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Wie entstehen "Arschlochkinder" und "Tyrannen" wirklich?


Es gibt nichts, das Eltern so sehr stresst, wie der Gedanke, ihre Erziehung könnte in irgendeiner Weise scheitern und ihre Kinder könnten egoistische Arschlöcher werden. Es gibt auch nichts, das Eltern so oft unheilvoll prophezeit wird, wie die Aussicht darauf, ihre Art der Erziehung würde egozentrische Tyrannen hervorbringen. Es gibt in den Regalen der Buchhandlungen etliche Ratgeber, die genau in diese Kerbe hauen und meist eine Rückkehr zur guten alten Erziehung als Allheilmittel anpreisen. Die Autoren dieser Bücher verorten den Grund für die neue Generation der "Tyrannen" in einer zu bedürfnisorientierten Erziehung.

Ich selbst arbeite als Sonderpädagogin und erlebe dort durchaus auch Kinder, die vorwiegend auf ihren eignen Vorteil bedacht sind und wenig Mitgefühl mit anderen haben. Man könnte sie "Arschlochkinder" nennen. Ihre Eltern erziehen jedoch definitiv nicht bedürfnisorientiert, sondern klassisch mit Lob und Tadel. Diese Beobachtung ließ mich darüber nachdenken, welche Faktoren denn nun eigentlich wirklich egoistisches, unempathisches und rücksichtsloses Verhalten begünstigen.

Mal abgesehen von Eltern, die ihre Kinder krass vernachlässigen, versuchen wir doch alle - egal, welche Erziehungsrichtung wir vertreten - unsere Kinder dazu zu befähigen, zwar einerseits individuelle Bedürfnisse selbstbewusst zu vertreten, aber sich andererseits doch so zurücknehmen zu können, dass sie sich in eine Gruppe oder Gesellschaft einfügen können.  Und bei den allermeisten Kindern gelingt dieser Spagat ja auch. Wenn also bedürfnisorientierte  und klassische Erziehung gleichermaßen vorwiegend gesellschaftstaugliche, freundliche Kinder hervorbringen, was muss passieren - oder nicht passieren - damit der viel beschrieene Tyrann tatsächlich heranwächst?

Die Antwort findet sich u. a. im Gehirn des Menschen - speziell in einem Bereich, der präfrontaler Cortex genannt wird. Das sind neuronale Netzwerke, die im Stirnhirn über den Augenhöhlen liegen und die einen Großteil dessen ausmachen, was wir als zivilisiertes und gesellschaftlich akzeptables Verhalten empfinden. Der präfrontale Cortex ist quasi eine vernünftige Kontrollschleife, in der all unsere spontanen Impulse evaluiert werden. Werden wir beispielsweise geärgert und wir haben den Impuls, den Angreifer zu hauen, dann durchläuft dieser aggressive Wunsch die Kontrollschleife. In Sekundenschnelle wird abgewägt, was unser Zurückhauen für Folgen haben würde. Würde unser Gegenüber noch aggressiver reagieren und wir kämen in noch stärkere Gefahr? Steht unser potentielles Zuhauen in einem angemessenen Verhältnis zum auslösenden Ärgern? Würde es unserem Gegenüber großen Schaden zufügen? Je nachdem, wie dieser Abwägeprozess ausfällt, wird der Hauimpuls vom Gehirn mäßigend verändert. Wir schlagen doll zu, weniger doll, leicht oder gar nicht [vgl. Bauer, J., 2013]. 

Die neuronalen Netzwerke des präfrontalen Cortex arbeiten jedoch noch nicht von Geburt an. Sie beginnen erst im dritten Lebensjahr langsam zu reifen, was erklärt, warum Kleinkinder noch sofort und ungehemmt zuhauen oder beißen, wenn ihnen etwas nicht passt. Ihre Kontrollschleife arbeitet noch nicht. Erst ab dem dritten Lebensjahr fängt das Gehirn langsam an, die für den Abwägeprozess notwendigen Informationen zu speichern. Es muss zum Beispiel abgelegt werden, wie ein Mensch aussieht, der wütend ist. Kann ein Kind die wütende Mimik und Gestik seines Gegenübers nicht entschlüsseln, würde es keine Notwendigkeit erkennen, mit seinem Verhalten aufzuhören. Auch natürliche Folgen von Verhalten müssen zunächst erlebt und abgespeichert werden: Haut ein Kind ein anderes, wird es wahrscheinlich sofort zurückgehauen. Auch eine Katze wird vermutlich, wenn sie am Schwanz gezogen wird, dem Kind mit seinen Krallen ihren Unmut zeigen. Ein Erwachsener, der vom Kind gehauen wird, dreht sich vielleicht um und geht weg oder er schimpft laut. All diese Reaktionen würde das Gehirn des Kindes im Laufe der Zeit abspeichern.

Der präfrontale Cortex ist aber nicht nur dafür verantwortlich, ob wir jemanden hauen, oder nicht.  Mit seiner Hilfe können wir uns auch Ziele für die Zukunft setzen, Handlungen im Kopf planen, bevor wir sie ausführen, uns konzentrieren, unsere Aufmerksamkeit willentlich steuern und dabei Störendes unterdrücken, uns beim Kuchenessen oder anderen Dingen zurücknehmen, damit wir nicht zu dick werden, uns aufraffen, wenn wir eigentlich k.o. sind und abhängen wollen und auch Rückschläge im Leben aushalten, ohne daran zu verzweifeln. Kurz gesagt, unser Gehirn und besonders der der präfrontale Cortex sind unser menschliches "Supertool", ohne das wir ziemlich aufgeschmissen wären.

Und hier an dieser Stelle ist der Punkt, an dem es möglicherweise schief laufen kann. An dem sich vielleicht entscheidet, ob ein Kind empathisch und sozial wird oder unempathisch und egoistisch, ob es seine Zukunft im Blick behält und auf seine Ziele beharrlich hinarbeitet oder darauf wartet, dass Mutti das schon macht. Dass diese Aufzählung nur sehr grundlegend ist und es selbstverständlich noch sehr viel mehr Gründe für anti-soziales Verhalten bei Kindern und Erwachsenen gibt, muss ich sicher nicht betonen. Ich gehe davon aus, dass euch das bewusst ist.


Wie entstehen "Arschlochkinder" und "Tyrannen" wirklich?



1. Die Menschen um sie herum zeigen keine echten Gefühle


Wie ich oben schon andeutete, muss sich im Gehirn eines Kindes zunächst einmal abspeichern, welche Gefühle es überhaupt gibt, welche Mimik und Gestik Menschen normalerweise zeigen, wenn sie diese Gefühle haben und auch, wie man als gegenüber adäquat auf diese Gefühle reagiert. Ich arbeite mit verhaltensauffälligen Kindern - meine Schüler können oftmals nicht den emotionalen Zustand ihres Gegenübers bestimmen. Das heißt, sie merken nicht, wenn das, was sie tun, den anderen ärgert. Sie sind nicht in der Lage, das in seinem Gesicht oder an seiner Haltung abzulesen. Weil sie diese Signale nicht erkennen, machen sie oft solange weiter, bis der andere explodiert - erst das kommt bei ihnen an. Das Explodieren erkennen sie als Signal, aber oft überrascht es sie, wenn es passiert.  Wir müssen ihnen also in der Schule Schritt für Schritt antrainieren, die Mimik und Gestik von anderen Menschen zu entschlüsseln. Zum Beispiel, dass zusammengezogene Augenbrauen meist Wut bedeuten, Tränen möglicherweise Trauer. Normalerweise übernehmen diese Aufgabe die Eltern oder ErzieherInnen, wenn die Kinder noch sehr klein sind. Sie bringen ihnen bei, sich in ein anderes Kind einzufühlen, es zu verstehen und vielleicht mit seinen Augen zu sehen.

An dieser Stelle kommt auch noch eine weitere wichtige Aufgabe der Erwachsenen hinzu: Die Kinder müssen erleben, wie man richtig auf traurige oder wütende Mitmenschen reagiert. Dass man jemanden, der traurig ist oder der sich weh getan hat, in den Arm nimmt, tröstet und ausweinen lässt. Oder dass man einem wütendem Menschen einfach nur aufmerksam zuhört, ohne ungewollte Lösungsvorschläge zu machen. Ein Kind lernt, andere mitfühlend  zu behandeln, wenn ihm selbst mitfühlend begegnet wurde in schmerzhaften, traurigen oder wütenden Situationen. Die Eltern meiner Schüler haben das alles aber selbst als Kinder kaum erlebt, deshalb können sie dieses Wissen nicht an ihre Kinder weitergeben. Sie reagieren - ungewollt - lieblos, wenn ihre Kinder hinfallen und weinen und sagen dann: "Steh auf, und hör auf zu weinen. Es ist doch nichts passiert". So eine Reaktion ist aber problematisch. Wenn eine alte Frau auf dem Gehweg stolpert und stürzt, gehen wir ja auch nicht an ihr vorbei und sagen: "Steh auf, so schlimm war es nicht." Wir rennen zu ihr, helfen ihr auf und fragen, ob wir einen Krankenwagen rufen sollen. Wir stützen sie und suchen einen Platz zum Sitzen. Wir bleiben so lange bei ihr, bis sie sagt, dass es ihr gut geht. Das alles sind normale Reaktionsweisen - wenn einem das als Kind vorgelebt wurde. 


Deshalb ist es so wichtig, als Erwachsene wirklich authentisch zu reagieren, wenn in uns Gefühle aufwallen. Es ist eher kontraproduktiv, wenn wir Großen, obwohl wir wütend sind, mit freundlicher Stimme "Das war nicht schön, Konstantin-Noah!" säuseln und vielleicht dabei noch ein gütliches Gesicht machen. Es ist kontraproduktiv, weil so das Gehirn des Kindes nicht korrekt abspeichern kann, welche Gefühle beim Gegenüber ausgelöst werden, wenn das Kind haut, freche Sachen sagt oder auch schöne Dinge tut. Um Empathie zu entwickeln, und empathisch agieren zu können, ist eine korrekte Abspeicherung von Aktion-und-Reaktion aber dringend nötig. Es ist auch wichtig, weil die Einschätzung von Gefahr sonst nicht richtig funktioniert. Im Gehirn wird ja in der Kontrollschleife in Sekundenschnelle abgewägt, ob ein Zurückhauen sinnvoll ist oder einem selbst oder dem anderen zu viel Schaden zufügen würde. Um die Gefahr einschätzen zu können, braucht das Gehirn verlässliche Vorinformationen. (Was nicht heißt, dass Erwachsene zurückhauen sollen, damit das Kind "es lernt"!) Insgesamt gilt: Alle Gefühle, die ihr habt, solltet ihr mit reichem Repertoire mimisch und gestisch darstellen, um die Empathie-Entwicklung und die Arbeit des präfrontalen Cortex eurer Kinder zu unterstützen.

An dieser Stelle möchte ich allerdings warnend einwerfen, dass elterliches totales "Ausflippen" nicht wirklich authentisch ist. Das Wort wird meines Erachtens zu oft von Erwachsenen missbraucht, die ihre unkontrollierten Wutausbrüche rechtfertigen mit "Ich bin doch nur authentisch..." Nein. Einfach nein. Ein unkontrolliertes Schreien/Brüllen/Explodieren mag von euren Kindern ausgelöst worden sein, doch der wahre Grund für diese extremen Gefühle sind sie nicht, deshalb sollten sie sie auch nicht abbekommen. Es gibt Experten, die meinen, solch ein unkontrolliertes Explodieren sei eine getriggerte, zeitlich und örtlich verschobene Reaktion, die eigentlich in der eigenen Kindheit hätte stattfinden sollen, dort aber nicht ausgelebt werden konnte [vgl. Maaz, H-J., 2014]. Ob das so ausschließlich stimmt, darüber lässt sich trefflich streiten, doch ist es eigentlich auch unwichtig. Wichtig ist, im Hinterkopf zu behalten, dass Kinder keine Schuld an den Gefühlen der Eltern tragen. Unsere Gefühle liegen in unserer eigenen Verantwortung. Diese Verantwortung abzugeben und einem Kind zu übertragen, ist nicht sehr erwachsen. 

2. Die Menschen um sie herum tun alles dafür, damit die Kinder keine Enttäuschung erleben müssen


Um im Leben bestehen können, müssen Kinder Resilienz entwickeln, d. h. sie müssen lernen, kleinere Rückschläge auszuhalten und zu überwinden, um daraus hinterher gestärkt herauszugehen. Die neuronalen Voraussetzungen für Resilienz sind im menschlichen Gehirn angelegt, aber auch sie müssen trainiert werden. Grundlage für die Resilienzentwicklung sind Selbstwirksamkeit und soziale Resonanz. Erlebt ein Kind von klein auf, dass es Dinge selbst bewirken und schaffen kann, wächst es über sich selbst hinaus und entwickelt echtes Selbstbewusstsein. Bekommt es von den Bindungspersonen um es herum zurückgemeldet, dass auch diese daran glauben, dass es Dinge schaffen kann, potenziert sich die Wirkung. Dabei ist die innere Haltung der Erwachsenen sehr viel wichtiger, als ihre Worte. Es ist für das kindliche Gehirn viel eindrücklicher, wenn Eltern ängstlich das kletternde Kind festhalten, als ihre gesprochenen Worte: "Du schafftst das!" Im kindlichen Gehirn zurückbleiben würde dabei eher das mulmige Gefühl, das Klettern nur mit Hilfe meistern zu können. Es ist also wichtig, Kinder von Anfang an auch scheitern zu lassen. Selbst Babys, die vor sich hin jammern, weil sie noch nicht vorwärts robben und an das Spielzeug kommen können, brauchen keine Hilfe, solange sie nicht wirklich weinen. Dieser Frust, den sie da verspüren, ist Antriebsfeder der inneren Motivation, über sich selbst hinauszuwachsen und Neues zu lernen. Nehmen wir Großen ihnen das aus Übervorsorge ab, stutzen wir ihnen die Flügel, statt sie zu befähigen, das Hindernis zu überwinden.

Auch kleinere emotionale Rückschläge müssen Kinder aushalten lernen dürfen. Das ist für uns Eltern oft schwer zu ertragen. Zerbricht eine Banane beim Schälen und das Kleinkind flippt total aus und möchte, dass wir diese wieder ganz machen, dann ist man als Elternteil durchaus versucht, einfach schnell eine neue Banane hervorzuzaubern, statt eine halbe Stunde mit ansehen zu müssen, wie untröstlich das eigene Kind darüber ist. Auch wenn ein Spielzeug kaputt oder verloren geht, hört man Eltern oft vermeintlich tröstend sagen, dass sie ein Neues kaufen werden. Ich kann das gut verstehen - tatsächlich habe ich es lange selbst so gemacht. Ich konnte einfach nicht aushalten, meine Kinder so traurig zu sehen. Wenn ein Lieblingshaarreif beim Spiel zerbrach, habe ich schnell einen neuen gekauft. Wenn das eine Fräulein zur Übernachtung bei einer Freundin eingeladen wurde, habe ich dem anderen Fräulein als Trostpflaster erlaubt, einen Film am Nachmittag zu schauen. Ich weiß nicht, wie viele zerbrochene Bananen, Kekse und Würstchen ich gegen ganze ersetzt habe imLaufe der Jahre! Mittlerweile weiß ich allerdings, dass das nicht der richtige Weg war. Ich hätte sie besser trösten sollen und sie in ihrem Schmerz begleiten, als die Enttäuschung schnell wegzuschummeln. Denn so habe ich immer wieder die Fähigkeit ihres Gehirns geschwächt, Frustrationen auszuhalten.

Nehmen wir als Beispiel einen Vater, der beruflich sehr eingespannt ist und deshalb nicht zu einem vorher versprochenen Angelwochenende mit seinem Sohn fahren kann. Er schenkt ihm deshalb vielleicht zum Trost eine neue, teure Angel. Doch das hilft dem Kind nicht wirklich. Die teure Angel ist bestimmt schön, aber mit dieser Handlung suggeriert der Vater dem Gehirn des Sohnes, dass man Enttäuschung und Schmerz nicht aushalten, sondern sich davon ablenken muss. Setzt sich der Vater dagegen am Abend hin und erklärt dem Sohn die Sache und hält es aus, dass dieser weint und mit ihm wütend ist, bietet seine Schulter zum Ausweinen an etc., dann gibt er echten Trost, der das Gehirn des Kindes stärkt. In zukünftigen enttäuschenden Situationen wird das Kind nicht zusammenbrechen, sondern die Enttäuschung meistern können, weil das Gehirn das schon einmal mithilfe einer Bezugsperson ausgehalten hat. Es weiß, dass es das kann. Je öfter es das schon geschafft hat, desto besser lernt ein Kind, mit Enttäuschungen unzugehen. Das gemeinsame Aushalten der Enttäuschung und des Schmerzes lässt im Gehirn ein Feuerwerk an Glückshormonen ausschütten. Der Sohn fühlt sich nach dem Weinen ziemlich geschafft, aber trotzdem irgendwie gut und zufrieden. Das soziale Miteinander, die mitfühlende Resonanz des Vaters hat das ausgelöst. Eine neue Angel ist dann völlig unnötig. 

3. Die Menschen um sie herum bieten Ersatzbefriedigungen statt echtem Trost an


Eine geschenkte Angel als Trost befriedigt das faule Basissystem des Gehirns. Dieses mag schnelle Bedürfnisbefriedigung und es ist, wenn man es regelmäßig damit füttert, irgendwann stärker als der präfrontale Cortex. Das Gehirn lernt dann, dass es den Schmerz beiseite schieben sollte (nicht aushalten, wie im ersten Fall) und sich auf schnelle Bedürfnisbefriedigung stürzen sollte, weil diese im Gehirn auch eine Art Belohnungshormon ausschütten lässt - daraufhin fühlt sich der Mensch für eine kurze Weile gut [vgl. Bauer, J., 2015]. Lernt das Kind also von seinen Eltern, sich bei Schmerz mit "schönen Dingen" abzulenken, erlernt das Gehirn keine Resilienz, sondern sich auf Ersatz zu stürzen: Essen, Trinken, Kaufen, Videospiele etc. Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen dem ersten Trost und dem zweiten. Bei echtem Trost fühlt sich der Mensch wahrhaftig gut und erleichtert. Unechter Trost ist  eine Ersatzbefriedigung. Es ist okay, wenn Eltern darauf ab und zu zurückgreifen - ich tue das auch -, aber ihnen sollte bewusst sein, dass es eben nur ein Lückenfüller ist. Einer, der sich schnell abnutzt.


Ablenkung mit Ersatzbefriedigungen ist insofern ein Problem, als dass daraus lebensuntüchtige Menschen entstehen. Solche, die schon an kleinen Rückschlägen zerbrechen oder Dinge gar nicht erst angehen, aus Angst, zu versagen. Die Wirtschaft beschwert sich jetzt schon eine Weile, dass die Lehrerlinge, die zu ihnen kommen, es nicht gewohnt sind, sich irgendwie "durchzubeißen" und mal, entschuldigt bitte die Ausdrucksweise, den "Arsch zusammenzukneifen", um eine Sache bis zum Ende zu führen. Wie sollen sie das aber auch können, wenn ihr Gehirn dahingehend nie trainiert wurde? Wenn ihnen immer, wenn es schwierig oder traurig wurde, eine Ablenkung vom Schmerz oder eine Ersatzbefriedigung präsentiert wurde?

4. Die Menschen um sie herum trauen sich nicht, ihre eigenen Grenzen aufzuzeigen


Gerade wir Eltern, die es gern anders machen wollen, als unsere Eltern, merken manchmal nicht, dass wir unsere Kinder zu oft unsere eigenen Grenzen überschreiten lassen. Eine Leserin des Blogs schilderte mir einmal eine Situation mit ihrer Tochter, in der sie zu stark ihre eigenen Grenzen überschreiten ließ. Die Mutter hatte einen gebrochenen Fuß und konnte trotz Gips sehr schlecht laufen. Ihre Tochter war 3,5 Jahre alt und konnte schlecht damit umgehen, ihre Mama so immobil zu erleben. Es machte ihr Angst. Aus dieser Angst heraus lies sie sich allerlei einfallen, um die Mutter zum Aufstehen zu bewegen. Sie brauchte plötzlich bei den einfachsten Dingen Hilfe. Da der Mutter klar war, dass ihre Tochter so agierte, weil es sie ängstigte, dass sie die meiste Zeit schwach auf der Couch lag, hievte sie sich immer wieder hoch, um dem Kind zu helfen. Mal holte sie ein Kleid aus dem Schrank, mal suchte sie die verschwundene Puppe des Kindes. Diese kurzen Zeiten, in denen die Mutter wieder ganz "die alte" war, schienen dem Kind gut zu tun, doch der Fuß der Mutter schmerzte hinterher so stark, dass sie eigentlich nur noch liegen wollte. Irgendwann erbat sich das Mädchen Hilfe beim Toilettengang - etwas, das sie schon lange allein konnte. Die Mutter bat inständig darum, liegen bleiben zu können, weil ihr gebrochener Fuß so weh tat. Sie schlug sogar vor, die Tochter könne ihr altes Töpfchen vor das Sofa stellen, um die Gesellschaft der Mama dabei zu haben. Ein toller Kompromiss eigentlich. Doch die Tochter bestand laut und vehement darauf, die Mutter auf der Toilette dabei zu haben. Sie würde sonst, drohte sie, in die Hose machen. Die Mutter gehorchte - und stand wieder auf, obwohl sie höllische Schmerzen hatte und den Fuß viel zu stark belastete.

Nun bin ich ganz vorn dabei bei denen, die sagen, es ist wichtig, Ängste der Kinder ernst zu nehmen und (fast) alles dafür zu tun, diese aufzufangen. Und doch es ist wichtig, Stopp zu sagen, wenn wir uns nicht wohl fühlen oder wir über unsere Belastungsgrenze gehen! Jesper Juul hat das in seinem Buch "Leitwölfe sein" ausführlich beschrieben. Wenn wir Eltern keine authentischen Grenzen aufzeigen, wie sollen unsere Kinder lernen, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen? Die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen, also die eigenen Wünsche und Impulse zurückzustellen und eine Verzögerung der Bedürfnisbefriedigung auszuhalten, wird durch den präfrontalen Cortex geregelt und steigt mit vermehrtem Training. Neben den Eltern und anderen erwachsenen Bezugspersonen sind hier Kindergruppen wichtige Übungspartner. Denn Kinder zeigen anderen Kindern oft wunderbar klar und direkt die eigenen Grenzen auf. Möchte ein Kind zum Beispiel gerade nicht umarmt und geküsst werden, stößt es normalerweise das umarmende Kind einfach weg. Natürlich ist das kein besonders gesellschaftlich akzeptierter Weg, seine Grenze klar zu machen, aber eine sehr direkter und eindrücklicher.

Erwachsene, die ihre Grenzen aufzeigen, müssen natürlich achtsamer vorgehen. Sie sollten dabei nicht die Integrität des Kindes verletzen. Es  ist ein Unterschied, ob man sagt: "Ich möchte jetzt nicht mit dir spielen. Ich bin ganz k.o. und möchte kurz in Ruhe meinen Kaffee zu Ende trinken. Danach komme ich zu dir. Bitte spiel bis dahin allein" oder "Boah, lass mich doch ein Mal in Ruhe meinen Kaffee austrinken, ey! Ich will jetzt nicht mit dir spielen. Ich bin total k.o., siehst du das nicht? Spiel jetzt mal allein, verdammt noch mal". In beiden Fällen hat das Elternteil zwar klar gemacht, dass er/sie müde ist und momentan nicht spielen will, doch die zweite Version ist verletzend. 

Kinder reagieren auf dieser Art der gewaltvollen Kommunikation der Eltern oft mit provokativem Verhalten, während ein nicht-verletzendes Grenzenaufzeigen normalerweise kooperatives Verhalten nach sich zieht. Die Mutter mit dem gebrochenen Fuß aus dem Beispiel oben hätte ihrer Tochter sagen können: "Es tut mir leid. Ich weiß, es macht dir Angst, mich hier so schwach liegen zu sehen. Ich kann dir heute nicht helfen. Mein Fuß braucht Ruhe und es ist mir wichtig, dass er schnell heilt. Ich kann dir bei einigen Dingen helfen, wenn du sie zu mir auf die Couch bringst, aber das ist heute wirklich das Äußerste, was ich schaffe". Möglicherweise wäre ihr Kind darüber wütend geworden. Möglicherweise hätte sie sogar wirklich in die Hose gemacht. Aber sie hätte gelernt, dass ihre Mutter Grenzen hat und sie sich nicht verbiegen wird, egal wie viel Erpressung das Kind anwendet. 

5. Die Menschen um sie herum verhalten sich unberechenbar


Als ich im Kindergraten war, hatte ich eine beste Freundin. Anja hieß sie und war genau einen Tag jünger als ich. Sie lebte im Nachbarhaus in der 9. Etage und ich liebte sie sehr. Was mich jedoch belastete, war der Terror, der von ihren Eltern ausging. Man konnte nie wissen, wie sie reagieren würden. Mal waren sie super nett und überhäuften uns mit Süßigkeiten und ließen uns stundenlang unbeaufsichtigt fernsehen. Oft jedoch, meist aus heiterem Himmel, wurden sie wütend und schmissen mich raus. Nie wusste ich, was wir falsch gemacht hatten. Ein falsches Wort, ein falscher Blick, ein unbedarftes Kichern an der falschen Stelle und schon suchte man besser das Weite. Jeden Tag klingelte ich bei Anja, um sie nach unten in den Hof zum Spielen zu bitten. Wir hatten lange zuvor beschlossen, dass das einfacher war, als bei ihr zu Hause. Sie summte mir freudig die Tür auf, wir freuten uns beide darauf, gleich miteinander raus gehen zu können. Doch davor stand noch - jeden Tag aufs Neue - die größte aller Geduldsproben. Es musste alles glatt gehen in den fünf Minuten zwischen meinem Klingeln und dem Moment, in dem der Fahrstuhl bei ihr oben ankam. Machte sie die Wohnungstür auf und strahlte, war das ein guter Tag. Wir durften gemeinsam nach unten fahren. Weitaus öfter aber hatte sie in diesen fünf Minuten irgendetwas gesagt oder getan oder nicht gesagt oder nicht getan, das ihren Vater von jetzt auf gleich ausflippen ließ. Dann öffnete sie mir tränenüberströmt die Tür und schüttelte nur schluchzend den Kopf. Mein Herz sank jedes Mal in die Hose und ich schlüpfte schnell wieder in den Fahrstuhl. Allein.

Der Terror der Willkür machte es mir jeden Tag schwerer, den Klingelknopf zu drücken und doch tat ich es viele Male. Es gab ja auch gute Phasen. Und wie gesagt, wir waren ein Herz und eine Seele, wir zwei blonden, kichernden Fünfjährigen - ich wollte sie nicht allein in ihrer Hölle lassen. Irgendwann zog ihre Familie weg, wir verloren uns aus den Augen. Ich kann mich nicht mehr an ihr Gesicht erinnern, nicht mehr an ihre Stimme. Aber den Terror im Herzen, den spüre ich noch immer tief in mir, wenn ich an ihrem Haus vorbei gehe und hoch in den neunte Etage schaue. Ich frage mich - wenn mich das schon so belastet hat damals, wie muss es Anja ergangen sein?

In meinem Artikel über den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen schrieb ich, dass Menschen ein Grundbedürfnis nach Struktur/Ordnung in ihrem Leben haben. Können sie über einen längeren Zeitraum nicht voraussehen, wie ihr Tag ablaufen wird, geraten sie in Stress und erkranken. Das gleiche gilt für das Verhalten von Eltern: Es muss eine Struktur aufweisen, die für ein Kind entschlüsselbar ist, so dass es weiß, woran es ist. Kinder brauchen Erwachsene, die sich berechenbar verhalten, denn an dieser klaren Struktur orientieren sie sich. Sie gibt ihnen selbst Verhaltenssicherheit. Anjas Eltern verhielten sich aber nicht berechenbar. Wie ich schon schrieb: Wir wussten nie, was ihren Vater oder ihre Mutter austicken ließ. Nicht einmal hinterher konnten wir erkennen, was wir nun wieder falsch gemacht hatten. Im Prinzip versuchten wir, in ihrer Gegenwart möglichst unsichtbar zu sein, unter ihrem Radar zu bleiben, doch oft genug schafften wir es nicht. 

Ich weiß nicht, ob aus Anja eine "Tyrannin" oder eine "Arschloch-Frau" geworden ist - sie ist aus meinem Leben verschwunden, als ich 7 Jahre alt wurde. Doch ich sehe die Schüler an meiner Schule, die von der Gesellschaft den Stempel "verhaltensauffällig" aufgedrückt bekommen haben und weiß, dass viele von ihnen ebenso unberechenbare Erwachsene in ihrem Leben haben. Das macht es für den Präfrontalen Cortex meiner Schüler unglaublich schwierig, valide Regeln für zwischenmenschliches Verhalten abzuspeichern. Wenn sie als Kleinkinder nach ihren Eltern hauten, dann konnte es sein, dass diese hart zurück hauten, es ignorierten oder aber sogar lachten, weil sie es cool fanden, wie stark ihr kleiner Racker schon ist. Welche dieser Reaktionsmuster sollte das Gehirn nun als "richtig" einstufen?

Wenn es wirklich so gar keine Anhaltspunkte dafür gibt, wie sich die eigenen Eltern im nächsten Augenblick verhalten werden, dann kann ein Kind nicht gesund aufwachsen - es wird die Regeln für ein "normales", gesellschaftlich gewünschtes, Miteinander nicht verinnerlichen, sondern ebenso unberechenbar reagieren und damit in Kita und Schule anecken. Es braucht dann andere, verlässliche Bindungspersonen wie LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen und auch gleichaltrige Freunde, um den "normalen" Umgang mit Mitmenschen zu erlernen.

Weil ich weiß, dass ihr euch meine Texte immer sehr zu Herzen nehmt, hier noch ein Hinweis: Ich meine euch ausdrücklich nicht, liebe LeserInnen. Ganz sicher gibt es bei euch auch Situationen, in denen ihr nach Tagesform mal so und mal so reagiert. Das ist normal. Das ist bei mir auch so. Das ist nicht die Unberechenbarkeit, die ich meine. Denn es ist für eure Kinder zu 95% klar, warum ihr reagiert, wie ihr reagiert. Wenn ihr noch müde seid, reagiert ihr knurriger, als in wachem Zustand. Hattet ihr auf der Arbeit Stress, kann es sein, dass ihr am Abend nicht mehr zu Scherzen aufgelegt seid. Das fällt unter Authentizität - eure Kinder lernen euch dadurch kennen. Ganz sicher begründet ihr euren Kinder auch immer wieder, warum ihr jetzt so reagiert. Bestimmt sagt ihr sowas wie: "Uff, ich bin ganz geschafft vom Tag und kann euer Herumgealbere jetzt ganz schlecht aushalten. Ich ziehe mich jetzt mal ein bisschen zurück, ja?" Wen ich meine, sind wirklich krankhaft unberechenbare Eltern - und die lesen hier nicht im Blog, weil ihnen nicht im Traum einfallen würde, dass das, was sie tun, ihren Kindern schaden könnte. Also bitte, bezieht Abschnitt 5 nicht auf euch, ok? 

6. Die Menschen um sie herum übergehen das Nein der Kinder einfach


In den Medien konnte man in letzter Zeit vermehrt von Übergriffen sexueller Art lesen, bei denen das "Nein!" einer Frau von einem oder auch mehrere Männern nicht als "Nein" akzeptiert wurde. In Stanford verging sich der Student Brock Turner an der Schwester einer Mitstudentin. Sie hatte auf einer Party zu viel getrunken und war bewusstlos. Das TV-Sternchen Gina-Lisa Lohfink wurde von zwei Männern vergewaltigt und dabei gefilmt - ganz klar ist von ihr immer wieder "Hör auf!" zu hören, auch, wenn sie wie weggetreten wirkt auf den Videos. Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen, wie diese Vergewaltigungen rechtlich belangt wurden - dazu wurde schon viel geschrieben. Ich möchte eher beleuchten, wie es sein kann, dass ein Junge wie Brock Turner auf die Idee kommen kann, es wäre irgendwie okay, sich an einem anderen Menschen zu vergehen. Haben ihm seine Eltern nicht beigebracht, dass Nein Nein heißt? Ich kenne die Familie nicht persönlich, aber Brock erscheint mir so normal, wie ein Junge von Nebenan. Ich gehe davon aus, dass seine Eltern ihn "gut erzogen" haben und alles in ihrer Macht stehende getan haben, um ihm Respekt vor Frauen beizubringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass weder sein Vater, noch seine Mutter jemals zu ihm gesagt haben, es sei ok, sich über das Nein einer Frau hinwegzusetzen und sie zu vergewaltigen. Wie konnte es also dazu kommen? Was muss in der Erziehung schief laufen, damit aus einem Jungen von Nebenan ein Sexualstraftäter wird?

Die Antwort darauf ist so einfach, wie schockierend. Unsere Kinder lernen vornehmlich das, was ihnen vorgelebt wird und weniger das, was ihnen gesagt wird. Wenn ihr euch umschaut, dann werdet ihr vielleicht dort drüben auf der Bank eine Mutter sehen, die ihr Baby mit Brei füttern möchte. Das Baby dreht seinen Kopf weg und lässt seinen Mund zu. Es sagt eindeutig nonverbal Nein. Trotzdem schummelt die Mutter Löffelchen für Löffelchen in seinen Mund - wenn es gähnt, wenn es lacht, oder wenn es abgelenkt den Autos hinterher schaut - weil sie meint, das Baby müsse noch mehr essen. 

Wenn ihr in die andere Richtung schaut, dann seht ihr vielleicht den Vater mit seinem 2-Jährigen, der sich laut brüllend auf den Gehweg geworfen hat und lautstark "Nein!" zum Weitergehen sagt. Der Vater nimmt den strampelnden Knirps hoch und klemmt ihn sich vorsichtig unter den Arm - er geht weiter, als würde er den Protest seines Sohnes nicht hören. Auf der Straßenseite gegenüber seht ihr vielleicht die kleine Einjährige im Buggy, die sich immer wieder den Sonnenhut vom Kopf reißt und ihre Oma, die irgendwann genervt eine doppelte Schleife ins Hutbändchen macht, damit ihre Enkelin ihr "Nein" nicht mehr durchsetzen kann...

Ich denke, 100 % der Eltern stimmen zu, wenn man sie fragt, ob das "Nein" einer Frau beim Sex wirklich "Nein" heißen sollte. Wir alle wollen unsere Kinder in diesem Sinne erziehen, niemand von uns wünscht sich, dass sein Sohn einmal eine Frau gegen ihren Willen berührt.  Aber wie viele Eltern bringen ihren Kindern unbewusst genau das Gegenteil bei? Denn was lernt denn ein Kind, das Nein sagt und trotzdem tun muss, was die Eltern sagen? Es lernt, dass der Stärkere entscheidet, wann ein Nein wirklich Nein bedeutet.

Das "Ich meine es doch nur gut mit dir!" der Eltern ist nicht so weit entfernt vom "Du willst es doch auch!" des Vergewaltigers, wie wir das gerne hätten. Ich habe einmal, als meine Töchter noch klein waren, einer von ihnen gegen ihren Willen die Zähne geputzt. Ich war wirklich der Überzeugung, es müsse sein, es wäre zu ihrem eigenen Besten. Doch sie wehrte sich, als ginge es um ihr Leben. Sie schrie und strampelte, ich musste sie mit aller Kraft festhalten. Es fühlte sich an, als würde ich sie vergewaltigen! Als ich das merkte, ließ ich sie sofort los und schwor mir, sie nie, nie wieder so übergriffig zu behandeln. Dieser schreckliche Moment hallte noch lange in mir nach. Ich realisierte, dass sie nicht lernen kann, dass ihr "Nein" etwas wert ist, wenn nicht einmal ihre engste, liebste Person auf der Welt darauf hört. Wie sollen unsere Kinder das Selbstbewusstsein entwickeln, Fremden ihre Grenzen aufzuzeigen, wenn wir Eltern sie dazu zwingen, diese immer wieder überschreiten zu lassen? Wie sollen unsere Söhne lernen, nicht ihre Stärke auszunutzen und über ein Nein hinwegzugehen, wenn wir sie, wenn sie klein und schwach sind, z. B. gegen ihren Willen hochheben und wegtragen?


An dieser Stelle kommt meist das Gegenargument, dass es ja aber gar nicht geht, dass Eltern immer auf das Nein ihrer Kinder hören. Oft wird das Beispiel der Mutter hervorgekramt, die mit ihrer nackten Einjährigen im Fahrradsitz bei 11 Grad durch München fuhr und dem sie anhaltenden Polizisten erklärte, die Kleine habe das so gewollt. Ja - das Verhalten dieser Mutter ist durch nichts zu entschuldigen. Es war fahrlässig. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen wir Eltern auch über die Neins unserer Kinder hinweggehen müssen. Wirft sich der oben beschriebene Zweijährige nicht auf dem Gehweg hin, sondern mitten auf der Straße, ist es überhaupt keine Frage, dass der Vater ihn zur Sicherheit hochheben und wegtragen muss. Wir Eltern müssen und dürfen "beschützende Macht" über unsere Kinder ausüben. Notfalls auch mittels körperlicher Überlegenheit. Aber wie oft kommen solche Situationen vor? 

Sehr viel öfterübergehen Eltern im Alltag die Grenzen ihrer Kinder aus Unbedachtheit, Zeitnot oder Faulheit. Und hierfür möchte ich euch einfach sensibilisieren: Dass Nein wirklich Nein bedeutet, lernen unsere Kinder sehr viel früher und sehr viel eindrücklicher, als das vielen Menschen bewusst ist. Wenn über wir über ihr Nein immer wieder ohne besondere Not hinweggehen, kann es sein, dass sich diese Message in ihrem Kopf festbeißt. Das bedeutet aber nicht, dass sie deshalb zwangsläufig zu potentiellen Vergewaltigern werden. Wäre die Erklärung so einfach, könnten wir schon längst die schlimmsten Verbrechen der Welt verhindern.... Aber es bedeutet, dass wir Erwachsenen mit unserer Macht und unserer Kraft bewusst umgehen sollten. Dass wir auch im Alltag und unter Zeitnot gründlich überlegen sollten, ob es okay ist, dem Kind einen Pullover unter dessen Protest anzuziehen, oder ob es vielleicht möglich ist, den Pullover einfach mitzunehmen und dann anzuziehen, wenn das Kind von selbst gemerkt hat, dass ihm kalt ist. Das wird nicht immer klappen, das weiß ich - oft genug muss ich selber über die Neins meiner Kinder hinweggehen, weil es gerade nicht anders geht. Und doch achte ich darauf, dass es für jedes Nein meiner Kinder, das ich nicht einhalten kann, viele Neins gibt, die ich akzeptiere und wahre.

Falls ihr euch tiefergehend  mit dem Thema "Nein heißt Nein" beschäftigen wollt, dann klickt in den Runzelfüßchen - Blog, dort gibt es eine Blogparade dazu. 

7. Dem Kind passieren Dinge, die außerhalb der "Erziehung" der Eltern liegen


Ich hatte oben 6 Erziehungsfehler, die das Heranwachsen von "Arschlochkindern" oder "Tyrannen" vielleicht begünstigen, angekündigt - und nun steht hier ein siebenter Punkt. Er liegt jedoch außerhalb der Einflussnahme der Eltern, deshalb habe ich ihn nicht dazu gezählt. Das Ding ist nämlich: Manchmal machen Eltern und Erzieherinnen objektiv gesehen alles richtig und trotzdem entwickeln sich ihre Kinder in eine Richtung, die für alle unangenehm ist. 

Es gibt leider eine ganze Reihe möglicher (extremer) Erlebnisse, die ein Kind dahingehend prägen können. Sei es das Erleben von Krieg oder anderer traumatischer Erfahrungen, die den Kindern den Zugang zu ihren Gefühlen unmöglich machen, weil sonst die Gefahr eine Retraumatisierung besteht - es gibt Dinge, die können Eltern nicht verhindern. Manchmal wissen sie nicht einmal davon. Dann strampeln sie sich ab, um ihr Kind in eine gesellschaftlich bessere Richtung zu lenken und scheitern manchmal trotzdem. 

Das bedeutet nicht, dass traumatisierte Kinder "Arschlochkinder" oder "Tyrannen" sind. Es gibt meines Erachtens überhaupt keine "Arschlochkinder". Was wir von Außen sehen, ist ja immer nur ein winziger Teil ihres Verhaltensrepertoires. Das, was wir in der halben Stunde auf dem Spielplatz von dem Kind erleben, repräsentiert ja nicht seinen gesamten Charakter, wie Alu in ihrem Text "Gestatten, ich bin die Mutter eines Arschlochkindes, sagst Du" ganz wunderbar beschreibt. Jedes Verhalten von Kindern ist sinnvoll - ihr wisst, dass ich das immer wieder schreibe. Wenn es destruktives, anti-soziales oder aggressives Verhalten ist, dann hat das einen Grund. Einen, den man oft genug entschlüsseln kann. 

Fazit


Die Lehre, die ihr aus diesem Artikel ziehen solltet, ist, dass ihr gute Eltern seid. Eure Kinder werden weder "Tyrannen" noch "Arschlöcher" - auch, wenn sie sich vielleicht dann und wann unmöglich benehmen. Egal, wie ihr erzieht - aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie zu freundlichen, zuvorkommenden Erwachsenen heranwachsen. Selbst meine krassesten Schüler sind im Laufe der Zeit verträglicher geworden. Natürlich auch, weil wir ihnen in der Schule ein paar Grundbausteine mitgegeben haben. Wenn sie mich besuchen kommen, sehe ich riesige, meist wunderschön tätowierte Hünen, die mir mit Leuchten in den Augen ihre kleinen Töchter in pinken Kleidchen präsentieren oder stolz erzählen, dass sie eine ehrliche Arbeit als Putzmann bei der deutschen Bahn bekommen haben. 

Keiner meiner ehemaligen Schüler ist bisher im Gefängnis gelandet, obwohl ihr Start ins Leben alles andere als rosig aussah. Ich denke, dieser Fakt kann uns Eltern aufatmen lassen. Klar, es gibt Fallstricke in der Erziehung (und außerhalb), die es Kindern schwerer machen, in der Gesellschaft nicht anzuecken. Kinder müssen lernen, sich in andere hineinzuversetzen, sie brauchen Empathie, Liebe, Fürsorge, echten Trost. Sie müssen ab und zu auf die authentische Grenze eines anderen stoßen und dann dazu angehalten werden, diese einzuhalten. Und das ist eigentlich schon das ganze Geheimnis guter Erziehung.

© Snowqueen


Literatur


Bauer, Joachim: Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013

Bauer, Joachim: Selbststeuerung: Die Wiederentdeckung des freien Willens, 2015

Brooks, Robert: Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken, 2015

Maaz, Hans-Joachim: Die narzisstische Gesellschaft: Ein Psychogramm, 2014
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Kommentare:

  1. Vielen, vielen Dank für diesen Artikel. Er vereint mehrere Aspekte, die mir aus eurem Blog schon bekannt vorkommen, und führt sie unter diesem wichtigen Oberthema noch einmal zusammen. Meine Tochter ist gerade in der Autonomiephase, was manchmal sehr, sehr anstrengend ist (Stichwort: zerbrochene Banane), und kann so gar nicht alleine spielen (Stichwort: meine eigenen Grenzen/Bedürfnisse). Ich werde einige der Aspekte direkt im Alltag umsetzen können. Oder es zumindest versuchen...

    Liebe Grüße, M.

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  2. Liebe Snowqueen,

    das ist ein Artikel, den ich mir schon lange gewünscht habe und nachdem ich mich ein Stück weit gesehnt habe. Ich habe alle Artikel eurer Seite gelesen, sehr viele auch zwei Mal oder noch häufiger. Und zwar, um die Dinge wirklich zu verinnerlichen und sie wirklich verstehen zu können, das habe ich meiner Meinung nach erst dann, wenn ich es auch mit eigenen Worten erklären kann. Aber manchmal hab ich mir gedacht, dass mir das alles zu unübersichtlich wird, dass ich schon wieder das eine vergessen habe, wenn ich das andere gelesen habe und mir gar nicht merken kann, was zu bedürfnisorientiert alles dazu gehört und mir diese Unübersichtlichkeit zu schaffen macht. Und gleichzeitig hab ich manches Mal gedacht, dass sich doch vieles im Grunde wiederholt, dass es doch im Prinzip Grundpfeiler gibt an denen sich bedürfnisorientierte Erziehung stets von neuem ausrichtet, und das es mit Blick auf diese Grundpfeiler ganz egal ist, welche Situationen sich im Alltag stellen und die allesamt gemeistert werden können, insofern man quasi den Leuchtturm nicht aus den Augen verliert. Und diesen Artikel hier empfinde ich quasi als diese Art Leuchtturm an dem sich unser Alltag dann ausrichten kann, egal ob es mal stürmisch ist oder es ruhigere Zeiten gibt.

    Vielen Dank hierfür!

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  3. Ein toller Artikel, vor allem Punkt 6 finde ich sehr wichtig!

    Ich habe aber den Eindruck, dass die Empathiefähigkeit auch unabhängig von der Erziehung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Mein Mann ist so empathisch wie ein Stock, sage ich immer ;o) Er selbst meint, dass es für ihn auch sehr schwierig ist, Zwischentöne und dieses "zwischen den Zeilen lesen" wahrzunehmen. Er kann sich auch schwierig in andere Personen hineinversetzen oder sich Dinge vorstellen.
    Ich dagegen habe ziemlich feine Antennen und nehme Gefühle und Stimmungen ziemlich deutlich war, allerdings mehr bei Erwachsenen. Bei meinen Kindern versage ich da auch schon mal regelmäßig :o/
    Ich merke aber deutlich, dass mein Sohn (5 jahre) da mehr nach meinem Mann kommt. Bei ihm müssen wir auch noch viel mehr erklären, was sein Handeln bei uns oder anderen Personen auslöst. Auch entwickelt er eher eine "praktische Empathie", er versucht z.B. nicht ein anderes Kind zu trösten, sondern bringt das Kind zu einem Erzieher, der dann tröstet oder helfen kann.
    Meine Tochter (knapp 3 Jahre) ist dagegen jetzt schon wesentlich empathischer als mein Sohn. Sie kann Gefühle von sich und anderen auch schon ziemlich gut artikulieren und ist an dieser ganzen "Gefühlssache" auch wesentlich mehr interessiert als mein Sohn.

    Für mich ist das eine relativ spannende Sache, macht den Umgang mit meinem Sohn für mich manchmal aber echt schwierig, weil ich mich wiederrum sehr schwer in seine "gefühlsarme" Art hineinversetzen kann. Allerdings sehe ich ja auch jedem Tag an seinem Vater, dass da trotzdem was Gutes draus werden kann :o)

    Alles Liebe ♥
    Nadine

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    1. Liebe Nadine, stimmt, das ist bei meinen Kindern auch so (trotz zweier empathischer Eltern): Fräulein Ordnung fällt es noch echt schwer, mit den Augen eines anderen zu sehen bzw Gefühle anderer zu entziffern, obwohl sie bald 6 wird. Herr Friedlich mit seinen 2 Jahren dagegen gelingt das schon ziemlich gut (nicht der Perspektivenwechsel, aber zu sehen, wenn es jemandem schlecht geht).

      LG, Snowqueen

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    2. Genauso ist es bei uns auch. Unser Sohn schafft das mit sechs Jahren immer noch sehr selten, seine kleine Schwester mit jetzt drei kann das seit bestimmt einem Jahr schon sehr gut. Kinder sind verschieden, das weiß ich, aber schön zu lesen, dass es bei anderen Familien genauso ist :)

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  4. ein recht interessanter Artikel, der die Komplexität einer Kindes(-nicht-)erziehung auf den Punkt bringt. Mir passt bloß das Wort Arschlochkind nicht. ;)

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    1. Liebe Corinna - mir auch nicht. Ich habe es aber trotzdem verwendet, weil es eben oft benutzt wird, um Eltern einzureden, sie würden schlecht erziehen.

      LG, Snowqueen

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  5. Wie ich es bereits auf Twitter geschrieben habe, muss ich Dir deutlich widersprechen. Das was Du beschreibst in den Eltern Verhaltensweisen 1-6 sind Erziehungsfehler, die zu einer fehlenden Impulskontrolle der Kinder führen können. Und stimmt, ähnlich ist es mit traumatisierten Kindern.
    Ich würde sogar noch weiter gehen, Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, in denen keine echten Gefühle gezeigt werden, in denen kein Trost, sondern Ersatzbefriedigung stattfindet, in denen die eigenen Grenzen der Eltern nicht aufzeigt werden, oder in denen sich Eltern unberechenbar verhalten sind selbst potentiell traumarisierende Umgebungen. All diese Dinge klingen für mich stark nach Menschen, die Bindungsprobleme im weiteren aber auch engeren Sinn haben, die sich auf die Kinder ausweiten.
    Fehlende Impulskontrolle jedoch mit Tyrann oder Arschlochkind gleichzusetzen ist jedoch unglaublich. Gerade diese Kinder sind in unserer Wahrnehmung extrem unsozial, aber all diese Impulsivitätsdurchbrüche sind nichts anderes als Hilfeschreie! ES GIBT KEIN GRUNDLOS AGGRESSIVES VERHALTEN! Und gerade von einer Sonderschulpädagogin hätte ich eine solche Pauschalisieren auch nicht erwartet. Herauszufinden, was die Ursache für das jeweilige Verhalten ist, mit dem Kind die Ursache erarbeiten und das Kind pädagogisch bei einer Änderung zu unterstützen, ist für mich genau die Aufgabe von Sonderpädagogen. Und nicht die defizitäre Sicht auf das Fehlverhalten

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    1. Lieber Christian - genau so ist es. Ich stimme dir in allem, was du schreibst, zu. Du trägst mit deinem Kommentar Eulen nach Athen. Vielleicht schaust du dich zuerst im Rest unseres Blogs um? Denn das, was du schreibst, ist ganz genau meine Haltung. Aggressives Verhalten ist immer ein Hilferuf - und wir müssen ihn hören und entschlüsseln. Diese Aussage wirst du in allen meinen Artikeln finden.
      Liebe Grüße, Snowqueen

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    2. Lieber Christian,
      ich kenne den Blog nun auch schon von Beginn an, daher weiß ich, dass die Autorin selbst nicht als Tyrannenkinder bezeichnet. Sie bedient sich nur ganz bewußt der Bezeichnungen, die in der Gesellschaft oft leider für diese Kinder verwendet werden.

      Im Grunde möchte sie genau gerade diesbezüglich wachrütteln. Diese Kinder, die in der Gesellschaft als unsozial wahrgenommen und daher so bezeichnet werden. Eigentlich finde ich, ist der Artikel so aufgebaut, dass der Leser ins grübeln kommen kann und so selbst denkt, "ach mensch, dem Kind fehlt(e) nur jenes oder dieses, es hatte keine Gelegenheit, Empathie, Impulskontrolle zu lernen. ... Das hat mit Tyrannei ja gar nichts zu tun. Ihr Verhalten hat ganz andere Gründe....

      Mit dem Ziel, dass diese Kinder eben nicht mehr als Tyrannen gesehen werden, die nur sich selbst im Sinn haben, sondern als Kinder, die einfach noch Unterstützung / Hilfe benötigen.

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  6. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel, der sehr zum Nachdenken und Überdenken anregt. Vor allem habe ich überlegt, wie ich authentisch sein kann, ohne dabei laut zu werden, wenn ich wütend bin. Aber auch in anderen Situationen finde ich es schwierig, authentisch zusein.
    Allerdings hat mein Denkfluss hierzu sowie über den Umgang mit und zu meinen Kindern durch die Behauptungen im Fall Lohfink (den anderen Fall habe ich nicht verfolgt) eine jähe Zensur erfahren. Ich versteh, dass es dir wichtig ist, ein Nein als solches zu akzeptieren. Das ist es mir auch. Und insbesondere ein Nein von einer Frau zum Thema Sex ist zu akzeptieren, selbst wenn es nur nonverbal wäre. Im vorliegenden Fall ist es meines Wissens aber (nocht) nicht klar, ob es ein Nein gab. Gerichtlich scheint es Zweifel zu geben und gegen Frau Lohfink wurde eine Strafbefehl verhängt, aktuell wird eine Gerichtsverfahren geführt. Wir wissen nicht, was wirklich war. Eine (Vor)verurteilung aus falscher Solidarität ist für keinen hilfreich.
    Um die Wichtigkeit darzulegen, ein Nein zu akzeptieren, hätte es meines Erachtens nicht einer solchen Behaupttung bedurft.

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    1. Liebe Dana. Es gibt ein Video, in dem sie sehr klar Nein sagt. Das muss, finde ich, ausreichen, damit klar ist, dass sie den Geschlechtsverkehr nicht wollte. Wenn ein 'Hör auf!' und ein 'Nein', das auf Video aufgenommen wurde, nicht ausreicht, was dann?

      LG, Snowqueen

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    2. Liebe Snowqueen,
      das Video soll es tatsächlich geben. Fraglich ist aber, ob es sich ihre Aussage auf den Sex beziehen oder darauf, dass sie nicht gefilmt werden will. Soweit ich es der Presse entnehmen konnte, hat sie einen Tag nach dem Vorfall das Wort Vergewaltigung noch nicht verwendet (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gina-lisa-lohfink-wenn-der-gerichtssaal-zur-buehne-wird-a-1100098.html). Aber ich denke, wir werden das nicht klären können und es führt auch von dem weg, was der Kern des Artikel ist.

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    3. Liebe Dana, du hast Recht, diese Diskussion führt hier zu weit. Nur so viel: Selbst WENN sie 'Hör auf!' zum Video-Dreh sagte und nicht zum Sex, haben die Männer nicht auf sie gehört (denn nicht nur der Sex wurde weitergeführt, sondern auch der Dreh des Videos). Und das ist mir wichtig- das darf nicht sein. Wenn jemand Nein sagt, muss das Nein heißen. Selbst wenn sie vorher Ja gesagt hat, und es sich mittendrin anders überlegt und doch lieber aufhören will, MUSS das respektiert werden. Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein ist ein Nein.

      LG, Snowqueen

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    4. Ja, eine nein ist ein nein ist ein nein ist ein nein. Ein nein zu Filmaufnahmen ist ein nein zu Filmaufnahmen und kein nein zum Sex. Ein Hinwegsetzten über ein solches nein ist falsch und im vorliegenden Fall strafbar, nur nicht wegen Vergewaltigung. Ich glaube, dass anzuerkennen ist genauso wichtig, wie ein nein zu akzeptieren.

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  7. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-gina-lisa-lohfink-muss-ich-erst-umgebracht-werden-a-1097049.html

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  8. Dieser Artikel ist wirklich lesenswert! Vielen vielen Dank dafür :)

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  9. Ein Titel wie ein Paukenschlag für alle Pädagogen und solche die es sein möchten *UmHimmelswillenmansagtdochnichtArschlochkind��* und doch, wir kennen sie alle. Die Kinder, die niemand mag, weil sie sich egoistisch und tyrannisch verhalten, die Kinder, die uns an die Grenzen unserer Gutmütigkeit und weit darüber hinaus bringen. Die Kinder, die keine Geburtstagseinladung kriegen und keine Freunde haben, weil sie Nähe nur durch Schläge ausdrücken können...
    Nach diesem Artikel weiß man, was die Gründe dafür sein können.
    Kein Kind wird als Arschloch geboren, aber manchmal erfolgreich innerhalb weniger Jahre dazu gemacht...��

    Vielen Dank, liebe Snowqueen. Du machst einen unglaublich guten Job.

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  10. Der Titel ist plakativ. Ich würde ihn nicht so stehen lassen, impliziert er doch so ein bisschen, dass Erziehungsfehler allein zu einem "auffälligen" Kind führen können. Die Ursachen für eine mögliche hier beispielsweise umschriebene Störung des Sozialverhaltens (oder später vielleicht antisoziale Persönlichkeit) sind- wie meist- mehrschichtig. Es kommt meist zum Zusammenwirken von biologischen, psychologischen, soziologischen und Umweltfaktoren. Ein solches Verhalten allein auf "Erziehungsfehler" zurückzuführen, ist aus heutiger wissenschaftlicher Sicht unvollständig. Man weiß um die biologische (erbliche, genetische) Komponente, beispielsweise bei der antisozialen Persönlichkeit aus Zwillingsstudien. Ebenso weiß man um ein familiär gehäuftes Auftreten von emotionaler Instabilität (wie vielleicht bei den Eltern der kleinen Anja, wenn nicht gar eine schwere seelische Erkrankung vorgelegen hat...). Ja, es gibt sogar Hinweise auf hirnstrukturelle Veränderungen bei Menschen mit emotionaler Instabilität. Wir wissen heute, dass bei Straftätern überzufällig häufig ein verminderter Serotoninspiegel vorliegt, auch wiederum eine biologische Veränderung. Bei Kindern mit hyperkinetischer Störung des Sozialverhaltens gibt es eine Veränderung im Dopaminstoffwechsel. Kommt ein eventuelle unsteter, unwahrhaftiger, wenig liebevoller, gewaltvoller usw. Umgang mit dem Kind hinzu, eine "falsche" peer group, kann eine antisoziale Entwicklung zusätzlich getriggert werden. Es kann aber eben auch sein, dass ein Kind leider schon so ungünstige Voraussetzungen mitbringt und sich "fehlentwickelt", ohne dass die - in dem Fall dann- positive Erziehung der Eltern ausreichend dazu beiträgt, dass es kein auffälliges Kind/Erwachsener wird. Weiterhin scheinen die Intelligenz (die größtenteils vererbt wird) und die sozioökonomischen Verhältnisse eine Rolle zu spielen. usw. Gründe für Kinder mit wirklich schwer ausgeprägten Verhaltensaufälligkeiten, die eventuell einer besonderen Beschulung bedürfen, sind also meist mehrdimensional. Es wäre wunderbar, wenn man nur die "richtige, gelingende" Erziehung anwenden müsste, das Kind im "richtigen" Umfeld aufwachsen lassen müsste, und es würde keine antisozial agierenden Menschen mehr geben.
    Ich kenne bisher keine A.kinder und mag dieses Wort nicht verwenden.

    (Den Bezug zu Frau Lohfink in diesem Artikel sehe ich als ein unglücklich gewähltes Beispiel für ein sehr klares und selbstbestimmtes "Nein" an.)




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    1. Zum einen wird doch im Artikel unten erwähnt, dass es auch noch andere Faktoren gibt. Das alles auch noch auszuführen , würde aber doch einen Artikel sprengen.
      Zum anderen sagt der Artikel doch gar nicht, dass man nur durch die richtige Erziehung "Falschentwicklung" verhindern kann. Er bezieht sich nur darauf, welchen Beitrag man selbst dazu leisten kann, damit es "richtig" läuft, bzw welche Dinge eben diese Entwicklung begünstigen können. Ich finde nicht, dass der Artikel vermittelt, man muss nur alles richtig machen, dann läufts, sondern eben ein Bewusstsein schafft, dass auch unser Verhalten sehr wohl Einfluss auf die Entwicklung hat. Bei Kindern mit guten Voraussetzungen kanns so eher schief gehen, mit schlechten Voraussetzungen erst Recht.
      Heißt ja nicht gleichbedeutend, dass 100% alles gut geht, wenn wir uns "korrekt" verhalten. Darauf weist sie im letzten Absatz ja auch nochmal explizit hin.

      Der Titel spiegelt wie gesagt nicht sie wieder sondern Begriffe der Gesellschaft. Ich höre diese Schlagwörter öfter. Mir selbst wurde prophezeit, mein Kind würde ein Arschlochkind, da bedürfnisorientiert erzogen. Und letztlich ist das die Quintessenz des Artikels " Ihr lieben, dass was die Gesellschaft so nett als Tyrannen bezeichnet, die Kinder, die bestimmte Defizite ausweisen, sind eben genau das nicht: Tyrannen. Sondern ihnen fehlte -beispielsweise- bisher nur die Möglichkeit- Empathie zu entwickeln. Und wer den Blog und die Autorinnen kennt weiß eigentlich, dass sie niemals ein Kind als Tyrann oder A. Kind bezeichnen würden. Auch die hier angesprochenen Aspekte, welche Einfluss auf die Entwicklung haben, tauchen immer wieder mal in dem einen oder anderen Artikel auf.


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    2. Liebe/r Anonym, vielen Dank für deinen wunderbaren Kommentar! Du hast das Dilemma knapp, aber gut verständlich zusammengefasst. Ich überlege, ob ich deinen Kommentar nach oben ins Fazit des Artikels hole, wenn dir das Recht ist.

      Was den Titel angeht: Ja, er ist plakativ. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn so formulieren möchte. Das Ding ist- dieser Artikel hat gestern Abend, als er gepostet wurde, zwischen 18 und 24 Uhr allein 25.000 Menschen erreicht. Geschätzt 20.000 davon werden unseren Blog noch nicht gekannt haben - sie haben allein deshalb den Artikel angeklickt, weil der Titel für sie interessant klang. Wenn ich von diesen 20.000 Menschen nur 1000 bewege, einige ihrer Handlungen als Eltern zu überdenken, dann habe ich in meinen Augen viel erreicht. Das rechtfertigt für mich den, nunja, reißerischen und platt formulierten Titel.
      LG, Snowqueen

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    3. Nachtrag: Es ist jetzt 11 Uhr des Folgetages - nun haben den Artikel schon 35.000 Menschen gelesen.

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    4. Ich gratuliere Euch. Das ist ein Aspekt, den ich nicht auf dem Schirm hatte. Das ist doch großartig!!
      Alles Liebe, Marie

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    5. Liebe Marie - bist du die Urheberin des Kommentars oben? Den ich gern ins Fazit nehmen möchte, weil er so schön komprimiert erklärt, warum manchmal Kinder eben trotz 'guter Erziehung' anti-soziales Verhalten zeigen? Erlaubst du mir, dich zu zitieren?

      Und ja, die Resonanz auf den Artikel ist überwältigend. Er ist bis heute, Stand 9.20 Uhr morgens, 123.031 angeklickt worden und das scheint noch nicht mal das Ende zu sein.

      LG, Snowqueen

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    6. Liebe Snowqueen,
      Nein ich bin das nicht. Aber ich hatte ab der ein oder anderen Stelle auch so meine Probleme mit dem Text.

      Dennoch freue ich mich mit euch, dass so viele Leser auf diese Seite gefunden haben. Weil es hier so viele wertvolle Texte gibt, die den Kern Deiner Message noch besser rüberbringen. Und auch die Beispiele sind dort näher am eigenen Alltag.

      Liebe Grüße, Marie

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    7. hmm...die "Abnormitäten", die im Gehirn(stoffwechsel) von Erwachsenen festgestellt werden, sind aber doch nicht zwangsläufig so angeboren, sie könnten doch auch erst im Laufe der Kindheit, - durch entsprechende prägende Einflüsse -, entstanden sein? Unser Gehirn ist ja kein fester maschineller Bausatz, sondern ein, mit dem Körper und der Umwelt ständig interagierendes, sich ständig bewegendes und veränderndes "Ge-Webe"

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    8. Liebe Snowqueen, ich bin nicht sie Urheberin des Textes, sorry.
      Liebe Grüße, Marie

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    9. Bzgl des Beitrages um 00:45: Ganz genau das wollte ich dem obigen Kommentar antworten. es ist extrem schwer, Ursache und Wirkung bei der menschlichen Entwicklung voneinander zu unterscheiden. Ist der niedrige Serotonin-Spiegel die Konsequenz eines aeusseren Einflusses oder ist der Serotonin-Spiegel der Grund fuer ein bestimmtes Verhalten? Das ist nun mal sehr schwer zu erforschen. Man kann keine Experiment- und Kontrollgruppe machen bei der Kindeserziehung und weiterhin muesste man dann von Geburt an Babies/Kinder untersuchen und sehr nah verfolgen. Dann wuesste man auch nicht, ob dieser Stress zu einer bestimmten Entwicklung beitraegt.
      Und natuerlich kann man auch bei der perfekten Erziehung ein Arschlochkind bekommen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass aeussere Einfluesse eine extrem praegende Rolle spielen, halte ich durchaus fuer sehr hoch.

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  11. Wieder mal ein sehr schöner Artikel, der vieles in mir wachgerufen hat - aus meiner eigenen Kindheit. Ich bin so froh, dass ihr es schafft, uns dafür zu sensibilisieren, unsere angelernten Verhaltensweisen zu überdenken und anders mit unseren Kindern umzugehen, als unsere Eltern es taten!!!

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    1. Du bist aber nicht MEINE Anja, oder? Hattest du zufällig mit 5 eine beste Freundin namens Katja? Liebe Grüße, Snowqueen

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  12. Toller Artikel, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Ich habe ihn auch meinem Mann geschickt und hoffe, er nimmt ihn sich auch zu Herzen (Stichpunkte: Ausweinen lassen, Brei ins Kind reinschummeln, ...).
    Das mit dem Nein gibt mir sehr zu denken. Momentan kommt bei meiner 9,5 Monate alten Tochter bei sehr vielem ein Nein. Ich versuche, mich nicht darüber hinwegzusetzen, aber beim Wickeln und Schlafen zwinge ich sie doch. Ich hoffe mal, das sind Neins, die ich übergehen darf, ohne Schäden anzurichten. :(

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    1. Liebe La Roya, ziemlich oft bedeuten die Neins unserer Kinder 'Noch nicht.(Aber gleich!)', 'Jetzt nicht.(Aber später!) 'Hier nicht! (Aber dort drüben). oder 'Dieses nicht. (Aber das da!)', so dass man als Elternteil ziemlich gut weiterkommt, wenn man das Nein erst einmal akzeptiert, aber Alternativen ausprobiert. Wenn mein Zweijähriger beim Losgehen keine Jacke anziehen will, nehme ich sie mit, denn unten auf der Straße will er sie dann doch. Will er morgens zuhause keine Zähne putzen, verschieben wir das auf den Zeitpunkt, wenn wir in der Kita angekommen sind, denn dort steht ja auch eine Zahnbürste. Will er die Windel von mir nicht wechseln lassen, frage ich ihn, wen er stattdessen lieber hätte. Als er vehement Nein zu Sonnenhüten sagte, habe ich auf dem Flohmarkt viele verschiedene Kopfbedeckungen a 1 Euro gekauft und ihn sie probieren lassen. Eine davon mochte er auf dem Kopf - diese (und nur diese!) lässt er auf. Man kann mit ein bisschen zeitlicher und örtlicher Flexibilität eine Menge erreichen, ohne das Kind zu zwingen.

      Liebe Grüße, Snowqueen

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    2. Hm, genau das beschäftigt mich auch, im Moment sowieso und nachdem ich den Artikel gelesen habe noch mehr. Das Übergehen eines Neins meines Kindes (18 Monate), weil im Alltag einfach etwas bestimmtes gemacht werden muss. Das stimmt schon, Alternativen anzubieten hilft verblüffend oft. Ein Beispiel: Der Papa sagt nach dem Essen (das Kind völlig verschmiert): "Lass mich dir die Hände abwischen, dann kannst du aufstehen." Kind anwortet: "NEIN!" Dreht sich vehement weg. Ich: "Soll der Papa dir zuerst den Mund abwischen?" Antwort "Ja!" und hält den Mund hin, danach die Hände. Und schon ist das Problem gelöst. Der eben beschriebene Papa guckt mich ratlos an: "Woher hätte ich das denn jetzt bitte wissen können?" Aber ich habe den Eindruck, es geht oft nicht um ein bestimmtes Vorgehen, sondern darum, dem Kind überhaupt eine Alternative zu bieten, jetzt, wo es das Negieren für sich grade so schön entdeckt hat.
      Aber es gibt diese Situationen, da bin ich mit meinem Latein am Ende. Und ja, meistens ist es Zeitnot bzw. die Tagesplanung, die erfodert, das das Kind jetzt etwas bestimmtes tut. Es will z.B. zur Zeit meistens partout nicht in den Fahrradanhänger steigen, wenn ich es von der Tagesmutter abhole. Es gibt diese Tage, da kann ich es einrichten, mir die Zeit nehmen, dass es läuft und alle möglichen Steinchen aufhebt und wir eine Stunde für den eigentlich 5-Minuten-Heimweg brauchen. Aber es gibt eben auch Tage, an denen müssen wir einfach noch einkaufen, weil es sonst kein Abendbrot gäbe. Oder Tage, an denen ich müde von der Arbeit bin, durstig und muss auf's Klo - dann habe ich einfach keine Ruhe dafür, dann soll es bitte einsteigen, damit wir schnell zu Hause sind. Wenn es dann aber auch nach diversen Erklärungen und Bitten, Alternativen (reinheben, vs. selbst reinklettern, eine Blume/einen Stein, sonstwas mit da rein nehmen, was weiß ich noch alles) und auch nachdem ich es zumindest 10 Minuten habe laufen lassen und dem Versprechen, dass es sich später noch austoben kann - wenn es dann immer noch nicht einsteigen will, dann nehme ich es oft gegen seinen Willen hoch, setzte das sich mit Händen und Füßen wehrende, schreiende Kind in den Hänger, schnalle es an und fahre los. Sobald wir losgefahren sind, verstummt dann innerhalb von wenigen Sekunden das Gezeter und das Kind schaut sich entpannt um, fängt oft an zu singen. Ich fühle mich furchtbar dabei, das Kind körperlich zu überwältigen. Aber es ist nunmal so, dass ich es bin, die abschätzt, wann wir Zeit haben und wann auch mal nicht, das gehört doch auch zum Leben, dass man sich mal beeilen muss! Und natürlich erkläre ich dem Kind, warum wir uns beeilen müssen, aber ich bin ziemlich sicher, dass begrenzte Zeit und Ladenöffnungszeiten sein Vorstellungsvermögen noch übersteigen. Was sagst du zu solchen Zwangmomenten im Alltag?

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    3. Hallo Hanni,

      ich denke, wenn es ein wirklicher! Zwangsmoment ist, kann man das vertreten und entsprechend vermitteln. Es ist meiner Meinung nach nur wichtig, dass man es hinterher aufarbeitet, und das das Kind erkennt, dass es wirklich der letzte Ausweg ist, weil es brennt. Das Problem, welches ich sehe ist, dass man unbewußt zu schnell zu solchen Lösungen greift, einfach weil man es kann. Und in der Summe finde ich es dann schwierig. Mal ehrlich, wieviel brennende Situationen gibt es? Ich hatte in den 5,5 Jahren vielleicht 5 Situationen, wo ich mich wirklich gegen seinen Willen durchsetzen musste. ( Die ich auch als sehr schrecklich in Erinnerung habe) Jedes mal habe ich meine "Ausweglosigkeit" irgendwie zu verstehen gegeben und erklärt, warum ich das tue, je jünger, umso in einfacheren Worten, und mich durchaus auch entschuldigt. Wie man das dem Kind vermittelt, so dass es versteht und es einem in dem Moment nicht darum geht, sich durchzusetzen, einfach, weil man die Macht hat und es kann, ist sicher verschieden.
      Nun ist es aber so, dass viele Situationen in meinen Augen aber auch nur vermeintlich Zwangssituationen sind. Wie lange haben bei euch die Geschäfte auf? Kann ich wirklich nicht noch anhalten, etc, etc. Gerade, was meine Bedürfnisse anbelangt, galt, je jünger und unverständiger das Kind, desto mehr gelten seine Bedürfnisse und meine werden zurückgestellt. Mit 18 Monaten war mir also egal, ob ich müde bin. Versteht er eventuell eh noch nicht. Je älter er wurde, desto mehr verschiebt sich das in Richtung Gleichgewicht. Gleichzeitig werden die Kinder immer verständiger, man kann sie sensibilisieren für seine Befindlichkeiten, Vereinbarungen, Deals treffen, etc etc. Vom Prinzip her sind sie ja kooperativ.

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    4. Fortsetzung:

      Was mir immer geholfen hat, zu vermeiden, zu schnell eine Zwangssituation zu sehen und meine körperliche Überlegenheit einzusetzen, bzw eventl zu drohen, dass ich mir vorgestellt habe, mein Gegenüber ist nicht 90cm groß und wiegt 12 kilo, sondern 1,70 und wiegt 60kg. Also wie würde ich die Situation lösen, wenn ich nicht in der Lage wäre, mich durch Stärke, durch Drohungen durchzusetzen. Notgedrungen muss einem etwas anderes einfallen. Je älter sie werden, umso einfacher wird's verbal, auf Kommunikationsebene. in jungen Jahren gings mehr über Ablenkung, spielerisch etc etc. aber auch da kann man das schon früh anfangen etwas zu üben. Und es spielt sich, wenn man wenige solcher Situationen hat, ein. Das Kind sieht, dass man einen anderen weg sucht, und wenn es keine Erpressungen, und Einsatz des Stärkeren kennt ( oder kaum) und man ihm grundsätzlich einen anderen Umgang mit solchen Situationen vermittelt, wird es auch zunehmend auf den Zug aufspringen und seinen Teil dazu beitragen. So wird es sehen, dass du, wann immer es dir möglich ist, ihm bspw seine Zeit lässt und er wird im Gegenzug, wenn keine Zeit ist, kooperieren. Später hat gereicht, wenn ich ihm das vor Augen geführt habe.
      Mein Tip wäre also: Überlege dir immer, ob es wirklich eine Zwangssituation ist, und ob dir nicht doch noch eine andere Lösung einfällt. So Kannst du die schon mal minimieren. Versuche früh, ihm kindgerecht das Prinzip der verbindenden Lösungen zu vermitteln, und wenn es dennoch solche Situationen gibt, erkläre dich, vermittel ihm, dass das dein letzter Ausweg war, der nicht die Ideallösung darstellt und du dir soetwas auch eigentlich gar nicht wünscht, und wie man so etwas vermeiden kann ( verbindende Lösung, nicht, dass er nachgibt).
      das geht mit 18 Monaten sicher nur im Ansatz, aber er wird deine innere Einstellung spüren.
      Und dann wird er mit diesen eher weniger vorkommenden Situationen auch gut umgehen können und sie richtig einzuschätzen wissen und eurer Beziehung nicht schaden. Du hast ja auch Recht. 100% wird sich das gerade in ganz jungen Jahren nicht immer vermeiden lassen. Und dann eben auch mal die Entscheidung zu treffen, ist eben so.

      Hinzu kommt, dass ich , umso jünger er war, stets drauf geachtet habe, dass das Element Zeitmangel bspw nicht existiert. wusste ich, es dauert lange, bin ich nochmal auf die Toilette, Einkaufen, bei uns haben die Geschäfte bis 21 Uhr auf. Aber gerade im Hinblick auf Krankheit achte ich immer darauf, stets einen Notvorrat zu haben. Termine habe ich mit großzügigem Puffer ausgemacht. Gerade, wenn sie noch klein sind, und man möchte den Streß vermeiden, hilft das alles im Alltag.

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    5. Liebe Hanni, es ist ja immer ein Abwägen von Bedürfnissen. Wiegt das Bedürfnis des Kindes schwerer, dass auf sein Nein gehört wird, oder dass der Mutter, auf Toilette zu gehen? So, wie ich das verstanden habe, hörst du im Alltag sehr, sehr oft auf das Nein deines Kindes und manchmal, wenn es nicht anders geht, übergehst du dieses Nein. Genau so ist es richtig. Es soll sich im Gehirn verankern, dass sein Nein etwas bedeutet - das machst du, indem du ihm Alternativen anbietest bzw. an tagen, wo das geht, in seinem Tempo nach Hause gehst. Es soll sich aber auch im Gehirn verankern, dass andere Menschen Bedürfnisse haben und man manchmal zurückstecken muss, damit diese Erfüllt werden. Das zeigst du ihm, wenn du dich in den wenigen Momenten, wo es eben nicht anders geht, über sein Nein hinwegsetzt. Es ist halt ein schwieriger Balanceakt.
      LG, Snowqueen

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    6. Ein sehr interessanter Artikel, aus dem ich viel mitgenommen habe. Aber ich bin über das gleiche Problem gestolpert. Ich bin auch absolut der Meinung, dass man die Grenzen seines Kindes akzeptieren sollte. Aber was macht man, wenn ein kleines Baby sich immer vehement gegen das Wickeln wehrt? Oder gegen das Umziehen? Man kann das Kind ja nicht in vollen Windeln oder nasser Kleidung lassen. Wie soll man in solchen Situationen auf die Bedürfnisse des Kindes hören?

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    7. Liebe Larissa, die Antwort auf deine Frage ist sehr umfassend. Ich habe dazu im
      Blog eine ganze Serie geschrieben, das Thema lautet Kooperation. Im ersten Teil erkläre ich, warum unsere Kinder scheinbar nicht kooperieren wollen (beim Anziehen/Ausziehen, beim Windelwechsel etc.). Im zweiten Teil erkläre ich, wie man die Kooperationsbemühungen der Kinder wieder verstärken kann. Und dann kommen mehrere Teile zu speziellen Themen. Zb, dazu, dass manche Kinder ihre Teller immer vom Tisch fegen, oder warum andere Kinder andauernd bummeln, sich nicht alleine anziehen wollen, oder nicht die Windel gewechselt bekommen wollen. Ich beschreibe in der Artikelserie auch vier Morgen bei uns zuhause und da kann man ziemlich gut rauslesen, wie oft ich auf ein Nein meiner Kinder höre und wann ich darüber hinweg gehe. Lies dir vielleicht die Kooperationsserie durch, da wirst du hoffentlich die Antwort zu deiner Frage finden.
      LG, snowqueen

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    8. Vielen Dank, ich werde mir das mal ansehen!

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  13. Liebe Snowqueen,

    vielen Dank für den Artikel. Ich habe zum Glück ein sehr empathisches Kind (vermutlich so wie ich sogar hochsensibel, lässt sich mit 3 noch schwer sagen) und eure Artikel helfen mir unheimlich genau hinzugucken und dadurch zu sehen, wie oft sie doch kooperiert und meine Grenzen einhält...und dass viel öfter der Fall ist als Grenzen nicht einhalten oder nicht kooperieren. Diese Sichtweise macht es soviel einfacher.

    Ich möchte gerne zwei Beispiele schildern:
    Sie weiß, dass es mir wichtig ist, meinen Kaffee in Ruhe zu trinken (das habe ich ihr schon recht früh erklärt) und dabei stört sie mich mittlerweile wirklich überhaupt nicht mehr. Ab und zu kommt sie vorbei um in die Tasse zu gucken (und zu kontrollieren ob wirklich noch was drin ist), aber sie wartet immer ab, bis ich fertig bin.

    Als sie zweieinhalb war habe ich mich bei ihr mit Magen-Darm angesteckt (sie selbst war schon wieder fit). Wir waren allein zu Hause, der Papa war verreist. Mir ging es plötzlich nach dem Mittagsschlaf so schlecht, dass ich nicht mehr von der Couch aufstehen konnte. Sie hat mir dann "ihre" Schüssel gebracht die noch am Bett stand und hat gut 2-3 Stunden (bis dann meine Mutter kam und uns abgeholt hat) alleine gespielt und kam ab und zu gucken wie es mir geht oder zum kuscheln oder Buch angucken. Ich musste da gar nicht viel erklären, sie hat es einfach irgendwie schon mit ihren zweieinhalb Jahren verstanden. Das war, trotz der Tatsache dass es mir schlecht ging, ein wirklich tolles Erlebnis.

    Hach, ich hab schon ein tolles Kind :-)

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  14. Hallo Snowqueen,
    ich fand den Artikel besser als den Titel. Aber ich glaube der Titel ist auch etwas ironisch gemeint. Natürlich gibt es verhaltensauffällige Kinder und das kann viele Gründe haben aber gerade hinter der Angst Tyrannen groß zuziehen, steckt doch auch eine Angst die Kinder nicht im Griff zu haben. Das ist glaube ich gesellschaftlich sehr verankert. Vielen Erwachsenen bereitet es Unbehagen, wenn Kinder gerade heraus sprechen und eben nicht höflich sind. Aber darüber schreibt ihr ja viel in eurem Blog. Habt ihr schon mal das Buch von Miriam Gebhardt gelesen "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen" ? Es ist eine wissenschaftliche Arbeit zur kulturhistorischen Entwicklung von Erziehungsstylen in Deutschland. Super spannend. Ich mag auch den Blick den sie als Historikerin hat. Dabei geht sie wie viele GeisteswissenschaftlerInnen nicht von einer objektiven Wahrheit aus. Also der einen Art zu erziehen, sondern sie untersucht den Zeitgeist und das Menschenbild, das hinter der Erziehung steht. Leider ist das Buch vergriffen und auch sehr teuer. Ich habe es mir in der Bibliothek ausgeliehen.
    Einen lieben Gruß, Jolly

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    1. Liebe Jolly, das Buch habe ich, ich finde es auch toll! LG, snowqueen

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  15. Herzlichen Dank für diesen schönen Artikel!

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  16. Vielen Dank für den schönen Artikel!
    Eine Frage habe ich aber zu den zerbrochenen Bananen etc., die du oft ersetzt hast, es aber im Nachhinein bereust. Warum? Reichen nicht die vielen Momente im Leben eines Kindes, die nicht veränderbar sind, und die ganz automatisch zu Traurigkeit und Frust führen können, um Entsprechenendes im Gehirn zu entwickeln und damit vorzubereiten auf Rückschläge im späteren Leben? Ich finde, dieser dieser Teil liest sich wie ein klassischer Erziehungsratgeber (Passiert dies, tu das").

    Viele Grüße!

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    1. Es geht glaube ich in dem Teil vielmehr darum, Kinder mit kleinen Frustrationen daran zu gewöhnen, dass im Leben nicht immer alles am Schnürchen läuft...das unvorhergesehene Sachen passieren die einen traurig machen oder frustrieren. Wenn wir von Anfang an alle diese Dinge aus dem Weg räumen, wie sollen denn unsere Kinder später Frustrationen ertragen? Und das ist glaube ich auch das was Snowqueen hier meint...

      Zerbrochene Bananen, Kekse oder ähnliches habe ich von Anfang an so gut wie nie ersetzt (Akute Einzelfälle will ich nicht ausschließen). Meine Tochter konnte sie dann entweder essen oder eben nicht. Meist hat sie die Sachen nach einer Weile dann doch gegessen, manchmal aber auch nicht. Selten hat mal ihr Bruder mit ihr getauscht, aber das finde ich okay, weil ihr das zeigt, dass es nicht schlimme ist was kaputtes zu Essen. Heute mault sie auch noch hin und wieder wenn was kaputt geht, aber oft sagt sie dann schon ganz von selbst, "Ist ja nicht so schlimm, kann man ja trotzdem noch essen". Unabhängig von der Frustrationstoleranz die man damit erhöhen kann, bringt es zudem einen vernünftigen Umgang mit Essen bei... ich jedenfalls wollte oft weder ihre zerbrochenen Banane/Kekse/kaputte Wurst essen und Essen wegschmeißen versuche ich so gut es geht zu vermeiden...

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    2. Das sehe ich in der Tat aber auch als etwas schwierig an. Frustrationstoleranz hin oder her. Genauso unsinnig finde ich es (und unauthentisch), wenn man etwas, um etwas zu trainieren, künstlich verweigert, herbeiführt.
      Wenn eine Banane kaputt ist, und ich hab noch eine heile, sehe ich wenig Sinn darin, künstlich den Austausch zu verweigern, wenn mir egal ist, ob ich eine kaputte oder heile esse. Ich habe daher in der Tat auch dann immer Bananen ausgetauscht, neue Kekse gegeben, wenn es möglich war. Ich denke, dass es eventuell auch eher so gemeint ist. ES gibt oft genug Situationen, wo es nicht so ohne weiteres möglich ist, war die letzte Scheibe, der einzige Pudding, ich würds sonst wegwerfen, also bspw würge ich mir keine Banane rein, obwohl ich keine wollte, nur damit ich eine heile liefern kann oder schicke meinen Mann zum Laden, um einen neuen Joghurt mit glatter Oberfläche zu kaufen. Ich habe den Eindruck, dass Kind schon ganz früh merkt, ob man aus Prinzip etwas verweigert oder aus erzieherischen Mitteln, oder ob es wirklich nicht möglich ist, bzw massiv über meine Grenzen hinausgehen würde.
      Was man locker aus dem Weg räumen kann, räum ich aus dem Weg. Mach ich als Erwachsener ja auch, und ich würde mir wünschen, dass Junior das später auch macht.

      Insofern würde ich hier beiden ein bißchen Recht geben. wenn man nicht auf Gedeih und Verderb versucht, die Momente im Leben, die sich unveränderbar fürs Kind im Leben ergeben, zu meiden, gibt es so genügend Übungsmöglichkeiten.

      Zu entscheiden, ob es schlimm ist, etwas kaputtes zu essen, mag und will ich nicht fürs Kind entscheiden. Jeder hat da so seine Dinge, und das ist doch in Ordnung. Ich bspw werde wahnsinnig bei Knubbeln in der Bettdecke oder Falten im Bettlaken. Und noch wahnsinniger werde ich dann, wenn jemand meint, mir sagen zu wollen, dass das doch nicht schlimm sei. Ich kann nicht jede Situation ändern, und der andere muss sie aushalten unter Umstanden, aber ich bin nicht dass Maß für andere, für wie unangenehm eine jeweilige Sache empfunden wird.

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    3. Liebe Anonym... zu den Bananen. Tja. Es ist so. Bei meinen Töchtern habe ich wirklich ALLES getan, damit sie bei solchen Kleinigkeiten nicht weinen mussten. Zerbrach also eine Banane, bin ich nochmal in den Laden gegangen und habe eine neue gekauft. Ging das nicht, z.B. wenn ein Haarreif zerbrach, habe ich zumindest versprochen, den zu ersetzen. Ich habe sie also versucht zu trösten, indem ich Dinge ersetzt habe. Ich habe sie nicht darüber trauern lassen, sondern immer wieder gesagt: 'Ist doch nicht schlimm, guck, das kann man neu kaufen.' Damit sie nicht weinen mussten.
      Das Ding ist, dieses Ausrasten, wenn ein Keks etc zerbrach, das hielt sich bei den Mädchen sehr, sehr lange. Über Jahre! Ich habe jedes Mal Blut und Wasser geschwitzt, wenn sie selbst Bananen geschält haben. Und habe angefangen, vorsorglich mehrere Bananen zu kaufen/mitzunehmen, damit ich sie im Fall der Fälle austauschen kann. Es war, kurz gesagt, alles ziemlich anstrengend.

      Bei meinem Sohn habe ich es anders gemacht, weil ich da gerade zum präfrontalen Cortex gelesen hatte. Als das erste Mal seine Banane zerbrach, weinte auch er (wie damals seine Schwestern) untröstlich. Ich hatte aber keine andere dabei und der Laden war weit weg. Also nahm ich ihn auf den Schoß und ließ ihn trauern. Es dauerte unendlich lang. Eine halbe Stunde! Er steigerte sich total rein, wurde wütend und rief immer wieder: 'Mama, ganz machen!'. Ich antwortete immer wieder: 'Das kann ich leider nicht.' Nach einer halben Stunde stieg er von Schoß und fing an zu spielen. Die zerbrochene Banane schob er verächtlich beiseite, als ich sie ihm anbot. Nach nochmal etwa 20 Minuten nahm er sie von allein und begann, sie zu essen. Seitdem passiert, wenn eine Banane beim Auspacken zerbricht, nichts mehr. Er zuckt mit den Schultern, sagt 'Sssade!' (Schade) und isst sie auf. Nun mag das Zufall sein oder an seinem Charakter liegen oder so, aber ich fand den Unterschied schon bemerkenswert.

      Was ich definitiv nicht sage: Dass man nun kleine Frustrationen absichtlich herbeiführen muss. Nein! Was ich sage: Eine Banane, die zerbricht, ist ein natürliches Ereignis. Hast du noch eine Banane dabei und es ist kein Problem, die zu tauschen, dann tausch. Aber mach es nicht wie ich und gehe kilometerweit zurück zum Laden, um eine neue zu kaufen. Das ist unnötig.

      LG, Snowqueen

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    4. Liebe Snowqueen,

      danke für deine Rückmeldung - ich glaube, ich habe nun verstanden, was du meinst :-)! In diesem Sinne bin ich ganz bei dir! Und ich erwische mich auch immer wieder dabei, meinen Kindern alles aber auch alles Recht machen zu wollen und muss mich regelmäßig bremsen, dass es nicht immer sein muss, es sei denn, es geht mal so eben - und dabei hat mir die Sache mit dem präfrontalen Cortex auch schon geholfen! Liebe Grüße!

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  17. Liebe Snowqueen,
    Wie immer lese ich jeden neue Beitrag sehr gerne, doch hinterlasse ich selten einen Kommentar. Dieser Artikel berührte mich jedoch so sehr, dass ich mich zu Wort melden muss.
    Auch ich bin Sonderpädagogin und arbeite mit verhaltensauffälligen Jugendlichen. Bevor meine Jungs geboren wurden (2,5 Jahre und knapp 4 Monate) arbeitete ich als Lehrerin in einer Jugendstrafvollzugsanstalt. Ich habe es geliebt. Viele meiner Schüler sagten beim Abschied zu mir, sie hätten das “Echte“ an mir sehr geschätzt. Damals wusste ich nicht, was sie meinten.
    Mittlerweile arbeite ich an einem Berufskolleg in der Ausbildungsvorbereitungsabteilung. Hier kommen Schüler zusammen, die keinen Abschluss, keine Ausbildung, und eigentlich auch überhaupt keine Motivation haben irgendwas zu ändern. Eben so, wie du beschrieben hast. Mir fällt dabei schon immer auf, dass die Eltern selten (! Nicht immer, es gibt einige wenige Ausnahmen) wirklich Interesse an de zeigen, was ihre Kinder tun. Mir tun die Kinder immer leid, aber wie meine Kollegin schon oft zu mir sagte “ich kann nicht jede retten!“ Jetzt habe ich selber Kinder und ganz oft denk ich, ob die Reaktion jetzt richtig war, oder ob irgendwann aus meinen süßen kleinen Jungs schwere Jungs werden, wie ich sie aus meinem Berufsleben kenn.
    Dein Beitrag hat mich nun etwas beruhigt. Natürlich sind wir Eltern auch nur Menschen und können einen schlechten Tag haben. Aber ich mach mir nun nicht sofort ein schlechtes Gewissen, wenn ich wieder etwas lauter werde bei Dingen, die ich sonst dulde. In so einer Situation hat es mir immer geholfen kurz die Augen zu schließen und tief durch zu atmen. Wie bei den Wehen :-) Dann bin ich wieder in der Lage meinen Sohn in den Arm zu nehmen und zu erklären, warum ich so reagiert hab und mich zu entschuldigen.
    Am liebsten würde ich deinen Artikel ausdrucken und meinen Kollegen zum lesen geben. Auch wenn wir “nur“ die Lehrer sind, für manche Schüler sind wir Bezugsperson.
    Liebe Grüße
    July

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    1. Liebe July, ich freue mich immer, wenn Kolleginnen hier mitlesen! Ja, wir sind oft Bezugsperson und können einen großen Unterschied im Leben unserer Schüler machen. Dass ich nicht alle retten kann, muss ich mir auch immer wieder sagen. 😔
      LG, Snowqueen

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  18. Vielen Dank für den ARtikel, ich fand ihn sehr sehr gut - auch viele Kommentare ergänzen ihne sehr gut. Ich habe ihn wirklich sehr hilfreich für mich gefunden.
    Das Problem ist, man kann in Situationen sein, wo man unreflektiert falsch handelt, wie eben oben beschrieben. Menschen setzen sich ja in der Regel nicht hin und denken: "So, wie verziehe ich am Besten mein Kind?" Aber es gibt sehr ungünstige Situationen - beruflicher und persönlicher Stress, der einem geradezu den Atem nimmt, eine Trennung, pflegebedürftige Angehörige, Geldmangel - wo man nur mehr funktioniert und man vor lauter Stress einen Tunnelblick entwickelt, der es einen nicht mehr erkennen lässt, wie unfair man dem Kind gegenüber ist. Das entschuldigt natürlich diese Erziehungsfehler nicht, zeigt aber eine weitere Dimension auf: wie kann man Leute in solchen Situationen überhaupt erreichen?

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    1. Ich denke, IN den genannten Situationen kann man die Menschen dann gerade nicht erreichen. Es ist so, ich habe im
      Studium gelernt, dass ein Kind, dessen Grundbedürfnisse gerade nicht befriedigt sind, sich nicht auf die Schule konezentrieren kann. Heißt konkret: Hat sich eine Schülerin gerade mit der besten Freundin gestritten, kann sie sich nicht richtig auf die Unterrichtsstunde fokussieren, weil sie in ihrem Kopf eben immer an den Steit denkt. Das macht es schwierig für Kinder, die aus prikären Verhältnissen stammen: Die sind im Kopf eigentlich immer damit beschäftigt, was zuhause gerade los ist, warum Mama am Morgen so wütend war und ob Papa am Abend wieder Alkohol trinken wird und dann haut und können sich beim besten Willen nur schwer auf den Unterrichtsstoff konzentrieren. Das Gleiche gilt für Erwachsene, die gerade in einer schwierigen Zeit stecken. Die können sich leider gerade nicht auf 'gute Erziehung' konzentrieren, weil sie im Kopf mit ganz anderen Sorgen beschäftigt sind. Das ist leider so. Aber es ist ok. Kinder sind sehr widerstandsfähig und zerbrechen nicht gleich, wenn die Eltern mal eine Weile doof zu ihnen sind. Es muss halt irgendwann, wenn der Stress der Eltern vorbei ist, wieder anders werden. Jeden Tag kann man als Eltern neu beginnen. Jeden Tag geben unsere Kinder uns eine neue Chance.

      LG, Snowqueen

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  19. Liebe Snowqueen,

    danke für einen wieder mal wunderbaren Artikel.
    Ich weiß nicht, ob es im euer Konzept passt, aber ich würde mich über einen Artikel dazu freuen, wie ihr zum Umgang mit anderen Eltern steht. (Bei Kiddo the Kid stand grade etwas dazu.) Ich denke viel darüber nach, wie ich regieren möchte, wenn sehe, dass andere Eltern ihr Kind gewaltvoll behandeln - in angemessener Abstufung. Ich brauche einen Plan und muss das dann üben. Sonst bekomme ich es nicht hin. Ich bin die Gesellschaft - pathetisch formuliert - und muss signalisieren, dass bestimmtes Verhalten nicht in Ordnung ist. Es würde mich so sehr interessieren, wie ihr darüber denkt. :)

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    1. Liebe Johanna, es ist tatsächlich ein tolles Thema für einen Artikel. Ich werde ihn aber (noch) nicht schreiben können, weil ich es nämlich selbst nicht schaffe, anderen Eltern gewaltfrei zu sagen, wenn ich bestimmtes Verhalten doof finde. Bisher habe ich mit meinem Eingreifen immer alles schlimmer gemacht...
      LG, Snowqueen

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    2. Oha. Wirklich?
      Der Kinderschutzbund empfiehlt, dass man etwas sagt, weil es das gesellschaftliche Klima prägt. Und weil es dem Kind zeigt, dass es nicht ok ist, was es erlebt. Hach, sehr schwieriges Thema!
      Danke für deine Antwort! Ich werde sehr gründlich darüber nachdenken, was ich sagen kann, damit ich meine Ansicht so klar und gewaltfrei wie möglich transporiere.

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    3. Hallo,
      ich stimme Johanna vollkommen zu!Bitte bitte her mit so einem reflektierten Artikel!
      Erst heute hatte ich wieder so ein Erlebnis im Zoo.Eine Omi schob und schob im Kreis ein schreiendes Baby, welches einfach nicht aufhörte...und ich dachte nur:Himmel,nimm es doch einfach in den Arm und lass es nicht so allein im Wagen schreien..Wenigstens konnte ich ein wenig später mit der Omi und sogar mit der Mutter noch reden.Sie sind alle sehr verzweifelt,weil es ein Schreibaby ist..
      Ein anderes Bild geht mir leider nicht aus dem Kopf.Mein Herz weint immernoch:(.Ich schob unseren Süßen im Buggy an einen anderen Buggy vorbei, indem ein etwa 9Monate alter Junge saß,dessen große dicke Tränen über die Wangen kullerten und er gebrochen in die Leere schaute...die zu schiebende Omi (ja,schon wieder!) hatte ihn vollkommen ignoriert als er sich die Seele aus dem Leib schrie...und ich lief vorbei. DAS bereue ich bis heute.
      Wie gesagt,dass Thema interessiert mich auch brennend.
      Ganz liebe Grüße von einer treuen Leserin,Nadine

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    4. Ich glaube das Schwierige, und was vielleicht auch Snowqueen auf die Füße gefallen ist, ist das man meist nur eine Momentaufnahme der Eltern-Kind-Beziehung sieht. Stell dir vor, du hast einen stressigen Arbeitstag und zuhause herrscht mit dem Partner auch grad dicke Luft und dein Kind nölt schon den ganzen Tag rum. Auf dem Spielplatz wirst du etwas lauter oder bist dann auch schon in den Meckermodus verfallen und DANN kommt noch jemand und stell dein Verhalten und dich als Eltern in Frage. Wie würdest du reagieren? Wärest du in dem Moment überhaupt offen dir Kritik anzuhören und diese anzunehmen? Ich denke nicht und das ist es was es so schwierig macht. Zu kritisieren ohne übergriffig zu werden oder einfach eine eigentlich tolle Mama/tollen Papa einfach nur an einem blöden Tag erwischt zu haben und ihnen damit das Leben nochmal schwerer zu machen.

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    5. Das Schlimme finde ich nur, dass der hier lesende und gewaltfreie "Erziehung" praktizierende Mensch irgendwann außerhalb der Matrix steht (so hat es Danielle mal ausgedrückt) und immer mehr schlimmes Verhalten bei anderen Erwachsenen findet. Manchmal möchte ich schon gar nicht mehr auf den Spielplatz, weil mir so viele Sätze der anderen Erwachsenen an ihre Kinder im Ohr schmerzen, die ich dort höre und ich verzweifelt überlege, was ich tun kann. Dann sehe ich auch die Kinder und habe Mitleid und dann habe ich am Ende des Tages ein schlechtes Gewissen, weil ich nichts getan oder gesagt habe zu denen...aber wie gesagt, die anderen Eltern stecken da nicht drin. Die wissen es nicht...und ich kann nicht die ganze Welt retten. Ich wollte auch schon an Snowqueen und Danielle schreiben und den Artikel anregen.

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  20. Liebe Snowqueen,
    habt vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Ich habe ihn während der letzten Tage immer mal wieder gelesen. Denn auch wenn vieles davon bekannt war und ist, klaffen da noch einige Baustellen und es tut gut, daran erinnert zu werden.

    Allerdings hat der Artikel mich zugleich sehr aufgewühlt, und gerade gestern Nacht konnte ich gar nicht mehr aufhören, daran zu denken und mir ist es dabei sehr schlecht gegangen. Dabei geht es um den Punkt des 'neins' und das Bild der Vergewaltigung.

    Mein Sohn gehörte zu den Kindern, die sehr viel Nähe brauchten und wollten (ablegen ging kaum bis gar nicht - teilweise hatte ich ihn selbst auf der Toilette im Arm), allerdings auch recht früh meine Hand beim Streicheln genommen und weggeschoben hat. Das habe ich natürlich auch akzeptiert. Konsens ist mir in zwischenmenschlichen Beziehungen unglaublich wichtig - selbst bei Erwachsenen frage ich lieber nach, ehe ich sie umarme.

    Das Problem waren die Situationen vor dem Schlafen oder wenn er verletzt, frustriert oder wütend war. Wenn ich ihn da in den Arm nahm, kämpfte er gegen mich. Er wehrte sich gegen die Berührung, bog sich durch, drückte sich weg, später schrie er auch 'Nein' oder 'Loslassen'. Ließ ich ihn dann los, wütete er ziellos umher - aber immer um mich herum. Er schlug um sich, biss mich oder versuchte, wieder in meine Arme zu kommen. Nahm ich ihn dann jedoch wieder in die Arme, kämpfte er wieder. Legte ich ihm meine Hand auf die Sohlen seiner tretenden Füße, um ihnen sanften Widerstand zu bieten, schrie er "Loslassen". Ließ ich los, führte er meine Hände wieder an seine Füße, um sich dann gleich dagegen zu wehren.

    Irgendwo (ich denke, bei Aletha Solter) las ich dann, dass es Kinder gibt, die diesen Widerstand brauchen, die das 'Kämpfen oder Fliehen' ausagieren müssen, um den angesammelten Stress los zu werden. Wenn ich ihn so im Arm hielt und er trat und schlug, beruhigte er sich dann meistens recht schnell (schneller, als wenn ich nicht hielt), plapperte fröhnlich und wollte in meinen Armen bleiben, um zu kuscheln oder auch zu schlafen. In dieser Stimmung wollte er dann auch von mir gestreichelt werden (auch da nahm er meine Hand und führte sie an seine Wange). Danach war er meist für den Rest des Tages ausgeglichen. (Wenn ich ihm die Brust anbat, nahm er sie zwar und trank/nuckelte, war aber danach deutlich unausgeglichener und es dauerte nicht lange, bis es wieder zu einer ähnlichen Situation kam).

    Das brachte mich in die schreckliche Situation, monatelang beinahe täglich entweder das zu tun, was mir widerstrebte (ein "Loslassen" brüllendes Kind in meinen Armen zu halten) oder es zu unterlassen und den Eindruck zu haben, ihm bei der Stressverarbeitung nicht die Unterstützung zu geben, die er brauchte (zumal ich dann auch sehr unentspannt war, weil ich ihn ständig davon abhalten musste, mir wehzutun). Ich war entsprechend sehr froh, als die Ausbrüche immer seltener wurden und sich in ihrer Natur veränderten.

    Nun aber lese ich diesen Artikel und frage mich immer wieder: 'Kommt das, was ich getan habe, einer Vergewaltigung gleich?' War es nicht irgendwie tatsächlich eine 'Du willst es doch (auch)'-Geschichte? Der Gedanke ist für mich unerträglich. Vor allem beschäftigt es mich, weil ich schwanger bin und keine Ahnung habe, was ich tun würde, wenn es wieder zu einer gleichen Situation käme.

    Liebe Grüße,
    Julia

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    1. Liebe Julia,
      ich bin keine Pädagogin, aber wenn sich eine Mutter solche Gedanken macht und verschiedene Methoden für eine Situation anbietet und ausprobiert, dann glaube ich nicht, dass man das vergleichen kann. Kinder wissen zwar oft, aber eben nicht immer, was sie brauchen. Ich würde vielleicht in Ergänzung erklären: Du kämpfst jetzt gegen mich und lässt dabei deine ganze Wut / Enttäuschung / Trauer heraus. Ich halt dich noch einen Moment ganz fest.

      Im Übrigen wird dein zweites Kind sich bestimmt eigene Sachen einfallen lassen, um deine Nerven auf den Prüfstand zu stellen... ;)

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    2. Liebe Julia, ja, ich kann mir gut vorstellen, wie schrecklich diese Situation für dich war. Ich lese jedoch heraus, dass er immer wieder zu dir gekommen ist, um in den körperlichen Kampf zu kommen, daher denke ich, es war von ihm tatsächlich gewollt. Sonst wäre er doch von dir weggegangen? Man kann einen solchen Kampf weniger "übergriffig" gestalten, indem man ihm klare Regeln gibt, wie zum Beispiel beim "Schieben" (Google mal in der Blogsuche nach Schieben) und indem man vorher ein "Safeword" ausmacht, mit dem das Kind glasklar ausdrücken kann, wenn ihm die Körperlichkeit zu viel ist. Zwischen Menschen, die etwas schmerzhaftere Sexpraktiken mögen, wird das ja auch so gehandhabt.
      LG, Snowqueen

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    3. Liebe Johanna, liebe Snowqueen, habt vielen, vielen Dank für eure Antworten.

      Die Ausbrüche/Kämpfe hatte ich stets auch verbal begleitet, sowohl seine Gefühle gespiegelt (so gut ich es konnte, denn gerade in dieser Situation wusste ich eben nicht so recht, was da in ihm vorging), als auch meine Handlungen angekündigt und erklärt.

      Das mit dem Safeword werde ich im Hinterkopf behalten, wobei ich mir die Umsetzung noch nicht so richtig vorstellen kann. Tatsächlich hatte ich ja versucht, 'Loslassen' als solches eingeführt und die ersten Male aber auch immer sofort losgelassen, aber dann wollte er dann doch wieder zurück, so dass es nicht die erhoffte Eindeutigkeit brachte.
      Allerdings war es eben nicht immer so, dass er das wollte. Manchmal krabbelte er danach auch weg von mir (dann ließ ich ihn natürlich gehen).

      Neben dem Artikel kommt es bei mir auch deshalb hoch, weil er sich seit kurzem im Bett wünscht, dass meine Hand ein Käfer ist. Dann nimmt er sie und stopft sie in den Spalt zwischen Matratze und Kopfende. Das Käferchen jammert dann, ruft um Hilfe und will wieder raus. Meistens zieht er es dann auch gleich wieder raus (nur um es sofort wieder zurückzustopfen). Aber manchmal schüttelt er auch heftig den Kopf und ruft fast verzweifelt: "Nein! Das mag es!" Heute stopfte er wie zum Beweis seine Hand hinterher. Da frage ich mich manchmal schon, ob ich ihm damals ein falsches Bild vermittelte.

      Naja, falls es so war, lässt es sich nicht ändern. Ich habe bei solchen Gelegenheiten abends mit ihm über damals gesprochen und ihm gesagt, wie sehr es mir leid tut, sollte ich damals etwas gegen seinen Willen getan haben.

      Liebe Grüße,
      Julia


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  21. Liebe snowqueen, dein Artikel ist gut aber jetzt bin i total verunsichert und ratlos. Hauptsächlich geht es mir um das Thema Nein meines Kindes. Gerade beim Thema Zähne putzen oder wenn sie schnupfen hat und ich die Nase reinigen will mit dem Sauger dann artet das in sich winden schreien und weinen aus # ich halte sie dann fest und mache es trotzdem weil ich panische angst davor habe das die Zähne schlecht werden oder beim Nase reinigen ich weiß das sie dann besser atmen und essen kann. Sie ist 18 Monate und wir handhaben das schon lange so jede Möglichkeit ihr spielend das Zähne putzen bei zu bringen Mit Lieder singen und selber putzen waren bis jetzt erfolglos bis ich dann einfach nicht mehr die nerven dazu habe und sie dann festhalte - so wie du das oben beschreibst mit vergewaltigen meines Kindes Hab i so nie gesehen und macht mich gerade echt fertig. Ich will nur das beste für sie eben gesunde Zähne und rasch erreichte Gesundheit. Aber wie soll ich es sonst handhaben? Lg geschockteMama

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    1. Liebe geschockte Mama, das Zähneputzen, ja, das ist bei vielen, vielen Familien eine Baustelle. Ich kann dir nur sagen, wie ich es handhabe. Ich habe mit meinem Zahnarzt gesprochen, der sagt, einmal putzen innerhalb von 24 Stunden reicht erst einmal aus. Das hat schon viel Druck rausgenommen. Dann habe ich geguckt, warum verweigert mein Sohn denn eigentlich das Putzen? Das war immer (!) nur dann, wenn ein neuer Zahn kam und es ihm einfach weh tat. Dann habe ich nicht geputzt und es am nächsten Morgen erneut versucht. Meist durfte ich dann doch. Jetzt ist er 2 Jahre alt und nörgelt oft, dass er keine Zähne putzen will. Ich gucke, ob es ein paar Minuten später geht, ob jemand anderes ihm putzen darf, ob es an einem anderen Ort geht (heute morgen zum Beispiel habe ich in der Kita geputzt). Manchmal protestiert er auf meinem Arm, wenn ich Zähne putzen will, aber er macht trotzdem den Mund auf. Dann putze ich, weil er mich lässt und ich das Jammern nicht als Nein interpretiere, sondern als "Menno, das ist so anstrengend, warum muss ich das denn immer machen?" Kneift er dagegen den Mund zu, lege ich sofort die Zahnbürste weg und lasse ihn gehen. Ich versuche es aber ein paar Minuten später erneut. Oder ich lese ihm ein Zahnputzbuch vor und frage dann, ob ich jetzt putzen kann. Meist darf ich dann. Manche Eltern geben in Zeiten, wo das Zähneputzen verweigert wird, dem Kind Xylit. Manche lenken das Kind mit Filmchen auf dem Handy ab. Die Frage, die man sich stellen sollte ist: Ist es mir wichtiger, dass das Kind keine kaputten Zähne hat, oder ist es mir wichtiger, dass das Kind das Urvertrauen bekommt, dass nicht von anderen über seinen Körper entschieden werden darf? Meiner Meinung nach ist es einfacher, im Fall der Fälle die Zähne wieder ganz machen zu lassen - aber das muss jede Familie für sich selbst entscheiden. Zählt Zahnhygiene für euch zur "beschützenden Macht" oder nicht? ("Beschützende Macht" im Sinne von: Die Eltern halten z.B. das Kind körperlich fest, damit es nicht auf die Straße rennt).
      LG, Snowqueen

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    2. Hallo,

      ich bin der Meinung, manche Sachen müssen einfach sein: Zähne putzen und inhalieren (wenn man ein bronchienkrankes Kind hat wie ich)z.B. und auch eine Stinkewindel zeitnah wechseln. Weil kaputte Zähne ein lebenslanges Problem sind und ich als Erziehungsberechtigte die Pflicht habe, mich darum zu kümmern, dass mein Kind gesunde Zähne hat. Plombierte Milchzähne sind für mich das Eingeständnis elterlichen Versagens, sorry.
      Inhalieren ist medizinisch wichtig und einen wunden Po vom stundenlangen Sitzen im eigenen Kot will ich auch nicht riskieren, da das schlimme Schmerzen sind, die das "ich habe jetzt keine Lust, mein Spiel zu unterbrechen und außerdem bist du risikoschwanger und darfst mich nicht heben, ätschi-bätschi" einfach nicht aufwiegen kann. Das halte ich für gemein. Wenn mein Kind (damals 2,5) alles nicht will - und sich auf keinen Kompromiss (wie selbst ein bisschen putzen, eine neue Zahnbürste und Zahnpasta kaufen und testen, ein Geschenk sogar in der Not - jetzt fürs Zähneputzen) einlässt, dann muss ich als Erwachsene leider entscheiden, dass jetzt geputzt wird.
      Ich versuche natürlich auszuhandeln und dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen, aber wo ich eine Gefährdung des Kindes in Kauf nahmen würde, muss ich manchmal leider gegen den Willen des Kindes vorgehen und dann trotz Gebrüll Zähne putzen, inhalieren oder Windeln wechseln.Ich finde das scheiße und es tut mir leid, aber manche Sachen sind nun mal nicht optional.
      Grüße

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  22. Liebe Snowqueen,

    ich danke dir sehr für diesen ausführlichen und informativen Artikel! Viele der Auswirkungen der Erziehungsfehler finde ich bei mir selbst und in meinem nahen Umfeld - zum Glück nur selten wirklich gravierend, aber sie sind vorhanden. Insbesondere die Punkte Ersatzbefriedigung und Resilienz treffen in unserer Generation häufig zu, so zumindest mein Eindruck. Unsere Eltern waren meist sehr darum bemüht, von dem sehr autoritären und eher auf Kritik ausgerichteten Erziehungsstil unserer Großeltern abzurücken. Zum Glück natürlich, einerseits. Leider wurde dabei andererseits aber oft statt eines authentischen Füreinander-Daseins, statt eines gemeinsamen Er-Lebens die Ansicht vertreten, das ein Kind stets gelobt und glücklich gemacht werden müsse. Meine Schwiegermutter verfolgt dieses Prinzip heute noch. Gerade vor zwei Wochen hatten wir eine Situation, an die ich nach diesem Artikel heute sofort denken musste: Mein Mann war längere Zeit auf Jobsuche, mir ging es psychisch nicht so gut. Obwohl mein Mann sogar mehrfach versucht hat, sich seiner Mutter zu erklären und sich gerne einmal mit ihr über unsere Situation unterhalten hätte, hat sie immer abgeblockt. Standardmäßig kam immer wieder der Satz: Das wird schon, das schafft ihr schon. Das wird alles gut. Wirklich zugehört wurde nie, stattdessen gab es vor zwei Wochen wieder einmal ein Geldgeschenk mit den Worten: Für euren Urlaub. Da erholt ihr euch jetzt und dann macht ihr das schon alles. Mir tut es einfach wahnsinnig leid für meinen Mann, der sich so sehr danach sehnt, mit seiner Mutter auch über negative Gefühle sprechen zu können. Leider lässt sie dies nie zu. Mein Mann musste selbst eine Therapie machen, um mit Wut, Trauer, Angst umzugehen zu lernen. Umso wichtiger ist es mir, dass mein Kind sich und seine Gefühle kennenlernt, dass ich seine Ängste und Traurigkeit ernst nehme, ihm dabei helfe, seine Empfindungen zu verstehen. Dein Artikel hat auf jeden Fall noch einmal sehr viel weitergeholfen und unseren Weg bestätigt. Ich lese übrigens sehr gerne bei dir und möchte dir an dieser Stelle auch Danke sagen für all die wundervolle Arbeit!
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina, danke für deinen Kommentar über deine Schwiegermutter. Mensch, das hat jetzt in mir wirklich etwas zum Rollen gebracht - meine Mutter reagiert nämlich auch mit diesen Standardsätzen wie "Alles wird gut." Ich werde mal darüber weiter nachdenken, vielleicht kommt am Ende ein Artikel bei raus.
      LG, Snowqueen

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  23. Hallo Snowqueen,

    danke für diese Zusammenfassung. Jetzt kann ich mir ein bißchen auf die Schulter klopfen ;).

    Was mich aber brennend interessiert ist, wie ich verhindere, dass mein hochsensibles Kind ZU VIEL Verantwortung übernimmt und sich ZU SEHR um andere Sorgen macht. Vll. wäre das was für einen Artikel? Bisher gab es ja nur Artikel, wie man Kindern Empathie nahe bringt... Ein Beispiel:

    Als ich mich letztens mittelschwer verletzt hatte, bestand meine Tochter (2 J. 8 M.) unter herzzerreißendem Weinen darauf, dass wir sofort zurückkehrten, um mich behandeln zu lassen. Erst als ich zustimmte und sie aber darauf hinwies, dass ich mich ja noch ausruhen müsse, wurde sie ruhiger. Nach 20min hatten wir sie dann endlich soweit, dass sie zum Spiel zurückkehrte. Zu Hause holte sie gleich den Erste-Hilfe-Koffer, um mich zu bandagieren und war auch die nächsten Tage darauf bedacht, meine Wunde nicht aus Versehen zu berühren. Sie stillte sogar nur auf einer Seite und weinte, als ich sie davon überzeugen wollte, dass es mir schon besser ginge.

    Und so ist sie oft. Sie macht sich schnell große Sorgen um andere und denkt immer auch an andere, z.B. sucht sie mir stets Schuhe, Kleidungsstücke etc. aus (die mir wirklich gefallen!), wenn sie mit Oma shoppen geht. Es ist alles sehr rührend und ich zeige meine Freude natürlich, mache mir aber Sorgen, dass zu schnell "erwachsen" wird...

    Liebe Grüße
    TaoTao

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    1. Liebe Tao Tao, mmmh, so ein Verhalten kenne ich bisher nur von (extrem) hochbegabten Kindern. (Also dieses erwachsene Umsorgen von anderen). Ich würde sagen, es gibt kein Zuviel an Empathie. Wir brauchen mehr Menschen mit viel Empathie!
      LG, Snowqueen

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    2. Liebe Snowqueen,
      ich habe mich sehr über dein Verständnis gefreut, weil mir meist nicht geglaubt wird oder ich für eine Angeberin gehalten werde, wenn ich so etwas erzähle. :) Ich selbst bin auch erstaunt, was ich für tiefgründige Diskussionen mit ihr führen kann und sie einen Großteil wirklich begreift und im Kopf verarbeitet.

      Bzgl. des Zwingens zum Zähneputzen: Ich habe als Kind körperliche Gewalt erlebt und könnte meinem Kind das einfach nicht antun! Wir drei werden von der Zahnärztin immer für unsere gesunden Zähne gelobt, obwohl wir nie Zwang anwenden. Das Putzen lässt sie nur kurz zu und oft nur mit "Hilfsmitteln" - Fotos und Videos über Karies sind auch sehr wirksam. ;) Ich erkläre ihr auch meine Beweggründe und erzähle ihr wahre Karies-Geschichten aus der Familie (während ich putze). Sie liebt Geschichten über alles.

      Ich denke, wenn man bei "normaler" Veranlagung zu gesunden Zähnen einfach lockerer wird und das Kind in die Problemlösung einbezieht, klappt das irgendwie schon.

      Liebe Grüße
      Thao

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  24. Ich wünschte, ich könnte das alles immer so umsetzen. Von perfekt bin ich weit entfernt. Merci für den ordentlich aufruckelnden Denkanstoß.

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  25. Vielen vielen Dank für diesen Artikel!
    Beim Punkt "Nein heißt Nein" standen mir kurzzeitig Tränen in den Augen, denn ich hatte am heutigen Abend das gleiche, wie von dir beschriebene Erlebnis, beim Zähneputzen meines fast 2 jährigen Sohnes.
    Seit Wochen ist es problematisch bei uns und heute dachte ich "Dann muss er da eben durch, bevor ihm die Zähne wegfaulen". Doch wie er sich wehrte war furchtbar. Ich habe mich vor mir selbst geschämt.
    In der Hoffnung etwas zum Thema Zähneputzen bei euch zu finden landete ich heut mal wieder auf eurer Seite und beschloss erstmal diesen Artikel zu lesen weil er mich auch interessierte.
    Vielen Dank, es hat mich bestätigt, ihn auch in diesem Punkt zu respektieren. Auch wenn mich das beim eigentlichen Problem noch nicht weiter bringt - wir werden schon einen Weg finden..

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    1. Bekommt er denn vielleicht gerade neue Zähne? Dann ist es nämlich immer bei uns schwierig gewesen, einfach, weil das Putzen dann Schmerzen bereitet hat. Ansonsten kannst du eben gucken, ob du 5 oder 10 Minuten später putzen darfst, ob der Papa oder ein Geschwisterkind putzen darf, ob es an einem anderen Ort geht (zb: Kita), oder mit Ablenkung (einen Film von sich selbst auf dem Handy gucken), ob er auf Bücher anspricht (bei all meinen Kindern half: Vom Jörg, der Zahnweh hatte) oder du gibst zur äußersten Not eben Xylit. Manche Eltern putzen sogar im Schlaf. Wenn ich es locker angegangen bin (also auch innerlich!), dann klappte es meist trotzdem irgendwie, auch ohne Druck. Einfach mit ein bisschen Geduld. Allerdings, wenn neue Zähne kamen, habe ich nur 1x in 24h geputzt. Übrigens hat keins meiner Kinder schlechte Zähne. Meine Großen werden bald 6 und haben noch kein einziges Loch im Zahn. Wir sind alle halbe Jahre zur Durchsicht beim Zahnarzt.
      LG, snowqueen

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  26. Hallo,

    erstmal danke für den Artikel!

    Ich habe mal vor längerer Zeit einen Artikel über Psychopathen gelesen. Leider weiß ich nicht mehr wie der Autor hieß oder wo genau das stand - durch meine eigenen kleinen " Netvensägen" habe ich nur wenig Zeit da neu zu recherchieren.
    Es ging darum wodurch Psychopathen (also einfach Menschen mit geringem Empathieempfinden) zu solchen gemacht werden.
    Und das kann wohl auch vererbt werden - also eine Art Behinderung im emotionalen Beteich.
    Wollte ich hier nur mal kurz einwerfen.
    Oft können solche Menschen ja durchaus gesetzeskonform leben und sitzen auch in Chefetagen (wo Empathie leider nicht immer von Vorteil ist) also beileibe nicht jeder wird Massenmörder.

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    1. War's vielleicht der SPON Artikel von Heiner Thorborg vom 9.4.2015?

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  27. "Wen ich meine, sind wirklich krankhaft unberechenbare Eltern - und die lesen hier nicht im Blog, weil ihnen nicht im Traum einfallen würde, dass das, was sie tun, ihren Kindern schaden könnte."

    Also,ich habe mich schon schlecht beim Lesen gefühlt,weil ich mir dachte,dass ich bestimmt alles falsch mache,was man nur falsch machen kann...Vieles,von dem,was in dem Artikel steht,weiß ich,trotzdem schaffe ich es nicht,mich immer so zu verhalten.Anderen gehts vielleicht auch nicht anders,es ist eben niemand perfekt.Das heißt noch lange nicht,dass es einem scheißegal ist,wie es seinen Kindern geht!

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  28. Ich finde,es geht gar nicht darum,sich schön der Gesellschaft anzupassen...Da gibt es einen schönen Spruch:
    "Jedes Mal, wenn man mir sagt, ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin überaus erleichtert."
    Die ganze Welt ist so verkorkst,dass man sich gar nicht drüber wundern muss,wenn besonders Kinder Probleme ohne Ende haben!

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  29. Echt toller Artikel. Er wurde mir von der Tagesmutter unserer Tochter empfohlen und ich kann dem nur voll und ganz zustimmen. Wir versuchen die genannten Punkte im Umgang mit unserer Tochter auch immer zu beachten (wenn es auch nicht immer gaaaanz einfach ist :). Der Artikel ist aber wirklich wieder ein toller Reminder wie wichtig das Ganze ist! Danke!

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  30. Hallo, ich bin durch Zufall auf diesen Artikel gestossen und finde ihn toll. Ich habe wohl durch das Vorleben meiner Eltern und durch gesunden Menschenverstand einiges richtig gemacht bei meinem Kind. Und das vor mehr als 30 Jahren....Gerade das "Nein" zu akzeptieren war damals völlig unmöglich oder absolut richtig (antiautoritäre Erziehung). Ich fand und finde es immer noch unmöglich von Kindern Küsse oder Zuwendung zu erzwingen ("gib der Tante einen Kuss"). Ich habe mir damals viel Blödsinn anhören müssen, weil ich meinem Kind das Recht zugestanden habe, selbst zu entscheiden ob es das möchte oder nicht. Auch in alltäglichen Dingen durfte sie oft entscheiden welche der angebotenen Alternativen sie wollte. Hat meistens gut funktioniert und ich musste mich nur selten durchsetzen.
    Zu dem Thema Empathie finde ich, das Mädchen da etwas im Vorteil sind, da das auch im klassischen Sinn eher erwartet und fördert wird. Bei Jungen wird das weniger verlangt und gefördert. Und ich glaube auch das die männlichen Hormone das zum Teil abschwächen. Mein Kind wurde als Mädchen geboren und hat eigentlich schon sehr früh signalisiert im falschen Körper zu sein. Mit knapp 20 Jahren kam der Wunsch zur Anpassung und jetzt mit 32 Jahren ist er mein Sohn. Und obwohl er immer noch die Gefühle anderer respektiert hat er mehr Probleme die Gefühle in allen Feinheiten zu erkennen. Und außer den Hormonen/das Geschlecht hat sich ja nichts geändert
    Ich hoffe, das dieser Artikel von mehr gelesen wird, die das wissen sollten. Aber vermutlich lesen das nur die Eltern, die sich sowieso immer hinterfragen, um alles richtig zu machen. Ich denke jeder macht Fehler, aber man sollte versuchen seinen Kinder die besten Möglichkeiten mitzugeben.

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  31. Ich lese gerade ein Buch und musste spontan an diesen Artikel denken. Es geht um den Amoklauf an der Colombine Highschool.
    Das Buch wurde von der Mutter einer der Täter geschrieben ("Liebe ist nicht genug" von Sue Klebold). Es ist extrem verstörend - die Mutter scheint eine liebevolle, gute Mutter gewesen zu sein, das Elternhaus insgesamt sehr liebevoll und normal, der Junge der Sonnenschein der Familie... Trotzdem hat er diese fürchterliche Tat begannen.
    Mich verstört es, da man doch eigentlich davon ausgeht, dass Kinder, die solche Taten begehen irgendwelche traumatischen Erfahrungen gemacht haben.

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  32. Hallo Snowqueen,

    Das ist ein toller Artikel. Danke dafür!

    Besonders Punkt 6 finde ich aus gegebenem Anlass interessant. Meine 3jährige Tochter poltert gerade in die Trotzphase. Bei ihr ist alles "Nein.". Ich versuche ihr dabei zu helfen, ein Mensch zu werden, der für sich einstehen kann. Sie soll wissen, dass ihre Meinung zählt und dass ihr "Nein" eine Wirkung hat. Trotzdem übergehe ich jeden Tag zahlreiche davon, so wie du es beschreibst. Ein Beispiel von heute: "'Nein, ich gehe nicht die Treppe rauf. Ich möchte auf den Arm." Klingt banal. Das geht aber neuerdings jeden Tag so. (Ein Stockwerk rauf zu unserer Wohnung.) Heute sagte ich: "Ich denke, du kannst die Treppe schaffen. Tragen kann ich dich leider nicht, weil ich 3 Einkaufstüten hab, die sehr schwer sind." Darauf wildes Motzen ihrerseits, gekrönt von "Dann bleib ich eben hier." Ich sagte: "Gut, dann mach hier eine Pause, bis du wieder laufen kannst und komm dann nach." Und bin die Treppe rauf. Als ich einen Moment später heimlich guckte, was sie so trieb, sah ich, dass sie in den Keller ging. Das darf sie allein nicht. Ich bin dann runter, hab sie erinnert, dass sie das nicht darf und dass sie jetzt bitte mitkommen solle. Nein. Kann keine Treppen laufen. Dann habe ich gesagt, dass wir eben zusammen warten würden, bis sie das wieder könne. 10 Minuten lang. Nichts. Dann hab ich sie auf den Arm genommen und hochgetragen. Warum, ist wohl nachvollziehbar. Aber es fühlt sich nicht wie der richtige Weg an. Was tut man, wenn ein "nein" aus Prinzip kommt und aus offensichtlichen Gründen Quatsch und nicht einhaltbar ist?

    Und hier die Zusatzfrage: Mein Kind soll natürlich lernen, darüber zu entscheiden, was man mit seinem Körper machen darf und was nicht. Aber: Wie soll ich Fieber messen, wenn sie das nicht möchte? Das muss doch manchmal sein. Sie sagt: "Mama, möchte nicht Fieber messen." Ich sage: "ich weiß, dass das blöd für dich ist, aber das ist wichtig, weil du so erkältet bist und ich das mal nachschauen muss." Kein Kampf. Nur dieses Gespräch. Dann geht's. Mein Gedanke dazu ist aber: Was wenn sie genau so mal jemand anders zu ganz schlimmen Dingen überredet? Bringe ich ihr damit bei, abzustumpfen und sich etwas einreden zu lassen? Aber wie soll ich sonst erfahren, ob sie Fieber hat oder nicht? (Andere Messmethoden sind zu ungenau.)

    Ich bin gespannt auf deine Antwort.

    Viele Grüße,

    Steffi

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  33. Liebe Snowqueen,

    meine Tochter ist knapp 2,5 und schon seit etwa einem halben Jahr greift sie vermehrt andere Kinder an. Angreifen bedeutet im Gesicht kratzen, manchmal auch schubsen, selten beißen (am Anfang war es mehr das Beißen). Die Kinder, bei denen das passiert, sind in der überwiegenden Zahl der Fälle jünger, körperlich schwächer oder zumindest gleich stark. Aber es kommt auch oft genug bei stärkeren und größeren Kindern vor. Sowohl Kinder, die sie schon länger kennt, als auch Kinder die sie gerade zum ersten Mal an einem öffentlichen Ort sieht. Interessant dabei, dass dieses Verhalten bei den meisten Kindern, die sie öfter sieht oder mit deren Familien uns etwas verbindet bis hin zu Freundschaft, dieses Verhalten nach und nach aufgehört hat. Sie hat zum Beispiel gelernt, das Baby einer befreundeten Familie am Arm zu streicheln, und tut dies sehr gern. Ich interpretiere dies so, dass sie gelernt hat, das Baby nicht mehr im Gesicht zu kratzen und sich dessen auch bewusst ist. Es war einer der Vorschläge von uns Eltern, die wir ihr gemacht haben, dass sie ja vielleicht Kontakt zu dem Baby möchte und dass es dem Baby nur dann Freude macht, wenn es nicht weh tut. Nun ist ein neues Kind in die Kindergartengruppe meiner Tochter gekommen und wird oft von ihr im Gesicht gekratzt. Ich kann nur über die Gründe mutmaßen, warum dies geschieht, da ich bisher noch nie selbst dabei war. In anderen Situationen mit anderen Kindern erschienen mir die Gründe auch sehr unterschiedliche zu sein. In der Bibliothek wurde ein Mädchen auf einem Spielgerät mehrmals gekratzt, bis sie das Spielgerät freigab und meine Tochter sich darauf setzen konnte, also aus meiner Sicht war die Motivation des Kratzens eher ein "Verschieben wollen" einer Person. Uns Eltern gegenüber kommt so etwas immer seltener vor, da wir uns bei echten Bedürfnisverletzungen nicht verschieben lassen. Manchmal war auch meine Interpretation der Intention meiner Tochter, dass ein Kind ihr körperlich zu nahe kam und sie einfach mehr Platz für sich wollte (zum Beispiel auf der Kindergarten-Garderobenbank). Wenn meine Tochter hungrig ist, kommt das Kratzen auch häufiger vor.
    All diese Situationen sind so unterschiedlich, dass ich oft ratlos bin, was die Motivation meiner Tochter angeht, ihr zugrundeliegendes Bedürfnis. Sie kann ja mit 2J.4M. sich noch nicht so gut artikulieren, und wenn ich ihr eine Interpretation anbiete, um neue Strategien mit ihr zu finden, habe ich oft das Gefühl ich tappe im Dunkeln, was ihre Beweggründe angeht. Wie kann ich das herausfinden? Und führt das am Ende wirklich dazu, dass sie ihr Verhalten ändert? Das obige positive Beispiel mit dem Baby lässt mich ja hoffen... Aber irgendwie denke ich, jedes Mal gilt es, das genaue Bedürfnis hinter dem Verhalten herauszufinden und zu benennen, um wirklich meine Tochter zu sehen und nicht nur ihr Verhalten zu regulieren zu versuchen. Ich zeige ihr auch in vielen dieser Situationen meine authentische Wut über das Geschehene, denn es ist nun schon so oft passiert, zumal bei Babys oder deutlich schwächeren Kindern (meine Tochter ist sehr groß und kräftig). Wie komme ich hinter diese Beweggründe? Was kann ich noch tun, damit das mit dem Kratzen bald aufhört?

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  34. Toller Artikel, ich hab ihn mir abgespeichert weil ich das meiste davon wirklich wirklich toll und einleuchtend finde. Allerdings hab ich auch eine Frage, speziell zu 6. Die Menschen um sie herum übergehen das Nein der Kinder einfach

    Unsere Tochter ist gerade 2 geworden und sie würde weder gewaschen werden, noch Zähne putzen, ginge es nach ihr. Sie mag Zähneputzen einfach nicht, und egal wie wir es anstellen es ist immer ein Kampf. Nun kann man natürlich sagen, wir sind zu doof das einem Kind richtig schmackhaft zu machen, mag sein. Aber was tun in dem Fall? Zähne verfaulen lassen? Meine Tochter würde sich später mit schwarz-braunen Zähnen sicherlich dafür bedanken, dass ich ihr Nein zum Zähneputzen so stark respektiert hab.

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  35. ich mag deinen artikel. ich hoffte eine erklärung zu finden, bezüglich autistischer spektrumstörung, asperger und ad(h)s. denn aus diesen gründen kann ein kind auch eine mangelnde impulskontrolle haben..., wo dann eben keine äussere einwirkung zu grunde liegt. aber dein artikel ist super und wunderbar geschrieben. danke

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  36. Wenn ich mir die Kinder-Serien anschaue ist das auch kein Wunder

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