Was sind Machtumkehrspiele? Wie können Sie wütenden Vorschulkindern helfen? °FAQ°

Was sind Machtumkehrspiele?


Machtumkehrspiele sind nach Aletha J. Solter alle Aktivitäten, bei denen die Eltern spielerisch übertrieben und lustig vorgeben, schwach, ängstlich, ungeschickt, begriffsstutzig oder sauer zu sein; das Kind dagegen darf sich stark, geschickt und schlau fühlen. Sie sollen, wie ihr Name schon verrät, die "Macht" für einen kurzen Moment umkehren.

Kind auf der Hand des Vaters

Wie kann man Machtumkehrspiele anwenden?


Angewendet werden Machtumkehrspiele am besten dann, wenn Kinder sich gerade in einer angstbesetzten Phase befinden, in der ihre eigene Hilf- oder Machtlosigkeit sie aggressiv macht. Insbesondere ist hier das letzte Jahr - und am stärksten die letzten Wochen - vor der Einschulung zu nennen. Die Kinder sind nicht nur mürrisch, sondern regelrecht herrschsüchtig. Sie explodieren bei kleinstem Missfallen und haben halbstündige Wutanfälle, in denen sie ihre Eltern anschreien, sie würden einfach nichts richtig machen. Selbst liebevoll gemeinte Gesten der Eltern können sie sofort von 0 auf 100 bringen. Wenn das Kind sich so aufführt, kommen die Eltern in diesem Wochen oft ins Zweifeln, ob ihre Art der Erziehung wirklich die Richtige ist. Vielleicht braucht es doch eine stärkere Führung?

Mädchen zieht eine Grimasse

Nein, natürlich nicht. Es ist vielmehr so: Der Wechsel vom bekannten und behütenden Kindergarten in die Schule ist zwar ein mit Vorfreude erwarter, aber auch ein sehr beängstigender Schritt. Denn in der Schule wird alles neu sein. Sie werden neue Kinder kennen lernen müssen, sich an neue Regeln halten, neuen Erwachsenen zuhören usw. Das Unbekannte, das da auf sie zukommt, lässt im Inneren Ängste wachsen, denn die Veränderung rauscht unausweichlich auf sie zu.

Die Kinder können nicht aktiv selbst bestimmen, ob sie eingeschult werden wollen, oder nicht - es wird für sie entschieden, d. h. sie sind in diesem Moment machtlos dem Prozess ausgeliefert. Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit kann unser Gehirn schlecht aushalten. Es reagiert meist mit aggressiven Impulsen. Um dieser Aggressivität ein Ventil zu bieten, können Eltern Machtumkehrspiele bieten. Im Spiel erleben die Kinder sich dann als machtvoll und nicht mehr hilflos, sondern als stark und kompetent. Einige Eltern befürchten, dass die Machtumkehrspiele die Aggressionen der Kinder eher verstärken, doch das ist nie der Fall. Es hat sich gezeigt, dass die Gewaltbereitschaft und das Explodieren nach diesen Spielen merklich nachlässt. Zumindest solange, bis sich im Inneren wieder der Knoten aus Angst und Hilflosigkeit erneut aufgebaut hat. Es ist daher zielführend, Machtumkehrspiele regelmäßig in den Alltag einzubauen.

Wie spielt man Machtumkehrspiele?


Mein liebstes Machtumkehrspiel sind einfache Kissenschlachten. Wir haben ein großes Familienbett und treffen uns dort abends zum Toben und zum Werfen von Kissen. Oft schließen sich die Kinder zusammen und werfen ihre Kissen auf mich. Ich versinke dann theatralisch unter der Wucht und täusche Schwäche vor. Ich lasse mir meine Kissen aus den Händen klauen und jammere weinerlich, dass ich einfach zu viele Kinder habe, die seien ja in der Übermacht. Wenn alle Kinder lachen und sich diebisch freuen, mache ich es richtig - dann wirkt unser Machtumkehrspiel sogar therapeutisch, weil es dazu beiträgt, kindliche Ängste durch Lachen abzubauen.

Kind unter einem Berg von Kissen

Auch jemanden zu erschrecken ist ein Machtumkehrspiel. Diese "Pranks", die man oft auf Youtube oder TikTok findet, gehören dazu. Indem Eltern vortäuschen, sehr erschreckt von der Plastikspinne oder der Gummischlange zu sein, erreichen sie, dass die Kinder in lautes Lachen ausbrechen.

Beim Fangespielen können Eltern so tun, als wären sie zu langsam, um das Kind einzuholen. Dann könnten sie jammernd hinter dem Kind herrennen und sich beschweren, warum es plötzlich so schnell geworden ist. Oder sie tun so, als würden sie immer wieder über ihre eigenen Füße stolpern, und deshalb das Kind nicht fangen können.

Kinder geben von sich aus oft den Anstoß zu Machtumkehrspielen und es ist gut, wenn man das als solches erkennt. Im Buch von A. Solter wird eine Mutter beschrieben, die ihr Kind kurz vertröstet, weil sie eine E-Mail zuende schreiben muss, bevor sie mit ihm spielen kann. Als sie nun nach einer Weile zum Kind kommt, lehnt das Kind seinerseits ab, und behauptet, nun auch noch eine Email schreiben zu müssen. An dieser Stelle geht die Mutter auf die Machtumkehr ein und fängt an, ihr Kind übertrieben anzuflehen, doch bitte bitte nun mit ihr zu spielen, sie hätte doch schon sehr lange darauf gewartet. Dieser Rollentausch brachte das Kind zum Lachen und löste seine Frustration auf, vorher von seiner Mutter abgewiesen worden zu sein.

Auch an der Schaukel kann es Machtumkehrspiele geben. Wenn man das Kind anschubst, kann man so tun, als würde man die Schaukel immer wieder verpassen, oder man kann so tun, als wolle man auf keinen Fall von den Füßchen des Kin des getroffen werden, stellt sich dann aber so ungünstug auf, dass einen die Füße beim Vorschaukeln eben doch berühren. Dann kann man spielerisch mtit Augenzwinkern zetern, dass man doch ausdrücklichngesagt hätte, die Füße sollten nicht berühren usw. so lange, bis das Kind es verstanden hat und lachend mitspielt.


© Snowqueen

Quelle


Aletha J. Solter: Spielen schafft Nähe - Nähe löst Konflikte. Spielideen für eine gute Bindung. Kösel, 2013

13 Kommentare:

  1. Hallo! Ich weiß grad nicht, wo ich sonst meine Frage stellen soll, aber ich finde das sehr geschätzte Forum nicht mehr auf dieser Seite. Gibt es einen neuen Link? Herzlichen Dank und danke auch für eure wunderbar herzensbildende Artikel hier! Lieben Gruß,Manuela

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    1. Es sollte wieder da sein. Wir hatten ein bisschen rumgebastelt :-).
      Viele Grüße
      Danielle

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  2. Das folgende Spiel mit der Schaukel habe ich oft mit Kindern gespielt: ".. man kann so tun, als wolle man auf keinen Fall von den Füßchen des Kindes getroffen werden." Sie lachen dann sehr stark. Natürlich werde ich von den Füßen nicht getroffen. Es reicht die Gestik Angst haben zu können, von den Füßen getroffen zu werden.

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  3. Ich hätte diesbezüglich gern noch ein paar Beispiele mehr, wenn das möglich ist.

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    1. Ich habe diesen so unglaublich hilfreichen Artikel genau zur richtigen Zeit gelesen. Bei uns ging es allerdings um die Eingewöhnung in die Kita. Meine Beispiele:

      1) Ich habe beim Spielen mit meiner Tochter mit Piepsestimme die Puppen sprechen lassen und meine Tochter hat dies dankbar angenommen. Obwohl die Puppe also sehr gebettelt hat, durfte sie auf Geheiß meiner Tochter nicht auf ihren Arm, nicht mit ins Papphaus, durfte nicht in die Schaukel, im Grunde durfte die Puppe nichts, und meine Tochter war überglücklich bei diesem Spiel.

      2) Bei vielen Dingen, von denen wir eigentlich gewohnt waren, dass unsere Tochter sie gerne mitmachte, war sie in der Kindergarteneingewöhnungszeit plötzlich vehement dagegen. Bevor ich diesen Artikel hier gelesen habe, sind wir ständig in irritierte Diskussions-/Konfliktschleifen geraten. Nach der Lektüre haben wir einfach gespielt verzweifelt "Bitte, bitte, bitte komm mit auf den Hundespaziergang/zum Spielplatz/ins Frühstückslokal" gebettelt und nach einigem zufriedenen Widerstand konnte unsere Tochter großmütig nachgeben und mitkommen, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

      3) Ein besonders eindrückliches Beispiel war noch, als sie nach einem ereignisreichen Tag hundemüde unbedingt noch mit den Puppen im Kinderzimmer spielen wollte und mit einem Wutanfall das Bettfeinmachen und den Weg ins Schlafzimmer verweigerte. Der Vorschlag von den piepsig sprechenden Puppen, das Spielen doch ins Schlafzimmer zu verlagern, wurde auch abgeschmettert. Ihr schwere Müdigkeit ließ kein Aushandeln, aber auch kein längeres Wachbleiben zu. Dann der Geistesblitz: Machtumkehrung PLUS umgedrehte Psychologie. Also ließen wir die Puppen darum betteln, dass ihre Puppenmama ja nicht ins Bett gehen sollte, und dass sie sich bitte ja nicht den Schlafanzug anziehen lassen sollte. Das hat ihr sofort geholfen, den Weg ins dringend benötigte Schlafgemach antreten zu können und sich gleichzeitig selbstbestimmt zu fühlen.

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  4. Ich habe dazu einen interessanten Buchtipp: Playful parenting. An exciting new approach to raising children that will help yout: nurture close connections, solve behavior problems, encourage confidence von Lawrence J. Cohen. Gibt es soweit ich weiß bislang noch nicht auf Deutsch. Dieses Buch finde ich noch ausführlicher bzgl. spielerisch als Eltern mit den Kindern umgehen als das Solters-Buch.
    Vielen Dank für die Kurzfassung des Solters-Buches!

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  5. Hi, ich habe hier aktuell das ihr in diesem Beitrag beschreibt, mein Sohn geht aber Erst nächstes Jahr in die Schule da er zurückgestellt Wurde.
    Er ist frisch 6 Jahre. Kann es sein das es auch einfach so ist? Ich drehe hier bald durch. Er schikaniert alle rum, schreit mich nur an, ich kann es nicht recht machen und wir haben hier gefühlte 10 Wutausbrüche am Tag. Ich muss dazu sagen das meine Kinder Kita frei sind. Ich gehe hier grad voll am Stock... geht es noch jemanden so?
    Lg diana
    Und p.s. Eurer Geschwister Buch ist mal wieder echt klasse, obwohl ich sagen muss die Podcast folgen könnte der Verlag ruhig mit rein nehmen, ich finde eure Bücher sind nie zu lange, und da könnte ruhig all eurer wissen rein, auch wenn’s dann 1000 Seiten wären, Harry potter war ja auch so lange , und die Menschen haben es gelesen😁
    Macht weiter so.

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  6. Und was macht man, wenn die Kinder dann richtig fest zu treten? So dass es einem wehtut und es für einen kein Spiel mehr ist?
    Was, wenn die Kinder bei den Machtumkehrspielen nicht lachen, sondern ihre Macht genießen (also höhnisch grinsen usw), so dass es einem selbst nicht mehr gefällt?

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    1. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder sehr wohl merken, dass man "nur so tut". Und wenn sie bei allem Spaß dann doch mal über die Stränge schlagen und Grenzen überschreiten, kann man sofort auf Ernst-Modus umschalten und klarmachen, dass das zu viel war. Oft sind sie dann erstmal überrascht. Ich habe nach der "Ansage" einfach wieder weitergespielt und es nicht weiter thematisiert. In der Regel verstehen Kinder das. Sollten sie danach immer noch weitermachen, würde ich dann deutlicher werden und das Spiel ggf. abbrechen. Machtumkehrspiele sollten schon mit einem Augenzwinkern gespielt werden, sodass für beide Seiten klar ist, dass es trotzdem Grenzen gibt.

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    2. Wie meine Vorschreiberin schon sagt: Dann solltest du abbrechen und relativ ernst sagen, dass dir das wirklich weh tut. Dem Kind sollte klar sein, dass es ein Spiel für euch beide sein soll. Wenn es immer wieder passiert, dass bei deinem Kind die echte Wut zu stark durchkommt, würde ich raten, eher aktiv zuzuhören (Aktives Zuhören nach Gordon). Bei uns haben sich da Spaziergänge für günstig erwiesen. Herzliche Grüße, Snowqueen

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