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Gefährlich! Warum Babys im Sommer kein Wasser trinken sollten

Kind stillt an nackter Brust
"Es ist so heiß! Dein Baby braucht unbedingt etwas Wasser zusätzlich zum trinken!" 

Gerade die älteren Generationen sorgen sich oft sehr ausdauernd darum, ob unsere Babys im Sommer genügend trinken. Auch wenn wir selbst an heißeren Tagen deutlich mehr Durst haben und unser Wasserkonsum steigt - für vollgestillte Babys gilt: Die Muttermilch reicht vollkommen aus. Zusätzliches Wasser ist nicht notwendig, ja unter Umständen sogar gefährlich! Und auch Flaschenbabys sollten kein zusätzliches Wasser oder Tee bekommen.

 

Die Muttermilch passt sich den Bedürfnissen an


Muttermilch enthält etwa 87,2 % Wasser und ist damit als alleiniger Durstlöscher auch an sehr heißen Tagen vollkommen ausreichend. Die Brust produziert die Milch zudem jederzeit an die speziellen Bedürfnisse des Kindes angepasst. Frühchen erhalten bspw. eine anders zusammengesetzte Milch, als reif geborene Kinder. Würde man Zwillinge immer an der jeweils selben Brust trinken lassen, würde sogar auf beiden Seiten unterschiedliche Milch produziert (Stillberater raten jedoch davon ab, jedem Zwilling eine Brust zuzuweisen). Diese individuelle Anpassung ist durch kleine Rezeptoren an der Brustwarze möglich, die Informationen aus dem Speichel des Babys entschlüsseln. Man kann also davon ausgehen, dass jedes Kind immer genau die Milch bekommt, die es gerade benötigt. Im Sommer wird ohnehin grundsätzlich weniger energiehaltige Milch als im Winter produziert. 

Auch während des Stillens variiert die Zusammensetzung der Milch. Zu Beginn der Mahlzeit fließt zunächst sehr wässrige, vergleichsweise laktosereiche und fettarme Milch. Mit jedem ausgelösten Milchspendereflex steigt der Fettgehalt der Milch. Zu jeder Stillmahlzeit gehören mehrere ausgelöste Milchspendereflexe. Ein nach Bedarf gestilltes Baby kann den Fettgehalt seiner Milch daher selbst steuern, in dem es mehr oder weniger Milchspendereflexe auslöst. Es besteht also keine Gefahr, das Baby zu überfüttern, da es durch häufiges Anlegen und kurzes Stillen nicht mehr Kalorien erhält, als wenn es weniger häufig aber dafür länger stillt.

Häufiges Anlegen im Sommer sorgt also dafür, dass das Baby viel fettarme Flüssigkeit bekommt, die ein perfekt abgestimmtes Verhältnis von Elektrolyten hat.

Zusätzliches Wasser kann sogar schaden!


Wird einem gestillten Säugling im Sommer vermehrt zusätzlich Wasser angeboten, besteht die Gefahr einer Wasserintoxikation, auch Hyperhydration oder Wasservergiftung genannt, darauf weist der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte hin

Durch eine erhöhte Wasserzufuhr wird das Blut verdünnt. Das führt dazu, dass die Konzentration an Elektrolyten abnimmt. Das ist insbesondere in Bezug auf  Natrium problematisch, welches sich in Form gelöster Ionen im Blut befindet und maßgeblich an der Steuerung des Wasserhaushaltes beteiligt ist. Da Leitungswasser mit etwa 4 mg/100 ml nur ein Viertel so viel Natrium enthält, wie Mutter- oder Flaschenmilch (17 mg/100 ml) führt es zu einer Senkung des Elektrolytspiegels im Blut. Säuglinge im ersten Lebenshalbjahr nehmen ohnehin sehr wenig Natrium über die (noch sehr salzarme) Nahrung auf, so dass sie grundsätzlich einen sehr niedrigen Spiegel im Blut haben. Durch eine hohe zusätzliche Wasseraufnahme wird dieser zusätzlich gesenkt.

Ist der Natriumwert im Blut zu gering, steuert der Körper das aus, indem er dem Blut Flüssigkeit entzieht. Normalerweise reguliert er das vorrangig mit den Nieren, die ein Zuviel an Wasser zügig über die Blase ausscheiden und damit den Elektrolythaushalt stabilisieren. Die Nieren von Babys sind im ersten Lebensjahr jedoch noch nicht ausgereift und mit größeren Flüssigkeitsmengen überfordert. Das Wasser kann also nicht ausgeschieden werden, muss aber dringend aus dem Blut - der Körper löst das Dilemma, indem er das Wasser vorübergehend in den Körperzellen ablagert. Dabei ist er aufgrund der Notsituation nicht sehr wählerisch und nutzt dafür auch Gehirnzellen. Diese haben jedoch nur eine sehr begrenzte Aufnahmekapazität und können sich wegen ihrer starren Begrenzung durch den festen Schädel nicht weit ausdehnen. Es besteht die Gefahr, dass sich ein Hirnödem (Schwellung des Gehirns) bildet.

Baby mit Wasserflasche

Babys, die zu viel Wasser bekommen haben, wirken zunächst aufgedunsen und apathisch. Bei einer Wasservergiftung kommen Zittern, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Störungen im Bewusstsein oder epileptische Anfälle hinzu. Die Körpertemperatur liegt in vielen Fällen unter 36,1 °C. Im schlimmsten Fall drohen durch ein Ödem bleibende Schäden am Gehirn - auch über einen Todesfall wurde berichtet.

Die Gefahr eine Wasserintoxination ist wegen des geringen Natriumspiegels besonders hoch in den ersten sechs Monaten nach der Geburt. Wenn bereits Beikost eingeführt wurde, sinkt die Gefahr einer Wasservergiftung, da über die Nahrung kleinere Mengen Natrium durch Kochsalz aufgenommen werden. Erst mit etwa einem Jahr ist die Nierenfunktion so ausgereift, dass auch größere Flüssigkeitsmengen verarbeitet werden können.

Zusätzlich zum Stillen Wasser anzubieten, kann zudem das Prinzip von Angebot und Nachfrage negativ beeinflussen. Wird der Durst mit einer Wasserflasche gestillt, produziert die Brust weniger Milch, weil (jedoch nur) vermeintlich die Nachfrage sinkt. Möglicherweise bekommt das Baby dadurch auch dauerhaft zu wenige Kalorien, weil die Brust immer zunächst eine gewissen Menge wässrige Vordermilch produziert - sie weiß ja nicht, dass das Baby den Durst schon mit der Flasche gestillt hat. Das Kind ist dann nach der Wasserflasche und einer ordentlichen Portion Vordermilch so satt, dass die sättigendere Hintermilch unter Umständen nicht mehr in den Magen passt.

Bei einer Wassergabe mit einer Flasche besteht außerdem die Gefahr einer Saugverwirrung. Das Trinken aus der Flasche erfordert eine ganz andere Technik, als das Trinken an der Brust. Das kann unter Umständen dazu führen, dass das Baby Schwierigkeiten mit dem Wechsel hat und nur noch zögerlich an die Brust geht.

Wann brauchen Kinder zusätzlich Wasser?


Kind trinkt aus einem Becher
Bei Kindern, die noch ausschließlich die Flasche bekommen, kann es an sehr heißen Tagen (mit Temperaturen über 30 °C) sinnvoll sein, die Milch mit geringfügig mehr Wasser anzurühren. Denn die Flaschennahrung ist - wenn man sie wie auf der Packung beschrieben zubereitet -  in der Zusammensetzung immer gleich, weswegen bei sehr hohen Temperaturen die Gefahr besteht, dass (nur) durstige Kinder mehr Kalorien aufnehmen, als sie es an der Brust täten oder sie gar weniger Wasser trinken, als notwendig wäre, weil sie durch die im Vergleich zu Wasser dickflüssigere Milch gesättigt sind. Experten empfehlen, maximal 5 bis 10 % mehr Wasser für eine Flasche zu verwenden, als auf der Packung angegeben - das sind nur wenige Milliliter je Flasche.

Nach der Beikosteinführung ist es sinnvoll, zusätzlich Wasser anzubieten. Die zusätzliche Trinkmenge sollte bei normalen Temperaturen bei Kindern im ersten Lebensjahr laut DGE bei ca. 400 ml liegen. Dabei handelt es sich um einen Durchschnittswert - ein Kind das noch häufig stillt, benötigt im Vergleich natürlich deutlich weniger Wasser zusätzlich, als eines, das schon drei Beikostmahlzeiten pro Tag isst. 

Man sollte darauf vertrauen, dass Kinder ganz instinktiv wissen, wie viel Wasser ihnen gut tut. Normalerweise funktioniert der Selbstregulierungsmechanismus in Bezug auf Nahrung und Flüssigkeit sehr gut - solange wir nicht fremdregulierend eingreifen. Schon die häufige - womöglich sorgenvolle - Frage, ob das Kind nicht etwas trinken möchte oder nachdrückliche Aufforderungen dazu, können diesen empfindsamen Mechanismus beeinflussen. Sind jederzeit Getränke frei verfügbar, kann man getrost davon ausgehen, dass Kinder sich holen, was sie brauchen. Babys, die noch nicht selbst zugreifen können, sollte einfach regelmäßig die Brust oder die Flasche angeboten (nicht aufgedrängt ;-) werden.

So produziert die Brust ausreichend Muttermilch


Stillende Mütter sollten im Sommer unbedingt auf ihre Flüssigkeitszufuhr achten. Als Faustregel empfiehlt Stillberaterin Regine Gresens, mindestens zu jeder Stillmahlzeit ein Glas/eine Tasse Flüssigkeit zu sich zu nehmen und darüber hinaus zu trinken, wenn man durstig ist.

Wichtig ist es, nicht zu viel zu trinken. Der Flüssigkeitshaushalt des Körpers wird u. A. vom antidiuretische Hormon (ADH) gesteuert. Das sorgt durch eine erhöhte Ausschüttung bspw. dafür, dass nachts weniger Urin produziert wird und wir dann nicht ständig auf die Toilette müssen. Trinkt man jedoch über seinen Flüssigkeitsbedarf hinaus, dann wird weniger ADH ausgeschüttet, was eine erhöhte Ausscheidung von Wasser nach sich zieht und sich dadurch nachteilig auf die Milchbildung auswirkt.

Man kann sich als stillende Mutter ziemlich verlässlich nach dem eigenen Durstgefühl richten. Als Orientierung dient dabei die sonst durchschnittlich getrunkene Tagesmenge - etwa 800 ml mehr pro Tag sollte man während der Stilldauer einplanen. Die meisten Stillmütter kommen so auf eine Menge von etwa zwei bis drei Liter Flüssigkeit pro Tag. Ein wichtiger Indikator ist die Farbe des Urins - dieser sollte im Normalfall hell sein. Ist er hingegen dunkelgelb oder orange, dann ist die Flüssigkeitszufuhr nicht ausreichend. 

Flüssigkeitsmangel erkennen


Für besonders sorgenvolle Eltern ist es sicher beruhigend, wenn sie die Symptome eines Flüssigkeitsmangels kennen. So können sie leicht überprüfen, ob das Kind genügend Flüssigkeit aufnimmt. Bei Babys ist die Fontanelle ein recht zuverlässiger Indikator - ist sie normal gespannt, ist der Flüssigkeitshaushalt ziemlich wahrscheinlich in Ordnung. Der Normalzustand der Fontanelle ist von Kind zu Kind verschieden - manche Kinder haben grundsätzlich eine etwas tieferliegende Fontanelle. Bei einem Flüssigkeitsmangel ist die Fontanelle eingefallen.

Bleibt die Windel länger leer (mindestens drei volle in 24 Stunden sollten es unbedingt sein), wirkt das Baby sehr schläfrig oder weint es tränenlos, besteht die akute Gefahr eines Flüssigkeitsmangel, der ärztlich abgeklärt werden sollte

Je nach Stärke der Ausprägung sind laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung weitere Symptome zu beobachten (in Klammern das Flüssigkeitsdefizit): verminderte Leistungsfähigkeit (2 %), Mundtrockenheit (4 %), erhöhte Temperatur (6 %), Übelkeit/Schwindel (8 %), Verwirrtheit (12 %) und Kreislaufkollaps (14 %). 

Wenn ein Kind trotz Anzeichen eines Flüssigkeitsmangels nicht trinken möchte, sollte man es unverzüglich einem Arzt vorstellen.

© Danielle

Quellen






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Kommentare:

  1. Guten Morgen,
    wichtiger Artikel! Vielen Dank dafür.
    Eine Frage habe ich allerdings: Wie verlässlich ist diese Info, dass man als stillende Mutter nicht mehr als 2-3 Liter trinken soll? Ich trinke schon nicht-stillend ca. 3 Liter, während des Stillens bin ich locker auf 4 Liter gekommen. Milch hatte ich genug.
    2-3 Liter kommt mir sehr wenig vor.
    Liebe Grüße
    M.

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    1. Liebe M.,

      das individuelle Durstempfinden geht auf jeden Fall vor - es ist ja grundsätzlich recht unterschiedlich, wie viel die Menschen am Tag trinken. Grundsätzlich sollte man den normalen Tagesbedarf um etwa einen Liter ehöhen. Und so lange die Milch ausreichend ist, muss man sich darüber auch keine Gedanken machen. Erst wenn man trotz sehr viel Flüssigkeit zu wenig Milch hat, sollte man darüber nachdenken, ob es einfach möglicherweise zu viel davon ist.

      Herzliche Grüße!
      Danielle

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    2. Liebe Danielle,
      danke für die Antwort!
      Das mit dem einen Liter extra kommt dann ja hin.
      Liebe Grüße
      M.

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  2. Ich habe zwar beim Stillen weder Wasser noch Tee (wie viele andere die ich kenne) dazu gegeben, aber dass zusätzliches Wasser so dramatische Folgen haben kann, wusste ich nicht. Vielen Dank für die ausführliche Information!!!

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  3. Nanu - normalerweise recherchiert ihr doch sehr genau - aber trotzdem schreibst du von Milchseen? Sollte doch unter informierten Leuten inzwischen bekannt sein, das diese ein Mythos sind?!
    Liebe Grüße,
    A.

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    1. Nun - allwissend bin ich auch nicht - in den angegebenen Quellen war das so beschrieben und aus meiner Stillzeit kannte ich den Begriff. Aber danke für Deinen Hinweis, das werde ich mir noch mal genauer ansehen.

      Gruß
      Danielle

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    2. Es sind tatsächlich die Milchbläschen. Interessant, dass die Milchseen schon 2005 "widerlegt" wurden, sie aber noch weit und breit gut vertreten sind. Wieder was gelernt :-).

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  4. Der Stillkinder-Link stimmt nicht. Fehlermeldung ;)

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  5. Eure Artikel mag ich sonst sehr, jedoch kommt mir dieser etwas hölzern vor.
    Außerdem fehlt mir beim Thema "Wann zusätzlich Wasser" geben das Thema Fieber.
    Unser Kinderarzt (keiner der alten Schule) hat uns bei Fieber angeraten, ggfs. häufiger zu Stillen und auch Wasser anzubieten. Auch von anderen Kinderärzten kenne ich diesen Hinweis. Und das Thema Saugverwirrung nach Ablauf der ersten 6 Wochen hielt ich bislang auch für überholt?!
    Viele Grüße
    S.

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    1. Liebe S.,

      ich bedaure, dass Dir der Stil des Artikels nicht gefällt. Bei Fieber gilt m. E. das selbe, wie bei hohen Temperaturen auch. Aber das ist ja auch nicht Gegenstand des Artikels - ich recherchiere das gerne mal für unsere speziellen Fieberartikel. Auch bei Durchfallerkrankungen ist das ja von Relevanz - auch hier würde ich intuitiv die Muttermilch bevorzugen.

      Die Frage hier war vielmehr: Ab welchem Zeitpunkt (Lebens- bzw. Entwic,klungsalter) sollte man zusätzliche Getränke anbieten - nicht unter welchen Umständen.

      Und nein - die Saugverwirrung wird zwar nach wie vor von vielen negiert, aber von Stillberaterinnen nach wie vor beschrieben.

      Viele Grüße
      Danielle

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  6. Hallo Danielle,

    lieben Dank für den sehr informativen Artikel! Habe auch, als ich noch voll gestillt habe, entsprechende Ratschläge gehört. “Das Kind hat Durst“ -“Kann nicht sein, ich habe sie gerade gestillt.“-“Nein, ich meine Durst.“ Äh, ja. Was glauben die Leute, woraus Milch besteht?!
    Gibt es denn eine Empfehlung, welches Wasser getrunken werden sollte? Extra Babywasser? Oder ganz egal?

    Liebe Grüße & danke dir
    Christiane

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    1. Liebe Christiane,

      nein, Babywasser ist m. E. Geldschneiderei. Wenn die Leitungen in Ordnung sind, ist Leitungswasser perfekt. Wenn man mag, kann man es ja noch filtern, dann schmeckt es einfach besser.

      Liebe Grüße
      Danielle

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    2. Hallo Danielle,

      danke für deine Antwort! Dann muss ich mir ja keine Sorgen machen. Bei uns gibt's nämlich auch Leitungswasser, das auch ungefiltert sehr gut schmeckt. :)

      Liebe Grüße
      Christiane

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