Bedürfnisorientierte Begleitung hyperaktiver Kleinkinder - Teil 1 Freiraum(überforderung) und Grenzen(übertretung)

Gastartikel von Lea Ibell

Für unsere Familie war die Diagnose unseres Sohnes eine hilfreiche Erkenntnis, um einen verständnisvollen Umgang zu entwickeln. Der Text soll eine Anregung sein, sich frühzeitig mit der „Besonderheit ADHS“ [1] zu beschäftigen und bedürfnisorientiert darauf zu reagieren. Der Text steht unter einer freien Lizenz (CC BY).

Hyperaktive [2] Kinder fallen oft schon früh auf: Sie sind unruhiger, schneller, lauter und unvorsichtiger als gleichaltrige Kleinkinder. Anderen Eltern kann man den Familienalltag schwer verständlich machen. Das gilt auch für das frustrierende Gefühl, weder mit liebevollen Erklärungen, noch mit Warnungen, Ermahnungen oder Konsequenzen auf das kindliche Verhalten Einfluss nehmen zu können, was für Eltern auch eine elementare Erfahrung mangelnder Selbstwirksamkeit darstellt. Hyperaktive Kleinkinder verhalten sich in solch einer Frequenz und Geschwindigkeit unberechenbar, dass man dauernd an (und über) seine eigenen Grenzen gelangt. Der Alltag ist geprägt von ständigem Reagierenmüssen.
Blume beschreibt eine typische Frühstückssituation mit ihrem Vorschulkind:

„Sascha rutscht beim Kauen auf seinem Stuhl hin und her, fällt vom Stuhl, steht auf, um zur Toilette zu laufen, wo er das Frühstück vergisst und anfängt, mit Wasser zu spielen. Einer von uns holt ihn zurück. Er sitzt wieder auf seinem Stuhl und schiebt sich ein ganzes Brot in den Mund, sodass es beim Kauen zur Hälfte heraushängt. Wir fordern ihn (zum gefühlt eine millionsten Mal) geduldig auf, erst ein Stück abzubeißen, dann zu kauen, runterzuschlucken und erst wenn der Mund leer ist, wieder abzubeißen und loben ihn für einen gelungenen Bissen. Die Banane isst er dann trotzdem, ohne beim Kauen das Abbeißen zu unterbrechen. Dann will er die Nugatcreme, die auf der anderen Seite des Tisches steht. Dazu schmeißt er sich einfach auf den Tisch, um an sie heranzukommen und wirft dabei seinen Becher mit Milch um. […] Tisch, Geschirr, Kind, Stuhl und Boden müssen erst mal gereinigt werden. Dann sitzt er wieder und isst sein Brot mit Nugatcreme. Dabei hat er gleichzeitig die Finger im Mund, mit denen er sich eine halbe Sekunde später durch die Haare fährt, bevor er ein Stück Käse in Papas Kaffeetasse versenkt. […] Er ignoriert unsere Aufforderung, [seine kleine Schwester] in Ruhe zu lassen […] und klaut mein Messer. Ich will es wiederhaben, er brüllt mich an, dass er jetzt selbst Butter auf sein Brot schmieren will und fuchtelt damit herum. Dann schnappt er sich die ganze Salami und beißt einfach rein, statt sich eine Scheibe abschneiden zu lassen. Zum Schluss fällt er nochmal vom Stuhl und tut sich diesmal weh, sodass wir ihn trösten und ein Kühlpad holen müssen. […] Konsequenz ist in diesem Zusammenhang ein schwieriger Begriff.“ [3]

Kind steht auf Stein am Fluss


Als Eltern wird man von fremden Leuten angesprochen, als inkonsequent oder überbehütend kritisiert und mit Erziehungstipps überhäuft. Am häufigsten wird einem geraten, man solle seinem Kind mehr Grenzen setzen. Oft bekommt man aber auch den gegenteiligen Rat: Man solle nicht zu viele Grenzen setzen und seinem Kind mehr zutrauen.

„Beide Ratschläge haben einen wahren Kern und sind grundsätzlich sinnvoll für die Erziehung aller Kinder. Alle Kinder brauchen Grenzen und Freiheiten. Der Mangel an dem einen oder dem anderen ist aber nicht die Ursache für ADHS. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre...“ [4]

Man hat gar keine andere Wahl, als ein hyperaktives Kleinkind irgendwie zu begrenzen – wie wichtig einem kindliche Freiräume auch erscheinen. Man kann sein Kind schlicht nicht „loslassen“, wenn es ständig sich und andere in Gefahr bringt. Sobald man doch mal unaufmerksam ist, hagelt es negative Erfahrungen: Mein Sohn wurde schon von fremden Eltern angebrüllt, geschüttelt oder weggestoßen, bevor ich eingreifen konnte.

„Eltern behalten diese Kinder ständig im Auge, und deshalb wird ihnen vorgeworfen, dass sie überbehütend seien. Die Impulsivität der kindlichen Handlungen führt dazu, dass eigenes und fremdes Spielzeug oft innerhalb weniger Minuten zerstört wird, dass Kleider zerrissen, zerschnitten oder verschmutzt werden, ohne dass die Kinder dies beabsichtigen. Es geschieht nebenbei, ohne Überlegung und nicht gezielt.“ [5]

Spätestens in der Kita muss man mit Vorwürfen umgehen, das Kind sei „unerzogen“, „aggressiv“ oder „bindungsgestört“. Bereits aus einem immensen Eigeninteresse steht daher die Frage, wie man es zur Einhaltung von Grenzen (anderer) bewegen kann, in vielen Familien jahrelang im Vordergrund. Den typischen Weg beschreibt eine Mutter so:

„Mein Mann und ich haben anfangs die Schuld bei uns gesucht. […] Unsere Eltern und Schwiegereltern haben uns immer wieder gesagt, dass wir strenger, härter und konsequenter sein müssen. Wir hatten schon im Kindergartenalter alle Erziehungsmethoden durch: mal streng, mal autoritär, mal anti-autoritär. Aber egal was wir versucht haben, es hat nichts geändert.“ [6]

Um einen bedürfnisorientierten Umgang zu entwickeln, muss man m.E. zunächst verstehen, warum die gängigen Erziehungskonzepte bei hyperaktiven Kleinkindern nicht „funktionieren“.

Hyperaktive Kinder zwischen Freiraum(überforderung) und Grenzen(übertretung)


Das Problem mit dem Freiraum/Freispiel


Beim freien Spiel leben Kinder üblicherweise Energie und Schaffensfreude aus. Doch Kindern mit ADHS kann schon eine selbständige Beschäftigung von wenigen Minuten Schwierigkeiten bereiten, wenn sich die Bezugsperson kurz abwendet. Sie wissen dann scheinbar „nichts mehr mit sich anzufangen“. Hyperaktive Kleinkinder rasen auf dem Spielplatz oft wie „aufgezogen“ hin und her, brechen begonnene Tätigkeiten sofort wieder ab, behindern andere Kinder oder laufen dauernd zu (bekannten oder fremden) Erwachsenen. Während viele Leute noch erfreut auf ein kontaktfreudiges Baby reagieren, wird das Verhalten mit zunehmendem Alter als distanzlos und störend empfunden. Dieses rücksichtslos wirkende Verhalten („er gönnt einem keine Pause“) verdeckt mitunter die eigentlichen ADHS-Symptome, sodass ein Kind, das eigentlich ein Problem mit seiner Handlungsplanung hat, nach außen wirken kann, als mache es planmäßig Blödsinn. Hingegen wirkt dasselbe Kind hochmotiviert und verständnisvoll, wenn ältere Kinder es in ihr Spiel integrieren oder es sonst zum Spiel „angeleitet“ wird.

Mit meinem Sohn konnte man als Baby stundenlang schaukeln, singen, musizieren und Bücher anschauen. Doch war er einen Moment sich selbst überlassen, riss er Stühle und Stehlampen um, warf mit Essen, Spielzeug und Geschirr, bemalte die Wände, zerbrach Stifte, biss in Kabel oder versuchte aus dem Fenster zu klettern. Sobald er laufen konnte, rannte er andere Kinder über den Haufen oder umarmte/würgte sie, lief zielstrebig in Richtung Straße oder zu anderen Gefahrenquellen. Sehr intensiv erinnere ich mich an einen Besuch in einem liebevoll eingerichten Pikler-Raum, in dem die Kinder sich „frei“ entfalten durften. Binnen zehn Sekunden war mein damals 18 Monate alter Sohn über einen Säugling gestolpert, hatte die Badewanne mit Sand umgestürzt und haute mit einer Suppenkelle gegen einen Spiegel und auf seinen Kopf. In den folgenden Minuten gingen diverse „sichere Spielmaterialien“ zu Bruch, Heu und Holzeier flogen durch die Luft, mehrere Mütter stellten sich schützend vor ihre Babys. Nachdem er jauchzend den Balancierbalken hoch stemmte, den ein anderes Kind an den Kopf bekam, bestand unter den Eltern Einigkeit, dass das Konzept „im Moment nicht das Richtige“ für meinen Sohn sei. Er sah dies anders, brüllte und strampelte, weil er sich nicht anziehen, sondern weiter mit Holzeiern werfen wollte. (Erst drei Jahre später traute ich mich mit meinem zweiten Sohn wieder dorthin. Er sortierte konzentriert die Holzeier in Eierbecher, fischte mit der Kelle Muscheln aus dem Sand, kuschelte im Heu und balancierte über den Balken.)

Seit seinem fünften Lebensjahr kann sich mein großer Sohn in einer bekannten und übersichtlichen Umgebung kurze Zeit selbst beschäftigen. Doch noch immer fällt es ihm schwer, wenn ich dusche oder telefoniere, einen Moment allein zu überbrücken. Er kommt nicht auf die Idee, im Kinderzimmer zu spielen oder ein Buch anzusehen. Stattdessen kann es sein, dass er die Küchenrolle abribbelt, alle Duschgels auf dem Sofa ausdrückt, sich mit Zahnpasta eincremt, seine Hand im Nutellaglas untertaucht, Salz in Orangensaft verrührt oder seinem Bruder die Haare schneidet...

Schwierigkeiten bei der Eigenregulation


Unstrukturierte Situationen stellen hohe Anforderungen an die Eigenregulation, d. h. die Fähigkeit, seine Handlungen zu steuern und seinen Erregungszustand an die jeweilige Situation anzupassen. Kinder mit ADHS haben zudem Schwierigkeiten mit der Reizverarbeitung. Beim freien Spielen muss die Lage eingeschätzt und nebensächliche Reize müssen ausgeblendet werden. Bereits bei der Auswahl der Aktivitäten (Wohin gehe ich zuerst? Was mache ich? Mit wem spiele ich?) kommt es zu Problemen. Die Kinder scheinen entweder zu gar nichts Lust zu haben oder sie interessieren sich für alles gleichzeitig, sodass sie von den stärksten Umgebungsreizen „ferngesteuert“ werden. Weiter setzt das Bei-der-Sache-Bleiben eine Fokussierung auf die eigene Tätigkeit voraus, während das Übergehen zu einer neuen Sache eine Aufmerksamkeitsverschiebung erfordert. Auch dies bereitet reizoffenen Kindern in einer reizvollen Umgebung große Schwierigkeiten, weil sie ständig abgelenkt werden. Die Probleme verstärken sich, je schwerer einschätzbar die Spielsituation ist.

Kind schaukelt wild

"Reguliertes Freispiel“


Feste Regeln und Abläufe, aber auch detaillierte Vorbereitung, Absprache oder Anleitung bieten eine Art äußere Steuerung. Regulierend kann auch eine begleitende Bezugsperson wirken, die das hyperaktive Kind motiviert, anleitet, anregt, ggf. ausbremst und wenn es abschweift „zurückholt“. Viele Kinder können ihre Aufmerksamkeit besser steuern, wenn sie sich an dem orientieren, was und wie die anderen spielen (häufig beim Freispiel in der Kita oder bei Geschwisterkindern). Das regulationsschwächere Kind lässt sich dann von einem anderen „mitsteuern“, möglicherweise folgt es dem anderen überall hin und wiederholt jede seiner Handlungen. Manchmal fühlen sich Spielkameraden durch das „Klammern“ genervt, viele Erwachsene sehen darin nur grenzüberschreitendes Verhalten, ohne zu berücksichtigen, dass es dem Kind so gelingt, seine Aufmerksamkeit ausdauernd auf eine andere Person und deren Aktivitäten zu richten.

Gerade Provokationen und das In-Gefahr-Bringen anderer Kinder sind sehr wirksame (unbewusste) Strategien, um unverzüglich – von irgendjemandem – „in die Bahnen gelenkt“ zu werden. Das „Ziel“ dabei ist m. E. nicht die Aufmerksamkeit der Mutter oder der Umgebung (die allein ändert nichts am Verhalten), sondern über ein Einschreiten von Erwachsenen eine (Fremd-)Regulierung zu erhalten.

„Freiheit“ von der Bezugsperson


Erst wenn sich ein Kind in der jeweiligen Umgebung zurecht findet, kann es die Freiheit von seiner Bezugsperson selbstbestimmt nutzen. Sobald dies der Fall ist (z.B. zuerst in vertrauert Umgebung), reduziert sich meiner Erfahrung nach automatisch das „störende“ Verhalten und es kommt zur (Hyper-)Fokussierung auf selbstgewählte Tätigkeiten, sodass man sich als Eltern zunehmend zurückziehen kann:


Ungünstige Folgen von zu viel / zu früher Eigenverantwortung


Man würde kaum auf die Idee kommen, einen wenige Monate alten Säugling auf einem belebten Spielplatz allein im Sandkasten spielen zu lassen. Stattdessen würde man sich neben ihn setzen, die Umgebung kommentieren, ihm vielleicht Sand über den Arm rieseln oder ein Förmchen in die Hand geben, bis er durch Weinen anzeigen würde, dass er nun genug hat, woraufhin man ihn beruhigend an die Brust oder in den Kinderwagen legen, also in eine bekannte Umgebung bringen würde. Auf diese Weise hilft man ihm, sich sanft an neue Reize zu gewöhnen. Man begleitet es intuitiv, weil seine Überforderung deutlich erkennbar ist: Sein eingeschränkter Aktionsradius entspricht seiner Fähigkeit zur Reizverarbeitung. Das ist bei hyperaktiven Kleinkindern anders: Ihre frühe und schnelle (Fort-)Bewegung, Stärke (undosierte Kraft), Furchtlosigkeit (mangelndes Risikobewusstsein) und Unempfindlichkeit (mangelnde Körperwahrnehmung) führen oft zu einer Überschätzung ihrer sozial-emotionalen und regulatorischen Fähigkeiten. Auf Reizüberforderung reagieren sie oft nicht durch Rückzug/Reizvermeidung, sondern durch verstärkte Unruhe/Reizsuche. So denkt man als Eltern leicht, das Kind benötige mehr Freiraum und neue Orte und Aktivitäten. Wenn es weg läuft, meint man, es will woanders hin, obwohl es nicht verweilen kann. Wenn es Freunde haut, versucht man, es mit Kindern zusammen zu bringen, die sich vielleicht wehren o.ä. Viele Eltern versuchen auch, dem Kind mehr Verantwortung zu übertragen, damit es Eigenverantwortung lernt. Dadurch wird es immer neuen Reizen ausgesetzt, die es nicht verarbeiten kann. Es gerät in immer neue Situationen, die es nicht einschätzen und erst recht nicht allein bewältigen kann. Es kommt verstärkt zu Reizüberflutung und (sozialer) Überforderung, die für das Kind (und seine ganze Umgebung) mit höchster Erregung, Stress und Frustrationen einhergehen.

Das Problem mit dem Grenzen(durch)setzen


Bevor man über Grenzensetzung und -durchsetzung nachdenkt, sollte man sich klar machen, dass das (unwillkürliche) Übertreten von Grenzen/Regeln ein primäres Symptom von ADHS ist. Das Verhalten folgt oft direkt aus den Wahrnehmungs- und Steuerungsproblemen und lässt sich grundsätzlich nicht „aberziehen“. Verwunderlicherweise wird dies selbst von „Fachleuten“ oft verkannt und den Eltern suggeriert, dass sie das grenzüberschreitende Verhalten irgendwie ändern könnten/müssten.

Im Gegensatz zu der landläufigen Auffassung, dass hyperaktive Kinder zu wenig Grenzen kennen, erfahren sie viel mehr Grenzen, Konsequenzen und negative Reaktionen als andere Kinder. Sie stoßen von klein auf an objektive Grenzen und machen die Erfahrung, dass sie ständig begrenzt werden (müssen). Schon von daher sollte man über jede (weitere) Begrenzung sorgsam nachdenken.

Seit mein Sohn mit fünf Monaten zu krabbeln begann, musste ich im Minutentakt Gefahren von ihm oder anderen Kindern abwenden. Andere Kleinkinder kamen mir „vernünftig“ vor: Sie liefen nicht (mehr) vor Autos und Fahrräder, zerbrachen keine Gläser in der Hand, sprangen nicht kopfüber von Stühlen, kippten nicht jeden Mülleimer aus und versuchten auch nicht, Wachsmalstifte und spitze Gegenstände zu essen. Weil sie nicht nach so „originellen“ Tätigkeiten strebten, mussten ihre Eltern sie auch nicht ständig einschränken.

Im Bemühen, unseren Sohn zu „zähmen“, haben wir ihn viele Male motiviert (oder gezwungen), verschüttetes Wasser aufzuwischen, sich bei weinenden Kindern zu entschuldigen oder sich in seinem Zimmer zu „beruhigen“. Wir haben – jahrelang – jeden Spielplatz nach wenigen Minuten verlassen, weil er geschubst, gehauen oder gebissen hatte. Wir haben unzählige mehr oder weniger sinnvolle „Wenn...dann“–Regeln aufgestellt, immer wieder angedroht und durchgesetzt, auch wenn wir das Gefühl hatten, ihn damit nicht zu erreichen. Mit vier antwortete er auf die Frage „Weißt du eigentlich, warum man nicht mit Sand werfen darf?“ mit: „Weil ich dann Mecker kriege.“ Als er in einen Kinderwagen kletterte und („Süßes Baby!“ rufend) einem schlafenden Neugeborenen ins Bein biss, worauf dieser mitsamt seiner Mutter in Tränen ausbrach, fragte er genervt: „Muss ich jetzt wieder auf der Bank sitzen?“. Einmal saßen wir fast zwei Stunden mit ihm in der Küche, bis er nach etlichen Tränen und Tobsuchtsanfällen endlich etwa 100 zerstreute Zahnstocher aufgesammelt hatte. Danach lobten wir ihn, erschöpft und am Ende unserer Kräfte, im nächsten Moment schleuderte er überschwänglich die noch offene Zahnstocherdose durch die Luft...

Mangelndes Folgenverständnis und impulsives Handeln


Die Ignoranz vieler hyperaktiver Kinder gegenüber den natürlichen Folgen ihres Handelns fällt oft bereits im Säuglingsalter, lange vor der (Nicht-)Reaktion auf erzieherische Konsequenzen auf: Sie tun Dinge immer wieder (auch wenn es für sie ungünstig ist) – und scheinen oft immer wieder von den Folgen überrascht. Für die Verknüpfung einer Ursache mit seiner Folge ist ein Halten der Aufmerksamkeit während des gesamten Kausalvorgangs erforderlich. Um auf die Erfahrung zugreifen zu können, muss ein Kind eine folgende Situation als vergleichbar erkennen. Damit haben hyperaktive Kinder Probleme. Sie erfassen Kausalitäten schlechter und lernen langsamer aus Erfahrungen. Außerdem handeln sie oft spontan, ohne dabei an die (eigentlich bekannten) Folgen denken zu können. Dies gilt auch für positive Folgen!

Langsameres Verständnis von Regeln


Hyperaktive Kinder zeigen ein extremes Neugierverhalten. Außergewöhnliches, auch jede Ausnahme, prägt sich ihnen besonders ein und löst – im Gegensatz zu gewöhnlichen Alltagshandlungen – sofortigen Nachahmungseifer aus. (Mein Sohn hat bis heute einen versierten Blick für die „verkehrte“/zweckentfremdete Nutzung von Geräten und eine beeindruckende Aufmerksamkeitsspanne für durch die Luft fliegende Bausteine, einstürzende Türme, bei rot die Straße überquerende Personen etc.) Die üblichen Abläufe und (auch sozialen) Regeln laufen an ihrer Aufmerksamkeit hingegen oft vorbei. Zwar können sich alle Menschen besser auf spannende Dinge konzentrieren – Menschen mit ADHS können sich aber nur darauf konzentrieren. Dies macht im Alltag einen gewaltigen Unterschied, da etliche Handlungen nicht wie bei neurotypischen Kindern „nebenbei“ erlernt werden. Hyperaktive Kinder können eine Regel eher verinnerlichen, wenn sie sie als sinnvoll anerkennen und unbedingt einhalten möchten. Aus diesem Grund sollte man Regeln überzeugend begründen, klar vertreten und selbst konsequent einhalten. Die kindliche Regelüberschreitung konsequent zu ahnden, trägt hingegen oft eher zur Ablehnung der Regel durch das Kind bei.

Erzieherische Konsequenzen


Bei den erzieherischen Konsequenzen legen die Eltern (zusätzliche) Folgen für ein kindliches (Fehl-)Verhalten fest. Konsequenzen werden am besten verinnerlicht, wenn sie immer direkt auf die Handlung folgen – was bedeutet, dass man sich dadurch auch als Eltern auf eine Reaktion festlegt und insoweit unflexibel wird. Meiner Erfahrung nach machen sie erst Sinn, wenn das Kind schon ein gewisses Verständnis für die natürlichen Folgen seines Handelns entwickelt hat und sein Verhalten entsprechend steuern kann. Solange ein Kind immer über dieselben Gegenstände stolpert, sich immer wieder in derselben Schublade einklemmt, mit Sand wirft, den es selbst ins Auge bekommt und auf Hunde zu rennt, obwohl es schonmal gebissen wurde – solange es nicht einmal aus wiederkehrenden unmittelbar schmerzhaften Erfahrungen lernt, ist es logischer Weise auch für weitaus abstraktere „logische Konsequenzen“ kaum empfänglich.

Kind klettert im Baum


Konsequenzen auf „störendes“ Verhalten


Da hyperaktive Kinder ihr Verhalten oft nicht steuern, v.a. nicht vermeiden können, laufen erzieherische Konsequenzen dagegen ins Leere: Nimmt man etwa einem regulationsstarken Kind sein Essen weg, wenn es nicht still sitzen bleibt, kann man es vielleicht dazu bringen, still/leise zu sein (Verhalten) – aber nicht dazu, sich dabei ruhig/entspannt zu fühlen (Befindlichkeit) oder das Essen lecker zu finden (Wahrnehmung). Die Steuerungsleistung, ein Verhalten an den Tag zu legen, das der eigenen Wahrnehmung (ekliges Essen) und Befindlichkeit (Unruhe) widerspricht, überfordert sogar viele neurotypische Kleinkinder. Ein hyperaktives Kleinkind kann schlicht nicht still sein, wenn es sich unruhig fühlt. Es wird durch das Wegnehmen des Essens nur frustriert und gestresst, was seine Impulskontrolle weiter vermindert und seine Unruhe verstärkt, so dass es erst recht nicht sitzenbleiben kann. Auf ein nicht steuerbares Verhalten mit erzieherischen Konsequenzen Einfluss nehmen zu wollen, dürfte ungefähr so sinnvoll sein, wie Tics beim Tourette-Syndrom oder stereotype Bewegungen bei autistischen Menschen konsequent mit negativen Reaktionen zu begegnen: Es baut zusätzlichen Druck auf und verstärkt damit genau die ungünstigen Verhaltensweisen. (Wer weder ADHS noch Tics oder Autismus hat, kann sich zur Veranschaulichung vorstellen, man versuche jemanden, der nicht einschlafen kann, durch negative Konsequenz zum Schlafen zu bringen).

Mit zunehmender Verhaltenssteuerung kann eine „Konditionierung“ gelingen, sofern es um aktives Tun geht, weil Handeln/Lenken hyperaktiven Kindern oft weniger Probleme bereitet als Bremsen/Hemmen. Mitunter kann auch eine „Wiedergutmachung“ nach einem unregulierten Verhalten durch Konsequenzen eingeübt werden, allerdings sind hier m.E. positive Anreize sinnvoller, weil sie die Eigenmotivation steigern, was bei ADHS von entscheidender Bedeutung für die Handlungsfähigkeit ist.

Logische Konsequenzen zur Verdeutlichung eines Zusammenhangs


Erzieherische Konsequenzen können zum Verstehen eines logischen Zusammenhangs beitragen („Wenn Wasser auskippt, wird der Boden nass, dann muss jemand wischen“). Der Nachteil ist, dass das Kind als erstes den Zusammenhang mit der elterlichen Reaktion begreift („Wenn ich Wasser verschütte, meckern meine Eltern, bis ich den Boden wische“). Man sollte beim Formulieren der Konsequenz daher immer die natürliche Folge aufzeigen („Wenn das Wasser umkippt, wird der Boden nass. Ich möchte, dass du es dann selbst sauber machst“), um ein Kind, das ein Problem mit der Folgenvorausschau hat, nicht zusätzlich zu verwirren.

Eine logische Konsequenz sollte an eine konkrete Handlung anknüpfen und vor/bei der Handlung angekündigt werden. Keinesfalls sollte sie erst auf eine unbeabsichtigte (unvorhergesehene) Folge eintreten. So sollte, wenn ein Kind z.B. mit Türen knallt, direkt eine Konsequenz eintreten (z.B. Kind aus dem Flur holen) – nicht etwa sollte erst reagiert werden, wenn der kleine Bruder zufällig seine Finger in der Tür hatte (ein spontan agierendes Kind achtet nicht auf Finger im Türrahmen!) Eine Konsequenz „Wenn jemand verletzt wird, darfst du nicht Türen knallen“ verdeckt gerade die natürliche Folge des Türenknallens. Stattdessen müssen, wenn es zum Einklemmen des Fingers gekommen ist, die natürlichen Folgen (Bruder hat Schmerzen, wird getröstet, will nicht mehr spielen o.ä.) – immer wieder! – erklärt und dadurch die Gefahr des Türenknallens veranschaulicht werden.

Eingreifende Konsequenzen


Relativ effektiv sind Konsequenzen, wenn sie eine kindliche Handlung unterbrechen. Sie setzen ein höheres Reaktionstempo der Bezugsperson und eine genaue Beobachtung des Kindes voraus, weil nicht bis zum Abschluss der Handlung „gewartet“ werden darf. Eingreifende Reaktionen sind aus Sicht des Kindes logischer und sanfter, weil sie weniger als „Strafe/Rache“ erscheinen:


Berechenbare Elternreaktion


Im Vergleich zu unkontrollierter Wut und impulsiver Strenge sind erzieherische Konsequenzen für das Kind mitunter besser, weil sie steuernd auf das elterliche Verhalten wirken. Vor allem die Ankündigung und ihre Einhaltung können dem Kind Sicherheit vermitteln, weil sie verlässliches Elternhandeln darstellen. So können Konsequenzen – und positive Anreize – zur Strukturierung von Situationen beitragen, in denen es andernfalls zu Eskalation, Tränen und gegenseitigen Verletzungen kommen würde.

Immer wieder, wenn mein Kind dem Ärger von Erwachsenen ausgesetzt ist, bekomme ich zu hören, dass es auch wichtig sei, authentisch zu reagieren. Ja! Auch. Ich bin überzeugt, dass ein Kind mit ADHS bereits im Kleinkindalter so viele authentische negative Reaktionen von Erwachsenen erfahren hat, dass zumindest die Hauptbezugspersonen sich möglichst kontrolliert verhalten sollten (was nicht ausschließt, seine Gefühle verbal dem Kind mitzuteilen, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es zuhören kann). Wenn das Kind einen beim Einkaufen mit Lebensmitteln bewirft und durch den Laden brüllt, dass es einen töten will, weil es keine Cola bekommt, ist die authentischste menschliche Reaktion nunmal in Tränen auszubrechen oder um sich zu schlagen. Es dauert sicher lange, bis man dabei authentisch Ruhe und Gelassenheit vermitteln kann (ich habe diesen Punkt jedenfalls noch nicht erreicht). Handelte es sich um eine Ausnahmesituation, wäre es vielleicht förderlich, dem Kind durch einen authentischen Nervenzusammenbruch die Brisanz der Lage vor Augen zu führen. Doch in Familien mit hyperaktiven Kindern gehören solche Situationen zum Alltag.

Es ist meiner Erfahrung nach hilfreich, sich für kritische Situationen einen „inneren Fahrplan“ zurecht zu legen, der dem Kind vorab mitgeteilt wird. Es sollte sich um etwas handeln, was sich in vergleichbaren Situationen als deeskalierend erwiesen hat, unabhängig davon, ob es für das Kind negativ oder positiv erscheint. Dann steht nicht die erzieherische, sondern die strukturierende Funktion festgelegter Folgen im Vordergrund (z.B. ziehe ich meinem Sohn beim Kita-Abholen, sobald er in der Garderobe „Quatsch“ macht, einfach selbst die Schuhe an – je nach Stimmung empfindet er dies als negative Konsequenz oder Hilfe.)

Gefahr von Machtkämpfen durch negative Reaktionen der Erwachsenen


Viele Erwachsene nehmen das hyperaktive Verhalten persönlich und handeln dann selbst impulsiv und emotional, indem sie das Kind anschreien, bestrafen oder es sogar „zurückbeißen“ o.ä. Dadurch eskalieren sie die Situation, was die Regulationsfähigkeit auf beiden Seiten erst recht herabsetzt. Häufig kommt es zu „Machtkämpfen“, die keinerlei Eindruck auf das Kind zu machen scheinen in dem Sinne, dass es beim nächsten Mal sein Verhalten ändern würde/könnte. Weil dies für die Erwachsenen keinen Sinn ergibt und der eigenen Einschätzung widerspricht („Er wird schon irgendwann lernen, wie man sich am Tisch verhält“), versuchen viele Erwachsene, den Druck weiter zu erhöhen (z.B. muss das Kind an einem anderen Tisch essen). Verstärkend wirkt sich aus, dass viele hyperaktive Kinder wirken, als verhielten sie sich absichtlich sozial unangepasst, obwohl es sich um Unvermögen handelt. So verbergen sie ihr Steuerungsdefizit:

„Man sieht es teilweise auch schon bei der Untersuchung, wenn die Kinder wegen einer Gleichgewichtsstörung umkippen und dann eine Clownerie daraus machen, so, als ob sie dieses unwillkürliche Versagen der vestibulär gesteuerten Motorik gewollt herbeigeführt hätten, als wenn es ein beabsichtigter Witz gewesen wäre. […] Es geht also den Kindern bei der Clownerie keineswegs um den vielfach unterstellten Wunsch, im Mittelpunkt stehen oder auffallen zu wollen." [7]

Kind zieht Grimasse

Viele hyperaktive Kinder übernehmen die Fehlinterpretationen ihrer Umgebung (z.B.: „Ich will eben immer Clown spielen/schubsen“), sodass es infolgedessen tatsächlich zu gezielt unsozialen Verhaltensweisen kommt. Solche Provokationen haben eine andere Qualität als bei anderen Kindern, weil hyperaktive Kinder durch das Ärgern/Albern in Übererregung geraten und nicht mehr „runter“ kommen. Körpersprache und Mimik wirken noch fröhlich, wenn andere beteiligte Kinder (oder Erwachsenen) längst brüllen/weinen, weil das Kind den „Situationswechsel“ (aus Spaß wird Ernst) nicht mitbekommen hat.

„[B]esonders das „dauernde Grinsen“ bringt die schimpfenden Eltern oder den tadelnden Lehrer erst recht in Rage, obwohl dem betroffenen Kind absolut nicht zum Grinsen zumute ist. Leider kann es jedoch seine Mimik nicht rechtzeitig zum erwarteten schuldbewussten, einsichtigen Gesichtsausdruck umwandeln. Sein Gegenüber schätzt dies jedoch als uneinsichtig, trotzig, bockig und aggressiv ein. Diese schlechte Steuerung hat ihr Pendant in der Wahrnehmung: Kinder und Jugendliche mit ADHS können oft die Mimik des Gegenübers nicht richtig einschätzen und verhalten sich daher falsch. Sie […] machen mit der Provokation weiter, wo andere Kinder den Rückzug antreten würden und ziehen sich damit den gesteigerten Zorn der Erwachsenen zu. [8]

Flexibilität statt Konsequenz auf unreguliertes Verhalten


Viele typische Situationen mit hyperaktiven Kleinkindern werden als Autonomieverhalten fehlgedeutet. Doch während „trotzige“ Kinder ihre Selbstwirksamkeit und Willensstärke ausprobieren, mangelt es hyperaktiven Kindern gerade an der dafür erforderlichen Selbststeuerungsfähigkeit. Es ist wichtig, unreguliertes Verhalten auch in Konfliktsituationen zu erkennen und darauf einfühlsam und flexibel zu reagieren. Natürlich können auch hyperaktive Kinder ihren Willen gezielt gegen den der Eltern setzen (bei meinem Sohn geschieht dies eher in „ruhigen“ Situationen). Umgekehrt können auch Kleinkinder ohne ADHS sich phasenweise oder situativ schlecht regulieren (z.B. bei Übermüdung, Reizüberflutung oder großer Wut nach Übergehen ihres Willens). Eine Unterscheidung ist wichtig, um einerseits nicht fälschlicherweise Absicht zu unterstellen, wenn ein Kind sein Verhalten nicht steuern kann, andererseits seinen Willen ernst zu nehmen, wenn es sich bewusst verhält. Eine Abgrenzung ist besonders schwierig, wenn das impulsive Verhalten durch gezielte Provokation „überschattet“ wird (z.B. Kind schubst erst spontan und, wenn man mit ihm meckert, erneut zielgerichtet).


Ungünstige Folgen eines einseitig konsequenten Umgangs


Ein zu starker Fokus auf negative Konsequenzen kann unreguliertes und ungehemmtes Handeln verstärken und zu sekundären Problemen wie geringem Selbstbewusstsein, Bindungsproblemen und einer Störung im Sozialverhalten führen. Wenn ein Kind sein eigenes Handeln nicht registriert oder nicht ändern kann, nimmt es eine Konsequenz nicht als „logisch“, sondern als ungerecht wahr. Es verknüpft sie nicht mit seinem Verursachungsbeitrag und speichert den Vorgang nicht als Selbstwirksamkeitserfahrung ab (sondern höchstens als Erfahrung: „Alle sind gemein zu mir“). Für das Kind geht es in der Folge weniger um die Rechtfertigung seines (unwilkürlichen) Verhaltens, sondern um die Verteidigung seiner Person, weil es sich für etwas „bestraft“ fühlt, für das es nichts kann, das es aber (zurecht) als Teil von sich empfindet (Wildheit, Zappeligkeit). Ein „Machtkampf“ mit einem übererregten Kind, das nicht nachgeben kann, weil es „ums Ganze“ seiner Persönlichkeit geht, ist nicht zu gewinnen – es sei denn auf Kosten seines Selbstwertgefühls.

„Je früher akzeptiert und verstanden wird, dass diese Kinder und Jugendlichen nicht mit dem festen Vorsatz morgens aufstehen, ihr Umfeld zu ärgern, und man sie nicht von morgens bis abends gereizt drängelt, an ihnen herumnörgelt, sie ständig ausschimpft, ihnen droht, desto weniger entstehen die Komplikationen wie oppositionelles Trotzverhalten, Verlust- und Existenzängste und/oder depressive Verzweiflungseinbrüche.“ [9]

Im zweiten Teil dieses Artikel wird es um Bedürfnisse und die Bedürfnisbefriedigung hyperaktiver Kleinkinder gehen.

© Lea Ibell
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[1] Begriff gewählt, um die Abweichung zu Gleichaltrigen darzustellen, unabhängig davon, ob man ADHS als neurobiologische Störung oder als Normvariante ansieht. Obwohl eine ADHS-Disposition vermutlich von Anfang an vorliegt, wird die Diagnose im Kleinkindalter meist nur als Verdachtsdiagnose vergeben oder als sozial-emotionale Störung, Regulations- oder Anpassungsstörung umschrieben.
[2] Synonym für ADHS mit Hyperaktivität. Bei Kleinkindern mit ausgeprägter Symptomatik fällt oft als erstes die Unruhe auf, wohingegen sich Impulsivität und v.a. die Unaufmerksamkeit erst später bemerkbar machen. 
[3] Blume, Nicht zu bremsen, München 2019, S. 38 f. 
[4] Blume, a.a.O., S. 115.
[5] Skrodzki, ADHS im Kindergarten, in: BV-AH e.V., Von Anfang an anders!, Forchheim 2005, S. 19 ff. (27 f.). 
[6] Erfahrungsbericht einer Mutter, https://www.gesundheitsinformation.de/adhs-erfahrungsbericht-anne.2103.de.html. 
[7] Kowerk, Zur Psychodynamik der sensomotorischen Behinderung am Beispiel des ADHS, Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 4-2005, S. 82 ff. (92).
[8] Skrodzki, ADHS-Bewegungsstörungen und Unfälle, in: Fitzner/Stark, Doch unzerstörbar ist mein Wesen..., S. 104. ff. (108 f.). 
[9] Neuhaus, ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 4. Auflage, Stuttgart 2016, epub-Ausgabe, S. 110.

Kommentare:

  1. Vielen Dank, ein ganz wunderbar gelungener Artikel! Verstehe gar nicht, wieso es hier dazu noch gar keine Kommentare gibt. Ich sehe hier unseren Sohn und das mit nichts bringenden Ratschlägen reagierende Umfeld und unsere eigene Hilflosigkeit da total wiedergespiegelt. Und habe auch nochmal Anregungen mitnehmen können.
    Richtig schwierig wird es dann, wenn so ein Kind dann in die Schule kommt. Mit Schulbegleitung und Inklusion kommt man da je nach Schweregrad meist nicht weit. Wir sind am Ende nach langem Ringen dann doch bei einem Ritalin-Derivat gelandet, weil sonst gar keine Schulfähigkeit gegeben wäre und man mit Schulverweisen mit dem Kinde zu Hausen bleiben darf. Bin gespannt welche Erfahrungen die Autorin nach der Einschulung mit ihrem und anderen zitierten Kindern macht in Vorfreude auf einen weiteren Artikel von ihr.

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  2. Vielen Dank für Eure tollen Artikel. Auch uns spiegelt der Artikel in vieler Hinsicht das Verhalten unseres großen Sohnes wieder. Als Eltern da immer stark zu bleiben, nicht an sich zu zweifeln und das eigene Kind so anzunehmen wie es ist fällt da nicht immer leicht. Nach langem Suchen, haben wir jedoch auch verschiedene mögliche Ursachen gefunden - vielleicht helfen die Informationen anderen Eltern einen Weg zu finden. Ich schreibe im folgenden nur über unser Kind.

    - Mototherapie: es bestehen nicht abgebaute kindliche Reflexe, insbesondere der Moro-Reflex - dies äussert sich z.B. darin, das unser Kind ausrastet wenn es eine normale Jeans anziehen soll - es findet hier eine totale Überreizung am Hosenbund/Rücken statt - das geht soweit das er unseren Handtuchhalter von der Wand gerissen hat

    - Kiss-Syndrom: extreme Blockierungen in der Halswirbelsäule - dadurch können unter anderem Eindrücke nicht gefiltert werden und es kommt zu ständigen Reizüberflutungen - Er hatte vor der ersten Behandlung bei einem Spezialisten (Dr. Sacher) (und wir waren schon seid seinem 3. Lebensjahr bei vielen Spezialisten und haben leider erst jetzt, wo er 8 Jahre alt wird, die Menschen gefunden die uns helfen können)immer total erweiterte Pupillen durch Adrenalinausstoß. Nach der ersten Behandlung sind uns zuerst die hellen Augen (normale Pupillen) aufgefallen.
    -Funktionaloptometrist (spezielle Ausbildung die über Augenarzt und Optometrie herausgeht www.kindundsehen.de): Störungen im visuellen System - mit Brille und Visualtraining behandelbar - Er sieht extreme Doppelbilder - stößt dadurch oft an, kann sich im Raum nicht einordnen, weiss dadurch nicht wo seine Grenzen sind, muss sich ständig bewegen, um die Eindrücke auszugleichen, dadurch das sein Gehirn das ständig kompensiert ist er oft schnell nervlich völlig alle

    Vielleicht helfen diese Zeilen nicht allen Eltern von Kindern mit ADHS, aber vielleicht ja doch Einigen.- Ich bin jedenfalls froh das ich meinem Gefühl gefolgt bin und weiter nach Lösungen gesucht habe.

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  3. Ein super Artikel, der uns die Augen geöffnet hat. Langsam verstehe ich glaube ich, warum unser Sohn so ist wie er ist. Viele Punkte aus dem Artikel treffen sehr gut zu und wir haben ebenso mit verschiedenen Ansätze versucht, den schwierigen Alltagssituationen Herr zu werden, leider meist mit geringem Erfolg. Mehr und strengere Grenzen werden vom Umfeld gern gefordert, aber ich kann spüren, dass das nicht den Kern trifft, um die Situation auf eine Weise gut zu lösen, sodass es auch ihm gut tut.
    Bin schon sehr gespannt auf Teil 2. Wann wird der denn kommen?
    LG,
    Holger

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  4. Jeder Tag läuft hier genauso ab und ich bin so dankbar! Endlich ein Artikel indem ich mich gesehen und angenommen fühle und mich nicht rechtfertigen muss für mein Verhalten oder das Verhalten meines Kindes!. Ich brauche dringend Teil 2.

    Danke!

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  5. Danke für alle drei Artikel! Ich finde meinen Sohn in sehr vielem wieder, wenn auch häufig nicht ganz so „extrem“ ausgeprägt. Seine Kinderärztin vermutet aber auf Basis eines kurzen Gesprächs eine (evtl. auch vorhandene) Hochbegabung und schaut nicht in „andere“ Richtungen. Kann man zwischen beidem differenzieren? Das eine schließt das andere ja auch erstmal nicht aus?

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