"So viel Freude, so viel Wut" - Nora Imlau

Jedes Kind ist auf seine Art und Weise besonders – aber manche sind auf eine sehr spezielle Weise besonders. Es gibt Kinder, bei denen schon in den ersten Lebenswochen und -monaten erkennbar ist, dass sie einfach anders sind – anders als das fröhlich glucksende, zufrieden im Arm liegende, gern und viel schlafende Baby. Stattdessen sind diese Kinder außerordentlich bewegungsfreudig und sensibel und durchleben von Anfang an Emotionen viel heftiger, als ihre Altersgenossen. Während sich die meisten Kinder bei einem Trotzanfall gut trösten lassen und schnell wieder zum Alltag übergehen, bricht für solche "gefühlsstarken" Kinder beim kleinsten Anlass scheinbar die ganze Welt zusammen. Und nicht nur das - sie sind auch kaum zu beruhigen und schaffen es, mehr als eine halbe Stunde lang wütend zu schreien.

Für die Autorin Nora Imlau - selbst Mutter eines gefühlsstarken Kindes - war es beruhigend zu erfahren, dass es in allen Kulturen Kinder mit diesem ganz speziellen Temperament gibt. Das Gefühl, nicht alleine zu sein, mit Kindern, die Verhaltensweisen zeigen, über die andere verständnislos den Kopf schütteln, war enorm erleichternd für sie. In ihrem neuen Buch „So viel Freude, so viel Wut“ teilt sie ihre persönlichen Erfahrungen und hat viele Ideen und Tipps gesammelt, wie man gefühlsstarke Kinder verstehen und liebevoll begleiten kann.

Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit meiner großen Tochter damals in der Krabbelgruppe saß. Um mich herum schienen alle zufriedene Kinder zu haben. Die meisten schliefen unkompliziert alleine ein und relativ schnell durch, saßen geduldig auf Mamas Schoß und beobachteten alles interessiert und vorsichtig. Legte man sie ab, spielten sie fröhlich vor sich hin. Mein Kind hingegen schien nie richtig zufrieden zu sein. Mein Kind wollte nicht einschlafen, alleine sowieso nicht. Auch nicht spielend rumliegen – nein, es wollte getragen werden, unterhalten werden und wenn es schrie, dann schrie es lange und laut und war in den ersten Monaten kaum zu beruhigen. Jede motorische Entwicklung war mit Ungeduld und Unruhe begleitet, alles schien ihr zu langsam zu gehen. Mein Baby wollte immer mehr, als es konnte und wenn es nicht so funktionierte, wie es sich das vorgestellt hatte, dann wurde es richtig sauer.
zwei Babys, eins glücklich, eins wütend

Als meine Tochter 10 Monate alt war, bin ich nur haarscharf an einer späten Wochenbettdepression vorbeigeschlittert. Ich fühlte mich als schlechteste Mutter der Welt. Dabei dachte ich immer, ich sei so gut vorbereitet! Hatte so viele Bücher über Erziehung gelesen! Und dann war mein Kind einfach anders, als alle anderen… Woran sollte das sonst liegen, als an mir? Meine Ärztin damals führte ein ernsthaftes Gespräch mit mir. Das Kind sei vollkommen normal, nur eben etwas aktiver und ungeduldiger, als der Durchschnitt. Sie schlug mir vor, eine andere Krabbelgruppe zu besuchen, von der sie wusste, dass sie auch von zwei ähnlich temperamentvollen Kindern regelmäßig besucht wird. Ich kann mich noch so gut daran erinnern, wie erleichtert ich war, als ich feststellte, dass es tatsächlich einfach spezielle Temperamente gibt.

Ein solches haben auch gefühlsstarke Kinder. Sie haben ein sehr vielseitiges emotionales Empfinden, bei ihnen ist immer alles „etwas mehr“ – sei es die Begeisterung, der Ehrgeiz, Verzweiflung, Aggression oder Lebensfreude. Gefühle werden immer außerordentlich intensiv empfunden, die kindlichen Reaktionen darauf fallen vergleichsweise heftig aus. Das Gehirn gefühlsstarker Kinder reagiert besonders stark auf den Anstieg von Stresshormonen, was dazu führt, dass im limbischen System sehr schnell heftige Stressreaktionen hervorgerufen werden. Solche Kinder werden oft als schwierig empfunden, als wild, fordernd, anstrengend. Man sagt ihnen Sturheit, Überempfindlichkeit und Weinerlichkeit nach. Sie haben Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und ihrer Fähigkeit zur Selbstregulation. All diese Zuschreibungen sind immer sehr negativ und sie verdrängen leider, was mit einem solchen besonderen Gefühlsleben auch verbunden ist – eine außerordentliche Kreativität und Leidenschaft, ein enormer Forschungsdrang oder ausgeprägtes Mitgefühl.

Nora Imlau ist es mit ihrem Buch ein Anliegen, dass wir anfangen, diese Kinder mit anderen Augen zu sehen, indem wir uns auf ihre Stärken fokussieren. Dass wir uns innerlich verabschieden, von dem Kind, das wir uns immer erträumt haben und die Aufgabe annehmen, auf spezielle Bedürfnisse zu treffen. Gefühlsstärke ist angeboren, daher ist es aussichtslos, das Naturell eines Kindes ändern zu wollen.

Es gibt einige Eigenschaften, die bei gefühlsstarken Kindern oft gemeinsam zu beobachten sind. So erleben alle, ihre Gefühle besonders intensiv. Sie sind willensstark, ausdauernd und meist so sensibel, dass sie bspw. als Babys ständig aus dem Schlaf hochschrecken oder ständig unzufrieden mit der Kleidung sind, weil diese immer kratzt oder als zu eng empfunden wird. Gefühlsstarke Kinder neigen auch dazu, die Emotionen anderer aufzufangen und zu spiegeln. Schlägt sich bspw. ihr Geschwisterchen das Knie auf, weinen sie herzzerreißend mit. Oft verfügen sie auch über eine besonders ausgeprägte Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Selbst die kleinsten Details werden wahrgenommen, was immer wieder dazu führt, dass diese Kinder sich von Kleinigkeiten schnell ablenken lassen.

Den Kindern fällt es in der Regel auch sehr schwer, wenn Alltagsroutinen nicht planmäßig ablaufen. Wenn sich Abweichungen von den üblichen Strukturen ergeben, kommt es schnell zu Wutausbrüchen und Verzweiflung. Dadurch führen besondere Ereignisse dann oft zum Chaos – Weihnachten in der Familie oder der eigene Geburtstag überfordern so sehr, dass das Kind weinend zusammen bricht. Eltern sind dann oft enttäuscht, dass solche schönen Momente am Ende irgendwie "verdorben" werden. Veränderungen sind grundsätzlich ein Problem für gefühlsstarke Kinder. Sie neigen auch zu einem gewissen Grundpessimismus, da sie sich oft auf Probleme und alles Schwierige und Negative fokussieren.

freundlich lachendes Mädchen

Gefühlsstarke Kinder haben die selben Grundbedürfnisse, wie alle anderen Kinder auch – die Erfüllung mancher ist jedoch besonders wichtig. Das sind neben dem Bedürfnis nach Halt und Orientierung auch das Bedürfnis nach Nähe und Bindung. Solche Kinder wollen auch besonders selbstwirksam sein und weitestgehend autonom Handeln. Auch Wertschätzung und Akzeptanz sind für sie von hoher Bedeutung.

Um die intensiven Emotionen gut begleiten zu können, ist es erforderlich, sich mit dem Temperament des Kindes und auch dem eigenen Gefühlsleben auseinander zu setzen. Je nach Konstellation können manche Verhaltensweisen besonders günstig sein. Um mit den Gefühlen gut umzugehen zu können, ist es zunächst wichtig, dass Kinder lernen, sie konkret zu benennen und dass jedes Gefühl auch gefühlt werden darf.

Ebenso wichtig ist es, Stressfaktoren möglichst früh zu erkennen, so dass man die Chance hat, sie zu regulieren, bevor die Emotionen überkochen. Es gibt verschiedene Faktoren, die langfristig Einfluss auf den Stresslevel gefühlsstarker Kinder haben. Nora geht in ihrem Buch ausführlich darauf ein, ebenso wie auf die verschiedenen Herausforderungen, die sich im Alltag mit den herausfordernden Kindern stellen. Klassische Problemfelder sind das Schlafen, das Essen und Kleidung. Aber auch Abschiede, Trennungen, ungewohnte Situationen können im Zusammenleben mit gefühlsstarken Kindern außerordentlich schwierig sein. Ein besonderes Problemfeld ist häufig der Umgang mit anderen Kindern. Durch die Heftigkeit der Gefühle ist die Fähigkeit zur Selbstregulation sehr eingeschränkt. Infolgedessen hauen gefühlsstarke Kinder vergleichsweise schnell, was natürlich vermehrt zu Konflikten führen kann.

Das Buch "So viel Freude, so viel Wut" befasst sich auch mit den Schwierigkeiten gefühlsstarker Kinder im Kindergarten oder in der Schule. Hier gibt es bei der Wahl der Einrichtung einiges zu bedenken. So sollte beispielsweise die Eingewöhnung auf die speziellen Bedürfnisse des Kindes eingehen, da hier langfristig eine gute Basis für die Betreuung geschaffen wird. Thematisiert wird außerdem, wie man Geschwisterkonflikte mit sehr emotionalen Kindern begleiten kann. Gerade in Familien mit einem gefühlsstarken Kind kommt es schnell zu der Situation, dass sich das andere Kind immer wieder zurück gesetzt fühlt.

Fazit


Dieses Buch wird für Eltern, die ein gefühlsstarkes Kind haben, sowohl ein Augenöffner als auch eine große Erleichterung sein. Es enthält zahlreiche Denkanstöße, Ideen und praktische Tipps, die den Familienalltag mit Sicherheit bereichern werden. Ich liebe Noras Schreibstil - warm, mitfühlend und kompetent begleitet sie durch ein Thema, zu dem es bisher kaum bedürfnisorientierte Literatur gibt. Vollkommen verdient ist es mittlerweile ein Spiegel-Bestseller.

Wenn ihr Euer Kind als gefühlsstark wiedererkennt, kann ich Euch das Lesen dieses tollen Buches nur wärmstens empfehlen. Wenn ihr das über diesen Link tut, unterstützt ihr uns gleichzeitig dabei, weil wir dann eine kleine Provision bekommen (natürlich ohne Mehrkosten für Euch). Wir freuen uns aber natürlich auch sehr, wenn ihr den stationären Buchhandel unterstützt und das Buch vor Ort im Laden erwerben wollt.

Weitere wunderbare und lesenswerte Bücher von Nora Imlau sind übrigens "Das Geheimnis zufriedener Babys" und "Schlaf gut Baby" (über die ich an anderer Stelle hier im Blog schon schrieb).

© Danielle

Kommentare:

  1. Das Buch reizt mich schon eine Weile, weil ich glaube, dass auch unser Sohn in diese Gruppe fällt. Ich habe mir daher auch vor kurzem "Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden" aus der Bibliothek geholt, was scheinbar das gleiche Thema behandelt. Bin noch nicht ganz durchgekommen und musste es leider erstaml wieder abgeben, hoffe aber, es noch zu Ende lesen zu können. Wenn ich dann feststelle, dass es sich lohnt, werde ich mir das Buch auch noch kaufen bzw. vielleicht sogar beide. Hat eine von euch das Buch "Wie anstrengene...." gelesen? Der Titel ist im Deutschen echt doof, aber inhaltlich dafür in meinen Augen recht hilfreich.

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    1. Liebe Amrei,

      ich lese das Buch gerade und es gefällt mir ganz gut.

      Viele Grüße
      Danielle

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  2. Immer wieder lese ich Text ueber besonders gefuehlsstarke oder hochsensible Kinder. Findet nicht jede aufmerksame Mutter in ihren eigenen Kindern diese wundervollen Eigenschaften? Auch meine beiden Lebeninhalte sind voller Gefuehl, Forscherdrang, kreativ und auch sehr Eigensinnig. Wut und Frust bricht genauso in Wellen ueber uns herein, wie Liebe und Einfuehlsamkeit. Gerade bei meinem Sohn wurde ich mehrmals auf das Thema angesprochen und begann so damit Buecher darueber zu lesen. Ich kenne aber viele Kinder, in denen ich die eine oder andere dieser Eigenschaften ganz besonders stark ausgepraegt sehe. Auch meine Tochter ist sehr Durchsetzungsstark, was mich sehr fordert.

    Ich finde es etwas uebertrieben, fuer alles einen Podest zu erfinden und denke zugleich, dass es jedem Elternteil helfen kann, die Entwicklung seines Kindes mit Mut, Begeisterung und Blick auf die positiven Seiten zu ertragen.

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    1. Der Unterschied liegt in der Intensität, Kinder wie meine kleine Tochter werden von den Gefühlen überwältigt und das hat mit dem Temprament zu tun. Da ich von jeder Sorte ein Kind habe, kann ich den Unterschied sehr deutlich sehen. Wenn die eine den Pullover kratzig findet, hat die andere ein unerträgliches Brennen, wenn bei der einen das Essen komisch schmeckt verzieht sie das Gesicht, die andere würgt und spuckt das Essen aus usw. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied in den Sozialkontakten. Ein gefühllstarkes Kind ist besonders für andere Kinder eine Herausforderung. Normale Kinder werden von der Power und Intensität (oft Wut) überrannt und ziehen sich zurück, mit ähnlich gestrickten Kindern kommt es ständig zu Konflikten. Als Mutter bin ich froh ein "Podest" jenseits von psychiatrischen Diagnosen gefunden zu haben und Ratschläge, wie ich gelassen damit umgehen kann. Ich wäre allerdings immer noch froh, wenn meine beiden Töchter auf dem Normallevel wären, ich weiß ja wie viel einfacher das ist, vor allem für das Kind. Auch wenn ich die enthusiastischen Liebeserklärungen vermissen würde.

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  3. Ich würde, anders als Tanja in ihrem Kommentar, ganz klar sagen: Ja, es gibt Kinder, die sind wirklich spürbar "anders". Und der Begriff "gefühlsstark" trifft es gut. Ich fand es für mich persönlich sehr hilfreich, als ich vor ein paar Jahren das erste Mal vom Konzept der Hochsensibilität gehört habe. Ich bin kein Fan von Schubladen, und ich argumentiere auch nicht mit diesem Konzept (in der Schule z.B.), aber mir persönlich half es zu verstehen, warum mein erstes Kind so sehr anders war. Ich habe genau die beschriebene Situation in der Krabbelgruppe erlebt. Ich habe die fassungslosen und bedauernden Blicke anderer Mütter gespürt, wenn ich den eigentlich so sozialkompetenten, klugen, selbstständigen Vierjährigen während seiner Verzweiflungsanfälle eine halbe Stunde lang festhalten musste, damit er mich und sich nicht verletzt. Ich habe in der Zeit vor der Einschulung mehrere zerbissene Pullis weggeworfen, aber ich werde auch nie vergessen, wie ergriffen das vierjährige Kind von einer Herbstlandschaft oder dem Adventssingen sein konnte. Erst als mein zweiter Sohn da war, habe ich verstanden, wie anders der erste eigentlich war.

    Inzwischen habe ich drei Kinder. Alle drei sind sensibel, neugierig, autonom und stur und vieles andere aus der obigen Beschreibung (insoweit würde ich Tanja durchaus Recht geben, dass die genannten Eigenschaften auf viele Kinder zutreffen). Aber das erste Kind bleibt trotzdem einzigartig.

    So, und nachdem ich hier das erste Mal kommentiere: Danke für eure nachdenklichen, klugen, vielseitigen Seiten!

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    1. Ich erkenne uns in deinen Schilderungen 1 zu 1 wieder...Ist es bei eurem Großen besser geworden mit den schlimmen Wutanfällen? Kannst du uns etwas Hoffnung geben ;-) LG Ina

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  4. Auch wenn ich (noch) keine Kidner habe, finde ich das Thema des Buchs absolut interessant. Früher gab es den Begriff "hochsensible Kinder" nicht wirklich bzw. wurde einfach nicht viel darüber gesprochen. Finde es schön, dass es aktuell immer mehr Literatur zu diesem Thema gibt.

    Liebe Grüße,
    Lina von https://www.petitchapeau.de/

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  5. Eltern, die ihr erstes Kind bekommen und eine große Umstellung durchleben haben teilweise die Tendenz die Ausführungen des Buches auf ihr Kind zu beziehen. Wenn man genauer hinschaut werden jedoch oft natürliche Bedürfnisse des Kindes als Problem benannt bzw. Eltern steuern gegen diese Bedürfnisse. Aus diesem Grund ist dieses Buch meiner Ansicht nach nicht besonders förderlich, sondern macht aus normalen Verhaltensweisen ein Problem.

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  6. Ein super Buch. Hier wird genau mein Kind beschrieben. Vielles habe ich instinktiv so gemacht wie in dem Buch beschrieben. Es gibt super viele Tipps für den Umgang in den verschiedensten Bereichen.

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  7. Hier wird eins zu eins das „Störungsbild“ ADHS beschrieben. Ich erkenne meine Tochter in den obigen Beschreibungen zu 100% wieder. Sie hat ADHS.
    ADHS ist ein totgerittener und falscher Begriff für eine Entwicklungsverzögerung des präfrontalen Kortex bzw. eine unzureichende Kontrolle über die eigenen exekutiven Funktionen (aufgrund von Neurotransmitter und anderen Problemen).
    Diese Kinder brauchen mehr Zeit für andere wenn es um Selbstkontrolle (Impulskontrolle, Gefühlsregulation etc.) und Selbststrukturierung (Aufmerksamkeit, Konzentratrion, Handlungsplanung, Selbstmotivation, etc.) geht. Sie haben einen hohen Bewegungsdrang (DEUTLICH unterscheidbar von „normalen“ bewegungsfreudigen Kindern und SEHR starke Emotionen - Begeisterungsfähigkeit, Freude, Wut, Verzweiflung, sich unverstanden fühlen...
    Sie sind sehr kreativ und können zu Verhaltensproblemen in Kindergarten/Schule und Konzentrations- und Motivationsprobleme in der Schule (zB bei wiederkehrenden Übungen) haben. Diese Probleme bestehen übrigens NICHT wenn sie an selbstgewählten Projekten arbeiten, die ihnen Freude machen. Dann sind sie zu Hyperaufmerksamkeit fähig und können lange dranbleiben.
    All das sind Symptome die als ADHS zusammengefasst werden.
    Wie gesagt ist der Name unpassend und falsch, denn ie gerade beschrieben ist lange und starke Konzentration kein Problem. Problem ist die Motivation und Steuerung der Konzentration.
    Die Emotionen sind leider nicht Teil der psychologisch gültigen Symptomatik, obwohl eigentlich der wesentlichste Teil bei ADHS. Emotionen sind aber psychologisch nicht zu standardisieren, dadurch gibt es keine Testbattarien dafür, womit die starken Emotionen aus der ADHS-Symptomatik rausfielen (früher waren sie drin!).
    Ich wwiß nicht, ob im Buch angesprochen wird, dass es sich bei dem Begriff „gefühlsstarke Kinder“ um Kinder mit ADHS handelt. Ja, diese kommen in allen Kulturen vor und hatten vor allem früher, als wir noch Nomaden und Entdecker waren ENORME Bedeutung. Unsere Gesellschaft (Bild auf Kinder, Kindergarten, Schule) sind auf diese Kinder nicht ausgerichtet, deshalb fallen sie auf. Je „cleaner“ und druckbehafteter das Umfeld, umso mehr fallen sie (negativ) auf, durch Laut-sein, Wild-sein, stören, Verweigerung, etc.
    Wenn man diese Kinder zB. in den Wald schickt oder Projekte ihrer Wahl übernehmen lässt, umso positiver fallen sie auf: durch ihre Begeisterung, ihr Durchhaltevermögen, ihren Mut, ihre Ideen und ihre Lebensfreude.

    Übrigens beeinflusst viel Medienkonsum den präfrontalen Kortex/die exekutiven Funktionen auch! Es können so ADHS-Symptomatiken entwickelt werden wie körperliche Unruhe, Impulskontrollprobleme, Motivationsprobleme, Ungeduld, Agression. Im Unterschied zu ADHS-Kindern sind ANDERE Gefühle wie Freude und Begeisterungsfähig sowie Empathie (stark) reduziert. Das macht Medien (unter anderem) so gefährlich.
    Mit ADHS-Kindern kann man Exekutiv-Funktionkontrolle gezielt üben und dafür sensibilisieren. Es sind intelligente Kinder und je älter sie werden und je mehr auf sie eingegangen und Probleme in friedlichen Stunden angesprochen werden, umso stärker verbessert sich die Symptomatik im Alltag. Ich beobachte, dass mein Kind sich immer besser beobachten und kontrollieren kann, als Kinder, die im Kindergarten unauffällig waren, aber viel Medienkonsum ausgesetzt sind. Das zu sehen ist wirklich erschreckend.

    Nichts desto trotz finde ich gut, dass auch Nora Imlau weg von dem Stigmatisieren geht und hin zum Kinder nehmen wie sie sind. Und den Eltern, die sich bemühen und die im Laufe der ersten Jahre ihres Kindes WIRKLICH verzweifeln und weinen und sich als schlechteste Eltern fühlen, die Schuld zu nehmen und ihnen einen Weg zeigen.

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    1. Hallo! Es ist sehr interessant, was Du schreibst. Vielleicht hast Du aber beides, ein gefühlsstarkes Kind mit ADHS. Meine Tochter ist genau so ein Kind wie im Artikel beschrieben, zeigt aber ansonsten überhaupt keine Symptome von ADHS. Sie kann auch von außerhalb gestellte Aufgaben lange und konzentriert bearbeiten, ist ganz normal wuselig und nicht hyperaktiv.Ich denke nicht, dass ADHS und die im Artikel beschriebene Gefühlstärke unbedingt gemeinsam auftreten müssen.

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  8. Hallo! Meine Tochter ist nun 3 Jahre und sie mag es überhaupt nicht sich die Zähne zu Putzen und sich zu Waschen. Und natürlich gibt es jeden Abend hier mega Theater wobei ich immer mehr schimpfe und sie immer mehr heult und schreit.Nun kommt noch hinzu das sie auch Tagsüber immer weniger auf mich hört und ich weiß nicht was ich noch machen soll. Ich hasse es wütend auf sie zu sein und dann auch auf mich weil ich es nicht schaffe ruhig zu bleiben. Sie kommt trotz allem sofort zu mir und will mich nicht mehr los lassen und wir reden auch später darüber, also ich versuche es ihr zu erklären und meine auch das sie mich versteht und jedes mal sagen wir wir versuchen es dann morgen ohne schimpfen, jaulen und heulen. Sie kann super lieb sein und auch hören und auch Zähneputzen, umsomehr verstehe ich es nicht. Warum macht sie es? Ist es eine Phase?
    Liebe Grüße

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  9. Hallo,

    dieser Artikel und das Buch dazu passen gerade richtig gut in unsere momentane Situation. Ich will "uns" kurz vorstellen. Zur Familie gehören:
    Mein Mann (33 Jahre)
    Mein Sohn (5 Jahre)
    Ich :-) (28 Jahre)

    Ich arbeite halbtags und mein Mann ist selbstädnig. Mein Sohn geht in den Kindergarten im Nachbarort, er ist ein Junge durch und durch würde ich sagen.
    Er ist sehr wissbegierig und lernt sehr schnell. Er kann alle Zahlen bis 1000 ohne Probleme erkennen und vorlesen, er schreibt seinen Namen und rechnet Aufgaben bis 20. Er tut das nicht weil wir das so wollen und er das machen muss, er macht das ganz allein. Er hat ein eigenes Tablett worauf er 1-2 mal pro Woche für 30 Min. spielen darf, es befnden sich hauptsächlich lernspiele oder motorikspiele darauf. Wir haben ein Haus mit Garten und allermöglichen Tieren, er ist sehr viel draußen tobt sich aus.

    Nun zum eigentlichen Problem:-)
    seit mehreren Wochen muss ich beobachten, dass er extreme Verlustängste (fragt Abends oft ob wir noch da sind, wenn er schon im Bett ist, muss immer unsere Stimmen hören usw.) Ich muss gestehen, ich bin in einigen Vereinen und im Dorfleben aktiv und dadurch 2-3 mal pro Wochen am Abend nicht zuhause.

    Ich erkenne mein Kind zu 90% in diesem Artikel wieder und habe mir nun das Buch bestellt. Er ist wirklich Gefühlsstark, er bockt schnell, weint oft, kann andere Meinung nur sehr schwer akzeptieren.

    Falls es noch anderen Frauen so geht, würde ich mich über eine Antwort sehr freuen.

    Liebe Grüße

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  10. Hallo Danielle,

    vielen Dank, dass ihr mit dieser Buch-Rezension auch den gefühlsintensiven Kindern Aufmerksamkeit schenkt. Ich selbst lese gerade den amerikanischen Ratgeber („Wie anstrengende Kinder ...“) und es tut einfach gut Bestätigung zu finden.

    Wir selbst haben erst mit der Zeit verstanden, dass unsere beiden Kinder in ihren Eigenschaften und Herausforderungen doch ziemlich anders sind als fast alle Kinder in unserem Umfeld, wobei sie trotzdem „richtig“ sind wie sie sind. Eines unserer Kinder ist hoch sensibel & introvertiert, das andere intensiv fordernd & extrovertiert (wer das o.g. Buch kennt kann die Eigenschaften wertfrei einordnen). Eigenschaften, die gerade in Kombination bei Geschwistern nochmal eine spezielle Herausforderung sind. ✌️

    Auch ich habe mich schon so oft gefragt ob meine Kinder eigentlich sind wie alle anderen, nur ich in meiner Wahrnehmung wohl einfach ein Weichei? Ganz klar: nein, wer ein intensives Kind hat, weiß es doch besser. Und diese Kinder fühlen einfach anders, haben mehr und andere Bedürfnisse und brauchen dadurch wirklich viel mehr Umsicht, Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen. Kurz: Kraft.

    Und ihr hier im Blog helft zum Glück, einen bedürfnisorientierten Umgang miteinander auf Augenhöhe hinzubekommen, denn gerade diese Kinder sind noch viel mehr darauf angewiesen. Gemeinsam mit diesem vielversprechenden Buch von Nora Imlau, das hoffentlich vielen Eltern die Selbstzweifel nimmt und die Gewissheit gibt: es gibt sie! Gefühlsintensive Kinder, die über die Maßen wunderbar, liebenswert und unglaublich anstrengend zugleich sein können. Die so viel mehr Kraft kosten, als andere Eltern es sich vorstellen können. Ihr schafft das und seid dabei nicht allein!

    Danke Danke Danke für eure Arbeit!

    Alles Liebe, Anja

    P.S.: Noch nie habe ich bei euch kommentiert, aber hier ist es mir mehr als eine Herzensangelegenheit. ❤️

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  11. Sehr empfehlenswert für Eltern, großeltern und erzieher. Ein gefühlsstarkes Kind ist ein Geschenk, kein Kummer!

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