Seiten

12 Botschaften, die Eltern vermeiden sollten, wenn ihr Kind ein Problem hat

trauriges MädchenAls Herr Friedlich geboren wurde, stürzte meine damals dreieinhalbjährige Tochter Fräulein Chaos in eine tiefe Krise. Nach ein paar Wochen fing sie - für mich völlig überraschend - an, ihre Schwester zu hassen. Ich konnte diese Gefühle nicht nachvollziehen, immerhin waren die beiden seit ihrer Geburt ein Herz und eine Seele und Fräulein Ordnung hatte auch nichts "gemacht", um diesen Hass zu provozieren. Ich war ratlos und führte Tag für Tag Gespräche mit meiner wütenden kleinen Tochter. Ich wollte ihr zuhören und sie verstehen. Ich wollte ihr aber auch klarmachen, wie schade es ist, wenn sie sich einfach so von ihrer besten Freundin und Schwester abwendet. Ich wollte Harmonie, so, wie ich Harmonie zwischen mir und meinem älteren Bruder gehabt hatte. Doch die Gespräche von Fräulein Chaos und mir liefen nicht gut. Eigentlich drehten wir uns jeden Tag wieder und wieder im Kreis:

Fräulein Chaos: Ich hasse Fräulein Ordnung. Ich hasse sie! Sie ist so doof!
Mama: Du hasst sie gar nicht. Das ist doch albern. Ich weiß doch, wie gern du sie eigentlich hast. Du solltest dich besser wieder mit ihr vertragen.
Fräulein Chaos: Nein, ich hasse sie. Ich hasse sie richtig doll.
Mama: Aber warum denn nur? Was ist denn zwischen euch vorgefallen?
Fräulein Chaos: Nichts. Sie ist einfach doof und ich will nie wieder mit ihr zu tun haben! Sie soll weggehen!
Mama: Naja, das geht ja nun einmal nicht. Sie wird niemals weggehen, sie ist doch deine Schwester. Du bist für immer mit ihr verbunden und das ist doch auch schön. Sie wird immer in deinem Leben sein.
Fräulein Chaos: Dann will ich, dass sie tot ist!
Mama: Hör mal, ey, sowas will ich echt nicht hören. Das finde ich total krass. Fräulein Ordnung soll nicht tot sein! Mir tut das Herz weh, wenn ich an so etwas denke.
Fräulein Chaos: Ich will einfach nicht, dass sie in meiner Familie ist! Es soll niemand in unserer Familie sein, nur du und ich! Alle anderen sollen tot sein!
Mama: Ich will aber nicht, dass alle anderen tot sind. Ich möchte, dass wir alle zusammen glücklich sind.
Fräulein Chaos: Dann will ich eben sterben! Dann muss ich niemanden mehr von euch sehen!
Mama: Ey! Ich will auch nicht, dass du tot bist! Bitte sag doch nicht so etwas! Ich liebe euch alle und ich wäre super traurig, wenn nur einer davon fehlen würde. Bitte hör auf, so zu reden, ich kann das nicht aushalten. Ich weiß doch, dass du das nur sagst, weil es dir wegen des Babys so schlecht geht. Aber du meinst es nicht wirklich so.
Fräulein Chaos: Es tut so weh! Es tut in mir drin so weh! Das soll aufhören! Ich hasse mein ganzes Leben! Ich will sterben! *weint herzzerreißend*
Mama (total verängstigt wegen dieser Aussage) in strengem Ton: Okay, Schluss jetzt! Ich will es nicht mehr hören! Dein Leben ist schön! Es ist wunderschön!
Fräulein Chaos: *sagt nichts, schluchzt*
Mama: Komm, wir gehen ein Eis essen, nur wir zwei. Mhhh? Dann geht es dir bestimmt besser.

Aber es ging ihr nicht besser. Es ging ihr über Wochen schlecht. Wir führten dieses Gespräch in etlichen Variationen, aber nie kamen wir auf eine Lösung. Sie beharrte darauf, zu hassen (ihr Leben, ihre Schwester, den Rest unserer Familie) und sterben zu wollen; ich beharrte darauf, wie schön alles sei. Ich machte mir echte Sorgen um ihren Zustand. Sie war wütend und traurig, das konnte ich sehen. Aber nichts, was ich sagte, half. So lange, bis ich ihr endlich richtig zuhörte. Als ich endlich, endlich meine Ohren und mein Herz öffnete, hatten wir das Gespräch, das alles änderte.

Doch dieses Zuhören ... das ist gar nicht so leicht. Wir Eltern versagen oft darin. Wir haben es einfach selbst nicht gelernt, weil auch uns nicht richtig zugehört wurde.Wir können es jedoch lernen. Und wisst ihr was? Es macht so einen gravierenden Unterschied für unsere Kinder, dass ich finde, alle werdenden Eltern sollten neben den etablierten Geburtsvorbereitungskursen auch Kurse im Aktiven Zuhören belegen.

Doch bevor ich Euch in das Geheimnis der offenen Ohren einweihe, widmen wir uns erst einmal den 12 typischen Botschaften, die Eltern beim Antworten übermitteln und die sich ungünstig auf den Gesprächsverlauf auswirken. Um zu zeigen, welche meiner Aussagen aus dem obigen Gespräch dazu geführt hatten, dass meine Tochter ihr Problem nicht lösen konnte, habe ich diese an den entsprechenden Stellen in rot markiert. Vermutlich werdet ihr euch auch selbst an der ein oder anderen Stelle wiedererkennen. Tatsächlich gehören etwa 90 Prozent aller Antworten von uns Eltern in Problemgesprächen oder Streits zu diesen typischen Zwölf.

12 ungünstige Erwiderungen auf die verbalen Botschaften unserer Kinder


Wenn wir unseren Kindern zuhören, dann antworten wir in den allermeisten Fällen auf das, was sie uns erzählen; es entsteht ein Gespräch. Diese Erwiderungen wirken auf die Kleinen und bestimmen die Richtung des Dialogs. Das kann wunderbar klappen - dann wirkt das Gespräch befreiend und ermutigend. Oder unsere Erwiderungen wirken destruktiv und bringen unsere Kinder dazu, sich uns nicht mehr zu öffnen, weil sie ihnen das Gefühl geben, schuldig oder unzulänglich zu sein. Professionelle Therapeuten lernen in ihrer Ausbildung, genau solche Erwiderungen zu vermeiden.

1. Befehlen, anordnen, kommandieren


Kind: Ich will heute nicht zur Schule. Lottis Eltern lassen sie zuhause bleiben, wenn sie nicht zur Schule will.
Eltern: Es ist mir egal, was andere Eltern tun! Du gehst zur Schule!

Kind: Du bist eine doofe Kackmutter!
Eltern: Hör gefälligst auf, so mit deiner Mama zu sprechen!

Kind: Jonas ist blöd! Ich will nie wieder mit ihm spielen!
Eltern: Jonas ist dein bester Freund. Nun geh und vertrag dich wieder mit ihm!

Fräulein Chaos: Ich hasse mein ganzes Leben! Ich will sterben!
Mama (total verängstigt wegen dieser Aussage) in strengem Ton: Okay, Schluss jetzt! 

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir befehlen, anordnen oder kommandieren? 


Diese Botschaften sagen einem Kind, dass seine Empfindungen und Bedürfnisse nicht wichtig oder annehmbar sind; es muss sich dem unterwerfen, was der Elternteil empfindet oder braucht. [...] Sie rufen Furcht vor der elterlichen Macht hervor. [...] Sie können das Kind aufbringen und empören und es häufig dazu veranlassen, feindselige Empfindungen zu äußern, einen Wutanfall zu bekommen. zurückzuschlagen, Widerstand zu leisten, den elterlichen Willen auf die Probe zu stellen. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 309] 

2. Warnen, ermahnen, drohen 


Kind: Ich will diese bescheuerte Strickjacke nicht anziehen!
Eltern: Es ist viel zu kalt ohne Jacke. Dann kriegst du eine Lungenentzündung und kannst am Samstag nicht zum Geburtstag von Lukas gehen.

Kind: Ich will die bescheuerte Jacke wieder ausziehen, die kratzt!
Eltern: Das wirst du schön bleiben lassen, sonst blase ich den ganzen Ausflug ab!

Kind: Ich hasse euch! Am liebsten würde ich ganz weit weglaufen und nie wieder kommen.
Eltern: Kleine Kinder ohne Eltern werden auf der Straße von der Polizei eingesammelt und kommen ins Heim! Willst du das?

Kind: *steht mit Schere und Lieblingsschal der Mutter vor ihr und schaut sie wütend an*
Eltern: Wag es ja nicht!

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir warnen, ermahnen, drohen?


Diese Botschaft können ein Kind dazu bringen, Angst und Unterwürfigkeit zu empfinden. ,[...] Sie können Empörung und Feindseligkeiten hervorrufen. [...] Sie können zu verstehen geben, dass der Elternteil keinen Respekt vor den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes hat. [...] Diese Botschaften fordern das Kind auch dazu auf, die Unabänderlichkeit der elterlichen Drohung auf die Probe zu stellen. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 309f]

3. Zureden, moralisieren, predigen, dem Kind sagen, was es tun "müsste" oder "sollte"


Kind: *weint hysterisch wegen unbequem sitzender Strumpfhose*
Eltern: Meine Güte, nun hab dich mal nicht so! Es ist doch nur eine Strumpfhose.

Kind: *steckt die Zunge heraus*
Eltern: Hey! Du solltest Respekt vor Erwachsenen zeigen!

Kind: Lotta und Emily spielen in der Schule nicht mehr mit mir.
Eltern: Du solltest einfach nicht so viel weinen und nicht so schnell gekränkt sein, dann spielen sie auch wieder gern mit dir.

Fräulein Chaos: Ich hasse Fräulein Ordnung. Ich hasse sie! Sie ist so doof!
Mama: Du solltest dich besser wieder mit ihr vertragen.

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir zureden, moralisieren, predigen?


Derartige Botschaften [...] können einem Kind das Gefühl geben, dass der Elternteil seinem Urteil nicht traut - dass es besser daran täte, das zu akzeptieren, was andere für richtig halten. [...] Sie können Schuldgefühle in einem Kind wachrufen - das Gefühl, dass es "schlecht" ist. [...] Auf diese "solltest" und "müsstest" können Kinder mit Widerstand reagieren und ihre Position nur noch nachdrücklicher verteidigen. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 309f]

4. Beraten, Lösungen geben, Vorschläge machen


Kind: Lotta und Emily spielen in der Schule nicht mehr mit mir.
aufmerksames Kind
Eltern: Warum lädst du nicht eine von beiden hier nach Hause ein? Dann kommt ihr euch wieder näher.

Kind: Ich weiß einfach nicht, ob ich lieber Reiten will, oder die Mathe-AG besuchen. Ich mag beides gern, aber ich habe nur für eins Zeit.
Eltern: Nimm lieber die Mathe-AG, das ist besser für die Zukunft.

Kind weinend: Jonas hat mir den Monstertruck weggenommen! Aber ich wollte damit spielen!
Eltern: Biete ihm doch ein anderes Auto zum Spielen an. Dann tauscht er bestimmt mit dir.

Kind: Sommerferien sind so ööööde. Keiner meiner Freunde ist da.
Eltern: Dann male doch ein bisschen, oder noch besser, räum doch dein Zimmer auf, mmh?

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir beraten, Lösungen geben, Vorschläge machen?


Solche Botschaften werden von dem Kind oft als Beweis dafür empfunden, dass der Elternteil kein Zutrauen in das Urteilsvermögen oder die Fähigkeit des Kindes hat, seine eigenen Lösungen zu finden. [...] Kinder können auch ein Gefühl der Inferiorität bekommen. [...] Sie können ein Kind beeinflussen, vom Elternteil abhängig zu werden und aufzuhören, selbst zu denken. Kinder reagieren eher unwillig auf Ideen oder Ratschläge und nehmen diese selten an.  [vgl. Gordon, T., 1972, S. 310] 

5. Vorhaltungen machen, belehren, logische Argumente anführen; mit Fakten, Logik und Gegenargumenten in Meinung beeinflussen 


Kind weinend: Jonas hat mir den Monstertruck weggenommen! Aber ich wollte damit spielen!
Eltern: Kinder müssen lernen, selbst ihre Konflikte zu lösen.

Kind: Mann, die Schule ist so irre schwer. Ständig muss ich lernen. Ich habe gar keine Freizeit mehr.
Eltern: Als ich in deinem Alter war, musste ich neben der Schule noch arbeiten, um meine Eltern mit dem Geld zu unterstützen. Freizeit hatte ich auch nicht. Betrachte es mal so - du hast totales Glück, dass du dich nur um die Schule kümmern musst!

Kind: Ich will nicht auf Ferienreise fahren.
Eltern: Aber Ferienfahrten sind toll. Das wird bestimmt das schönste Erlebnis, das du je hattest!

Kind: Iiiih, ich will den stinkenden Müll nicht raus bringen!
Eltern: Nur wenn du jetzt schon regelmäßig kleinere Aufgaben übernimmst, wirst du zu einem verantwortungsbewussten Erwachsenen.

Fräulein Chaos: Sie ist einfach doof und ich will nie wieder mit ihr zu tun haben. Sie soll weggehen.
Mama: Naja, das geht ja nun einmal nicht. Sie wird niemals weggehen, sie ist doch deine Schwester. Du bist für immer mit ihr verbunden. 

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir Vorhaltungen machen, belehren, logische Argumente anführen? 


Kinder kennen die Tatsachen bereits recht gut, die die Eltern beharrlich fortfahren, sie zu lehren, und ärgern sich über die darin liegende Andeutung, dass sie unwissend sind. [...] Kinder wie Erwachsene mögen es selten, wenn man ihnen zeigt, dass sie unrecht haben. Demzufolge verteidigen sie ihre Position bis zum bitteren Ende. [...] Logik und Tatsachen machen ein Kind oft defensiv und unwillig. [...] Dann entscheiden sie sich vielleicht dafür, die Tatsachen zu ignorieren ("Mir doch egal." "Na und?" "Das passiert mir nicht.").  [vgl. Gordon, T., 1972, S. 311] 

6. Urteilen, kritisieren, widersprechen, beschuldigen, zu einer negativen Bewertung des Kindes kommen 


Kind: Ich habe mich entschlossen, die Reit-AG und nicht die Mathe-AG zu besuchen.
Eltern: Ich halte das für eine dumme Idee.

Kind: Aber wenn ich reite, fühle ich mich frei und glücklich. Mathe kann ich doch später noch lernen.
Eltern: Du denkst einfach nicht bis zum Ende. Was für ein kindisches Argument!

Kind: Lotta und Emily spielen in der Schule nicht mehr mit mir.
Eltern: Naja, kein Wunder, wenn du immer so eine Mimose bist.

Kind: Lotta und Emily sind voll gemein, weil sie nicht mit mir spielen wollen.
Eltern: Es ist doch ihre Entscheidung, mit wem sie spielen.

Fräulein Chaos: Ich hasse Fräulein Ordnung. Ich hasse sie! Sie ist so doof!
Mama: Du hasst sie gar nicht. Das ist doch albern.

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir urteilen, kritisieren, widersprechen oder beschuldigen?


Wahrscheinlich mehr als alle anderen, bringen die Botschaften das Kind dazu, sich unzulänglich, minderwertig, dumm, unwert, schlecht zu fühlen. [...] Wie der Elternteil das Kind bewertet, wird das Kind sich selbst beurteilen. [...] Kinder wie Erwachsene hassen es, negativ beurteilt zu werden. Sie reagieren defensiv, einfach, um ihr Selbstimage zu schützen. Oft werden sie zornig und empfinden, auch wenn das Urteil zutreffend ist, Hass gegenüber dem beurteilenden Elternteil. [...] Bewertung beeinflusst Kinder dahingehend, ihre Empfindungen für sich zu behalten oder etwas vor den Eltern zu verbergen.  [vgl. Gordon, T., 1972, S. 311] 

Verzweifeltes Kind


7. Loben, zustimmen, zu einer positiven Bewertung des Kindes kommen 


Kind: Ich finde meine Nase zu groß für mein Gesicht.
Eltern: Also ich finde dich bildhübsch genau so, wie du bist.

Kind: Lotta und Emily sind voll gemein, weil sie nicht mit mir spielen wollen.
Eltern: Das finde ich auch.

Kind: Ich habe mich entschlossen, die Reit-AG und nicht die Mathe-AG zu besuchen.
Eltern: Das ist eine sehr gute Idee. Ein fester Beckenboden und eine gerade Haltung sind so wichtig für eine Frau!

Kind: Ich habe mich entschlossen, die Mathe-AG und nicht die Reit-AG zu besuchen.
Eltern: Fantastisch. Mit der Mathe-AG hast du die Chance, richtig was aus deiner Klugheit zu machen! 

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir loben, zustimmen? 


Im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung, dass Lob Kindern immer guttut, hat es oft einen negativen Effekt. Eine positive Einschätzung, die nicht der Vorstellung des Kindes von sich selbst entspricht, kann Feindseligkeiten hervorrufen ("Ich bin eben nicht bildhübsch. Ich habe eine zu große Nase und die macht mich hässlich!") [...] Überdies kann das Ausbleiben von Lob in einer Familie, in der häufig Lob angewendet wird, vom Kind als Kritik ausgelegt werden. [...] Oft wird Lob vom Kind als Manipulation empfunden - als unmerkliche Art, das Kind zu beeinflussen, das zu tun, was der Elternteil will.  Das könnte es dazu veranlassen, es erst recht nicht zu tun. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 312]

8. Beschimpfen, lächerlich machen, beschämen


Kind: Ich habe mich entschlossen, die Reit-AG und nicht die Mathe-AG zu besuchen.
Eltern: Na das war ja wieder klar. Immer schön den leichtesten Weg wählen, was? Nur ja nicht zu viel anstrengen.

Kind weinend: Jonas hat mir den Monstertruck weggenommen! Aber ich wollte damit spielen!
Eltern: Boah, du bist so ein Weichei, ey.

Kind: Ich werde die bescheuerte Jacke nicht anziehen - man wird nicht von Kälte krank, sondern von Viren.
Eltern augenrollend: Tss,  Fräulein Neunmalklug weiß schon wieder alles besser.

Kind: Alle Mädchen aus meiner Klasse tragen schon Make-up!
Eltern: Du siehst damit total nuttig aus. Und als nächstes tragt ihr Miniröcke und Netzstrumpfhosen, oder was?

Kind: Ich will nicht aufräumen.
Eltern: Du bist so eine verzogene Prinzessin! Denkst du, wir wären deine Bediensteten?

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir beschimpfen, lächerlich machen, beschämen?


Derartige Botschaften können von verheerender Wirkung auf das Selbstimage des Kindes sein. Sie können das Kind dazu veranlassen, sich unwert, schlecht, ungeliebt zu fühlen. Die häufigsten kindlichen Reaktionen auf solche Botschaften bestehent darin, den Eltern ebenso zu antworten ("Pah, du bist doch selber faul!"), oder nichts darauf zu geben und es trotzdem zu tun ("Ich sehe überhaupt nicht nuttig aus!") [vgl. Gordon, T., 1972, S. 312f] 

9. Interpretieren, analysieren, diagnostizieren, das Kind wissen lassen, dass wir es durchschauen


Kind: Ich hasse euch! Am liebsten würde ich ganz weit weglaufen und nie wieder kommen.
Eltern: Das sagst du jetzt nur, um uns zu verletzen. In Wirklichkeit willst du gar nicht von uns weg.

Kind: Ich finde Lotti nicht mehr nett, seit sie immer mit Emily spielt.
Eltern: Du bist nur eifersüchtig, weil sie nicht mehr mit dir spielt.

Kind: Ich hasse die Schule und alles, was damit zusammenhängt!
Eltern: Du hasst sie nur, weil du merkst, dass die anderen schneller lernen als du. Du fühlst dich ihnen unterlegen und dieses Gefühl willst du nicht haben.

Fräulein Chaos: Dann will ich eben sterben. Dann muss ich niemanden mehr von euch sehen!
Mama: Ich weiß doch, dass du das nur sagst, weil es dir wegen des Babys so schlecht geht. Aber du meinst es nicht wirklich so. 

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir interpretieren, analysieren, diagnostizieren? 


Eltern, die ihre Kinder häufig analysieren, geben ihnen zu verstehen, dass sich die Eltern überlegen, klüger, gescheiter fühlen.[...] Wenn die Analyse oder Interpretation des Elternteils zufällig richtig ist, fühlt sich das Kind vielleicht in Verlegenheit gebracht. [...] Wenn die Analyse oder Interpretation des Elternteils, wie so oft, falsch ist, wird das Kind über die ungerechte Beschuldigung böse werden. [...] Die "Ich-weiß-warum" und "ich-durchschaue-dich"-Botschaften schneiden für den Augenblick eine weitere Kommunikation seitens des Elternteils ab und lehren das Kind, seine Eltern nicht an Problemen teilhaben zu lassen.  [vgl. Gordon, T., 1972, S. 313] 

10. Beruhigen, bemitleiden, trösten, dem Kind seine Gefühle aus- oder kleinreden, versuchen, dass das Kind sich besser fühlt [Anmerkung: Mit "trösten" ist nicht das In-den-Arm-Nehmen gemeint, sondern eher ein verbales Kleinreden des Schmerzes a la "Sei nicht traurig."]


Kind: Lotta und Emily spielen in der Schule nicht mehr mit mir.
Eltern: Mach dir mal keine Sorgen, das renkt sich schon wieder ein zwischen euch.

Kind: *weint, weil beste Freundin nicht mehr mit ihr spielt*
Eltern. Sei nicht traurig. Das wird schon wieder!

Kind: Ich hasse die Schule und alles, was damit zusammenhängt!
Eltern: Ach, das denken alle Kinder irgendwann.

Kind weinend: Jonas hat mir den Monstertruck weggenommen! Aber ich wollte damit spielen!
Eltern: Das ist doch nicht so schlimm. Du hast so viele schöne Autos.

Kind weinend: Mark findet meine Nase zu groß!
Eltern: Ich wette, alle anderen Jungen in deiner Klasse finden deine Nase hübsch!

Fräulein Chaos: Ich hasse mein ganzes Leben!
Mama: Dein Leben ist schön! Es ist wunderschön!

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir beruhigen, bemitleiden, trösten, dem Kind seine Gefühle aus- oder kleinreden?


Derartige Botschaften sind nicht so hilfreich, wie die meisten Eltern glauben. Wenn die Eltern die Gefühle eines Kindes kleinreden, es versuchen zu beruhigen oder zu trösten,, überzeugt es das Kind vielleicht davon, von ihnen unverstanden zu sein. [...] Eltern beruhigen und trösten, weil es ihnen unangenehm ist, wenn ihr Kind sich verletzt, verärgert, entmutigt oder dergleichen fühlt. Solche Botschaften sagen dem Kind, dass sie wollen, es soll aufhören, so zu empfinden. [...] Bagatellisieren bereitet oft einer weiteren Kommunikation ein Ende, weil das Kind spürt, dass seine Gefühle den Eltern selbst unangenehm sind, oder weil es wütend darüber ist, dass die Eltern versuchen, ihm seine eigene Einschätzung des emotionalen Schmerzes auszureden. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 313f] 

11. Forschen, fragen, verhören, um weitere Informationen zu erhalten, die helfen könnten, das Problem zu lösen 


Kind: Ich hasse die Schule und alles, was damit zusammenhängt.
Eltern: Woran liegt das, was meinst du? Was stört dich denn so sehr?

Kind: Ich finde meine Nase zu groß für mein Gesicht.
Eltern: Seit wann genau findest du das?

Kind: Ich habe mich entschlossen, die Reit-AG und nicht die Mathe-AG zu besuchen.
Eltern: Und warum? Was erhoffst du dir davon?

Kind: Lotta und Emily spielen in der Schule nicht mehr mit mir.
Eltern: Was hast du denn gemacht, dass sie dich jetzt so meiden?

Kind: Lotta und Emily spielen in der Schule nicht mehr mit mir.
Eltern: Haben sie dir gesagt, warum?

Fräulein Chaos: Ich hasse sie richtig doll.
Mama: Aber warum denn nur? Was ist denn zwischen euch vorgefallen?

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir forschen, fragen, verhören?


Wenn Eltern ihrem Kindern, das sie gerade an seinen Problemen teilhaben lassen, Fragen stellen, dann beschränkt jede dieser Fragen die Freiheit des Kindes, über genau die Dinge zu sprechen, über die es sprechen will. Die Fragen lenken es vielleicht in eine Richtung, in die es gar nicht gehen möchte. Es macht unangenehme Gefühle, so als würde man verhört werden und wäre irgendwie angeklagt. Kinder fühlen sich durch Fragen häufig bedroht oder in eine Ecke gedrängt, besonders, wenn sie nicht verstehen, warum der Elternteil sie befragt. Daher ist ein Verhör keineswegs eine gute Methode, einem anderen Menschen die Kommunikation zu erleichtern. Im Gegenteil, sie hinterlässt ein so ungutes Gefühl, dass sich Kinder beim nächsten Problem lieber verschließen, als wieder so ausgefragt zu werden. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 314]

12. Zurückziehen, ablenken, aufheitern, zerstreuen, das Problem scherzhaft behandeln


Kind: Ich hasse die Schule, und alles was damit zusammenhängt!
Eltern, augenzwinkernd: Du könntest sie heute Nacht niederbrennen.

Kind: Ich habe solche Angst vor der Mathearbeit morgen.
Eltern: Aber hast du morgen noch ein schönes Fach, auf das du dich freust?

Kind: Ich finde meine Nase zu groß für mein Gesicht.
Eltern: Ach was? Dann sparen wir ab jetzt nicht mehr für deine Hochzeit, sondern für eine Schönheitsoperation, ja? *lacht über eigenen Witz*

Kind: Ich bin so traurig, weil Opa gestorben ist.
Eltern: Das war vor zwei Jahren! Denk einfach nicht mehr daran.

Kind: Ich bin so traurig, weil Opa gestorben ist.
Eltern: Lass uns von etwas Schönerem sprechen.

Fräulein Chaos: Dann will ich, dass sie tot ist!
Mama: Hör mal, ey, sowas will ich echt nicht hören.

Fräulein Chaos: Dann will ich eben sterben. Dann muss ich niemanden mehr von euch sehen!
Mama: Bitte hör auf, so zu reden, ich kann das nicht aushalten.


Fräulein Chaos: Ich hasse mein ganzes Leben! Ich will sterben!
Mama (total verängstigt wegen dieser Aussage) in strengem Ton: Ich will es nicht mehr hören!

Fräulein Chaos: Ich hasse mein ganzes Leben! Ich will sterben!
Mama: Komm, wir gehen ein Eis essen, nur wir zwei. Mhhh? Dann geht es dir bestimmt besser.

Was fühlt das Kind möglicherweise, wenn wir ablenken, aufheitern, zerstreuen?


Derartige Botschaften können einem Kind mitteilen, dass die Eltern kein Interesse an seinen Gefühlen haben oder diese so schlimm sind, dass sie sie nicht annehmen können. Wenn man mit Späßen reagiert, missachtet man den ernsthaften Anspruch des Kindes, seine Gefühle zu offenbaren und es könnte sich verletzt und zurückgewiesen fühlen. Kinder abzulenken und ihre Gefühle zu zerstreuen mag im Augenblick erfolgreich scheinen, aber diese Empfindungen verschwinden nicht so einfach. Sie tauchen meist später wieder auf. Beiseite geschobene Probleme sind selten gelöste Probleme. Kinder wie Erwachsene möchten mit Respekt angehört und verstanden werden. Wenn ihre Eltern sie beiseite schieben, lernen sie bald, ihre wichtigen Probleme und Gefühle anderswohin zu tragen.  [vgl. Gordon, T., 1972, S. 315]

Aktives Zuhören


Psychologen oder Psychotherapeuten verbringen Jahre damit, zu lernen, in einem Gespräch auszudrücken, dass sie den Sprecher und dessen Gefühle genau so annehmen, wie er ist. Ein Gespräch kann heilen, konstruktive Veränderung anregen und frei machen - wenn der Zuhörer "aktive Annahme" auszudrücken vermag. Auch Eltern können diese Art therapeutischer Kommunikation lernen - vielleicht nicht so hochprofessionell, wie ein Psychologe, aber immerhin so angemessen, dass sie hilfreich, statt destruktiv wirkt.

Mutter und Sohn unterhalten sich

Voraussetzungen für Aktives Zuhören


  • Wenn Kinder ihre tiefsten Gefühle offenbaren, müssen die Zuhörer wirklich in der Lage sein, diese anzunehmen, egal, wie "krass" diese sind oder wie sehr sie sich von den Gefühlen der Zuhörer unterscheiden. Sie müssen dem Kind innerlich "erlauben", Dinge anders zu sehen, Situationen anders zu empfinden oder Gefühle anders zu bewerten, weil es ein Individuum ist mit eigenem Leben und eigener Identität ist. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 65]

Ich hatte Fräulein Chaos` Hass ihrer Schwester gegenüber nicht annehmen können. Ich wollte, dass sie sie wieder lieb hat, so wie früher. Ich wollte, dass sie alle Familienmitglieder liebt, so wie ich auch. Ich habe ihr innerlich nicht erlaubt, anders zu denken, weil ich diese Gefühle als zu ungehörig empfand. Gott sei Dank hatte meine Tochter eine aufmerksame Erzieherin in der Kita, die offen aussprach, was ich nicht konnte: "Du darfst deine Schwester nicht mögen. Es gibt kein Gesetz der Welt, das besagt, dass du sie lieben musst."

  • Die Zuhörer müssen ein tiefes Vertrauen  in das Kind haben, mit seinen heftigen Gefühlen fertig zu werden, diese gut zu meistern und gestärkt aus der Krise herauszugehen. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 65]

Fräulein Chaos Bemerkungen, sie wolle tot sein, weil sie ihr Leben hasst, machten mir unheimlich Angst. Ich fürchtete sogar, sie könnte depressiv sein. Um diese Angst nicht aushalten zu müssen, wollte ich am liebsten nichts mehr von "der Sache" hören. Ich habe nie gelernt, adäquat mit Gefühlen umzugehen. In meiner Herkunftsfamilie wurde niemals über negative Gefühle gesprochen, sie wurden immer beiseite geschoben. Ich muss jetzt, als Erwachsene, mühsam lernen, dass Gefühle nichts Schlimmes sind und man sie annehmen und beherrschen kann. Ich lerne es mit meinen Kindern zusammen, aber ey, es ist echt schwer.

  • Die Zuhörer dürfen darin vertrauen, dass Gefühle vorübergehend und nicht von Dauer sind - Liebe wandelt sich bei unseren Kindern genauso schnell in Hass, wie anders herum; und ein Kind das heute entmutigt ist, kann morgen voller Hoffnung neu in den Tag starten. Wir Zuhörer müssen uns daher nicht vor den Gefühlen unserer Kinder fürchten - sie setzen sich nicht in ihnen fest, sie durchleben sie nur intensiv, um sie vollständig  in ihrem Emotionskanon zu integrieren. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 65]

Dieses Vertrauen hatte ich damals nicht - ich hatte Angst, dass Fräulein Chaos ihre Schwester für immer hassen würde und sich für immer wünschen würde, nur mit mir allein zu sein. Ich vertraute nicht auf die schon seit Jahren bestehende Bindung zwischen den beiden und sah den Hass nicht als Ausdruck einer momentanen Krise. Deshalb kämpfte ich so vehement darum, Fräulein Chaos einzureden, sie würde ihre Schwester gar nicht hassen, sondern in Wirklichkeit lieben. Damit verstärkte ich jedoch nur ihre Gegenwehr.

  • Die Zuhörer müssen es schaffen, ihre eigenen Gedanken und Gefühle zurückzuhalten, um ausschließlich die Botschaft des Kindes herauszuhören. Sie müssen in der Lage sein, sich empathisch in die Lebenswelt ihrer Kinder hineinzuversetzen, müssen aufgeschlossen dafür sein, dass diese neue Perspektive vielleicht sogar ihre eigene Meinung und Einstellung verändert. [vgl. Gordon, T., 1972, S. 65]

Während unserer Gespräche konnte ich nur sehen, welchen Einfluss Fräulein Chaos Schwester-Hass auf unsere ganze Familie haben würde. Nach etlicher Zeit schaffte ich es zwar, aus der Perspektive meiner Tochter zu schauen und ihren Schmerz der Entthronung zu sehen, aber ich konnte ihn vor lauter Angst nicht annehmen und kämpfte verbal um so verzweifelter darum, dass sie ihn nicht mehr äußert.

Aktives Zuhören - Ein Beispiel


Da dieser Text schon wieder episch lang geworden ist, werde ich euch erst im nächsten Artikel erklären, wie Aktives Zuhören richtig funktioniert. Doch um einen runden Abschluss zu bekommen, gewähre ich euch hiermit einen Sneak Peak: Das letzte, endlich annehmende, Gespräch mit Fräulein Chaos über ihre Schwester und den Wunsch, tot zu sein:

Fräulein Chaos: Ich hasse Fräulein Ordnung. Ich hasse sie! Sie ist so doof!
Mama: Wow, das klingt, als könntest du deine Schwester gerade ü-ber-hau-pt nicht leiden.
Fräulein Chaos: Kann ich auch nicht! Sie ist voll blöd und ich hasse sie! Sie soll weggehen!
Mama: Du wünscht dir, sie wäre gerade woanders.
Fräulein Chaos: Sie soll ganz weit weggehen! Ich will einfach nicht, dass sie in meiner Familie ist! Es soll niemand in unserer Familie sein, nur du und ich! Alle anderen sollen weg sein!
Mama: Am liebsten wärst du gerade ganz mit mir allein, ohne die anderen.
Fräulein Chaos *weint*: Ja, du sollst nur meine Mama sein. Meine ganz allein. *schluchzt*
Mama (Hört ihr mein Herz zerbrechen?), mit brüchiger Stimme: Du wünscht dir, deine Geschwister wären nie geboren.
Fräulein Chaos: *weint herzzerreißend*
Mama: *wartet ab* *Tränen in den Augen*
Fräulein Chaos, schluchzend: Du hast so wenig Zeit für mich, seit Herr Friedlich da ist. Er stillt andauernd oder hängt in der Trage. Du kannst gar nicht mehr richtig mit mir kuscheln, weil er immer bei dir ist.
Mama, um Fassung ringend: Du möchtest wieder mehr mit mir kuscheln können.
Fräulein Chaos, weinend, flüstert: Ja.
Mama, weinend, flüstert: Jetzt bin ich gerade frei zum kuscheln. *breitet ihre Arme aus*
Fräulein Chaos klettert auf Mamas Schoß, beide weinen und kuscheln.
Fräulein Chaos, schluchzend: Es tut so weh! Es tut in mir drin so weh! Das soll aufhören! Ich will sterben, dann muss ich das nicht mehr spüren!
Mama, weinend: Du hast das Gefühl, den Schmerz nicht mehr aushalten zu können.
Fräulein Chaos: Ich zerreiße! Ich will nichts mehr fühlen!
Mama: Es ist so schwer, das alles so stark zu fühlen. *kuschelt noch ein bisschen enger*
Fräulein Chaos: *sagt nichts*
Mama: *wartet ab*
Eine Pause entsteht, beide hängen ihren Gedanken nach.

Fräulein Chaos, nach etwa einer Minute,  nicht mehr weinend, aber noch mit tränennassem Gesicht: Eigentlich habe ich ihn ja auch lieb, Mama.
Mama: *guckt Fräulein Chaos aufmerksam an, sagt aber nichts*
Fräulein Chaos, hüpft vom Schoß, sagt wild gestikulierend und voller Liebe: Er ist so süß, wenn er immer so daliegt (*zeigt mit den Armen, wie das Baby fuchtelt*) und "Äh! Äh!" sagt! Und wenn er mich sieht, dann lächelt er immer, weißt du?
Mama, noch völlig fertig von dieser emotionalen Achterbahnfahrt, aber lächelnd: Ja, das tut er.
Fräulein Chaos, schon im Weggehen: Wo ist er denn jetzt? Ich will ihn küssen!

Tatsächlich war dieses Gespräch der Durchbruch in unserem Entthronungs-Chaos. Ich achtete ab da viel, viel stärker darauf, genügend Zeit mit beiden großen Mädchen zu verbringen, mehr zu kuscheln, mehr vorzulesen. Dafür fielen meine eigenen Entspannungsinseln weg (auf der Couch mit Handy abschlaffen), aber da das nur temporär war, bis die große Krise gemeistert war, nahm ich das gern in Kauf. Fräulein Chaos` Hass auf ihre Schwester verschwand von einem auf den anderen Tag, direkt nach dem Gespräch. Dass dies eine Verschiebung war und sie eigentlich "Hass"/Eifersucht auf das Baby empfunden hatte, war ihr natürlich nicht bewusst geworden, aber unbewusst hatte unser Gespräch und mein annehmendes Zuhören diese Blockade trotzdem gelöst. Ebenso wie weggeblasen waren ihre Äußerungen, sie wolle sterben und ihr Leben sei nicht schön. Das erleichterte mich ungemein, weil ich mir ernsthaft Sorgen um sie gemacht hatte.

Kind liegt auf der Wiese


Dieses Gespräch war ein absolutes Highlight meiner elterlichen Kompetenz - tatsächlich habe ich seitdem kein ähnlich annehmendes Gespräch mehr hinbekommen. Irgendwo rutscht mir immer eine der typischen Zwölf heraus. Wir rumpeln uns so durchs Leben, meine Kinder und ich; und eigentlich läuft es ganz gut. Ich übe mich aber weiterhin im Aktiven Zuhören, denn ich bin überzeugt, dass es sie glücklich macht und es unsere Verbindung stärkt. Ich möchte, dass sie mich weiterhin an ihren Gefühlen und Problemen teilhaben lassen. Nicht nur jetzt, wenn sie noch so klein sind, dass ich das Zentrum ihrer Welt darstelle, sondern auch, wenn sie älter werden und ihre Prioritäten sich nach außen, auf ihre Peers, verschieben. Ich wünsche mir, dass sie auch dann noch zu mir kommen, und sich bei mir ausweinen, weil sie wissen, dass ich ein annehmendes, offenes Ohr für sie habe, ohne sie mit Ratschlägen, Vorhaltungen oder Moralvorstellungen zu überhäufen.

© Snowqueen

Literatur


Gordon, Thomas, Familienkonferenz, 1972

Schulz von Thun, F., Miteinander Reden 1 Störungen und Klärungen, 2002