Über kein Thema wird in Foren und im Real Life heftiger diskutiert als über die Frage, was nun besser ist: Erziehung nach Bauchgefühl oder Erziehung nach Ratgebern. Auf der einen Seite stehen die, die sagen: "Ich lese keine Ratgeber. Ich habe einen guten Instinkt dafür, was meinen Kindern gut tut. Und wenn ich mal nicht weiter weiß, dann frage ich meine eigene Mutter. Die hat mich schließlich auch gut hinbekommen!" Auf der anderen Seite stehen die, die anmerken, dass es nie verkehrt ist, sich in einem Thema weiterzubilden. Schließlich gibt es heute kaum noch die Großfamilien, wo alle unter einem Dach wohnen und in der man schon als Kind ganz nebenbei gelehrt bekommt, wie man mit Babys und jüngeren Geschwistern umgeht.
Was ist denn dieses Bauchgefühl eigentlich? Wo kommt es her?
Bauchgefühl, auch Intuition genannt, ist eine Einschätzung, die schnell entsteht, ohne dass wir jeden einzelnen gedanklichen Schritt bewusst wahrnehmen. Dabei können Erfahrungen und bereits vorhandenes Wissen eine wichtige Rolle spielen. Auch die Erfahrungen aus unserer eigenen Kindheit können beeinflussen, was sich für uns im Umgang mit unseren Kindern spontan richtig oder falsch anfühlt.
Intuition ist demnach kein 6. Sinn. Sie speist sich unter anderem aus Erfahrungen und Wissen, die uns nicht immer bewusst zugänglich sind. Wenn wir nach Bauchgefühl handeln, kann deshalb auch die Art und Weise hineinspielen, wie unsere Großeltern und Eltern erzogen haben. Ich hatte schon in meinem Artikel über Bindung geschrieben, dass diese Tatsache schön ist, wenn man selbst eine feinfühlige, empathisch reagierende Mutter hatte, die all unsere Signale zeitnah und richtig entschlüsseln konnte und unsere Bedürfnisse liebevoll befriedigt hat. Ist man jedoch in Deutschland aufgewachsen und die Großeltern entstammen einer Generation, die ab 1933 ihre Kinder bekamen, ist es vielleicht nicht schlecht, sein eigenes Bauchgefühl nochmal zu überdenken...
Die Erziehung unserer Großeltern
Unsere Urgroßeltern und Großeltern (je nachdem, wann ihr geboren seid) hatten es schwer. Sie wurden in einer Zeit Eltern, in der die oberste Priorität darin bestand, dem Führer gesunde, starke Söhne zu schenken.
"Wir erleben [...] heute einen groß angelegten Feldzug unserer Staatsführung mit, in dem das gesunde Erbgut und das rassisch Wertvolle zäh verteidigt werden gegen alles Krankhafte und Niedergehende, das unter der Herrschaft eines falsch verstandenen Freiheitsbegriffes zu überwuchern drohte. Jedem Volksgenossen müssen die Augen geöffnet werden für die Bedeutung der richtigen Gattenwahl auch nach gesundheitlichen und rassischen Gesichtspunkten. Auf diese Weise wird der Boden vorbereitet für das Heranwachsen eines gesunden, geistig und körperlich wertvollen neuen Geschlechts." (Haarer, 1939: 7).
Dieses Zitat ist dem nationalsozialistischen Erziehungsratgeber "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" entnommen, welches auch nach 1945 (in Sprache bereinigt, die Praktiken der neuen Zeit etwas angepasst) bis in die 80er Jahre hinein unter dem Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind" ganzen Generationen an Müttern Tipps zum Umgang mit dem Baby und Kleinkind gab.
Die Erziehungsideale des Dritten Reiches waren, das Kind "früh abzuhärten". Gefühle galten als Verzärtelung, deutsche Jungen und Mädchen weinten nicht, sie fürchteten sich nicht, sondern zeigten Mut, Stärke und Unerschrockenheit, bis hin zur Selbstaufgabe für das Volk. Um das zu erreichen, musste die Erziehung des Kindes laut Haarer (der Autorin von "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind") unmittelbar nach der Geburt beginnen.
Das Baby so oft wie möglich ablegen
Großeltern
Liest man in "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind", wird man feststellen, dass im Dritten Reich das gesunde Neugeborene gleich nach der Abnabelung in ein Tuch gehüllt und erst einmal zur Seite gelegt wird. Erst nach 24 Stunden wird es der Mutter zum ersten Mal zum Stillen gereicht. In diesen 24 Stunden soll es möglichst allein in einem Raum bleiben, wobei es natürlich zwischenzeitlich gewaschen, gewickelt und angezogen wurde. Auch später, wenn Mutter und Kind zuhause sind, rät Haarer vehement dazu, Mutter und Kind getrennt unterzubringen, damit der Mutter "unnötige Beunruhigungen" erspart werden (das Horchen auf jede noch so kleine Lebensäußerung des Neugeborenen) und dem Kind, wie sie sagt, zu ersparen, von "allzuvielen Menschen hochgenommen und geräuschvoll begutachtet zu werden" (vgl. Haarer, 1939: 109).
Außerdem, fügt sie hinzu, sei die räumliche Trennung von Mutter und Kind von außerordentlichem erzieherischen Vorteil.
"Am besten ist das Kind in einem eigenen Zimmer untergebracht, in dem es dann auch allein bleibt. [...] Besonders im Winter, wenn nur ein beheizter Raum zur Verfügung steht, läßt es sich aber nicht vermeiden, daß es zusammen mit der übrigen Familie untergebracht wird. [...] Von vornherein mache sich die ganze Familie zum Grundsatz, sich nie ohne Anlaß mit dem Kinde abzugeben. Das tägliche Bad, das regelmäßige Stillen, das Wickeln des Kindes bieten Gelegenheit genug, sich mit ihm zu befassen [...]" (Haarer, 1938, S. 165).
Eltern
Dass Neugeborene nach der Geburt von der Mutter getrennt und erst einmal gewaschen, gewogen und gemessen wurden, ist auch in den 70er Jahren nahezu gang und gäbe gewesen, ja, sogar bis in die 80er Jahre lassen sich diese Praktiken in einigen Kliniken nachverfolgen. Auch das sogenannte Rooming-In, also die Praxis, dass das Baby bei der Mutter und nicht hinter dickem Glas in einem Säuglingszimmer liegt, wurde erst 1969 in einem Münchener Krankenhaus eingeführt. Leider bedeutet aber nicht, dass sich die Praxis des Rooming-In danach schlagartig verbreitet hätte. Meine Eltern - ich wurde 1976 geboren - versichern mir glaubhaft, dass das auch zu meiner Geburt eher eine Ausnahme war. Wenn überhaupt, wurde das Teil-Rooming-In praktiziert: Die Mutter bekam das Kind von 9.30 bis 19.00 aufs Zimmer gebracht, in der Nacht schlief es im Säuglingszimmer und wurde dort mit Glukose gefüttert. In Kliniken, die kein Rooming-In hatten, wurden die Neugeborenen ihren Müttern alle 4 Stunden aufs Zimmer zum Stillen gebracht. Zeitzeugen berichten, dass ein großer Wagen mit den kleinen Menschlein dann zur rechten Zeit durch den Gang geschoben wurde und diese der jeweiligen Mutter für 20 Minuten in den Arm gedrückt.
Auch das Ablegen des neugeborenen Babys war für unsere Eltern normal. In den meisten Fällen lagen wir irgendwo rum - im Bettchen, im Kinderwagen, im Stubenwagen, im Ställchen. Immerhin wurde uns in den meisten Fällen nicht mehr die Tür vor der Nase zu gemacht, wie es unsere Eltern (und teilweise die Großeltern) als Babys noch oft erleiden mussten. Wir durften in den Zimmern sein, in denen auch die Familie war. Wir mögen nicht die meiste Zeit auf dem Arm oder Körper unserer Eltern gewohnt haben, aber wir fristeten auch kein einsames Leben mehr im abgedunkelten, ruhigen Nebenraum. Nur zum Schlafen wurden wir selbstverständlich ins Kinderzimmer gebracht.
Bei Haarer klingt das 1973 so:
"Es ist aber andererseits verkehrt, [...] das Baby allzusehr zu isolieren. [...] In Famlien, die eine sehr kleine Wohnung haben und wo das Baby deshalb Tag und Nacht "dabei" ist, da pflegen Kinder oft zufriedener zu sein. Schon das ganz kleine Baby hat offenbar ein Gefühl dafür, ob es in der Nähe der Großen sein darf oder ob es abgeschoben wird" (Haarer, 1973: 145f).
Wir
Heutzutage würden den Krankenhäusern verständlicherweise die Patientinnen weglaufen, wenn nicht ganz selbstverständlich das Rooming-In angeboten werden würde. Nach der Geburt bekommen Mutter und Kind heute in der Regel Gelegenheit zu ungestörtem Hautkontakt und zum Kennenlernen. Dieser frühe Hautkontakt unterstützt unter anderem den Stillbeginn. Wie lange ein Neugeborenes unmittelbar nach der Geburt wach und aufmerksam ist und wann es anschließend einschläft, ist jedoch individuell unterschiedlich.
Auch das frühe Anlegen an die Brust wird in dieser Zeit unterstützt. Ein möglichst früher, ungestörter Hautkontakt kann den Stillbeginn erleichtern. Natürlich können Kinder, bei denen das durch eine Notsituation zunächst nicht möglich ist, trotzdem problemlos gestillt werden.
Diese frühe Nähe gibt Mutter und Kind Gelegenheit, sich kennenzulernen. Sie wird auch durch das Tragen des Kindes - im Gegensatz zum dauernden Ablegen - unterstützt. Dass der Mensch von Natur aus ein Tragling ist, hat sich in der heutigen Müttergeneration bereits herumgesprochen. Der Begriff "Tragling" wurde 1970 von dem Biologen B. Hassenstein geprägt, als er feststellte, dass Primatenjunge weder den bis dato definierten Typen "Nestflüchter" noch "Nesthocker" zuzuordnen waren.
"Ihr allgemeiner Entwicklungsstand entspricht dem des Nestflüchters [...] ihr Beinskelett ist jedoch so beschaffen, dass die Handflächen, ebenso die Fußsohlen (anders als bei den Lauftieren) in der Normalhaltung einander zugekehrt sind, so dass Finger und Zehen ins Fell des tragenden Elterntieres greifen können." (Hassenstein, 1992).
Aktiv mit Händen und Füßen am Körper anklammern kann sich der menschliche Säugling nicht, es gibt jedoch Reflexe, Verhaltensweisen und anatomische Besonderheiten, die laut Autorin Evelin Kirkilionis die aktive Beteiligung des Säuglings am Tragen aufzeigen (Kirkilionis, 1999). Die kleinen Füße unserer neugeborenen Kinder sind leicht nach innen geneigt. Bei Berührung drehen sie reflexartig die Fußsohle nach innen und krümmen die Zehen, als wollte das Baby mit seinen Füssen zugreifen.
Der Palm-Reflex der Hände ermöglicht ein kräftiges Greifen. Sobald ein Baby von seinen Eltern hochgenommen wird, zieht es seine Beine häufig in stark angehockter und abgespreizter Haltung an. Die Schienbeinknochen eines Babys weisen im ersten Lebensjahr eine Neigung von durchschnittlich 18,5° auf. Diese O-Bein-Krümmung verliert sich erst im Laufalter (Manns/Schrader, 1995).
Die unreife Hüfte des Neugeborenen kann beim richtigen Tragen in ihrer Entwicklung unterstützt werden. In der sogenannten Anhock-Spreiz-Haltung sind die Hüften gebeugt und die Beine leicht abgespreizt, die Knie befinden sich höher als der Po. Diese Haltung gilt als günstig für die Entwicklung der Hüftgelenke.
Viele Babys beruhigen sich durch Körperkontakt und Bewegung. Hochnehmen und Tragen kann ihnen deshalb helfen, zur Ruhe zu kommen. Richtiges Tragen in Anhock-Spreiz-Haltung unterstützt zudem die gesunde Entwicklung der Hüfte und ermöglicht viel Nähe zwischen Eltern und Kind.
Der Vorsicht halber weise ich hier noch einmal explizit darauf hin, dass auch Traglinge durchaus abgelegt werden dürfen. Dann nämlich, wenn sie auf dem Bauch oder Rücken ihre eigenen motorischen Erfahrungen machen wollen und auch dann, wenn die Eltern körperlich zu geschafft sind, sie noch eine Minute weiter zu halten. Die Anschaffung eines Tragetuches (z. B. von Didymos oder Hoppediz) oder einer anderen Tragehilfe (Mei Tai, Emeibaby oder Bondolino) hilft enorm, ebenso wie eine regelmäßige Massage!
Weinen lassen
Großeltern
Aus uralter Zeit verfolgt uns der Mythos "Schreien kräftigt die Lungen". Schon 1891 zitiert Kübler im "Buch der Mütter" den berühmten Arzt Hufeland, Schreien sei für Kinder eine
"höchst wohltätige und notwendige Sache. Es [...] belebt den Blutumlauf und bewirkt gleichförmigere Verteilung der Säfte, es befördert Verdauuung und die ganze Ernährung des Körpers, es zerteilt Stockungen und Anhäufungen im Unterleibe und befördert alle Absonderungen, insbesondere die so wichtige Ausdünstung der Haut" (vgl. Kübler, 1891).
Das Trösten des Kindes, so schreibt er weiter, könne dazu führen, dass es
"eine weniger starke Brust bekommt, als es außerdem haben würde und dass sich leichter [...] krankhafte Erzeugnisse darin bilden" (vgl. ebd., 1891).
Auch in Zeiten des Nationalsozialismus darf das Weinen des Babys, sofern klar ist, dass es satt, trocken und nicht zu kalt oder warm angezogen ist, nicht "bekämpft" werden. Haarer schreibt:
[....] dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszuheben, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, daß es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt und gefahren wird - und der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig. (Haarer, 1939: 170).
Ein Baby, auf dessen Weinen über längere Zeit nicht reagiert wird, erlebt erheblichen Stress. Es kann sich schließlich beruhigen oder erschöpft einschlafen, obwohl das Bedürfnis, das sein Weinen ausgelöst hat, weiterhin besteht. Dass ein Baby aufhört zu weinen, ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass es gelernt hat, sich selbst zu regulieren. Bei Haarer klingt das so:
"Das Kind wird nach Möglichkeit an einen stillen Ort abgeschoben, wo es allein bleibt, und erst zur nächsten Mahlzeit wieder vorgenommen. Häufig kommt es nur auf einige wenige Kraftproben zwischen Mutter und Kind an - es sind die ersten! - und das Problem ist gelöst" (ebd., 1939: 170).
Problematisch wird es laut Haarer nur dann, wenn es in der Familie Frauen älterer Generation gibt:
"Sie [....] können kein Kind schreien hören, ohne sich sofort darauf zu stürzen. Sie sind stets von neuem empört über die "herzlose, moderne Mutter", die nach Erfüllung aller ihrer Pflichten in Ernährung und Pflege des Kindes [ ...] sich von ihrem Kind nicht tyrannisieren läßt. Nicht entschieden genug kann in dieser Hinsicht vor falscher Nachgiebigkeit gewarnt werden. Sie ist ganz unnütz, verzieht das Kind und raubt der Mutter Zeit und Kraft" (ebd., 1939: 170).
Eltern
Dreißig Jahre später schreibt dieselbe Autorin im gleichen Buch schon etwas abgemildeter:
"Daher möchten wir als erstes raten, mit dem ganz kleinen Baby nicht allzu streng umzugehen und sich nicht allzu starr an gewisse Regeln zu halten. Freilich darf man das Baby nicht bei jedem Piepser gleich aus dem Bett nehmen, herumtragen, wiegen und auf dem Schoß halten. Auf diese Weise - sie war zur Zeit unserer Urgroßmütter üblich! - erzieht man sich nur einen kleinen Haustyrannen. Nein, Sie müssen jetzt Ihren mütterlichen Instinkt und Ihren gesunden Menschenverstand zur Hilfe nehmen und einen Mittelweg finden zwischen den oft allzu strengen Lehrern der Säuglingspflege und dem, was das Kind ganz offenkundig braucht" (Haarer, 1973: 144).
Lag es an den fehlenden mütterlichen Instinkten oder dem fehlenden gesunden Menschenverstand? Fakt ist, dass viele von uns, die wir in den 70er Jahren geboren wurden, von unseren Eltern schreien gelassen wurden. Auf Familienfeiern übertreffen sich zuweilen die Geschichten unserer Elterngeneration, wer es wo und wie lange besonders gut ausgehalten hat, sein Kind schreien zu hören, bis es aufgibt. Da berichtet der Großvater eines jetzt fünfjährigen Enkels seiner verdutzten Tochter: "Als wir damals aus dem Krankenhaus kamen, haben wir dich ins Kinderzinmer ins Bettchen gelegt und ich habe die Tür abgeschlossen und den Schlüssel versteckt. Deine Mutter hätte es sonst nicht ausgehalten und wäre zu dir reingerannt, so doll hast du geschrien." Andere erzählen, dass sie immer durchs Schlüsselloch geguckt hätten, ob es dem Baby "gut" geht. Solange es satt, trocken und fieberfrei gewesen sei, hätte es doch keinen Grund gegeben, dem Weinen nachzugeben.
Auch bei Haarer findet man unter der Kapitelüberschrift "Das Baby schreit" viele Gründe, warum ein Baby schreien könnte. "Naß? Schmutzig? Hunger? Durst? Schmerzen? Licht/Unruhe? Zu warm? Zu kalt? Wund?" (vgl. Haarer, 1973:144ff). Dass es vielleicht nach der Nähe der Eltern Sehnsucht haben könnte, bedenkt sie nicht. Den Müttern wird suggeriert, dass es einen körperlichen Grund für das Weinen geben muss. Sie werden dazu angehalten, durch Ausschlussverfahren herauszufinden, was es sein könnte. Als letzter Ausweg, wenn das Kind trotz aller Pflege weiterschreit, wird der Nuckel angeboten.
"Wenn es auch nicht gerade modern ist - aber hin und wieder greift man eben doch zum Schnuller. [..] Der Schnuller stoppt in vielen Fällen das Schreien sofort" (ebd., 1973: 148).
Was zu tun ist, wenn der Nuckel das Weinen eben doch nicht stillt, überlässt Haarer der Phantasie ihrer Leser. Immerhin forderte sie nicht mehr explizit dazu auf, in einem solchen Fall "hart zu werden". Leider lasen zu viele Eltern zwischen den Zeilen oder hatten, wie im Eingangsabsatz beschrieben, ein "Bauchgefühl", das auch auf ihrer eigenen Erziehung als Baby beruhte.
Wir
Heute wissen wir es besser. Die wenigsten Mütter und Väter lassen ihre Kinder heute noch absichtlich und über einen längeren Zeitraum allein weinen. Schreien ist ein wichtiges Kommunikationssignal des Babys. Es kann Hunger, Schmerzen, Müdigkeit, Überreizung, Unwohlsein oder auch das Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt ausdrücken.
Dass auch hungrige Babys weinen, ist sicher allen klar. Häufig zeigen Babys allerdings schon vor dem Weinen erste Hunger- oder Unruhesignale. Werden diese noch nicht erkannt oder kann das Bedürfnis nicht sofort erfüllt werden, kann aus diesen frühen Signalen schließlich Weinen werden. Weinen ist damit häufig ein spätes Signal dafür, dass ein Baby etwas braucht.
Neben Schmerzen (Blähungen, Verspannungen) ist auch die Überreizung des Kindes eine mögliche Ursache von schier unstillbarem Schreien. In so einem Fall kann es kontraproduktiv sein, das Kind durch immer neue Versuche zusätzlich zu reizen. Oft hilft es eher, Reize zu reduzieren und dem Baby Ruhe und Nähe anzubieten.
Nasse Windeln sind übrigens weitaus weniger oft Grund zum Weinen, als Eltern mitunter annehmen. Wichtiger als das Trockenlegen kann in manchen Situationen die elterliche Interaktion und Zuwendung sein (vgl. Renz-Polster, 2011: 152).
Allein einschlafen lassen / In den Schlaf schreien lassen
Großeltern
Nach allem, was ich bereits über die Erziehung im Dritten Reich geschrieben habe, ist es sicher nicht verwunderlich, dass den damaligen Müttern auch beim Thema Schlafen zur Brachialmethode geraten wurde. Nicht nur, dass das Neugeborene selbstverständlich allein im eigenen Bett und im eigenen Zimmer schläft, es soll natürlich auch nicht gestillt und nicht hochgenommen werden.
"Bei großen kräftigen Kindern sei der Mutter abermals der Rat gegeben: Schreien lassen! Jeder Säugling soll von Anfang an nachts allein sein. Nun macht ja Kindergeschrei vor Türen und Mauern nicht halt. Die Eltern müssen dann eben alle Willenskraft zusammennehmen und, nachdem das Kind gut versorgt wurde, sich die Nacht über nicht sehen lassen. Nach wenigen Nächten, vielfach schon der ersten, hat das Kind begriffen, daß ihm sein Schreien nichts nützt, und ist still" (vgl. Haarer, 1939: 171).
Schreit das Kind in der Nacht trotzdem und die "deutsche Mutter" vermutet, dass es Hunger hat, soll sie dem Kind Tee oder Fruchtsaft anbieten, möglichst aber nicht die 8-stündige Stillpause unterbrechen, die die Brust laut Haarer zur Regeneration braucht. Allerdings warnt sie eindringlich davor, dass bei Gabe von Tee und Schnuller die Gefahr besteht, dass sich das Kind daran gewöhnt und immer wieder danach verlangt (vgl. ebd., 1939: 171). Einzig und allein bei kleinen, zarten Kindern, die schlecht zunehmen und nachts hartnäckig schreien, erlaubt die Autorin eine Ausnahme:
"[...] ein Ausweg, der immer hilft: Auch nachts einmal stillen! Dies ist wohl etwas angreifend für die Mutter. Immerhin ist es aber weniger aufreibend, als stundenlang wach zu liegen und seinen Säugling schreien zu hören. Auch hier besteht die Gefahr der Gewöhnung [...]" (ebd., 1939: 171).
Eltern
In "Die Mutter und ihr erstes Kind" der 70er Jahre schreibt Haarer fast nichts über das "Schlafen". Ich habe das Buch von hinten bis vorn gelesen und nur ein paar wenige Textstellen gefunden, in denen sie auf das Thema näher eingeht. Das finde ich ganz und gar verwunderlich - schliefen die Babys in den 70er/80er Jahren etwa unproblematisch durch?
Haarer erklärt:
"Das Neugeborene verschläft von 24 Stunden ungefähr 15 - 16 Stunden. Diese Schlafenszeit bringt es in kleinen Abschnitten von etwa 3 bis 4 Stunden hinter sich. Auch in der Zwischenzeit ist es oft nicht richtig wach, es dämmert vor sich hin. [...] Schlafen und Wachen [ist] abhängig von den Mahlzeiten. Wenn das Baby getrunken hat und satt ist, schläft es ein" (vgl. Haarer, 1973, 143f).
"Die Schlafenszeit ihres Babys nimmt gegen Ende des ersten Lebensjahres auf etwa 11 Stunden ab. [...] Die meisten Kinder machen ein kurzes Vormittagschläfchen und einen ausgiebigen Mittagschlaf. Die Nachtruhe sollte in den späteren Monaten kein Problem mehr sein" (vgl. Haarer, 1973: 237).
Was Mütter tun können, wenn die Nachtruhe eben doch zum Problem wird, darüber schweigt sie sich aus. Wenn der Nuckel als Einschlafhilfe versagt, was taten die Eltern der 70er Jahre?
Sie haben uns schreien lassen, das wurde mir von verschiedenen Müttern unserer Elterngeneration berichtet, und zwar so lange, bis wir verstummten und einschliefen. Die Erinnerung unserer Eltern, dass wir damals nicht solchen "Terz" gemacht haben wie die Kinder heutzutage, mag also durchaus stimmen. Ob wir tatsächlich weniger aufwachten oder nur weniger lange nach unseren Eltern riefen, lässt sich im Nachhinein natürlich nicht feststellen.
Ein Punkt muss aus heutiger Sicht unbedingt ergänzt werden: Haarers Tipp, das Baby auf dem Bauch schlafen zu lassen, entspricht nicht den heutigen Empfehlungen zum sicheren Babyschlaf. Im ersten Lebensjahr sollen Babys zum Schlafen grundsätzlich auf den Rücken gelegt werden. Die Bauchlage erhöht das Risiko für den Plötzlichen Säuglingstod. Wenn das Baby wach ist und beaufsichtigt wird, ist die Bauchlage dagegen ausdrücklich sinnvoll.
"Sehr empfohlen wird die Bauchlage! Sie ist günstig für die Atmung, gesund für die Wirbelsäule und sie kräftigt die Muskeln. [...]. Natürlich darf das Kind auch auf dem Rücken liegen, aber nicht dauernd, sonst wird der Hinterkopf flach. [...] Orthopäden und Kinderärzte sind heute davon überzeugt, daß unsere Kinder in ihrem Bettchen von Anfang an auf dem Bauch liegen sollten" (Haarer, 1973: 140f).
Interessant ist ein kurzer Abschnitt über eine Vorrichtung namens "Haltegurt", die eigentlich dazu dient, das Kind vor dem Rausfallen aus dem Kinderwagen zu schützen:
"Mit dem Haltegurt kann man ein lebhaftes Kind vor dem Einschlafen in seinem Bettchen zum Stilliegen bringen" (Haarer, 1973: 236).
Offenbar ist es beim "größeren Baby" (Überschrift des Kapitels) doch nicht so ganz einfach, es zum Schlafen zu bringen, dafür muss man es dann schon anbinden...
Wir
Ich wünschte, ich könnte mit ruhigem Gewissen schreiben, dass die heutige Müttergeneration ihre Kinder nicht mehr in den Schlaf weinen lässt, doch auch heute werden Methoden angewendet, bei denen Eltern auf das Weinen ihres Kindes zunächst für eine bestimmte Zeit nicht reagieren. Dahinter steht häufig die Vorstellung, ein Kind müsse möglichst schnell lernen, allein ein- oder durchzuschlafen.
Ich halte gezieltes Schreienlassen als Einschlaftraining weiterhin nicht für einen guten Weg. Ein weinendes Baby kommuniziert, dass es Unterstützung braucht, und gerade kleine Babys sind bei der Regulation ihrer Gefühle noch stark auf ihre Bezugspersonen angewiesen. Dass ein Kind schließlich nicht mehr weint, sagt für sich genommen nichts darüber aus, ob es sich sicher und entspannt fühlt oder lediglich aufgehört hat, nach den Eltern zu rufen.
Die frühere Behauptung, es gebe aus ethischen Gründen überhaupt keine kontrollierten Studien zu solchen Schlaftrainings, ist allerdings nicht mehr richtig. Inzwischen wurden verschiedene verhaltensorientierte Schlafinterventionen wissenschaftlich untersucht. Die vorhandenen Studien belegen keine generellen langfristigen Schäden für Bindung oder psychische Entwicklung. Daraus folgt jedoch nicht, dass gezieltes Schreienlassen notwendig oder für jede Familie sinnvoll ist. Insbesondere lässt sich aus Untersuchungen strukturierter Schlafprogramme bei älteren Babys nicht ableiten, dass langes, unbeantwortetes Schreienlassen eines jungen Säuglings unproblematisch wäre.
Ich denke, heute sollte erlaubt sein, was der individuellen Familie am besten tut. Schläft das Kind ohne Probleme friedlich in seinem eigenen Bettchen ein, halte ich es nicht für verwerflich, es dort schlafen zu lassen. Sind alle Familienmitglieder zufrieden damit, bunt gemischt in einem Bett zu nächtigen, spricht ebenfalls nichts dagegen. Ich persönlich finde es wichtig, sich an die SIDS-Präventions-Richtlinien zu halten, d. h. z. B. das Kind im ersten Lebensjahr im Elternschlafzimmer schlafen zu lassen. Darüber hinaus sollte jeder selbst entscheiden, was ihm und seinem Kind gut tut. Nur das gezielte Schreienlassen, das sollten Eltern meiner Meinung nach vermeiden.
Fazit
Sieht man sich Ratgeber wie "Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind" oder auch "Jedes Kind kann schlafen lernen" an, scheint es erst mal tatsächlich so zu sein, dass die "Erziehung-nach-Bauchgefühl"-Mütter mit ihren Argumentationen im Recht sind. Wie ich aber mit diesem Artikel dargestellt habe, kann sich unser Bauchgefühl auch darauf beziehen, was wir selbst und die Generationen vor uns an Erziehung erlebt haben. Dann muss man sich tatsächlich fragen, ob es so klug ist, neuere Forschungsergebnisse aus Büchern und wissenschaftlichen Artikeln außen vor zu lassen und sich nur auf sich selbst und die eigene Mutter als Beratungsinstanz zu verlassen. Auch Hebammen und Kinderärzte geben mitunter antiquierte Weisheiten zum Umgang mit Kindern weiter und so kommt es, dass immer noch Eltern Angst davor haben, ihr Baby "zu verwöhnen" oder sich einen "Tyrannen heranzuziehen".
Unsere Großeltern und Eltern wollten übrigens ebenfalls nur das Beste für ihre eigenen Kinder und haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Sie wollten, wie wir, alles richtig machen im Umgang mit ihrem Baby und haben sich auf die verlassen, die es vermeintlich besser wissen: Kinderärzte, Hebammen, Erziehungsratgeber. Autorin Chamberlain vermutet hinter den Ratschlägen der NS-Diktatur eine gewollte Störung der Bindung zwischen Mutter und Baby, in der Hoffnung, das erste wirkliche Bindungs- und Dazugehörigkeitsgefühl entstünde in der Hitlerjugend (vgl. Chamberlain, 2010). Diese historische Einordnung ist eine These der Autorin und lässt sich nicht als unmittelbare Ursache späterer psychischer Probleme einer ganzen Generation belegen.
Ich komme zu dem Schluss, dass es klug ist, weder ausschließlich nach Bauchgefühl, noch nach Ratgeber zu erziehen, sondern in erster Linie immer den gesunden Menschenverstand walten zu lassen und nachzuhaken, wo denn das vermeintlich ungebührliche kindliche Verhalten seinen Ursprung hat und ob es nicht vielleicht aus Sicht des Kindes entwicklungsbiologisch sinnvoll ist, sich so zu benehmen.
In Teil 2 der Serie "Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern" werde ich auf das Stillen nach der Uhr eingehen. Teil 3 wird sich um die Einführung der Beikost drehen.
Literatur
Brisch, K. H. (2010): SAFE Sichere Ausbildung für Eltern, Klett-Cotta
Chamberlain, S. (2010): Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher, Gießen: Psychosozial-Verlag
Haarer, J. (1939): Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. München: Lehmanns Verlag München
Haarer, J. (1973): Die Mutter und ihr erstes Kind, München: Carl Gerber Verlag
Hassenstein (1992): Der menschliche Säugling - Nesthocker oder Tragling
Hilsberg, R. (1985): Körpergefühl. Die Wurzeln der Kommunikation zwischen Eltern und Kind, Rowohlt
Kirkilionis, E. (1999): Ein Baby will getragen sein. Kösel Verlag
Klaus, M.-H., Kennell, J.-H. (1987): Mutter-Kind-Bindung. Über die Folgen einer frühen Trennung. München: dtv
Kübler, M. S. (1891): Das Buch der Mütter. Leipzig: Abel und Müller
Liedloff, J. (1998): Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. München: Beck'sche Verlagsbuchhandlung
Mann, A. / Schrader, A. C. (1995): Ins Leben tragen. VwB
Renz-Polster, H.: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. Kösel Verlag
Sears, W. (1999): Schlafen und Wachen, Zürich: La Leche Liga International
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