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Aktives Zuhören nach Gordon - wie wir mit unseren Kindern gemeinsam Probleme lösen

In unserem letzten Artikel ging es um zwölf Botschaften, die wir vermeiden sollten, wenn unsere Kinder Probleme haben. Wir hatten Euch versprochen, nochmal konkret über das Aktive Zuhören zu schreiben.

Was ist "aktives Zuhören"?


Kind steht vor einem Bett"Aktives Zuhören beschreibt einen Prozess innerhalb eines Dialoges, bei dem der Empfänger einer Nachricht sich für einen Moment empathisch in die Situation des Senders einfühlt, auf dem Selbstoffenbahrungs-Ohr hört und dann die von ihm gehörte Botschaft mit eigenen Worten noch einmal wiedergibt, um den Sender das Problem wertfrei vor Augen zu halten und ihn dazu anzuleiten, eigenständig eine Lösung zu finden."

Das klingt sehr hochgestochen - es bedeutet nichts anderes, als dass der Zuhörer aufmerksam zwischen den Zeilen hört und überlegt, was der Sprecher meinen könnte, ohne es bewusst selbst schon zu wissen. Das Ergebnis des Zwischen-den-Zeilen-Lesens wird in eigene Worte verpackt. Durch das Umformulieren werden beim Sender Gefühle ausgelöst - entweder er kann dem zustimmen ("Ja, das meinte ich."), oder er wird es ablehnen ("Nein, so fühle ich ganz und gar nicht!"). Beides bringt ihn ihm einen weiteren Stein des Verstehensprozesses ins Rollen - ein neuer, weiterführender Gedanke blitzt in ihm auf. Er wird weitersprechen, und so dem Kern des Problems immer näher kommen. Schafft der Empfänger es, mit seinen Antworten nicht lenkend oder wertend zu agieren, kann der Sender sein Problem und dessen mögliche Lösung ganz allein erkennen. Das gibt ihm einerseits ein befriedigendes Gefühl von Selbstwert und andererseits ein wohliges, verbindendes Gefühl des Verstanden-worden-Seins.

Aktives Zuhören beginnen, aber wie? - Türöffner!


Wenn Kinder ein Problem haben, dann wollen sie gern in irgendeiner Weise ihr Unbehagen loswerden. In den allermeisten Fällen nutzen sie allerdings erst einmal ungünstige Strategien, um auf ihr Problem aufmerksam zu machen. Sie sind wütend oder schnippisch mit ihren Eltern - obwohl das Problem vielleicht in der Schule liegt. Sie sind maulig, wortkarg und ziehen sich von ihren Eltern zurück - obwohl das Problem vielleicht bei ihren Freunden liegt. Sie sind in der Schule aggressiv und ausfallend ihren Lehrern gegenüber - obwohl das Problem vielleicht zuhause liegt. Kaum ein Kind geht reflektiert auf seine Eltern zu und sagt: "Ich habe ein Problem, lass uns reden." Es liegt also an uns, hinter ihrem (ungewöhnlichen) Verhalten einen guten Grund zu vermuten, und sie unaufdringlich zum Sprechen aufzufordern.

Türöffner sind einfache Sätze, die wir Erwachsenen nutzen können, um unsere Kinder aufzufordern, ihre Gedanken und Gefühle loszuwerden. Türöffner sind sanfte Anstupser. Sie schwingen nicht gleich die "Wir-müssen-reden"-Keule, sie überfallen das Kind nicht mit guten Intentionen. Sie sind ein Angebot, das angenommen oder abgelehnt werden kann.

Beginnt das Kind das Gespräch, indem es z. B. "Du bist eine Kackmama!" oder "Ich werde nie wieder zur Schule gehen!" oder "Lotti ist die gemeinste Freundin!" sagt, reichen einfache Türöffner, um das Gespräch in Gang zu bekommen:
  • Wirklich?
  • Oh?
  • Aha...
  • Das scheint dich echt zu ärgern, ja?
  • Schieß los, ich höre.
Beispiel:
    - "Du bist eine Kackmama!"
    - "Wirklich?"
    - "Ja, wirklich! Es ist voll gemein, dass ich nie das machen darf, was ich will!"

    - "Ich werde nie wieder zur Schule gehen!"
    - "Achso?"
    - "Die anderen Kinder sind so gemein. Ich will da nicht mehr hin!"

    Möchte man als Erwachsener das Gespräch beginnen, müssen die Türöffner relativ konkret das beobachtbare Verhalten ansprechen:
    • Du siehst wütend aus.
    • Ich habe das Gefühl, du provozierst mich heute absichtlich - was ärgert dich so?
    • Du bist so ruhig heute..?

    Beispiel:

    - "Ich habe das Gefühl, du provozierst mich heute absichtlich - was ärgert dich so?"
    - "Du ärgerst mich! Du und deine blöden Regeln! Ständig muss ich leise sein, oder Rücksicht auf das Baby nehmen oder mich selbst beschäftigen."

    Nicht ganz so günstig  sind Sätze wie: "Willst du darüber reden?" oder "Du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst, wenn du reden willst, ja?" Diese sind zwar unheimlich lieb gemeint, werden aber selten angenommen. Man kann nur vermuten, dass das daran liegt, dass wir Menschen an sich ungern über unsere Probleme reden und bei einem solchen Türöffner schon ganz klar ist, dass es auf ein aufwühlendes, kathartisches Gespräch hinauslaufen wird. Wer würde sich darum nicht drücken? Und vor allem, wo fängt man an, wenn man sich gar nicht so sicher ist, was denn eigentlich das Problem ist? Bei guten Türöffnern ist es weniger offensichtlich, dass der Sprecher gleich sein Herz ausschütten wird. Es passiert natürlicher, Schritt für Schritt. Und da die Rückmeldungen ganz auf die Botschaft des Sprechenden eingehen, muss dieser nicht schon vorher wissen, was sein Problem ist und überlegen, wie er es in Worte fasst, sondern kann einfach den Rückmeldungen des Hörenden und seinen eigenen purzelnden Gedanken folgen, so dass das Problem irgendwie von ganz allein zutage tritt.

    Doch Türöffner sind lediglich die zarte Aufforderung zum Sprechen. Viel schwieriger ist es, das Gespräch dann am Laufen zu halten, ohne es durch die Typischen 12, die ich im letzten Artikel beschrieben habe, verstummen zu lassen.

    Kleiner Junge schaut traurig


    Ein Gespräch am Laufen halten - Aktives Zuhören


    Der Grundvorgang von zwischenmenschlicher Kommunikation besteht immer aus einem Sender, der etwas mitteilen möchte und einem Empfänger, der etwas verstehen möchte. Der Sender verschlüsselt seine Nachricht in erkennbare Zeichen (Worte) und sendet seine Nachricht. Der Empfänger wiederum entschlüsselt diese Zeichen. Je nachdem, wie dieser Empfänger gerade drauf ist, hört er aus der Nachricht unterschiedliche Botschaften heraus - einen persönlichen Angriff etwa, oder eine Aufforderung, zu helfen. Öfter als uns lieb ist, stimmen diese entschlüsselten Botschaften nicht mit dem überein, was der Sender eigentlich übermitteln wollte. Das ist schon im normalen Alltagsgespräch unschön, aber bei einem Problemgespräch ist das Hören "auf dem falschen Ohr" geradezu fatal.

    Deshalb meldet der Empfänger beim Aktiven Zuhören zurück, wie die Nachricht und ihre Botschaft bei ihm angekommen ist, damit der Sender überprüfen kann, ob er diese Botschaft mit der Nachricht senden wollte,oder nicht. Wie das aussehen kann, habe ich im letzten Artikel schon ansatzweise vorgestellt. Für die unter euch, die diesen Artikel nicht gelesen haben, hier noch einmal das ganze Gespräch. Im Anschluss nehme ich es für euch auseinander und erkläre genau, was ich warum gesagt habe:

    Fräulein Chaos: Ich hasse Fräulein Ordnung. Ich hasse sie! Sie ist so doof!
    Mama: Wow, das klingt, als könntest du deine Schwester gerade ü-ber-hau-pt nicht leiden.
    Fräulein Chaos: Kann ich auch nicht! Sie ist voll blöd und ich hasse sie! Sie soll weggehen!
    Mama: Du wünscht dir, sie wäre gerade woanders.
    Fräulein Chaos: Sie soll ganz weit weggehen! Ich will einfach nicht, dass sie in meiner Familie ist! Es soll niemand in unserer Familie sein, nur du und ich! Alle anderen sollen weg sein!
    Mama: Am liebsten wärst du gerade ganz mit mir allein, ohne die anderen.
    Fräulein Chaos *weint*: Ja, du sollst nur meine Mama sein. Meine ganz allein. *schluchzt*
    Mama (Hört ihr mein Herz zerbrechen?), mit brüchiger Stimme: Du wünscht dir, deine Geschwister wären nie geboren.
    Fräulein Chaos: *weint herzzerreißend*
    Mama: *wartet ab* *Tränen in den Augen*
    Fräulein Chaos, schluchzend: Du hast so wenig Zeit für mich, seit Herr Friedlich da ist. Er stillt andauernd oder hängt in der Trage. Du kannst gar nicht mehr richtig mit mir kuscheln, weil er immer bei dir ist.
    Mama, um Fassung ringend: Du möchtest wieder mehr mit mir kuscheln können.
    Fräulein Chaos, weinend, flüstert: Ja.
    Mama, weinend, flüstert: Jetzt bin ich gerade frei zum kuscheln. *breitet ihre Arme aus*
    Fräulein Chaos klettert auf Mamas Schoß, beide weinen und kuscheln.
    Fräulein Chaos, schluchzend: Es tut so weh! Es tut in mir drin so weh! Das soll aufhören! Ich will sterben, dann muss ich das nicht mehr spüren!
    Mama, weinend: Du hast das Gefühl, den Schmerz nicht mehr aushalten zu können.
    Fräulein Chaos: Ich zerreiße! Ich will nichts mehr fühlen!
    Mama: Es ist so schwer, das alles so stark zu fühlen. *kuschelt noch ein bisschen enger*
    Fräulein Chaos: *sagt nichts*
    Mama: *wartet ab*
    Eine Pause entsteht, beide hängen ihren Gedanken nach.
    Fräulein Chaos, nach etwa einer Minute,  nicht mehr weinend, aber noch mit tränennassem Gesicht: Eigentlich habe ich ihn ja auch lieb, Mama.
    Mama: *guckt Fräulein Chaos aufmerksam an, sagt aber nichts*
    Fräulein Chaos, hüpft vom Schoß, sagt wild gestikulierend und voller Liebe: Er ist so süß, wenn er immer so daliegt (*zeigt mit den Armen, wie das Baby fuchtelt*) und "Äh! Äh!" sagt! Und wenn er mich sieht, dann lächelt er immer, weißt du?
    Mama, noch völlig fertig von dieser emotionalen Achterbahnfahrt, aber lächelnd: Ja, das tut er.
    Fräulein Chaos, schon im Weggehen: Wo ist er denn jetzt? Ich will ihn küssen!

    Ich möchte noch einmal betonen, dass es mir selten gelingt, so durchgehend annehmend zuzuhören. Obwohl ich in der Theorie weiß, wie es geht, und bei meinen Schüler_innen auch gut anwenden kann, fällt es mir bei meinen eigenen Kindern schwerer, da meine eigenen Gefühle viel stärker mit hineinspielen. Es ist mir zum Beispiel über viele Wochen schwer gefallen, den ausgedrückten Hass gegenüber Fräulein Ordnung anzunehmen und seinen Ausdruck nicht sofort mit Moralisieren, Kleinreden oder Interpretieren abzublocken. Nur dadurch, dass ich wertfrei zuhörte, konnte der Knoten bei Fräulein Chaos platzen.

    Aktives Zuhören ist also wertfreies Zuhören plus das Rückmelden der Botschaft, die wir denken, gehört zu haben:

    Fräulein Chaos: Ich hasse Fräulein Ordnung. Ich hasse sie! Sie ist so doof!
    Mama: Wow, das klingt, als könntest du deine Schwester gerade ü-ber-hau-pt nicht leiden.

    Ich habe bei meinem Gespräch mit Fräulein Chaos ihre Aussage, sie hasse ihre Schwester mit meinen eigenen Worten wiedergegeben, indem ich sagte, es würde so klingen, als könne sie sie gerade überhaupt nicht leiden. Ob ich meine Tochter damit richtig verstanden habe, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber normalerweise sagen unsere Kinder uns deutlich, wenn wir sie missverstanden haben,oder aber sie bestätigen, dass wir richtig gehört haben:

    Mama: Wow, das klingt, als könntest du deine Schwester gerade ü-ber-hau-pt nicht leiden.
    Fräulein Chaos: Kann ich auch nicht! Sie ist voll blöd und ich hasse sie!

    Das "kann ich auch nicht" war die Bestätigung, dass ich sie richtig verstanden habe. Anders hätte Fräulein Chaos reagiert, wenn ich ihre Gefühle in falschen Worten ausgedrückt hätte:

    Fräulein Chaos: Ich hasse Fräulein Ordnung. Ich hasse sie! Sie ist so doof!
    Mama: Wow, das klingt, als hättest du dich über deine Schwester geärgert.
    Fräulein Chaos: Ich habe mich nicht geärgert. Ich hasse sie! Ich hasse sie so sehr!

    In diesem Fall war ihr meine "Übersetzung" ihrer Gefühle zu lasch. Sie fühlte sich nicht richtig verstanden, deshalb betonte sie noch einmal mit Nachdruck, was sie meinte. Es ist kein Drama, wenn wir die Gefühle nicht gleich beim ersten Mal richtig erkennen, weil uns unsere Kinder in der Regel viele Chancen lassen, sie richtig zu verstehen, bevor sie das Gespräch abbrechen.

    Kleines Mädchen verschränkt die Arme hinter dem Kopf

    Der schwierige Teil des Aktiven Zuhörens ist, so genau hinzuhören, dass man kleine Variationen und Nuancen mitbekommt und diese neu übersetzt. Sonst dreht man sich irgendwann im Kreis:

    Fräulein Chaos: Sie ist voll blöd und ich hasse sie! Sie soll weggehen!
    Mama: Du wünscht dir, sie wäre gerade woanders.

    Wäre ich hier nicht auf das "Weggehen" eingegangen, sondern  interpretatorisch beim "blöd" und "hasse sie" hängen geblieben, hätte ich das Gespräch zunächst ins Stocken gebracht, weil ich ihr keinen Aufhänger zum Weitererzählen gegeben hätte, sondern den Fokus zu stark auf das Verharren auf ihren Gefühlen gelegt hätte:

    Fräulein Chaos: Sie ist voll blöd und ich hasse sie! Sie soll weggehen!
    Mama: Dir ist wirklich wichtig, dass ich verstehe, wie doof du deine Schwester gerade findest.
    Fräulein Chaos: Sie ist ja auch doof. Doof, doof, doof. Die doofste Schwester der Welt!

    An dem Punkt wäre es für mich schwieriger gewesen, das Gespräch wieder aus dem Wir-drehen-uns-doof-im-Kreis heraus und auf Spur zu bringen. Denn im Prinzip ist die ganze Botschaft ihrer Sätze nur: "Ich finde meine Schwester doof." Darauf nochmal einzugehen, hätte uns wieder nur eine gleiche Runde drehen lassen.  Ich hätte deshalb vermutlich versucht, das "Die doofste Schwester der Welt" umzuformulieren in "Du wünscht dir eine andere Schwester", hätte also wieder neu übersetzt.

    Mama: Dir ist wirklich wichtig, dass ich verstehe, wie doof du deine Schwester gerade findest.
    Fräulein Chaos: Sie ist ja auch doof. Doof, doof, doof. Die doofste Schwester der Welt!
    Mama: Am liebsten hättest du eine andere Schwester.

    Mit diesem Satz hätte ich Fräulein Chaos wieder die Gelegenheit gegeben, zu verneinen oder zu bestätigen, dass ich richtig gehört habe:

    Mama: Am liebsten hättest du eine andere Schwester.
    Fräulein Chaos: Nein! Ich wünsche mir gar keine Schwester! Es soll niemand in unserer Familie sein, nur du und ich! Alle anderen sollen weg sein!

    Meine Übersetzung war in ihren Augen nicht richtig, deshalb korrigierte sie sie noch einmal mit Nachdruck: keine andere Schwester, sondern gar keine Schwester! Wie ihr seht, hätte unser Gespräch so zwar eine kleine Detour genommen, doch wir wären aller Wahrscheinlichkeit nach auch wieder auf das "Es soll niemand in unserer Familie sein, nur du und ich" gekommen, einfach, weil es meiner Tochter unbewusst so wichtig war, dass es unbedingt raus musste:

    Fräulein Chaos: Es soll niemand in unserer Familie sein, nur du und ich! Alle anderen sollen weg sein!
    Mama: Am liebsten wärst du gerade ganz mit mir allein, ohne die anderen.

    Selbst in unseren Gesprächen, in denen ich mit den Typischen 12 andauernd das Annehmen ihrer Gefühle abgeblockt hatte (siehe letzter Artikel), kam dieser Satz immer wieder auf:

    Fräulein Chaos: Sie ist einfach doof und ich will nie wieder mit ihr zu tun haben! Sie soll weggehen!
    Mama: Naja, das geht ja nun einmal nicht. Sie wird niemals weggehen, sie ist doch deine Schwester. Du bist für immer mit ihr verbunden und das ist doch auch schön. Sie wird immer in deinem Leben sein. [Typische-Zwölf-Antwort, kein Aktives Zuhören]
    Fräulein Chaos: Dann will ich, dass sie tot ist!
    Mama: Hör mal, ey, sowas will ich echt nicht hören. Das finde ich total krass. Fräulein Ordnung soll nicht tot sein! Mir tut das Herz weh, wenn ich an so etwas denke. [Typische-Zwölf-Antwort, kein Aktives Zuhören]
    Fräulein Chaos: Ich will einfach nicht, dass sie in meiner Familie ist! Es soll niemand in unserer Familie sein, nur du und ich! Alle anderen sollen tot sein!

    Also selbst in einem Gespräch, in dem ich vorher alle nur möglichen kommunikativen Killer-Sätze rausgehauen hatte, hätte ich im richtigen Moment noch die Kurve bekommen können, indem ich ab da aktiv zugehört hätte!

    Ihr werdet bemerkt haben, dass das "nur du und ich" bzw. das "alle anderen sollen tot/weg sein" der Schlüsselmoment des gesamten Gespräches war. Hier wurde klar, dass der Hass auf die Schwester eine unbewusste Schutzreaktion war. Nicht die Schwester hasste sie, sondern das neue Baby ("alle anderen"). Da man aber ein kleines Baby nicht hassen darf - so viel war meiner fast Vierjährigen schon klar - musste sie unbewusst jemand anderen zum Hassen finden, um die gewaltigen Gefühle verbalisieren und loswerden zu können. Aggressionsverschiebung nennt man das. Gott sei Dank war mir schon vor dem Gespräch bewusst, dass Fräulein Chaos` Hass auf ihre Schwester mit der Entthronung zu tun haben musste, daher hörte ich aus dem "alle anderen" heraus, dass ihre Gefühle eigentlich mit dem neuen Babybruder zu tun hatten. Um aber nicht wieder auf die Fehler der Typischen Zwölf zu verfallen, behielt ich dieses Wissen zunächst für mich, und formulierte meine Antwort ebenso allgemein inkludierend, wie sie:

    Mama: Am liebsten wärst du gerade ganz mit mir allein, ohne die anderen.
    Fräulein Chaos *weint*: Ja, du sollst nur meine Mama sein. Meine ganz allein. *schluchzt*

    Dass ich richtig lag, bestätigte mir meine Tochter mit dem "Ja", dann betonte sie noch einmal, wie sehr sie mich für sich allein haben wollte. Diesen Punkt griff ich im Sinne des Aktiven Zuhörens wieder auf, und formulierte ihn um. Diesmal sprach ich ein wenig konkreter von "deine Geschwister":

    Mama: Du wünscht dir, deine Geschwister wären nie geboren.
    Fräulein Chaos: *weint herzzerreißend*

    Ich hätte "meine ganz allein" auch etwas milder übersetzen können. Statt "Du wünschst dir, deine Geschwister wären nie geboren." vielleicht mit "Du wünschst dir, deine Geschwister wären nicht mehr da." oder "Du wünschst dir, du und ich würden ganz allein zusammen leben.", aber ich fand es wichtig, das Ungeheuerliche tatsächlich auszusprechen, um ihr zu zeigen, dass die Gedanken frei sind. Man kann sich im Schmerz Vieles wünschen. Erst, wenn man sogar Gedanken tabuisiert, kann es passieren, dass sich der momentane Hass so sehr verfestigt, dass aus dem ehemals theoretischen, aus dem Herz-Schmerz geborenen, Wunsch möglicherweise eine handfeste Tat wird. Und so traurig ich ihren Wunsch, ihre Geschwister wären nie geboren, auch fand (es zerbrach in dem Moment wirklich mein Herz), ich musste ihre wahren Gefühle ohne Ablehnung, Einschränkung oder Relativierung aussprechen, damit sie sie selbst annehmen und überwinden konnte.

    Mama: Du wünscht dir, deine Geschwister wären nie geboren.
    Fräulein Chaos: *weint herzzerreißend*
    Mama: *wartet ab*

    Das Abwarten an dieser Stelle ist nicht aktives, sondern passives Zuhören, aber auch dieses ist gut, um ein Gespräch am Laufen zu halten, wenn man nicht auf die Typischen Zwölf zurückgreifen möchte. Ich wusste in diesem Moment einfach nicht, was ich sagen sollte, und blieb daher abwartend still. Andere passive Aufforderungen an den Sender, weiterzusprechen, können ein Kopfnicken sein, Achselzucken, ein "Mmmh-mmh" oder ein "Okay...". Fräulein Chaos nutzte die Stille, um sich ihrer wahren Gefühle klar zu werden. Da ich mit "deine Geschwister" ihren Babybruder schon mit ins Spiel gebracht hatte und damit signalisiert hatte, dass es okay ist, sich zu wünschen, er wäre nie geboren worden, konnte sie ohne Angst konkreter formulieren, was ihr wirklich auf dem Herzen lag:

    Fräulein Chaos, schluchzend: Du hast so wenig Zeit für mich, seit Herr Friedlich da ist. Er stillt andauernd oder hängt in der Trage. Du kannst gar nicht mehr richtig mit mir kuscheln, weil er immer bei dir ist.
    Mama, um Fassung ringend: Du möchtest wieder mehr mit mir kuscheln können.
    Fräulein Chaos, weinend, flüstert: Ja.

    Statt auf das Kuscheln einzugehen, hätte ich hier auch Rückmelden können, dass ich gehört habe, dass sie mehr Zeit mit mir verbringen möchte. Ich glaube, das hätte für den weiteren Verlauf des Gesprächs keinen großen Unterschied gemacht.

    Mama, weinend, flüstert: Jetzt bin ich gerade frei zum kuscheln. *breitet ihre Arme aus*
    Fräulein Chaos klettert auf Mamas Schoß, beide weinen und kuscheln.
    Fräulein Chaos, schluchzend: Es tut so weh! Es tut in mir drin so weh! Das soll aufhören! Ich will sterben, dann muss ich das nicht mehr spüren!
    Mama, weinend: Du hast das Gefühl, den Schmerz nicht mehr aushalten zu können.

    Obwohl mich diese Aussage immer noch in Panik versetzte, nahm ich sie diesmal an, statt ihr, wie in den vorangegangenen Gesprächen einreden zu wollen, wie schön ihr Leben doch sei. Damit lenkte ich sie endlich, endlich nicht mehr vom Schmerz ab, oder redete ihn klein, sondern half ihr, ihn wahrhaftig zu erspüren, um ihn anzunehmen und als schmerzhaften Teil dieser Krise zu akzeptieren.

    Fräulein Chaos: Ich zerreiße! Ich will nichts mehr fühlen!
    Mama: Es ist so schwer, das alles so stark zu fühlen. *kuschelt noch ein bisschen enger*

    In dem Moment, in dem ich ihr "erlaubte" den Schmerz herauszuschreien und zu betrauern, löste sich ein Knoten. In ihrem Schmerz erkannte sie nämlich plötzlich auch ihre Liebe zu dem neuen Erdenbürger. Das war vorher unmöglich gewesen, weil sie da immerzu damit beschäftigt gewesen war, mit mir darum zu kämpfen, dass ich ihren wirklich Schmerz sehe. Ihr liebevoller Blick war verstellt von dem Kampf um die Berechtigung ihrer starken Gefühle.

    Fräulein Chaos: Eigentlich habe ich ihn ja auch lieb, Mama.
    Mama: *guckt Fräulein Chaos aufmerksam an, sagt aber nichts*
    Fräulein Chaos, hüpft vom Schoß, sagt wild gestikulierend und voller Liebe: Er ist so süß, wenn er immer so daliegt (*zeigt mit den Armen, wie das Baby fuchtelt*) und "Äh! Äh!" sagt! Und wenn er mich sieht, dann lächelt er immer, weißt du?
    Mama, noch völlig fertig von dieser emotionalen Achterbahnfahrt, aber lächelnd: Ja, das tut er.
    Fräulein Chaos, schon im Weggehen: Wo ist er denn jetzt? Ich will ihn küssen!

    Fräulein Chaos brauchte nur eine kurze Nachdenkpause, in der ich passiv zuhörte, um zum Schluss zu kommen, dass ihr kleiner Babybruder ja doch irgendwie auch süß sei. Damit rutsche sie von meinem Schoß, als Zeichen, dass für sie das Gespräch beendet sei. Es hätte keinen Sinn ergeben, ihr nachzurennen und noch mehr sprechen zu wollen. Für sie war das Problem schon gelöst.

    Mädchen schaukelt

    Wann ist das Gespräch zu ende? - Aktives Zuhören beenden


    Eltern müssen erkennen, wann Schluss ist oder wann das Kind keine emotionalen Botschaften senden will. Dann ist es klug, es dabei zu belassen und das Aktive Zuhören sein zu lassen. Manchmal kommt so ein Ende des Gespräches ziemlich abrupt und es kann sein, dass wir Erwachsene denken, da "sei noch etwas" oder es sei einfach noch nicht alles geklärt. Aber für das Kind ist es das! Rückt euren Kindern dann nicht weiter auf die Pelle. Aktives Zuhören ist meist nur der Stein, der einen ganzen inneren Prozess für das Kind ins Rollen bringt. Es bringt die Gefühle heraus und definiert das konkrete Problem. Den Rest schaffen die Kinder ganz von allein. Es kann Stunden, Tage oder manchmal Wochen dauern, bis das Kind sein Problem durchgearbeitet, und eine Lösung gefunden hat. Diesen Prozess müssen die Eltern dann aber meist nicht mehr aktiv begleiten, er passiert im Inneren des Kindes.

    Wenn Eltern die Tür öffnen, aber Kinder nicht hindurchgehen


    Manchmal erscheint es dem Erwachsenen auch so, als helfe das Aktive Zuhören überhaupt nicht. Das Kind offenbart keine Botschaften, sondern bleibt in seiner Wut gefangen. Mir ging das vor kurzem mit (wieder) Fräulein Chaos so. Wir hatten ein kleines Trampolin geschenkt bekommen und ich hatte erst erlaubt, dieses aufs Bett zu stellen, damit es eine doppelte Schwingkraft ergibt. Nach einer Weile sah ich aber, dass das eine Verletzungsgefahr darstellte, die ich vorher nicht antizipiert hatte. Ich machte also klar, dass ich nicht mehr möchte, dass das Trampolin auf das Bett gestellt wird. Daraufhin wurde meine Tochter mega wütend mit mir.

    Fräulein Chaos: Du bist eine doofe Mama! Doof!
    Mama: Du ärgerst dich unheimlich über mich!
    Fräulein Chaos: Ja, weil du doof bist.
    Mama: Es ist dir wirklich wichtig, dass ich höre, wie gemein du mich gerade findest.
    Fräulein Chaos: Ja, DU SOLLST ES HÖREEEEEEN.
    Mama: Wow, du bist wirklich, wirklich wütend  mit mir!
    Fräulein Chaos: WEIL DU EINE DOOFE MAMA BIST!!!!
    Mama: Okay... Ich höre, dass ich dich geärgert habe...mit dem Trampolin? [Da sie mir nichts angeboten hat, habe ich versucht, das Gespräch in die Richtung zu drehen, in der ich das Problem vermutete.]
    Fräulein Chaos: DU BIST EINFACH GEMEIN UND DOOF! [Sie geht nicht auf meinen Köderversuch ein. Weder bestätigt sie, dass ich richtig lag, noch, dass ich falsch lag.  Das bedeutet, dass sie nicht bereit ist, mir zu sagen, was ihr Problem ist. Sie möchte nicht darüber reden, sondern wütend sein.]
    Mama, leicht resignierend: Ich höre, dass du wütend mit mir bist, aber ich kann nicht heraushören, was dich so wütend macht. [Ein letzter Versuch von mir, ihr zu sagen, dass ich ein offenes Ohr habe.]
    Fräulein Chaos: WILL ICH ABER NICHT SAGEN! *geht weg* [Klare Aussage - ich will nicht drüber sprechen, Mutter! Daher: Gespräch beendet, auch von meiner Seite aus. Hätte ich weiter nachgebohrt, hätte sie sich vermutlich in die Ecke gedrängt gefühlt und wäre explodiert.]

    Daher gilt also: Aktives Zuhören ist toll und öffnet die Türen für ein echtes Gespräch mit unseren Kindern, aber: Es bleibt Entscheidung unserer Kinder, ob sie durch diese Tür durchgehen wollen. Wenn nicht...dann nicht.

    Fehler, die wir beim Aktiven Zuhören machen könnten


    Aktives Zuhören als "tolle Methode" anzusehen


    Aktives Zuhören ist nicht einfach eine tolle Methode, die Eltern anwenden können, um ihren Kindern die Probleme zu entlocken. Es ist vielmehr eine Einstellung den Kindern gegenüber, die durch diese Methode (also das wertfreie Rückmelden) nur unterstützt wird. Ohne diese Einstellungen wird die Methode selten wirksam sein; sie wird falsch, inhaltslos, mechanisch und unaufrichtig klingen. [Gordon, T., Familienkonferenz, 1977, S.64] Es ist wichtig, dass Eltern wirklich verstehen und sich einfühlen wollen, nicht, weil sie endlich das nervige Problem aus dem Weg schaffen wollen, damit das Kind wieder fehlerfrei funktioniert, sondern weil es ihnen ein Bedürfnis ist, ihrem Kind auch in schwierigen Zeiten unterstützend zur Seite zu stehen...

    Manipulieren durch Lenken


    Manche Eltern haben - vielleicht unbewusst - unlautere Absichten, wenn sie das Aktive Zuhören anwenden. Sie wollen gern seine Wirksamkeit nutzen, um ihre Kinder doch von ihren eigenen Meinungen zu überzeugen. Natürlich passiert das aus guter Absicht. Die Eltern wollen eigentlich ihr Kind in die (vermeintlich) richtige Richtung lenken, so dass es (vermeintlich) nicht zu schaden kommt. Doch "Lenken" beinhaltet, dass die Eltern dem Kind die Kontrolle über diesen Teil seines Lebens entziehen. Dagegen sperren sich so gut wie alle Kinder dieser Welt. Das offene Gespräch wäre dahin, das Vertrauen der Kinder verletzt. Passiert das zu oft, könnte das Kind aufhören, sich auf offene Gespräche mit den Eltern einzulassen.

    Kind: "Ich hasse die Schule, und alles, was damit zusammen hängt!"
    Eltern: Du kannst die Schule vorübergehend gar nicht leiden, was? [Lenkende Botschaft: Es ist nur ein vorübergehendes Gefühl. Kein Aktives Zuhören, aber ein verzeihlicher Fehler.]
    Kind: Nicht vorübergehend! Ich hasse die Schule für immer und will nie wieder hingehen! [nachdrücklich korrigierte Botschaft]
    Eltern: Du hasst sie wirklich sehr! [Aktives Zuhören]
    Kind: Ja, alles dort ist scheiße. Besonders Frau Meier, die ist am scheißigsten.
    Eltern: Du ärgerst dich ganz besonders über deine Mathelehrerin. [Aktives Zuhören]
    Kind: Sie ist immer so ekelhaft zu mir und lässt mich nie in Ruhe. Immer soll ich rechnen, rechnen, rechnen.
    Eltern: Du findest es blöd, dass sie dich immerzu drängt, mehr zu tun. [Aktives Zuhören]
    Kind: Ich kann einfach nicht noch mehr rechnen! Mein Gehirn kommt dann ganz durcheinander. Und dann schreibe ich schon wieder eine Sechs. Frau Meier hat gedroht, wenn ich noch eine bekomme, bleibe ich sitzen.
    Eltern: Du hast wirklich Angst, wegen Mathe sitzen bleiben zu müssen. [Aktives Zuhören]
    Kind: Dann sind alle meine Freunde weg...
    Eltern: Du möchtest deine Freunde nicht verlieren. Aber es ist noch Zeit bis zu den Zeugnissen! [zuerst Aktives Zuhören, dann lenkende Botschaft: Wenn du deine Freunde nicht verlieren willst, solltest du die Zeit nutzen und dich anstrengen.]
    Kind: Du meinst, ich soll mich mehr anstrengen, damit ich bei ihnen bleiben kann? [Kind hat die Botschaft verstanden]
    Eltern: Es ist bestimmt noch nicht zu spät! [jetzt drängen sie ihre Botschaft wirklich auf]
    Kind: Ich will mich aber nicht mehr anstrengen! Ich hab doch schon gesagt, die Schule ist doof und ich will nichts damit zu tun haben! Mathe braucht doch kein Mensch - in jedem Handy ist ein Taschenrechner. [Kind fühlt sich in die Ecke gedrängt und "macht zu". Gespräch springt auf Ausgangsbasis zurück.]

     Ich hatte selbst ein Erlebnis mit einer lenkenden/manipulierenden Zuhörerin. Als meine Töchter gerade geboren waren, nahmen wir an einem SAFE-Kurs teil. Die etwa zehn Teilnehmer jammerten an einem der Treffen darüber, wie schwer es sei, die Babys zum Schlafen zu bringen und dass von Durchschlafen nicht einmal die Rede sein könne. Wir waren alle ultra müde und gefrustet. Nur eine Teilnehmerin erzählte, ihr Kind würde durchschlafen. Sie würde es sogar bei ihrer Tante über Nacht lassen können, um am Wochenende Feiern gehen zu können. Sie würde einfach das Einschlafritual machen (baden, Schlafanzug anziehen, hinlegen, Spieluhr an), und dann würde der Kleine fest einschlafen und sie können gehen. Wir anderen hörten neidisch zu, gönnten ihr aber ihr Glück. Leider wollte die Kursleiterin diese Erzählung zum Anlass nehmen, uns vermeintlich klug durch die Hintertür zu lenken und raunte bedeutungsschwanger und gespielt nachdenklich in den Raum hinein: "Ahaaa...die XX hat ein Ritual und ihr Baby schläft gut ein und durch..." Weiter ging sie nicht darauf ein, aber es war klar, dass sie hoffte, wir würden durch ihre Bemerkung selbst auf die Idee kommen, ein Ritual würde unser Problem lösen. Ich kann euch sagen, dass ich innerlich nicht nur heftig mit den Augen rollte, sondern der guten Frau in Gedanken schreiend an die Gurgel sprang: "Rituale! Pfff! Als ob wir da noch nicht selbst drauf gekommen wären!!! ABER DIE VERFICKTEN RITUALE HELFEN MEINEN BABYS NICHT IN DEN SCHLAF!" *hust* Wo war ich stehen geblieben? Achja, lenkende Bemerkungen. Also: nein. Einfach: nein.


    Das Kind aus unserem Beispiel weiß selbst, dass es mehr für Mathe tun muss, um bei seinen Freunden bleiben zu können. Das ist es ja unter anderem, was es so unter Druck setzt. Es hilft also nicht, ihn nochmal mit Nachdruck darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist. Der Wunsch muss von ihm selbst kommen, dann nimmt es auch die Mehrarbeit freiwillig in Kauf.

    Es ist natürlich menschlich, wenn uns beim Üben des Aktiven Zuhörens immer mal wieder passiert, dass wir unbewusst unsere eigenen Botschaften mit hineinschmuggeln. Wichtig ist, nicht manipulieren/lenken zu wollen und aktives Zuhören nur als tolle Technik anzusehen, Kinder sich so öffnen zu lassen, dass sie empfänglicher sind für unsere Ideen, unsere Vorurteile, unsere Sicht der Welt. Unser Bemühen um unsere Kinder muss grundsätzlich ehrlich sein. Der Wandel der Sichtweise wird vom Kind ausgehen. Das passiert ganz ohne unsere Manipulation beim echten Aktiven Zuhören, oder eben auch nicht, wenn es für das Kind unnötig ist. Aber das entscheidet eben das Kind, nicht die Eltern.

    Ein Vor-Urteil haben


    Manchmal denken wir Eltern, wir wissen, was das Problem des Kindes ist und haben daher schon einen relativ festen möglichen Gesprächsverlauf im Kopf. Das ist problematisch, weil wir so fast unweigerlich ins Lenken oder Diagnostizieren kommen. Wir glauben, wir wissen, wohin das Gespräch führen wird und hören deshalb nur die Anteile heraus, die unser Vor-Urteil bestätigen. Damit führen wir allerdings das Aktive Zuhören ad absurdum. Ich hatte letztens ein Gespräch mit Herrn Friedlich, bei dem mir das beinahe passiert wäre:
    Stirn mit Beule
    Herr Friedlich (schlägt mit einem Stock auf eine Hecke ein, es fliegen Blätter herunter): "Ich bin böse!!!"
    Mama, überrascht: "Du bist böse?" (nachplappern, siehe unten)
    Herr Friedlich, emotional unbeteiligt: "Ja. Wie Jonathan."
    Bei Mama schrillen die Alarmglocken. Herr Friedlich kam in den letzten Wochen immer wieder mit Blessuren aus der Kita - Beulen, Abschürfungen, blaue Flecke, ein Veilchen und immer wieder sagte er, diese seien von Jonathan: "Du....Du empfindest Jonathan als gemein?" (Aktives Zuhören, aber mit innerem Vor-Urteil)
    Herr Friedlich: "Nein böse! Jonathan und ich sind böse! Guck, so!" (Er schlägt wieder doll mit dem Stock auf die Hecke ein und schreit: "Uaaaaaah!" dazu.)
    Mamas Gehirn rattert auf Hochtouren. Da das Gehaue sehr theatralisch und übertrieben wirkt, sagt sie: "Jonathan und du, ihr...ihr, spielt böse sein?" (Aktives Zuhören)
    Herr Friedlich, milde verwundert: "Ja, na klar. Wir sssupsen uns. Wir kämpfn uns. Wir rennen, so. Und dann fallen wir, so. (Er macht gespielte Stunts vor.) Is` lustig, Mama!"
    Mama (klatscht sich innerlich die Hand vor die Stirn) lächelnd: Verstehe.

    Nachplappern


    Wie ich weiter oben schon schrieb, ist Aktives Zuhören ein Rückmelden dessen, was man aus der Nachricht des Kindes als Botschaft entschlüsselt hat. Natürlich fallen dabei zeitweise ähnliche Worte, wie sie das Kind nutzt, doch wenn das Elternteil seine Worte wirklich nur nachplappert, ohne eine emotionale Information dabei herauszufiltern, wird sich das Kind schnell wie von einem Papagei nachgeäfft fühlen und sauer werden. Außerdem bewirkt das Nachplappern ein Stocken im Gespräch, da das Kind so von den Eltern nichts weiter zum "Drüber nachdenken" bekommt. Beim Aktiven Zuhören werden vor allem die Anteile der Botschaft herausgehört und rückgemeldet, die dem Sender ein vertiefendes Verständnis von sich selbst geben. Das heißt, der Zuhörer hört zwischen den Zeilen und hält das, was er da denkt, gefunden zu haben, vor die Augen des Senders. Sollte die Entschlüsselung falsch sein, wird das Kind das entschieden mitteilen, ist es jedoch richtig, hilft es ihm, sich stärker damit auseinanderzusetzen und innerlich mit dem Problem weiterzukommen.

    Kind: "Du bist eine Kackmama"
    Mutter: "Du findest, ich sei eine Kackmama!" (nachgeplappert - Botschaft nicht entschlüsselt)
    versus
    Kind: "Du bist eine Kackmama!"
    Mutter: "Du bist aber echt richtig sauer mit mir, was?" (Aktives Zuhören)
    Kind: "Klar, weil du mir immer alles verbietest, was schön ist!"

    Kind: Heute war es in der Kita doof.
    Eltern: Heute war es in der Kita doof? (nachgeplappert -Botschaft nicht entschlüsselt, Kind keinen Anlass zum Weiterreden gegeben)
    Kind: Ja.
    versus
    Kind: Heute war es in der Kita doof.
    Eltern: Du hast dich heute nicht wohlgefühlt in der Kita? (Aktives Zuhören)
    Kind: Doch, wohlgefühlt schon. Aber es war doof, weil ich mich mit Greta gestritten habe.
    Eltern: Du bist traurig, weil du dich mit Greta gezofft hast. (Aktives Zuhören)
    Kind: Ja, ich hatte dann niemanden mehr zum Spielen, voll langweilig.
    Eltern: Ohne Greta wusstest du gar nicht richtig, was du spielen solltest und warst ein bisschen einsam. (Aktives Zuhören).
    Kind: Genau. Deshalb stand ich im Garten nur rum. Und... da hab ich gesehen, dass Greta die ganze Zeit lachend mit Kati gespielt hat. Die doofe Kuh!
    Eltern: Es hat dir einen Stich versetzt, die beiden so vergnügt zu sehen. (Aktives Zuhören)
    usw.

    Kind: Ich war immer die Beste in Mathe, aber nun verstehe ich den Kram nicht mehr, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Was bringt das denn noch? Ich wähle den Kurs am besten ab.
    Eltern: Du verstehst in Mathe nichts mehr, egal wie viel Mühe du dir gibst. Du willst den Kurs abwählen. (nachgeplappert)
    versus:
    Kind: Ich war immer die Beste in Mathe, aber nun verstehe ich den Kram nicht mehr, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Was bringt das denn noch? Ich wähle den Kurs am besten ab.
    Eltern: Du hörst dich richtig entmutigt an. (Aktives Zuhören)
    Kind: Bin ich auch. Ich hab echt Angst, mein Abi nicht zu schaffen wegen des blöden Mathekurses.
    Eltern: Das macht dir Sorgen, weil du ohne Abi dein Studium nicht machen kannst? (Aktives Zuhören)
    Kind: Nee, es geht mir gar nicht um das Studium. Das kann ich später noch machen. Aber ich habe mich für ein Praktikum in London beworben und den Platz gestern bestätigt bekommen. Aber wenn ich durch Mathe durchrausche, muss ich ein Jahr wiederholen und das Praktikum ist weg. Wenn ich den Kurs aber abwähle, wird er nicht gezählt und meine Gesamtpunkte reichen aus, glaube ich.
    usw.
    (ANMERKUNG: Das ist ein ausgedachtes Beispiel, vermutlich funktioniert das mit den Punkten und dem Abwählen beim Abi gar nicht so ... ich will bitte keine erklärenden Kommentare dazu bekommen, okay? Es ist nur ein Beispiel, wie sich ein Gespräch entwickeln kann, wenn man es sich entwickeln lässt.)

    Zuhören ohne Einfühlung


    Der wesentlichste Teil des Aktiven Zuhörens ist das Einfühlen in die Emotionswelt des Gegenübers. Es ist wichtig, wirklich mit dem Kind mitzufühlen und empathisch für einen Moment an dessen Stelle zu versetzen. Stellt euch vor, dieser Dialog wäre von meiner Seite aus nur mechanisch wie ein Roboter, komplett ohne Emotion geführt worden:

    Fräulein Chaos *weint*: Du sollst nur meine Mama sein. Meine ganz allein. *schluchzt*
    Mama (emotionslos, kalt): Du wünscht dir, deine Geschwister wären nie geboren.
    Fräulein Chaos: *weint herzzerreißend*
    Mama: *wartet ab*
    Fräulein Chaos, schluchzend: Du hast so wenig Zeit für mich, seit Herr Friedlich da ist. Er stillt andauernd oder hängt in der Trage. Du kannst gar nicht mehr richtig mit mir kuscheln, weil er immer bei dir ist.
    Mama (emotionslos, kalt): Du möchtest wieder mehr mit mir kuscheln können.
    Fräulein Chaos, schluchzend: Ja. Es tut so weh! Es tut in mir drin so weh! Das soll aufhören! Ich will sterben, dann muss ich das nicht mehr spüren!
    Mama (emotionslos, kalt): Du hast das Gefühl, den Schmerz nicht mehr aushalten zu können.
    Fräulein Chaos: Ich zerreiße! Ich will nichts mehr fühlen!
    Mama (emotionslos, kalt): Es ist so schwer, das alles so stark zu fühlen.

    Vermutlich habt ihr euch schon beim Lesen unwohl gefühlt und auch ein Kind, das so einem emotionslosen Elter gegenüber sitzt und seine Not offenbart, wird aus diesem Gespräch keine Auflösung des Problems mitnehmen. Es würde sich vermutlich noch unverstandener fühlen, obwohl der Elternteil technisch gesehen alles richtig gemacht hat. Kinder wollen, dass wir verstehen, was sie beim Sprechen fühlen, und nicht nur das hören, was sie sagen.

    Mädchen schaut abwesend

    Ich glaube, das Einfühlen und Annehmen der Emotionen ist die größte Hürde, die wir Eltern überwinden müssen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde es sehr schwierig, es auszuhalten, wenn meine Kinder "unschöne" Gefühle haben. Ich möchte gern, dass diese ganz schnell verschwinden...aber leider ist das nicht der richtige Weg.

    "Manche Eltern [...] stellen fest, dass ihnen sehr unbehaglich beim Empfindungen zumute ist - sowohl bei ihren eigenen, als auch bei denen des Kindes. Es ist, als wären sie genötigt, die Empfindungen eines Kindes zu ignorieren, weil sie nicht ertragen können, dass es sie hat. Oder sie möchten seine Empfindungen schnell aus dem Bild verdrängen und vermeiden daher absichtlich, sie zu bestätigen. Manche Eltern fürchten sich so vor den Empfindungen, dass sie tatsächlich versäumen, sie in den Botschaften ihrer Kinder wahrzunehmen. [...] Doch Kinder (und Erwachsene) haben unvermeidlich Empfindungen. Empfindungen bilden einen wesentlichen Bestandteil des Lebens, [sie sind] nicht etwas Pathologisches oder Gefährliches. Unser System zeigt überdies, dass Empfindungen im allgemeinen vergänglich sind - sie kommen und gehen und hinterlassen bei dem Kind keinen permanenten Schaden. Der Schlüssel zu ihrem Verschwinden jedoch ist elterliche Annahme und Bestätigung, dem Kind durch einfühlsames, aktives Zuhören übermittelt." [Gordon, T., 1972, 93f]

    Aktives Zuhören zur falschen Zeit


    Es geht euch vielleicht auch manchmal so, dass ihr manchmal (noch) nicht über eure Gefühle oder Probleme sprechen wollt. Vielleicht möchtet ihr erst einmal selbst darüber nachdenken, oder ihr seid in dem Moment zu müde, um sich auf eine langwierige emotionale Unterhaltung einzulassen; vielleicht fürchtet ihr euch auch vor dem, was bei dem Gespräch herauskommt oder es ist noch zu schmerzlich, darüber zu reden. Es ist wichtig, zu respektieren, wenn Kinder (und Erwachsene) über etwas noch nicht sprechen wollen; niemals sollten sie zum Sprechen gezwungen werden. Wir können zwar die Tür öffnen, aber unsere Kinder entscheiden, ob sie hindurchgehen wollen.

    Mit dem falschen Ohr hinhören


    Wie ich oben schon andeutete, entschlüsseln wir die Botschaften aus den gesprochenen Nachrichten unserer Mitmenschen je nachdem, wie wir gerade so "drauf" sind. Dieses "Drauf-sein" meint unsere eigene momentane Gefühlslage. Wie eine Nachricht von uns entschlüsselt wird, hängt nämlich vornehmlich damit zusammen, auf welchem Ohr wir sie hören. Nach Schultz von Thun hat jeder Mensch vier Ohren: Das Sachohr, das Selbstoffenbahrungsohr, das Beziehungsohr und das Appellohr. Nehmen wir folgendes Beispiel.

    Das Kind sagt: "Das Wasser ist zu tief! Da kriegt ihr mich auf keinen Fall rein!"

    Eltern, auf dem Sachohr hörend, entschlüsseln die Botschaft nur als hintergrundlose Aussage über eine bestimmte Sache und antworten: "Du meinst, das Wasser sei zu tief für dich. Es geht dir aber nur bis zu den Schultern, ehrlich."

    Eltern, auf dem Selbstoffenbahrungsohr hörend, hören heraus, was das Kind über sich selbst und seine Gefühle sagen möchte und antworten: "Du hast Angst, dass das Wasser zu tief ist für dich und willst nicht, dass wir dich zwingen, hineinzugehen."

    Eltern, auf dem Beziehungsohr hörend, hören Kritik heraus und antworten eingeschnappt: "Du vertraust uns nicht, dass wir im Wasser gut auf dich aufpassen."

    Eltern, auf dem Appellohr hörend, denken, das Kind wolle sie mit seiner Botschaft dazu veranlassen, etwas zu tun und antworten: "Du willst, dass wir dich im Wasser auf dem Arm halten."

    Welches offene Ohr und die entsprechende Antwort hilft dem wasserscheuen Jungen wohl am meisten? Die Sachohr-Eltern reden an dem eigentlichen Problem vorbei. Es geht dem Jungen nur vordergründig um die reale Wassertiefe. Es geht um die gefühlte Wassertiefe und was diese bei ihm auslöst. Ihm zu sagen, dass das Wasser nur bis zu den Schultern reicht, hilft ihm nicht dabei, seine (irrationale) Angst zu überwinden, da das eine im kognitiven Gehirn bewertet wird, das andere aber im emotionalen Gehirn entsteht. Überwinden kann er die Angst nur selbst, wenn sie ohne Bewertung von den Zuhörern angenommen wird und er sich in seinem Tempo mit der realen Wassertiefe befassen kann.

    Die Beziehungsohr-Eltern machen die Sache eher noch schlimmer, indem sie die Aussage des Kindes auf ihre Kompetenzen als Eltern beziehen und sich von dem Jungen angegriffen fühlen. Damit drehen sie das Gespräch weg von seinen, hin zu ihren Gefühlen. Das hilft dem Sohn null.

    Die Appellohr-Eltern helfen da schon mehr - mit ihrer Hilfe und auf ihrem Arm könnte der Sohn tatsächlich seine Angst vor dem tiefen Wasser überwinden. Zu beachten ist jedoch, dass sie ihm damit die Verantwortung, seine Angst zu überwinden, aus der Hand nehmen. In diesem speziellen Fall macht das vielleicht nichts, finde ich. Es gibt jedoch Momente im Alltag, bei denen das beflissentliche Herbeispringen von Appellohr-Eltern wirklich ungünstig ist, einfach, weil sie dann wie Curling-Eltern dem Kind Probleme aus dem Weg räumen, die es eigentlich selbst bewältigen könnte.

    Die Selbstoffenbarungsohr-Eltern haben die Botschaft der Nachricht richtig entschlüsselt:
    Kind: "Das Wasser ist zu tief! Da kriegt ihr mich auf keinen Fall rein!"
    Eltern: "Du hast Angst, dass das Wasser zu tief für dich ist und willst nicht, dass wir dich zwingen, hineinzugehen."
    Kind: "Genau. Ich will einfach nur...hier sitzen."
    Eltern: "Ist gut."

    Nachdem sein Wunsch und seine Angst so respektiert wurden, konnte sich der Junge in seinem eigenen Tempo mit dem Wasser vertraut machen. Am Ende wagte er sich tatsächlich allein (mit Schwimmbrett) ins tiefe Wasser und plantschte dort vergnügt und angstfrei und sehr, sehr stolz auf sich selbst.

    Die allermeisten Eltern hören bei Problemgesprächen mit ihren Kindern auf dem Appellohr. Sie glauben, die Kinder erzählen ihnen etwas, damit sie (die Eltern) etwas dagegen unternehmen:

    Kind: "Ich war immer die Beste in Mathe, aber nun verstehe ich den Kram nicht mehr, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Was bringt das denn noch? Ich wähle den Kurs am besten ab."
    Eltern: "Sollen wir dir Nachhilfe bezahlen? Damit könntest du den Kurs bestimmt schaffen."

    Kind: "Ich hasse die Schule. Frau Meier ist so fies zu mir!"
    Eltern: "Sollen wir mal mit ihr reden?"

    Das ist zwar wirklich lieb gemeint von den Eltern, bringt ihre Kinder aber entwicklungstechnisch nicht weiter. So haben sie nie die Gelegenheit, 1) sich wirklich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen (weil das Gespräch durch die Typische-Zwölf-Antwort abgewürgt wurde) und 2) zu ihren eigenen Lösungen zu kommen und so Selbstwertgefühl zu tanken. Meistens sind die Kinder sogar total genervt von den Hilfsangeboten der Eltern. Sie wollen gar keine Lösung für ihr Problem präsentiert bekommen. Sie wollen nur ein offenes Ohr zum Ausweinen haben. Ich denke, das ist leicht verständlich, wenn man sich mal überlegt, wie man sich selbst fühlt, wenn man mit bester/m Freund_in oder Partner_in spricht:

    Erwachsener 1: Boah, mein Chef ist so ein Arsch. Ich musste heute wieder länger arbeiten, dabei weiß er doch, dass ich meine Kinder pünktlich von der Tagesmutter abholen muss.
    Erwachsener 2: So eine Frechheit! Den knöpfe ich mir vor!
    Erwachsener 1: Nee, lass mal. Ich schaffe das schon.

    Erwachsener 1: Ugh, ich muss nächste Woche ein Meeting halten. Ich finde sowas echt blöd und drücke mich immer davor.
    Erwachsener 2: Soll ich dir helfen, dich vorzubereiten? Ich könnte dich abfragen oder du hältst die Rede vor mir.
    Erwachsener 1: Das ist lieb...aber darum geht's gar nicht. Ich mag nicht vor so vielen Leuten reden, weißt du.
    Erwachsener 2: Na, dann lad ich noch unsere Freunde ein. Wir kriegen bestimmt so 12 Personen zusammen. Warte, ich suche mal eben die Telefonnummern zusammen.
    Erwachsener 1: Nein!!!

    Auch, auf dem Sachohr zu hören, ist bei Problemgesprächen ungünstig, weil man so nie wirklich zum Kern gelangt.

    Kind: Es ist nicht kalt draußen. Ich ziehe die doofe Jacke nicht an und wenn ihr euch auf den Kopf stellt!
    Eltern: Aber Kind, es sind 5 Grad, das ist sehr wohl kalt! Windig ist es außerdem.
    Kind: Mich stört der Wind nicht und wenn ihr mal aufs Handy gucken würdest, es sind 7 Grad, nicht 5! ICH! ZIEHE! DIE! JACKE! NICHT! AN!
    Eltern: DU! ZIEHST! SIE! SEHR! WOHL! AN! Weil wir das so sagen! Basta!

    versus

    Kind: Es ist nicht kalt draußen. Ich ziehe die doofe Jacke nicht an und wenn ihr euch auf den Kopf stellt!
    Eltern: Du willst die Jacke wirklich auf keinen Fall anziehen.
    Kind: Will ich auch nicht! Die ist voll hässlich.
    Eltern: Du magst die Farbe der Jacke nicht mehr.
    Kind: Die Farbe ist okay, aber da sind so peinliche Bärchen am Ärmel.
    Eltern: Du findest, du bist jetzt echt zu alt für diese Bärchen.
    Kind: Niemand in meiner Klasse hat Bärchen auf der Kleidung.
    Eltern: Du hast Angst, die anderen Kinder lachen dich wegen der Bärchen aus?
    Kind: Letztens hat Eddie Mark ausgelacht, weil der ein Cars-T-Shirt anhatte. Cars würden nur Babys gucken. Wenn Eddie die Bärchen auf meiner Jacke sieht, bin ich erledigt.
    Eltern: Du würdest diesem Eddie lieber nicht auffallen.
    Kind: Der ist krass stark und viel größer, als wir alle. Der ist schon in der vierten Klasse, aber in der Pause kommt er immer zu uns...
    Eltern: Ihr habt alle ziemlich Angst vor ihm.
    Kind: Ja, echt alle! Ich glaube, sogar die Lehrer. Weil die kaum was machen, wenn wir ihnen sagen, dass Eddie uns schon wieder geärgert hat.
    Eltern: Du wünscht dir, die Lehrer würden härter durchgreifen, wenn Eddie etwas anstellt.
    Kind: Ach, nicht nur bei Eddie. Die sollten überhaupt mal richtig durchgreifen. Bei manchen Lehrern ist es so laut im Unterricht, dass man gar nicht lernen kann....
    usw.

    Indem die Eltern auf der Sachebene verharrten, vertaten sie die Chance, zu hören, welches Problem hinter der Weigerung steckte. Es entstand ein Streit über Temperaturen, der völlig unnütz war, weil es doch in Wahrheit nicht darum ging, wie kalt es draußen ist, sondern darum, dass der Junge Angst hatte, wegen der Bärchen auf dem Ärmel in den Fokus eines mobbenden Mitschülers zu geraten. So stritten sie sozusagen am eigentlichen Problem vorbei. Als sie aber auf die Selbstoffenbarungs-Botschaft seiner Nachricht hörten, und Aktives Zuhören anwandten, konnten er und sie am Streitpunkt Jacke vorbei auf das echte Problem gucken.

    Wie ihr in dem Beispiel seht, passiert es manchmal, dass Gespräche plötzlich sehr springen. Es fängt mit der doofen Jacke an, dann geht es um den mobbenden Jungen und plötzlich ist man bei den unfähigen Lehrern. So ein Gesprächsverlauf ist nicht ungewöhnlich - alles hängt eben irgendwie systhemisch zusammen. Wenn das Kind dann mal die Chance erhält, dass ihm jemand richtig zuhört, dann purzelt alles auf einmal heraus. Das ist okay. Reinigend ist so ein Gespräch trotzdem.

    Zu oft Aktives Zuhören anwenden


    Kind: Mama, wann sind du und Papa heute Abend wieder zuhause?
    Eltern: Du machst dir wirklich Sorgen, so lange allein zu sein. (Aktives Zuhören)
    Kind: Orrrr, Mama! Nee. Im Gegenteil. Ich will wissen, wie lange ich ungestört fernsehen kann!

    versus

    Kind: Mama, wann sind du und Papa heute Abend wieder zuhause? (Frage ans Sachohr gerichtet.)
    Eltern: Um 20 Uhr etwa. (Auf der Sachebene geantwortet.)
    Kind: Ah, okay, danke. Dann viel Spaß euch beiden!

    Zuhören zu können ist sehr wichtig, aber wir sind nicht die Therapeuten unserer Kinder. Es ist unnötig und für die Kinder nervig, wenn wir hinter jeder Bemerkung oder Frage ein Problem wittern. Lassen wir das. Momente fürs Aktive Zuhören gibt es zur Genüge und solange das Problem besteht, werden immer wieder Gesprächsanlässe auftauchen, um es zu lösen. Ihr werdet erkennen, wann es Zeit ist, das Selbstoffenbarungsohr weit zu öffnen, weil eure Kinder unbewusst nicht locker lassen werden.

    Das Schlusswort soll eine unserer Leserinnen erhalten, die uns erzählte, wie sie ihr Sohn schon vor über 10 Jahren lehrte, die Ohren richtig zu öffnen: 
    "Mein heute 20 jähriger Sohn brachte mir das Zuhören folgendermaßen bei: Auf dem Nachhauseweg von der Schule wollte er mir immer viel erzählen. Pädagogisch wertvoll hörte und reagierte ich auf das Gehörte. Eines Tages bat er mich, nur zuzuhören und nichts dazu zu sagen. Dies fiel mir sehr schwer und ich begann Äpfel auf dem Nachhauseweg zu essen. Doch es reichte ihm nicht. Eines Tages sagte er zu mir, "Mama, sag bitte nichts und denk auch nichts." Ich war verwirrt, aber versuchte es. Als es mir schließlich gelang, passierte das Wunder: Nicht aus meinem Kopf, sondern aus meinem Herzen drängten mühelos Fragen hervor, welche sich an seine Aussagen wie Puzzleteile andockten und auch freudig von ihm angenommen wurden... Was war passiert? Ich war plötzlich in seiner Welt und durch meine echten Fragen weitete sie sich und befeuerte seine Fantasie. Mehr noch, seine Welt wurde für die gemeinsame Gesprächszeit zu unserer verbundenen Welt. Ich fühlte mich damals, als hätte ich einen Zauberschlüssel gefunden. Diese Erfahrung war so köstlich, dass es mir ein regelrechtes Bedürfnis wurde, mehr davon zu bekommen." Diana Steinhorst, Leserin

    © Snowqueen

    Literatur


    Axline, V., Dibs. Die wunderbare Entfaltung eines menschlichen Wesens

    Gordon, Thomas Familienkonferenz

    Schulz von Thun, Miteinander reden 1

     
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    Kommentare:

    1. Hallo ihr Lieben, ich liebe ja euer Buch so sehr und dieser Text ist wieder mal klasse. Diese Art zuzuhören funktioniert wunderbar, ich kann es aus eigener Erfahrung sagen. Und außerdem ist es für die Kinder so bestärkend, wenn sie selbst auf die Lösung ihres Problems kommen. Genial: es klappt auch bei Erwachsenen. Wenn sich eine Freundin ausheult, fühlt sie sich viel besser, wenn ich ihre Gefühle in Worte fasse und sie damit merkt, ich habe verstanden und empfinde mit. Das ist es doch, was so gut tut. Und es bringt mehr, als selber Ratschläge zu geben. Ich habe die Familienkonferenz selbst mal besprochen: http://heuteistmusik.de/mit-kindern-richtig-kommunizieren/ Und demnächt nehme ich mir euer Buch vor. Ich muss aber vier Teile daraus machen, weil es so viel zu sagen gibt. Liebe Grüße von Laura

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    2. Hallo,
      und vielen Dank für diesen Artikel. Ich habe mich schon Jahre vor der Geburt meiner Tochter (2J.4M.) im aktiven Zuhören geübt, aber nun finde ich es ganz schön schwer. Denn Sie sagt noch so wenig über ihre Gefühle, es läuft meistens darauf hinaus, das ich ihr eine "Lesung" ihres Verhaltens anbiete, also interpretiere. Dabei beobachte ich, ob sich ihre Körpersprache verändert, sie sich entspannt/anspannt, wegschaut, lächelt etc. Aber das ist ganz schön schwer zu deuten! Ich fühle mich da oft ganz schön ratlos und allein. Gibt es in den von Euch empfohlenen Büchern Wissen hierzu? Welche Körpersignale meines Kleinkindes verraten mir was darüber, ob ich richtig liege? Ich wünschte, meine Intuition würde mir das einfach alles sagen, aber in meiner Herkunftsfamilie wurde nie richtig über die eigenen Gefühle gesprochen, und mir selbst fällt es auch oft schwer, das genau zu beschreiben. Wie Ihr hier sehr gut ausführt, ist es für mich selbst unheimlich hilfreich, wenn mir jemand aktiv zuhört. Ohne dies komme ich meistens tatsächlich nur sehr langsam zum Kern meines Empfindens, es dauert in der Regel mehrere Tage nach der eigentlichen Situation bis ich richtig klar sehe, nachdem ich viel darüber gebrütet habe. Also, weitere Hinweise zu aktivem Zuhören bei noch nicht sehr wortgewandten Kleinkindern fände ich sehr hilfreich. Grüße von Juli

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      1. Liebe Juli, ich habe zuhause zwei Bücher zu Mimik und Gestik -Entschlüsselung, ich gucke mal, ob ich darin was finde. LG, Snowqueen

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      2. Hallo Juli,

        mein Sohn ist 21 Monate, allerdings schon relativ wortgewandt. Als ihn allerdings emotional etwas beschäftigte, was aktives Zuhören erfordert hat, halfen sprachliche Fähigkeiten nicht sehr viel weiter. Es kam vor allem auf echte emotionale Spiegelung an.

        Wenn ich es nicht schaffe, seine Gefühle so anzunehmen und zu spiegeln, wie er es fühlt, verändert sich seine Reaktion kaum. Wenn ich es aber schaffe, den 'wunden Punkt' zu treffen und anzunehmen, bricht er regelrecht zusammen, weint und möchte kuscheln. Er kuschelt sonst nur begrenzt gerne.

        Ich hatte bisher allerdings auch erst einmal den Fall, dass ihn etwas so sehr beschäftigt hat, dass es aktives Zuhören erfordert hat. Und ich habe drei Wochen gebraucht, bis ich es geschafft habe, seine Gefühle ehrlich anzunehmen und zu spiegeln. Ich habe auch davor 'versucht' sie anzunehmen, aber unterbewusst konnte ich es nicht.

        Ich weiß nicht, ob dieser Kommentar irgendwie hilfreich ist. Ich wollte nur meine Erfahrung teilen, dass es bei uns vor allem auf die Änderungen des Verhaltens ankommt, bei der Frage, ob ich richtig liege. Von schreien zu weinen, von weinen zu ruhig werden etc.

        Grüße von FrohleinYoda

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    3. Vielen Dank für den schönen und hilfreichen Artikel

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    4. Ich habe gestern den Artikel gelesen, da meine Tochter (5 1/2) seit einer Woche ständig Wutanfälle hat, mich schlägt etc.- und heute konnte ich das tatsächlich anwenden und auf den Kern des Problems stoßen, dass sie sich wünscht, sie könnte ihre kleine Schwester (2) wegzaubern. Ganz herzlichen Dank für den Artikel, er hat mir sehr geholfen! Leider sind wir nun aber noch nicht zu einer Lösung des Problems gekommen, hier war meine Fähigkeit zum aktiven Zuhören wohl noch etwas zu ungeübt...und ich kann mir auch selbst keine rechte Lösung vorstellen. Ich hoffe, dass es ihr vielleicht allein schon geholfen hat, das Problem zu formulieren. Lg

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      1. Zu fühlen, dass sie das Recht hat, sich die kleine Schwester wegzuwünschen, ohne, dass sie für diese Gedanken weniger geliebt wird, müsste eigentlich schon helfen. Vielleicht braucht so noch ein bis zwei solcher Gespräche, damit der Knoten platzt. Liebe Grüße!

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    5. Um ein aktives Zuhören zu gewährleisten, muss auch der Zuhörer gewillt sein.
      Die meisten sind ja nicht mal in der Lage mit Erwachsene zu reden oder zuzuhören.
      Der Zuhörer muss sich nicht nur körperlich auf Augenhöhe mit dem Kind bewegen, sondern auch geistig. Aber das ust den meisten eh zuviel arbeit😆.

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