen, um den Rest der Welt an diesem umwerfenden Erfolgsrezept teilhaben zu lassen.

Das Cadre-Konzept


Die Autorin findet heraus, dass das große Geheimnis der Franzosen das "Cadre-Modell" ist. Damit ist gemeint, dass die Kinder einen sehr klaren Rahmen gesetzt bekommen, innerhalb dessen sie jedoch große Freiheit genießen. Liest man das Buch, dann klingt es so, als wäre das ein ganz einfacher Selbstläufer. Es wird immer wieder betont, dass keine Strafen notwendig wären - die Kinder würden einfach gehorchen, weil die Eltern eine natürliche Autorität ausstrahlen. "Cadre" spielt eine große Rolle im Buch - bis zuletzt wird jedoch nicht richtig klar, was eigentlich konkret damit gemeint ist. Komplizenschaft mit den Kindern, häufiges Ja-Sagen, wenig Lob, viel Freiheit, strenges Anschauen, gnadenlose Konsequenz, viel reden... All das führe eben dazu, dass französische Kinder so anders seien. Den Leser beschleicht unterschwellig das Gefühl, sich bei seiner Erziehung offenbar schlicht zu doof anzustellen, weil doch im Grunde alles ganz simpel wäre. Das relativiert sich allerdings etwas, wenn man liest, wie die Autorin versucht, das Modell in ihre Familie zu integrieren und letztendlicj resümiert: "Aber noch frage ich mich, ob ich diesen Balanceakt jemals automatisch beherrschen werde" (S. 315). Ganz so einfach scheint es dann doch nicht zu sein.

Warum Babys früh durchschlafen


Um das Geheimnis zu ergünden, warum Babys in Frankreich so früh durchschlafen, trifft die Autorin einen Kinderarzt, der dazu rät, Babys grundsätzlich erst mal kurz warten zu lassen. Da sich Säuglinge im Schlaf oft drehen und winden, gehen Eltern meist irrtümlich davon aus, dass sie wach seien. Spricht man die Kinder dann an oder hebt man sie hoch, würden sie dadurch natürlich wach und fänden nicht mehr so schnell in den Schlaf. Angeblich würde das Abwarten dazu führen, dass Kinder "lernen", sich selbst zu beruhigen, so dass man sie später nicht schreien lassen muss. Nach dieser bahnbrechenden Erkenntnis fragt die Autorin im Bekanntenkreis nach, ob die Mütter dort auch diese Pause vor dem Reagieren einhalten würden. Sie berichtet von Alexandra:

"Alexandra, deren Töchter schon in der Klinik durchgeschlafen haben, bestätigt, dass sie natürlich nicht sofort hingelaufen sei, sobald die Babys anfingen zu weinen. Manchmal habe sie fünf oder zehn Minuten gewartet, bevor sie sie hochnahm" (S. 70).

Seltsamerweise führt das zu dem Schluss:

"Sie hat ihre Neugeborenen nicht ignoriert. Im Gegenteil, sie hat sie sorgsam beobachtet. Alexandra hat darauf vertraut, dass ihr Weinen etwas bedeutet. Während der Pause hat sie sie angesehen und zugehört. (Sie fügt hinzu, dass es noch einen Grund für die Pause gibt: "Um den Kindern Geduld beizubringen")" (S. 71).

Wenn Babys nicht in den ersten vier Monaten auf diesem Wege nicht schlafen "gelernt" haben, rät der Arzt:

"Dann sollte man es zu einervernünftigen Uhrzeit ins Bett legen - möglichst solange es noch wach ist, und erst gegen 7 Uhr morgens wieder nach ihm schauen" (S. 75).

Das ist also das "Geheimnis", der gut schlafenden französischen Kinder - ihr Schreien in der Nacht konsequent zu ignorieren. Nicht etwas - wie beim Ferbern regelmäßig hineinzugehen und wenigstens mit Worten zu trösten - nein, das Kind wird so lange schreien gelassen, bis es erschöpft einschläft. Wenn Kinder so früh im Leben schon resignieren müssen und lernen, dass sich die Erwachsenen ohnehin nicht für ihre Belange interessieren, dann wundert es meines Erachtens wenig, dass sie auch später einfach tun, was man ihnen sagt und nicht weiter diskutieren. Sie haben von kleinauf gelernt, dass sie doch ohnehin keine Chance haben.




Warum französische Kinder nicht mäkeln


Die Ernährung spielt in Frankreich eine zentrale Rolle bei der Erziehung. Stillen wird als sehr antiquiert betrachtet. Viele Mütter stillen gar nicht, die meisten hören innerhalb der ersten drei Monate damit auf. Die Stillquote im Alter von 6 Monaten liegt unter 10 % - in Deutschland sind es immerhin noch 40 % der Kinder, die zu diesem Zeitpunkt noch gestillt werden. Flaschennahrung wird als absolut gleichwertig betrachtet und die Vorteile der Muttermilch ignoriert. Dabei haben Studien bspw. gezeigt, dass Stillen sehr gut präventiv gegen Asthma hilft. Ob damit zu erklären ist, dass in Frankreich etwa 2,5 mal mehr Kinder im Alter von 6 bis 7 Jahren davon betroffen sind, als in Deutschland, ist rein spekulativ, aber eine interessante Frage. Die Autorin des Buches findet das Stillverhalten im Übrigen eher befremdlich - ihr eigenes Kind stillte sie bis zum ersten Geburtstag.

Die Flaschenfütterung ist aber auch eines der Erziehungsgeheimnisse! Denn - was wir gar nicht wussten: Alle Babys scheinen einen festen Rhythmus bei den Mahlzeiten zu entwickeln, den wir durch ständiges Stillen nur vollkommen durcheinander bringen. Wenn man Babys mit der Flasche füttert, wann immer sie danach verlangen, dann werden sich so gut wie alle sehr schnell auf einen Rhythmus von 4 Stunden einpendeln. Sie verlangen um 8 Uhr, 12 Uhr, 16 Uhr und 20 Uhr die Flasche und sind zwischendurch vollkommen zufrieden. So haben im Grunde alle Babys genau den Fütterungsrhythmus der Krippen - das ist natürlich sehr praktisch! 

"Fragt man französische Eltern jedoch, ob sich ihre Kinder an einen bestimmten Zeitplan halten, antworten sie fast immer mit Nein. Wie beim Thema Schlaf behaupten die Eltern steif und fest, sich einfach nur dem Rhythmus ihrer Kinder anzupassen. Wenn ich dann darauf hinweise, dass alle französischen Babys etwa zur selben Zeit essen, tun die Eltern das als bloßen Zufall ab" (S. 82). 

Und das ist - so meint die Autorin - auch der Grund dafür, dass französische Kinder nicht mäkeln. Da sie nicht zwischendurch ständig Snacks gereicht bekommen, haben sie bei den Mahlzeiten dann auch so großen Hunger, dass sie a) alles essen und b) still am Tisch sitzen bleiben.

Tatsächlich scheinen schon die kleinsten Franzosen und Französinnen regelrechte Feinschschmecker zu sein. Die Kinder an zahlreiche unterschiedliche Geschmäcker heranzuführen ist eins der wichtigsten Erziehungsziele. Die Zubereitung und die Einnahme von Mahlzeiten hat einen sehr hohen Stellenwert in Frankreich. Woran liegt es aber, dass Kinder ihre biologisch natürliche Abscheu gegenüber Gemüse ausgerechnet in Frankreich nicht zeigen? Sie werden zunächst einmal aufgefordert, alles zu probieren. Wenn sie das Angebotene nicht mögen, steht es ihnen frei, nichts (!) zu essen. Alternativen sollen nicht angeboten werden. Unliebsame Speisen werden immer und immer wieder - in der Zubereitung variiert - angeboten, irgendwann, so nimmt man an, wird das Kind sie schon essen. Auch bei diesem Thema scheint man also auf Resignation zu setzen und das als erfolgreiche Erziehung zu betrachten

Franzosen bereitet es übrigens auch keine Bauchschmerzen, vierjährige Kinder in Sommerlager oder auf Kitafahrten zu schicken, die länger als eine Woche dauern. Das zeigt, wie wichtig ihnen schnelle Selbständigkeit und Unabhängigkeit ist - dieser Anspruch zieht sich durch die gesamte Erziehung. Eltern, die sich zu viel um ihre Kinder kümmern, werden belächelt - in Frankreich ist es en vogue, die eigenen Bedürfnisse auch nach einer Geburt in den Vordergrund zu stellen und sich deswegen nicht schlecht zu fühlen:

"Was die Französinnen tatsächlich gegen Schuldgefühle wappnet, ist ihre Überzeugung, dass es nicht gut für die Mütter und ihre Kinder ist, ständig zusammenzuglucken. Sie glauben, die Kinder könnten durch die viele Aufmerksamkeit und Fürsorge überbehütet werden oder eine gefürchtete relation fusionelle entwickeln, bei der die Bedürfnisse von Mutter und Kind miteinander verschmelzen" (S. 196).


Das Familienleben in Frankreich


Die Franzosen haben eine der höchsten Geburtenraten weltweit. Grund dafür soll die beispielhafte Kinderbetreuung sein - so gut wie alle Französinnen gehen 10-12 Wochen nach der Geburt wieder arbeiten und geben ihre Kinder in die "Creche". 

Vom französischen Familienleben habe ich nur sehr nebulöse Vorstellungen. Um mir ein genaueres Bild zu machen, fragte ich Tanja von Tafjora - einmal Frankreich und zurück, welche Erfahrungen sie in Frankreich gemacht hat. Sie berichtet:

"Ich habe dieses Buch ja bisher noch nicht gelesen, aber allein schon der Titel lässt mich ein bisschen schmunzeln. Denn ich finde die französischen Kinder im Grunde auch nicht mehr oder weniger nervig als meine beiden "deutschen" Kinder. Ich glaube eher es liegt zum einen am Umgang mit den Kindern und zum anderen auch, welchen Stellenwert Kinder in der Gesellschaft dort haben. 

Mein Löwenjunge besuchte drei Jahre den französischen Kindergarten und so haben wir andere französische Familien mit Kindern kennen gelernt. Familien unterschiedlicher Größe und auch aus unterschiedlichen Schichten. Der größte Unterschied den ich erkennen konnte war, dass französische Eltern gar nicht so viel Zeit mit ihren Kindern verbrachten, also auch gar nicht so oft "genervt" sein konnten. Fast alle Kinder waren in irgendeiner Betreuung. Ab 2 Monate können sie zu einer Tagesmutter, die sogar steuerlich berücksichtigt werden kann. Krippe für berufstätige Eltern gibt es natürlich auch. 

Wir haben einmal Urlaub in einem französischen Club gemacht. Die Kinderbetreuung wurde ab sechs Monaten angeboten. Nach dem Frühstück konnte man seine Kinder dort abgeben- sogar im Restaurant haben die Kinder getrennt von ihren Eltern Mittag und Abend gegessen! Wir waren die einzige Familie, die wirklich Urlaub mit Kindern gemacht hat. Ich denke mir eben, dass Kinder die nie da sind, auch nicht nerven können, oder?

Außerdem kam mir der Umgang mit den Kindern einfach auch anders vor als bei uns. Hier wurde sehr gerne auch mal ein Klaps gegeben oder am Ohr gezogen. Das Kleinkind hat einen Trotzanfall und weint im Supermarkt? Da lässt sich Mama einfach nicht nerven. Entweder sie ignoriert es oder es gibt Ärger, notfalls einen Klaps. (Natürlich sind nicht alle so, aber dieses Szenario war keine Ausnahme). Für viele Situationen mit Kind gibt es aber in Frankreich einfach auch bessere Lösungen. Fast überall wo man mit Kind hinkommt, gibt es Beschäftigungsmöglichkeiten. Im noch so kleinsten Restaurant findet man eine kleine Spieleecke. Kinder sind in der französischen Gesellschaft meiner Meinung nach viel besser integriert und akzeptiert. Viele Spielplätze, Kindertoiletten, Kinderessen... Das entspannt doch auch die Eltern. Essen gehen in Deutschland? War  für mich mit 2 kleinen Kindern nur nervig, weil die da gar keine Lust drauf hatten und man vom Nachbartisch aus blöd angeschaut wird, weil Kinder in Deutschland doch "zu laut" sind. In Frankreich gehen die Menschen oft und gerne essen, die Kinder sind eigentlich immer mit dabei. 

Eine Übersetzung für RABENMUTTER gibt es im Französischen übrigens nicht. Dafür nennt man Mütter, die den ganzen Tag bei ihren Kindern daheim sind: MERES POULES (Gluckenmama)

Die meisten Mütter in Frankreich wirkten auf mich einfach cooler. Ich habe wirklich tolle Menschen dort kennen gelernt, aber bindungsorientiert haben die wenigsten verstanden. Stillen und tragen? Eher Ausnahmen. Abschiedsschmerz im Kindergarten? "Komm hör auf zu weinen und gib Mama ein Bisous". Während sich meiner Meinung nach bei uns deutschen Müttern mit der Geburt (und dem Mutterschutz) erst mal alles ändert, verändert sich das Leben der französischen Mutter nicht so gravierend. 

Auch wenn sich vieles da jetzt schrecklich anhört, vieles ist einfach bei denen anders. Vom Grundgedanken her schon mal. Ihre Kinder lieben französische Eltern trotzdem und vielleicht haben sie nicht umsonst, im Schnitt 2 Kinder, weil französische Kinder nicht so nerven- oder weil sich die Eltern nicht so leicht nerven lassen (können)!? Und nicht zu vergessen: nicht alle Eltern waren so ;-)".
Vielen Dank für diesen Erfahrungsbericht, liebe Tanja! 

Französische Kinder sind also keine Nervensägen, aber werden sie glücklich?


Da im Buch immer wieder betont wird, dass das Cadre-Modell gar keine erfordern würde, habe ich mich gefragt, wie es sich in Frankreich mit körperlicher Gewalt gegenüber Kindern verhält. Anders, als in anderen Staaten, gibt es dort keine gesetzlichen Regelungen, die verbieten, Kinder zu schlagen - und 53 % der Franzosen befürworten das! "Über 80 Prozent der französischen Eltern benutzen die Ohrfeige oder Schläge auf den Hintern regelmäßig, um ihre Kinder zur Räson zu bringen", bestätigt die Allgemeinärztin Marie Levasseur in der ZEIT, die diese Zahlen für ihre Promotion recherchiert hat. Die Organisation Union des Familles en Europe (UFE) veröffentlichte 2010 sogar eine Studie, in der 96 % (!) der befragten Kinder angaben, schon mal geschlagen worden zu sein. Das räumten auch 87 % der Erwachsenen so ein. Etwa 80 % dieser Eltern gaben sogar zu, dass die Klappse nicht allein aus erzieherischer Sicht erfolgen, sondern auch mal, um sich abzureagieren. 

Das erkärt vielleicht das Geheimnis des Cadre-Erfolges - die "natürliche Autorität" der Eltern scheint nicht ganz so "natürlich" zu sein. Auch wenn die Autorin des Buches nicht gesehen hat, wie in der Öffentlichkeit Kinder geschlagen werden, so scheint das hinter verschlossenen Türen ganz anders auszusehen.  Und auch ihre Pariser Freunde sagen, "sie erleben das öfter" (S. 316).

Da wundert es nicht, dass Frankreich bei der UNICEF-Studie zur Kinderzufriedenheit aus dem Jahr 2013 im Teilbefragungsbereich "Children’s relationships with parents and peers" - also bei der Beurteilung der Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern und Gleichaltrigen - auf dem allerletzten Platz (von insgesamt 28 europäischen Nationen) landete. Nur 71,2 % der Kinder fanden es einfach, mit ihrer Mutter zu sprechen - mit den Vätern leicht ins Gespräch kommen nur magere 50,3 % (zum Vergleich: in den Niederlanden sind es 91,7 % und 81,4 %). Ihre Klassenkameraden finden sogar nur 56,6 % der französischen Kinder nett und hilfsbereit (in den Niederlanden sind es 80,4 %).

Wie sieht es aus mit der psychischen Gesundheit in Frankreich?


Ich habe mich gefragt, wie glücklich eigentlich Franzosen sind. Wer als Baby schreien gelassen wird und zusätzlich so extrem früh fremdbetreut wird, hat ziemlich wahrscheinlich Probleme mit dem Urvertrauen und der Entwicklung einer sicheren Bindung. Wenn Menschen nicht glücklich sind, nicht in stabilen Beziehungen leben und sich nicht wertgeschätzt fühlen, flüchten sie sich oft in Ersatzbefriedigungen und Süchte. Auch die Häufigkeit von Depressionen ist möglicherweise ein Indikator für die allgemeine Lebenszufriedenheit. Ich habe mir die Statistiken dazu einfach mal angeschaut (ohne den wissenschaftlichen Anspruch einer Beweisführung damit erheben zu wollen :-).


Ein internationales Forscherteam von der State University of New York führte detaillierte Interviews mit mehr als 89 000 Menschen aus insgesamt 18 Ländern. Gefragt wurde unter anderem, ob der Befragte schon mal an einer depressiven Episode gelitten habe. Der Anteil derjenigen, die das bejahten, war mit mehr als 30 % besonders hoch in Frankreich, den Niederlanden und den USA. Nach Angaben von CREDES, einem französischen Forschungsinstitut, stieg von Anfang der 1980er Jahre bis Anfang der 1990er Jahre die Rate der depressiven Kinder und Jugendlichen um um 50 Prozent.

Im Focus war 2011 zu lesen: 
"Nach einer aktuellen Studie haben sich in Frankreich im vergangenen Jahr mehr als 10 000 Menschen selbst umgebracht. Damit ist hier die Selbstmordrate so hoch wie in keinem anderen westeuropäischen Land. Traurige Bilanz im Nachbarland Frankreich: Schon mehr als jeder 20. Franzose hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Das Gesundheits- und Präventionsinstitut Inpes legte am Dienstag alarmierende Zahlen vor. „Frankreich zählt zu den europäischen Ländern mit der höchsten Selbstmordrate, nach Finnland, Litauen, Ungarn und Slowenien“, erklärte ein Autor der Studie. Demnach haben nicht nur 5,5 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 85 Jahren im Laufe ihres Lebens versucht, sich umzubringen. Im vergangenen Jahr dachten rund vier Prozent der Franzosen daran, einen Suizid zu begehen. Insgesamt wurden 10 464 Selbstmorde gezählt".
Die Suizidrate liegt in Frankreich bei 16,3 Selbstmorden je 100.000 Einwohnern und ist damit bspw. viermal so hoch, wie in Griechenland (3,8). In Deutschland töten sich jährlich ca. 12,5 von 100.000 EInwohnern

Und wie sieht es mit dem Alkoholkonsum aus? Auch hier liegen die Franzosen mit 13,66 l/Jahr reinem Alkohol im weltweiten Vergleich weit vorne (wie die Deutschen mit 12,81 l auch). Zum Vergleich: Die Norweger trinken in Europa mit am wenigsten - 7,81 l pro Jahr. 

Bei einem weiteren Suchtmittel - dem Tabakkonsum - findet man Frankreich mit einer Raucherquote von 33 % ebenfalls weit vorne (zum Vergleich: Deutschland 25%, Schweden 16 %).

Trotz der vergleichsweise sehr strengen Gesetze zur Reglementierung von Drogen, ist der Konsum recht hoch: 12,7% der Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 gaben an an, im letzen Monat Cannabis konsumiert zu haben - in Deutschland waren es 7,6 %. Bei den französischen Erwachsenen rauchten 4,8 % Haschisch - in Deutschland mit 2,2 % nicht mal halb so viele. 

Fazit


Französische Kinder mögen keine Nervensägen sein - wie das jedoch genau erreicht wird, darüber kann man spekulieren. Pamela Druckermann hat das in ihrem Buch getan und mich nicht davon überzeugt, dass es einer natürlichen Autorität im Rahmen des Cadre-Konzepts zu verdanken ist. 

Kinder scheinen in Frankreich eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen - dazu ist es jedoch erforderlich, dass sie verlässlich funktionieren. Wenn sie früh in die Fremdbetreuung gegeben werden, dann müssen sie sich schnell an strikte Regeln und Vorgaben halten. Wenn sie sich außerdem schon als Babys in den Schlaf schreien mussten, ist ihr Urvertrauen sicher davon beeinflusst. Ob das ein guter Preis für "brave" Kinder ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Das Buch ist durchaus unterhaltsam geschrieben und bietet einen ganz interessanten Blick ins französische Familienleben - die "Erziehungsgeheimnisse" sind aus meiner Sicht jedoch als eher bedenklich einzustufen. 

© Danielle 

Quellen