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"Ein Kind in diesem Alter muss körperlich spüren, was Führung heißt" - Eine Betrachtung des Films Elternschule

Eine Bemerkung vorweg. Ich habe die Trailer zum Film bewusst nicht vorher gesehen, war aber am Samstag im Kino, um mir den Film in voller Länge anzuschauen. Alles andere wäre unprofessionell. Heute versuche ich nun, die Erzählstränge zu den einzelnen Kindern, die im Film portraitiert wurden, nachzuerzählen. Es kann sein, dass meine Erinnerung nicht ganz vollständig ist, oder ich einige Szenen dem falschen Kind zuordne. Solltet ihr solche Unstimmigkeiten bemerken, bitte ich euch, das in den Kommentaren zu vermerken, damit ich es ändern kann. Es geschieht weder in böser Absicht, noch um die Botschaft des Filmes zu verzerren.

Mittlerweile gibt es auch sehr viele sehr gute Artikel zu diesem Film, die ihr lesen könnt, um die Methoden der Klinik richtig einordnen zu können. Letzten Endes bräuchte es meinen Artikel gar nicht mehr dazu, denn es wurde eigentlich schon alles gesagt. Diese hier fand ich besonders aufschlussreich:

Herbert Renz-Polster: erster Eindruck, ein Nachtrag zum ersten Eindruck, ein Blick auf die Therapie und Elternschule – wer hat die Filmrollen vertauscht?
die Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes
Katia Saalfrank: Erziehungsmethoden wie in Elternschule
Nora Imlau: Elternschule: Bitte nicht nachmachen,
Gina Louisa Metzler: Der Film "Elternschule" zeigt, dass nicht alle Kinder gleich viel wert sind,
Astrid vom Blog Mrs. Eastie: Erste Eindrücke vom Film, Behandlungsmethoden und Konzept,
Hella Dietz in die Zeit: Elternschule: geheilt oder nur gehorsam?
Sarah vom Blog Liebensart: Bindungstheorie ist kein Märchen,
Anja vom Von guten Eltern Blog: Eine Dokumentation namens Elternschule ,
Susanne vom Geborgen Wachsen Blog: #herzensschule,
Bundesverband Psychiatrieerfahrener: offener Brief,
Kindheitsforscher Michael Hüter: Ich bin entsetzt,
Praxisteam Psychoforensik "Elternschule": Ein Kommentar aus rechtspsychologischer Sicht

Die Elternschule


Ort des Geschehens: Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen
Leiter der Klinik: Dietmar Langer

Mohammed


Neurodermitiker, 2 Jahre alt, hat Trotzanfälle und "hört" nicht auf Mama

Man sieht Mohammeds Mutter im Vorgespräch mit Herrn Langer. Sie erzählt, dass er im Familienbett schläft, einschlafbegleitet wird, aber spät einschläft, ca. 22 Uhr. Er mag es, wenn sie ihm dabei die Hände und Füße massiert. Seine Neurodermitisschübe kommen meist, wenn er sich aufregt oder Stress hat, deshalb haben sie und ihr Mann in der Vergangenheit versucht, Mohammeds Wünsche so gut es geht zu erfüllen. Herr Langer antwortet, Mohammed müsse lernen, dass es Autorität gibt. "Er ist ja im Moment der Boss, ne?" - "Ja, schon..." gibt die Mutter zu. "Ja, aber jetzt nicht mehr. Autorität gibt den Kindern ja auch Sicherheit. Einem so kleinen Kind kann man das nicht erklären. Ein Kind in dem Alter muss spüren, was Autorität heißt."

Was der letzte Satz bedeutet, sieht man später im Film, ich komme darauf zurück. Ich möchte jedoch zunächst auf das Einschlafverhalten eingehen. Mohammed mag es, massiert zu werden, er schläft dabei besser ein. Für sein Gehirn ist dieses Massieren ein Einschlafsignal geworden. Diese können manchmal für Eltern anstrengend werden. Wir haben schon darüber geschrieben, wie man solche Einschlafsignale bedürfnisorientiert abgewöhnt. Es können sich sehr nervige Einschlafsignale einschleichen, ja, und diese können Eltern tatsächlich bis an den Rand der Kräfte bringen, aber das machen die Kinder nicht absichtlich. Sie finden es einfach angenehm. Dass Kinder gern im Familienbett schlafen und auch einschlafbegleitet werden, ist natürliches evolutionäres Verhalten. Auch Herr Langer geht in seinen Elternkursen darauf ein, dass das Gehirn der Kinder sich nicht an die neuzeitlichen  Bedingungen angepasst hat, sondern Instinkten folgt, wie sie schon in der Steinzeit zu finden waren. Er zieht daraus aber andere Schlüsse. Er sagt nämlich, deshalb sei ein "Kind der größte Egoist auf der Welt. Er muss dafür sorgen, dass wir [Eltern] für ihn rennen. Er will überleben, wie es mir [Elternteil] geht, ist ihm scheißegal." 

Tatsächlich ist es aber so, dass egoistisches, die Eltern abstoßendes Verhalten eher zum Gegenteil führen würde - die Eltern würden sich nicht mehr so gern um dieses Kind kümmern. Es kann keine von der Natur angelegte Strategie sein, als Kind über die sprichwörtlichen Leichen seiner Eltern hinweg zu gehen, um selbst zu überleben. Gegen diese "Egoisten"-Theorie sprechen alle neusten neurologischen Erkenntnisse, z. B. dass der Mensch ein soziales Gehirn hat, welches genau dann glücklich machende Hormone an das Belohnungszentrum sendet, wenn ein Mensch sich als wertvollen Teil einer Gemeinschaft empfindet. Wird ein Mensch jedoch aus einer Gemeinschaft ausgestoßen (z. B. ein Kind auf sein Zimmer geschickt), feuern die Areale im Gehirn am meisten, die auch bei körperlichem Schmerz aktiv sind. Der Mensch fühlt also die gleichen Schmerzen bei sozialem Ausschluss, wie bei einer echten Wunde. Deshalb sind Erziehungsmethoden, die auf solchem sozialen Ausschluss fußen (z. B. kalte Schulter zeigen) ja so furchtbar effektiv. Ein Kind würde sich sonstwie verbiegen, nur um wieder in die Familie aufgenommen zu werden.  Der Neurobiologe und Arzt Joachim Bauer schreibt dazu in seinem Buch "Warum ich fühle, was du fühlst":
"Soziale Isolation  ist für die Betroffenen nicht nur eine psychologische Katastrophensituation, sie schlägt auch auf die Biologie des Körpers durch. Soziale Zuwendung hat, wie unter anderem Jaak Panksepp und Thomas Insel zeigen konnten, die Ausschüttung wichtiger Botenstoffe zur Folge, unter ihnen endogene Opioide, Dopamin und Oxytocin. Dies lässt vermuten, dass der Empfang einer Mindestdosis von verstehender Resonanz ein elementares biologisches Bedürfnis ist, ohne das wir letztendlich gar nicht leben können […] Der Staufer-Kaiser Friedrich der II ließ Kinder von Ammen großziehen, denen es verboten war, mit ihnen zu sprechen. Er wollte herausfinden, welche Sprache diese Kinder sprechen würden. Sie starben." [vgl. Bauer, J., S. 107ff]   
Nicht Konkurrenz also ist im menschlichen Gehirn verankert, sondern Kooperation! Kinder wollen kooperieren. Es liegt in ihrer Natur.

Man sieht Mohammed mit seiner Mutter und einer der Klinikschwestern später noch einmal im Park. Er soll allein laufen, doch er will sich immer wieder auf den Boden werfen. Seine Mutter und die Schwester halten ihn jeweils an einem Arm oben. Auf einem Spielplatz versucht die Mutter, ihn in eine Schaukel zu setzen, was er nicht möchte. Schnitt, man sieht Herrn Langer mit der Mutter sprechen und die Trotzphase erklären: "Die Kinder denken: Ich bin wichtig, wie es anderen geht, ist mir scheißegal. Als Babys haben Kinder natürliche Reflexmuster wie Weinen und ab 2 Jahren wenden sie diese dann bewusst als Strategie an, um die Erwachsenen weichzukochen: Weinen, Beißen, Schreien, Werfen. Das ist eine normale Entwicklungsphase, aber was machen wir da jetzt? Wir müssen führen." 

Natürlich müssen wir Erwachsenen führen. Die Frage ist aber, wie sieht diese Führung aus? Gehe ich davon aus, dass mein Kind mich bewusst ärgert, um seinen Willen durchzusetzen, dann muss ich selbstverständlich gegen es kämpfen, um die Oberhand zu behalten. Dann ist der Wutanfall im Supermarkt bei einem Nein zur Schokolade ein klares Anzeichen dafür, dass das Kind seinen Wunsch auf Biegen und Brechen durchsetzen will und das Familienleben eine Art Krieg, in dem jeder versucht, die Alphaposition des Rudels zu übernehmen. Wir Erwachsenen sind ständig damit beschäftigt, uns nur ja nie die Zügel aus der Hand nehmen zu lassen. Oder aber gehe ich davon aus, dass Kinder von Natur aus kooperative Wesen sind, die aber aufgrund der Unreife ihres Gehirns sich in manchen Situationen noch nicht so gut zurücknehmen können, wie Erwachsene. Dann würde man den Wutanfall im Supermarkt sehen als eine riesige Enttäuschung beim Kind und das Überwältigt-Werden von seinen Gefühlen, die es erst noch beherrschen lernen muss. Dann bleibe ich als Erwachsener trotzdem bei meiner Entscheidung, die Schokolade nicht zu kaufen (ich führe also), aber ich habe nicht das Gefühl, mein Kind will mich mit seinem Weinen "weichkochen". Ich kann deshalb mitfühlend und empathisch reagieren und es trösten, weil ich gut nachvollziehen kann, wie traurig es darüber ist, keine Schokolade zu bekommen.

Wieder Schnitt, etwas später im Film sagt eine Schwester zur anderen: "Mohammeds Mutter hat zu viel Mitleid und hilft zu viel. Sie ist schon wieder auf ihn reingefallen." Sie soll üben, in einer Ecke des Raumes ein Buch zu lesen, während ihr Sohn von einer Schwester gefüttert wird. Dabei wird sie beobachtet, hinterher wird das im Schwesternzimmer ausgewertet. "Ich glaube, heute hat sie das erste Mal wirklich gelesen und nicht nur draufgestarrt. Sie macht Fortschritte!"

Schnitt, Zwischenbericht drei Monate später. Mohammeds Mama ist glücklich und dankbar. Der Aufenthalt war ein Erfolg. Mohammed schläft nun durch und geht in den Kindergarten. Sie und ihr Mann können wieder arbeiten gehen, so hat jeder seins, sie mag es nicht, nur Zuhause zu sein, so eine Frau sei sie nicht. Sie bedankt sich sehr ehrlich und überschwänglich dafür, dass die Klinik ihr so geholfen habe.

Joshua


etwa 2 Jahre alt, beißt und ist "bockig", schreit viel, isst wenig

Man sieht Joshuas Mutter beim Eingangsgespräch mit Herrn Langer. Joshua sitzt unterm Tisch an ihrem Bein und beißt immer wieder hinein. Seine Mutter reagiert ungehalten, und sagt, er solle doch jetzt mal aufhören. Es scheint, als kenne sie es schon, von ihm gebissen zu werden. Vielleicht ist es einer der Gründe, warum sie hier ist. 

Nun, er ist erst zwei Jahre alt. Beißen ist vermutlich hier in dieser Situation sein Kommunikationsmittel. Was er eigentlich sagen will ist: "Hey Mama, du unterhältst dich jetzt schon viel zu lange mit diesem Mann da. Bitte wende dich doch auch mal wieder mir zu. Hey, Mama! Ich bin auch noch da. Mama, lass uns doch jetzt mal gehen." Dass Beißen nicht okay ist, steht außer Frage und dass man Joshua bessere Kommunikationswege aufzeigen sollte, auch. Aber Hauen, Beißen, Spucken usw. sind keine Verhaltensweisen, die aufzeigen, dass ein Kleinkind irgendwie schlecht erzogen wäre - sie sind in dem Alter total normal.

Nachdem Herr Langer sagt, ein Kind in dem Alter müsse Führung auch körperlich spüren, sieht man den kleinen Joshua in den Armen einer großen Schwester. Sie versucht, ihn zu füttern, doch er wehrt sich nach Kräften gegen den Eingriff auf seine Integrität. Er strampelt mit den Beinen. Die Schwester klemmt diese kurzerhand zwischen ihren Oberschenkeln fest. Daraufhin versucht er mit seinen Händen, den Löffel von seinem Mund wegzuschieben. Er weint und ruft nach seiner Mama. Die Schwester beendet das Essen, doch der Kleine darf nicht zur Mutter. Erst soll er sich beruhigen. Man sieht die beiden auf dem Klinikflur. Joshua will sich auf den Boden werfen, um zu weinen, doch er wird von der Schwester immer wieder (sanft) auf die Beine gestellt. Er soll sich beruhigen UND alleine laufen. Er weint immer noch laut. In der nächsten Einstellung sitzt Joshua leise schluchzend auf einem Stuhl im Schwesternzimmer. Hinter ihm sind Monitore zu sehen, über die andere Kinder beim Essen überwacht werden. Immer wieder flüstert er: "Mama!". Ob er sich in diesem Moment genügend beruhigt hat, um zur Mama zu dürfen, erfährt man als Zuschauer nicht, denn nun gibt es einen Schnitt zur "Mäuseburg", einer Art Spielzimmer, in dem die Kinder Trennungsfähigkeit lernen sollen. Neben einigen anderen Kindern sieht man auch hier Joshua, deshalb bleibe ich bei meiner Beschreibung der Situation bei ihm.

Die leitende Schwester der Mäuseburg erklärt den Eltern, dass die Kinder in dem Raum "frei Spielen dürfen". Das freie Spielen sei ein ganz großes Thema, das Kinder lernen sollten. Deshalb sollen die Eltern ihr Kind frohen Mutes abgeben (und nicht selbst unsicher sein, ob diese Trennung gut fürs Kind sei), ihm einen Kuss geben, sich dann umdrehen und gehen. Die Eltern tun, wie geheißen, doch man sieht sie geduckt über den Flur schleichen, nachdem sie hören, wie ihre Kinder in Protestgeschrei ausbrechen. Ein Kind schreit besonders laut - es ist Joshua. Die Eltern sitzen im Frühstücksraum. Sie haben die Anweisung, zu frühstücken und sich zu entspannen. Alle sitzen angespannt und lauschen zur Mäuseburg. "Das Laute ist meiner", sagt Joshuas Mutter resigniert. Man sieht Joshua unter einem Waschbecken hocken, er schreit wirklich in höchster Not. Er wirft die Arme hin und her, sich selbst auf den Boden und gibt alles, um gehört zu werden. Schnitt des Filmes zum Schulungsraum der Eltern. Herr Langer erklärt den anwesenden Eltern, warum es wichtig ist, dass Kinder Trennungsfähigkeit lernen und dass Kinder in so einer Trennungssituation alles von ihrem Repertoire abrufen würden, was je funktioniert hat, um die Eltern umzustimmen. Wieder Schnitt in die Mäuseburg. Man sieht nun alle Kinder weinend und schreiend auf den Matten liegen. Ja, die geben wirklich alles, was sie haben. Ein etwa 1,5 Jahre altes Kind ist noch ruhig. Mit großen Augen betrachtet es die Situation. Die Schwester kommt und nimmt ihm den Nuckel aus dem Mund. "Den brauchen wir hier drin nicht!" sagt sie, und legt ihn in ein angrenzendes Zimmer. Nun weint auch dieses Kind herzzerreißend.

Wieder Schnitt in den Schulungsraum. Die Leiterin der Mäuseburg erklärt den Eltern, dass 95% der Informationen über Körpersprache auf die Kinder wirken. Deshalb sollen die Eltern innerlich wirklich daran glauben, dass es den Kindern in der Mäuseburg gut geht, damit die Kinder beim Abgeben auch spüren, dass die Eltern dahinter stehen. Herr Langer erklärt, warum es wichtig ist, dass die Kinder unabhängig vom Alter (also auch Babys) mindestens eine halbe Stunde (bis zu vier Stunden) in der Mäuseburg bleiben. Er malt eine Erregungskurve an die Tafel und referiert darüber, dass die Kinder ja nun am Anfang sehr erregt seien und weinen würden. Damit stiege ihre Erregungskurve auf das Maximum. Würde man sie nun abholen, würden sie sich merken, wie schlimm die Mäuseburg sei und würden am nächsten Tag noch mehr schreien. Würde man aber abwarten, bis sie sich selbst beruhigen, und das sei etwa nach einer halben Stunde, und sie erst dann abholen, würden sie verinnerlichen, dass so eine Trennung doch gar nicht schlimm sei. Die anwesenden Eltern nicken verständig. Klingt logisch. Schnitt zu Joshua, der erschöpft auf der Matte der Mäuseburg liegt und nicht mehr schreit. Schnitt zu den Eltern am Frühstückstisch. Sie bemerken erstaunt dass sie die Zeit ganz vergessen und sich verquatscht haben. Schnitt zum Abholen. Man hört Kinder laut schreien und weinen, doch die Kinder, denen die Kamera folgt, also auch Joshua und der Junge mit dem (jetzt nicht mehr) Nuckel, sind ruhig und lassen sich von ihren Eltern in den Arm nehmen. Schnitt zu in Zeitlupe über den Klinikflur rennenden, lachenden Kleinkindern. Joshua ist nicht darunter. Ob diese Szene wirklich direkt nach dem Aufenthalt in der Mäuseburg gefilmt wurde, erfährt der Zuschauer nicht, es wird aber klar suggeriert: Seht her, es hat nicht geschadet, im Gegenteil, nun lachen sie und sind total entspannt.

Nehmen wir die Theorie unter die Lupe, dass Kinder lernen können, sich selbst zu beruhigen. Gerät ein Gehirn in die Krise, setzt normalerweise ein Prozess ein, der Stressregulation genannt wird. Ein Erwachsener würde z. B. sich selbst gut zureden oder tief durchatmen. Kinder können dies jedoch noch nicht. Sie bringen zwar einen Grundstock an Fertigkeiten aus dem Mutterleib mit, um Gefühle zu regulieren und dabei entstehenden Stress auszuhalten. Babys z. B. drehen sich von einer Stressquelle weg oder Nuckeln am Daumen, um sich selbst zu beruhigen. Der größte Teil der Stressregulationsstrategien wird jedoch erst im Laufe des Lebens entwickelt. Sie werden maßgeblich durch die Hilfe von feinfühlig regierender Erwachsener erlernt. Hat das kindliche Gehirn nämlich zu viel Stress, überfordert das seine noch in den Kinderschuhen steckenden Selbstregulationsmöglichkeiten. Es braucht dann Fremdregulation, um sich wieder beruhigen zu können: Körperkontakt, möglichst sogar Hautkontakt zu geliebten Personen. Dieser Körperkontakt löst einen Ausstoß von Oxytocin aus, welcher sich positiv auf das Stresszentrum des Gehirns auswirkt. Wird dem Kind jedoch der Kontakt zur Bindungsperson untersagt, und sind anwesende fremde Erwachsene unresponsiv (wie die Schwester in der Mäuseburg), löst der entstehende Stress eine Erregung des sympathischen Nervensystems aus, welches für Flucht und Kampf verantwortlich ist. Kann ein Kind aufgrund seiner körperlichen Unreife weder kämpfen noch flüchten (wie die Kinder in der Mäuseburg), gerät das Gehirn in eine akute Krise und löst eine archaische Notfallreaktion aus. 

Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch sagt, Babys und Kleinkinder werden dann von jetzt auf gleich stumm und frieren gleichsam ein. Man bezeichnet diesen Moment als "Abschalten". Nach Brisch wird das Gehirn der Kinder dabei die Wahrnehmung von Angst, Schmerz oder Panik ausschalten. Die Kinder wirken dann nach außen gefasst und ruhig, allenfalls ein bisschen starr. Man merkt ihnen nicht mehr an, dass sie Angst oder Schmerzen haben, doch innerlich bleibt der große Stress erhalten. Das, was die Klinikbetreiber also als Erfolg verbuchen (er hat sich alleine beruhigt, er hat die Trennungssituation gemeistert) ist in Wirklichkeit das Ende eines Notfallprogramms des Gehirns, das keinerlei positive Lernerfolge hinterlässt. Wir werden diese Notfallreaktion später noch einmal beim "Schlafenlernen" besprechen. An dieser Stelle stellt sich mir die Frage: Warum wurde dem Kleinen der Nuckel weggenommen? Immerhin konnte er ja mit seiner Hilfe zunächst den Stress wegnuckeln. Das ist doch sehr kompetent? 

Felix 


ca. 2 Jahre alt, sehr dünn, erbricht seine Milch immer wieder

Diesmal sieht man Felix in den Armen der Schwester, sie versucht ihn zu füttern, er will nicht. Sie erzählt später: "Er hat 5 Löffel gegessen, dann habe ich im Kampf nochmal 5 Löffel in ihn reinbekommen, aber dann war Schluss. Es hat 45 Minuten gedauert, bis er sich wieder beruhigt hat...." Schnitt, man sieht Langer im Gespräch mit der Mutter: "Durch die OPs, die er schon früh im Leben erlebt hat, hatte er ja Kontrollverlusterlebnisse, deshalb versucht er jetzt, alles unter Kontrolle zu bekommen. Auch das Essen. Das Kind denkt jetzt schon taktisch: Wenn ich in einem Bereich damit durchkomme, dann in einem anderen Bereich auch."

Felix ist 2 Jahre alt! Wie soll er denn taktisch denken, wenn ihm die neuronalen Verschaltungen und Meilensteine wie Perspektivenwechsel (Theory of Mind) noch nicht hatte? Das ist leider totaler Blödsinn, was da erzählt wird. Das Schlimme ist, genau darauf fußt die gesamte Therapie, so, wie man sie im Film sieht. Nämlich auf der Annahme, Kinder seien Egoisten, die alles dafür tun würden, ihre eigenen Interessen durchzusetzen und die man daher erst "gut erziehen" müsse. Passend dazu auch das Bild an der Mäuseburg, auf dem kleine Teufelchen in die Burg hineingehen und kleine Engel wieder rauskommen. 

Immer wieder sieht man, wie die Schwestern versuchen, Felix zu füttern, doch es klappt nicht. Es wird beschlossen, dass er nun doch eine Sonde braucht. Der leitende Arzt untersucht den Jungen in Gegenwart der Mutter. Er bescheinigt ihm einen eigentlich ganz guten körperlichen Zustand. Das Kind ist klein und dünn, aber agil. Eigentlich kein Grund, eine Sonde zu setzen, doch es ist kurz vor dem Wochenende und es sei besser, das jetzt schon zu machen. Die Mutter bricht in Tränen aus, hat es sicher aber schon gedacht und nickt tapfer. Den Eingriff selbst sieht man nicht, doch man sieht eine Schwester der anderen folgendes erzählen: "Er hat sich so gewehrt, wir mussten ihn zu zweit sondieren. Anna hat ihn festgehalten und ich habe die Sonde gesetzt. Anders wäre es gar nicht gegangen."

Vielleicht wäre es günstig - ich hoffe sehr, das wurde im Vorfeld durch das Team der Klinik gemacht - hier mal auf das gesamte Familiengefüge zu schauen. Beide Eltern von Felix sind übergewichtig, beide haben riesige Angst, er könnte irgendwie verhungern. Möglicherweise war Felix ein Frühchen (ich hatte das Wort "korrigiert" aufgeschnappt, was mich das vermuten lässt) und es stand nicht fest, ob er überleben würde? Dann wäre klar, dass das ein Trauma ist, welches die Eltern erst einmal verarbeiten müssen. Hinzu kommt, dass sie vielleicht überschätzen, was so ein kleines Kind insgesamt isst. Sie essen beide offenbar mehr, als ihr Tagesbedarf an Kalorien hergibt, ich vermute also, dass sie auch ihrem Kind mehr geben wollen, als es Bedarf hat. Da kleine Kinder aber noch sehr gut wissen, was sie brauchen, hat er sich vielleicht immer wieder verweigert (weil er schon satt war), was die Eltern in Panik versetzt haben könnte, schließlich müssen sie ihn "am Leben halten". Sie versuchten also vielleicht vehementer, ihn zum Füttern zu überreden und er reagierte vielleicht vehementer in seiner Abwehr. Schon wären sie mitten drin im Teufelskreis. [Nochmal, das ist alles Spekulation meinerseits von dem wenigen, was ich im Film gesehen habe]. Von einer guten Klinik würde ich erwarten, darauf einzugehen. Die Eltern darin zu schulen, wie sie Sättigungsignale bei ihrem Kind erkennen und beachten können. Ihnen beizubringen, wie klein so ein Kindermagen ist und was da nur reinpasst. Ihnen anraten, selbst eine Ernährungsberatung in Anspruch zu nehmen (bzw. ihnen das in der Klinik gleich anbieten). Ihnen helfen, das Geburtstrauma (oder was da auch immer im Hintergrund steht) aufzuarbeiten. 

Hilfe bei schlecht essenden oder trinkenden Kindern erhaltet ihr hier:

Man sieht Felix am Ende noch einmal in einer Zeitlupenaufnahme, in der alle vorher schlecht essenden Kinder in Zeitlupe beim problemlosen Gefüttertwerden zeigen. Auch sieht man, offenbar bei der Nachbesprechung drei Monate später, den Vater im Essensraum seinen Sohn füttern. Er wird über Monitor betrachtet, man entscheidet, dass das gut aussieht, er auch nicht zu langsam füttert und der Sohn brav das Mündchen aufmache.

Felix´ Eltern scheinen den Aufenthalt in der Klinik zwar einerseits dringend zu wollen, andererseits jedoch aus tiefstem Herzen abzulehnen. Das zeigt sich besonders, als sie ihren kleinen Sohn nach zwei Tagen Aufenthalt und Schlafen im Familienzimmer nun in einem Gitterbettchen allein in einem Raum schlafen lassen sollen. Dieses Allein-Schlafen ist Standard in der Klinik. Es geht so vonstatten, dass die kleineren Kinder in ein Gitterbettchen gelegt werden, in einen Raum mit Videoüberwachung geschoben werden, die Eltern geben ihnen ein Küsschen, dann gehen sie hinaus und machen das Licht aus. Mehr Interaktion soll es von den Eltern nicht geben bis zum nächsten Morgen. Die Kinder werden jedoch von dem Klinikpersonal über Nachtkamera überwacht, und ab und zu schaut die Nachtschwester mit der Taschenlampe in den Raum hinein. Die älteren Kinder schlafen in kleinen Bettchen in einem Raum voller Spielzeug (der Mäuseburg?), da sie ja auch zuhause vermutlich im Kinderzimmer schlafen werden. Es soll also geübt werden, nachts zu schlafen, und nicht zu spielen. Felix Eltern befolgen diesen Ablauf, aber seine Mutter kann sich am ersten Abend absolut nicht von ihm trennen. Immer wieder geht sie zurück ins Zimmer und küsst ihren Sohn, will nicht das Licht ausmachen und ist innerlich so zerrissen, dass sie auf dem Flur unruhig auf- und abläuft.

Auch Felix´ Vater findet die Therapie zu hart. Eine Schwester erzählt der anderen, er hätte sie angeschrien, das hier sei Quälerei und er würde morgen abbrechen. "Ja, kann er ja machen." antwortet die andere. Schnitt, auch Tage später noch sieht man Felix Mutter weinend vor der geschlossenen Tür stehen. Die Schwester kommentiert das im Schwesternzimmer mit: "Sie sind immer noch im Negativkreislauf. Sie denkt, sie muss ihr Kind am Leben halten." Später sieht man noch einmal eine Gute-Nacht-Situation mit Felix und seiner Mutter. Diesmal reißt sie sich furchtbar zusammen, schiebt ihn hinein, gibt ihm einen Kuss und geht dann hinaus. Beim Hinausgehen macht sie das Licht aus, und gleich wieder an. Kurz steht sie unsicher vor der Tür, dann geht sie schnellen Schrittes davon. Die Schwestern loben sie im Schwesternzimmer. Sie hätte zwar vergessen, das Licht auszumachen, aber insgesamt sei sie heute viel weiter, als die letzten Tage. 

Es steht außer Frage, dass man ein Kind "zum Schlafen bringen" kann, indem man sein Weinen einfach ignoriert. Interessanterweise erklärt Herr Langer den Eltern im Seminar richtigerweise, dass man Schlaf nicht trainieren könne. Man könne nur die richtigen Rahmenbedingungen dafür schaffen. Dem stimme ich sogar zu. Nur gehen unsere Sichtweisen, was diese guten Rahmenbedingungen sind, in zwei komplett unterschiedliche Richtungen. Natürlich können ein fester Tagesablauf mit einer festen Schlafenszeit, ein komplett dunkles und geräuscharmes Zimmer, die Sicherheit des Gitterbettchens und ein klares Signal der Eltern, dass nun Zeit zum Schlafen anbricht, gute Rahmenbedingungen sein. Für die Kinder, die eben einen festen Tagesablauf und komplette Dunkelheit brauchen. Aber was ist mit den Kindern, die nicht jeden Tag zur gleichen Zeit müde werden? Oder solchen, die ein Nachtlicht und beruhigendes Hintergrundgeklapper aus dem Nebenzimmer brauchen? Oder solchen, die lieber in der Nähe der Eltern einschlafen, um sich sicher zu fühlen? In der Klinik werden viele individuelle Vorlieben in einen einzigen Weg gepresst. 
 
Aber es klappt doch? Oh ja, offenbar klappt es. Aber nicht, weil das eben doch der einzig richtige Weg zu einer entspannten Abendroutine ist, sondern weil der Notfallmechanismus des Gehirns ausgenutzt wird. Wir sprachen davon schon im Zusammenhang mit der Mäuseburg. Die große Erregung des sympathischen Nervensystems (wenn das Kind im Bett im abgedunkelten Raum vergeblich nach seinen Eltern ruft) wird irgendwann notfallmäßig in ihr Gegenteil verkehrt, erklärt Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch. Die Überregung des Kampf- und Fluchtsystems wird umgeschaltet auf das parasympathische System, das für Entspannung und Schlaf verantwortlich ist. Das Kind wird also als Notfallreaktion auf den zu großen Stress einfach einschlafen. Die abgespalteten Gefühle (z. B. Angst und Hilflosigkeit) werden zusammen mit der Erinnerung an die erlebte Situation im limbischen System gespeichert und können möglicherweise später eine durch den zeitlichen Abstand nicht mehr erklärbare Abneigung bzw. Überreaktion bei ähnlichen Situationen hervorrufen [Brisch, Safe, 2013, S. 36f].

Hilfe für schlecht schlafende Kinder gibt es viele, doch hier gute zu finden, die eben nicht die "Cry it out"-Methode favorisieren, ist schwierig. Alu von Grosseköpfe hat in Berlin das Angebot Hebamme Cathrin Wiesner getestet und es für gut befunden: Schlaf Kindlein, schlaf! Bei 1001Kindernacht findet man Schlafberaterinnen, die ganzheitlich und bindungsorientiert arbeiten. Da wird euch niemand dazu raten, euer Kind einfach schreien zu lassen, bis es verstanden hat, dass ihr nicht kommt. Ihr könnt die Beratung per Skype machen oder aber eine Beraterin zu euch nach Hause einladen. Habt ihr weitere gute Angebote in eurer Gegend in Anspruch genommen, schreibt das gern in die Kommentare, dann ergänze ich das hier. Gute Bücher sind: "Schlaf gut Baby" (Herbert-Renz-Polster, Nora Imlau), "Schlafen statt Schreien" (Elisabeth Pantley).

Anna und Emma


Anna und Emma sind Schwestern. Anna ist etwa 6 Jahre alt, sie soll bald zur Schule kommen. Anna ist mäkelig beim Essen und frech ihrer Mutter gegenüber. Sie schläft zuhause allein in ihrem Bett, und auch allein ein, allerdings spät. Die Klinik sei die letzte Chance - sonst müsse Anna ins Heim, sagt ihre Mutter beim Eingangsgespräch. Man sieht Anna im Trailer sich selbst in den Ärmel ihres Pullovers beißen. Emma ist die kleinere Schwester.

Wir sehen Anna vor ihrem vollen Teller sitzen. Sie ist allein im Zimmer und schaut hoch zu der Kamera, über die sie von der Schwester beobachtet wird. Nach 20 Minuten kommt die Schwester ins Zimmer und sagt, die Essenszeit sei vorbei. Das Mädchen darf aufstehen und das unangerührte Essen wegbringen. Sie bekommt bis zur nächsten Mahlzeit nichts mehr. Eine Schwester erklärt den Eltern im Schulungsraum: "Sie müssen die Führung übernehmen beim Essen. Die Kinder müssen 20 Minuten sitzen bleiben zum Essen." "Auch, wenn sie schon vorher fertig sind?" fragte eine Mutter nach. "Ja, auch dann. Auch Kinder, die länger als 20 Minuten zum Essen brauchen, bekommen nur diese Zeit. Alle Kinder müssen lernen: Hier sind 20 Minuten, ich habe zu essen und nichts anderes. Ich kann entscheiden, nutze ich das Angebot, oder nicht?" Eine andere Mutter fragt wegen des Trinkens nach, ihr Kind würde beim Abendessen viel zum Glas greifen. Die Schwester antwortet, das sei ein Spiel des Kindes: ein bisschen trinken, einen Bissen essen, dann wieder trinken. Das müsse man unterbinden. Führung! Das Trinken solle am Ende des Essensprozesses stehen. Tatsächlich sieht man im Film auch immer wieder Sequenzen, in denen Kinder nach ihrem Becher greifen wollen, aber dieser dann von den Schwestern außer Reichweite gerückt wird.

Schnitt, Anna sitzt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Emma nun gemeinsam beim Essen. Es gibt etwas, dass das Kind nicht mag. Sie verweigert das Essen. Ihre Mutter schiebt deshalb das Essen weg. Anna fängt sofort an, weinerlich zu bitten, die Mutter solle ihr noch eine Chance geben, sie würde es doch essen. Die Mutter bleibt hart (sie hat es ja von den Ärzten so gelernt) und bringt das Essen weg. Anna ruft ihr laut und weinend hinterher, sie hätte doch aber Hunger! Die Mutter ist zurück. Nun wirft das Kind vor Wut eine Gabel nach ihr. Die Mutter hält ihre Hände fest (sanft), das Kind beißt ihr daraufhin leicht in die Hand. Sie droht, sie könne noch fester zubeißen. Nun nimmt die Mutter das Kind an den Händen aus dem Essensraum raus. Die Schwester bleibt zurück. Man hört am Nebentisch einen Vater sagen: "Das geht dich nichts an."

Da Anna etwa 6 ist, ist zwar das Werfen der Gabel als Impulshandlung zu werten, das Beißen jedoch als bewusste Wutentscheidung. Sie wollte ihrer Mutter weh tun, und drohte ja sogar mit mehr. Auch ihre Reaktion auf das konsequente Wegnehmen des Essens war sehr interessant, denn das weinerliche Flehen um eine weitere Chance und man sei doch jetzt gut und würde doch essen erscheint mir wie eine Sequenz, die zuhause zwischen ihr und ihrer Mutter schon oft abgelaufen ist. Ich habe solche um zweite Chancen flehenden Kinder oft in meinen Klassen. Sie können schlecht mit den (natürlichen) Konsequenzen ihres Handelns umgehen - z. B. wenn sie ihren Vortrag nicht vorbereiten und dann bei einer 6 biiiitte bitte nächste Woche noch einmal drankommen möchten, obwohl der Rest der Klasse heute abgefragt wurde. (In der nächsten Woche sind sie aber ebenso wenig vorbereitet.) Das Wegnehmen des Essens ist hier allerdings eine unnatürliche (also willkürlich von Erwachsenen gesetzte) Grenze. Tatsächlich gibt es etwa im Alter von 3,5 Jahren eine Entwicklungsphase, in der Kinder lernen, natürliche Grenzen, Bedürfnisse von anderen und Naturphänomene aushalten zu lernen, ohne zu explodieren. Es ist wirklich wichtig, dass Eltern ihre Kinder in diesem Gefühlssturm begleiten, aber gleichzeitig nicht versuchen, den Grund für diesen Gefühlssturm aus dem Weg zu räumen. Denn damit beschneidet man sein Kind in der natürlichen Entwicklung der Frustrationstoleranz. 

Es ist aber völlig unnötig, ein Kind vorsätzlich zu frustrieren - wie es hier in der Klinik geschieht - um Frustrationstoleranz zu üben. Denn solche vorsätzlichen Grenzen werden von Kindern zu Recht als pure Schikane empfunden und verletzen die Eltern-Kind-Beziehung, wie man auch im Film erkennt. Es gibt genügend natürliche Konsequenzen, mit denen ein Kind das lernen kann. Ja, Anna muss bald lernen die Folgen ihres Handelns zu tragen, aber vor allem braucht ihre Mutter Unterstützung darin, zu lernen, wie man - trotz aller Liebe, die man bei der Mutter erkennen kann - feinfühlig, liebevoll und wenig aggressiv auf sein Kind reagiert. Außerdem braucht sie mehr innere Gewissheit, der Leitwolf der Familie zu sein. Das geht auch auf bedürfnisorientierte Art und Weise. 

Eltern, die ihre Kinder als schwierig empfinden und das Gefühl haben, solche Situationen wie den Gabelwurf souverän zu meistern, können sich eine langfristig angelegte Beratung und Unterstützung bei diesen Anlaufstellen holen:

Hier werden die "Probleme" zwar nicht innerhalb von drei Wochen "gelöst", aber es gibt eine regelmäßige Unterstützung, in denen akute oder typische Alltagssituationen durchgesprochen werden und alternative Handlungsmöglichkeiten erarbeitet werden. 

Bei noch schwierigeren Fällen, wo ein Klinikaufenthalt für das Familiengefüge am besten ist, könnt ihr euch an die Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie wenden. Die Elterntrainings, die dort angeboten werden, basieren auf Videofeedback. Anhand von gefilmten Interkationen zwischen Eltern und Kind wird den Eltern hinterher erklärt, wie sie sich anders verhalten hätten können. Vor allem werden gelingende Momente, die es in jeder Familie gibt, bei den Feedbacks hervorgehoben. Auch die Abteilung für Kinderpsychosomatik im Dr. von Haunerschen Kinderspital am Klinikum München arbeitet bindungsorientiert und erreicht Erziehungsziele, ohne den Kindern oder Eltern Angst zu machen.

Schnitt, man sieht Annas und Emmas Mutter nun im Gespräch mit Herrn Langer. Er sagt, wir Eltern hätten oft ein Bild unserer Kinder im Kopf, wie sie seien, was sie können, was sie vermutlich tun werden etc. und würden eigentlich nur noch auf das Bild des Kindes reagieren statt auf das Kind selbst. Die Eltern müssten lernen, wieder das Kind zu sehen, und nicht das Bild. Denn das Kind würde sich ja weiterentwickeln. Deshalb würde man in der Klinik die Eltern zunächst vom Kind entfernen, also das Essen und das Schlafen von den Eltern trennen und durch Schwestern durchführen lassen. So können sich Eltern hinterher besser wieder auf ihr Kind einlassen. Die Mutter weint nun.

Es stimmt, dass Eltern sich ein Bild von ihren Kindern machen und oft nur noch auf dieses Etikett reagieren. Es stimmt auch, dass Eltern lernen müssen, ihr Kind immer wieder mit offenen, neugierigen Augen zu betrachten und zu fragen: Wie bist du gerade jetzt, mein Kind? Das geht ohne Trennung und auf bedürfnisorientierte Art und Weise, wenn man möchte. Die oben genannten Beratungsstellen arbeiten exakt an diesem wichtigen Baustein und fokussieren ihre Arbeit auch auf alte Glaubenssätze der Eltern (z. B. "Sie darf mir nicht auf der Nase herumtanzen."), die den freien Blick auf das Kind ebenso verstellen. Kann man an seinen eigenen Glaubenssätzen arbeiten, wird man automatisch ein entspannteres Elternteil. Hilfe findet ihr auch hier bei www.kraftvollmama.de Yasmin vom Blog Rabenmutti hat hier in ihrem Artikel beschrieben, wie sie mit Hilfe eines Coaching ihre eigenen Glaubenssätze überwindet.

Schnitt zu Kindern in einer Art Stilleraum. Neben jedem Kind sitzt eine Schwester. Niemand redet. Ein Junge am Fenster vertreibt sich die Zeit damit, leise mit seinen Fingern aufs Fensterbrett zu klopfen. Die Schwester neben ihm beugt sich vor und legt ihre Hand sanft auf seine. Er soll ruhig sein, bedeutet das. Er schaut kurz zu ihr, aber dann sofort zurück zum Fenster und hört mit dem Klopfen auf. Er hat verstanden. An der gegenüberliegenden Wand sitzt Anna. Sie kratzt mit ihren Fingernägeln Muster in die blauen Turnmatten. Ein unangenehmes und lautes Geräusch. Auch ihre Schwester beugt sich vor und legt die Hand auf Annas Hand. Sie soll aufhören. Anna hört aber nicht auf. Sie wird zwar leiser, kratzt aber unverdrossen weiter. Gott sei Dank ist die Zeit nun rum, die Schwestern geben das Signal, dass aufgestanden werden kann. Wie wäre der Stille Kampf zwischen Anna und der Schwester ausgegangen, wäre noch mehr Zeit gewesen? "Aber wir haben ja nur still gesessen?" fragt Emma in den Raum hinein. Ihr war offenbar nicht klar, was sie da sollte. Lange Einstellung der Kamera auf die Kratzspuren, die unsere kleine Protagonistin auf der blauen Matte hinterlassen hat. Anna was here.

Möglicherweise ist Stillsitzen eine wichtige Kompetenz in der heutigen Gesellschaft und diese Übung ist demnach sinnvoll. Ich denke, das ist Ansichtssache. Interessant hätte ich jedoch wirklich den Ausgang des Machtkampfes zwischen Anna und der Schwester gefunden. Die Schwester hatte ja nun eine (unnatürliche) Grenze gesetzt, auf dessen Einhaltung sie pochte. Anna ist zwar leiser geworden beim Kratzen, hat aber nicht gänzlich aufgehört. Damit hat sie eigentlich den Machtkampf gegen die Schwester gewonnen, denn diese wollte ja, dass alle Kinder still sitzen und nichts tun. Wie hätte die Schwester reagiert, wenn noch mehr Zeit gewesen wäre? Hätte sie nur immer wieder die Hand auf die Hand des Mädchens gelegt? Hätte das Kind die Stilleübung abbrechen müssen? Hätte das Kind zusätzliche Stilleübungen aufgebrummt bekommen?

Wie würde ein bedürfnisorientierter Weg hier aussehen? Nehmen wir eine ähnliche Situation an, ein Kind kreischt laut, die Mutter hat Kopfschmerzen und sagt: "Bitte hör auf zu schreien, mir tut der Kopf so weh." Daraufhin hört das Kind zwar nicht auf, kreischt aber leiser. Eine bedürfnisorientierte Mutter würde die Kooperation beim Kind erkennen (es wurde leiser) und diese rückmelden: "Dein Kreischen ist leiser geworden. Das hilft meinem Kopf ein bisschen, danke!" Sie hätte also anerkannt, dass es im Rahmen seiner Möglichkeiten (es will einerseits kreischen, andererseits möchte es Rücksicht nehmen) einen Kompromiss gefunden hat. Damit würde dem Kind gezeigt, dass man seine Bemühungen anerkennt. Nach und nach lernen die Kinder, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten eines stärkeren Bedürfnisses eines anderen (Kopfschmerzen versus Kreischen wollen) zurückzustecken. Das Kind entwickelt ein Eigenbild, dass es gut und rücksichtsvoll ist.  Das ist günstig, denn Studien haben gezeigt: Wer davon überzeugt ist, ein sozialer, freundlicher Mensch zu sein, handelt entsprechend sozial und freundlich, selbst, wenn das mit Anstrengung oder Kosten verbunden ist. [vgl. Freedmann, Fraser, 1966, Complience without pressure: The foot-in-the-door-technique, In: Journal of personality ans Social Psychology 4/2, S. 195-203]. Ein Kind dagegen, dem immer wieder rückgemeldet wurde, dass es nicht rücksichtsvoll agiert, entwickelt möglicherweise genau so ein negatives Selbstbild und handelt danach.

Drei Monate später. Anna, Emma und ihre Mutter sind zum Zwischenbericht zurück. Die Mutter sagt, Anna schläft gut und auch durch, aber nicht vor 23 Uhr. Es liefe mit ihrem Verhalten inzwischen durchaus besser, ja, aber es gäbe auch immer wieder tageweise Ausbrüche. Dann würde sie Hauen, Weglaufen oder sogar Randalieren. Es wäre auch schwierig, die Maßnahmen durchzusetzen, denn die Schwester Emma würde so gut auf Anna aufpassen. Wenn sie zum Beispiel mit dem Auto losfahren wollen würde und die gesamte Familie sitze schon im Auto, dann wäre Anna aber noch nicht da. Und eigentlich müsse sie ja dann konsequenterweise ohne Anna losfahren. "Ja", bestätigt Langer. Aber da würde die Schwester nicht mitspielen. Sie stecke in der Mutterrolle fest. Sie würde sich dann noch im schon rollenden Auto abschnallen und die Tür aufreißen, um zu Anna zu kommen. "Ja, das ist der Opfer-Verfolger-Retter-Kreislauf", erinnert Langer die Mutter an sein Seminar. Sie denkt nach. "Dann muss ich mich aus dem Kreislauf rausnehmen", sinniert sie, "...und einfach ohne die beiden dann losfahren?" Langer: "Ja. Natürlich irgendwie abgesichert, aber ja, das müssten sie."

Schön, dass die Familien auch im Nachhinein betreut werden. Schade, dass die Mutter trotz allem nicht wirklich gelernt hat, ihre Kinder souverän zu führen. Mir scheint, es gibt die selben Probleme, wie auch vor dem Klinikaufenthalt schon. Die Mutter sagt zwar, insgesamt weniger, aber es sind ja auch "erst" drei Monate vergangen. Was passiert, wenn Anna und Emma noch älter werden und nicht mehr auf erzieherischen Druck wie ohne sie losfahren reagieren? Was soll die Mutter dann tun? Hier habe ich über Probleme durch Erziehung durch eine strafende oder lobende Macht geschrieben.

Lucy 


Nun zeigt der Film eine Szene mit Lucy, einem Kind, das schlecht isst. Sie soll im Park zusammen mit Herrn Langer joggen, um fit zu werden. Wenn ich das richtig verstanden habe, müssen alle essensverweigernden Kinder dieses Training absolvieren. Hintergrund ist laut Langer, dass sie erkennen sollen, dass es ihnen körperlich besser geht, wenn sie essen. Damit sie nicht mehr schlapp über die Gänge schleichen. Man sieht Lucy auf der Bank sitzen, Herr Langer versucht gerade, ihren Schuh auszuziehen. Sie hätte einen Stein darin und könne deshalb nicht joggen. Er beseitigt den Stein eigenhändig. Diese Szene fällt auf, da doch eigentlich nach Herrn Langer Kinder manipulierende Wesen sind und er sich hier ja eindeutig dazu hat manipulieren lassen, ihr den Schuh auszuziehen. Hätte sie das nicht selbst machen müssen? Eigenständigkeit erlernen? Aber sehen wir die Szene einfach in freundlichem Licht, er ist einfach ein hilfsbereiter Mensch. Nun nimmt er Lucy an die Hand, sie laufen los. Sie weint und sagt, sie will nicht rennen. Er antwortet, dass sie doch fit sein will. nein, sie wolle gar nicht fit sein, wirklich nicht. Herr Langer sagt nun, sie käme doch bald in die Schule und dort hätte sie Sportunterricht. Lucy hat auch darauf eine Antwort: "Dann gehe ich eben zur Lehrerin und sage, sie habe keinen Bock auf Sport." "Oh", antwortet da Herr Langer, "dann sagt die Lehrerin, du musst zurück zu Herrn Langer." Vehement antwortet Lucy mit "Nein!".

Schnitt, immernoch im Park. Lucy läuft jammernd neben Herrn Langer und ruft, ihre Mütze sei weg. "Ja, wo hast du die gelassen? Verloren oder was? Du kannst doch nicht einfach deine Mütze wegwerfen." "Weiß ich auuuuch nicht" jammert Lucya. Der Mann besteht darauf, dass das Mädchen zurückgeht und die Mütze sucht, doch Lucy will nicht. "Die hat deine Mutter gekauft, natürlich suchst du sie!" sagt Langer. "Ich habe mir die selbst gekauft" jammert Lucy. "Ja, aber vom Geld deiner Mutter." Wieder hat Lucy eine Antwort parat: "Nein, das Geld war von meiner Oma." "Naja, wie auch immer. Auch deine Oma will, dass du die Mütze suchst." Lucy verweigert und setzt sich auf den Boden. "Nun gut", antwortet Langer entspannt, "wir können warten, aber es bleibt dabei, du holst die Mütze." Schnitt. Lucy sitzt immer noch im Park, Herr Langer steht daneben. Keiner sagt ein Wort, aber Lucy scheint entspannt. Nun geht Langer einfach weg von dem Kind. Betont ruhig geht er von ihr fort. Lucy schaut ihm alarmiert hinterher. Als er um die Ecke biegt, steht sie auf und geht ihm hinterher. Langer scheint sich versteckt zu haben, denn nun sehen wir Lucy, die den Weg entlang läuft und Langer, der hinter ihr erscheint und von hinten aufschließt. Als er neben ihr läuft, nimmt er wortlos ihre Hand. Lucy hat ein zum Weinen verzogenes Gesicht, aber sie reißt sich zusammen. Sie fragt, was sie nun tun würden. ""Na deine Mütze holen!" Lucy weint nun und jammert: "Aber nicht wieder rennen!" "Doch, wir laufen später noch ein Stück." Sie spazieren eine Weile, Lucy erzählt vom leckersten Essen der Welt, das sie gestern gegessen hätte: Spinat. Das wolle sie jetzt immer essen. Langer sagt: "Ja, aber anderes wirst du auch essen." Die Mütze ist gefunden, sie gehen zur Klinik zurück.

Langer hat hier gegen Lucy gewonnen. Ums Gewinnen geht es auch, findet er. Das hatte er den Eltern im Schulungsraum erzählt, als er ein altes Video eines Kleinkindes zeigte, das seiner Meinung nach auf Ansage erbrach, um seinen Willen durchzusetzen (um dieses Kind geht es, wenn er lachend sagt, man müsse vor einer Nudel ja nun keine Angst haben). Er sagte den Eltern, mit Blick auf das brechende Kind: "Tja nun, hier kann ich nicht mehr gewinnen." Gegen Lucy aber hat er sich durchgesetzt und man mag diese Szene durchaus freundlich lesen. Er hat sie zu nichts gezwungen (ok, bis auf das Joggen, aber Kinder müssen ja, wie gesagt, körperlich erfahren, was Führung ist), aber sie dazu gebracht, am Ende doch noch ihre Mütze zu suchen. Das Ganze ist begleitet von freundlichem Geplauder mit dem Kind. Mir widerstrebt diese Erziehungsmaßnahme, aber ich will nicht behaupten, dass sie falsch ist. Sie ist anders, als ich das für das Kind und unsere Beziehung als angenehm empfinden würde. Sein Ziel war ja aber, dass Lucy lernt, einem Erwachsenen zu gehorchen, da das die Mutter in seinen Augen nicht kann. Dieses Ziel hat er erreicht. Ob es dauerhaft erreicht ist, wird sich zeigen. Das Ohne-sie-Gehen ist etwas, was viele Eltern da draußen tagtäglich tun und ja, man bringt Kinder damit dazu, aufzustehen und mitzukommen, weil man mit einer Urangst der Kinder (alleingelassen zu werden) spielt.

Eine natürliche Konsequenz wäre übrigens gewesen, dass Lucys Mütze auf dem Weg liegen bleibt. Wenn sie sie nicht holen will, ist das ihre Entscheidung. Tragen muss sie dann die Konsequenz, dass sie wirklich weg ist. In beiden Varianten lernt sie etwas unterschiedliches: bei Langer, sich dem Willen des Erwachsenen unterzuordnen, und zu tun, was verlangt ist, auch wenn es einem anstrengend erscheint; bei meiner Lösung, die Konsequenz ihres eigenen Handelns auszuhalten. Und ja, ich hätte ihr selbstverständlich erlaubt, später noch einmal mit der Mutter loszulaufen, um die Mütze zu suchen, wenn Lucy das will. Sie ist schließlich ein Kind und lernt noch.

Abschlussgespräch mit Lucy. Langer ist allein mit ihr (und dem Kamerateam), er sagt, sie müsse wiederkommen, wenn es draußen nicht gut läuft. Aber das sei doch sicher nicht nötig?" Lucy verzieht den Mund, als sie das hört und antwortet schnell: "Nein, das ist nicht nötig."

Zarah


Zarah ist ca. 5 und vor zwei Jahren mit ihrer Mutter von Mazedonien nach Deutschland geflüchtet. Sie ist klein, wiegt nur 17 kg und agiert sehr, sehr langsam. Bei der ärztlichen Untersuchung soll sie sich selbständig ausziehen, das passiert in Zeitlupe. Immer wieder hält sie inne und träumt bzw. schaut fragend zu ihrer Mutter. Laut ihrer Mutter isst sie nur Pommes und Chickennuggets. Sie soll gesund essen lernen.

Man sieht Zarah vor dem Teller sitzen und nichts essen. Wie die anderen Kinder auch, soll sie lernen, alles zu essen, was ihr vorgesetzt wird. Sie rührt das Essen jedoch nicht an. Nach 20 Minuten soll sie abräumen. Unschlüssig steht sie mit ihrem Teller im Raum. Die leitende Schwester erzählt ihrer Kollegin, dass das Kind so tue, als wisse sie immer noch nicht, wohin der Teller nach dem Essen soll. Dabei habe sie es ihr schon so oft gezeigt. Sie würde einfach abwarten, darauf, dass jemand ihr hilft. Der Kampf um das Essen wird im Film über ganze acht (!) Tage portraitiert. Acht Tage lang sitzt Zarah drei mal am Tag vor ihrem Teller und rührt das Klinikessen nicht an. Sie nimmt 2 kg ab. Bedenklich bei 17 kg Ausgangsgewicht. Eine Schwester sagt zur Mutter: "Das Kind wird essen, wenn es ihnen als Mutter egal ist." Im Schwesternzimmer sieht man eine der Schwestern die anderen instruieren: "Zarahs Mutter ist schon wieder Hand-in-Hand mit ihr gelaufen. Wenn ihr das seht, unterbindet das bitte. Das soll sie nicht." Kurz bevor Zarah eine Sonde bekommt, greift sie endlich zu. Sie schaut immer zwischen ihrem Brötchen und der Schwester hin und her. Die Schwester flüstert ihr freundlich zu und nickt: "Du schaffst das." Sie hilft ihr, das Brötchen in die Hand zu nehmen. Zarah beißt ab. Es setzt rührselige Musik ein, in Zeitlupe wird Zarah beim Abendbrotessen gezeigt, ebenso alle anderen "Schlechtesserkinder". Sie alle lassen sich nun widerstandslos füttern.

Beim Kontrolltermin nach 3 Monaten sitzt Zarahs Mutter bei Herrn Langer. Er fragt sie, wie das Essen läuft. Sie erzählt, dass Zarah zwei Monate lang alles gegessen hätte, nun aber wieder kein Gemüse anrühren würde, nur Fleisch. Auch würde sie wieder beim Essen trödeln.

Warum sollte Zarahs Mutter nicht Hand-in-Hand mit ihr über den Klinikflur laufen? Nun, meine Vermutung ist, dass das Klinikpersonal findet, dass sie sie damit beim Nicht-Essen unterstützt. Die Theorie ist ja, dass nicht essende Kinder besonders angetrieben werden sollen, sich zu bewegen und Sport zu treiben, damit sie merken, dass das mit Essen besser klappt. Nimmt die Mutter nun ihre Hand könnte sie ihr ja - Gott bewahre - beim Laufen helfen. Und dann wäre der Therapieerfolg nicht garantiert. Den Weg der Klinik, das sowieso schon untergewichtige Mädchen noch acht Tage lang hungern zu lassen, finde ich absolut daneben. Wer heilt, hat Recht? Ist das so? Hier wurde stur angenommen, das Mädchen "wolle" nur nicht. Sie könnte ja jederzeit zu den Mahlzeiten zugreifen, es sei ja immer genügend Kost für sie vorhanden. Ich erwarte von einer Klinik, da differenzierter zu arbeiten und nicht pauschal von einem Kinderbild des kleinen Tyrannen auszugehen. Warum hat Zarah nicht gegessen? Das wäre wichtig herauszufinden, damit der Erfolg der Therapie langfristig ist.

In einer anderen Sequenz des Filmes erklärt Langer den anwesenden Eltern übrigens, warum Eltern in manchmal abstruse Situationen beim Essen geraten: Aus Liebe und Fürsorge zum Kind nämlich. Er erzählt eine Geschichte eines Kindes, das zu ihnen kam und drei Jahre lang nur Bratwurstenden aß. Es aß schlecht, und die Eltern versuchten alles, um es umzustimmen. Einmal hätte der Vater ein Ende seiner Bratwurst noch auf dem Teller gehabt und es dem Kind angeboten. Das Kind hätte es genommen und gegessen. Nun waren die Eltern froh, dass das Kind überhaupt etwas zu sich genommen hatte, daher boten sie ihm ab da immer wieder Bratwurstenden an, die es auch aß. Aber eben nur diese. Er erklärt daraufhin, dass die Art, mit solchen Kinderwünschen umzugehen, "liebevoll konsequent" sein solle: "Ich gebe die Zeit vor, in dem ein Kind etwas lernen soll und biete ihm dabei etwas Schönes und etwas Unangenehmes an." Im Falle des Essens heißt das also konkret, ich bestimme, was auf den Tisch kommt, und wie lange das Kind essen darf, das Kind kann entscheiden, ob es das Angebot annimmt (angenehme Option). Nimmt es das Angebot nicht an, biete ich erst zur nächsten Mahlzeit etwas an (die unangenehme Option). 

Nun, ja. Ich würde das Erpressung nennen, aber gut, man kann es natürlich auch "liebevoll konsequent" nennen. Der bedürfnisorientierte Ansatz würde so sein, dass dem Kind zu jeder Mahlzeit das gesunde Essen angeboten wird, und die Eltern es selbst auch essen, aber das Kind die Möglichkeit hat, andere Alternativen zu bekommen. Das kann ein Joghurt sein, oder auch Butterstulle oder Toast. Extra gekocht würde für das Kind nicht, es sei denn, die Eltern wüssten schon im Voraus, dass dieses Essen beim Kind Brechreiz verursacht (z. B. bei Leber oder Milchreis). Evolutionsforscher sagen, dass Kinder in einem bestimmten Alter von Natur aus mäklig sind, nämlich genau zu der Zeit, als sie sich im Steinzeitalter aus dem Sicherheitsbereich der Eltern wegbewegten. Mit etwa drei Jahren wechselten sie in die heterogene Kindergruppe und fingen an, allein mit den Freunden herumzustreunen. Es ist evolutionär sinnvoll, dass die Natur da einen Mechanismus "eingebaut" hat, nach welchem die Kinder keine Lust auf neue, unbekannte Lebensmittel haben. Schließlich könnten sie sterben, wenn sie im Busch einfach so die lecker aussehenden roten Beeren probieren. Da das Gehirn unserer Kinder noch immer urzeitlich geprägt ist, blieb dieser Mechanismus über die Jahrhunderte bestehen. Was macht man da am besten? Abwarten und Tee trinken. Ab dem 5. bis 7. Lebensjahr fangen alle Kinder an, ihr Essens-Repertoire zu erweitern. Ohne Druck und Zwang. Und sind sie bis dahin nicht körperlich völlig krank? Nein. Keine der extensiven Studien, die zu mäkligen Essern geführt wurden stellte fest, dass diese irgendwie kränker seien. Sie seien dünner als Altersgenossen, ja, aber körperlich fit. [u.a. Mascola/Bryson/Agras, 2010, "Picky Eating during childhood: A longitudinal study to age 11 years, In: Eating behaviors 11/4, S. 253-257]

Es ist übrigens richtig, dass es gut ist, wenn Eltern nicht zu fokussiert auf das Thema Essen sind. Je weniger Bohei darum gemacht wird, desto eher lassen sich Kinder auf Neues ein. Es ist aber wie gesagt auch völlig normal, wenn Kinder phasenweise, auch über Monate, nur eingeschränkt und einseitig essen. Das kann man gut in Dr. Carlos Gonzales Buch, Bei Herbert Renz-Polster oder auch in unserem Artikel über mäklige Esser nachlesen. Wir haben auch über mögliche Probleme beim Essen,wie Würgen oder Erbrechen geschrieben, in einem solchen Fall solltet ihr euer Kind ärztlich untersuchen lassen.

Immer wieder will die Mutter von Zarah in der Nacht zu ihrer Tochter. Einmal schafft sie es sogar, und schleicht sich nachts ins Zimmer. Sie kann es nicht aushalten, von ihr getrennt zu sein. Sie findet, wenn sie schon getrennt sind dann sollte doch wenigstens Zarah in einem Zimmer mit Kamera sein, damit sofort jemand erkennen würde, wenn es ihr schlecht geht. "Das ist nicht nötig", wird sie von der Schwester abgebügelt. In der Tagesbesprechung des Personals unterhalten sie sich über diese Mutter: "Es fällt ihr unheimlich schwer, loszulassen." Im Gespräch mit Langer sagt die Mutter, sie wolle immer sicherstellen, dass es ihrer Tochter gut geht, sonst ginge es ihr selbst nicht gut. "Sie ist mein Leben!" ruft sie aus. "Ja...", erwidert Langer, "aber nebenbei brauchen sie ja auch ein eigenes Leben." Er erklärt ihr, dass Kinder zwei Möglichkeiten haben, Aufmerksamkeit zu erheischen. Einmal über Machtkämpfe und einmal über demonstrative Hilflosigkeit. Gerade letztere sei für Eltern sehr schwer erträglich und Zarah würde dies nutzen Sie muss aber lernen, dass sie keine kleine Prinzessin ist.

Nun, es mag sein, dass es gesünder ist, wenn Eltern ihr Kind nicht als Mittelpunkt ihres Lebens sehen, aber können wir bitte die Vorgeschichte der Familie in Betracht ziehen? Sie sind immerhin Geflüchtete. Wer weiß, welche Traumata sie erlitten haben? Dass die Mutter da unbedingt sicherstellen will, dass es ihrem Kind gut geht, finde ich absolut nicht verwunderlich. Sie die exakt gleiche Therapie wie alle anderen durchlaufen zu lassen, finde ich etwas mau für eine Klinik.

Baby Laura


Eine Mama mit dem jüngsten aufgenommenen Teilnehmer in diesem Film - es ist noch ein Baby - berichtet erschöpft darüber, dass ihr Baby ununterbrochen weint, bis zu 14 Stunden am Tag. Sie hört sogar schon Phantomschreie. Sie sei weit weg von Zuhause und höre das Baby trotzdem schreien. Sie sei deshalb auch von zuhause ausgezogen. Bei der Geburt hatte sie einen schlimmen Blutverlust durch Gebärmutterriss und musste sofort operiert werden. Ihr Mann habe mit dem Neugeborenen im Kreißsaal gesessen, überall Blut, während sie im OP notoperiert wurde. Dass er ungeheure Angst um sie hatte, ist klar. In der Situation, in der sie das erzählt, ist ihr Baby ruhig, es schläft an ihrer Brust und sie wackelt ununterbrochen, damit es nicht aufwacht. Das sieht auch Langer, der das in der Fallbesprechung mit seinen Mitarbeiterinnen anmerkt. Man sieht im Film nicht sehr viel von ihr und dem Baby. Nur einmal, als die Kinder das erste Mal in der Mäuseburg abgegeben werden, ist es dabei und trotz seines Alters muss es auch die gesamte halbe Stunde dort allein verbringen. Beim Abholen ist es ruhig, man sieht nicht, ob es vorher geweint hat, oder nicht. 

Ja, das ist hart und ich verstehe, dass die Mutter gern möchte, dass das Schreien und der Stress aufhört. Es ist gut, dass sie einen Weg sucht, damit es ihr besser geht. Ich hoffe sehr, dass man im Film nur nicht gesehen hat, dass diese Mama eine Therapie für ihr Geburtstrauma bekommen hat, denn dieses kann sich auf das Baby übertragen, und es zu einem Schreikind werden lassen. Therapiert man die Mutter, wird in den meisten Fällen auch das Baby ruhig. Emotionelle Erste Hilfe ist für Eltern, die sich mit dem Alltag mit ihrem Baby oder Kleinkind überfordert fühlen oder Traumata wie einen Gebärmutterriss, eine Fehlgeburt oder den Tod eines Kindes verarbeiten müssen und es fängt die Eltern wahnsinnig gut auf. Hier der Bericht einer bedürfnisorientierten Mutter, die bei EEH Hilfe gefunden hat. 

Safe-Kurse gibt es überall in Deutschland verteilt. Ich selbst habe so einen Kurs absolviert, als wir unser erstes Kind erwarteten. Man wird die Schwangerschaft über betreut und hat in regelmäßigen Abständen Kurse, in denen über Bindung etc. gesprochen wird und auch das gesamte erste Jahr lang geht der Kurs weiter, dann mit Baby. Auch hier wird man feinfühlig betreut und man erlernt die Signale von Babys zu entschlüsseln. Wenn man möchte, dann ist so ein Safe-Kurs eine Art Elternführerschein, aber eben auf bedürfnisorientierte Art und Weise. 

Auch ein Baby-Steps-Kurs von Einfach Eltern kann Euch helfen, die Signale Eures Kindes zu entschlüsseln und darauf bedürfnisorientiert zu reagieren.

Wellcome ist eine moderne Nachbarschaftshilfe für Familien nach der Geburt. Eine geschulte Helferin - die euch hoffentlich auf den ersten Blick sympathisch ist - kommt direkt nach der Geburt zu euch in die Wohnung und unterstützt euch bei alltäglichen Dingen. Sie holt beispielsweise ältere Kinder von Kita und Schule ab, kocht für euch, macht die Wäsche etc. Ganz sicher nimmt sie euch euer schreiendes Baby auch mal ab, damit ihr in Ruhe duschen könnt. Wenn das für euch okay ist, geht sie mit dem Baby auch spazieren, damit ihr eine Runde schlafen könnt. Niemand hält 14h Durchschreien ohne Krise aus, das ist klar. Da braucht eine Mutter ganz klar Unterstützung!

Auch das Deutsche Kinderschmerzzentrum in Datteln arbeitet bedürfnisorientiert. Den Eltern wird zugehört und vertraut, sie dürfen im Familienbett schlafen. "Eine Klinik voller Liebe und Vertrauen, Anerkennung und Wertschätzung. Ich bin unendlich dankbar bis heute." schreibt Mo Zart vom Blog 2kindchaos. 

Danielle hat in unserem Blog über Schreikinder geschrieben, und was ihr selbst in der Situation mit ihrer Tochter geholfen hat. Auch eine (unerkannte) postnatale Depression der Mutter kann Ursache für vermehrtes Schreien bei Babys sein.

Eine weitere Anlaufstelle können Schreiambulanzen sein, die über ganz Deutschland verteilt sind. Allerdings ist es schwierig, zu sehen, welche davon bedürfnisorientiert und welche "nach alter Schule" handeln. Wenn ihr gute Erfahrung mit einer speziellen Schreiambulanz gemacht habt, schreibt sie gern unten in die Kommentare. Das gilt auch für andere Anlaufstellen, die ihr als bedürfnisorientiert erlebt habt. 

Can 


ca. 1,5- 2 Jahre alt, hat eine Regulationsstörung

Man sieht Can mit seiner Mutter im Arztzimmer stehen. Can steht auf der Untersuchungsliege und möchte mit seiner Mutter kuscheln. Der Arzt erklärt ihr gerade: "Wir machen die Untersuchung gerne im Arztzimmer, um den Stress für das Kind zu erhöhen. In ihrem Patientenzimmer fühlt er sich ja jetzt schon wohl, weil sie da zwei Tage lang zusammen gewohnt haben. Deshalb also hier. Ich möchte, dass sie mit ihrem Stuhl immer weiter von der Liege wegrücken, wenn ihr Sohn laut wird oder weint. Es kann auch sein, dass er das locker über sich ergehen lässt." Die Mutter übergibt den sofort strampelnden und kämpfenden Zweijährigen der Schwester. Diese hält den Kleinen fest, will ihn zusammen mit dem Arzt ausziehen. Can brüllt laut. Er drängt zur Mutter, die auf dem Stuhl weit weg von ihm sitzt, doch er wird von der Schwester festgehalten. "Ja," stellt der Arzt sofort fest, "sehen Sie, das gehört zur Regulationsstörung."

Dass diese Einschätzung der Situation völliger Quatsch ist, schreibt Kinderarzt Dr. Renz-Polster hier auf seinem Blog. Möglicherweise hat Can tatsächlich eine Regulationsstörung, aber das erkennt man ganz sicher nicht an seinem Schreien dort auf der Liege. Vielmehr zeigt Cans` Weinen und Kämpfen, dass er sehr gut an seine Mutter gebunden ist und in einer Situation, die ihm Angst macht und die ihm unangenehm ist, zu ihr in den Arm will, um sich über den Körperkontakt zu ihr und den dann ausgelösten Oxitocin-Schub beruhigen zu können. Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch erklärt in seinem Buch "Safe - Sichere Ausbildung für Eltern", wie man eine sichere Bindung zwischen Kind und Eltern erkennt: Ein sicher gebundenes Kind reagiert auf die Trennung von der Hauptbindungsperson mit akutem Stress, welcher sich durch Weinen oder Wüten bemerkbar macht. Das Kind versucht aktiv, wieder zur Bindungsperson zu kommen. Es läuft oder krabbelt hinterher, klammert sich fest oder ruft laut nach Mutter oder Vater. Wird es mit der Bindungsperson wieder vereint, möchte es gern tröstend auf den Arm genommen werden, es kuschelt sich ein und beruhigt sich relativ schnell. Nach der Beruhigung ist es emotional so stabil, dass es im Beisein der Bindungsperson zurückkehrt zum Spiel, ein Körperkontakt ist dann nicht mehr nötig (vgl. Brisch, Safe, 2010: 40f). Cans Verhalten zeigt also keine Regulationsstörung, sondern ist völlig normal. Sie zeigt nur, dass Can und seine Mutter eine gute, feste Bindung zueinander haben, dass sie sein sicherer Hafen ist, zu dem er in einer stressigen Situation zurück möchte, um sich beruhigen zu können. Und geht es nicht darum, dass Kinder Strategien lernen, um sich selbst zu beruhigen? Nun, Can hat schon eine! Die Frage ist eher, warum soll dem Kind extra Angst gemacht werden mit dem Ort der Untersuchung? Und warum wird bei allen Kindern im Film die Selbstberuhigung durch Co-Regulation unterbunden?

Fazit


Fassen wir zusammen: Ein Elternpaar mit einem Kind mit OP-Erfahrung, welches seine Milch erbricht, eine geflüchtete Mutter mit schlecht essendem, ebenfalls geflüchtetem Kind, eine Mutter mit zwei Töchtern, eine ist hoch aggressiv, eine isst schlecht, eine Mutter mit Geburtstrauma (Gebärmutterriss), deren Baby 14 Stunden am Tag schreit, ein kleiner Junge mit Neurodermitis, ein weiterer kleiner Junge, der beißt, ein Junge mit Regulationsstörung. Sie alle bekommen dieselbe "Therapie" verschrieben: Trennungstraining in der Mäuseburg, Essenstraining, Schlaftraining. Außerdem absolvieren sie als Familie Spaziergänge im Park, Snoezelen zusammen mit den Eltern und für die Großen gibt es Elternschul-Seminare. Und diese 08/15-Behandlung soll "das Geheimnis guter Erziehung" (WDR) sein? "Ein Muss für alle, die selbst Kinder haben" (Süddeutsche Zeitung), das uns zeigt "wie wir mit unseren Kindern richtig umgehen" (BR)? Seriously? Die hoch gepriesene Wirksamkeit der Therapie basiert lediglich auf einer Befragung derjenigen, die die Behandlung abgeschlossen haben und bereit waren, zu antworten - das sind normalerweise die, die glücklich damit sind. Es gibt bisher keine auf wissenschaftliche Standards gestützte Evaluation des Programmes, erst Recht nicht von unabhängigen Experten. Bisher galt offenbar die Eigenaussage der Klinik als ausreichend und ich freue mich, dass der Film und der Aufschrei der Experten dagegen nun vielleicht den Stein einer evidenzbasierten Evaluation ins Rollen bringt. Geplant war das von den Filmemachern sicher nicht, aber: Danke dafür!

Welches Fazit die sich in der Klinik aufhaltenden Eltern aus der "Elternschule" Gelsenkirchen mitnehmen, beschreibt übrigens eine der Mütter nach etwa einer Stunde im Film: "Nun wissen wir, dass unsere kleinen Würmchen schon strategisch weinen können."

Tja. Nun ja. Es wurde ihnen ja so beigebracht.

P.S. Es wird immer betont, dass die Probleme in den Familien so krass sind, dass nichts anderes als der Aufenthalt in der Klinik mehr helfen würde. Tatsächlich fand ich die im Film portraitierten Familien eher durchschnittlich. Ich bin mir sicher, dass alle diese Probleme zumindest dieser Familien auch bedürfnisorientiert hätten gelöst werden können. Dass, wie im Film behauptet, die Klinik immer der letzte Rettungsring von Familien nach einem langen Weg von Beratung zu Beratung ist, wage ich zu bezweifeln.

© Snowqueen
sen+

Kommentare:

  1. Ich checks nicht! Das ist ein Film, der ernsthaft diese Methoden als gute Erziehung anpreist? Ich könnte mir den glaube ich gar nicht angucken. Bei deinen Schilderungen der Situationen ist mir schlecht geworden und ich hatte Tränen in den Augen. Wie furchtbar!
    Trotzdem... wieder mal ein toller Bericht.
    LG

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  2. Danke für diese genaue Beschreibung der einzelnen Geschichten der Kinder! Ich habe schon so viele kritische Meinungen zur Elternschule gelesen, und trotzdem bin ich jedes Mal wieder schockiert und den Tränen Nahe. Ich kann nicht anders, wenn ich sowas lese: ich muss mir dann vorstellen mein einjähriger Sohn wäre an der Stelle dieser Kinder.
    Ich frage mich aber auch, wie abgestumpft das medizinische Personal in der Klinik sein muss, dass ihnen keine Zweifel an den Methoden kommen.

    Was mich auch noch wundert, bedürfnisorientiert hin oder her: warum muss ein zweijähriges Kind gefüttert werden? Mein Sohn isst seit er ca. 1,5 Jahre alt ist sehr geschickt mit Löffel und Gabel, vorher mit Fingern. Klar, als Baby Led Weaning- Kind hatte er da schon viel Übung, trotzdem denke ich, ein zweijähriger kann das bestimmt selbst? Und falls das Füttern eine Methode ist, über die Menge zu bestimmen, die das Kind essen muss: irgendwann muss das Kind selbst essen lernen. Was machen die Eltern dann?

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    1. Das mit dem Füttern hat mich auch sehr verwundert. Aus den Berichten bisher dachte ich, dass es sich bei den Fütterszenen um das Kind handelt, das gar nichts isst und sondiert werden soll. Da hätte ich es noch irgendwie nachvollziehen können. Aber es scheinen ja sogar mehrere andere Kinder gewesen zu sein.

      Dass 2jährige sich nicht mehr füttern lassen, hatte ich bis jetzt für normal gehalten. Meine Tochter (kein BLW Kind) hätte mit 2 mit Sicherheit um ihr Leben gebrüllt, wenn eine fremde Person versucht hätte, sie unter festhalten zu füttern. Wäre es anders, würde mir das Sorgen machen.

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    2. Meine kinder haben auch alle Brei gefüttert bekommen als Babys. Trotzdem haben sie recht zeitig angefangen selbst zu essen. Mit 2 Jahren wurde schon lange keins mehr von mir gefüttert.

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  3. Ich sitz hier mit Tränen im Gesicht , das ist nicht Ernsthaft eine Klinik ? das klingt eher wie Folter für mich an Kindern tut mir Leid.Toller Beitrag der mir zeigt so auf keinen Fall

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  4. Hallo, danke für euren ausführlichen und gut recherchierten Artikel, der hoffentlich ganz ganz viele Eltern erreicht!
    Ich hoffe, dass sich hier auch andere Medien einschalten und an das Thema herantrauen.
    Bin immernoch sehr bestürzt über den Film und kann nicht fassen, dass es im Kino auch noch teilweise Gelächter im Publikum gab.
    Danke auch für eure Verlinkung zu meinem Blog, habe ich durch Zufall entdeckt, freue mich jedoch, dass andere den Film ähnlich kritisch sehen wie ich.
    LG, Astrid

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  5. Mir wird so schlecht, wenn ich das lese! Ich glaube, ich könnte es gar nicht anschauen. Danke, dass du dir dies angetan hast und so ausführlich darüber schreibst. Je mehr Stimmen dagegen, desto besser! Es ist wirklich schlimm, dass der Film diesen Namen tragen darf, in Kinos gezeigt wird und dass es wahrscheinlich Leute gibt, die nicht mitbekommen, dass dieser Film ganz furchtbar ist!!!

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  6. Ich bin auch einfach nur geschockt. Ich habe lange überlegt mir auch den Film anzuschauen, aber ich glaube ich würde nur weinend und wütend da sitzen.
    Ich finde hier geht es nur um Macht und nicht um Führung. Machtausübung der Schwester (wie man an deren Kommentaren entnimmt), Machtausübung die den Eltern beigebracht wird. 'Ich stelle hier die Regeln und du bist nichts und hast zu hören'. Es ist einfach nur grausam! Und sowas zur heutigen Zeit! Ich bin froh, dass Ihr und viele andere so viel darüber schreibt und auf die Barrikaden geht!
    Danke euch dafür!

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  7. Ich schließe mich den anderen an und danke ganz besonders auch für die vielen Links zu den anderen Veröffentlichungen, Kommentaren und Stellungnahmen

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  8. Vielen Dank für den tollen Artikel.
    Ich werde den Film sicher nicht ansehen, ich muss so schon weinen.
    Ich verstehe nicht, dass so etwas heutzutage noch möglich ist. Ich erkenne da keine gewaltfreie Erziehung.

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  9. Danke für den Artikel :)
    Es ist ganz furchtbar dass immer noch positive Stimmen zum Film sehr präsent sind und z den gezeigten Methoden.

    Zum Punkt der. Familienberatungsadressen: eine Vernetzungsseite der Bindungs- und beziehungsorientierten Eltern - und Familienberaterinnen nach Katia Saalfrank ist übrigens auch in Planung, um uns alle regional und zusammengefasst zu finden.
    Viele Grüße
    Tatjana

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    1. Wunderbar! Postest du sie dann hier? Ich verlinke dann im Text!

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  10. Danke für den - wie immer - informativen,sachlichen aber deutlichen Artikel. Eine Bereicherung im Diskurs.
    Und was das wirklich allerbeste ist und ich meist bei den anderen Stellungnahmen vermisste:
    Dass du Alternativen aufzeigst, wohin kann ich mich wenden, wenn ich Hilfe brauche, wenn ich die Beziehungen in der Familie verbessern will, wenn ich lernen will, wie ich weiter kommen kann.
    Kritisieren, aber dann keine anderen Hilfsangebote aufzeigen zu können, hatte für mich immer so was auswegsloses.
    Danke dafür.
    Liebe Grüße, Mo

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  11. Herzlichen Dank für diesen ausführlichen Artikel. Du hast dir so viel Mühe gegeben, doch ich konnte nur wenig am Anfang überfliegen, dann wurde mir fast schon schlecht! Zeigen so viel Gewalt gegen Kinder wirklich als guten Weg im Kino? Und ich gewöhne mir gerade die wann...dann...Sätze ab.
    In diesen Film werde ich sicher nicht gehen!!
    Danke auch, dass du alternative Hilfsangebote dazu geschrieben hast.
    Liebe Grüße
    Pia

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  12. Oh mein Gott.
    Ich kannte den Film nicht, aber was ich lese entsetzt mich.
    Wir wohnen im direkten Einzugsbereich dieser Klinik und ich kenne einige die dort waren.

    Es tut mir für die Eltern und Kinder so leid dass sie sowas durchmachen müssen.

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  13. Vielen Dank, liebe snowqueen, für deine detaillierte Beschreibung und Analyse der Filmsequenzen und vor allem für die Auflistung alternativer, bedürfnisorientierter Wege und Hilfsangebote. Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich von den gewaltvollen Szenen im Film lese, und bin so froh, dass es einen großen Aufschreib dagegen gibt. Danke für deinen Beitrag dazu!

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  14. Danke für diesen Beitrag. Ich hab den Film nicht gesehen, aber natürlich ist mir klar, dass ich wahrscheinlich vieles daran doof finden würde. Was mich allerdings in dieser Debatte auch ein bisschen rasend macht, dass viele den Film lautstark kritisieren ohne ihn je gesehen zu haben. Gut, dass Ihr Gegenmaßnahmen an die Hand gebt. Ein Fan (von Euch)

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  15. Ich glaube, ich könnte mir so etwas gar nicht ansehen.
    Mir ist übel und ich habe Tränen in den Augen nur vom Lesen. Wer hätte es für möglich gehalten, dass solche Gewalt gegen Kinder heutzutage noch salonfähig ist.

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  16. Ich habe das der Therapie zu Grunde liegende Buch von Stemmann gelesen. Meine Vermutung hinsichtlich des Händchen haltens ist, dass das in der stemmannschen gedankenwelt eine zu ebenbürtige geste ist. Seiner Meinung nach müssen Eltern ihre kinder “auf ihre Plätze verweisen“. Diese Ordnung muss wieder hergestellt und anschließend bewahrt werden.

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  17. Das das ganze einfach nur (sorry für die Wortwahl) Pervers. Immerhin ein hoffnungsschimmer mittlerweile beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft mit der Klinik, Und für das Personal schlage ich auch mal eine Therapie vor und zwar ganz in ihrem Stiehl

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  18. Ich kann mir schon gut vorstellen, dass für viele Eltern diese Klinik die "letzte Chance" ist. Vor allem, wenn schon länger die Fremdbetreuung und das Jugendamt Druck machen. Bei uns waren es Kindergarten und Familienhelferin, die mir zu Haarer'scher Härte geraten haben, und weil sowohl mein Kind als auch ich uns trotzig dagegen gewehrt haben, das Gegenteil von dem zu werden, was wir waren, standen wir beide kurz vor der Zwangspsychiatrisierung mit medikamentöser Ruhigstellung. Zum Glück haben unsere Ärzte das damals nicht zugelassen. Soviel Rückhalt hat nicht jede Familie, die vom Jugendamt bedroht wird.
    Die Aussage, dass mein Sohn entweder in die Psychiatrie oder ins Heim muss, hab ich damals vom Jugendamt genau so bekommen.
    Na, die hätten sich über meinen Autisten sicher sehr gefreut...

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  19. Danke für deinen ausführlichen Bericht und das Aufzeigen der Alternativen in den jeweiligen Situationen.

    Kurze Anmerkung:
    Emma hat eine jüngere Schwester, die nicht wirklich aktiv Teil der Therapie ist (zumindest sieht man das nicht im Film) und Anna gehört zu einer anderen Mama, die mir ganz am Ende beim Abschlussgespräch zu sehen ist.

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    1. Ja, ich habe gerade noch ein Protokoll des Filmes von jemandem zugeschickt bekommen, ich weiß also um diesen Fehler. Ich behebe in so schnell ich kann! Danke!

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  20. Vielen Dank für die super Darstellung zum Film Elternschule und überhaupt vielen Dank für euren Blog.
    Hier ist noch eine Stellungnahme des dgkjp, auf die ich über die Internetseite von KHBrisch gestossen bin. Vielleicht magst du sie auch noch verlinken.
    http://www.dgkjp.de/stellungnahmen-positionspapiere/stellungnahmen-2018/483-stellungnahme-der-dgkjp-zum-film-elternschule-2

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  21. http://www.dgkjp.de/aktuelles1/482-stellungnahme-der-dgkjp-zum-film-elternschule
    Hier die Reaktion der Kinder Psychiater
    Toller Kommentar zum Film, es geht wirklich auch anders
    Und es muss, die Station kommt einem bor wie ein geschlossenes totalitäres System, wo es um Macht geht unddem Pflegepersonal die Empathie verloren ging
    Warum fragt man sich in vielen Szenen.
    Einerseits sollen Eltern Grenzen setzen, Halt gebegeben, aber dann sollen die Kleinkinder sich selbst in Stresssituationen selbst beruhigen, also da müssen die dann "der Boss" sein?

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  22. Herzlichen Dank für diesen ausführlichen Beitrag über den Film „Elternschule“. Er ersetzt tatsächlich den Kinobesuch. Ich habe beim Lesen deutlich erkannt, dass sich die liebe Snowqueen hier sehr viel Arbeit gemacht hat, um diesen Film interessierten Eltern näher zu bringen. Ich saß beim Lesen in Gedanken im Kino.
    Zu dem Film habe ich nur die Antwort: einfühlsames beobachten und Zuhören bring mehr, als das mir zumindest teilweise autoritär erscheinende Bild des Filmes den Kindern und Eltern gegenüber.

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  23. Vielen Dank für die tolle ausführliche Beschreibung und die super informativen Kommentare.

    Nur ein klitzekleiner Hinweis, weil ihr darum gebeten habt. Nach meiner Erinnerung ist im Aufnahmegespräch mit dem Schreibaby Lion dabei. Definitiv ist er es, der in der Teambesprechung erzählt und "vormacht", wie sie unaufhörlich das Baby geschuckelt habe. In eurem Bericht steht, es wäre Langer gewesen.

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  24. "Eltern, die ihre Kinder als schwierig empfinden und das Gefühl haben, solche Situationen wie den Gabelwurf souverän zu meistern, können sich eine langfristig angelegte Beratung und Unterstützung bei diesen Anlaufstellen holen:"

    Weil du um Korrekturen gebeten hast: Ich glaube hier fehlt eine Verneinung?

    Ansonsten vielen Dank für diesen Artikel!

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