Nicht zu streng, nicht zu eng - Podcast mit Inke Hummel

In unserer aktuelle Podcastfolge haben wir mit Inke Hummel über ihr neues Buch "Nicht zu streng, nicht zu eng" gesprochen. Diese Folge könnt ihr ihr nachlesen und auch ein signiertes Exemplar gewinnen. Wie das funktioniert, erfahrt ihr ganz unten.

Inke, ich glaube, das ist das vierte Buch in 2 Jahren, mit dem du bei uns im Podcast bist. Wir haben mit dir schon über pubertierende Kinder, schüchterne Kinder und wilde Kinder gesprochen. Jetzt hast du ein neues Buch herausgebracht, wieder im Humboldt Verlag, das heißt „Nicht zu streng, nicht zu eng“. In diesem Buch liegt der Fokus eher bei den Eltern. Wie kamst du darauf, jetzt dieses Buch zu schreiben?

Das Thema des Buches begegnet mir ständig in meinen Beratungen, und auch im Austausch mit Fachpersonen wurde immer wieder deutlich, dass Eltern sich heute oft schwertun, Beziehungsorientierung sicher zu leben. Sie sind entweder in sich selbst unsicher oder aber in der Partnerschaft bestehen unterschiedliche Haltungen, die nicht gut zusammengehen.

Daher habe ich zu der Thematik eine Fortbildung erarbeitet, aus der letzten Endes das Buch entstanden ist.



Junge im SchwimmbadDieses Buch hat ja ein ganz besonderes Konzept. Kannst du uns kurz erklären, wie man es liest bzw. wie man damit umgehen sollte?

Man kann alles lesen oder auch nur bestimmte Abschnitte. Und man kann es auch als Arbeitsbuch nutzen: An vielen Stellen gibt es Fragen und ein Notizblocksymbol. Dort kann man theoretisch einfach weiterlesen, aber die Lesenden können das Buch auch immer zur Seite packen und die Fragen erst einmal für sich beantworten, bevor sie meine Lösungsvorschläge lesen. So können alle Aspekte richtig gut verstanden und mitgefühlt werden.

Vom Aufbau her ist das Konzept so gestaltet, dass die Lesenden vier verschiedene Erziehungsstile prototypisch kennenlernen und im Anschluss miterleben können, wie sich diese auf kindliche Entwicklung auswirken können. Ich glaube, dass sie so für sich eine größere Sicherheit finden können, um wirklich zu verstehen, warum beispielsweise Strafen oder emotionale Abkehr oder aber auch ständige Konfliktvermeidung einem Kind nicht guttun. Damit Eltern sich trauen, ihrem Kind zu vertrauen und ihm auch Herausforderungen zugewandt zuzumuten.

Am Ende des Buches können die Lesenden genauer auf die eigene Familie schauen: Wo gibt es vielleicht noch besondere Herausforderungen im Familiensystem? Und sie können sich Impulse mitnehmen, wie sie mit Menschen sprechen können, die eine andere erzieherische Haltung haben – zum Beispiel mit der Partnerperson, Verwandten oder auch pädagogischen Fachkräften.

Am Anfang um am Ende deines Buches erzählst du viel von der Bindungstheorie. Warum ist die wichtig?

Weil die Erkenntnisse der Bindungstheorie viel für die heutigen Kinder getan haben, denken wir beispielsweise nur an Eingewöhnungskonzepte für Kindergärten. Und weil der Faktor der Bindungssicherheit oder -unsicherheit eine große Rolle spielt, wenn wir kindliches Verhalten beurteilen wollen, denn das Bindungsverhalten ist eine von mehreren Faktoren, die mitverursachend für Auffälligkeiten oder Schwierigkeiten sein können. – Übrigens nicht nur das Bindungsverhalten der Kinder, sondern auch das der Erwachsenen, also Eltern oder z.B. auch von Lehrkräften.

Die eigene Bindung der Eltern wirkt sich, wie du gerade gesagt hast, auf das Erziehungsverhalten aus. Einen großen Teil deines Buches nehmen vier verschiedene Erziehungstypen, oder Arten von Eltern, ein. Welche sind das?

Ich habe die Bezeichnungen herrisch, verwöhnend-überfürsorglich, abwesend und beziehungsorientiert gewählt.

In deinem Buch beschreibst du das Beispiel eines Kindes, dass eine rote Tasche ihrer Freundin stiehlt. Du zeigst auf, wie die Eltern mit den vier verschiedenen Erziehungstypen auf diesen Diebstahl reagieren und was das mit dem Kind macht. Das fand ich sehr interessant, können wir das hier ausführen? Vielleicht mit einem anderen Beispiel, um nicht zu viel aus dem Buch zu verraten. Sagen wir, ein fünfjähriges Kind will unbedingt das Seepferdchen machen, weint aber jedes Mal beim Schwimmunterricht und sitzt die meiste Zeit am Rand. Es traut sich absolut nicht, vom Rand ins Wasser zu springen, was aber ein Teil der Prüfung ist. Es will aber auch nicht aufhören, weil es sich vorgenommen hat, Schwimmen zu lernen.

Ein herrisches Elternteil würde wahrscheinlich mit Druck, Angst oder Strafen arbeiten. Vielleicht kritisiert es das Kind offen vor den Ohren der anderen, vermittelt ihm „Du bist schlecht.“, „Dein Verhalten ist albern.“

Eine verwöhnend-überfürsorgliche Person würde vielleicht aus einem intensiven Wunsch nach Harmonie das Hin und Her des Kindes sehr lange mitmachen: sich nicht trauen, aber doch wollen – weg vom Beckenrand und wieder hin und wieder weg. Eventuell würde sie auch äußern, dass die Lehrkraft schwierig ist und das Ganze ja allein deshalb nicht klappen kann – die Schuld also außen suchen.

Ein abwesendes Elternteil würde seinem Kind die ganze Situation überlassen: „Du machst das schon. Mach einfach wie du meinst. Ich bleibe draußen. Zur Not dauert es halt.“ Dem Kind werden keine Schuldgefühle gemacht, aber Lösungshilfe erhält es auch nicht.

Und ein beziehungsorientiertes Elternteil würde schauen, welche Bedürfnisse das Kind hat: Braucht es mehr Zeit? Einen anderen Ort? Eine andere Person, die ihm hilft? Benötigt es vielleicht auch heute Hilfe beim Beenden der Situation und nächste Woche eine neue Chance? Die erwachsene Person könnte mit dem Kind sprechen: „Was denkst du, was dir helfen könnte? Welche kleinen Schritte können wir vielleicht gemeinsam gehen? Ich glaube nämlich, dass du das kannst.“ Hier zeigen sich die Eltern mitfühlend, zugewandt und in dem Rahmen fordernd, den der Entwicklungsstand des Kindes hergibt. – Außerdem würde eine beziehungsorientierte Person dem Kind auch zeigen, wenn sie heute nicht mehr begleiten kann und nicht mehr im Bad bleiben möchte sowie die daraus resultierenden Gefühle des Kindes aushalten.

Junge im Schwimmbad

Ich fand diesen Teil des Buches tatsächlich auch sehr interessant, wobei die Beispiele – das schreibst du auch selbst in deinem Buch- ja sehr schwarz/weiß dargestellt werden. Eben um den Unterschied klar herauszustellen. Beim Lesen habe ich mich als beziehungsorientiertes Elternteil total gut gefühlt, aber dann dachte ich, puh, wenn ich jetzt anders erziehen würde und das lesen würde, dann wäre ich schon ziemlich sauer, weil im Prinzip dasteht: Das macht das Kind kaputt. Denkst du echt, die anderen Erziehungsstile sind so schädlich?

Es sind hier wirklich Prototypen, genau. Damit man sich wirklich gut einfühlen kann, was es bedeutet, wenn ein Erziehungsverhalten dem Kind immer und immer wieder begegnet. Es geht nicht darum, dass man mal schimpft, sich mal nicht kümmert, oder mal einem Konflikt aus dem Weg geht. Im Grunde geht es mir um Verstehen, und das verpacke ich so wertschätzend wie nur möglich. Und in Bezug auf die Probleme des Kindes geht es immer nur um Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten.

In deinem Buch hast du ein Bild eines Weges, der die beziehungsorientierte Elternschaft darstellen soll. Links und rechts dieses Weges stehen die herrischen Eltern, die du als streng, distanziert, kontrollierend und hart beschreibst und die verwöhnend überfürsorglichen Eltern, die sehr eng am Kind sind, konfliktscheu und weich. Für die beziehungsorientierten Eltern in der Mitte heißt das Motto im Buch „Aktives Annehmen und zugewandtes Zumuten“. Was meinst du damit genau?

Annehmen bedeutet zunächst einmal, dass ich akzeptiere, dass unsere Familie und unsere Ressourcen sind, wie sie sind, dass unsere Kinder bestimmte Wesensarten mitgebracht haben und im jetzigen Alter dies und das können, aber dies und jenes noch nicht. Aktives annehmen heißt dann, dass ich trotzdem hinschaue, wo diese Gegebenheiten uns stressen, und versuche, sinnvoll damit umzugehen.

Und zugewandtes Zumuten bedeutet im Grunde, den Kindern Entwicklungsgelegenheiten zu geben: die Chance zu wachsen, zu lernen oder auch Fehler zu machen. Und zwar liebevoll begleitet.

Meiner Erfahrung nach rutschen beziehungsorientierte Eltern eher in die überfürsorgliche Richtung. Du schreibst, das kann schädlich sein. Wie das?

Ja, das ist auch meine Erfahrung in den Beratungen und im Buch leite ich her, woher das meines Erachtens häufig kommt. Dann schaue ich mir das Verwöhnen an. Es ist ja zunächst mal ein wunderschöner Begriff. Wir dürfen und können unsere Kinder heute verwöhnen und lieben. Aber Verwöhnen kann schädlich werden, wenn ich als Elternteil dafür ständig über meine Belastungsgrenzen gehe, bis ich explodiere. Oder wenn ich Entwicklungsschritte meines Kindes dadurch behindere, zum Beispiel indem ich ihm zu viel abnehme.

Im Buch habe ich diese Beschreibung für gutes Verwöhnen gefunden: „Ich habe die Möglichkeiten, du kannst es genießen und es schadet dir nicht.“

Es ist gar nicht mal so leicht, zu entscheiden, ob man jetzt zu überfürsorglich ist, oder ob das einfach beziehungsorientiert ist. Bei Twitter gab es vor einiger Zeit so ein Beispiel. Da er zählte jemand, er kenne eine Mutter, die ihrem Kind dem Toilettendeckel warm föhnt und fand das total krass helikoptermäßig. Es gab dann aber hunderte von Replys, die zeigten, warum das vielleicht doch okay ist. Du hattest dieses Beispiel im Buch aufgegriffen. Erzähl mal, bitte.

Ja, genau, ich hatte damals auch einen Thread dazu gemacht. Man kann einfach nicht anhand eines Ausschnittes entscheiden, ob ein Elternverhalten schädlich ist. Es kommt auf das Kind, die Eltern und die Situation an. Diese Mutter hatte vielleicht sonst immer Stress, pünktlich mit dem Kind aus dem Haus zu kommen und wäre durch die Sorge, zur spät zur Arbeit zu erscheinen, vielleicht ins Schimpfen und Drohen geraten. Stattdessen hat sie sich für Beziehung entschieden und so klappt es jetzt. Oder vielleicht hat das Kind eine andere Wahrnehmung als andere und kann diese Kälte absolut nicht aushalten – es stellt sich nicht an! Oder aber die Mutter hat vielleicht nicht so viele andere zeitliche und finanzielle Möglichkeiten, dem Kind eine Freude zu machen, also nutzt sie diese Idee. Warum nicht?

Mutter küsst ihr Kind

Wir sehen immer nur Ausschnitte und sind im Internet stets sehr rasch beim Bewerten. Helikoptereltern, die auf jeden Fall Tyrannenkinder großziehen. Hier wünsche ich mir ein sehr genaues Hinsehen. Bei anderen und auch bei sich selbst. Dann kann man an Nuancen arbeiten. Werden Eltern hingegen gleich betitelt und abgewertet, haben sie sicher wenig Bereitschaft, etwas zu verändern. Oder gehen die Wege der Menschen mit, die ihnen Angst machen, und diese Wege bedeuten meist Druck bis hin zu Beziehungsabbruch zum Kind.

Manchmal passiert es, dass Eltern, wenn die Erziehung des Kindes nicht „liebevoll und zugewandt“ klappt, dann auf Härte umschwenken, und dann doch auf alte Erziehungsmethoden zurückgreifen. Warum ist das so?

Zum einen ist es das, was wir kennen. Vielleicht aus dem eigenen Elternhaus, fast immer aber auch aus schulischen Zusammenhängen oder auch aus Sportvereinen und ähnlichem. Zum anderen versprechen harte Konzepte oft schnelle Lösungen. Und die gibt es zum Teil auch, zumindest an der Oberfläche. Wie es darunter in den Kindern aussieht, ist eine andere Frage, wenn sie dank Drohungen parieren.

Ähnlich ist es ja, wenn beide Eltern unterschiedliche Erziehungsstile haben. Oft kritisiert der eine den anderen für den „zu weichen“ Erziehungsstil auch. Ich freue mich, dass du dieses Problem auch in deinem Buch adressiert hast. Wie geht es den Kindern in der Situation und wie können die Eltern mit den unterschiedlichen Vorstellungen von Erziehung umgehen?

Kindern können dadurch verwirrt sein und unsicher werden, aber je nach Kind und je nach Grad der Unterschiede können Kinder sich auch gut darauf einstellen. Leider wird ihnen dann häufig unterstellt, sie würden es ausnutzen, dass ein Elternteil weniger Grenzen setzt als das andere oder ähnliches. Es wird ihnen angelastet. Obwohl sie nur auf die Eltern reagieren.

Eltern sollten offen sein für den Weg des Gegenübers. Jede Person hat auch einen guten Grund für ihr Erziehungsverhalten. Anstatt gleich ins Kritisieren zu gehen, rate ich im ersten Schritt zum Verstehen. Wo kommt das her? Was erhofft die andere Person sich von ihrem Weg? Fehlt ihr Wissen? Fehlen ihr Ideen? Im Buch stelle ich Vorschläge vor, wie man miteinander Grundsatzdiskussionen führen kann und auch wie man im Alltag mit verschiedenen Wegen umgehen kann.

Du bist ja Erziehungsberaterin, zu dir kommen viele Familien und suchen Hilfe. Gleichen sich die Probleme der Familien irgendwie? Also kannst du ganz allgemein sagen, was Eltern heute brauchen? Was sie bei dir in der Beratung dann bekommen?

Die Probleme gleichen sich nicht immer, aber sehr oft gibt es in der Tiefe Parallelen. Häufig geht es um Kommunikation oder Konfliktfähigkeit. Oft auch um fehlendes Wissen, fehlenden Mut, mangelndes Vertrauen in sich selbst oder ins Kind. Eigentlich immer brauchen Eltern das Gefühl, mit ihrem Thema nicht allein zu sein – und das sind sie nie.

Und ganz wichtig ist der Bereich der Sicherheit. Eltern sind oft unsicher. Man kann so viel „falsch“ machen, oder vielleicht doch nicht? So viele reden mit. Im wahren Leben, aber auch in unserem Kopf. So viel Verunsicherung kommt von außen hinzu, gerade jetzt durch Corona, aber auch durch immer wieder aufkommende Diskussion um „moderne Pädagogik“.

1 Kommentar:

  1. Mega. Danke für die Vorstellung. Mein Mann und ich sind oft unterschiedlicher Meinung. Das würde uns bestimmt helfen. Auch in Richtung Kommunikation. 👏

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